Jul/Achdé- Lucky Luke 99

Lucky Luke 99 – Fackeln im Baumwollfeld

Story: Jul nach Morris
Zeichnungen: 
Achdé nach Morris
Originaltitel: 
Un cow-boy dans le cotton

Egmont EHAPA Media
A4 | 48 Seiten | Farbe | Softcover 6,90 € | Hardcover 12,00 €
ISBN: 
N/A | 978-3-7704-4127-3

(c) 2020 Lucky comics

In der Westernserie Lucky Luke gab es schon immer „Gastauftritte“ von berühmten Persönlichkeiten aus der Zeit des Wilden Westens, die mit dem Helden und seinem Pferd Jolly Jumper zusammen agiert haben. Dabei waren Outlaws wie Billy the Kid oder Jesse James genauso willkommen wie Richter Roy Bean oder zuletzt Gustave Eiffel. Ihnen allen war aber eines gemeinsam: Noch nie gab es eine Berühmtheit mit schwarzer Hautfarbe!

Die Geschichte – Black Lives Matter!

Fackeln im Baumwollfeld präsentiert schon auf dem Titelbild Baas Reeves der, noch als Sklave geboren, der erste farbige US-Marshall werden sollte und in seiner Karriere mehr als 3000 Gesuchte festgenommen hat. Er wird eingeführt als er die mal wieder ausgebrochenen Daltons in ihr Gefängnis zurückbringt und dabei auf den urlaubenden Lucky Luke trifft. Bei dieser Gelegenheit erfährt Luke, dass er eine Baumwollplantage in Louisiana geerbt hat. Sein Ziel ist es, das Erbe möglichst schnell an die auf der Plantage arbeitenden Schwarzen und ihre Familien zu übergeben.

Auf dem Weg dorthin muss er feststellen, dass der Bürgerkrieg zwar beendet und die Sklaverei abgeschafft ist, die weiße Bevölkerung im Süden dieses aber keineswegs gutheißt. Immer wieder kommt es zu Situationen, die für den gesetzestreuen Cowboy unerträglich sind, etwa wenn zwei Weiße einen Arbeiter lynchen wollen, weil er ihnen nicht aus dem Weg gegangen ist. Dabei spielt Jul in seinem Szenario sehr geschickt auf bekannte Figuren aus Literatur oder Politik an und verknüpft alleine mit einem Vornamen eine Assoziation bei den Leser*innen.

Nach einem bemerkenswerten Fest auf der Nachbarranch beschließen die Männer der weißen Oberschicht, in ihrer Eigenschaft als Klansmen an Luke ein Exempel zu statuieren. Es kommt zu einem sehr spannenden Showdown, der an beste Hollywood-Produktionen mit Megabudget erinnert!

Schon Band 97 war als ein Plädoyer für die Freiheit zu verstehen und dieser Impetus ist noch einmal deutlicher geworden! Achdé und Jul lassen ihre Helden sehr deutlich machen, dass jedes Leben gleich viel wert ist, dass Hautfarbe kein Kriterium sein kann („…wenn eine Klapperschlange dich umbringt, dann wenigstens nicht wegen der Farbe deiner Haut.“) und dass es Zeit wird, zu verstehen, dass Zeiten sich geändert haben!

Jul erklärt dazu „Im Wilden Westen war jeder vierte Cowboy schwarz. Ich fand die Idee wunderbar, das mithilfe einer Geschichte zu erzählen, in der es um die Freundschaft zwischen Lucky Luke und einem realen Helden geht, einem ehemaligen Sklaven, der tatsächlich gelebt hat. Die Bezüge zu aktuell drängenden Fragen sind eher zufällig. Die Absicht war, eine gemeinschaftsstiftende Geschichte zum Thema Rassismus zu erzählen und Figuren mit schwarzer Hautfarbe in den Mittelpunkt einer Comicreihe zu stellen, die zu den wichtigsten ihrer Art zählt und von einem sehr breiten Publikum aus Jung und Alt gelesen wird.

Die Zeichnungen

Achdé ist ein würdiger Nachfolger des großen Morris und die Kraft seiner Zeichnungen liegt darin, dass er nicht einfach nur kopiert, sondern eigenständige Impulse hinzugefügt hat. Die Daltons und Luke sehen im Wesentlichen aus wie immer, die Nebenfiguren wie etwa der Klanchef Quarterhouse oder der etwas unrasierte Baas Reeves haben viel mehr Details und Tiefe als frühere Figuren. Dadurch wird der Funny etwas realistischer, verliert aber nichts von seinem Charme! Und natürlich stellt sich angesichts der aktuellen Diskussionen um Vorurteile die Frage, ob rassistische Stereotype verwendet worden sind. Ich denke, dass sich Achdé hier viel Mühe gegeben hat, diese zu vermeiden.

In seinen eigenen Worten formuliert Achdé das so: „Von Morris und auch von Uderzo habe ich gelernt, wie wichtig die Charakterisierung einer Figur ist: Der Leser muss auf den ersten Blick wissen, mit wem er es zu tun hat. Die Gefühle der Figur müssen ihr ins Gesicht geschrieben stehen, und das geht häufig über die Augen und den Mund. Natürlich hätte ich gern noch mehr bekannte Personen einfließen lassen, zum Beispiel Morgan Freeman oder Forest Whitaker. Aber diese Vorschläge wurden verworfen. Immerhin konnte ich den echten Bass Reeves zeichnen mithilfe einer der einzigen beiden Ganzkörperaufnahmen, die von ihm existieren. Die reichen Weißen zu verunglimpfen, die Großgrundbesitzer, die kein Erbarmen mit den schwarzen Farmern haben – das ist mir dagegen eher leichtgefallen. Bei meinem letzten Aufenthalt in den USA habe ich einen Eindruck davon bekommen, was echter Rassismus ist, und das hat mich nachhaltig geprägt. In das Album habe ich all das gepackt, was ich am meisten hasse: Dummheit, Hass und unbegründete Boshaftigkeit.

Sogar das Layout ist etwas flexibler geworden und verlässt das strikte vierreihige Raster für eine vertikale Anordnung! Selbst die kleinen Nebenfiguren, etwa der Frosch im Sumpf oder die Krokodile, sind liebevoll gezeichnet und nicht etwa nur Dekoration. Im humoristischen Bereich für mich die bisher beste Publikation des Jahres!

Die Ausgaben

Aktuell gibt es nur die Kiosk-Softcover-Variante der ab dem 5. November ein Hardcover (für 12,00 €) folgen wird. Fast alle LL-Abenteuer eignen sich für das mehrmalige Lesen und bieten genügend Details, die beim letzten Mal noch unentdeckt geblieben sind. Das trifft übrigens sowohl auf die textlichen Hinweise als auch die grafischen „versteckten“ Elemente zu! Jede*r möge also selbst entscheiden, welche Variante dafür besser geeignet erscheint!

Im Vorwort bedankt sich Achdé bei dem vor Kurzem verstorbenen Albert Uderzo für alle Inspiration und Hilfe. Lucky Luke hat sich mittlerweile zu einer Serie entwickelt, die Asterix an parallelen Anspielungen und Hinweisen für unterschiedliche Altersgruppen noch übertrifft und die wie keine andere Spannung, Spaß, Unterhaltung und politisches Eintreten für die Freiheit Aller kombiniert!

Also: Fackeln im Baumwollfeld ist ein absolutes Lesevergnügen, das in diesen sehr stark auf Corona fixierten Zeiten den Blick auf nicht minder wichtige Herausforderungen lenkt. Natürlich darf (und soll) man die beschrieben Zustände nicht 1:1 auf die heutige Situation übertragen, Leser*innen dürfen sich aber fragen, ob alle Probleme schon erledigt wären.

Dazu passen ein Bier aus der Cajun Fire Brewing Company und The Specials -Encore!

© der Abbildungen 2020 Lucky Comics/Egmont Ehapa Media

Loisel/Tripp – Das Nest GA 1

Gesamtausgabe Band 1: Marie – Serge – Die Männer

Story: Régis Loisel & Jean-Louis Tripp
Zeichnungen: Régis Loisel & Jean-Louis Tripp

Originaltitel: Magasin Général – Livre 1

Carlsen Verlag
Hardcover | 248 Seiten | Farbe | 36,00 €
ISBN: 978-03-551-76095-1

© 2018 Casterman, © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Das Nest ist eine weitere Glanzleistung des Franzosen Régis Loisel. Schon seine erste Serie Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit eröffnete dem Fantasy-Genre neue Perspektiven. Mit seiner Interpretation von Peter Pan brachte er den Stoff zurück zu seinen Ursprüngen als Stoff für Erwachsene. Sein Partner Jean-Louis Tripp kommt ebenfalls aus Frankreich und ist bereits seit Jahren als Comiczeichner tätig, blieb auf dem deutschen Markt allerdings eher ein Geheimtipp. Seit mittlerweile fast 20 Jahren hat er eine Kunstprofessur in Quebec. Auch Loisel zog es nach Kanada und die beiden haben dort ein gemeinsames Atelier, in dem unter anderem ihre Gemeinschaftsarbeit Magasin Général entstanden ist.

Die Story

Loisel hatte schon länger die Idee, eine Erzählung über ein abgeschiedenes Dorf in der Vergangenheit zu erzählen. In gemeinsamen Gesprächen änderten sich sowohl die geographische als auch die zeitliche Verortung und so kam es zu dem kleinen Laden in Notre-Dame am See in der kanadischen Abgeschiedenheit in der Nähe von Quebec, der in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Mittelpunkt des Dörfchens bildet. Es gibt einen Pfarrer, der die Stelle gerade angetreten hat, einen Einsiedler und drei Witwen, die das konservative Rückgrat der Moral bilden. Der Besitzer des Ladens ist gerade verstorben und seine Frau Marie, eine Zugezogene, muss ihre Rolle neu finden. Die meisten Männer des Ortes sind die meiste Zeit des Jahres nicht anwesend, sondern verdingen sich „im Wald“.

© 2018 Casterman, © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Marie beschließt nach reiflicher Überlegung, den Laden in Eigenregie fortzuführen. Für die damalige Zeit ist das fast schon ein Affront, denn Frauen haben solche Dinge nicht zu tun. Es wird aber auch der Widerspruch deutlich zwischen den warmen Worten über den Verstorbenen auf der Beerdigung und den Aussagen über den Geschäftsmann und so hat Marie nicht nur mit den Vorurteilen gegenüber Frauen zu kämpfen sondern auch mit dem Unwillen von Handarbeitern gegenüber Handeltreibenden.

Im zweiten Band strandet ein Motorradfahrer, Serge, in dem Örtchen. Da Winter herrscht, die Straßen fast unpassierbar sind und die Maschine zudem erst repariert werden müsste, bleibt Serge in dem Örtchen und nimmt zunächst bei Marie Quartier. Der Pfarrer muss schließlich für die Befriedung im Ort sorgen, denn die moralische Instanz verbietet, dass Nebeneinanderher-Leben unter einem Dach von zwei unverheirateten Personen unterschiedlichen Geschlechts. Serge entpuppt sich als begeisterter Koch und startet eine Neuheit in dem kleinen Örtchen: Ein Restaurant.

© 2018 Casterman, © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Natürlich mögen die zurückkehrenden Männer des Dorfes die in ihrer Abwesenheit eingetretenen Veränderungen gar nicht. Gebildete Männer mit Umgangsformen gefährden das traditionelle Gefüge, vor allem in Zusammenhang mit der selbständigen Marie, die ebenfalls ein „schlechtes“ Vorbild abgibt.

Die Zeichnungen

Während die Story von beiden gemeinsam entwickelt worden ist, herrscht bei den Zeichnungen in gewisser Weise ein aufeinander aufbauender arbeitsteiliger Workflow vor. Zunächst erstellt Loisel in Form von Bleistiftzeichnungen seine Vorstellungen von der Seite, anschließend kreiert Tripp die Reinzeichnungen, die dann von Francois Lapierre koloriert werden. Dankenswerter Weise enthält die vorzügliche Gesamtausgabe auch ein paar Beispiele der originalen Entwürfe so dass die Entwicklung deutlich wird.

© 2018 Casterman, © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Den Figuren sind die harte Arbeit und die schwierigen Bedingungen anzumerken. Sie sind nicht gestylt, haben keine Modelmaße und sollen nicht „schön“ sein. Sie sind ehrlich, haben überzeichnete Ecken und Kanten und sind sogar leicht karikierend dargestellt. Dadurch unterstützen die Zeichnungen aber die Geschichte und drängen sich nicht in den Vordergrund! Vom Aufbau her ist das Werk sehr klassisch: Jede Seite hat drei in ihrer Höhe variierende Panel-Reihen mit eckigen Kästen. Auch diese Ordnung unterstützt aber den Fluss der Geschichte, die von so vielen Regeln getragen wird. Zwar werden diese alle hinterfragt, das Leben läuft aber weiter.

Die Ausgabe

Dem ersten Band mit den Originalalben Eins bis Drei beigefügt ist neben den schon erwähnten Vorzeichnungen ein illustrierter Essay von Sarah Hurlburt über das Werk und seine graphischen und erzählerischen Symbole. Gerade für europäische Leser*innen ganz hilfreich!

Das im Hardcover verwendete Papier ist dick genug, um nichts durchscheinen zu lassen, aber trotzdem angenehm in der Hand. Die Farben sind leicht matt, aber kräftig und die Ausgabe daher sehr wertig! Da sich die einzelnen Bände auch nicht an die übliche 48-Seiten-Begrenzung halten ist angesichts des Umfangs auch der Preis vollkommen angemessen.

Das Nest wird auf dem Backcover als Graphic Novel angepriesen. Im eigentlichen Sinne ist es das auch, denn hier wird mit graphischen Mitteln eine Erzählung präsentiert. Die Autoren haben wirklich etwas zu sagen und präsentieren gesellschaftliche Entwicklungen und Brüche, allerdings in einer sehr gut dargebotenen Form. Werke mit diesem Schlagwort haben oft genug zurecht damit zu kämpfen, dass ihr Inhalt zwar gut gemeint ist, ihre Form aber dem Massengeschmack nicht entspricht. Hier haben wir beides!

Für mich war die Gesamtausgabe dieses modernen Klassikers lange überfällig und gehört zu den diesjährigen Spitzentiteln! Loisel und Tripp sind Meister ihres Faches und das gemeinsame Werk gehört in jede gut sortierte Sammlung!

Dazu passen ein Ricard mit Wasser und Eis und Musik von Les Négresses Vertes!

© der Abbildungen 2018 Casterman, © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Schnurrer – Das war Schwermetall 2

Band 2: 1988 – 1999

Texte zur graphischen Literatur Band 4

Text: Achim Schnurrer

Verlag Volker Hamann Edition Alfons

Paperback | 240 Seiten | Farbe | 24,95 €

ISBN: 978-3-946266-22-8

Schwermetall?

Das Comicmagazin Schwermetall war eine der langlebigsten Comicpublikationen Deutschlands und hat sicherlich einen prägenden Einfluss auf eine ganze Menge von Comicleser*innen gehabt. Wenn ich dem Autor glauben darf, waren die Geschlechter durchaus ungleich verteilt aber beide vorhanden. Das Magazin lebte von seiner Vielfalt in der Themenauswahl, der dargebotenen Stilrichtungen, dem Ruf der abgedruckten Künstler*innen, vor allem aber sicherlich wegen seiner Freizügigkeit.

Achim Schnurrer war die letzten 14 Jahre Chefredakteur von Schwermetall und dem Schwestermagazin U-Comix, später auch Verlagsinhaber der Edition der Comics. Dieser Verlag übernahm in den 90-ern den Alpha Comic Verlag und die beiden Magazine sowie diverse Albenpublikationen. Der erste Teil des Rückblicks ist bereits vor einiger Zeit als Band 2 dieser Reihe erschienen.

Achim Schnurrer erzählt in einem sehr launigen Stil anhand der Cover und Inhaltsverzeichnisse der Ausgaben 100 bis 219/220 und verrät dabei die eine oder andere Episode mit diversen Künstler*innen oder Freund*innen der Neunten Kunst. Schwermetall richtete sich explizit nur an Erwachsene und brachte die Inhalte von Metal Hurlant, Charlie Mensuel, Hara Kiri oder Zona nach Deutschland. Dazu gab es immer wieder auch deutsche Beiträge, die dann teilweise sogar den umgekehrten Weg gingen. Moebius, Andreas oder etwa Miguelanxo Prado fanden so ihren Weg nach Deutschland. Daneben gab es aber auch Künstler wie Magnus, Serpieri oder Denis Sire deren Werke eher dicht an pornographischer Natur waren.

Wer in diese Zeit eintauchen möchte, findet mit den Erinnerungen von Achim Schnurrer, die dieser in Art einer Kaminfeueratmosphäre erzählt, sicherlich einen guten Einstieg. Wer damals in der Sprechblase die Erinnerungen von Peter Wiechmann verfolgt hat, weiß, was ich meine.

Strong arm of the law

Wie könnte es anders sein: Immer gibt es jemanden, der sich an der Kunst stört, sie nicht versteht und deshalb glaubt, andere davor beschützen zu müssen. So war es auch damals: Ein Staatsanwalt meinte jugendgefährdendes Material in Comics im Allgemeinen, im speziellen aber in solchen des Alpha Comic Verlages zu finden. In einer beispiellosen Verfolgungswelle wurden Verlag, Auslieferung und hunderte Buchhandlungen in ganz Deutschland durchsucht, absurde Konstrukte in die Welt gesetzt (etwa, dass das Cover „Maus“ von Spiegelman den Nationalsozialismus verherrliche) und verschiedenste Prozesse angestrengt.

Damals gab es eine große Welle der Solidarität und viele der Verfahren wurden eingestellt. Im Ergebnis waren aber Kunst der Comics/Alpha Comic und die Auslieferung Packwahn pleite und Schwermetall und U-Comix verschwanden von der Bildfläche. Sehr emotionale Ausführungen dazu in diesem Band! Natürlich stehen diese Anfeindungen in einer langen Deutschen Tradition gegen sog. Schmutz und Schund. Und ebenso natürlich kommen viele Argumente aus den USA von dem berüchtigten Herrn Wertham und galten schon damals als widerlegt. Der Schaden war aber angerichtet!

Ein weißer, alter Mann regt sich auf

Schnurrer schlägt allerdings einen großen Bogen von der größtenteils  berechtigten Kritik an der überzogenen Reaktion des Staates gegen „die Kunst“ zu der heutigen Debatte um Rassismus, Sexismus und korrektes Verhalten. Der sich selbst als weißen, alten Mann bezeichnende Autor will nicht verstehen, dass sich Künstler (sic!) die Frage gefallen lassen müssen, ob ihre Geschichten frauenverachtend und gewaltverherrlichend sind! Es ist alles andere als Zensur, wenn sich Minderheiten über die Behandlung durch Mehrheiten beschweren, wenn Frauen misogyne Erzählungen kritisieren und nicht mehr unter dem Label der Kunstfreiheit hinnehmen wollen.

Hier zeigt sich leider sehr deutlich, dass Nutznießer der Macht (also Männer in führenden Positionen) dazu neigen, jede Kritik als unberechtigt abzutun. Dabei kommen allerdings sehr witzige Konstrukte zum Vorschein, wie etwa, dass  ein Künstler, der Frauen auf ihre ständige Verfügbarkeit als Sexobjekt reduziert und die entsprechenden Handlungen auch aus allen Perspektiven voyeuristisch darstellt, ja eigentlich Kritik an dem eindimensionalen Männerbild übe.

War im ersten Teil die Auseinandersetzung mit diesem Thema noch gänzlich unterblieben, hat Schnurrer sie hier in einem Extrakapitel wenigstens geführt. Leider nicht mit sich selber, mit einer zeitgebundenen Einstellung die aus heutiger Sicht anders zu betrachten wäre, sondern nur mit den seiner Ansicht nach moral-getriebenen Kritikern, die schon wieder Zensur ausüben wollten.

Im letzten ZACK gab es einen gut hergeleiteten Kommentar über die Vergleichbarkeit von Sex-Shops und Comic-Läden in den 70-er Jahren. Leider beweist Achim Schnurrer wie wenig abwegig dieser Vergleich war. Comic-Läden haben sich seitdem sehr stark geändert und die Comic-Kultur hat sich weltweit geöffnet und entwickelt. Für einige der alten Protagonisten gilt das leider nicht!

Fazit

Die Texte zur graphischen Literatur wollen einen Einblick in die faszinierende Welt der Comics und darüber hinaus bieten. Das gelingt sicherlich! Außerdem ist dieser Band natürlich eine Fundgrube für alle Statistiker*innen unter uns: was ist wann und wo erschienen, inklusive Originaltitel und Erstveröffentlichungsangaben. Wie immer bei der Edition Alfons lobenswert und hilfreich.

Auch die launigen Erinnerungen an die Zeit von Schwermetall sind auf jeden Fall ein Zeitdokument und somit interessant. Die Statements zur aktuellen Debatte werden dagegen hoffentlich nicht unwidersprochen bleiben.

Dazu passen eine Kanne Kaffee und die Lassie Singers!

© der Abbildungen 2020 by Achim Schnurrer / Edition Alfons

Feldstein/Wood – Aus dem EC-Archiv 3

Alle Science Fiction und Fantasy Stories Band 3 (1953 – 1956)

Story: Bill Gaines & Al Feldstein, Ray Bradbury, Otto Binder, Jack Oleck
Zeichnungen: Wallace Wood

Originaltitel: EC Archive 3

All Verlag

Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 29,80 € |

ISBN: 978-3-96804-012-7

Mit diesem Band liegen endlich alle von Wallace Wood gezeichneten Stories aus den EC-Reihen Weird Fantasy und Weird Science bzw. ihren Nachfolgeserien auf Deutsch vor! Band 1 enthält im Wesentlichen die Geschichten von Wood und Harry Harrison, Band 2 enthält thematisch viele Stories nach Erzählungen von Ray Bradbury. Der nun vorliegende Band zeigt Wood auf dem Höhepunkt seines Schaffens für EC und zeigt deutlich, dass die zunächst sehr optimistische Grundstimmung gekippt zu sein scheint. Die Angst vor atomarer Vernichtung und vor unkontrollierbaren Mutationen aufgrund der atomaren Strahlung bilden so etwas wie einen roten Faden durch die insgesamt 24 Beiträge!

Wer mehr über den Verlag EC und seine Geschichte wissen möchte, sollte einen Blick in The History of EC Comics werfen! Der Autor Grant Geissman erzählt nicht nur von der innovativen Schaffenskraft dieses Verlages sondern beschreibt auch den Niedergang.

Die Geschichten

Die beiden Weird-Reihen waren die ersten echten Science-Fiction Comics in der Geschichte der Bildliteratur. Hier standen nicht etwa kostümierte Helden mit Superkräften im Mittelpunkt sondern Wissenschaftler, Militärs, Forscher oder aber auch einfache Raumfahrer! Anzumerken ist, dass es hier in allen Positionen Männer und Frauen gab die aktive handlungstreibende Rollen innehatten. Das Grauen kam aus den Begegnungen mit der Einsamkeit, der dann doch unbeherrschbaren Technik und natürlich auch aus den Begegnungen mit außerirdischen Wesen.

Wie bereits angedeutet stehen in den Geschichten aus der Mitte der Fünfziger Jahre aber eher „hausgemachte“ Probleme im Vordergrund. So langsam war klar geworden, dass atomare Kräfte nicht nur Kriege beenden, sondern auch gleichzeitig eine große Bedrohung für das Überleben der menschlichen Rasse darstellen konnten. So entdecken die Protagonisten der 6 bis 8-seitigen Stories auch immer wieder Zivilisationen, die sich ausgelöscht haben. Eine andere Gefahr deutete sich bereits an: Nicht nur Überlebende aus Japan sondern auch Beobachter der Testexplosionen wiesen nicht nur äußerliche Veränderungen wie Verbrennungen auf. Auch ihr Erbgut hatte Schaden genommen und Kinder waren mit seltsamen Mutationen geboren worden.

Die Zeichnungen

Mein persönlicher Favorit aus diesem abschließenden Band ist allerdings eine der beiden Bradbury Adaptionen – Es wird ein sanfter Regen fallen ist ein Abgesang auf die Moderne, melancholisch und ruhig und ein Meisterstück der SF-Literatur! Wood hat dieses perfekt in Bilder umgesetzt und die Stimmung noch verstärkt! Der Zeichner beweist ein weiteres Mal, dass er nicht nur geniale Monster erschaffen, sondern auch Stimmungen erzeugen kann, die zum Nachdenken anregen.

Ansgar Lüttgenau hat für seine Gesamtausgabe ein etwas dickeres Papier gewählt. Dieses gibt einerseits die Zeichnungen sehr genau und konturenreich wieder, erinnert andererseits aber auch an die alten Hefte! Da sich das Team außerdem sehr viel Mühe gegeben hat, die Einstiegssequenzen an die Übersetzung anzupassen ist dem Genuss keine Grenze gesetzt.

Für mich ist SF aus den 50-er und 60-er Jahren immer noch eine sehr lesenswerte Sache: Der grenzenlose Optimismus und die Technikgläubigkeit sind bereits vergangen und Fragen ob der Sinnhaftigkeit schleichen sich ein. Im Gegensatz zu späteren Epochen stehen aber Drogenexperimente und Endlosserien noch nicht im Fokus. Wally Wood verkörpert genau diese Stimmung als Zeichner und gehört für mich daher in eine Reihe mit Moebius und Mezieres!

Natürlich gib es auch wieder einen Essay über EC, Science Fiction und Wood von Heiko Langhans!

Fazit

Von mir eine klare Empfehlung für alle Fans des klassischen Comics. Wood hat vieles gezeichnet und nicht alles ist wirklich überragend, seine SF-Stories sind es aber wirklich! Für Science Fiction-Fans sowieso ein Muss und als Ergänzung zu dem oben bereits angesprochenen Band über EC mit allen Cover-Abbildungen eine perfekte Ergänzung!

Cover der limitierten Vorzugsausgabe

Für Afficionados gibt es natürlich wieder eine limitierte Ausgabe mit Ex Libris und Schutzumschlag aber auch die einfache Ausgabe kommt bereits im schmucken Hardcover.

Dazu passen Dark Side of the Moon von Pink Floyd und ein Gin Tonic mit Gurke und Eis!

© der Abbildungen 2020 All-Verlag, Wipperfürth

© 2020 William M. Gaines, Agent, Inc

Goscinny/Uderzo – Der Goldene Hinkelstein

Der Goldene Hinkelstein – Ein Abenteuer mit Musik

Story: René Goscinny
Zeichnungen: 
Albert Uderzo
Originaltitel: 
Asterix – Le Menhir D´Or

Egmont EHAPA Media www.asterix.com
A4 | 48 Seiten | Farbe | Softcover 6,90 €  | Hardcover 13,00 €
ISBN: 
N/A | 978-3-7704-4128-0

Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2020 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Die Geschichte

Seit einigen Jahren sind wir es gewohnt, im Oktober jedes ungeraden Jahres ein neues Abenteuer der Gallier serviert zu bekommen. Die Presse schlägt Kopf, die Druckmaschinen kochen und seit dem unsäglichen Gallien in Gefahr sind zwar nicht alle zufrieden, die Qualität der Stories hat aber wieder deutlich zugelegt und vermag alte und neue Leser*innen zu begeistern. Zu den Anfängen der Serie und der Tochter des Vercingetorix hat comix-online bereits berichtet.

Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2020 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

In geraden Jahren jedoch fehlt Neues von Asterix und so kommt der Fund einer bisher in Deutschland noch unveröffentlichten Geschichte aus der Frühzeit der Serie gerade recht! Wir treffen die bekannten Figuren, bis auf Idefix, und das bekannte Szenario: Der Barde Troubadix glaubt, dass er ein begnadeter Sänger wäre und möchte daher den Gesangswettbewerb der gallischen Barden im Karnutenwald gewinnen.

Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2020 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Asterix und Obelix beschließen, ihn zu begleiten und ihn vor dem möglicherweise aufgebrachten Publikum zu beschützen. Und dann ist da noch der römische General Eucalyptus: Ihm fehlt die Kultur Roms und so beauftragt er seinen Zenturio, den besten Sänger zu entführen.

Die Darbietung

Wer einen Comic erwartet hatte ist möglicherweise etwas enttäuscht. Wie angekündigt handelt es sich um Illustrationen zu einem Hörspiel, das ursprünglich auf Vinyl von einem Beiheft begleitet worden war. In Deutschland war dieses Hörspiel bisher unbekannt. Jetzt ist nicht nur das Beiheft etwas großzügiger layoutet und dem Format der „Großen Asterixbände“ angepasst, auch den Text (und vor allem den Gesang der Helden gibt es zeitgemäß als Stream! Der Link per QR-Code befindet sich im Album.

Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2020 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Die Zeichnungen von Uderzo sind wie gewohnt nahezu perfekt und erst vor kurzem restaurieret worden. Durch die großflächige Darbietung wirken sie sogar noch besser als als kleines Panel im Seitenlayout! Der Meister hatte diese Überarbeitungen noch beaufsichtigen können und so ist sichergestellt, dass die Zeichnungen wirklich Uderzo enthalten. Der Text ist locker, flockig und witzig! Die Fans von Goscinny werden sich bestätigt fühlen und ihn weiterhin als den größten Asterix-Texter verehren.

Für jeden Asterix-Fan ein Muss! Auch das Hörspiel lohnt sich durchaus, hat der Barde doch ähnliche Qualitäten wie viele andere der gerade angesagten deutschsprachigen Künstler, zeitbedingt fehlt allerdings der Tontechniker. Wie immer gibt es eine Kiosk-Ausgabe und ein Hardcover für den Buchhandel.

Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2020 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Dazu passen eine lauwarme Cervisia, alternativ ein Pils mit dem Zusatz Gold oder Mild, und das aus dem gleichen Jahr stammende I’m a Believer von The Monkees!

© der Abbildungen Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2020 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Ellis/Hitch – Batmans Grab 1

Batmans Grab 1 – Die Stimme der Toten

Story: Warren Ellis
Zeichnungen: 
Bryan Hitch

Originaltitel: US-The Batman’s grave 1 – 6 (2019/2020)

Panini Comics

Prestige | 164 Seiten | Farbe | 19,00 €
ISBN: 
978-3-7416-2015-7

Der Plot

Was für ein Anfang: Gleich auf der ersten Seite sind nicht nur die Gräber von Thomas und Martha Wayne zu sehen, sondern gleich daneben auch das von Bruce! Und dann ist Alfred auch noch auf dem Weg zu seiner wöchentlichen Pflicht. Warren Ellis, hinlänglich bekannt von Serien wie etwa Transmetropolitan oder Planetary, hat sich von aktuellen Krimiserien inspirieren lassen. Das bezieht sich nicht nur darauf, dass die ersten paar Minuten den Zuschauer packen und vom zappen abhalten müssen, es geht auch um den Trend, dass sich Profiler*innen und Psycholog*innen in die Umstände der Tat hineinversetzen, die Gedanken der Handelnden selber nachempfinden und so den Fall tatsächlich der Aufklärung zuführen.

Auch der Fledermausdetektiv hat in dieser abgeschlossenen Miniserie über 12 Teile, die auf Deutsch in zwei Teilen erscheint, eine solche Fähigkeit, denn er kann sich in das meistens tote Opfer hineinversetzen. Dabei verschmilzt er fast mit der Person, erleidet ihre Qualen und rekonstruiert so den Tathergang. Leider scheint es so, dass diese Prozeduren ihre Spuren hinterlassen und die psychische Gesundheit Batmans angreifen.

Der Detektiv hat es also nicht nur in jedem Heft mit einem neuen Verbrechen zu tun, sondern auch mit einer immer stärker werdenden psychischen Belastung. Ellis schafft es dabei, nicht nur spannende Plots zu erzählen, er variiert so, dass kein Gefühl des Wiedererkennens und damit der Langeweile aufkommt! Und da die Geschichte sich um keine Kontinuität kümmern muss, können auch alle anderen alten Bekannten frei von Zwängen auftreten!

Das Artwork

Nun ja, Bryan Hitch ist ein Meister seiner Kunst und die Erwartungen sind hoch! Er hat für DC und Marvel schon das eine oder andere klassische Werk gezeichnet, nicht zu reden von The Authority (zusammen mit Ellis). Da er auch des Öfteren als Konzept-Artist für Filmproduktionen gewirkt hat, weiß er, wie Räume im Standbild aussehen müssen, wie Film-Stimmung durch Licht geschaffen wird und wie stark man das Böse glaubhaft überzeichnen kann. Diese Erfahrungen kommen ihm hier definitiv zu Gute.

Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass Zeichnungen ohne Filmerfahrung nicht funktionieren. Hier passen aber die sequentielle, Serien-Folgen ähnliche Aneinanderreihung der Ereignisse und der Plot des Hineinversetzens einfach perfekt ineinander.

Hitch liebt actionreiche Kampfszenen und davon gibt es reichlich in diesen sechs Heften. Er beherrscht aber auch die ruhige Nahaufnahme und die Stimmung, in der sich Batman einem Tatort vorsichtig nähert, alle Eindrücke aufnimmt und sich nach und nach in das Opfer hineindenkt. Ich weiß nicht, ob ich die Lust hätte nach ein paar Seiten wieder 4 Wochen zu warten aber die Paperbacks von Panini erlauben ja quasi das Serien-bingen und damit ist die Welt wieder in Ordnung!

Fazit

Batman gehört für mich immer noch zu den glaubwürdigsten „Superhelden“, ist er doch ein Mensch ohne wirklich übernatürliche Kräfte. Die Empathie gehörte bisher nicht unbedingt zu seinem Standardrepertoire und umso spannender ist es, hier von seinem Umgang damit zu erfahren.

Insofern liefern Ellis und Hitch nicht nur ein handwerklich wirklich gut gemachtes Stück ab, sondern erweitern auch das Themenspektrum. Für alle Fans der Fledermaus sicherlich ein Must-Have! Für Polizeiserienfans eine Gelegenheit mal in die Welt der Comicdetektive einzutauchen und für alle anderen ein perfekter Moment um mal (wieder) etwas von Batman zu genießen! Wie immer gibt es dazu eine Covergalerie, ein paar Worte zu Hintergründen und Künstlern und für Sammler*innen eine limitierte Variantausgabe im Hardcover!

Cover der limitierten Hardcoverausgabe

Dazu passen ein „io sono Batman Westcoast IPA“ und die schon etwas älteren Klänge von Braindance!

© der Abbildungen 2019, 2020 DC c/o Panini Verlag GmbH

ZACK 256

ZACK 256 (Oktober 2020)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 7,90 €
ISSN: 1438-2792

Alles neu macht in diesem Fall der Oktober und so erscheint das ZACK ab dieser Ausgabe über alles gesehen bei dem dritten Verlag, nämlich der Blattgold GmbH. Ansonsten ändert sich aber wenig, denn Internet und social-media Auftritte bleiben unverändert, die Chefredaktion auch! Für Abonnent*innen gibt es allerdings jetzt die Möglichkeit, neue limitierte Titel der ZACK-Edition zu erwerben. Sie sind nur mit der jeweiligen Abo-Nummer bestellbar und dienen somit auch der Leser*innenbindung. Der erste Band ist eine Sammlung von Werbecomics des klassischsten unter allen ZACK-Helden: Michel Vaillant. Ein interessanter neuer Ansatz auf dem schwierigen Markt – comix-online wird weiter berichten!

Die Neustarts

Gleich zwei Serien gehen mit neuen Fortsetzungen an den Start: Den Anfang machen die französischen Kampfpiloten Tanguy & Laverdure. Das Wüstenschwert schließt direkt an die letzte Geschichte an und so findet sich Ernest Laverdure mitten in der Wüste Bidayat neben seinem abgestürzten Flugzeug wieder. Er befindet sich im Grenzgebiet von Dahman und Nijaq das von scheinbar religiös begründeten Streitigkeiten bedroht wird, aber auch Gebiet von Drogenschmugglern und wirtschaftlichen Ausbeutern ist. Da die Region von strategischer Bedeutung für Frankreich ist, befinden sich die beiden Piloten dort auf offizieller Mission. Grandiose Zeichnungen von Sébastien Philippe unterstützen eine politisch interessante, spannungsgeladene Story von Patrice Buendia und Frédéric Zumbiehl. Sehr gelungene Neuinterpretation eines Klassikers, immer noch etwas französisch patriotisch, aber offen!

Ebenfalls wieder dabei ist Die Bank von Pierre Boiserie & Philippe Guillaume. Die Milliarde der Emigranten beginnt im Paris des Jahres 1825. Charlotte de Saint-Hubert, die Heldin der Story, glaubt aufgrund eines neuen Gesetzes ihr verlorenes Vermögen zurückerhalten zu können und beginnt den mühsamen Weg durch die Bürokratie. Dadurch könnte sie vielleicht ihre Tätigkeit als Prostituierte aufgeben, doch sie stößt auf unerwartete Schwierigkeiten. Julien Maffre ist ein Meister des Dekors und der Architektur und versieht seine Personen mit einem leicht karikierenden Antlitz. Sehenswert!

Die Fortsetzungen

Mathieu Reynés macht bei Harmony alles allein. Die Erzählung über mutierte Kinder mit besonderen Eigenschaften und den Versuch des militärisch-industriellen Komplexes, diese Fähigkeiten auszubeuten, ist bereits in der dritten Runde, Ago, und bekommt immer mehr handelnde Akteure. Während sich auf der staatlichen Seite der Konflikt um die „Führung“ der Kinder fortsetzt, bekommen diese ohne es zu wissen neue Verbündete. Spannende, modern erzählte und mit technischem Equipment grafisch gut erzählte Serie aus Spirou.

Der oben bereits angesprochene klassische Rennfahrer erlebt auch in seiner modernen Reinkarnation gerade spannende 13 Tage. Genau diese Zeit verbleibt Michel Vaillant zwischen Entscheidung und erstem Formel 1-Rennen seit Jahren für seine Vorbereitung. Philippe Graton und Denis Lapière sind ganz dicht dran am tatsächlichen Ablauf und so erfahren wir mehr über das Reglement bezüglich der Trainingsfahrten. Alles ist heutzutage limitiert und so darf der Pilot in Spe immer noch nicht hinter dem Steuer seines Wagens Platz nehmen. Währenddessen fängt die Presse an, ihr Spiel zu spielen. Der Grat zwischen Held und Loser ist sehr schmal.

Der Abschied

Der für mich bisher beste Western des Jahres ist leider schon wieder durch. Der Sheriff von Jérôme Felix beschreibt sehr desillusioniert den Übergang des Zeitalters der Cowboys in das industrielle Zeitalter, das von Eisenbahnen und Konzernen geprägt sein wird. Es bringt aber auch die Unterschiede zwischen Schein und Wirklichkeit, Moral und Gewinn zum Vorschein. Paul Gastine hat den One-Shot brillant umgesetzt: wechselnde Panel-Größen unterstützen die Geschwindigkeit, die Farben werden von den anfänglich hellen optimistischen Tönen immer dunkler und der klassische Show-Down offenbart die filmischen Anleihen!

Und sonst?

Auch im neuen Verlag beweist das ZACK seine Ausnahmestellung auf dem deutschen Markt: Nirgendwo sonst bekommt man als Leser*in einen so großen Querschnitt aktueller, nicht US-amerikanisch oder asiatisch geprägter Comic-Kunst und die Ankündigungen im Vorwort für neue Serien deuten an, dass es so weiter geht!

Die „Füller“ wie Tizombi, Parker & Badger und in dieser Ausgabe sogar der Vater der Sterne tragen ebenfalls zum Genuss bei! Dazu kommen wie immer die Rubriken mit News, Rezensionen und einer Liste der in diesem Monat erscheinenden Comics mit hohem Nutzwert. Der schon neunte Teil über Comicverfilmungen von Bernd Hinrichs ist mittlerweile bei den Schlümpfen angekommen und Christian Endres stellt Unfollow vor.

Also: Bleibt zuhause und macht euch eine schöne Zeit mit dem aktuellen ZACK, genießt ein kühles Kellerbier und lauscht den Interruptors, die ebenfalls eine moderne Variante einer klassischen Richtung abliefern!

© der Abbildungen 2020 bei den jeweiligen Zeichnern und Verlagen c/o Blattgold GmbH

MacKay/Anka/Foreman – Black Cat 2

Auf Beutejagd

Story: Jed MacKay

Zeichnungen: Travel Foreman, Kris Anka, Joey Vasquez u.a.

Originaltitel: US-Black Cat (2019), 6 – 10, Annual 1

Panini Comics

Broschur | 148 Seiten | Farbe | 18,00 €

ISBN: 978-3-7416-1866-6

Felicia Hardy ist die Marvelversion der schönen Diebin, die nicht wirklich „böse“ ist, aber auf der falschen Seite des Gesetzes steht. Sie arbeitet schon mal mit Held*innen zusammen, „heiratet“ sogar in bestimmtem Grad, kann aber auch eine Gruppe von Super-Bösewichten anführen. Ihr Kampfname ist Black Cat und sie gilt als Spider-Man Schurke. Auf Raubzug war der erste Teil ihres Restarts, jetzt ist sie auf Beutejagd!

Mit Krallen und Klauen

Sechs Einzelausgaben kommen in diesem Sammelband und die erste ist gleich ein besonderes Schmankerl, handelt es sich doch um das erste Annual, das zeitlich noch vor dem ersten Band spielt. Die Mafia-Familien in New York haben ein seltsames Ritual um interne Streitigkeiten beizulegen: Eine Tochter der einen und ein Sohn der anderen Familie heiraten um daraufhin statt einer gemeinsamen Nacht einen Kampf auf Leben und Tod auszufechten. Felicia Hardy und Peter Parker schlüpfen in die Rollen der eigentlich Auserwählten und tauchen damit gleichzeitig tief in ihre eigene Vergangenheit ein. Das Romeo-und-Julia-Drama ist gekonnt witzig!

Gleich danach geht die laufende Storyline weiter – Wie weit wird das Zerwürfnis zwischen Black Cat und Odessa Drake um die Führung der Diebesgilde gehen? Ich verrate nicht zu viel, wenn ich andeute, dass es ein längerer Krieg zu werden verspricht. Dabei kommen tatsächlich auch die Motive zum Vorschein, die die Töchter von zwei eng befreundeten Vätern zu unerbittlichen Gegnerinnen haben werden lassen.

Coole Sprüche haben einige Marvelhelden drauf, hier kommt es aber gleich zum Triple denn neben der schlagfertigen Schönheit versuchen auch Wolverine mit seinem trockenen Humor und Deadpool zu punkten. Entscheidet selbst. Alle Geschichten sind von Jed MacKay der sich im Spider-Verse gut auskennt.

Die Zeichnungen

Die Liste der Zeichner*innen (inklusive der Tusche) ist dagegen so lang, dass man einen langen Atem braucht, um sie alle zu nennen. Das hat generell vor- und Nachteile: Einerseits ist es spannend, sich die verschiedenen Interpretationen anzusehen: Die Maske ist mal mehr Maske, mal eher Make-Up, die Haare sehen nicht nur unterschiedlich frisiert aus und auch der Stil variiert. Andererseits wird das Ganze dadurch auch ein wenig unruhig! Gerade wenn man es ausnutzt, die Wartezeit zwischen den Heften überspringen zu können fallen die Wechsel natürlich sofort ins Auge.

In diesem Fall geht es aber tatsächlich nur um stilistische Unterschiede, die Qualität ist gleichbleibend hoch und stört den Lesefluss nicht! Im Gegenteil, alle unterstützen die Lockerheit der Geschichten, die irgendwo zwischen Sitcom und Actionkomödie schwankt. Und: Ja, die Beine sind evtl. etwas zu lang und der Ausschnitt für Martial Arts sicherlich ungeeignet.

Wer mehr über die Geschichte von ähnlichen Held*innen bei verschiedenen Comic-Verlagen gibt sollte einen Blick in die ausgezeichnete Darstellung History of EC Comics von Grant Geissman werfen!

Die Wertung

Die Mischung aus Action und Spaß kommt für mich gut rüber! Niemand in diesem Comic nimmt sich ernst, aber es handelt sich auch nicht um Trash! Für alle, die Spaß haben, gerne entsprechende Serien schauen und das Ganze nicht nur stationär oder auf kleinem Bildschirm genießen wollen. Ein Hinweis für die Älteren: Früher hätte das wahrscheinlich am ehesten den Avengers bzw. „Mit Schirm, Charme und Melone“ entsprochen!

Dazu passt ein trockener Prosecco und Natty Boh & the Topcats!

© der Abbildungen 2020 Marvel c/o Panini Comics Deutschland