Van Hamme / Vallès: Hopfen und Malz – Klassiker des Monats September 2018

Cover Gesamtausgabe Hopfen und Malz 1

Hopfen und Malz – Gesamtausgabe in drei Bänden

Originaltitel: Les Maitres de L‘Orge

Story: Jean van Hamme

Zeichnungen: Francis Vallès

Comicplus + Verlag Sackmann und Hörndl
Hardcover | 127 – 167 Seiten | Farbe | 34 € (1-2) bzw. 39 € (3)
ISBN: 978-3894742904 – 978-3894742911 – 978-3894742959

Bier ist seit einigen Jahren wieder in aller Munde, insbesondere, wenn es sich um neue Geschmäcker oder alte Sorten handelt. Um Bier, seinen Brauprozess im Wandel der Zeiten und natürlich auch um die persönlichen Schicksale der handelnden Personen geht es in dem 8-bändigen Zyklus „Hopfen und Malz“, der ursprünglich zwischen 1992 und 1999 bei Glenat erschienen ist.

Der Autor Jean van Hamme aus Brüssel ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten europäischen Comic-Szenaristen und dem deutschen Publikum eher von XIII oder Thorgal bekannt obwohl fast alle Serien von ihm in deutscher Übersetzung vorliegen bzw. veröffentlicht werden. Ältere Einzelwerke wie Epoxy oder Western sind nur noch antiquarisch zu bekommen.

Von dem Zeichner Francis Vallès, der in den letzten Jahren hauptsächlich mit Stephan Desberg und eben van Hamme zusammengearbeitet hat, liegt nur wenig vor.

Cover Gesamtausgabe Hopfen und Malz 2

Hopfen und Malz ist eine Serie über die Brauerfamilie Steenfort; den prägenden Personen einer Epoche ist jeweils eines von insgesamt sieben Album gewidmet – von Charles, 1854 bis zu Frank, 1997. Comicplus + hat in seiner limitierten Gesamtausgabe von 2016/2017 den abschließenden achten Band mit Kurzgeschichten in den zeitlichen Ablauf integriert, so dass sich eine sehr lesbare Handlung über eineinhalb Jahrhunderte ergibt. Es sei dazu gesagt, dass die gesamte Story zwar auf historischen Fakten beruht, sich aber als reine Fiktion hinsichtlich der Personen und Unternehmen präsentiert.

Die Story beginnt 1854 in dem belgischen Dorp und dem Bierbrauer Alfred de Ruiter. Da er seine Angestellten allerdings nicht gerade vernünftig behandelt und er Moderne auch nicht so aufgeschlossen ist, schafft es einer seiner ehemaligen Arbeiter – Charles Steenfort – dem Alteingesessenen mit eigenem Bier Konkurrenz zu machen. Schon hier wird deutlich, dass es um Macht gehen wird, um Ränkespiele und um psychologische Profile der Akteure. Anders als sonst bei van Hamme üblich gibt es aber keine wiederkehrenden positiven Charaktere mit Identifikationspotential. Wen das an aktuelle TV-Serien erinnert liegt im Übrigen nicht falsch, denn das Skript war ursprünglich als Drehbuch geplant und wurde erst 10 Jahre später als Comic realisiert. Die Fernsehadaption erfolgte dann aber doch noch.

Der Comic führt beispielhaft durch die Geschichte des Brauens und die notwendigen Anpassungen der jahrhundertealten Tradition an moderne Errungenschaften.

Hopfen und Mals Gesamtausgabe 1 page 102

Das Thema der Marktkonzentration, das Ende des letzten Jahrtausends bereits sehr deutlich zu spüren war, wird ebenfalls nicht ausgespart. Alleine der Hype des keinen Craft-Brauereien wurde nicht vorhergesehen.

Daneben gibt es aber auch deutliche zeitgeschichtliche und politische Themen von Feindschaft, Kollaboration oder „Sünde“ die reflektiert werden. Hier zeigt sich die Limitierung des Ansatzes: Aufgrund der Beschränkung auf 48 Seiten pro Epoche und der Notwendigkeit, auch noch die Story und die Bier-bezogenen Aspekte voranzubringen, sind die Positionen viel zu oberflächlich und schwarz-weiß dargestellt um wirklich zu überzeugen. Immerhin beweist das aber, dass Fragestellungen dieser Art auch in nicht-graphic-novel-Formaten auftauchen können.

Auch wenn die Deutschen in dem 1917 spielenden dritten Band fast nur karikaturenhaft beschrieben werden, die Auseinandersetzung mit dem Faschismus in den eigenen (belgischen) Reihen ist in Band 4 schon wesentlich ehrlicher und verzichtet auf moralisch eindeutige Schuldzuweisungen.

Detail Hopfen und Malz Gesamtausgabe Tome 2 page 118

Die Darstellung des jeweiligen Ambientes und der Kleidung stehen der inhaltlichen Genauigkeit der Story in nichts nach. Vallès schafft es mit seinem realistischen Stil fast in jedem Bild, einen visuell stimmigen Eindruck zu hinterlassen und seine Gesichter (für mich immer ein erstes Kriterium der Qualität) sind nicht nur detailreich, sondern transportieren auch zum Text und der Geschichte passende Emotionen.

Das Layout der Geschichten ist dagegen eher klassisch: nur selten wird von der drei- oder vierreihigen Aufteilung abgewichen. Wenn, dann ist es meistens um einen schnellen Kameraschnitt zu simulieren und Emotion oder Geschwindigkeit zu transportieren.

Comicplus + integriert in die Gesamtausgabe nicht nur die Cover der einzelnen Ausgaben sondern ergänzt das Ganze mit viel Hintergrundmaterial über die TV-Serie, einzelnen Zeichnungen und Abbildungen von (imaginären) Werbematerialien für Steenfort-Biere.

Hopfen und Malz Gesamtausgabe Tome 2 page 127

Die im Original „Meister der Gerste“ genannte Serie ist nicht nur allen Freund*innen der Braukunst an Herz zu legen, sondern stellt auch einen spannenden und lesenswerten Versuch dar, einen so langen Zeitraum exemplarisch darzustellen. Niemand erwarte allerdings, dass hier objektive Fakten im Sinne eines aufgeklärten Schulunterrichts präsentiert würden denn dafür stehen viel zu viele Klischees im Vordergrund.

Der erste und zweite Band enthalten jeweils 2 Alben und die dazugehörigen, ergänzenden Überleitungen, der dritte versammelt die letzten drei Abenteuer. Alle Bände sind als Hardcover mit Glanzapplikationen auf dem Titelbild erschienen, auf jeweils 1000 Exemplare limitiert und noch lieferbar.

Die Serie bietet solides Handwerk mit einem nicht alltäglichen Setting. Van Hamme beweist einmal mehr seine Fähigkeit, lange Handlungsbögen zu spinnen, darf sich hier aber sogar Generationenübergreifend betätigen. Vallès ist in Deutschland eher unterschätzt. Neben dieser Serie liegt nur noch die Gesamtausgabe von Tosca vor. Die Serie selbst ist nicht nur ein tolles Geschenk für Bierliebhaber mit Comicleidenschaft oder Comicliebhaber, die gerne Bier trinken sondern auch für sich selbst eine nette Abwechslung zu der 25-sten Geschichte im gleichen Ambiente!

cover Hopfen und Malz gesamtausgabe 3

Dazu passt natürlich nichts Anderes als belgisches Bier! Wer mag, kann ein klassisches Lambiek probieren und mit einem Abtei-Bier weitermachen. Für alle anderen tut es aber auch ein Belgian Blonde! Im Hintergrund darf die Musik in diesem Falle nicht ablenken – Wie wäre es mit den australischen The Triffids?

Ein paar abschließende Worte zu dieser Rubrik: Neue Comics erscheinen mit einer hohen Frequenz Monat für Monat. Auch wenn sich der klassische Buchhandel vieler Orten mit einer Comic-Ecke schmückt, zeigt sich, dass der knappe Platz oft für Dauerseller und Neuerscheinungen gebraucht wird. Es gibt aber viele Veröffentlichungen der letzten Jahre die es nicht verdient haben, unterzugehen und dem Vergessen anheimzufallen.

Wenn jemand von euch einen bestimmten Titel hier gerne sehen würde oder gar selbst ein paar Worte darüber verlieren möchte: Dafür ist die Kommentarspalte dar 🙂

© der Abbildungen 2016/2017 Verlag Sackmann und Hörndl

Klassiker des Monats August 2018 – Gaston – Galerie der Katastrophen & Guust – 60 Jaar

Cover Gaston - Galerie der Katstrophen

Gaston – Galerie der Katastrophen

Originaltitel: Gaston – La Galerie des Gaffes

Carlsen Verlag

Hardcover | 68 Seiten | Farbe | 14,99 €

ISBN:978-3-551-72970-5

Cover Guust 60 jaar

Guust – 60 Jaar

Herausgeber: Alexis Dragonetti

Dupuis
Hardcover | 56 Seiten | Farbe | 15,00 €
ISBN: 978-90-314-3585-2

In der Rubrik „Klassiker des Monats“ sollen Comics vorgestellt werden, die nicht mehr taufrisch sind. Sie können schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben oder wie in diesem Fall erst ein Jahr. Ihnen allen ist aber gemein, dass Sie es nicht verdient haben unter der Flut der Neuerscheinungen begraben und vergessen zu werden!

Wenn man fragen würde, ob das Marsupilami oder Gaston die wichtigere Erfindung des Altmeisters André Franquin wären, würden die Antworten wohl in etwa gleichverteilt ausfallen. Der sympathische und chaotische Redaktionsbote war Franquins Möglichkeit, den Serienzwängen von Spirou zu entgehen und – auf seine Art und Weise – Kritik am Arbeitsablauf und den Verhältnissen bei Dupuis und in der Spirou-Redaktion zu äußern, und gehört zu den absoluten Klassikern der neunten Kunst.

Kalender Spirou 2014

Während in Frankreich schon 2014 die Rückkehr des Chaoten auf die Seiten des Spirou-Magazins mit einem Kalender gefeiert wurde und immer neue Texter*innen und Zeichner*innen um ihre Interpretation geboten wurden, mussten deutsche Leser*innen dagegen auf den „neuen“ Gaston warten.  Der deutsche Hausverlag Carlsen konzentrierte sich zunächst auf die vorbildliche Edition des „ganzen Gaston“ in einem fünf Hardcover vereinenden Schuber. Nicht enthalten sind darin allerdings verständlicherweise die Neukreationen mit dem vertrottelten Jo-Jo zu Kauka-Zeiten. Von 1968 bis 1978 veröffentlichte Kauka mit allen bekannten „Anpassungen“ die Abenteuer des Redaktionsboten Gaston Lagaffe erstmals in deutscher Sprache und bereitete damit die Basis für alles Weitere.

Die Tatsache, dass es überhaupt wieder neue Comics mit Gaston gibt, ist durchaus zu hinterfragen, hatte Franquin doch verfügt, dass die Figur von keinem anderen gezeichnet werden dürfe. Die Bewertung möge allerdings jede*r selbst vornehmen.

Im Februar 1957 hatte eine noch namenlose Figur ihren ersten Auftritt; anfangs stand sie einfach nur im Weg doch schon nach kurzer Zeit wurde Gaston der Star einer zunächst halb- und später ganzseitigen Geschichte. Während Gaston durchaus mit anderen Figuren aus dem Spirou-Universum interagierte entwickelte sich eine ganze Gemeinschaft aus speziell für diesen Strip kreierter Personen und Tiere mit zum Teil ikonographischen Auftritten.

2017 konnte nun also das 60-jährige Jubiläum gefeiert werden. Schon zu früheren Zeiten war es bei Spirou üblich, Jubiläen mit Hommagen anderer Künstler*innen zu feiern und so geschah es auch jetzt.

Gaston - Galerie Seite 34

Im Carlsen Verlag ist die deutsche Übersetzung des französischen Originals erschienen die XXX Beiträge ganz unterschiedlicher Stilrichtungen präsentiert. Von der Form her handelt es sich dabei um einzelne, ganzseitige Illustrationen, One-Pager aber auch mehrere Seiten umfassende Werke. Sie sind teilweise an den Stil der jeweiligen Hauptserie angelehnt, teilweise wird versucht, den Stil Franquins zu treffen oder zu karikieren und entwickeln die beliebten Hauptmotive der Originalserie weiter. Der/die Leser*in darf sich also nicht nur über neue technische Meistererfindungen oder Auftritte des Gastophons freuen, auch die unendliche Geschichte der gescheiterten Vertragsunterzeichnung wird fortgeführt.

Der Band ist vorbildlich als Hardcover ausgeführt. Leider vermisse ich eine Überblicksseite mit der Auflistung aller Beiträge, gemeinhin als Inhaltsverzeichnis tituliert. Das Auffinden eines speziellen Beitrages würde dadurch sicherlich erleichtert… Schön ist dagegen das einheitliche Layout das sowohl Akteure und Titel benennt, andererseits teilweise das von Franquin zur Meisterschaft veredelte Spiel mit der Signatur aufnimmt.

Gaston - Galerie Seite 46

Bereits im letzten Jahr ist in den Niederlanden ein Band erschienen, der 47 Beiträge von niederländisch-sprachigen Künstlern aus Holland und Belgien vereint. Die zwei erhältlichen Ausgaben unterscheiden sich neben dem Preis in der Bindung (Hard- bzw. Softcover) und im Motiv des Umschlags.

In zwei Vorworten des Herausgebers und von Marc Legendre werden noch einmal sehr persönlich die Bedeutung von Franquin und vor allem Gaston für den europäischen Comic und sein Einfluss auf viele der heute aktiven Künstler herausgestellt. Die Kombination aus menschlichem Slapstick, Alltag und tierischen Akteuren waren damals einzigartig.

Die beteiligten Künstler*innen versuchen jeweils mit ihrem Stil das Wesen von Gaston oder Guust, wie er bei unseren Nachbarn heißt, zu erfassen. Die Resultate bewegen sich daher zwischen einer seitenfüllenden Zeichnung und 24 Panelen auf einer Seite. Die Figurendarstellung ist von Franquin-ähnlich über karikierend bis zu grahic-novel-artig ebenfalls sehr unterschiedlich. Allen Beiträgen ist aber anzumerken, dass sie sich liebevoll und achtungsvoll dem Thema nähern.

Thematisch haben einige versucht, Gaston in eine andere Lebenszeit (sei es Jugend oder Rente) zu versetzen, um nicht zu nah am Original zu sein. Andere spielen dagegen mit den bekannten Szenarios der verhinderten Vertragsunterschrift, der Liebesbeziehung mit Fräulein Trudel oder der sagenhaften Faulheit.

Einige der beteiligten Künstler wie Marc Legendre, Daan Jippes, Eric Heuvel, Griffo oder Romano Molenaar sind auch teilweise auf Deutsch erhältlich, die meisten sind aber eine Neuentdeckung wert!

Eindeutig eine ideale Ergänzung zu der deutschen Ausgabe, zumal es keine Überschneidungen gibt.

Guust - 60 jaar - Seite 43

Gerade in ihrer Kombination beweisen die beiden Bände mit über 100 Beiträgen die Wichtigkeit von Gaston für den aktuellen europäischen Comic. Beide sind auf den üblichen Bezugswegen noch erhältlich.

Dazu passt nichts Anderes als Jazz und Cocktails! Wer es noch authentischer mag möge doch bitte das Geschrei einer Lachmöwe im Hintergrund laufen lassen.

PS: Sollte jemand von euch Leser*innen einen Wunsch für folgende Beiträge dieser Reihe haben oder gar selbst einen Klassiker vorstellen wollen: Es gibt eine Kommentarfunktion unter dem Beitrag!

Gaston - Galerie - Tanz

Abbildungen © 2014 Dupuis (Kalender); © 2017 Dupuis (Guust), © 2018 Carlsen Verlag GmbH (Gaston)