Gesamtausgabe
Story: Antonio Segura
Zeichnungen: Ana Miralles
Originaltitel: Eva Medusa – Intégrale
Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 29,80 €
ISBN: 978-3-96582-219-1

Eine Geschichte über das gefährliche Thema: Frau beherrscht Mann. Wenn ein Mann einer Frau hörig ist, muss eine übersinnliche Macht dahinterstehen, ansonsten ist es doch unmöglich. Im Falle dieser Geschichte, die in Südamerika spielt, ist es Voodoo. Nun ja, die Frage, ob das sogenannte „starke Geschlecht“ nicht einfach auch viele unfähige, arrogante und sich selbst für das Zentrum ihrer Welt haltende Mitglieder hat, wird hier nicht explizit gestellt.
„Das Gift“
Die Geschichte spielt in Brasilien. Die Tochter eines reichen, verwitweten Gutsherrn kommt nach einer Zeit in einem klösterlichen Internat zurück auf die Hacienda ihres Vaters. Dort beobachtet sie den Verwalter ihres Vaters, wie er sich mit Angestellten vergnügt. In ihrer Wut und in ihrer kindlichen Enttäuschung über die gefühlte Zurückweisung des von ihr angeschwärmten Mannes zertrümmert sie eine von ihm bekommene Puppe. Diese Wut scheint eine Tür zu öffnen. Einerseits spürt der Mann plötzlich Schmerzen, die denen der Puppe entsprechen, andererseits wird Anhängerinnen des lokalen Voodookultes klar, dass die Tochter wie schon ihre Mutter ein empfängliches Medium ist.
In einer Zeremonie wird die Tochter geweiht, vereinigt sich mit einer großen Schlange und wird zu Eva Medusa. Diese erinnert an die antike Gorgone, deren Haar aus Schlangen bestand, und hat die Gabe, sich Männer komplett hörig zu machen. Männer, die sie einmal verführt hat, können danach keine andere Frau mehr lieben.

Der Verfall des Verwalters, das Geheimnis des Vaters, dessen Frau ebenfalls zu Eva Medusa geworden war, die Unehrlichkeit von zwei katholischen Priestern, die deswegen ebenfalls der Sünde ein leichtes Opfer bieten, und die allgemeine Stimmung der damaligen Zeit in diesem von Klassengegensätzen getriebenen Land vermengt Antonio Segura zu einer spannend zu lesenden Geschichte in drei Bänden, die hier komplett abgedruckt werden.
Farbenfroh und dynamisch
Ana Miralles hat schon mehrfach, etwa in Ava oder Djinn, bewiesen, dass sie eine spannende Erzählung umsetzen kann. Sie ist dabei in der Lage, Frauen respektvoll in erotischen Szenen darzustellen, die sie entweder klar als dominierende Figur darstellen, oder aber zumindestens ihre Würde respektiert. Hier sind die Frauen die treibenden Kräfte, die Männer und Gesellschaft beherrschen, auch wenn das Geschäftliche in Männerhänden liegt.
Und so wechseln sich Alltagsbegebenheiten, Liebesszenen, kultische Handlungen, und Actionszenen munter ab. Stehen Männer im Vordergrund ist fast immer Verzweiflung das Thema: Die Unfähigkeit, den eigenen Anforderungen oder denen von außen zu genügen, die Impotenz (in einer machistischen Gesellschaft), oder die Hingabe an eine vernichtende Sucht. Alle diese Punkte werden durch Körperhaltung und Kolorierung verstärkt und bilden einen scharfen Gegensatz zu der keinesfalls „heilen“ aber mächtigen Position der Frauen. Wer also eine Vorlage für männliche Fantasien erwartet, wird hier umdenken müssen!

Ein aus der Masse hervorstechender Titel!
Erotik-Comics, Comics für Erwachsene, Adult-Segment, … Schlagworte, die man als Leser*in aktuell bei einer Vielzahl von Comic-Verlagen findet. Das Angebot, das teilweise Grenzen in einem Masse überschreitet, die vor einigen Jahren noch zum Einsatz von hunderten von uniformierten Beamten geführt hätte, ist fast schon nicht mehr überschaubar. Und natürlich werden in solchen Situationen auch verlegerische Entscheidungen getroffen, die nur den fiskalischen Deckungsbeitrag im Auge haben, oder sich tatsächlich auch als Fehlgriff entpuppen können.
Eva Medusa gehört zu den Titeln, die sicherlich weder dem schnellen Konsum dienen noch zu denen, bei denen die Qualitätskontrolle versagt hätte. Die Story versucht nicht zu erklären, versteckt aber trotzdem eine Menge an Kritik zwischen ihren Zeilen und die respektvollen und doch deutlichen Zeichnungen von Ana Miralles verstärken diesen Eindruck. Das einzige Manko für mich bei diesem Band ist der im Vergleich zu Djinn fehlende Anhang mit Texten über Hintergründe und Prozess. Es gibt im Übrigen auch eine auf 111 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit dem folgenden Motiv als Druck!

Dazu passen die Broilers, etwa „Zurück zum Beton“, und ein Espresso Martini.
© der Abbildungen Editions Glenat 2013 by Antonio Segura & Ana Miralles | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg