ZACK 269

ZACK 269 (November 2021)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 7,90 €
ISSN: 1438-2792

ZACK 269 Cover

Zum letzten Mal wird Haute Cuisine im ZACK angerichtet und ermöglicht die Metapher eines Menus. Und tatsächlich kann man das Heft mit einem vergleichen. Es gibt den Gruß aus der Küche von Georg F.W. Tempel, der auf 50 Jahre ZACK im April hinweist. Vorspeise und verschiedene Hauptgerichte kommen aus den Bereichen Abenteuer, Krimi, Western, Thriller und Motorsport, die Zwischengänge sind zwei lesenswerte Artikel und als Nachspeise wird eine neue Geschichte aus Luthon-Höge serviert. Lasst es euch schmecken!

Die Rückkehrer

Gleich drei Serien kehren mit neuen Geschichten zurück. Den Anfang macht Haute Cuisine von Delphine Lehericey & Fanny Desmarés. Der abschließende Band Nachspeise sieht das ehemalige Paar Samuel und Paula nicht nur als berufliche Kontrahent*innen um Sterne, sondern auch im mit allen Mitteln geführten Kampf um die kleine Luna. Zunächst steht die gerichtliche Entscheidung über das Sorgerecht an. Luc Brahy setzt die Geschichte in modernen, computerkolorierten Bildern um und schafft es, sowohl das Luxus-Ambiente des Jet-Sets als auch den Alltag auf dem Sportplatz einzufangen!

ZACK 269 page 5

Ebenfalls zurück ist die Comic-Fortsetzung des Erfolgsthrillers Millennium Saga mit dem dritten Teil von Versuchung. Einige Hacker sind von Sparta entführt worden, die Verwicklung der Säpo ist noch unklar und Lisbeth und Mikael waren im letzten Cliffhanger in fast auswegloser Situation gefangen. Sylvain Runberg löst dieses Kuddelmuddel in einer abwechslungsreichen Anfangsoffensive durch die Action bewaffneter Truppen und gesprächsvermittelte Information auf und bereitet den Boden für eine Schweden erneut in eine tiefe Krise stürzende Enthüllung. Belén Ortega setzt das gewohnt düster um.

ZACK 269 page 49

Und auch der etwas trottelig wirkende Polizist aus Luthon-Höge kehrt zurück. In des Teufels Advokat geht es um einen kurz nach Kriegsende versenkten Koffer und eine gerade frisch aufgefundene Leiche. Skurrile Serie von Willem Ritstier und Zeichnungen von Michiel Offerman die aus dem Rahmen fällt und daher wunderbar passt.

ZACK 269 page 75

Die Fortsetzungen

Kommissar Griot ist ein Polizeibeamter aus dem Senegal der für eine gewisse Zeit den Job mit Kommissar Bourdon getauscht hat. Er wird von seinen neuen Kollegen teilweise mit offenem Rassismus empfangen und ermittelt zusammen mit Rick Master und Nadine im Fall des Massenmörders Cupido. Auch im Senegal gibt es derweil einen Mord aufzuklären. Der Fall zieht seine Spannung aus den ungewöhnlichen Ermittlungsansätzen und Gewohnheiten der vertauschten Polizisten und der hauptsächlich durch Nadine eingebrachten Komik. Zidrou hat die Serie mit großem Respekt vor dem Klassiker modernisiert und setzt viele eigene Akzente, ohne das Gefüge über den Haufen zu werfen. Respekt! Die Zeichnungen von Simon Van Liemt folgen einem ähnlichen Prinzip: Die Messerszene auf Seite 21 ist genial!

ZACK 269 page 20

Leutnant Blueberry war einer der Leuchtturmtitel des Koralle-ZACK. Martin Frei hat mit Die Frau mit dem Silberstern eine eigenständige Fortsetzung zu einer der Geschichten geschrieben. Der Soldat war für eine Zeit abkommandiert, um in dem Örtchen Silver Creek Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Ein Jahr später scheinen sich die alten Strukturen wieder zurückzubilden. Nicht nur wird die aktive, Neuem aufgeschlossene Lehrerin Miss Marsh bedrängt, auch Indianer*innen werden erneut zu Zielscheiben aufgebaut. Spannender Western, der geschickt mit Reminiszenzen spielt um eine eigene Story zu entwickeln!

Detail ZACK 269 page 33

Und auch die Zweikämpfe zwischen Michel Vaillant und seinem jugendlichen teaminternen Herausforderer Daniel Farid gehen weiter. Der Held scheint emotional nicht in der Lage, diese Herausforderung wirklich anzunehmen und begeht erste, schwerwiegende Fehler. Dann kehrt jedoch ein alter Bekannter zurück. Wird er Michel wieder zu sich selbst zurückführen können? Spannende Geschichte von Denis Lapière die auch ohne Beteiligung eines Graton funktioniert mit guten Bildern von Benjamin Benéteau und Vincent Dutreuil!

Detail ZACK 269 page 63

Und sonst?

Für One-Pager ist in diesem Menu kein Platz, zu viele größere Speisen wurden serviert. Allerdings gibt es die unerträgliche Leichtigkeit des Slip und die Informationshungrigen bekommen wie immer News, Rezensionen und zwei Artikel. Bei den Verlagsporträts ist reprodukt an der Reihe; der Verlag feiert sein 30-jähriges Jubiläum. Dazu kommt der erste Teil eines Beitrags von Geert de Weyer über Zensur in belgischen Comics. Viele Institutionen haben im Laufe der Zeit Zensur ausgeübt: die Kirche, Verlage, die französische Zensurkommission, die sogenannte öffentliche Meinung und noch andere. Diese Untersuchung beschreibt die verschiedenen Wellen der Zensur und ihre Motivationen (Moral, Protektionismus, Politik) sowie ihre Auswirkungen auf Comics in und aus Belgien.

Aktuelle Comics aus Europa bilden die Hauptzutaten des Menus. Dabei ist es eine Art Fusionküche, die hier zelebriert wird: Modernisierungen alter Klassiker stehen neben aktuellen Serien. Die Artikel und News sind nicht nur Tischdeko, sondern haben einen hohen Informationsgehalt und das lockere Layout sorgt für ein nettes Ambiente, das den Genuss abrundet. Sternverdächtig 🙂

Dazu passen King Hammond & The Rude boy Mafia, ein Mix aus verschiedenen Ska-Waves, und ein Winterbier, etwa von Leffe.

© der Abbildungen 2021 bei den jeweiligen Autoren und Verlagen c/o Blattgold GmbH

StripGlossy 21/22 – August 2021

Suske en Wiske (Dubbel Nummer)

Herausgeber: Mirjam van der Kaaden & Seb van der Kaaden

Verlag Uitgeverij Personalia
Heft Din A 4 | 196 Seiten | s/w / Farbe | 14,95 €
ISBN: 978-9-49323-424-6

Cover StripGlossy 21/22 1st edition
Cover der ersten Auflage

StripGlossy ist eine coole Mischung aus Comics und Informationen. Sie haben eine klare Beschränkung auf die Niederlande und den flämischen Teil Belgiens und laden für jede Ausgabe eine andere Persönlichkeit aus der Comicszene als Gast-Chefredakteur*in der Nummer ein. Dadurch wird jeder Schwerpunkt nicht nur individuell, sondern auch sehr persönlich. Ungewöhnlich ist nicht nur, dass das aktuelle, Suske und Wiske gewidmete Heft 21/22 eine Doppelnummer ist, sondern auch, dass sie nach einer Woche ausverkauft war. Dementsprechend gibt es eine zweite Auflage mit einem anderen Cover.

359 Bände, mehrere Spinn-Offs, Puppentheater und vieles mehr

Suske und Wiske ist viel mehr als der am längsten laufende flämische Strip; seit 1948 sind mittlerweile mehrere Generationen damit aufgewachsen. Die Hauptpersonen gehören zum nationalen Kulturgut, der belgische Pavillon der aktuellen Expo wird von einer Suske-en-Wiske-Skulptur gekrönt und der Erfinder, Willi Vandersteen, steht bei unseren Nachbar*innen auf einer Stufe mit Hergé und Andre Franquin. Die Themen der Reihe variieren dabei stark: Science-Fiction, History (per Zeitmaschine), Krimi/Abenteuer oder manchmal sogar Zeitgeschichte sind die Gebiete aus denen die mittlerweile fast 400 Szenarien stammen.

Detail out of StripGlossy 21/22 - page 20

Koen Maas ist ein bekannter Radioredakteur mit einem eigenen Podcast über Comics. Er darf ein sehr ausführliches, persönliches Interview mit Paul Geerts führen. Diese „Comic-Ikone“ hatte 1972 die Reihe von ihrem Schöpfer übernommen und dreißig Jahre lang geschrieben und gezeichnet. Während dieser Zeit hatten sich die Auflage vervierfacht, Personage und Stil aber nur leicht modernisiert. Geerts erzählt von seinem Verhältnis zu Vandersteen, seinen Erfahrungen auf Comicbörsen aber auch dem Druck der Arbeit.

Zu diesem Schwerpunkt im Schwerpunkt gibt es weitere Interviews mit Gerben Valkema, der eine Hommage an die Reihe verfasst hat, Kim Duchateau, der nicht nur die seit 20 Jahren laufende Esther Verkest schreibt und zeichnet, sondern mittlerweile auch die Scenarios für Suske en Wiske Junior liefert. Das letzte Interview zu diesem Thema ist mit Peter van Gucht, dem aktuellen Szenaristen der Hauptreihe. Weitere Artikel über die Expo-Skulptur, Erfindungen vom Professor oder ein Quiz runden die Beiträge ab.

Detail out of StripGlossy 21/22 - page 67

Die dazugehörigen Strips und Abbildungen zeigen die wesentlichen Aspekte der Entwicklung nach. Eine Geschichte von Paul Geerts steht etwa neben einer (deutschsprachigen!) Geschichte von Wastl. Diese wurden jahrelang vom Studio Vandersteen speziell für den deutschen Markt fabriziert und meistenteils in Belgien oder Holland nie veröffentlicht. Dazu gehören aber auch Hommagen, moderne Interpretationen und Beispiele der Spin-Offs Suske en Wiske junior und eine Preview auf die neuen Kronieken van Amoras von Chambre und Legendre. Sie scheinen entgegen der Aussage im Interview doch weiterzumachen.

Noch mehr?

Da sich Seb van der Kaaden glücklicherweise entschieden hat, dem besonderen Thema besonders viel Platz zu gewähren, den gewohnten Inhalten aber trotzdem Raum zu geben, ist die Augustnummer eine Doppelnummer geworden. Es gibt daher Fortsetzungen des Abschlussbandes von Saul (Teil 1 vor kurzem im ZACK), Man en Paard und Scarlet Edge sowie Einseiter von Claire, Sjors en Sjimmie und Spaghetti (ebenfalls auf Deutsch im ZACK) und Kostproben von 4 Künstler*innen der Zukunft! Natürlich fehlen auch News, die Fortsetzung der Reihe von Einblicken in Ateliers und Arbeitsplätze, viele Hinweise auf Börsen und Ausstellungen und ein Poster (unterschiedlich pro Auflage) nicht.

Detail out of StripGlossy 21/22 - page 132

Must Have!

StripGlossy erscheint mittlerweile im fünften Jahrgang und hat sich zu einem absoluten Must Have entwickelt. Interviews und Artikel zu einem jeweiligen Schwerpunkt geben einen sehr persönlichen Einblick in eine Serie oder eine*n Künstler*in. Damit wird ein ganz anderer Ansatz gewählt als etwa bei der Reddition, die eher theoretisch aufarbeitet. Dazu kommen aktuelle Serien aus den niederländisch-sprachigen Landen und wertvolle Informationen für die Wochenendplanung. Während die Comics keine zu hohen Anforderungen an Fremdsprachenkenntnisse stellen dürften, sieht es bei den Artikeln schon anders aus. Aufgrund der vielen Illustrationen und der wirklich lohnenden Inhalte würde ich einen Versuch auf jeden Fall anraten! Das StripGlossy ist auch in Deutschland bei einschlägigen Plattformen und einigen Comicshops erhältlich.

Cover StripGlossy 21/22 2nd edition
Cover der zweiten Auflage

Dazu passen Joe Jackson mit der 1983-er Rockpalast-DVD und ein Hoegarden.

© der Abbildungen 2021 StripGlossy / Personalia vof / © 2021 illustraties Suske en Wiske / Standaard Uitgeverij

Serpieri – West

Artbook

Story:  Paolo Eleuteri Serpieri
Zeichnungen: 
Paolo Eleuteri Serpieri

Herausgeber: Roberto Guarino, Matteo Pollone

Originaltitel: Paolo Eleuteri Serpieri – West

Schreiber und Leser

Hardcover | 108 Seiten | Farbe | 39,80 € | 
ISBN: 978-3-96582-067-8

Cover Paolo Eleuteri Serpieri West

Paolo Eleuteri Serpieri wurde im Februar 1944 in Venedig geboren. Schon sein Geburtsdatum ließ erahnen, dass der kleine Junge etwas besonderes werden könnte, kam er doch am Schalttag zur Welt. Nach dem Studium von Malerei und Architektur widmete er sich immer mehr dem Zeichnen von Comics und erlangte in zwei Gebieten Weltruhm: Kurzgeschichten und ein paar längere Bände aus dem Wilden Westen sowie die erotische Horror-Science-Fiction-Serie Druuna. Das erste von zwei Artbooks des Künstlers aus dem Hamburger Verlag, bei dem auch das übrige Werk des Italieners erscheint, ist dem Western gewidmet.

Wie ein Junge aus Italien auf den Western kam

Der Band wird eingeleitet durch ein längeres Interview von Roberto Guarino und Matteo Pollone mit dem Künstler. Darin wird deutlich, dass Paolos Vater beruflich öfter in den USA gewesen war und seine Liebe für den Westen und die amerikanischen Zeichner an den Jungen weitergegeben hat. Zusätzlich hat er die Liebe zum Zeichnen gefördert und sein eigenes Talent zur Schulung genutzt. Wieder einmal bestätigt sich also hier die Regel, dass erfolgreiche Zeichner*innen schon als Kinder ständig gezeichnet haben.

Detail Serpieri - West page 6

Serpieri führt des Weiteren aus, wie sich sein Stil entwickelt hat und welche Unterschiede zwischen Feder und Pinsel bestehen. Seine Art mit extrem vielen Schraffuren das Bild zu gestalten ist mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden, hat sich aber auch erst entwickeln müssen. Er wurde aber nicht nur von Gemälden beeinflusst, sondern auch vom Western-Film und entwickelte schon früh eine Liebe zur grandiosen Weite. Während seiner Reisen in die USA hat er viele der Kulissen für seine späteren Erzählungen quasi in sich aufgenommen.

Dabei interessieren den Zeichner verschiedene Dinge: Zunächst einmal bewundert und liebt er Pferde und zeichnet diese extrem gerne. Im Interview erläutert er dabei den Einfluss der bewegten Bilder auf die grafische Darstellung. Eine weitere Freude ist das Zeichnen von möglichst authentischen Dekors und Kleidung/Schmuck, auch wenn es nicht immer genau die historische Wirklichkeit abbilden muss. Und dann sind da natürlich auch noch Frauenkörper. Bei diesen erlaubt er sich nach eigener Auskunft die größten künstlerischen Freiheiten.

Ein Prachtband

Schon die Reihe mit seinen Western-Geschichten hatte gezeigt, dass Serpieri nicht nur gerne Western zeichnet, sondern auch ein Meister darin ist. In diesem quadratischen, großformatigen Bildband haben die einzelnen Bilder noch viel mehr Gelegenheit, um zu wirken. Damit sind sowohl die Zeichnungen und Entwürfe im originalen Schwarz-Weiß gemeint als auch die kolorierten Bilder. Teilweise steht sogar beides direkt nebeneinander und erlaubt so den Vergleich.

Detail Serpieri - West page 36

Serpieri gibt seinen Figuren und Settings Tiefe und Ausdruck durch eine Unzahl von Schraffuren. Dadurch erhalten sie eine Plastizität, die an Fotographien erinnert. Der Künstler selbst bezeichnet sich auch als Realisten, lehnt die Einordnung als Veristen aber ab, da es ihm nicht um die Wahrheit geht. Ein Coffee-Table-Book ist typischerweise noch etwas größer als der vorliegende Bildband. Auch dieses Artbook lädt aber dazu ein, auf den einzelnen Abbildungen zu verweilen und Details zu erkennen und erfüllt daher den gleichen Zweck.

Fazit

Für Fans des Italieners ohne Frage ein Must-Have! Das Interview ordnet mehrere Werke aus diesem Genre für verschiedene Verlage ein, beschreibt Intentionen und Herausforderungen und lässt auch das Marvel-Kapitel nicht aus. Die Zeichnungen sprechen für sich und bekommen genau den benötigten Raum. Serpieri ist auch klar, dass er als Nicht-Kulturangehöriger nie die Geschichte der First Nations erzählen kann und will das auch gar nicht. Der einzige Kritikpunkt, der kommen könnte, ist die Darstellung der Frauen. Zwar sind sie durchaus auch in aktiven Rollen zu sehen, es gibt aber genügend Bilder, die sie in eine Opferrolle zwingen. Es ist aber keineswegs intendiert, damit die Unterjochung zu verherrlichen.

ExLibris Paolo Eleuteri Serpieri West

Neben dem guten Papier und der entsprechenden Bindung hat sich der Verlag entschieden, allen Käufer*innen der Erstauflage einen beigelegten Kunstdruck zu spendieren. Mehr kann man nicht verlangen! Da der Western-Comic momentan zu neuer Blüte erwacht, ist das sicherlich genau der richtige Zeitpunkt, um ein solches Artbook auf den Markt zu bringen! Sehr lesenswert sind auch die Ausführungen zu „General“ Custer.

Dazu passen Musik von Siouxsie and the Banshees und ein Rye Whiskey.

© der Abbildungen 2021 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg / Lo Scarabeo – Paolo Eleuteri Serpieri

ICOM Comic!-Jahrbuch 2021

Klein, aber fein!

Hrsg: Burkhard Ihme

Interessenverband Comic e. V. ICOM

Din A4 | 48 Seiten | Farbe | 4,90 €

ISBN: 978-3-88834-951-5

Cover Comic! Jahrbuch 2021

Seit 2000 gibt es dieses Jahrbuch regelmäßig und auch in diesem Jahr konnte Burkhard Ihme wieder eine Ausgabe fertigstellen. Sie ist allerdings etwas kürzer als die vorherigen, etwa das sehr Debatten-lastige von 2020. Besonders hinzuweisen wäre auf den von Martin Frei illustrierten limitierten Sammelschuber, der Platz für alle Ausgaben bietet!

Die Preisträger*innen

Wesentlicher Teil ist natürlich die Bekanntgabe und Vorstellung der Gewinner*innen des ICOM Independent Comic-Preis 2020, der in diesem Jahr etwas verändert worden ist. Zunächst einmal ist das Preisgeld auf 3000€ angewachsen, dafür gibt es aber auch nur noch 3 Kategorien. Und Corona-bedingt gab es auch in diesem Jahr keine öffentliche Preisverleihung. Was aber bleibt ist, dass nicht nur die Gewinner*innen im ICOM-Jahrbuch ausführlich vorgestellt werden!

Zum Besten Independent-Comic als Selbstveröffentlichung wurde Utille von Hannes Sturmvoll gekürt. Im dazugehörigen Interview beschreibt der Künstler seinen Stil, die Schwierigkeiten während der Entstehung, besonders finanzielle Implikationen, und gibt einen Ausblick auf künftige Projekte.

Logo ICOM

Der Beste Kurzcomic als Verlagsveröffentlichung ist Prinz Gigahertz! von Lukas Kummer. Das bei Zwerchfell erschiene Epos zwischen Retro-Look, Pulp und Science-Fiction ist bereits der zweite Gewinnertitel des Österreichers. Auch hier bietet ein reich bebildertes Interview die Möglichkeit, tiefer einzusteigen. Ein weiterer Band ist bereits geplant.

Der Sonderpreis für eine besondere Leistung oder Publikation geht an Korinna Seidel und Adrian Richter für Björn Eichenwicht und der immergrüne Wald. Das ebenfalls bei Zwerchfell erschienene Kinderbuch ist weit mehr als ein Comic, enthält es doch auch Rätsel und soll ganzheitlich ökologisch wirken und Kinder an das Medium Comic heranführen. Natürlich gibt es auch hier vertiefte Einblicke von den beiden Kreativen.

Die Kurzvorstellung aller nominierten Titel rundet diesen Teil ab.

Die Artikel

Zunächst wird das Comicmuseum Erlangen vorgestellt. Was mit einer Idee begann, ist mittlerweile auch Dank einer Erbschaft, vor allem aber aufgrund unermüdlichen persönlichen Einsatzes vieler Mitstreiter*innen tatsächlich schon ein Stück Realität geworden. Welche Schwierigkeiten auftreten können, was benötigt wird und welcher Anspruch eigentlich dahintersteckt, wird von Burkhard Ihme im Gespräch mit Lisa Neun und Ralf Marczinczik angerissen.

Abgeschlossen wird das Jahrbuch mit zwei Beiträgen, die in früheren Jahren zwar onlinegestellt worden waren, es aufgrund von Platzmangel aber nicht in die gedruckten Ausgaben geschafft hatten. Zunächst wird ein Internet-TV-Magazin vorgestellt und dann geht es um den Obdachlosencomic Hamburg City-Blues für das Hinz & Kunzt. Insbesondere der zweite ist immer noch sehr lesenswert, auch wenn er von 2015 stammt.

Schuber Comic! Jahrbuch

Und sonst?

Nicht nur das Backcover von Martin Frei, das auch den Schuber ziert, wimmelt nur so von Zitaten und Anspielungen, auch das echte Cover von Dietmar Krüger zeigt Anspielungen in einer Fülle, die dazu einlädt, die eigene Sammlung wiederzufinden. Sehr gelungen!!

Der ICOM ist ein Interessenverband, das Jahrbuch ist ein Werbeträger in diesem Konglomerat und (leider) keiner, der Gewinn einspielen würde. Es möge sich also bitte jetzt niemand darüber aufregen, dass früher mehr „drin“ war. Engagiert euch! Und von dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle Beteiligten!

Dazu passen ein Haake Beck und The Cockney Rejects mit “I’m Forever Blowing Bubbles” (R.I.P. Hansen!).

© der Abbildungen Interessenverband Comic e. V. ICOM 2021 / Coverillustration by Dietmar Krüger

Reddition 73 – Tillieux

Juli 2021 –Dossier Maurice Tillieux

Herausgeber: Volker Hamann
Verlag Volker Hamann, Edition Alfons
Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 12,00 €
ISSN: n/a

Cover reddition 73

Im mittlerweile 37. Jahrgang präsentieren Volker Hamann und sein Team geballte Wissenspakete über Themen der Comicwelt. Die erste Ausgabe dieses Jahres ist Maurice Tillieux gewidmet der im August seinen 100. Geburtstag hätte feiern können. Er starb aufgrund eines Autounfalls 1978 allerdings schon sehr früh. Seine Karriere als Zeichner, vor allem aber als Autor wird hier beleuchtet.

Von den Anfängen zur Meisterschaft

Wie alle Meister ihres Faches hat auch Maurice Tillieux klein angefangen. Obwohl er als Kind bereits ständig gezeichnet hatte, kreiste der Berufswunsch um das Reisen und das Meer. Michael Hein beschreibt in seinem Artikel über das Leben des Künstlers die Entwicklung von dem Oberleutnant der Handelsmarine über das Schreiben von Romanen bis hin zu den kompletten Comics, die Tillieux schließlich für Heroïc Albums abgeliefert hat. 1956 wechselte der Künstler zu Dupuis und startete dort im Laufe der Zeit mehrere neue Serien. Dabei recycelte er mehrere Ideen für seine Heroïc-Serie Felix für Gil Jourdan (dt. Jeff Jordan) und andere Szenarios.

Reddition 73 page 4

Stilistisch hatte er sich zu einem der bekanntesten Vertreter der Marcinelle-Schule entwickelt. Inhaltlich verstand er es wie kaum ein anderer, Humor, Slapstick und Spannung zu verbinden. Kern seiner Szenarios war dabei oft ein Dreigespann aus gradlinigem, etwas langweiligem Helden und zwei Sidekicks, die für den Humor zuständig waren. Der Artikel beschreibt sehr detailreich und wie immer sehr gut lesbar die Entwicklung vom Anfänger hin zum zu früh verstorbenen Meister.

Neben diesem Überblicksartikel gibt es wie immer eine ganze Reihe von Beiträgen, die sich einzelnen Aspekten widmen. Von Volker Hamann stammt die Analyse der Zeit von Heroïc. 1945 gegründet von Fernand Chevenal brachte das Magazin anfangs monatlich, später zweiwöchentlich im Gegensatz zu Spirou oder Tintin jeweils eine abgeschlossene Geschichte. Tillieux war einer der beliebtesten Künstler und steuerte unter anderem 67 Felix-Abenteuer bei.

Nach dem Ende von Heroïc kam der Wechsel zu Dupuis und mit dem auch in Deutschland beliebten Gil Jourdan eine neue Serie. Volker Hamann und Roland Mietz beschreiben, wieviel Felix in der neuen Serie steckt und was anders war. Bestandteil des Artikels ist aber auch der Übergang vom Gesamtpaket zum reinen Szenaristen der 1970 das Fertigen der Zeichnungen an seinen Assistenten Gos übergeben hatte.

Reddition 73 page 11

Der Szenarist

Der zweite Teil des Dossiers widmet sich den Zeichnern, denen Tillieux Szenarien geschrieben hatte. In den 70-er Jahren wurde eine Vielzahl von Serien von ihm beliefert und tatsächlich war er auch mit ursächlich für die Wandlung der Anerkennung der szenaristischen Leistungen. Auch durch ihn wurde aus einem sozusagen Subunternehmer ein gleichberechtigter Beiträger.

Hier die einzelnen Beiträge inhaltlich zusammengefasst widerzugeben würde sicherlich den Rahmen einer Besprechung sprengen. Ihr findet (ebenfalls sehr spannend geschrieben, informativ und kurzweilig zu lesen!) Artikel zu Gos und Arthur Piroton (Falk Straub), Francis Bertrand, Marcel Remacle und René Follet (von Stefan Schmatz) und Francois Walthéry (Jan Roidner). Allein diese Aufzählung lässt schon erahnen, wie vielseitig die Geschichten waren.

Reddition 73 page 36

Allen Beiträgen der Ausgabe ist gemeinsam, dass sie nicht nur sehr faktenreich, sondern auch reich illustriert daherkommen. So ist einerseits die zeichnerische Entwicklung sehr gut nachzuvollziehen, andererseits sind aber auch viele Beispiele der anderen Zeichner enthalten. Abgerundet wird das ganze durch Fotos, Cover und Illustrationen, etwa Darstellungen der Künstler durch die anderen. Diese Kombination aus Text und Illustrationen ist eines der Markenzeichen der Reddition!

Und sonst?

Was wäre ein Dossier ohne eine Comicografie? Und so hat Volker Hamann natürlich wieder alle bekannten Informationen über das zeichnerische Werk von Maurice Tillieux in eine Übersicht gebracht, die die originalsprachliche Erstveröffentlichung und die deutschen Ausgaben enthält.

Für Abonnent*innen gibt es wie immer ein Goodie: Eine Geschichte mit Bob Slide aus Spirou 1524 in deutscher Erstveröffentlichung. Das wäre im Übrigen auch die erste Ergänzung zur Bibliografie.

Beilage Reddition 73
Die limitierte Abo-Beilage

Die Reihe ist für jede*n mit Interesse an Comics eigentlich ein Muss! Ein Thema wird ausführlich und zusammenhängend beschrieben und mit Illustrationen so angereichert, dass auch klar wird, worauf die Aussagen beruhen. Zudem enthalten die Artikel genügend Quellenangaben, um ggf. tiefer einzusteigen, sind aber keine unlesbare akademische Arbeit. Und zuletzt ist die limitierte Beigabe schon ein echter Grund, ein Abo abzuschließen!

Dazu passen ein Tonic mit Eis und Minze und fröhliche Ska-Musik, etwa von Desmond Dekker.

© der Abbildungen Dupuis 1959 ff by Tillieux, Verlag Volker Hamann 2021

Katzenjammer Kauderwelsch

A Comic-Pionier-Story

Ein Film von Martina Fluck / YUCCA Filmproduktion

Uraufführung 3. November 2019, ab 2020 in den Kinos

Dauer 1:25

Film auf DVD plus Hardcover (64 Seiten)

ISBN: 978-3-96234-038-4 | 20,00 €

Cover Katzenjammer Kauderwelsch

Dies ist in gewisser Weise eine Premiere auf comix-online: Ich habe zwar schon mal einen Artikel verfasst über eine Fernsehserie nach einem Comic aber noch nie über einen eigenständigen Film! Tada! Katzenjammer Kauderwelsch führt uns zurück zu den Anfängen des Comic-Strips, zu den norddeutschen Wurzeln zweier Comic-Pioniere und ihrer Zielgruppe der deutschen Einwanderer. Nach einigen Vorführungen auf Festivals und einer Corona-bedingt eingeschränkten Kino-Präsenz ist er nun als Video für alle erhältlich.

Die Dirks-Brüder

Der Film von Martina Fluck ist als Dokumentarfilm eine sehr persönliche Annäherung eines Comic-Zeichners – Tim Eckhorst – an die Gebrüder Dirks. Basis des Ganzen ist die gemeinsame Geburtstadt, denn die beiden Brüder waren als Kinder in sehr frühem Alter mit ihren Eltern aus Heide in Schleswig-Holstein in die USA ausgewandert. Rudolph Dirks startete bereits 1897 mit einem Strip für Randolph Hearst, den Katzenjammer Kids und war damit unter den Pionieren der neuen, erfolgreichen und auch einträglichen Kunstform. Mehr zu der Geschichte der Zeitungsstrips in der Reddition 71.

Detail Cover Katzenjammer Kauderwelsch

Die Kids erzählten Geschichten über die Streiche zweier kleiner Jungen namens Hans und Fritz, die im Regelfall mit einer Tracht Prügel von Mama oder dem Captain endeten. Ein gewisser Einfluss von Max und Moritz ist dabei sicherlich nicht zu verkennen. Die Sprache der Akteure war eine Mischung aus Deutsch und Englisch und damit sehr nah an dem Mischmasch der deutschen Einwanderer, für Amerikaner aber immer noch gut verständlich. Dirks arbeitete bereits mit noch heute benutzten Elementen des Comics; Symbole anstelle von Worten, Lautworte und Bewegungslinien gehörten zu seinem Repertoire. Inhaltlich führte er wahrscheinlich die erste Patchworkfamilie ein, denn der Captain ist nicht der Vater der Jungen.

Es kommt zu einem im Film nachvollziehbar nachgestellten Konflikt. Rudolph Dirks möchte seine Serie für ein Jahr unterbrechen, möglicherweise auch einfach nur (noch) mehr Geld dafür bekommen. Jedenfalls kommt es zu einem Rechtsstreit in dem Hearst das Recht an dem Strip und seinem Titel, Dirks das Recht an den Figuren unter einem neuen Titel zugesprochen werden. 2006 ist dann Schluss für die Katzenjammer Kids, der zweite Dirks-Strip unter dem neuen Titel The Captain and the Kids war bereits 1979 eingestellt worden.

Gus (Gustav) Dirks war der jüngere Bruder. Da er nicht für eine lokal begrenzte Zeitung arbeitete, sondern für überregionale Zeitschriften war er aber auch der Bekanntere und Erfolgreichere. Sein Selbstmord mit 24 Jahren war eine landesweite Schlagzeile. Bekannt wurde er mit Tiergeschichten, bzw. der Vermenschlichung von Tieren. Und auch diese Anfänge haben mittlerweile eine lange Tradition.

Detail Cover Katzenjammer Kauderwelsch Gus

Der Film

Alle diese Inhalte werden von Tim Eckhorst im Film sowohl durch „Live“-Zeichnungen als auch durch Originale und Interviews verdeutlicht. Wir begleiten den Künstler aus Heide auf seinen Streifzügen durch New York und die Künstlerkolonie Ogunquit, besuchen Verwandte und den letzten Zeichner der Katzenjammer Kids und PopeyHy Eisman – und erfahren somit quasi in Echtzeit Stück für Stück das Leben und die Herausforderungen der beiden Ausnahmekünstler.

Die Regisseurin nimmt sich Zeit und lässt ihren Helden in eigenen Erinnerungen schwelgen oder über die potenzielle Lautmalerei von Krankenwagensirenen in New Yorker Baum-Zeichnungen sinnieren. Sie entschleunigt damit die heutige Welt, um Zeit zu haben für die persönliche Annäherung und das Begreifen der Persönlichkeiten. Die Zuschauer*innen bemerken dadurch gar nicht sofort, wieviel Information wirklich mitgeteilt wird und wieviel kenntnisreicher sie am Ende des Films seien werden.

Detail Cover Katzenjammer Kauderwelsch Dirks

Das Begleitbuch

Es wäre aber nicht genug, nur den Film zu sehen. Das Begleitbuch zum Film fasst wesentliche Kernpunkte zum Nachlesen zusammen und sichert dadurch ein wenig Nachhaltigkeit. Für mich besonders auffällig ist die Verknüpfung der grafischen Gestaltung mit den Inhalten. Der an Holzschnitte erinnernde Zeichenstil Tim Eckhorsts wird einerseits für Porträts der gerade vorgestellten Personen benutzt, dient aber auch der Darstellung der Umgebung oder prägender Szenen. Diese Illustrationen schaffen damit eine Verbindung über die Jahrhunderte von der Überschiffung aus Heide/Holstein in die USA 1884 über die Erfolge der Strips der Dirks-Brüder bis hin zu den Ausführungen des letzten Zeichners der Katzenjammer Kids – Hy Eisman.

Diese Zeichnungen schaffen aber auch die Verbindung zu dem Film, denn dort werden sie gemalt. Das Büchlein schafft es also, die Erinnerungen an die Inhalte an bekannte Elemente – die Zeichnungen – zu knüpfen und damit hoffentlich zu verstetigen.

Detail Cover Katzenjammer Kauderwelsch Rechtstreit

Warum man dieses Video haben sollte

Einerseits sollte sich jede*r Comicinteressierte über gut gemachte Sekundärliteratur freuen. Ein mehr an Wissen über die Herkunft und Geschichte der Künstler, die künstlerischen Methoden und die Rezeptionsgeschichte vergrößern den Genuss der Werke ungemein. Insbesondere natürlich dann, wenn auch dieses Wissen in einer tollen Form dargeboten wird. Dieses Werk ist ein wenig anders, denn das Wissen befindet sich nicht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern liegt als Film vor. Das ist zwar nicht einzigartig aber doch Besonders und sollte auch angenommen werden.

Meine Empfehlung für einen der kommenden Abende an denen ihr aufgrund der Ausgangs- und Kontaktsperre sowieso zuhause seid! Dazu passen dann ein leicht gekühlter leichter Frühlingswein und natürlich ausnahmsweise mal keine Musik! Hier geht es zum Trailer.

© der Abbildungen 2019/2020 Yucca Filmproduktion / Ch. A. Bachmann Verlag / Tim Eckhorst sowie die jeweiligen Urheber der Abbildung

Braun – Will Eisner

Graphic Novel Godfather

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung

Autor: Dr. Alexander Braun

Avant Verlag

Hardcover XL-Format | 384 Seiten | Farbe | 39,00 €

ISBN: 978-3-96445-050-0

Cover Braun - Will Eisner Graphic Novel Godfather

Dr. Alexander Braun ist einer der renommiertesten Autor*innen über Comics, Sammler und aktuell von der Stadt Dortmund engagiert um den dortigen schauraum comic + cartoon für drei Jahre mit Ausstellungen zu bestücken. Zu den Präsentationen, die kostenfrei (!) besichtigt werden können, gehört jeweils auch ein Katalog. Bisher wurden diese von den Kulturbetrieben der Stadt verlegt. Die aktuelle Ausstellung ist allerdings gleich für mehrere Orte konzipiert und wird nach Dortmund auch (hoffentlich so denn die Mutationen und Impfungen mitspielen) 2022 in Erlangen, im Cartoonmuseum Basel und in Schleswig zu sehen sein. Der Begleitband durfte also etwas schwergewichtiger ausfallen. Aktuell bleibt ein virtueller Besuch möglich.

Die Person Will Eisner

Der Band über den Graphic Novel Godfather beginnt gar nicht mit ihm selbst sondern mit einer Nebenfigur und der bis dahin unbekannten Art der Einbeziehung der Leser*innen in die präsentierte Geschichte. Will Eisner hatte schon früh begonnen, die Grenzen der (damals angesagten) maskierten Superhelden-Comics zu überschreiten und auszudehnen. Nicht nur, dass der Spirit, sein Held, keine echte Maske trug, er brach auch mit fast allen anderen Konventionen: kein Serienlogo, sondern anspruchsvolle Splashpanels als Opener mit in die Komposition integriertem Schriftzug; der „Held“ war öfters kaum in der Geschichte präsent, ja wird sogar zusammen mit seinem Zeichner in einer Metaebene karikiert und es standen die „kleinen Leute“ im Vordergrund.

Page 5/6 Braun - Eisner introduction

Auffällig ist die Eigenart Eisners, die Leser*innen einzubeziehen, in dem Teile der Handlung sich direkt an sie richten, ihr Wissen dem der „Handelnden“ überlegen ist und doch die Katastrophe nicht abgewendet werden kann. Die dazu notwendigen Bildausschnitte und sonstigen Techniken werden von Braun mit vielen kleinen Beispielen dargestellt und erläutert. Dabei verlieren die Ausführungen nie die Leichtigkeit einer Plauderei obwohl sie mit genau geplanten Sätzen auch das kleinste Detail sezieren und präsentieren.

Die beiden ersten Karrieren

Abgesehen von dem Appetithäppchen gleich zu Beginn, dass natürlich dazu verleiten soll, am Ball zu bleiben, folgt der weitaus größte Teil des Buches der Lebenschronologie von Eisner. Angefangen mit der Auswanderung seines Vaters aus Österreich (als Alternative zur Selbstverstümmelung um dem Kriegsdienst zu entgehen) und der späteren Heirat über die ersten Anfänge des jungen Will wird zunächst die Basis gelegt. Die Eisners waren arm, aber doch bessergestellt als aus Osteuropa eingewanderte Juden und auch assimilierter. Eisner gründete zusammen mit Bob Iger ihr erstes Studio, um Zeitungen mit einem kompletten Comic-Supplement zu versorgen, von dem dann wiederum der Spirit die Hauptgeschichte war.

Page 32/33 Braun - Eisner

Anders als der Vater war Will durchaus bereit, gegen die Faschisten in den Krieg zu ziehen, auch wenn er tatsächlich den Kriegsdienst an der Heimatfront mit dem Zeichnen von „educational comics“ verbringen sollte. Während dieser Zeit war der Spirit ohne ihn fortgeführt, nach Kriegsende aber wieder von Eisner übernommen worden. 1952 war diese Phase zu Ende und der Künstler konzentrierte sich mit einer neuen Firma komplett erneut auf Sachcomics, hauptsächlich wieder für die US Army. Die Einheit von Text und Bild, die er immer angestrebt hatte, war hier wieder gefragt, denn es ging darum Nutzer*innen von technischem Gerät mit Informationen zu versorgen die im Gegensatz zu den existierenden langwierigen Erläuterungen auch gelesen (und befolgt) würden.

Restart und etwas ganz Neues

1969 musste die Familie Eisner einen schweren Schicksalsschlag, den krankheitsbedingten Tod der Tochter, verdauen. Während das Will und seiner Frau Ann noch halbwegs gelang wurde der Sohn nie wirklich damit fertig und selbst zum Problemfall. Alexander Braun beschreibt diese Zeit eindringlich und auch die damit zeitlich einhergehenden Veränderungen: Eisner beendete die Arbeit für die US Army, verkaufte seine entsprechende Firma und nahm erstmals an einer der neuen Comic Conventions teil. Schlussendlich führte das zu einer für den Rest seines Lebens andauernden Freundschaft und Geschäftsbeziehung zu Dennis Kitchen.

Page 54/55 Braun - Eisner

Diese führte nicht nur zu neuen Arbeiten von Eisner, sondern zu einer Neuausgabe des Spirit und zu neuentfachtem Feuer für neue Darstellungsformen. Das erste greifbare Ergebnis davon war die Graphic Novel „Vertrag mit Gott“ der dann weitere folgten. Erstmals hatte Eisner es geschafft und eine Erzählung mit Bildern in einem Literaturverlag platzieren können und nebenbei auch den richtigen Zeitpunkt für dieses neue Genre getroffen. Und wieder leitet Alexander Braun an vielen Beispielen her was dieses Neue eigentlich ist, wie es konstruiert ist und warum es wirkt. Dabei geht es auch um die Verarbeitung der eigenen Trauer über den Tod der Tochter.

Die Themen der folgenden Graphic Novels drehen sich um die eigene Familie (in schonungsloser Offenheit!), jüdische Lebensverhältnisse in den Staaten, die Geschichte einer Straße, sind aber immer auch basiert in der Eisnerschen Lebenswelt und damit auch auf dem erlebten Antisemitismus, Armut und Ausbeutung. Eines der bekanntesten Werke dürfte wahrscheinlich „Ich bin Fagin“ sein. Hier baut Eisner auf Charles Dickens auf und setzt dem dort vorhandenen antisemitischen Konstrukt des „Juden“ eine andere Sichtweise entgegen, um eine bessere Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen. In die gleiche Richtung zieht seine Schrift gegen die Hetzschrift der angeblichen Protokolle der Weisen von Zion.

Der Output war aber nicht nur Comics und Graphic Novels sondern auch Interviews, Analysen und vor allem zwei Sekundärwerke über die Kunst der grafischen Erzählens mit den Mitteln der „Sequential Art“.

Eine ganz persönliche Auseinandersetzung

Ich habe schon einiges, ausgezeichnetes von Alexander Braun gelesen. Ich bewundere seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte einfach darzustellen, aufzubröseln und dadurch nachvollziehbar zu machen. Hier gibt es kein Geschwafel über künstlerisches Ziel, sondern eine auf das handwerkliche heruntergebrochene Erklärung warum etwas wirkt und was es auslöst. Durch die schiere Menge der Illustrationen kann das auch nachvollzogen werden und das Überformat des Buches hilft dabei natürlich auch: Die Zeichnungen sind so groß, dass auch Details gut erkennbar sind.

Der Text ist aber gleichzeitig sehr persönlich geschrieben. Braun versucht sich in die Rolle Eisners zu versetzen, um ihn zu verstehen und ist dabei weder unkritisch, fanboy-haft noch bewertend. Er scheut sich auch nicht, eigene Theorien aufzustellen und diese im Interview mit Dennis Kitchen zu überprüfen. Dadurch wird das Werk spannend wie ein Krimi und lädt dazu ein, die (durch Corona eh häuslichen) Abende mit diesem Buch zu verbringen.

Page 75/76 Braun - Eisner Graphic Novel godfather

Das wiederum ist fast schon ein coffeetable-book, 25 x 32 cm groß und 4 cm dick! Da sich der Avant-Verlag entschieden hat, sehr stabiles, hochwertiges Papier zu verwenden, ist es auch nicht gerade leicht. Es lohnt sich aber uneingeschränkt (und ist nebenbei bemerkt für diesen Preis ein echtes Schnäppchen)! Für mich ein ernstzunehmender Kandidat für das Sachbuch des Jahres und eigentlich ein Must-Have für alle, die Comics nicht nur lesen wollen. Und wer kann sollte nach dem Genuss des Titels (erneut) die Ausstellung besuchen und die Werke im Original betrachten.

Dazu passen das Joe Alterman Trio (mit Jon Liebman und Nick Johnson) und ein Bier von He’Brew.

© der Abbildungen 2021 Will Eisner Studios, Inc. / 2021 THE SPIRIT ist eine geschützte Marke der Will Eisner Studios, Inc. / 2021 Alexander Braun für alle Texte / 2021 Avant Verlag

Stellmann – Science Fiction Pop Art Nick

Die sensationelle Dokumentation über Hansrudi Wäschers „Nick, der Weltraumfahrer“

Text: Kai Stellmann
Originalausgabe

Verlag Pegasos-Comics UG

Hardcover | 276 Seiten | Farbe | 36,00 €
ISBN:978-3-9821984-0-8

Cover Stellmann Nick, der Weltraumfahrer

Deutschland, Ende der Fünfziger Jahre: Die Kriegsfolgen sind größtenteils überwunden, das Wirtschaftswunder hat Fuß gefasst, die Stimmung ist aber immer noch stark konservativ geprägt. Aus den USA ist eine Kampagne herübergeschwappt die Bildgeschichten für den Auslöser von Verrohung der Jugend hält und schon wieder zur Verbrennung von Schund aufruft. Es gibt eine Institution die Publikationen auf Verstöße gegen den Jugendschutz überprüft und gegebenenfalls indiziert. Trotzdem lassen sich viele Kinder und Jugendliche den Spaß nicht verbieten und kaufen oder tauschen Piccolos, kleine Hefte mit farbigem Umschlag und einem Streifen an schwarz-weißen Bildern, die anfangs für 20 Pfennig verkauft werden.

Der Autor, Kai Stellmann, hat diese Zeit als Kind selbst erlebt. Er beschreibt die Piccolos nicht aus der Sicht des Sammlers, sondern als Leser und Fan. In späteren Jahren hat er selbst eine Buchhandlung für Comics in Bremen geführt und Comic-Käufer*innen wie mich beraten.

Für 20 Pfennig Abenteuer

Während anfangs viele der Comics-Serien als Übersetzungen aus Italien kommen, hier aber oft der Indizierung zum Opfer fallen, setzt sich im Laufe der Zeit ein Name immer mehr durch: Hansrudi Wäscher. Dieser hatte als Kind in der Schweiz lange Zeit im Bett verbringen müssen und dort italienische Comics verschlungen. Als Erwachsener sollte er einen riesigen Ausstoß von Bildgeschichten produzieren und zum wesentlichen Zeichner der später nach dem bekanntesten Verlag sogenannten Generation Lehning werden.

Wäscher zeichnete und textete Dschungelabenteuer, Rittergeschichten und Science-Fiction für mehr als 1100 Piccolos und über 400 Großbände in nur 15 Jahren und bewies damit seine Ausnahmestellung. Dazu muss gesagt werden, dass die produzierten Seiten nicht nur quantitativ aus der Masse hervorstechen, sie waren auch für die damalige Zeit auf einem qualitativ sehr hohen Niveau und wurden vielfach nachgedruckt bzw. fortgesetzt. Es stellt sich daher die berechtigte Frage nach der Herkunft all der grundlegenden Ideen für diese doch sehr unterschiedlichen Genres.

Detail Stellmann Nick, der Weltraumfahrer 1

Quellen der Inspiration

Für die Serien um Nick, zunächst als Der Weltraumfahrer, später als Pionier des Weltraums hat Kai Stellmann sich in jahrelanger Recherche bemüht, alle Einflüsse aufzuspüren und zusammenzustellen. Die „sensationelle Dokumentation“ Science Fiction Pop Art beschreibt akribisch für jeden der 13 Piccolo- und 10 Großband-Zyklen die Werke, aus denen Wäscher seine Ideen gezogen hat. Die Ursprünge liegen teils in Romanen, teils in Comics und Zeitungsstrips, verwerten aber auch Science-Fiction-Filme der damaligen Zeit.

Ich möchte hier nicht spoilern und auf Quellen verweisen, ein paar seien aber gestattet: Brick Bradford, Mystery in Space und Metaluna 4 antwortet nicht. Auch Nick war natürlich selbst wieder eine Quelle für Folgewerke und so sind auch Hinweise auf diese Rezeptionen, z. B. in Perry Rhodan oder Verfilmungen wie Stargate in der Ausarbeitung enthalten.

Detail Stellmann Nick, der Weltraumfahrer 2

Der Aufbau der einzelnen Zyklen folgt immer dem gleichen Schema: Auf eine grobe Inhaltsangabe der einzelnen Hefte bzw. Großbände folgt eine Herleitung welche Quellen Wäscher vermutlich benutzt hat und meistens auch noch eine tabellarische Übersicht der einzelnen Sequenzen oder Motive. Dabei arbeitet Stellmann auch mit vielen Bildzitaten, um deutlich zu machen, dass Details sehr eng kopiert worden sind. Alle diese Auflistungen haben aber nicht das Ziel, den Autor der tausende von Seiten erstellt hat als Plagiator zu bezeichnen. Im Gegenteil, Stellmann treibt eine große Ehrfurcht vor Wäscher und seiner Fähigkeit, Elemente neu zu verknüpfen oder sogar erstmals vertieft und vollständig darzustellen.

Der Kauftipp

Der Autor bringt immer wieder Querverweise auf andere Serien von Wäscher, bezieht die späteren Abenteuer mit ein und verknüpft die damaligen Lebensumstände direkt mit dem Serieninhalt, etwa wenn es um Ideen eines Serienendes geht. Persönlich wird es dann, wenn die auf der beiliegenden CD befindlichen Stücke in den Kontext von Nick gestellt werden. Warum ist das jeweilige Stück entstanden und wer war beteiligt? Dieses eingeflossene Herzblut unterscheidet dieses Buch von einem trockenen Sachbuch!

Detail Stellmann Nick, der Weltraumfahrer 3

Insofern ist die Dokumentation Science Fiction Pop Art nicht nur ein Blick hinter die Kulissen, sondern ein Must-Have für die Generation Lehning, Wäscher-Fans im Allgemeinen und auch für Liebhaber*innen der Science-Fiction der 50-er Jahre, egal in welchem Medium. Und nebenbei bemerkt: Für die akribische Arbeit und die liebevolle Ausgestaltung im eigenen Verlag mit CD ist das Preis-Leistungs-Verhältnis mehr als angemessen!

Natürlich passt dazu nur die auf der beiliegenden CD enthaltene Musik von Wolfsmond bzw. den Wild Black Jets. Man kann sich hier festlesen, deshalb kann ein Old Pulteney nebst einer Flasche Wasser nicht schaden.

© der Abbildungen 2020 Pegasos-Comics UG (haftungsbeschränkt)

Reddition 72 – Blake und Mortimer

Dezember 2020 – 75 Jahre Blake und Mortimer

Herausgeber: Volker Hamann
Verlag Volker Hamann, Edition Alfons
Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 12,00 €
ISSN: n/a

Die Reddition ist der zweimal jährlich angetretene Beweis, das sachkundige Informationen mit einer Länge von mehr als einer Zeitschriftenseite spannend dargeboten werden können! Bereits im 36. Jahr präsentieren Volker Hamann und ein Team von Autoren Dossiers zu unterschiedlichsten Themengebieten. Selten ist dabei ein Comic der Fokus einer ganzen Ausgabe. Die Serie Blake und Mortimer war die erste, der diese Ehre vor elf Jahren erwiesen worden war. Nun, 21 Ausgaben später, hat sich so viel ereignet, dass das lange vergriffene Dossier eine erweiterte Neuauflage bekommt.

Online würde die Nachfrage das Angebot nicht übersteigen können, könnten Ergänzungen oder Richtigstellungen in das Vorhandene integriert werden und somit eine ständige Up-to-dateness erreicht werden. Es würde aber auch die Möglichkeit verschwinden, dass sich Teams für eine gewisse Zeit vergraben und dann mit etwas Neuem kommen, um es im Anschluss für wieder etwas Neues auch vergessen zu können. Insofern bin ich froh, dass dieses doch kleine Team eine so breit gefächerte Wissensbasis hat und immer wieder neue Themen aufbereiten kann! An dieser Stelle ein Dankeschön!

Warum Blake und Mortimer?

Blake und Mortimer ist eine „alte“ Serie. Die erste Seite der ersten Folge von Edgar P. Jacobs erschien bereits am 26. September 1946 in der ersten Nummer von Tintin. Sie sollte über die Zeit des Magazins immer ein Zugpferd bleiben, auch wenn die Abstände zwischen den einzelnen Episoden bereits zu Lebzeiten von Jacobs lang waren. Mittlerweile haben mehr und mehr Klassiker den Tod der Schöpfer überlebt und sich durch andere Künstler*innen mehr oder weniger runderneuert fortführen lassen.

Blake und Mortimer hat aber eine gewisse Alleinstellung in dieser Liste denn es arbeiten mehrere Teams parallel aber alle innerhalb einer gemeinsamen Kontinuität. Dadurch können einerseits Lücken innerhalb der Originale gefüllt oder angerissene Fäden weitererzählt werden, andererseits aber auch leere Zeiträume für ganz neue Stränge genutzt werden. Grenzen werden eigentlich nur durch Geburt und Tod gesetzt. Und auch das Publikum hat mitgezogen denn die Serie hat immer noch hohe Auflagen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Serie auch nach 75 Jahren lebt und wächst.

Jacobs ist immer als ein Vertreter der Klaren Linie gehandelt worden und so war es relativ klar, dass auch die folgenden Zeichner diesem Stil oder seiner Weiterentwicklung verbunden sein sollten. Selbst diese Vermutung gilt aber nicht mehr, denn mit Francois Schuiten hat auch ein Vertreter einer ganz anderen Technik seinen Beitrag abgeliefert. Gründe für eine vertiefte Beschäftigung mit dieser Serie gibt es also zu Hauf!

Die Beiträge

Der längste Beitrag ist Edgar P. Jacobs gewidmet; Volker Hamann beschreibt den beruflichen Werdegang des Menschen, seine Arbeitsweise und ein paar seiner Eigenheiten. Im Folgenden werden drei Werke im Speziellen vorgestellt, die animierten TV-Folgen (von Peter Osterried) und Der Kampf um die Welt sowie das gelbe M von Michael Hein. Exemplarisch werden hier Motivation, Umsetzung aber auch akribische technische Vorbereitung geschildert. Jacobs wollte nicht bei dem Bekannten stehen bleiben aber auch nicht in das Unvorstellbare, Nicht-ableitbare abgleiten und führte daher ausgiebige technische Diskussionen.

Nach dem Ableben von Jacobs wurde zunächst Bob de Moor verpflichtet, ein bereits fast komplett ausgearbeitetes Szenario umzusetzen. Bernd Hinrichs beschreibt den Versuch, der wohl nicht als sehr erfolgreich in die Annalen eingehen wird. Der Verlag – mittlerweile Les Editons Blake et Mortimer – hatte zu lernen, dass neue Bände aus dieser Reihe eine lange Vorbereitungszeit benötigten. Man entschloss sich daher, mehrere Teams parallel an ihren Interpretationen arbeiten zu lassen. Sie mussten nur dem Konzept der Reihe zustimmen und gewisse Auflagen erfüllen.

Jedes dieser Teams hat einen eigenen Artikel und wird mit Beschreibung des Inhalts und Stils, Einordnung des Werkes in die Serie und – natürlich – einer Unmenge an Illustrationen eingeführt. Die Beiträge kommen von Volker Hamann, Bernd Hinrichs, Peter Nover, Stefan Schmatz und Alex Jakubowski und beleuchten die Vielfalt der Epigonen.

Das Heft

Abgeschlossen wird das Dossier wie immer mit einer aktuellen und umfassenden Bibliografie der einzelnen Veröffentlichungen der Comicserie aber auch von Parodien und Sekundärwerken. Wer also schon immer wissen wollte, welche Folge in welcher Zeitschrift vorabgedruckt worden war oder wie sich die verschiedenen deutschen Ausgaben unterscheiden, wird hier auf jeden Fall fündig!

Und ebenso wie immer kommt der Hinweis, dass es sich lohnen könnte, die Reddition zu abonnieren. Nur für diejenigen mit Abo gibt es nämlich immer ein kleines Sahnestückchen obendrauf, in diesem Fall eine Blake und Mortimer Kurzgeschichte von Ted Benoit aus dem Jahr 2005.

Man mag ein von der Reddition gewähltes Thema nicht mögen; ich kann mir aber nicht vorstellen das irgendjemand nach der Lektüre feststellen kann, gelangweilt zu sein oder nichts Neues gelernt zu haben! In diesem Sinne der Tipp für den Weihnachtslockdown! Zurecht ist auch 2020 die Reddition in der Jahresbestenliste von comix-online vertreten!

Dazu passen würden dann eine Kanne Kaffee, ein oder zwei kleine Eierlikörchen (bevorzugt selbstgemacht) und die neue von Dr. Ring Ding!

© der Abbildungen Les Editions Blake & Mortimer (Dargaud-Lombard s.a.) by E.P.Jacobs/2020 Verlag Volker Hamann, Edition Alfons

Jahresrückblick 2020

Corona, Tops & Flops und gute Wünsche

Ein seltsames Jahr geht zu Ende. Schon lange war immer wieder befürchtet worden, dass eine bisher unbekannte Krankheit sich pandemisch ausbreiten und unzählige Tote verursachen könnte. Mit COVID-19 ist dieses Schreckgespenst Realität geworden und was bisher undenkbar schien ist plötzlich Alltag: Die Menschen tragen auch in Europa Masken wenn sie aus dem Haus gehen, Geschäfte sind über längere Zeiträume geschlossen, ja, es gibt sogar Ausgangssperren. In einigen Gebieten können die Toten nicht mehr schnell genug beerdigt werden und die Krankenhäuser sind über die Kapazitätsgrenzen hinaus mit Patient*innen belegt. Vor einem Jahr wäre das einzig ein Szenario für ein Katastrophensetting gewesen.

Corona hat auch den Comic-Markt ein wenig durcheinander gewirbelt: Erlangen hat nur digital stattgefunden, die Comic-Cons sind ausgefallen, die Rudolph-Dirks-Awards wurden ohne Publikum verliehen, der Gratis-Comic-Tag wurde auf den September dezentralisiert und findet in 2021 gar nicht statt.

Ich wünsche euch und uns allen, dass das kommende Jahr besser wird, die Krankheit mit Impfungen eingedämmt werden kann, und Verschwörungstheoretiker*innen wieder im Keller verschwinden. Vielleicht können wir ja sogar den gemeinsamen Willen, Sterbefälle nicht einfach hinzunehmen, auf andere Ursachen ausdehnen. Andere Gefahrenquellen gibt es genügend.

R.I.P.

Auch 2020 sind wieder viele Akteure im Comicgeschäft verstorben; Größen der franko-belgischen Tradition wie auch der US-amerikanischen sowie ein „Urgestein“ der deutschen Comic-Szene. Da ich hier keineswegs einen vollständigen Nekrolog bieten kann und möchte, sei an die folgenden Namen exemplarisch erinnert: Wolfgang J. Fuchs, Albert Uderzo, Mort Drucker, Dennis O’Neil, André-Paul Duchâteau, Alex Varenne, Malik und Richard Corben.

Die besten Comics in 2020

Ich möchte heute meine Favoriten aus den Erscheinungen von 2020 vorstellen: rein subjektiv und unbeeinflusst. Um das etwas zu gliedern erfolgt die Vorstellung in fünf Kategorien: Alben, Graphic Novels, Gesamtausgaben, Sekundärwerke und Zeitschriften. Dazu kommt dann noch die Reihenfolge der Beiträge basierend auf den Zugriffszahlen in 2020. Wer möchte sei dazu aufgefordert, die eigene „Bestenliste“ als Kommentar zu posten!

Album des Jahres

Für mich ein wenig unerwartet, aber der beste Comic kommt tatsächlich aus dem Superheldenbereich: Joker/Harley – Psychogramm des Grauens ist eine vielschichtige Story von Kami Carcia ohne Schnickschnack, Superkräfte oder göttliche Wesen. Elemente aus Cop-Serien, Psychologie und DC-Universe werden geschickt verwoben und das mit außergewöhnlichem Artwork! Ich bin sehr gespannt auf die beiden noch fehlenden Teile dieser Miniserie unter dem Black Label.

Lucky Luke begleitet mein Leben schon seit fast fünfzig Jahren. Irgendwie immer lustig, gut gezeichnet aber auch ein wenig austauschbar. Schon die letzten Bände von Achdé und Jul haben gezeigt, dass sich das mehr und mehr ändert, aber die Fackeln im Baumwollfeld sind wirklich beeindruckend: aktuelle Themen, der erste farbige Hauptcharakter, starke Frauenfiguren und ein Humor, der auf verschiedenen Altersstufen wirkt, ohne aufgesetzt zu sein! Platz 2!

Platz 3 geht an ein Endzeitszenario: Zep hat mit The End einen Ökothriller allererster Güte abgeliefert. Die Natur schlägt zurück, ist aber doch noch irgendwie versöhnlich dabei. Unterlegt mit dem Refrain eines Doors-Song entwickeln die Bilder eine sehr eigene Stimmung.

Der vierte Rang geht an die Kronieken van Amoras: Legendre und Cambré haben die klassische All-Age-Serie Suske en Wiske auf eine sehr spannende Weise modernisiert und auf ein Niveau für Erwachsene gehoben. Umweltpolitik, Korruption, Gewalt, Arbeitslosigkeit; es gibt kaum ein aktuelles Thema, das nicht irgendwie in die Stories eingeflossen ist. Dazu kommt ein enormes Arbeitstempo der beiden Künstler. Wer kein Niederländisch versteht, darf sich trotzdem freuen: vom Sommer 2021 an wird die Amoras-Sage im ZACK erscheinen.

Und nicht zu vergessen Aristophania! Gute Hexen und Zauberer gegen die Truppen des Verbannten Königs und mittendrin ein paar Kinder, die Hoffnungsträger*innen sein könnten. Grandiose Landschaften und eindrucksvolle Emotionen von Joel Parnotte, eine spannende Story von Xavier Dorison, was will man mehr!

Die besten Graphic Novels in 2020

Bei den Graphic Novels hat es in 2020 so viele gute gegeben, dass die Auswahl wirklich schwerfällt. Trotzdem musste ich mich für fünf entscheiden:

Platz 1 geht an Der Wolf von Jean-Marc Rochette! Der uralte Kampf zwischen Tier und Mensch, gegen die Unbillen der Natur und das Eindringen der Zivilisation auch in die letzten Schutzräume werden mit großartigen Bildern erzählt! Ein Beweis dafür, dass ein Comicprogramm nicht groß sein muss, um tolle Sachen zu produzieren!

Unmittelbar darauf folgt mit CH Links ein Verlag, der eigentlich nicht für Comics bekannt ist: Meine freie deutsche Jugend erzählt die Geschichte über das Heranwachsen in der ehemaligen DDR, mit allen Situationen, die nur dort passieren konnten, aber auch dem Charme der Kindheitserinnerungen. Dies gelingt ohne Hass und auch das ist erwähnenswert! Eine gute Adaption des Romans von Claudia Busch durch Thomas Henseler und Susanne Buddenberg.

Platz drei geht an Omaha, eine Geschichte nur für Erwachsene! Kate Worley erzählt die Geschichte einer Frau, die ihren Platz in der Gesellschaft sucht und mit männlichen Machtstrukturen, Bigotterie, Korruption, Erpressung und Mord aber auch mit Liebe und Freundschaft umzugehen hat. Die Bilder von Reed Waller sind teilweise mehr als freizügig aber nie voyeuristisch! Klassiker der Independents und der Fur-Art, der jetzt wieder aufgelegt wird.

Platz 4 ist eine Literaturadaption. Die Insel des Dr. Moreau von Adams und Rodríguez modernisiert die klassische Story von H.G. Wells behutsam. Tolles Artwork für ein politisch hochbrisantes Thema, gespickt mit einem Kampf der Geschlechter. Besser als Kino!

Platz 5 geht an die wohl klassischste aller Graphic Novels, die jetzt endlich und erstmals komplett auf Deutsch vorliegt: Corto Maltese von Hugo Pratt! Gespickt mit Hinweisen auf Literatur und in historischen Zusammenhängen spielend, graphisch sowohl in schwarz-weiß als auch farbig funktionierend und dann auch noch mit vielen Illustrationen und Artikeln in einer einheitlichen Hardcoverausgabe!

Die besten Gesamtausgaben in 2020

Das Nest von Regis Loisel und Jean-Louis Tripp ist ein Comic-Roman über neun Bände. Eins bis drei sind im ersten Teil der gerade erschienen Gesamtausgabe versammelt. Ein kleines Dorf in Kanada muss sich der Moderne stellen: selbständige Frauen, unmännliche Männer und ganz viel Verwirrung bei den Traditionalisten. Großartig! Platz 1!

© 2018 Casterman, © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Paolo Eleuteri Serpieri dürfte vielen bekannt sein als Zeichner von Druuna, einer sehr freizügigen SF-Serie. Seine Kariere begonnen hat er aber mit sehr einfühlsamen Geschichten über die Eroberung des sog. Wilden Westens, die Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner und den Kampf gegen die Natur. Die mit dem vierten Band abgeschlossene Collection Serpieri – Western hat diese Kurzgeschichten (zum Teil erstmals) dem deutschen Publikum wieder zugänglich gemacht. Platz 2!

Gleich mit zwei Bänden ist Walhalla – Die gesammelte Saga in diesem Jahr gestartet. In der aus dem Dänischen übersetzten Serie von Peter Madsen und Henning Kure werden die nordischen Heldensagen lebendig. Fast perfekte Ausgabe mit reichlich Hintergrundmaterial und Illustrationen sowie Angaben zu den ursprünglichen Mythen. Erschienen in der Edition Roter Drache.

Abgeschlossen ist die Ausgabe aller Science-Fiction und Fantasy Stories die Wally Wood für den EC-Verlag gezeichnet hat. Nach Szenarios von Bill Gaines, Al Feldstein und Ray Bradbury hat Wood unvergessliche Monster geschaffen, aber vor allem Stimmungen kreiert, die den Leser*innen noch heute Gänsehaut über die Arme jagen und damit Platz 4 verdient.

Schließlich den Weg in die Top five gefunden hat auch Aria von Michel Weyland. Die Kriegerin Aria ist unabhängig, löst die Aufgaben eher mit dem Köpfchen als mit dem Schwert, kann sich aber trotzdem durchsetzen, wenn es darauf ankommt. Sie lebt in einer teils brutalen, teils romantischen Welt und hat ein ganz eigenständiges Kapitel im Buch der Fantasy geschrieben. Zwei Bände pro Jahr mit vielen Illustrationen, weiterführenden Texten und Gedanken von Weyland zur Entstehungsgeschichte jedes Albums.

Eine lobende Erwähnung geht an Kult Comics für die Veröffentlichung von den Werken Eric Heuvels. Nicht nur die bekannten Serien January Jones und Bud Broadway, auch die educational comics, Carbeau oder Gezeichnet hats… erscheinen in schöner Regelmäßigkeit und perfekter Aufmachung, aber eben nicht als Gesamtausgabe und deshalb nicht in diese Kategorien passend!

Die besten Sekundärwerke in 2020

Das ohne jeden Zweifel beste Sekundärwerk des Jahres ist The History of EC Comics von Grant Geissman! Das großformatige und voluminöse Werk aus dem Taschen Verlag wiegt mehr als 6 Kilo und präsentiert über 1000 Abbildungen! Dazu kommt der sehr fundierte Text des langjährigen Kenners der Materie, allerdings auf Englisch. Mit diesem Band beweist Taschen mal wieder, dass Kunstdarbietung, detailreiche Inhaltsvermittlung und perfektes Coffee-table-book keine Widersprüche sein müssen, sondern sich super ergänzen können!

Platz zwei geht an einen Ausstellungskatalog. Kein leichtes Thema in diesem Jahr, waren doch Museen über lange Zeit geschlossen und mussten Pläne über geplante Exhibitions immer mal wieder neu geschrieben werden.  Fix & Foxi – Die Entdeckung von Spirou, Lucky Luke und den Schlümpfen ist eigentlich begleitend zu einer Ausstellung im Karikaturmuseum Krems erschienen, ermöglicht aber natürlich auch den Genuss zu Hause. Während die Geschichte des Kauka-Verlages schon das eine oder andere Mal Gegenstand von Veröffentlichungen und Katalogen war, liegt der Schwerpunkt hier auf der Einführung der frankobelgischen Klassiker in den deutschen Markt.

Auch der dritte Platz geht an die Edition Alfons: Die Reddition ist beständig, informativ, tiefschürfend und reich und sinnvoll illustriert. Die Redaktion geht Themen breit an und präsentiert damit einen Überblick, der seines Gleichen sucht. In diesem Jahr ging es zunächst um Zeitungscomics in Deutschland und dann um die Serie Blake und Mortimer.

Die besten Zeitschriften in 2020

Monat für Monat präsentiert der Gewinner eine genreübergreifende Auswahl an europäischen und anderen Comics: das ZACK vereinigt Klassiker, moderne Varianten davon und eine große Zahl an traditionellen wie auch innovativen Serien für mehrere Generationen von Lesern und Leserinnen. Die alten Recken wie Rick Master und Michel Vaillant wurden modernisiert, moderne Serien wie Giant, Haute Cuisine oder Millennium präsentiert und preisgekrönte Werke wie die Morde im Mai veröffentlicht. Dazu kommen Artikel, Infos und Kurzgeschichten.

Der zweite Platz geht an ein Magazin in unserem Nachbarland: JUMP. Die Uitgeverij Personalia hat schon vor einigen Jahren mit dem ebenfalls absolut empfehlenswerten StripGlossy ein sehr erfolgreiches Konzept gelauncht und versucht jetzt wieder etwas Neues. Während früher Kinder eine ganz natürliche Zielgruppe von Comic-Magazinen waren, gibt es diese mittlerweile entweder als ganz spezielle Themenmagazine, meistens orientiert an TV-Sendungen, oder aber als Disney-Publikationen. Ein unabhängiges, comic-fixiertes Medium ist dagegen neben den auf ältere Leser*innen ausgerichteten Heften nicht mehr anzutreffen. Genau diese Lücke versucht Jump zu schließen!

Platz drei geht an das auflagenstärkste Comic-Heft Deutschlands. Mosaik ist eine Institution und begeistert seit über 540 Monaten kleine und große Leser*innen mit den Abenteuern der Abrafaxe in der Zeit. Aktuell befinden sich die Drei in der Südsee zu Zeiten des deutschen Kaiserreiches. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen gibt es in jedem Heft weiterführende Infos, Spiele und Museumstipps.

Comeback des Jahres

Zum Schluss noch das Comeback des Jahres: In den 80-er-Jahren war Dani Futuro zu Gast auf den Seiten des Koralle-ZACK und brachte es 1983 auf drei Alben bei Semic. Seit ein paar Tagen ist er zurück und kommt erstmals komplett und einheitlich in insgesamt acht Bänden beim All Verlag! Band 1 beschreibt die Rettung des verschollenen Jungen Dani. Rezension der Nummer 2 folgt in Kürze.

Eure Lieblinge in 2020

Unangefochtener Spitzreiter in 2020 bei den von euch geklickten Beiträgen ist die Ankündigung des Goldenen Hinkelsteins von Uderzo und Goscinny. Dahinter kommen der Katalog zur brillanten Moebius-Ausstellung in Brühl, der aktuelle Lucky Luke, der Jahresrückblick 2019 und der erste Teil von Omaha!

Auf dem sechsten Platz die Vorstellung des zweiten Halbjahres aus dem All Verlag, Geissman’s History of EC Comics, Zep, Der Serienkompass zu Corto Maltese und Walhalla 1.

Lakota, Mechanica Celaestium, Tunga 4, mosaik 532 und das interview mit Ralf König sind 11 – 15, Michel Vaillant 60, Asterix 38, das ZACK 250, der Ausblick von Georg Tempel auf Zack im Jahr 2021 und Allein 11 beschließen den Reigen der meistgelesenen 20.

Was bleibt?

Ich wünsche allen Leser*innen von comix-online Frohe Weihnachten und ein Glückliches neues Jahr, Vrolijk kerstfeest en een gelukkig nieuw jaar und vor allem Gesundheit für Euch und eure Lieben! Stay safe and healthy!

Musikalisch passt zu dieser Zeit des Jahres etwas Weihnachtliches: The Pogues and Kirsty MacColl mit Fairytale of New York! Dazu ein Kerstbock und die Reise durch die Empfehlungen kann losgehen.

© aller Abbildungen bei den jeweiligen Verlagen und Künstler*innen wie in den Linkzielen genannt.