Lucas Museum of Narrative Art

A sweeping journey through the images that tell our stories

Herausgeber/Autor: Jessica Hundley

Mit Beiträgen von: George Lucas, Guillermo del Toro, Ryan Linkof

Originalausgabe

Taschen Verlag

Hardcover 2 Bände im Schuber | 832 Seiten | Farbe | 175,00 € | ISBN: 978-3-7544-0564-2 (EN)

Cover Lucas Museum of Narrative Art
Art © Don Maitz

George Lucas hat ein eigenes Museum for Narrative Art eröffnet. Das ist zunächst schon mal eine gute Nachricht, denn sie enthält die Mitteilung, dass das, was eine der bedeutendsten Geschichten der Science-Fiction hat entstehen lassen, nachvollziehbar wird. Die Nachrichtensendungen transportieren diese Meldung, zeigen die wunderschöne moderne Architektur des Museumsgebildes mit seinen 30 Galerien, und verweisen auf die Person des Stifters und dass sein Kunstbegriff auch unterhaltende Kunst umfasst. Das ist die eine Seite!

Die andere ist, dass hinter diesem Museum und seiner Eröffnungsschau eine Theorie der erzählenden Kunst steht, die so ausführlich und anschaulich dargestellt ihrer Gleichen sucht. Es gibt viele Sammler*innen von Kunstwerken. Viele von ihnen sammeln sogar mit einem Ziel: ein*e Künstler*in, eine Richtung, eine Geografie, ein Thema, oftmals weiter eingeschränkt. George Lucas hat im Laufe der Jahre 40.000 Artefakte gesammelt, die ihn berührt haben, ohne auch nur ein einziges davon wieder zu verkaufen. Diese persönliche Motivation hat dazu geführt, dass die Werke sich in einer Weise ähnelten, die es erlaubte, eine Theorie damit zu unterfüttern.

Alle diese Kunstwerke erzählen eine Story, unterfüttern sie oder stellen sie in Frage, selbst wenn das des Schaffenden nicht immer ausdrücklich klar war!

Ein Bild ist neutral?

Keinesfalls! Ein Bild steht fast immer in einem Zusammenhang. Es normiert Erwartungen, schafft einen Rahmen des Erwartbaren, Erlaubten, Frivolen, … Selbst eine Flucht in eine romantische Landschaft, ein abstraktes Muster, ein Stillleben ist eine Aussage, erst recht die Darstellung einer soziologischen Begebenheit.

Das fängt bei den Geschichten für Kinder an: Ist es eine heile, konservative Welt mit einem normierten Familienbegriff? Oder gibt es Patchworkhintergründe und queere Eltern? Sind die Kinder gemischt nach Ethnien, Geschlecht und Alter oder separiert? Alle diese scheinbar unwesentlichen Details bilden den Hintergrund der ersten Prägung, die nicht von den Eltern ausgeht und damit quasi objektiv wahrgenommen wird. Die Darstellung der heilen Familie in der Vorstadt (Stichwort: Tradwives) unterscheidet sich von der Influencer-Welt, der Schichtarbeit, der Land-WG. Es ist aber nicht nur die Darstellung, die sich unterscheidet, es ist auch der damit bezweckte Impetus.

Lucas Museum of Narrative Art drawing from Rockwell
Norman Rockwell
Age of Romance, cover for The Saturday Evening Post,
November 10, 1923. Oil on canvas, 30 x 24 in. (76.2 x 61 cm)

Ganz plump ausgedrückt: Unterstützen das Bild und seine Narration die herrschenden Verhältnisse, stellen sie sie in Frage oder rufen sie gar zu einer revolutionären Aktion auf? Es ist wichtig, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass Bilder in einem Kontext lesbar sind.

Der Massendruck bot eine Möglichkeit, dieses Medium in viele Haushalte zu bringen, die Rezeption war aber immer noch individuell: beim Zeitung-/Magazinlesen, beim Betrachten des Kunstdruckes an der Wand, beim Durchblättern eines Bildbandes.

Vom Individuum zur Gruppe

Jede individuelle Rezeption mag Folgen haben, sie mag sogar im Gespräch mit Anderen Unterstützung finden und somit kollektive Entscheidungen beeinflussen; das ist aber kaum planbar. Anders ist es mit öffentlichen Präsentationen: ein Mural (Wandbild) erreicht nicht nur die gesamte Nachbar*innenschaft, sondern zieht vielleicht sogar Auswärtige an, eine Ausstellung, noch mehr ein Film garantiert eine Gleichzeitigkeit des Erlebens und ermöglicht dadurch Interaktion und kollektive Beeinflussung.

Das soll im Übrigen keineswegs nur negativ klingen! Eine Unterstützung von Tierschutz und Umweltbewusstsein, eine Änderung im täglichen Verhalten wie Mülltrennung, Aufklärung über krankheitsfördernde Umstände sind – zumindest für mich – sehr positive Folgen dieser subtilen, aber wirksamen Präsentation von narrativer Kunst. Nicht zuletzt basiert unsere demokratische, freie Gesellschaft auf der Interaktion und der Vereinbarung auf das Beste für Alle.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Gemalte Bilder und erschaffene Skulpturen haben immer etwas Subjektives und unterliegen damit einem gewissen Vorbehalt. Ein Foto hingegen bildet die Realität ab, niemand kann es anzweifeln (nun ja, schon immer konnten Fotos manipuliert werden, aber nie war es einfacher als heute mit AI). Dokumentarfilme mit bewegten Bildern waren noch eindringlicher: Seeing is believing!

Lucas Museum of Narrative Art drawing from Colescott
Robert Colescott
George Washington Carver
Crossing the Delaware:
Page from an American History
Textbook, 1975. Acrylic on
canvas, 78 1/2 x 98 1/4 in.
(199.4 x 249.6 cm)


© Estate of Robert Colescott / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Der Museumskatalog führt nicht nur diese Gedanken sehr viel tiefer aus, allerdings auf Englisch, er führt auch eine Vielzahl an Beispielen aus der umfangreichen Sammlung an. Diese belegen positive wie negative Elemente, zeigen an Gegensätzen die Wirkung und hinterfragen ein ums andere Mal die teilweise behauptete Objektivität. Schon die Auswahl des Motivs hat einen Einfluss!

Die Glaubwürdigkeit der Kulisse

Der erste Band des zweiteiligen Kataloges schließt mit dem filmischen Star Wars Universum. Es geht nicht nur darum, welch großartige Story der Film erzählt (oder besser die Vielfältigkeit der erzählten Geschichten, die sich zu einem modernen Mythos verbinden), sondern auch darum, was man tun muss, um die Glaubwürdigkeit zu erreichen.

Das fängt damit an, dass die Kulissen, Raumschiffe und Kleidungsstücke nicht sauber poliert sind. Die damaligen SF-Filme sahen oftmals so aus, als ob die Putzkolonne das Setting gerade verlassen hatte. In Star Wars waren die Sachen alt, geflickt, staubbedeckt und damit … glaubhaft! Die Sandleute hatten nicht nur Männer, sondern auch Kinder und Frauen; diese unterschieden sich in ihren Klamotten. Die heute ikonische Prinzessin Leia trug etwas, das Adel ausstrahlte, im Kampf aber nicht behinderte, die Fahrzeuge und die fremden Wesen waren erkennbar anders, konnten aber funktionieren.

George Lucas hatte nie vor, nur einen erfolgreichen Film zu drehen, er wollte ein Universum erschaffen, bevölkern und mit den Geschichten in diesem Setting Prinzipien Gehör verschaffen, Probleme des Erwachsenwerdens, des Gegensatzes von Gut und Böse, von Machtmissbrauch thematisieren und ernst genommen werden. Dafür ist/war es notwendig, sich mit diesem Setting alle Mühe zu geben, um eine glaubwürdige Basis zu haben.

Lucas Museum of Narrative Art drawing from Chiang
Doug Chiang
Starship Landing Platform (detail), production art for Star
Wars: Episode II — Attack of the Clones, 2000. Acrylic on board,
10 5/8 x 17 3/4 in. (27 x 45.1 cm)

© & TM Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved

Der zweite Band des monumentalen Werkes bleibt bei der erzählten Geschichte, führt sie allerdings von der Leinwand zurück auf das Papier. Imaginierte Welten entführen die Betrachter*innen und zeigen etwas, das nicht existiert, aber doch eine bestimmte Funktion erfüllen soll. Diese kann zunächst einmal positiv sein, also ein Ideal darstellen oder eine Auffassung von gemeinsamer Geschichte definieren.

Ein Beispiel dafür ist die Besiedlung des sog. „Wilden Westens“. Weder war dieser leer, noch gingen die ursprünglichen Bewohner*innen freiwillig. Die Neuankömmlinge waren keineswegs immer friedlich oder voll mit guten, demokratischen Gedanken. Trotzdem ist auch durch die Darstellung in Pulps, in Gemälden und Comics eine Basis für ein Verständnis dieser Geschichte geschaffen worden, dass als Gründungsmythos dient (und natürlich auch von Foto und Film unterstützt wurde). Im Endeffekt beruht ein Großteil der Identität der Vereinigten Staaten auf dieser – die Geschichte nicht unwesentlich formenden – erzählten „Wahrheit“.

Diese Welten beziehen sich aber nicht nur auf die Geschichte, sie sind auch in anderen sowohl soziologischen als auch philosophischen Bereichen spürbar. Da wäre zunächst der Bereich Romantik und Abenteuer. Natürlich werden die zukünftigen Erwachsenen auch durch das geprägt, was sie als Kinder und Jugendliche als Rollenbilder vorgesetzt bekommen. Die heile Familie, der allen Gefahren trotzende und Andersartige abschlachtende Held sind die eine Seite, das hilfsbereite Kind in einer offenen Gesellschaft, das solidarische Leben von Erwachsenen die andere.

In enger Wechselwirkung dazu stehen die Themen Science-Fiction und Fantasy; Während erstere eher gesellschaftliche Visionen und Dystopien beschreibt, spielen in letzterem wieder die Helden, seltener Heldinnen, und Machtstrukturen eine Rolle. Abschießend geht der Katalog auf wenige Künstler*innen spezifisch ein, die pars pro toto stehen.

Must Have!

George Lucas und seine Frau Mellody Hobson haben letzte Woche bei der Eröffnung des Museums den ersten 100 Besucher*innen persönlich die Hand geschüttelt. Das neu errichtete Bauwerk ist schon ohne Ausstellung einen Besuch wert, die Schau mit ihren fast eineinhalb Tausend Stücken erst recht! Wer es aus welchen Gründen auch immer wie die meisten von uns nicht nach Kalifornien schaffen sollte, hat mit dem Katalog Lucas Museum of Narrative Art eine echte Alternative! Gut aufbereitet, informativ und einordnend und trotzdem locker lesbar ist das Werk ein heißer Anwärter für das Sachbuch des Jahres!

Wer sich auf die Reise macht, sollte den Katalog vorher lesen, sich seine eigenen Gedanken machen und versuchen, diesen im Gebäude mit seinen 30 Sälen zu folgen. Die Werke sind im Original mit Sicherheit noch eindrucksvoller, die Theorie des visuellen Erzählens und seine Folgen ist in Häppchen vorab genossen wahrscheinlich besser verständlich als bei einem Besuch.

In beiden Fällen ist der Schuber mit seinen zwei Bänden nicht nur ein Hingucker im Regal, sondern auch ein lehrreicher und begeisternder Zeitvertreib bei allen Wartereien!

Dazu passen Gustav Holst mit „Die Planeten“, ein Espresso (aus Äthiopischen Bohnen) und ein guter Bordeaux.

© der Abbildungen 2026 Lucas Museum of Narrative Art | 2026 Taschen GmbH, Köln

Jarry/Vax – Länder von Ynuma 1

Roter Samurai

Story: Nicola Jarry

Zeichnungen: Vax

Originaltitel: Terres D´Ynuma – Volume 1

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |72 Seiten | Farbe | 18,00 € | ISBN: 978-3-69258-002-9

Cover Länder von Ynuma 1

Der Splitter-Verlag hat einige Reihen mit Samurai in der Heldenrolle im Programm. Zudem ist er die deutsche Heimat für moderne französische Fantasyserien. Wen wundert es daher, dass der erste Band dieser neuen Folge über die Länder von Ynuma einen aus der Kriegerkaste zum Titelhelden hat.

Der Kodex als Leitfaden

Grundlage dieses neuen Kontinents ist eine Welt, die von menschenähnlichen Wesen bewohnt wird. Dazu gibt es allerdings auch noch andere Wesen wie Elfen oder Kugo. Titelheld ist der rote Samurai, ein Kugo, der sich aufgrund einer schicksalhaften Begebenheit in seiner Vergangenheit verpflichtet hat, den Weg des Kriegers zu gehen. Wir werden später erfahren, dass das nicht unbedingt auch der Wille seiner Familie gewesen ist.

Leider wird die Welt auch von Dämonen bevölkert; diese ernähren sich von Lebewesen, aber auch von ihren Erinnerungen und Emotionen und können die Gestalt von Toten übernehmen. Die Priesterin Mei-Jen, der sich der Samurai verpflichtet hat, ist eine Exorzistin, die gerufen wird, um die Dämonen zu bekämpfen. Während sie die Beschwörungen per Kalligraphie ausführt, hilft der Kämpfer mit dem Schwert.

Länder von Ynuma 1 page 3

Der erste Band besteht aus mehreren Episoden, die jeweils einen Kampf mit einer dämonischen Inkarnation beschreiben. Jarry nutzt die Erlebnisse, um die Figuren zu entwickeln und ihnen sowohl Geschichte als auch Interaktionen zu verleihen. Dabei wird vor allem klar, dass die Priesterin modern, offen und kreativ ist, der ältere Samurai schweigsam, regelgebunden und sich selbst verachtend. Allein schon die Einleitungsseiten sind ein Genuss.

Fernöstlich angehauchte Fantasywelt

Obwohl es sich eindeutig um eine Welt handelt, in der nichtmenschliche Lebensformen zum Standard dazugehören, legt Vax die Flora und Fauna so an, dass die Leser*innen sich in einer fernöstlichen Welt wähnen. Insofern brauchen auch die Hinweise auf einen Kodex nur wenige Erläuterungen, die Details mögen fehlen, die Richtung ist offensichtlich. Die Zeichnungen sind extrem detailreich, man möchte fast bei jedem Panel verweilen (und gleichzeitig schnell vorankommen). Ein Comic, der diese beiden widersprüchlichen Wünsche weckt, hat alles richtig gemacht!

Detail Länder von Ynuma 1 page 4

Besondere Erwähnung verdient auch die Tatsache, dass im Gegensatz zu fast allen anderen modernen Comics, weder Liebe noch Sex zu den gezeigten Emotionen gehört! Die Bilder sind aber auch ohne dieses Beiwerk aussagekräftig genug, das Aussehen der Seiten ist immer wieder neu, trotzdem aber nicht beliebig. Das Layout folgt einfach der Notwendigkeit, Geschehnisse kleiner oder größer, kürzer oder länger darzustellen.

Eine spannende neue Welt – na ja, wenigstens ein neuer Kontinent

Was aussieht wie eine neue Welt, eben Ynuma, ist tatsächlich nur ein neuer Inselkontinent auf einem bekannten Planeten, nämlich Aquilon. Auf zwei anderen, Arran und Ogon, tummeln sich bereits einige sehr erfolgreiche Serien. Bestandteil einer Franchise zu sein, tut der Qualität dieses ersten Bandes aber keinen Abbruch. Das fernöstliche Ambiente, die Zeichnungen, die Kapiteleinführungsseiten und die Story sind jeden Cent wert!

Länder von Ynuma 1 page 5

Der einzige Wermutstropfen ist die Tatsache, dass die folgenden Bände – die Serie ist zunächst einmal auf fünf Bände angelegt – von anderen Teams verantwortet werden. Es bleibt zu hoffen, dass auch das kommende diese feine Mischung aus Horror und Humor hinbekommt und dabei östlichen Charme in den Zeichnungen verspüren lässt. Falls ja, gibt es keinen Grund, die Serie nicht zu sammeln!

Dazu passen Oreskaband mit ihrer Version von „Monkey Man“ und ein Hibiki Harmony!

© der Abbildungen Èditions Soleil 2025 by Nicolas Jarry and Vax | Splitter Verlag GmbH & Co.  , Bielefeld 2026

Pevel/Créty – Ledergesicht 2

Die Witwe

Story: Pierre Pevel

Zeichnungen: Stéphane Créty
Originaltitel: 
Gueule de cuir: La veuve

Blattgold Verlag – ZACK Edition

Hardcover | 64 Seiten | Farbe |20,00 € | ISBN: 978-3-949987-64-9

Cover Ledergesicht 2

Es gibt viele History-Serien über Konflikte im Frankreich von Ludwig XIII. und Kardinal Richelieu, einige davon gehören sogar zur Weltliteratur. Und natürlich gibt es auch genügend Serien, die von den Ideen des Tarots beeinflusst sind und sich mit schwarzer Magie beschäftigen. Die wenigsten allerdings vereinen diese beiden Themen. Ledergesicht enthält zudem noch Elemente eines Superheldencomics, verleiht doch die Maske übermenschliche Kräfte.

Eine umkämpfte Stadt

Wie in Band 1 eingeführt, gibt es einen Kampf zwischen verschiedenen Triaden im Zodiak des Teufels. Unser Held hat die Maske übergestreift und ist somit ein Teil des Spiels, ohne es allerdings bereits komplett zu verstehen. Insbesondere ist ihm nicht klar, ob scheinbare Verbündete nicht in Wahrheit doch ein eigenes Spiel spielen. Dementsprechend verheimlicht er auch, dass der vormalige Träger der Maske keineswegs gestorben ist und versteckt ihn.

Der König der Gräber, Oberster der ersten Triade, überschwemmt die Stadt Paris mit einer vernichtenden Droge. Eigentlich kann diese nur von dem Alchimisten, dem Anführer der zweiten Triade, hergestellt worden sein, doch dieser wird seit einem Jahr vermisst. Parallel dazu versucht der König der Gräber die lokalen Pariser Herrscher der nächtlichen Aktivitäten auszuschalten. Wird es gelingen, dem etwas entgegenzusetzen?

Ledergesicht 2 page 3

Pevel füllt auch diesen zweiten Teil mit spannenden Actionszenen in den Gassen und über den Dächern und schickt seine Akteure in verzwickte Handlungsstränge. Langweilig wird einem beim Lesen sicherlich nicht. Da zudem auch Hintergrund über die Triaden geboten wird und am Schluss wieder ein Tagebucheintrag Erhellendes enthält, ist auch für Leser*innen, die mit den Geheimnissen des Tarot nicht vertraut sind, die Handlung unproblematisch zu verstehen.

Ein düsteres Mantel-und-Degen Stück!

Créty verknüpft zwei verschiedene Stilrichtungen: einerseits erinnern seine dynamischen Zeichnungen an die typischen frankobelgischen Mantel-und-Degen Abenteuer. Die Linienführung ermöglicht es ihm, diese Szenen gleichzeitig glaubwürdig und actionreich wiederzugeben. Er kombiniert diese detailreichen Zeichnungen aber mit einer düsteren, an Dark Fantasy erinnernden Farbpalette und hebt dadurch die mystischen Elemente hervor.

Ledergesicht 2 page 4

Während des Lesens kann man sich in den Straßenschluchten verlieren, die Innenausstattung der Gebäude ist fast schon fotorealistisch und trotzdem vermeint man, den Umhang des maskierten Rächers rascheln zu hören. Damit spricht der Comic sowohl Leser*innen, die Batman gewöhnt sind, als auch Fans von D‘ Artagnan an!

Klassische Moderne!

Oftmals hat man den Eindruck, dass man sich zwischen klassischem Stil und modernem entscheiden muss. Pevel und Créty beweisen, dass es auch anders geht und mixen sowohl inhaltlich als auch zeichnerisch munter beide Welten. Diese Mischung hätte schief gehen können, tut sie aber nicht! Ledergesicht ist ein Genuss!

Cover Ledergesicht 2 VZA

Wer will kann direkt beim Verlag eine limitierte Vorzugsausgabe mit Variantcover und limitierter Grafik bestellen. Diese verknüpft den Gothamartigen Einfluss mit dem Charme des vergangenen Paris!

Dazu passen The Specials mit „Friday Night, Saturday Morning“ von der Live from the Cathedral-LP und ein Pink Gin Tonic.

© der Abbildungen 2025 – Drakoo par Pevel, Créty & Maffre | 2025 Blattgold GmbH, Bad Dürkheim

Vehlmann/Gazzotti – Allein 16

Die Gefangene von Antesalem

Story: Fabien Vehlmann
Zeichnungen: 
Bruno Gazzotti

Originaltitel:
Seuls – La prisonnière d`Antesalem

Piredda Verlag

Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 17,00 € 
ISBN: 
978-3-949968-08-2

Cover Allein 16

Wer hätte das gedacht, als im ZACK 83 die erste Folge von Allein vorabgedruckt wurde. Ziemlich genau 20 Jahre sind seit dem vergangen, mittlerweile ist der 16. Band der Reihe erschienen! Damals war Mirko Piredda noch am ZACK beteiligt. Nach seinem Ausscheiden und der Gründung eines eigenen Verlages blieb er der Serie treu. Die Serie ist in Zyklen eingeteilt; ihre jeweilige Zuordnung lässt sich an den Farben der Nummerierung erkennen. Aktuell befinden wir uns im vierten, hellblauen Zyklus.

Ein Krieg ist im Gange

Anstelle von Rückblicken auf die Hintergründe der Serie verweise ich auf die Rezensionen der Vorläufer. Im letzten Band hatten die Kinder nach der geglückten Flucht vor den monströsen und mörderischen „Beschützern“ Hinweise auf die Vergangenheit der Zwischenwelt und ihrer Bewohner*innen finden können. Während sie noch immer von Saul und seinen Truppen gejagt werden, haben sie sich auf die Suche nach Isebel gemacht.

Die Gefangene von Antesalem ist eben jene gesuchte Isebel. Bis Dodji sie allerdings findet wird die Gemeinschaft vor schwere Prüfungen gestellt. Noch immer macht Saul Jagd auf die Kinder, weitet seine Aktionen aber auch auf andere Bewohner*innen aus. Und auch die Unterwelt scheint aktiv zu sein. Aus all dem lässt sich nur der Schluss ziehen, dass mittlerweile der Krieg in der Zwischenwelt ausgebrochen ist.

Allein 16 page 3

Fabien Vehlmann bietet in dieser an Krisen nicht armen Zeit keinen Eskapismus in eine heile Welt. Dass die handelnden Personen in dieser Geschichte alle gestorben sind, ist dabei noch der harmloseste Fakt, denn Brutalität, Herrschsucht und Größenwahn wirken besonders schrecklich, wenn die Protagonist*innen Kinder sind. Eine sehr spannende, sich immer mehr auffächernde Serie, die mit jedem neuen Band noch einen „drauflegt“!

Kinder, Monster, Maschinen

Die obige Konstellation weckt Assoziationen zu Horrorfilmen. Ganz so schlimm ist es tatsächlich nicht, denn die Serie wird immer noch (und von Anfang an) im Spirou-Magazin vorabgedruckt. Die offizielle Empfehlung ist ab 10 Jahren. Diese Einschätzung beruht mit Sicherheit auch auf den Bildern von Bruno Gazzotti, der es schafft das Grauen visuell darzustellen, gleichzeitig aber auch immer die Möglichkeit der Überwindung des Ganzen.

Allein 16 page 4

Teilweise nimmt ein slapstickhafter Humor die Schärfe, teilweise der unerschütterliche Glaube an den Sieg des Guten wie ihn nur Kinder haben können. Und tatsächlich können die Bilder, die nicht so viel zeigen, in unterschiedliche Richtungen fortgeschrieben werden; jede*r ist somit Regisseur*in für das Nicht-Gezeigte. Diese Fähigkeit besitzen nicht mehr viele Zeichner*innen.

Spannung pur

Es gibt Serien, die gut gezeichnet und geskriptet sind, bei denen es aber auch nicht wirklich eine Rolle spielt, wann der nächste Band erscheint. Und dann gibt es Serien wie Allein, wo die lange Wartezeit zumindest mich oftmals verleitet, doch schon mal bei unseren westlichen Nachbar*innen einen Blick auf die dortigen Ausgaben zu werfen, weil ich es nicht abwarten kann.

Detail Allein 16 page 7

Eine kluge, sauber komponierte und sich immer in weitere Höhen schraubende Geschichte mit dazu passenden Bildern, die keine Krisen ausspart, philosophische Fragen aufwirft, den Gegensatz zwischen Gut und Böse thematisiert, durch die Kinder eine andere Perspektive einnimmt und dann auch noch spannend ist, was will man mehr. Wer ein bisschen mehr über den Hintergrund erfahren möchte, sollte einen Blick in das Making Off werfen. Außerdem sollte man, wenn die Zeichnungen gefallen überlegen, sich die ganze (auf 22 Bände konzipierte) Serie zuzulegen.

Dazu passen The Molotovs mit “More, More, More” und ein Virgin Mojito.

© der Abbildungen 2025 Rue de Sèvres, Paris  / 2026 Piredda Verlag

Pevel/Willem, Capia – Das Paris der Wunder 3

Das Elixier des Vergessens 1

Story: Pierre Pevel
Zeichnungen: 
Etienne Willem, Capia
Originaltitel: 
Le Paris des Merveilles – L´elixir d´oubli 1/2

Blattgold Verlag – ZACK Edition

Hardcover | 64 Seiten | Farbe |20,00 €

ISBN: 978-3-949987-79-3

Cover Das Paris der Wunder 3

Universen im Bereich der Fantasy und Science-Fiction-Comics haben eine lange Tradition. Ohne an die Klassiker wie etwa Conan erinnern zu wollen, sind aktuell einige Serien vor allem bei Splitter der Renner. Herausragend dabei sind sicherlich einerseits die Welten von Arran, aber auch der Kosmos um Lanfeust und Troy. Gerade letzterer wäre nicht denkbar ohne die Beiträge von Christophe bzw. Scotch Arleston. Eben jener ist mittlerweile auch Herausgeber in seinem Verlag Drakoo. Und dort erscheinen die Werke um das Paris der Wunder, eine Comic-Adaption der Romane von Piere Pevel.

Eine die Jahrhunderte überdauernde Fehde

Wie die Leser*innen von in diesem Universum spielenden Bänden bereits wissen, gibt es zwei Welten, zwischen denen eine Möglichkeit des Übergangs besteht: Die uns bekannte Welt, im Wesentlichen Frankreich mit ihrem Zentrum Paris zu Zeiten der Belle Époque und die magische Welt von Ambremer. In Ambremer war über Jahrhunderte ein Krieg zwischen Drachen und der herrschenden Kaste ausgetragen worden. Viele Drachen hatten sich im Zuge der Niederlage in unsere Welt geflüchtet. Hier sind sie gezwungen, auf ihre wahre Gestalt zu verzichten, können aber ansonsten relativ sicher überleben.

Das Paris der Wunder 3 page 3

Die Vorgeschichte war in den ersten beiden Bänden erzählt worden, die den ersten Roman von Pevel zur Grundlage hatten. Der jetzt erschienene dritte Band ist der erste Teil des zweiten. Im Vordergrund stehen der Magier Louis Denizart Hippolyte Griffont und die verführerische Fee Isabel de Saint-Gil, deren Kennenlernen und Kooperation geschildert wird.

Einerseits geht es um die Organisation der Magier in sich bekämpfenden Zirkeln, andererseits steht eine Kriminalgeschichte im Vordergrund. Bewohner von Ambremer werden auf der Erde mit magischen Kugeln aus schwarzem Selen getötet. Wie der Titel es bereits andeutet, geht es auch um das Elixier des Vergessens, einen magischen Trank, der den Übergang von einer Königin zur nächsten ermöglicht. Die Story springt dabei munter zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her.

Das Paris der Wunder 3 page 4

Eine neue Zeichnerin

Etienne Willem hatte die ersten beiden Alben sowie die ersten 11 Seiten des aktuellen Bandes gezeichnet als er 2024 verstarb. Zusammen mit den Erb*innen des Künstlers und dem Autor hatte der Verlag beschlossen, die Serie fortzusetzen und konnte dafür die aus Frankreich stammende Zeichnerin Capia verpflichten. Ohne den Stil von Willem zu kopieren, setzt sie in ihrem Artwork ein paar eigene Akzente, folgt aber den Vorgaben der Serie.

Für die Leser*innen bedeutet das, dass alle liebgewordenen Elemente immer noch vorhanden sind: die „unser“ historisches Paris bevölkernden Oger, Gnome und geflügelten Wesen, der Spaß am Umsetzen der Fabulierkünste des Autors und die spannenden Mantel-und-Degen Fechtszenen. Und natürlich ist auch das Katzenwesen weiter am Start!

Das Paris der Wunder 3 page 5

Spaß, Magie und Action in Serie

Viele Fantasy-Abenteuer sind bedeutungsschwer; der Kampf des Guten gegen das Böse steht im Vordergrund und schwerwiegende Entscheidungen sind zu treffen. Die typische Quest verlangt von den Held*innen oft eine Selbstaufgabe und macht das Ganze zwar spannend, folgt aber oft einem bekannten Muster. Das Paris der Wunder ist viel leichtgängiger. Fast jedes Panel erlaubt ein gewisses Schmunzeln ob der witzigen Wesen, die der gewohnten Umgebung neue Akzente verleihen.

Dieser Spaß liegt natürlich vor allem an der Story von Pierre Pevel, braucht aber eine adäquate Umsetzung. Capia schafft es, diesen Vibe fortzusetzen! Die Bände bauen aufeinander auf, es empfiehlt sich also, alle Bände dieser Reihe zu lesen, die im selben Universum spielenden Flintenweiber sind dagegen zum Verständnis nicht notwendig. Wie immer gibt es auch eine limitierte Vorzugsausgabe über den Verlag mit Variantcover und signiertem Druck.

Cover Das Paris der Wunder 3 VZA

Dazu passen Suzi Quatro und Alice Cooper mit „Kick out the Jams“ und ein Finne Weizen.

© der Abbildungen 2025 Drakoo par Pevel, Willem & Capia / 2026 Blattgold GmbH, Bad Dürkheim

Nugros/Kusbiantoro – Elang Jawa 1

Der Bandit von Pasar Setan

Story: Fajar Nugros
Zeichnungen: 
Apri Kusbiantoro
Originaltitel: 
Elang Jawa – Bandit Pasar Setan

Blattgold Verlag – ZACK Edition

Hardcover | 64 Seiten | Farbe |20,00 € | ISBN: 978-3-949987-80-9

Cover Elang Jawa 1

Über einen steten Zulauf von Western braucht man sich aktuell keine Sorgen zu machen und auch die Eastern aus chinesischer oder japanischer Vergangenheit haben in Deutschland einen relativ guten Stand. „Der Osten“ ist aber viel größer und so ist es schon deswegen zu begrüßen, dass die neue Serie Elang Jawa, übersetzt Java-Adler, diesem Mix auch den indonesischen Raum hinzufügt.

Ein Wettkampf und seine Vorgeschichte

Die Geschichte, die laut dem Vorwort des Szenaristen zwar nicht wahr, im indonesischen Raum aber verbreitet ist, erzählt die Entstehungsgeschichte der Grenzen zwischen Ost- und West-Mataram und spielt im Jahr 1755. Damals war die Insel für Händler und andere Wohlhabende kein schönes Pflaster. Hunderte von Banditen überfielen Transporte und Städte und hatten sich sogar eine eigene Infrastruktur mit Dörfern und Handelsplätzen geschaffen.

Es wurde daraufhin ein Mobiles Einsatz Kommando namens Paksi Katon unter der Führung von Patih Notonegora geschaffen, um diesem Albtraum ein Ende zu bereiten. Der wenig feinfühlige und brutale Soldat schaffte es tatsächlich, die Struktur von Pasar Setan zu zerstören. Dabei wurde der Bandit Wulung festgenommen.

Elang Jawa 1 page 3

Die niederländische Kolonialmacht hatte beschlossen, das bisherige Königreich aufzuteilen. Jedes der neuen Reiche sollte zum Sonnenaufgang einen Krieger entsenden, der Treffpunkt der beiden würde die neue Grenze markieren. Politik war schon damals manchmal ein schmutziges Spiel und so wurde Wulung dazu auserkoren, sein Land zu vertreten. Kurze Zeit vorher hatte er ein vom Anführer der Paksi Katon getötetes Exemplar des magischen Elang Jawa, des Java Adlers gefunden und ihn wiederbelebt…

Dynamischer Realismus

Während Nugros die Geschichte spannend erzählt, hat Kusbiantoro die ungleich schwierigere Aufgabe, Realismus und Magie miteinander zu vereinbaren. Es geht nicht nur um die dynamisch wiedergegebenen Kampfszenen, die wirklich gut gelungen sind, sondern auch darum, Magie so in die Geschichte zu integrieren, dass sie trotzdem noch einigermaßen glaubwürdig bleibt. Allerdings sind wir es natürlich von Märchen und Sagen aus vielen Kulture gewöhnt, dass Übernatürliches eine Rolle spielt. Und so ist auch der Elefantenmensch zu sehen.

Elang Jawa 1 page 6

Der Held kommt dabei etwas tollpatschig daher und hat somit – trotz seiner räuberischen Profession – von Anfang an die Sympathien auf seiner Seite. Zudem ist auch die Natur in ihren vielen Facetten ein Hingucker. Der Urwald kann gleichzeitig überwältigend schön und tödlich sein und genau dieser Gegensatz findet sich in den Bildern wieder.

Etwas Neues wagen!

Für unsere niederländischen Nachbar*innen hat Indonesien aufgrund ihrer eigenen kolonialen Vergangenheit einen viel höheren Stellenwert als bei uns. Kultur, Küche und Landschaft dieser Regionen sind keine Besonderheiten und auch der Austausch von Künstler*innen ist viel selbstverständlicher. Für uns Deutsche ist das Thema zwar keine Terra Incognita mehr, Bestandteil es Alltäglichen ist es aber auch nicht.

Cover Elang Jawa 1 VZA

Insofern ist es begrüßenswert, mit dieser neuen Reihe ein paar klitzekleine Einblicke bekommen zu können, vor allem, wenn sie so spannend und gut gemacht daherkommen! Für Liebhaber*innen gibt es beim Verlag wieder eine limitierte Vorzugsausgabe mit umlaufendem Variantcover und beigefügtem Druck! Es bleibt zu hoffen, dass die Serie genügend Käufer*innen finden wird und weitere Bände somit finanzierbar bleiben.

Dazu passen Ali Baba Ska! und ein Bittermen’s Friend.

© der Abbildungen NC Comics | 2026 Blattgold Gmbh

ZACK Sonderheft 3 (2025)

Gay/Boiscommun – Die Lehrlinge

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 100 Seiten | Farbe | 9,70 €
ISSN: 1438-2792

Cover ZACK Sonderheft 3

Nach zwei Heften mit Kurzgeschichten ist das dritte mit einer einzigen, abgeschlossenen Geschichte gefüllt. Sicher ist das einen Versuch wert. Die Frühjahrsausgabe 2026 kommt dann aber wieder mit mehreren Beiträgen, und zwar mit Comics aus den Michel Vaillant Dossiers. Dreizehn deutsche Erstveröffentlichungen warten darauf gelesen zu werden. Nun aber in eine mittelalterliche Fantasy-Welt …

Jung, mutig und unerfahren

Wer kennt sie nicht, die tollen Sprüche: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, Früh übt sich, … Sie alle deuten darauf hin, dass die Lehrzeit von zwei Tatsachen geprägt ist: Die Lehrlinge dürfen nur selten selbst entscheiden, was sie zu tun gedenken ist die eine, die fehlenden Fähigkeiten die andere. Die Lehrlinge handelt von drei Jugendlichen, die eine Ausbildung begonnen haben: ein Krieger, eine Magierin, ein Heiler. Dazu kommt die abgewiesene Iris, die einen Ausweg aus jeder Situation weiß.

Ihre Meister*innen haben sie in einem kleinen Dorf, fast schon im Nirgendwo, zurückgelassen und nun machen sie sich Sorgen, ob ihnen etwas passiert sein könnte. Kaum haben sie sich auf ihre Reise begeben, werden sie auch schon von den Halbstarken des Dorfes attackiert. Aber erst als wenig später ein Ritter im Dorf nach ihnen fragt und Fahndungsplakate mit den Gesichtern ihrer Held*innen auftauchen, wird klar, wie vertrackt die Situation zu sein scheint.

ZACK Sonderheft 3 page 7

Olivier Gay, von dem unter anderem auch das Szenario zu Asterix im Reich der Mitte stammt, hat eine sehr angenehm zu lesende Coming-of-Age-Geschichte geschrieben. Die Vier müssen über sich selbst hinauswachsen, ihre Vorurteile überwinden und nicht zuletzt lernen, dass es böse, machtgierige Menschen gibt. Besonders im Fokus stehen dabei die – oft humorigen – Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe, denn verschiedene Professionen verlangen oft auch nach unterschiedlichen Voraussetzungen.

Computergenerierte Hintergründe und eine neo-klare-Linie

Olivier Boiscommun hat schon viele unterschiedliche Genres bedient. Einen kleinen Überblick darüber gibt der einleitende Artikel des Sonderheftes vom Verfasser dieser Zeilen. Für sein neuestes Werk setzt er stark auf computergenerierte und -kolorierte Hintergründe. Diese geben ein sehr einheitliches Setting für zusammengehörende Gruppen von Panels. Dadurch wird eine Art von filmischen Sequenzen geschaffen die z.B. Dialogen einen übergreifenden Rahmen bieten. Auch bei den Figuren verzichtet Boiscommun auf nicht notwendige Details und konturiert eher durch den (digitalen) Farbauftrag.

ZACK Sonderheft 3 page 8

Beides zusammen führt dazu, dass die Bilder, die für sich betrachtet sehr statisch wirken, zusammen eine hohe Dynamik entwickeln können, auch ohne die intensive Verwendung von Speedlines. Soundwords kommen dagegen relativ häufig vor. Obwohl Gewalt Bestandteil der Geschichte ist (es wird gekämpft, gehängt, gestochen, verbrannt, …), sind die Darstellungen doch sehr zurückhaltend. Man kann das Heft also tatsächlich auch denjenigen geben, die sich auf ihre Zukunft als Lehrlinge vorbereiten.

Eine überlange Geschichte zum Magazinpreis

Das ZACK Sonderheft hat sich zunächst einmal als alle 6 Monate erscheinende Ergänzung zum ZACK-Magazin etabliert. Da es auch im Pressehandel erhältlich ist, erreicht es ein ganz anderes Publikum als das klassische Alben-Geschäft. Es macht daher durchaus Sinn, dieses Format auch mal mit einer durchgehenden Geschichte anzutesten. Der Preis von knapp 10 € hat sich für diese Art mittlerweile durchgesetzt und könnte als Einstieg funktionieren.

ZACK Sonderheft 3 page 9

Die Aufmachung mit einem einleitenden Artikel über beteiligte Künstler oder Medien erlaubt auch denjenigen, die etwas tiefer einsteigen wollen, einen guten Start, Papier- und Druckqualität sind allemal gut genug.

Dazu passen „Young, gifted, and black“ in der Fassung von Aretha Franklin und kraftspendender Ingwerdrink.

© der Abbildungen Drakoo – Gay & Boiscommun / Blattgold GmbH, Bad Dürkheim 2025

Trif – Tausendundeine Nacht

Vier Geschichten

Story: Trif
Zeichnungen: 
Trif

Originaltitel: Les mille et une nuits, Vol. 1 & 2

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |96 Seiten | Farbe | 25,00 € | 
ISBN: 978-3-96219-226-6

Cover Trif - Tausendundeine Nacht

Die Sammlung der Geschichten aus Tausendundeine Nacht wurde schon fast ebenso oft in Ausschnitten publiziert. Sie verbindet Grausamkeit, Märchen aus einer für uns fremden Kultur, die Lust am Erzählen und europäische Fantasien über „exotische Abenteuer“ miteinander und ist somit eine fast perfekte Projektionsfläche für alle möglichen Vorstellungen.

Ein freizügiger Ansatz …

Trif, dessen Serie Thrax auch gerade bei Splitter erscheint, hat die Geschichtenauswahl sehr freizügig angelegt. Grundsätzlich ist die Rahmenhandlung bekannt: Sultan Schariyar wurde von seiner Lieblingsfrau Zaida betrogen. Aus enttäuschter Liebe lässt er sie nicht nur hinrichten, sondern heiratet auch jede weitere Nacht eine Jungfrau nur um sie am nächsten Morgen ebenfalls töten zu lassen. Seine gekränkte Eitelkeit gibt ihm in seinen Augen das Recht, zu einem misogynen Massenmörder zu werden.

Scheherazade, die Tochter des Wesirs, hat sich in den Kopf gesetzt, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Sehr zum Unwillen ihres Vaters lässt sie sich mit dem Sultan vermählen, befriedigt ihn und erzählt ihm eine erste Geschichte über das Wesen der Frauen. Kurz vor dem Ende unterbricht sie an einer spannenden Stelle und fordert den Sultan auf, den Rest in der nächsten Nacht zu erfahren. So schafft sie es, am nächsten Abend erneut in das Gemach geladen zu werden und das Spiel beginnt von Neuem.

Trif - Tausendundeine Nacht page 4

Sowohl die eigentliche Rahmenhandlung als auch die von der Protagonistin ausgesuchten Geschichten werden sehr freizügig dargestellt. Der Sultan ist es gewohnt, sein Vergnügen in den Vordergrund zu stellen und wird nur langsam davon überzeugt, dass dieses Verhalten eher suboptimal ist. Auch in den erzählten Geschichten kommt aber immer wieder das (männliche) Motiv der betrügenden, „falschen“ Frau zum Vorschein.

… in entsprechenden Bildern

Auf diesen Seiten versammeln sich Bilder von dem aktuellen Schönheitsideal beeinflussten Körpern: lange Körper in Klamottengrößen, die sich eher Kindergrößen nähern: Skinny halt. Bei den Herren kommen noch Sixpack und Muskeln hinzu. Jede*r möge selbst entscheiden, ob das notwendig oder gar begehrenswert ist …

Trif - Tausendundeine Nacht page 6

Ansonsten versteckt Trif nicht viel. Die Bilder sind teilweise explizit, deuten aber vieles eben doch nur an. Trotzdem würde ich einen Band wie diesen nicht unverschweißt in einem Buchladen stehen lassen. Von diesen Merkmalen einmal abgesehen ist das Layout abwechslungsreich, die Panelrahmen sind in einem an orientalische Ornamente erinnernden Stil gehalten und Hintergründe und Details entsprechen gehobenem frankobelgischem Standard.

Sicher erfolgreich

Auch dieser Band aus der „Splitternackt“-Subreihe wird sicherlich wieder seine Käufer finden. Er basiert auf einer klassischen literarischen Vorlage und ist handwerklich um Klassen besser als das, was teilweise unter dem Ladentisch angeboten wird. Splitter hat wieder einen Druck beigelegt, das Covermotiv des im Original eigenständigen zweiten Bandes.

Detail Trif - Tausendundeine Nacht page 10

Muss man das haben? Nein, sicherlich nicht. Es gibt aber auch kein wirkliches Argument dagegen. Die Kunst ist in Ordnung, den männlichen Vorstellungen und vor allem ihrem Machtanspruch werden Schläue und Organisation entgegengesetzt und moralinsaure Zeiten sind vorbei. Trotzdem fragt man(n) sich, ob der aktuelle Hype nicht doch vor allem sexistische Lesarten fördert und alles „Zusätzliche“ einfach ausblendet.

Dazu passen Girlschool etwa mit ihrem letztjährigen Auftritt in Wacken und ein Früchtetee!

© der Abbildungen 2020, 2021 Tabou Editions, France | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Istin/Benoit – West Fantasy 1

Der Zwerg, der Kopfgeldjäger & der Totengräber

Story: J. L. Istin
Zeichnungen: 
Bertrand Benoit

Originaltitel: West Fantasy, vol. 1

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |64 Seiten | Farbe | 18,00 € | 
ISBN: 978-3-68950-045-0

Cover West Fantasy 1

Es gibt momentan eine Vielzahl von Konzeptserien, in denen eine Welt vorgegeben wird, die wechselnden Autor*innen und Zeichner*innen aber weitgehend freie Wahl haben. Teilweise werden in diesen Universen mehre Serien parallel fortgeführt. Dieses Konzept ist vor allem in drei Bereichen sehr erfolgreich: die größten Erfolge feiert es sicherlich in der Fantasy, doch auch Science-Fiction und Western-Settings haben ihre Fans. Auch Crossover hat es mit Aliens im Wilden Westen schon gegeben, nun vereinen sich Western und Fantasy!

Ein untypischer Zwerg und eine neue Definition des Totengräberberufes

Grundsätzlich haben Istin und Benoit eine Welt schaffen wollen, die genügend Anknüpfungspunkte für Erwartungen bietet, diese aber immer wieder „twisten“ kann. Sie haben dafür einen etwas ungewöhnlichen Ansatz gewählt, erzählen sie doch in teilweise sehr kurzen Kapiteln Bruchstücke um die Protagonisten dieses Bandes und ihre jeweiligen Begleiter*innen einzuführen. Es braucht ein paar Seiten mehr als üblich, um in die Geschichte hineinzukommen. Aber, soviel sei verraten, es lohnt sich.

Da ist zunächst einmal ein Zwerg. Dieser besitzt eine Mine und schürft dort sehr erfolgreich nach Gold. Obwohl er weit mehr besitzt, als er jemals ausgeben könnte und selbst nach zwergischen Maßstäben sehr erfolgreich ist, ist er doch sehr unglücklich. Die Begründung dafür liegt in der Vergangenheit und wird erst langsam deutlich. Dann ist da ein Goblin der den noblen Beruf eines Totengräbers ausführt. Um einen steten Nachschub zu gewährleisten, folgt er einer Revolverheldin, die ihren Weg mit Leichen pflastert.

West Fantasy 1 page 3

Alles wäre gut, wäre da nicht der Kopfgeldjäger, der diese zweckdienliche Verbindung in einem Duell beendet und den Goblin zu einer existentiellen Entscheidung zwingt… Das Setting spielt mit den Möglichkeiten der Genreüberschneidungen und integriert die hybriden Fähigkeiten der Fabelwesen und Menschen in ein mysteriöses Abenteuer in dem ein Totem eine Rolle spielt. Die Serie ist auf fünf Bände angelegt und es soll jeweils um ein anderes Totem und andere Dreierkonstellationen gehen.

Etwas zu detaillierte Bilder

Die Bände bei Splitter sind schon etwas größer als üblicherweise. Trotzdem habe ich mir nicht nur einmal gewünscht, in die Zeichnungen hineinzoomen zu können. Bertrand Benoit schafft es erneut, seine Zeichnungen mit einem riesigen Detailschatz zu füllen. Noch während das Auge versucht, einen ersten Überblick zu gewinnen, fallen all diese kleinen Sachen auf, die um Aufmerksamkeit heischen. Sicherlich genial.

Ansonsten gibt es das Erwartete: aufregende, teilweise doppelseitige Layouts, rasante Schnitte, magische Wesen, die auch so aussehen und Western-Accessoires an ungewohnten Träger*innen. Definitiv nichts für Purist*innen auf beiden Seiten, für die wohl übergroße Anzahl aber ein echter Spaß, Grenzen ausgetestet zu sehen.

West Fantasy 1 page 4

Hoher Innovationsfaktor

Erfolgreiche Genres bergen immer die Gefahr, dass man nach einer gewissen Zeit alles schon mal irgendwo gesehen hat. Übernatürliches im Western, Schusswaffen in Mittelerde, Gähn … Hier aber gefällt der Überraschungseffekt und macht Lust auf Mehr! Wenn die Folgebände ebenso erfindungsreich sind, wird diese Serie sicherlich ein großer Erfolg und vermag vielleicht sogar, den einen oder die andere Spielerin vom PC in den Comic zu locken.

Comic-Fans werden sich dagegen entscheiden müssen, ob sie die Serie zu den Western oder zu den Fantasy-Bänden stellen wollen. Vorher aber werden sie zumindest diesen Band hier genießen können! Zum krönenden Abschluss gewähren uns Istin und Benoit noch ein paar Einblicke in die Entwürfekammer einiger Figuren!

West Fantasy 1 page 8

Dazu passen Toots and the Maytals mit „Take me home Country Roads“ und ein sehr starker, abgestandener Kaffee!

© der Abbildungen Editions Oxymore, J.-L. Istin & B. Benoit | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Desberg/Corboz – Die Flüsse der Vergangenheit 1

Die Diebin

Story: Stephen Desberg
Zeichnungen: 
Yannick Corboz
Originaltitel: 
Les Rivières du passé – Tome 1 – La Voleuse

Blattgold Verlag – ZACK Edition

Hardcover | 72 Seiten | Farbe | 24,00 €

ISBN: 978-3-949987-38-0

Cover Die Flüsse der Vergangenheit 1

In der ZACK-Edition erscheinen Werke, die nicht unbedingt in das ZACK passen würden. Teilweise sind sie etwas zu experimentell, etwa Dr. Radar, oder haben bereits zu viele Folgen, wie etwa die Chroniken von Amoras. Es sind aber trotzdem Kleinode, die man keinesfalls ignorieren sollte!

Mehrere Zeiten und Dimensionen

Stephen Desberg ist den Leser*innen des ZACK bestens bekannt. Schon häufiger hat er verschiedene Zeitebenen verwendet um eine Geschichte, die auf Rückblicke angewiesen wäre, spannender erzählen zu können. In Die Flüsse der Vergangenheit verknüpft er diesen Kniff mit einem weiteren, denn nicht nur die Zeiten sind andere, es scheint sich gleichzeitig auch um mehrere Dimensionen zu handeln.

Andernfalls wäre es nicht erklärbar, warum die Vergangenheit einer Welt, die aussieht wie die unsere, von schrecklichen Monstern befallen sein sollte. Diese machen gemeinsame Sache mit einigen machtgierigen Menschen und schlachten alles andere ab.

Die Flüsse der Vergangenheit 1 page 2

Verknüpfendes Element sind magische Gegenstände, die einen Bezug zum alten Ägypten haben. Dazu kommt die namensgebende Heldin des ersten Teils: Die Diebin hat viele Namen. Und sie hat durchaus ihre eigenen Vorstellungen, welches Risiko sie einzugehen bereit ist. Hier scheint sie aber eine falsche Entscheidung getroffen zu haben und wird in Ereignisse hineingezogen, die sie nicht mehr kontrollieren kann.

Vorwiegend heiter mit gelegentlichem Splatter

Yannick Corboz ist in Deutschland ebenfalls kein Unbekannter, allerdings eher im Fantasy-Bereich tätig. Auch hier vermengt er Elemente, die Suspense zeigen und die Ungewissheit der Diebin zeigen, ob sie wohl mit ihrem Coup durchkommen würde, mit bluttriefenden Bildern. Seine Monster gelingen sehr reißerisch und angsteinflößend; man möchte ihnen keinesfalls begegnen.

Die Flüsse der Vergangenheit 1 page 3

Die ruhigeren Bilder – in der Serie das moderne Paris – sind mir aber lieber. Sie entsprechen dem modernen frankobelgischen gehobenen Standard und verbinden ein gewisses nostalgisches Flair mit Coolness. Dazu kommen dann die mittelalterlichen Szenen, die fast schon einem Theater des Absurden würdig wären. Die Vielzahl der Stile macht einen großen Teil des Reizes dieses Comics aus.

Abwechslungsreich!

Wer die Abwechslung liebt und schnelle Wechsel zwischen Stilen mag, ist hier definitiv richtig. Wie bei einer berühmten Süßigkeit gibt es hier nicht nur einen, sondern gleich drei Momente, die das Herz der Leser*innen höherschlagen lassen. Dazu kommt noch ein Anhang mit Personenskizzen, der ebenfalls sehenswert ist.

Detail Die Flüsse der Vergangenheit 1 page 11

Wie in der ZACK.Edition üblich, gibt es auch hier eine Vorzugsausgabe mit Variantcover und limitiertem und signiertem Druck. Für 18 € mehr ein überlegenswertes Szenario!

Dazu passen Turnstile und ein Pinot noir.

© der Abbildungen 2021 Daniel Maghen – by S. Desberg & Y. Corboz / 2024 Blattgold GmbH, Bad Dürkheim

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