1977 – 1979
Herausgeber/Autor: Paul Duncan
Artists: Roy Thomas, Howard Chaykin, Archie Goodwin, Carmine Infantino u. a.
Originalausgabe
Hardcover XXL | 680 Seiten | Farbe | 175,00 € | ISBN: 978-3-7544-0579-6 (EN)

Wir schreiben das Jahr 1977 – Science Fiction war ein großes Thema zumindest im deutschen Taschenbuchbereich und präsentierte sich vielfältig: Klassische Space Opera stand neben der (englisch) New Wave, Kurzgeschichtensammlungen hatten ihren Platz wie mehrbändige Serien und auch Fantasy in den unterschiedlichsten Ausprägungen gehörte dazu. Neben Verlagen wie Heyne oder Goldmann gehörte das Thema auch bei suhrkamp selbstverständlich dazu. Im Bereich der bewegten Bilder aber gab es eine gewisse Müdigkeit; das nächste „ganz große Ding“ ließ auf sich warten.
Und dann kam Star Wars!
Der Film brachte viele Dinge zusammen, die vorher separiert gewesen waren, revolutionierte die Tricktechnik und verstand es, eine Geschichte um die Geschichte zu verkaufen. Wer startet schon eine Reihe mit dem vierten Teil von Neun? Das Gesamtkunstwerk bestand aus dem Kinofilm, den Comics, Romanen und Merchandising und wurde zu einem riesigen Erfolg. Ein Selbstläufer? Nein!
Die Geschichte um die Comic-Reihe
Paul Duncan ist ein bekannter Filmhistoriker und kennt nicht nur erfolgreiche Mechanismen (und ihre erfolglosen Geschwister), er kann auch darüber schreiben! Erfreulicherweise würzt er seine Einführung mit zahlreichen Anekdoten; so erfahren wir unter anderem, was Richard Burton und Liz Taylor mit „The Star Wars“ zu tun haben.

Für George Lucas, das Mastermind hinter der Idee, war es wichtig, die Uraufführung des Films vorzubereiten und anzuteasern, trotzdem aber noch genügend Überraschungen in petto haben zu können. Der Comic zum Film sollte in 6 Heften erscheinen; das vierte sollte zeitgleich mit dem Kinostart auf dem Markt sein. Die Leser*innen der Hefte würden also Teile der Story bereits kennen, gleichzeitig aber mitfiebern, wie es weitergehen würde. Roy Thomas war dazu auserkoren, dass Filmdrehbuch in ein Comic-Szenario umzuwandeln, für die Zeichnungen hatte sich Lucas für den noch relativ jungen Künstler Howard Chaykin entschieden, der jedoch schon ein wenig Erfahrung mit dem SF-Comic besaß.
Die Produktionsprozesse der beiden Medien mussten parallel laufen, beide konnten sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr aufeinander beziehen. Dementsprechend enthält der Comic Szenen, die zwar im ursprünglichen Skript standen, es aber nicht in den Film geschafft haben. Noch viel auffälliger waren allerdings Abweichungen im Aussehen der handelnden Wesen. Während Luke Skywalker bewusst älter und männlicher dargestellt wurde, war Chaykin bei Jabba the Hut auf sich gestellt. Zum Zeitpunkt der Zeichnung war noch kein Foto vorhanden und so sehen wir einen humanoiden Körper…

… and beyond
Marvel war eigentlich gar nicht an diesem Titel interessiert, hatte es doch genügend eigene Probleme. Angeblich änderte sich diese Meinung erst, als klar wurde, dass für die ersten 100.000 verkauften Exemplare keine Lizenzgebühren abzuführen wären. Tatsächlich verkauften sich von den ersten Exemplaren mehr als eine Million Hefte, Star Wars wurde zu einem Longseller und setzte sich für eine (kurze) Zeit an die Spitze der erfolgreichsten Marvel-Titel. Dieser Band versammelt die ersten 23 Hefte der Serie als restaurierte Reproduktionen, inklusive der Titelbilder, Fanseiten und Anzeigen in exzellenter Qualität!
Es ist nicht so einfach, den Hype zu verstetigen, vor allem dann nicht, wenn Restriktionen zu beachten sind. Die von Marvel verantworteten, der Filmadaption folgenden Stories durften nicht auf das Verhältnis von Luke und Leia eingehen, keine Konfrontation von Luke und Darth Vader beinhalten, den Staus Quo bezüglich des Imperiums und der Rebellen nicht verändern, … Kurz gesagt, sie durften eigentlich nichts von dem zeigen, was die Fans lesen wollten!

Diese Herausforderung löst das wechselnde Team von Kreativen iterativ. Am Anfang ist es naturgemäß schwieriger, herauszufinden, was das Publikum wollen wird. Man folgt also zunächst der Storyline, dass Han Solo in finanziellen Schwierigkeiten steckt und vergrößert diese noch. Dabei wird die Figur des Schmugglers ausgebaut und vertieft. Gleichzeitig steht das Verhältnis zwischen ihm und Chewbacca im Mittelpunkt.
Dem Comic gelingt es dabei immer besser, die im Film nonverbale Kommunikation auch ohne die dort verwendeten Töne in den Griff zu bekommen (das gilt im Übrigen auch für R2-D2, der im amerikanischen Original üblicherweise Artoo gerufen wird). Es entgeht jedoch trotzdem ein großer Teil des „Niedlichkeitsfaktors“, der nicht abgebildet werden kann. Dabei experimentiert das Team mit den aus der Mischung aus Fantasy und Space Opera erlaubten Ingredienzien: neue Wesen, Kombinationen aus Bekanntem und Unerwartetem, niedliches Aussehen und toughes Verhalten. Eines der Ergebnisse ist eine Art Killer-Hase, der für einige Episoden an der Seite von Han kämpft.
Action, Technologie und mehr
Sehr geschickt wird im Übrigen immer wieder mit den Grundelementen gespielt, die den Film (und das Franchise) so erfolgreich mach(t)en: Zum einen gibt es häufig psychologische Konflikte, etwa wenn Luke sich nicht entscheiden kann, seinem Wunsch auf die Akademie zu gehen zu folgen oder bei seinem Onkel zu bleiben, oder wenn er verzweifelt über den Egoismus von Han doziert, der persönliche Motive über den Kampf für die Freiheit stellt.

Zum anderen gibt es Todessterne und andere Kampfmaschinen, die alles bis dahin Vorstellbare übertreffen. Obwohl die feindliche Übermacht so unüberwindbar erscheint, gibt es aber doch immer diesen einen kleinen unentdeckten Punkt, der dem Gegner die Möglichkeit bietet, mit Mut und Geschick zu siegen. Hier zeigen sich klar Auswirkungen sowohl des „kalten Krieges“ in dem sich die Welt in den 70-ern befand, als auch die Traumata, die das überlegene US-Militär in Ostasien erlebt hatte. Dschungel-Rebellen waren in der Lage, die hochtechnisierte Armee auf Reisfeldern zu schlagen!
Ebenfalls einer Bemerkung wert sind die mitabgedruckten Anzeigen: Einerseits zeigen sie den Traum von jungen, amerikanischen Lesern (sic!): Fernrohre, Detektivspielzeug, Waffen. Diese Bedürfnisse werden von einem teils doch ziemlich militaristischen Setting in den Stories ohne Zweifel erfüllt. Der zweite Block der Anzeigen dreht sich – wie auch in den anderen Marvel-Titeln aus der Marvel Comics Library – um die Gründung eines eigenen Businesses mit Grußkarten oder ähnlichem. Das ist der amerikanische Traum …
Dazu aber kommen Anzeigen, die sich um Muskelaufbau und ähnliches bewegen und dem schmächtigen Jungen vorgaukeln, wie ein bei den Mädchen erfolgreicher Mann aussehen sollte. Diese (prä-)pubertären Vorstellungen finden ihre Referenz im Verhältnis von Luke und Leia, Han und Leia und in einigen Mitstreiterinnen von Han, die eher in einen Conan-Comic passen würden. Auch der Film spielt natürlich insbesondere während Leias Gefangenschaft mit dieser Motivation.
Der Star Wars Comic
Dieser Band enthält die ersten 23 Ausgaben der bei Marvel erschienen Reihe, die vom 12. April 1977 bis zum 27. Mai 1986 ohne Unterbrechung lief und insgesamt 107 reguläre Ausgaben umfasste. Wie in den Jahren üblich, kamen teilweise Annuals hinzu, in Summe allerdings nur drei. Es ist davon auszugehen, dass der Erfolg der Serie Marvel in den Jahren 1977 und 1978 vor dem Bankrott bewahrte und selbst 1979 und 1980 noch zu den erfolgreichsten Comic-Titeln gehörte.

Im Laufe der Zeit änderten sich der Geschmack der Leser*innen und die Publikationsmethoden: Mini-Serien und Trade-Paperbacks gewannen an Anteilen und Serien wurden oftmals neu gestartet um einerseits alte Kontinuitätsanforderungen zu beseitigen, andererseits neue Marketinganreize setzen zu können.
Mittlerweile gibt es eine fast unüberschaubare Vielzahl von Serien aus über die Zeiten unterschiedlichen Verlagen und mit ausdifferenzierten Zielgruppen: Comics für Erwachsene und für Jugendliche im traditionellen Stil, animated oder Manga-like, im Kanon und außerhalb … Es gibt sogar Werke für den deutschen Markt, die in Amerika nie erschienen sind. Hier ist mittlerweile alles bei Panini konzentriert, im Ursprungsland gehören Lucasfilm und Marvel schon lange zu Disney. Dementsprechend gibt es auch eine Art von Cross-over, in dem bekannte Entenhausener*innen die Rolle von Marvel-Helden übernehmen (z.B. Minnie im LTB 600). Für Star Wars blieb es allerdings bisher bei Parodien.
Ein wichtiger Bestandteil in der Reihe der Comic-Libraries
Taschen hat über die Jahre den Bereich der überformatigen Comic-Libraries Stück für Stück ausgebaut und Meilensteine der Comics in ihr veröffentlicht. Sicherlich ist diese Sammlung noch weit davon entfernt, komplett zu sein, sie enthält aber schon jetzt eine beachtliche Bandbreite: Alles hatte mit den bahnbrechenden ersten Jahrgängen der Marvel-Held*innen angefangen: Avengers, Hulk, Spider-Man und Co sind dadurch endlich im Original in perfekter Reproduktion und mit lesbaren und sinnvollen Einführungen versehen in den Regalen vieler Leser*innen vertreten.
Der Comic-Bereich ist aber natürlich viel breiter: EC-Comics mit einer Übersicht und dem ersten Band der Weird-Science folgten, Kompendien über Mickey und Donald wurden ergänzt durch eine Carl-Barks-Sammlung und schließlich schaffte es auch ein erster Zeitungscomic, Tarzan, in diese Reihe. Star Wars schließt nun eine Lücke zwischen den SF-Stories von EC und den Marvel-Superhelden. Mehr ist mit Sicherheit zu erwarten!
Kann das Buch die gleiche Sensation sein, die der Comic und der Film damals waren? Nein, natürlich nicht! Die Szenen des Films und die folgenden Geschichten sind längst Bestandteil des popkulturellen Bewusstseins und somit nichts atemberaubend Neues mehr. Die Sammlung kann aber Erinnerungen an die Zeit hervorrufen, als das Ganze Neu war und erstmals konsumiert wurde. Und auch das ist ein gutes Gefühl, das von Format und Druckqualität unterstützt wird.

Das Coffeetable-Book hat sein Gewicht auch buchstäblich, es wiegt mehr als 5,5 Kilo! Der XXL-Band hat allerdings auch ein Format von 28 * 39,5 cm und kommt mit 680 Seiten. Wem das nicht genug ist sei gesagt, dass es auch eine limitierte, in Kunstleder gebundene Ausgabe mit eingefasstem ChromaLuxe-Aluminiumprint gibt, die in einem Schuber verwahrt wird. Beide Ausgaben kommen mit einem speziellen, bedruckten Transportkarton.
Dazu passen die ebenfalls über lange Jahre erfolgreichen, damals revolutionären The Who, die eine Subkultur prägten, mit Rock-Opern erfolgreich waren und immer noch auf der Bühne stehen, sowie ein Social Butterfly Cocktail, der an die legendären Kneipenszenen erinnert.
Abbildungen © & TM 2026 Lucasfilm Ltd. / 2026 Taschen GmbH, Köln













































