ZACK wird 50 – Fragen an Georg F. W. Tempel

Das Jubiläum wirft seine Schatten voraus

Im April jährt sich die erste Ausgabe des damals neuen Comicmagazins ZACK zum 50sten mal. Der zum Springerkonzern gehörende Koralle-Verlag bot frankobelgische Kunst nicht als erster, auch Kauka, Semrau und die Mickyvision hatten das schon getan. Das ZACK brachte aber erstmals nur frankobelgische Ware, verstand es, seine Leser*innen mit Aktionen, Club-Geschehen und redaktionellen Seiten zu binden und erhielt schließlich sogar einen europäischen Award dafür.

50 Jahre ZACK - Cover ZACK 274
Das Jubiläumscover

Zu Hochzeiten hatte das Heft Ableger in mehreren Ländern und Künstler, die ihre Serien nicht mehr bei Tintin, Spirou oder Pilote ablieferten sondern hier. Man war also vom Lizenznehmer zum Lizenzgeber geworden. Das Heft wurde von ZACK-Alben und ZACK-Paraden im Taschenbuch begleitet und schaffte es, den Markt nachhaltig zu prägen („Generation ZACK“). Trotzdem war irgendwann die Luft raus und das Konzept und die Marke verschwanden 1980 vom Markt.

Die Jahre vergingen und verschiedene Magazine versuchten immer mal wieder vergeblich, an die alten Erfolge anzuknüpfen. 1999 schließlich war es soweit, im Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag erschien eine neue Nummer 1 und unterschiedliche Chefredakteure entwickelten das Konzept des „neuen“ ZACK weiter. Nach 255 Ausgaben schließlich wechselte das ZACK in den Blattgold Verlag. Der Chefredakteur Georg F.W. Tempel ist seitdem auch Herausgeber und Verleger.

Comix-online hat das ZACK schon immer begleitet und so war es nur logisch, nachzufragen, wie das Jubiläumsprogramm aussehen wird und was die Leser*innen in 2022 sonst noch erwarten wird. Wie schon in den 70-ern gibt es neben dem Heft auch wieder zusätzliche Aktivitäten: Ein Album-Programm exklusiv für Abonennt*innen, Blechschilder und Pins und bald sogar eine Comic-Reihe für alle. Vorhang auf!

Cover ZACK 01
Das erste „neue“ ZACK

Das Interview

c-o: Hallo Georg, 2022 ist für das ZACK ein ganz besonderes Jahr, ist es doch 50 Jahre her, dass die erste Ausgabe im damaligen Koralle-Verlag erschien. Du hast schon mehrfach angedeutet, dass besonderes geplant ist. Kannst du hier den aktuellen Planungsstand nochmal zusammenfassen?

GT: Genau, im April 1972 ist das erste ZACK-Heft im Koralle Verlag erschienen. Ich denke, es ist nicht übertrieben, wenn man sagt,  dass die Nachbeben dieses Starts auch heute noch in der deutschen Comic-Szene zu spüren sind. Deshalb planen wir für die April-Ausgabe von ZACK eine Umfangserweiterung auf 100 Seiten, die wir vor allem mit Comics füllen wollen und weniger mit Selbstbeweihräucherungen. Über die Historie von ZACK ist schon so viel geschrieben worden, dass man das nicht noch einmal wiederkäuen muss. Wir haben uns für die Jubiläumsausgabe einen Mix aus Alt und Neu einfallen lassen. Neben den Fortsetzungen von „Harmony“, „Die Bank“, „Rani“ und dem alten ZACK-Helden Mick Tanguy, wird es den Neustart eines weiteren ZACK-Veteranen geben. Mit „Bob Morane – Die 100 Dämonen des Gelben Schatten“ kommt das brandneue Abenteuer aus der Feder von Christophe Bec, Éric Corbeyran (beide Autoren) und Paolo Grella (Zeichnungen) zum Abdruck. Dazu gesellen sich dann noch Dan Cooper in einer frühen Kurzgeschichte, die es bisher nur im Taschenbuch gab, sowie Johnny Focus, dessen Abenteuer im Goldenen Dreieck nicht nur eine deutsche Erstveröffentlichung ist, sondern auch das letzte, das Attilio Micheluzzi gezeichnet hat. Außerdem werden wir das Cover der Ausgabe am Layout des ersten Heftes von 1972 anlehnen.

50 Jahre ZACK - Detail Johnny focus

c-o: Wow, das bedeutet also, dass sowohl die „Generation ZACK“ auf ihre Kosten kommt wie auch die Fans des aktuellen europäischen Comics!

GT: Ich denke, dass wir hier eine ganz gute Mischung gefunden haben. Allerdings werden am Ende die Käufer entscheiden, ob sie damit zufrieden sind. Aber die leicht steigenden Absatzzahlen scheinen auf eine gewisse Zufriedenheit der Leser hinzudeuten.

Besondere Ausgaben, aber ohne Zwang

c-o: Wir hatten schon mal die Diskussion über Leser*innenbindung. Ist es wirklich sinnvoll und gewünscht, einzelne Lieferungen an alle oder nur an Abonnent*innen mit Goodies zu versehen? Oder ist es nicht vielmehr besser, nicht alle mit diesen versteckten Kosten zu belasten, sondern Angebote zu schaffen, die z.B. nur Leute mit einem Abo wahrnehmen können, wenn sie denn wollen. Das ist ja der Weg, den ihr mit dem Blechschild von Martin Frei und ZACK-Spezial geht bzw. dem ZACK-Pin für alle.

GT: Ja, da gebe ich dir Recht. Auch Abonnenten sollten frei in ihren Entscheidungen sein und Dinge dann erwerben können, wenn sie es wollen. Deshalb werden wir auf Goodies, die nur den Heften für Abonnenten beigelegt sind, oder Variant-Cover nur für Abonnenten in Zukunft nicht mehr produzieren, sondern weiterhin den Weg gehen, den Abonnenten ein Angebot – wie etwa die Spezial Alben  – zu unterbreiten, das sie annehmen können oder eben auch nicht. Parallel dazu werden wir aber auch Produkte produzieren, die alle Leser erwerben können wie etwa das Silberstern-Blechschild.

50 Jahre ZACK -Cover Bob Morane 100 Démons

ZACK-Held*in des Jahres

c-o: Wie auch im letzten Jahr die Frage nach dem/der „Zack-Held*in“ des Jahres. Ist das nicht ein liebgewonnenes Feature für einige? Und die Möglichkeit, Zustimmung oder Ablehnung relativ einfach kundzutun?

GT: In der Tat ist das so. Dementsprechend groß war auch die Empörung, als ich die Wahl absagen wollte. Dafür habe ich sie in diesem Jahr vergessen, weshalb es in der Februar-Ausgabe noch nicht zur Wahl kommen wird. Das holen wir dann in der März-Ausgabe nach. Ich schätze, dass es dieses Jahr spannend werden kann, da wir im Jahr 2021 relativ viele neue Serien gestartet haben.

ZACK-Spezial geht weiter

c-o: Ich habe das Gefühl, dass der Wagemut, ausgefallene Sachen im ZACK-Spezial anzubieten, ganz gut funktioniert: schwarz-weiße Ausgaben von Micheluzzi und Forton, eine sehr unbekannte Serie wie Patrick Leman. Wie sehen das Feedback und die Absatzzahlen aus? Kannst du evtl. schon einen Tipp auf weitere Schmankerln geben?

50 Jahre ZACK - Detail Patrick Leman

GT: Die Rückmeldungen, die wir auf die Reihe erhalten, sind eigentlich alle begeistert. Wie ich in einem Editorial mal geschrieben habe, war ich aber ursprünglich zu euphorisch. Die anfangs angenommene Zahl von 999 Exemplaren für den ersten Band – die Michel-Vaillant-Werbecomics – ist zu hoch gegriffen gewesen. Deshalb haben wir die Limitierung auf 555 Exemplare zurückgefahren, was auch ziemlich gut funktioniert. Und es kommen immer noch neue Käufer für die Backlist hinzu. Ich bin also guten Mutes, dass wir irgendwann „vergriffen“ melden können.

Neben dem „Patrick Leman“-Band von Christian Denayer, der im April oder Mai erscheinen wird, stehen immer noch zwei Bände mit Dan Cooper-Kurzgeschichten auf meiner Liste, die nicht in der Splitter Gesamtausgabe zum Abdruck gekommen sind. Die Alben sind kompiliert, der Übersetzer hat den Auftrag, die Druckdaten liegen auf dem Server, aber die Rechtslage ist unklar. Das ist sehr unglücklich gelaufen. Nachdem mir Mediatoon signalisiert hatte, dass es keine Probleme mit den Rechten gäbe, habe ich alles in die Wege geleitet, nur um kurz darauf von Mediatoon zu erfahren, dass sie just für diese Storys die Rechte gar nicht hätten, sondern diese bei Weinberg bzw. seinen Erben liegen. Dumm nur, dass mein Kontakt zu Weinbergs Witwe nicht mehr funktioniert, da die alte Dame entweder irgendwo im Heim lebt oder sogar verstorben ist. Und Weinbergs Tochter, die in Kanada lebt, scheint daran nicht interessiert zu sein, da sie sich nicht zurückmeldet. Mal schauen, wie sich das weiter entwickelt.

50 Jahre ZACK - Cover Alain Cardan

Geplant als Spezial Album – wenn es mit „Dan Cooper“ nicht klappt – ist nach „Patrick Leman“ die Science-Fiction-Serie „Alain Cardan“ von Yvan Delporte und Gérald Forton. Die Geschichten sind in Frankreich in den Magazinen „Risque-Tout“ und „Spirou“ erschienen und atmen den Flair der frühen „Dan Cooper“-Storys.

Das ZACK im Jubiläumsjahr

50 Jahre ZACK - verworfenes Cover
Dieser Entwurf wurde verworfen

c-o: Du hast vor kurzem ankündigen müssen, dass der Preis pro Ausgabe steigen wird. Gleichzeitig soll aber auch der Seitenumfang erhöht werden. Auch hier bin ich gespannt auf die ersten Reaktionen.

GT: Tja, leider lassen sich fast 20% Prozent Druckpreiserhöhung nicht einfach wegstecken. Und da der Coverpreis von ZACK zum letzten Mal von über 13 Jahren von € 5,90 auf € 7,90 erhöht wurde, haben wir uns dafür entschieden, den Preis auf  9,- hochzusetzen, gleichzeitig aber den Umfang auch von 80 auf 88 Seiten zu erhöhen. Ich hoffe, dass wir damit alle irgendwie glücklich machen können.

c-o: Zurück zum wichtigsten, den Comics: Was dürfen die Leser*innen dieses Jahr erwarten?

50 Jahre ZACK - Vorschau MADI

GT: Vor allem werden wir alle angefangenen Serien fortsetzen. Dann starten wir mit „MADI“ das große Science-Fiction-Epos von Duncan Jones – David Bowies Sohn … also quasi unser Beitrag zu Bowies 75. Geburtstag … hahaha … – und Alex di Campi, das von verschiedenen englischen Zeichnern wie Glen Fabry oder Simon Bisley grafisch umgesetzt wurde. Und es wird ein weiteres Bob-Morane-Abenteuer von Gérald Forton in ZACK geben. Außerdem habe ich gerade die Zusage bekommen, dass wir die „Johnny Focus“-Gesamtausgabe veröffentlichen können. Da ich selbst ein großer Fan von Attilio Micheluzzi bin, freue ich mich sehr darüber. im Moment plane ich drei bis vier HC-Bände für die weit über 400 Seiten. Unsere ersten Comic-Bücher, die wir über den regulären Comic-Fachhandel vertreiben werden. Außerdem plane ich zum Jubiläum eine auf 122 Exemplare – 50 Jahre Zack und ‘72 erscheinen = 122 😉 – limitierte ZACK-Box. Eine wirkliche Box, in der sich alle vier Spezial Alben, ein von Christian Denayer signierter Druck zu „Patrick Leman“, die Jubiläumsausgabe sowie ein ZACK-Pocket befinden sollen. Über den Inhalt des Taschenbuchs bin ich noch am Verhandeln. Ich hoffe, dass das alles klappt. So wollen wir auch Nicht-Abonnenten die Möglichkeit geben, an die Spezial Alben heranzukommen.

Vielen Dank für dieses Gespräch! Ich glaube, dass für jede*n etwas dabei sein wird. Das „alte“ ZACK hat zwischen 1972 und 1980 291 Ausgaben geschafft, das aktuelle geht im April mit der Nummer 274 an den Start. Der nächste Meilenstein ist also gar nicht mehr so lange hin. Keep the Faith!

© der Abbildungen bei den jeweiligen Verlagen und Autor*innen c/o Blattgold Verlag

Jahresrückblick 2021

Immer noch Corona, meine persönlichen Favoriten und gute Wünsche

Wer hätte das gedacht? Die Pandemie hat uns auch das ganze letzte Jahr in Atem gehalten: Lockdown, Beschränkungen für Kulturveranstaltungen, Verlagerung des Einkaufsverhaltens von lokalen Läden hin zu Online- und Versandhändler*innen. Natürlich wird das Auswirkungen auf die Comic-Branche haben. So finden wir zunächst im Independent-Bereich, etwa dem ZEBRA, bereits Auseinandersetzungen mit den Folgen. Da wird sicherlich noch mehr kommen. Ausstellungen sind weniger geworden oder sie waren zu mindestens schlechter besucht. Auch ich war während des Jahres daher leider nur im MoCa in Noordwijk  und im Jan Kruis-Museum in Orvelte.

Die Digitalisierung ist allerdings weiter fortgeschritten. Immer mehr Verlage bieten auch elektronische Ausgaben an. Für mich persönlich ist das allerdings nichts. So gerne ich elektronische Medien und Tools auch nutze, graphische Literatur lese ich immer noch am liebsten auf Papier, freue mich an der Haptik (wenn der Comic entsprechend dargeboten wird) und am Anblick einer Reihe im Regal.

Nachdem meine Winterpause jetzt vorbei ist wünsche ich uns allen für das kommende Jahr, dass mehr Normalität zurückkehrt. Dafür ist es allerdings wichtig, dass alle, denen es möglich ist, sich impfen lassen!

R.I.P.

Wie immer sind wieder viel zu viele Comic-Schaffende gestorben. Ein paar davon sollen hier eine letzte Erwähnung finden: Marcel Uderzo, Jean Graton, Benôit Sokal, Nikita Mandryka, Raoul Cauvin, Dieter Kalenbach und Gérald Forton.

Die besten Comics in 2021

Auch dieses Jahr wieder präsentiere ich hier meine Favoriten: subjektiv, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und unabhängig von Verlagsbemusterungen. Dem letzten Jahr folgend gibt es wieder die gleichen Kategorien: Alben, Graphic Novels, Gesamtausgaben, Sekundärwerke und Zeitschriften. Ein Sonderpreis geht an das „Comeback des Jahres“. Natürlich darf auch die Liste der meistgeklickten Beiträge des Jahres nicht fehlen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle Leser*innen: Die Zugriffszahlen sind um rund 20% gegenüber 2020 gestiegen!

Album des Jahres

Der beste Comic des Jahres kommt für mich aus Deutschland: Ralf König hat sich einen Jugendhelden vorgenommen und ihm nicht nur Brustwarzen verpasst, sondern auch eine sehr liebevolle Hommage verfasst: Zarter Schmelz übernimmt alle klassischen Elemente von Lucky Luke, twisted aber das gesamte Setting. Seine schwulen, knollennasigen Cowboys, die lila Kühe und Calamity Jane sind so großartig, dass sie zurecht den Mainstream erobert haben.

Cover König Zarter Schmelz
© Lucky Comics 2021 – All Rights reserved by Ralf König/Egmont Ehapa Media

Eine ganz andere Interpretation des „Wilden Westens“ kommt von Jean Dufaux und Rubén Pellejero. Ihr Regenwolf stellt eine Frau als Hauptakteurin in den Mittelpunkt einer Rachegeschichte. Blanche McDell steht im Schnittpunkt von Liebesgeschichten, Mythologie, Rassismus und Männlichkeitswahn. Obwohl die Vermischung dieser Themen in eine langweilige Political Correctness-Definition abgleiten könnte, ist den Autoren hier eine perfekte, spannende Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger mit toller visueller Umsetzung gelungen.

Auffällig in diesem Jahr ist die Anzahl der Western unter den Top 5: Nur Mademoiselle J. von Yves Sente und Laurent Verron konnte sich auf Platz 3 dazwischenschieben. Die ursprünglich als Nebenfigur in einem Spirou-OneShot eingeführte wissbegierige junge Dame hat nun ihre eigene Reihe und bringt Zeitgeschichte in dem typischen, leicht modernisierten Marcinelle-Stil an ihre Leser*innen. Sie atmet gleichzeitig den Charme der 30-er Jahre als auch den des Aufbruchs in eine gleichberechtigtere Welt!

Einer meiner Lieblingszeichner ist Patrick Prugne. Obwohl er sich durchaus auch schon anderen Themen zugewandt hat, sind seine Geschichten aus dem westlichen Amerika/Kanada am besten. In Tomahawk erzählt auch er die Geschichte einer „Rache“, allerdings eingebettet in viel Natur und die spannende Vorgeschichte zu einem erbarmungslosen Krieg. Fast jedes Panel könnte gerahmt an einer Wand hängen!

Platz 5 geht an eine überlange Geschichte, die einen Helden einer Serie nach sehr langer Zeit gealtert und vollkommen verändert zurückbringt: Wenn der Tiger erwacht erzählt die Geschichte von Chinaman, seiner Posttraumatischen Belastungsstörung aufgrund der Schrecken des Sezessionskrieges und die Annäherung zwischen ihm und seinem Sohn. Serge Le Tendre und Olivier TaDuc sind nach fast 15 Jahren zu ihrer einstigen Erfolgsserie zurückgekehrt, haben alle Elemente übernommen aber sehr konsequent weitergeführt. So ist eine eigenständige Geschichte daraus geworden, die für sich alleine stehen könnte, aus ihrer „Vergangenheit“ aber noch mehr gewinnt.

Die besten Graphic Novels in 2021

Wie auch bei den Comics war es ein gutes Jahr für Graphic Novels. Die Platzierungen:

Ohne jeden Zweifel geht der erste Rang an Die Bestie von Zidrou und Frank Pé. Ihre Interpretation des Marsupilamis ist so faszinierend anders, dass eigentlich jede*r einen Blick hineinwerfen sollte. Einerseits ist die Story „erwachsen“ geworden: ein verängstigtes, wildes Tier kommt mit einem Schiff als Ware für den Zoo nach Brüssel. Es kann nichts anderes tun, als seiner Natur zu folgen, und sich zu befreien. Dazu passt die langsam wachsende, auf Vertrauen beruhende Beziehung zu einem kleinen Jungen, der seinerseits Ausgestoßener ist. Die Zeichnungen von Pé sind – wie immer – allesamt kleine Kunstwerke!

Zidrou/Frank Pé – Die Bestie 1 Cover

Platz 2 geht an Das Susan-Problem aus der Neil-Gaiman-Bibliothek. P. Craig Russel und Paul Chadwick haben Kurzgeschichten von Gaiman für das Medium Comic aufbereitet und zusammen mit Scott Hampton gezeichnet. Sie beweisen nicht nur, dass Stoffe von Gaiman wie auch die von Ray Bradbury perfekte Startpunkte für Comic-Kleinode sein können, sondern auch, dass sogar literaturtheoretische Abhandlungen so umgesetzt werden können. Der Preis geht aber auch an die Übersetzung und die vielen editorischen Hinweise für Nicht-Engländer*innen!

Beate und Serge Klarsfeld sind die Nazijäger! Was mit einer Ohrfeige begann, endete mit der erst durch die Beiden möglichen gerichtlichen Verurteilung von vielen Nazi-Kriegsverbrechern. Die spannende Geschichte, die Rückschläge aber auch die unermüdliche Aufopferung im Kampf für Gerechtigkeit und dadurch erst mögliche Freiheit schildern Pascal Bresson und Sylvain Dorange!

Platz 4 geht an die in diesem Jahr beendete Gesamtausgabe von Omaha, eine erotische Soap-Opera, die weit weg ist von jedem Schmuddelfaktor! Kate Worley (und nach ihrem Tod Jack Vance für den Abschluss der Serie) hat eine Geschichte im Schnittpunkt von Korruption, Machtmissbrauch, gesellschaftlicher Veränderung und Beziehungsproblemen geschrieben, die auch die Freuden des Sex nicht auslässt. Reed Waller, anfangs noch ihr Ehemann, später von ihr geschieden, hat das Ganze im Furry-Stil graphisch umgesetzt und damit einen der Klassiker des Independent-Comic gezeichnet. Auch heute noch lesenswert!

Der Reigen wäre nicht vollständig ohne die Kinder der Resistance! Auch hier ist die Geschichte an sich nicht neu, die Veröffentlichung in Deutschland ließ aber auf sich warten. Es gab im vergangenen Jahr einige Geschichten über die Resistance, das Schicksal von Kindern unter der deutschen Besatzung und die zaghaften, teils gescheiterten, teils erfolgreichen Versuche der Gegenwehr. Dazu zählen etwa die Bände von Émile Bravo oder Kris/Bailly. Die Kinder der Resistance von Vincent Dugomir und Benoît Ers beschreiben die anfängliche Naivität und Emotionalität und die Entwicklung hin zu wirklichem Widerstand aber auch wirklicher Gefahr für die Handelnden.

Die besten Gesamtausgaben in 2021

Trara! Platz 1 im Bereich der Gesamtausgaben geht an Caroline Baldwin! Schreiber & Leser fährt dabei zweigleisig: Einerseits erscheinen die bereits früher auf Deutsch veröffentlichten Geschichten (1 bis 16) in vier Sammelbänden von denen 3 bereits erschienen sind, andererseits veröffentlichen die Hamburger die bisher nicht erhältlichen Bände 17 bis 19 in Einzelbänden. Für das kommende Jahr sind dann noch Specials geplant! Die Heldin der in einer modernen Klaren Linie gezeichneten Geschichten von André Taymans ist tough, hat ein Alkoholproblem, ein selbstbestimmtes Sexualleben und ist HIV positiv. Das hält sie aber nicht davon ab, auf der ganzen Welt zu ermitteln und immer auf der Seite der Schwachen zu stehen. Zum Serienkompass.

Cover Caroline Baldwin Integrale 1

Platz 2 geht an Jerry Spring. Der „Vater des europäischen Westerncomics“ war vor Jahren fast komplett in einer schwarz-weißen Integralausgabe erschienen. Nun hat der All-Verlag die erste farbige komplette Ausgabe gestartet, die nicht nur alle von Jijé gezeichneten Geschichten beinhalten wird, sondern auch den letzten Band von Festin und Franz, der in 2021 erstmals auf Deutsch im ZACK erschienen ist. Ohne Jerry Spring hätte es vermutlich weder Blueberry noch Comanche gegeben.

421 ist eine Serie über einen Geheimagenten  von Stephen Desberg und Eric Maltaite. Der Held ist aber nicht nur von James Bond beeinflusst, sondern übernimmt auch Elemente von Indiana Jones und schreckt sogar vor Zeitreisethematiken nicht zurück. Erstaunlicherweise hat diese klassische Geschichte aus dem Spirou-Magazin in der Vergangenheit keinen Weg nach Deutschland gefunden. Das Integral präsentiert daher deutsche Erstveröffentlichungen: Platz 3!

Platz 4 teilen sich gleich drei Integrale von klassischen ZACK-Serien. Die Collector’s Edition von Greg/Hermanns Comanche war ein Meilenstein der jetzt in Sammelbänden angeboten wird. Édouard Aidans und Yves Duval haben mit Sven Janssen einen Abenteurer kreiert, der die ökologischen Aspekte in den Vordergrund stellt und bereits früh kolonialistische Missstände und Hunger in Beziehung gesetzt hat. Ebenfalls besonders ist, dass er alles zusammen mit Frau und kleinem Kind erlebt. Schließlich kommt auch die Collector‘s Edition von Michel Vaillant von Jean und Phillippe Graton erstmalig auf den deutschen Markt. Alle Kurzgeschichten und ungekürzten Geschichten in 20 Hardcovern mit einheitlichem Rückendesign und vielen editoriellen Notizen.

Die besten Sekundärwerke in 2021

Dieses Jahr haben es drei Werke über längst verstorbene Künstler in die Top 3 geschafft.

Das beste Werk ist mit Sicherheit der als Ausstellungskatalog entstandene aber auch perfekt solo zu genießende Band von Dr. Alexander Braun über Will Eisner. Graphic Novel Godfather führt ein in das Werk des amerikanischen Ausnahmekünstlers und beschreibt die Innovationen des Spirit sowie die Gebrauchsorientiertheit seiner Sachcomics die schließlich dazu geführt haben, dass Eisner zum Godfather der modernen Graphic Novel geworden ist. Viele Bildbeispiele  belegen den leicht verständlichen, flüssig geschriebenen und extrem informativen Text. Wenn alle Sekundärliteratur so gut lesbar wäre gäbe es nur noch Expert*innen!

Cover Braun - Will Eisner Graphic Novel Godfather

Platz 2 geht an die Fleißarbeit des Bremers Kai Stellmann und Science Fiction Pop Art Nick. Die im Selbstverlag erschiene Untersuchung ist nie fertig: Mit jeder neuen Auflage kommen Details hinzu. Stellmann belegt für alle Nick-Geschichten aus der Feder von Hansrudi Wäscher welche Quellen und Inspirationen eingeflossen sind und welche Absichten Wäscher damit verbunden haben könnte. Besser kann der Einblick in einen Entstehungsprozess nicht sein.

Platz drei geht erstmals an ein nicht gedrucktes Medium! Nun ja, es gibt eine kleine Begleitbroschüre, der Gewinner ist aber ein Film: Katzenjammer Kauderwelsch von Martina Fluck! Sie dreht die Annäherung eines Comic-Zeichners aus Heide – Tim Eckhorst – an die großen Söhne der Stadt, Rudolph und Gus Dirks, die in den USA Karriere gemacht haben. Katzenjammer Kids lief schlussendlich bis 2006 und ist einer der ganz großen Zeitungsstrips. 85 lohnende Minuten auf DVD!

Die besten Zeitschriften in 2021

Überraschenderweise heißt der Seriensieger bei Zeitschriften wieder ZACK! Das Magazin feiert in 2022 das Erscheinen der ersten Ausgabe von vor 50 Jahren und profitiert nach dem Verlagswechsel zu Blattgold davon, dass Verleger und Chefredakteur Georg F. W. Tempel nun frei schalten kann. Mit Blechschildern und Pins sowie einer neuen Albenreihe nur für Abonnent*innen expandiert der Kosmos. ZACK bringt sowohl erneuerte Klassiker wie Rick Master, Michel Vaillant oder Tanguy & Laverdue wie auch hochklassige europäische Comic-Kunst wie Amoras, Rani oder Millenium Saga! Die bei euch am häufigsten angeklickte Rezension war im Übrigen die Nummer 264.

Cover ZACK 267

Platz zwei geht an ein immer noch innovatives Medium aus den Niederlanden: StripGlossy präsentiert viermal im Jahr eine Mischung aus Sekundärliteratur, Interviews und aktuellen Comics mit und über Comicschaffende aus dem niederländisch/flämischen Raum! Definitiv das Highlight des Jahres war die Doppelnummer 21/22 über Suske en Wiske die sogar in eine zweite Auflage gehen musste!

Die Reddition ist wohl die bekannteste und anerkannteste Sekundärzeitschrift Deutschlands. Zweimal im Jahr erscheint eine Nummer, die sich tiefschürfend mit einem Thema beschäftigt. Durch die gewählte Breite der Artikel kann das gewählte Gebiet oder der Künstler im Fokus vielseitig beleuchtet werden. 2021 ging es um Tillieux und Comics und Musik (Rezension folgt).

Comeback des Jahres

Wie immer an dieser Stelle eine lobende Erwähnung eines – oft unerwarteten – Comebacks einer Serie oder eines Einzeltitels. Dieses Jahr fällt die Wahl schwer und daher sind es dieses Jahr zwei ganz unterschiedliche Gewinner, die es zu feiern gilt: Einerseits hat der Taschen Verlag gerade mit der Marvel Comics Library ein neues Projekt gestartet, das Meilensteine in einem XL-Format wieder zugänglich macht. Band 1 Spider –Man 1962 – 1964 ist gerade erschienen (und mittlerweile auch besprochen). Neben einer informativen Einführung präsentiert der limitiert Prachtband den unvergesslichen Run von Stan Lee und Steve Ditko über den wohl untypischten Superhelden aller Zeiten! Noch nie habe ich Spider-Man in diesem Format genießen können!

Cover Spider-Man Vol. 1

Andererseits hat Georg F. W. Tempel damit begonnen, bisher unentdeckte Perlen der ZACK-Geschichte aufzubereiten. Johnny Focus von Attilio Micheluzzi ist so eine! Vier schwarz-weiße Stories über den Reporter sind in Der Weg nach Mombasa bereits erschienen, eine weiter kommt in der diesjährigen Aprilausgabe des ZACK. Durch die fehlende Kolorierung sind die Fähigkeiten des Zeichners unverfälscht sichtbar. Erstaunlich, dass es noch so vieles von dieser Serie auf Deutsch zu entdecken gäbe.

Cover Johnny Focus - ZACK Spezial 2

Eure Lieblinge in 2021

Die Spitzengruppe der meistgeklickten Beiträge ist sehr dicht beieinander: Der Gewinner ist der Serienkompass zu Rani, dicht gefolgt von Caroline Baldwin Band 1 und dem dazugehörigen Serienkompass!

Dahinter kommt eine ebenfalls dicht gedrängte Gruppe, angeführt von Johnny Focus: Serienkompass Bruno  Brazil, Lucky Luke 99 und das Programm des All-Verlages.

Will Eisner von Alexander Braun, die Berichte über Asterix 39 und über den Abschluss der Michel Vaillant Reihe im MOSAIK-Verlag komplettieren die Top 10.

comix-online Reporter
Immer für euch unterwegs

Was bleibt?

Auch dieses Mal verbleibe ich mit den besten Wünschen für ein tolles, erfolgreiches und von Gesundheit geprägtes Jahr! Stay safe and healthy! Ich freue mich über eure Kommentare.

© aller Abbildungen bei den jeweiligen Verlagen und Künstler*innen wie in den Linkzielen genannt.

All Verlag – Das Programm 2022 Teil 1

Ansgar Lüttgenau zum Programm des All Verlag für das erste Halbjahr 2022

Der All Verlag hat mehr und mehr Serien im Programm, die früher im ZACK gelaufen sind. Man darf aber keinesfalls den Fehler machen, den Verlag auf die Titel für die Generation ZACK zu reduzieren. Im kommenden Jahr wird Ansgar Lüttgenau den Ausstoß seines Verlages noch einmal signifikant erhöhen. Wie mittlerweile üblich habe ich mit dem Verleger ein Gespräch geführt und ihm ein paar Aussagen zu den dreiundzwanzig neuen Titeln entlockt!

Neues für die Fans des alten ZACK

c-o: Hallo Ansgar! Wie immer um die Weihnachtszeit unterhalten wir uns über das Programm für die nächsten 6 Monate. Der All Verlag steht für eine Titelauswahl, die ZACK-Aficionados glücklich macht. Auch 2022 baust Du mit Kasimir und der ZACK-Chronik dieses Segment sogar noch aus. Ich gehe davon aus, dass Du eine gute Vorstellung davon hast, was der Markt bzw. das Budget deiner Kund*innen hergibt.

AL: Also wir machen keine Marktforschung, wenn du das meinst. Ich gehe da erstmal nach meinem persönlichen Geschmack und überlege mir dann im zweiten Schritt, ob man das dann auch verkaufen kann. Meistens passt das, aber manchmal liege ich natürlich auch daneben. Das darf allerdings nicht zu oft passieren, sonst hat der Verlag irgendwann ein Problem. Bisher haben die ausgewählten Titel aber fast immer zumindest die Kosten wieder eingespielt. Wobei meine Arbeitskraft nicht mit in die Berechnung eingeht.

Die Chronik

c-o: Was genau wird die ZACK-Chronik beinhalten?

AL:  Bernd Weckwert, der als Herausgeber für das Buch verantwortlich ist, hat unter anderem zu jedem Heft einen kleinen Text zu Besonderheiten und Wissenswertem verfasst. Natürlich werden alle Cover der Hefte (auch Auslandsversionen), Alben und Taschenbücher abgedruckt. Aber auch (fast) alle Zack Clubartikel, der Zack Dummy von Gigi Spina, Cover von geplanten aber nicht mehr realisierten Alben usw. usw.

Cover ZACK-Chronik

Hier schonmal eine grobe Inhaltsübersicht:

Vorgeschichte Der frankobelgische Comic in Deutschland bis 1972
Die Zeit der Vorbereitungen 1971/Anfang 1972
Cover Zack Magazin Für jeden Jahrgang eine kurze zweiseitige Einführung und ein Text zu jedem Heft
Cover Zack Alben
Zack Taschenbücher
Zack Zeitung/Zack Club
Zack-Merchandise
Galerie der Zack Poster
Die Zeit nach Einstellung von Zack in Deutschland
Die Zeit danach in Frankreich/Belgien und anderen Ländern
Verlagspolitik
Zack in der Außenwahrnehmung
Eigenproduktionen
Serienindex und Texter-/Zeichnerindex                     

c-o: Bruno Brazil, Dani Futuro, Luc Orient, Bob Morane und Pharao werden fortgesetzt – sind alle Titel bereits auf Deutsch erschienen oder sind auch hier wieder Erstausgaben dabei?

AL:  Bei Bruno Brazil sind zum einen die Skriptseiten der abgebrochenen Story „Die rote Kette“ in deutscher Übersetzung enthalten und zum anderen 1 Seite aus einem Jam-Comic die eine deutsche Erstveröffentlichung ist. Ansonsten ist der Inhalt bis auf den redaktionellen Teil identisch mit der Egmont Ausgabe. Bei Bob Morane ist Band 10 eine deutsche Erstveröffentlichung und Dani Futuro auch, aber ich bin mir nicht 100 % sicher.

Die Funny-Offensive

c-o: Mit Spaghetti und Kasimir geht es in Richtung Humor und auch Hägar passt dazu. Schon Valentin bediente diese Richtung ja. Sind diese Titel eher für den Comic-Markt oder für den regulären Buchhandel? Vor allem mit Hägar hast Du ja auch eine neue Langzeitserie gestartet. Das spricht immerhin dafür, dass du noch viel vor hast.

AL: Ich höre ja immer, dass es Funny-Titel in Deutschland so schwer haben. Ich habe diese Erfahrung bisher nicht gemacht. Allerdings mag das auch daran liegen, welche Namen auf dem Cover stehen. Bei Valentin und den neuen Serien Spaghetti und Kasimir ist ja Goscinny der Texter und das garantiert natürlich für eine gewisse Qualität.

Hägar erscheint in mehr als 2000 Zeitungen weltweit. Da ist natürlich auch bei Nicht-Comiclesern eine große Bekanntheit vorhanden. Deshalb wollen wir damit auch in den Buchhandel. Auch Hägar wird es übrigens mit signiertem Exlibris geben. Das ist ja dann vielleicht auch wieder was für den gemeinen Comicliebhaber. Übrigens veröffentlichen wir mit dem Jahrgang 2017 auch das erste Jahr das in der Gesamtausgabe von Egmont nicht mehr erschienen ist.

Cover Hägar Gesamtausgabe 1973

Für Erwachsene …

c-o: Mit Messalina wird dein Programm für Erwachsene fortgesetzt. Wie sind denn die bisherigen Titel gelaufen? Gibt es dafür neben dem Internet überhaupt noch einen Markt?

AL:  Ich habe die Lizenz schon einige Jahre und hab sie immer vor mir hergeschoben, weil ich dafür auch keinen wirklichen Markt mehr gesehen habe. Aber weit gefehlt. Beide Bände sind bis auf eine Handvoll Exemplare vergriffen. Das hat mich dann doch auch selbst überrascht. Deshalb werden wir im zweiten Halbjahr mit einem Sechsteiler eines sehr bekannten spanischen Zeichners nachlegen.

c-o: Mit Gil St. Andre und Malefosse setzt Du konsequent deine Integral-Reihen fort und bietest weiterhin jeweils eine limitierte Vorzugsausgabe an. Andere Verlage beschränken sich hier auf einige Bände der Serie. Gibt es bei langlaufenden Serien tatsächlich genug Käufer*innen für diese Schätzchen?

AL: Das kommt immer auf die Serie an. Mittlerweile gibt es aber einen festen Kundenstamm für diese Ausgaben. Natürlich ist es manchmal nicht so einfach das durchzuziehen, weil es kein geeignetes Bildmaterial gibt oder weil der Künstler vorsichtig gesagt etwas kompliziert ist. Aktuell hatten wir einigen Aufwand mit Loisel, der im Umgang etwas schwierig war und nicht so recht auf unsere Anforderungen eingehen wollte. Schlussendlich hat es dann doch alles funktioniert. Eigentlich wie immer.

Cover Die Wege von Malefosse Gesamtausgabe 5

Tops’n‘Flops

c-o: Da sich die Anzahl der angekündigten Titel deutlich erhöht hat, gehe ich mal davon aus, dass das letzte Jahr trotz COVID erfolgreich gelaufen ist. Magst du den Leser*innen von comix-online verraten, welche Titel besonders gut oder schlecht gelaufen sind?

AL:  Die bestverkauften Titel der letzten 12 Monate waren Hombre 3, Lady S 3, Die erotische Kunst des Wally Wood, Wunderwaffen 10 und Die Erzählungen von Lederstrumpf 2.

c-o: Ich persönlich freue mich vor allem auf Jerry Spring in Farbe. Hast du einen Lieblingstitel im Programm?

AL:  Jerry Spring ist für mich ja schon wieder Vergangenheit. Und selbst das kommende Programm ist eigentlich schon abgehakt. Aber da freue ich mich besonders auf Franka mit 32 Seiten redaktionellem Text in jedem Buch. Ich habe in letzter Zeit häufig mit Henk (Kuijpers, dem Zeichner von Franka) telefoniert und ihn als sehr angenehmen Gesprächspartner kennengelernt, was die Zusammenarbeit nochmal angenehmer macht. Und nicht zu vergessen, er spricht deutsch.

c-o: Vielen Dank für das Gespräch, Ansgar. Bis in sechs Monaten und viel Erfolg!

Das Programm im Überblick

Wie gehabt erscheint zu jedem Titel eine limitierte Vorzugsausgabe. Diese haben teilweise ein anderes Coverbild, immer einen Schutzumschlag und ein limitiertes ExLibris, das teilweise signiert ist. Sie sind auf 111 Exemplare beschränkt. Natürlich wird comix-online das Programm wie gehabt mit Rezensionen begleiten.

Februar 2022 
Bruno Brazil 10Dossier Bruno Brazil
Bruno Brazil 11Sonderband
Dani Futuro 3Iris von Andromeda
Dani Futuro 4Der verfluchte Planet
SpaghettiGesamtausgabe 1
HägarGesamtausgabe 1973 — Cartoon
HägarGesamtausgabe 2017 — Cartoon
März 2022 
Messalina 3Die Hure von Rom
Messalina 4Orgien und Spiele
Luc Orient 11Das Tal des tosenden Wassers
Luc Orient 12Das Kristalltor
Gil St. AndreGesamtausgabe 4
Mai 2022 
Bob Morane 2Die Söhne des Drachen
Bob Morane 10Die Gefangene des gelben Schattens
Kasimir 1Der Taxifahrer
Kasimir 2… und der Supertreibstoff
MalefosseGesamtausgabe 5
Juni 2022 
Jerry Spring 3Silbermond
Jerry Spring 4Waffenschmuggel
Pharao 2Eisiger Verstand
Pharao 3Die Inkarnation von Seth
FrankaGesamtausgabe 1
Die ZACK-Chronik— „Drumherum“

© aller Abbildungen 2022 All Verlag und jeweilige Lizenzgeber

Kris/Bailly – Ein Sack voll Murmeln

Nach den Erinnerungen von Joseph Joffo

Story: Kris
Zeichnungen: 
Vincent Bailly
Originaltitel: 
Un sack de billes

Bahoe books
Hardcover | 128 Seiten | Farbe | 24,00 €
ISBN: 
978-3-903290-62-4

Cover Ein Sack voll Murmeln

Immer wieder stellt sich die Frage, wie Geschichte Kindern und Jugendlichen vermittelt werden kann. Während meiner Schulzeit erfolgte der Wechsel von auswendig zu lernenden Jahreszahlen und Herrschern zu Quellentexten und einer Fokussierung auf den Alltag der von Geschichte Betroffenen. Damit wurde das ganze Thema schon greifbarer, blieb aber immer noch trocken. Seit einiger Zeit nun gibt es immer mehr Versuche, Geschichte bildlich im Comic darzustellen. Dabei haben sich im Wesentlichen zwei Richtungen etabliert: Stadtgeschichte in Zusammenarbeit mit Museen und Biographien.

Eine Jugend auf der Flucht

Joseph Joffo (1931 – 2018), seine Geschwister und Eltern lebten in Paris. Sie hatten ein Auskommen durch das Friseurgeschäft des Vaters, die Kinder gingen zur Schule und spielten Murmeln. Diese Idylle wurde durch den Überfall der Deutschen auf Frankreich und die Besetzung jäh beendet. Auch in Frankreich wurden Juden und Jüdinnen entrechtet. Sie durften keine Berufe mehr ausüben, nicht zur Schule gehen, mussten den Judenstern tragen und wurden schließlich zusammengetrieben und deportiert.

Ein Sack voll Murmeln page 3

Ein Sack voll Murmeln beschreibt aus der Sicht des Jungen die ersten Erfahrungen mit den neuen Regeln, die Veränderung von einigen Mitschülern und die generelle Stimmung. Die Familie beschließt in mehreren Zweier-Gruppen in die „freie“ Vichy-Zone zu fliehen. Joseph und sein Bruder bekommen etwas Geld und müssen sich durchschlagen. Kris setzt Joffos Erinnerungen sehr behutsam in Bildaufteilungen um. Es geht ihm nie um Anklage, die Beschreibung steht im Vordergrund. Und so passieren neben schrecklichen, angsteinflößenden Dingen auch lustige, mutmachende Sachen.

Die Familie trifft sich schließlich nach individuellen Erlebnissen in Marseille, muss aber noch mehrmals den Ort wechseln und auf der Hut bleiben, da auch das Vichy-Frankreich Menschen jüdischen Glaubens an Deutschland ausliefert. Die in Frankreich als Schullektüre genutzten Erinnerungen geben einen natürlich subjektiven, aber sehr eindringlichen Einblick in die Gefühlswelt eines kleinen Jungen und an die Anforderungen, die plötzlich gestellt worden waren. Die Schrecken des Krieges und der Shoah sind für jede*n unterschiedlich, aber diese hier tragen zur kollektiven Erinnerung bei!

Kris/Bailly page 6

Zeichnungen, die Eindruck hinterlassen

Vincent Bailly zeichnet nicht nur, er koloriert auch mit Aquarellfarben. Dadurch entstehen Bilder, die nicht so fröhlich wirken wie Comics aus Spirou oder Tintin. Die Gesichter sind schroffer, wirken zugleich aber teilweise realistischer. Zudem sind viele Szenen aus einer Froschperspektive angelegt, die die Wirkung auf Kinder verdeutlicht.

Die Seiten sind einerseits klassisch mit viereckigen Panels angelegt. Die variierende Zahl und Breite der Streifen und auch die vielen Überspannungen machen das Layout aber trotzdem sehr abwechslungsreich. Auch das Tempo wechselt von zeitüberbrückenden Sequenzen zu einer schnellen Abfolge, wenn nötig. Trotz aller Perspektivwechsel bleiben die Körper aber stimmig und wechseln nicht ins Karikatureske.

Kris/Bailly page 7

Ein Comic mit Anspruch!

Bahoe books aus Wien ist kein typischer Verlag. Sie machen und verlegen Bücher und Comics, weil sie etwas verändern wollen in Richtung einer nicht rassistischen, nicht sexistischen und gerechten Welt! Sie haben aber gelernt, dass die beste Theorie nichts nützt, wenn keiner sie versteht oder kennt, und versuchen daher wo immer es geht auch früher verpönte Themen wie Fußball anzugehen. Ein Schwerpunkt sind dabei auch Erinnerungen von Überlebenden oder Geschichten aus der Resistance.

Joseph Jotto

Allen diesen Geschichten gemein ist, dass es hier nicht um einen erhobenen Zeigefinger geht! Den Leser*innen wird es überlassen, eigene Schlüsse zu ziehen. Da das Ganze zudem mit einer hohen Qualität der Geschichten und Zeichnungen einhergeht gibt es sogar zwei Gründe, die Comics zu lesen! Es empfiehlt sich aber, sie nicht nur den Kindern und Enkeln zu schenken, sondern auch gemeinsam darüber zu sprechen.

Dazu passen Jona Lewie mit „Stop the Cavalry“ und ein Cidre.

© der Abbildungen Futuropolis 2017, bahoe books 2021

Bravo – Spirou oder: die Hoffnung 3

Dem Ende entgegen

Story und Zeichnungen: Émile Bravo

Originaltitel: Spirou L´Espoir malgré tout troisième Partie

Carlsen Comics
Softcover |120 Seiten | Farbe | 16,00 €
ISBN: 
978-3-551-77640-2

Cover Bravo Spirou oder die Hoffnung 3

In Belgien gehörten Comics schon vor dem Zweiten Weltkrieg zur Tradition. Auf der einen Seite gab es das Magazin Spirou, auf der anderen Seite die zunächst in katholischen Medien erscheinenden Abenteuer von Tim und seinem Hund Struppi. Während ersteres während des Krieges unabhängig blieb und die längste Zeit wenn auch mit verringertem Umfang erscheinen konnte, arrangierte sich der Künstler des Zweiteren mit den Besatzern. Die Abenteuer des pfiffigen Reportes erschienen im von den Deutschen kontrollierten Le Soir. Mehr dazu in Nimm das, Adolf!

Spirou oder wie viele unterschiedliche Ausprägungen der Widerstand haben kann

Émile Bravo hatte seine Geschichte über Belgien im Zweiten Weltkrieg von Anfang an auf vier Bände ausgelegt und mit dem Titel Spirou oder: die Hoffnung versehen. Glücklicherweise zwingt heutzutage kein Buchhalter mehr die Künstler*innen, ihre Geschichte innerhalb einer genormten Seitenlänge abzugeben. Nur deswegen konnte er sich für die Zeit von Sommer 1942 bis zur Landung der Alliierten in der Normandie weit über 100 Seiten genehmigen. Sein Anspruch ist es, heutigen Kindern und Jugendlichen die damalige Zeit, ihre Beschränkungen und Herausforderungen, vor allem aber ihren Schrecken deutlich zu machen.

Spirou Spezial 34 page 3

Dem Ende entgegen beginnt in einem Zug; nicht nur Spirou, sondern auch seine Schützlinge, zwei kleine jüdische Kinder, sitzen im Zug nach Ausschwitz. Glücklicherweise können sie sich befreien und untertauchen und Spirou wird somit erstmals aktiv gegen die Deutschen tätig. Im Interview erklärt Bravo dazu, dass es natürlich nicht möglich gewesen wäre, den Schrecken von Ausschwitz zu zeigen. Es genüge schon, der heutigen Jugend ein Bild des Alltags zu vermitteln.

Spirou und Fantasio ziehen weiter mit ihrem Puppentheater über das Land (authentisch für das Magazin Spirou), verteilen Nachrichten und versorgen untergetauchte jüdische Freund*innen mit Lebensmitteln. Später kommt aktive Sabotage dazu. Trotzdem sieht sich Spirou nicht als „Kämpfer“ oder aktiven „Widerständler“, tut er doch nur das, was jede*r tun sollte. Doch später wird auch er die Gewalt der Besatzer am eigenen Leib spüren und sich die Frage nach seinen Grenzen stellen.

Spirou Spezial 34 page 4

Die Story unterstützende Zeichnungen

Nicht nur das Layout sieht aus wie „früher“, auch die Zeichnungen atmen eine gewisse Altertümlichkeit aus. Natürlich versucht Bravo damit einerseits Layout und Stimmung der damaligen Spirou-Ausgaben aufzunehmen, andererseits deutet das starre Layout aber auch die engen Grenzen an, die den Bewohner*innen Belgiens damals gesetzt waren. Luxus bestand darin, eine heile Wohnung zu bewohnen und keinen Hunger zu haben.

Fast alle hatten in Familie oder Freundeskreis Opfer und Verluste zu beklagen, das Vertrauen in andere war aufgrund der Denunziant*innen beschränkt und das Ergebnis eines Verrats war der Tod. Diese bedrückende Stimmung kommt durch die Zeichnungen sehr gut rüber. Spirou versucht immer wieder, Hoffnung zu verbreiten, während Fantasio seine Wut und Hilflosigkeit zeigt. Ganz anders also, als man es gemeinhin von einem Comic für Kinder gewöhnt ist.

Spirou Spezial 34 page 5

Ein geglücktes Experiment

Émile Bravo hat es gewagt, eine lustige Kinderserie mit Krieg und Besetzung, Judenvernichtung und Tod zu füllen. Dabei beschränkt er sich nicht einmal auf übliche Standardlängen, sondern überzieht gewaltig. Trotzdem ist das Experiment geglückt! Weder ist zu viel Pathos herausgekommen noch werden die Geschehnisse verharmlost. Spirou gehört zum belgischen Allgemeingut, jede*r kann etwas damit anfangen. Genau diese Voraussetzung ermöglicht es, die Geschichte für heutige Leser*innen zu erzählen denen die nicht alternden Figuren bekannt sind, die Zeit von vor 80 Jahren aber nicht.

Hoffen wir, dass auch hierzulande das Experiment nicht nur „im Feuilleton“ begeistert besprochen wird, sondern auch den Weg zu den Käufer*innen findet. Die Reihe Spirou und Fantasio Spezial, in der hierzulande auch die One-Shots erscheinen, ist jedenfalls genau der richtige Ort dafür.

Backcover Bravo Spirou oder die Hoffnung 3

Dazu passen die Moorsoldaten und eine selbstgemachte Limonade.

© der Abbildungen Dupuis 2021 – Bravo/Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2021.

Kleist – Starman

David Bowie’s Ziggy Stardust Years

Story und Zeichnungen: Reinhard Kleist

Originalausgabe

Carlsen Comics

Hardcover |176 Seiten | Farbe | 25,00 €
ISBN: 
978-3-551-79362-1

Cover Kleist Starman

Comics über Musik bzw. Musiker*innen sind seit einigen Jahren in. Lange gab es so etwas nur in kleinen Fanzines für Bands aus verschiedensten Subkulturen. Doch wie immer hat der Mainstream bisher noch jede Innovation vereinnahmt und zu Geld gemacht. Nicht, dass das immer schlimm oder verwerflich wäre! Hier haben wir es mit einem Künstler zu tun, der eine ganze Stilrichtung beeinflusst hat und einem Zeichner, der seine Einfühlungsvermögen in Musiker schon mehrfach bewiesen hat. Allerbeste Voraussetzungen also!

Der langsame Weg in den Wahnsinn

Welcher jugendliche Musiker kennt nicht den Wunsch, erfolgreich, berühmt und reich zu werden? Selbst wenn das Talent ausreichend ist, braucht es viel Glück zur richtigen Zeit. Und: Das Showbusiness verlangt vollen Einsatz. Was aber, wenn das Konzept sich irgendwann verselbstständigt?

Auschnitt aus Kleist Starman 1

Reinhard Kleist beschränkt seine Comic-Biografie über David Bowie auf die Ziggy Stardust-Jahre. Es beginnt Anfang 1972: The Spiders werden am Ende eines Konzertes noch mit Flaschen beworfen. Die Themen stehen aber schon zur Verfügung: Die Welt wird sich selbst vernichten, Gewalt, Chaos, Umweltzerstörung, Atomwaffen und alles, was sich der menschliche Geist sonst noch überlegt hat, werden dafür sorgen. Doch es gibt Hoffnung: Außerirdische werden uns retten! Und David Bowie aka Ziggy Stardust ist genau dieser jene, der die Hoffnung verkörpert.

Im Weiteren geht es immer mehr darum, wie Ziggy fast schon zum Messias aufgebaut wird und seine Fans ihn und die Spiders from Mars vergöttern. Die Geschichte des langsam steigenden Ruhms wird erzählt, die Verbindungen zu Iggy Pop, Andy Warhol und allen Groupies, die um die Helden herumschwirren. Es geht aber auch um den langsam anwachsenden Wahnsinn, den Verlust der eigenen Persönlichkeit im künstlichen Konzept Ziggy und den Versuch, trotz allem Ruhm ein eigenes, ehrliches Leben mit Kind und Frau, Mutter und krankem Bruder zu führen.

Auschnitt aus Kleist Starman 2

Dieser Widerspruch zwischen dem Idol und dem Leben, der schockierenden Androgynität im Drogenrausch und dem kleinstädtischen Leben der Mutter ist das, was Kleists Werk auszeichnet. Es ist nicht die tausendste Lobhudelei, es ist der Versuch, den Menschen zu entdecken, freizulegen und verständlich zu machen.

Die Explosion der Farben und Formen

Nicht nur der Text ist von großem Respekt gekennzeichnet, auch die Bilder zeigen immer wieder einen verletzlichen Bowie. Einerseits kann nichts schrill genug sein, wenn es um Kostüme oder Frisuren geht und auch die Zeichnungen übernehmen das mit grellbunten Farben und Formen. Andererseits ist der Mensch vor dem Spiegel ängstlich und leise.

Auschnitt aus Kleist Starman 3

Sepiatöne für das Private, grelle, schreinernde Farben für das Öffentliche. Stärker können die Gegensätze nicht sein. Dazu kommen teilweise Übernahmen aus dem Pulp mit grob gerasterten Zeichnungen und immer wieder Umsetzungen der Bühnenauftritte, die fast schon an eine filmische Dokumentation erinnern. Reinhard Kleist beweist erneut seine Wandlungsfähigkeit und sein Einfühlungsvermögen!

Nicht nur für Bowiefans eine Empfehlung

Vermutlich wird der Band bei vielen Bowie-Fans unter dem Weihnachtsbaum liegen. Wer sich für die Musik der 70-er Jahre interessiert, wird daran definitiv seine Freude haben, die Zielgruppe ist also weiter als „nur“ die Ziggy-Fans. Wer erst mit den 90-ern angefangen hat, wird sich allerdings fragen, was denn dieser Mainstream-Künstler früher so alles gemacht hat.

Illustration Kleist Bowie

Die Graphic Novel ist aber auch psychologisch Interessierten zu empfehlen: Dr. Jekyll & Mr. Hyde, Dorian Gray und Artverwandtes findet hier eine Entsprechung in der Erschaffung eines Idols für die Massen. Kann ein Mensch den Musikzirkus eigentlich überstehen? (Und natürlich: es geht! Viele haben es aber erst nach Entziehungskuren oder Psychiatrieaufenthalten geschafft.) Zum Glück ist ein weiterer Teil bereits angekündigt.

Das Werk ist im Übrigen auch als Luxusausgabe mit limitiertem handsigniertem Druck erhältlich. Auch die reguläre Ausgabe enthält aber bereits im Anhang ganzseitige Illustrationen.

Cover Kleist Starman Vorzugsausgabe
Cover der limitierten Vorzugsausgabe

Dazu passen logischerweise nur Ziggy Stardust and the Spiders from Mars und ein Korn mit Kirsch.

© der Abbildungen Reinhard Kleist/Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2021.

MOSAIK – Anna, Bella & Caramella – 50/2021

Flucht in die Wolken

Story: Jens U. Schubert
Zeichnungen: 
Kollektiv

MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag

Kleinformat | 52 Seiten | Farbe | 3,60 € 
ISSN: 
1867-1721

Cover mosaik Anna, Bella, Caramella 50

Wow, das letzte Mal, dass ich über diese Serie geschrieben habe, war es zum 10-jährigen Jubiläum und nun haben die Drei schon 50 Hefte hinter sich – erneut also ein Trommelwirbel und eine Gratulation! Wie auch die Abrafaxe gehen Anna, Bella und Caramella auf Zeitreisen in die Weltgeschichte. Mit ihrem weiblichen Blick erlauben sie aber andere Perspektiven auf oft Vernachlässigtes.

Können Frauen Flugzeuge fliegen?

Unsere Heldinnen müssen Mexiko fluchtartig verlassen. Auf einem Rollfeld treffen sie auf Opal Kunz, eine berühmte Fliegerin, und ihr Flugzeug. Allein die Tatsache, dass eine Frau, noch dazu in Hosen, behauptet, ein solches Gefährt bedienen zu wollen, treibt den eigentlichen Mechaniker bereits fast in den Wahnsinn. Als dann auch noch Anna, Bella und Caramella das Flugzeug warten wollen, verbessert das seine Laune nicht.

mosaik Anna, Bella, Caramella 50 page 3

Bevor aber das Militär ihm zu Hilfe kommen kann, muss erstmal exerziert werden. Durch solch militaristischen Unsinn mit viel Zeit versehen, können die vier Frauen tatsächlich das Land verlassen, müssen allerdings einen weiteren Passagier, den deutschen Schauspieler Emil Jannings, mitnehmen. Hier darf die Redaktion dann mal wieder politisch korrekt handeln und ein Statement zum Thema Beutekunst absetzen. – Gut gemacht!

Detaillierte, humorvolle Zeichnungen

Zielgruppe dieser Geschichten, die alle drei Monate erscheinen, sind junge Mädchen. Es geht darum, Mädchen als Handelnde zu zeigen die auch ohne männliche Hilfe zurechtkommen. Was aber nicht heißen soll, dass keine Romanzen mit Männern stattfinden sollten oder dass das andere Geschlecht ignoriert werden würden. Es geht einfach um echte Gleichberechtigung und Selbständigkeit.

mosaik Anna, Bella, Caramella 50 page 4

Diese Themen mit einem Comic zu besetzen, der kein Manga ist, ist sicherlich schwierig, das mosaik beweist aber mit diesem Jubiläum, dass es möglich ist. Ein Grund dafür sind sicherlich die Zeichnungen, die sich an den zeitgebundenen Originalen orientieren, über Sidekicks, Tiere oder Slapstick aber immer wieder ein Gegengewicht beisteuern, das zur Identifikation einlädt.

Ein anderer Blick

Mädchen können sich nur dann auf andere Frauen berufen, wenn sie sie kennen. Geschichtsunterricht, Fernsehserien, Kinder- und Jugendbücher präsentieren oftmals aber einen männlichen Blick. Umso besser, dass hier Frauen im Mittelpunkt stehen: Frida Kahlo, Katharina von Krakwinckel, Ada Lovelace, Kaiserin Sisi oder Mary Shelley seien als Beispiele genannt.

Und ganz nebenbei gibt es auch noch weitere Infos über die besuchten Länder und Zeiten. Wer immer noch sagt, dass Comics Schmutz und Schund seien, die die Leser*innen verblöden würden, hat entweder noch nie einen Blick hineingeworfen oder ganz andere Gründe! Im Übrigen funktioniert das „weibliche“ mosaik wie das große Geschwisterchen: ein Kollektiv ist für den Prozess verantwortlich, es ist nur ein wenig kleiner.

Dazu passen „Hey Pippi Langstrumpf“, am besten sogar selbstgesungen, und ein Früchtetee.

© der Abbildungen Anna, Bella, Caramella, Abrafaxe by MOSAIK 2021

Peru/Merli – Western Legenden 2

Sitting Bull

Story: Olivier Peru
Zeichnungen: Luca Merli

Originaltitel: WEST LEGENDS volume 3

Splitter Verlag

Hardcover | 60 Seiten | Farbe | 16,00 € | 
ISBN: 978-3-96792-055-0

Cover Western Legenden 2

Der Wilde Westen ist eine Projektionsfläche für ganz verschiedene Sachen. Auf der einen Seite ist da die Lagerfeuerromantik des Cowboys – harte Arbeit, ehrliche Männer und selten, aber regelmäßig ein wenig Vergnügen, entweder im Saloon oder wie Ralf König es beschreibt. Dann ist da die Chance auf unendlichen oder zu mindestens kleinbürgerlichen Reichtum, also die Richtung Gold-Rush bzw. meine kleine Farm. Eine gehörige Portion fällt in die Richtung unreglementierter Machismo und dann gibt es noch die „Legenden“, die Held*innen dieser Zeit die sozusagen ancient celebrities darstellen. Der letzten Projektionsfläche ist die Serie Western Legenden gewidmet.

Der gefürchtete Krieger

Legenden müssen nicht unbedingt „erfolgreich“ gewesen sein, ein grandioses Scheitern ist mindestens ebenso hilfreich! Insofern sind nicht nur weiße Männer dieser Kategorie zuzuordnen. Hier geht es um eine Episode im Leben von Sitting Bull, einem Kriegshäuptling der Lakota-Sioux, der für seinen Widerstand gegen die weiße Landnahmepolitik bekannt geworden ist.

Western Legenden 2 page 3

Ein Trupp von US-Streitkräften ist auf geheimer Mission durch ein den Sioux vertraglich zugewiesenes Gebiet. Zu diesem Trupp gehören auch ein indianischer Scout sowie ein ehemaliger Soldat der Südstaaten. Dieser hatte sich geweigert, bei einem Einsatz seiner Kampfgruppe gegen die Oglala Frauen und Kinder zum Schlächter zu werden und eine Familie gerettet. Später war er daraufhin von den sich rächenden Oglala-Krigern verschont worden und hatte lange mit ihnen zusammen gelebt. Bei einem Überfall auf den Trupp durch Weiße werden bis auf den Scout und den unter den Indianern als Butterfly Heart bekannten Mann alle getötet.

Eben jener wird von Sioux unter Sitting Bull gefunden, erkannt und macht sich zusammen mit ihnen auf den Weg, um herauszufinden, warum so viele Weiße in dem für sie verbotenen Gebiet sind und warum sie sich gegenseitig abknallen. Dabei geht es nicht nur um die reine Action, sondern im Wesentlichen darum, warum der Sioux und der Südstaatler sich vertrauen sollten und falls, wie ein solches Verhältnis aufgebaut werden kann. Teilweise geraten Olivier Peru die Dinge aus dem Ruder, wenn die zwei Helden sich gegen eine Vielzahl von Gegnern durchsetzen. Ansonsten ist das aber sehr spannend und aus unterschiedlichen Blickwinkeln reflektiert erzählt.

Western Legenden 2 page 5

Moderne Zeichnungen a la Soleil

Die Zeichnungen entsprechen dem modernen bei Soleil gepflegtem Stil. Realistisch, viel Hintergrund, Blut, schnelle Schritte und auch gerne angeschnittene Gesichter. Nicht, dass das schlecht wäre was Luca Merli hier abliefert, ganz im Gegenteil, handwerklich gut umgesetzt und mit Freude konsumierbar. Bei einigen Linien fällt auf, dass diese nur am Computer entstanden sein können und selten fällt auf, dass die Ebenen im Panel nicht wirklich miteinander harmonieren, aber das ist Meckerei auf hohem Niveau.

Detail Western Legenden 2 page 16

Die Geschichte hat zwei Grundtöne: rötlichbraun und blaugrün. Die zweite Färbung liegt Nacht- und Regenszenen zu Grunde, die erste deutet Berge, Steppe und Feuer an. Diese deutliche Betonung ersetzt die musikalische Hintergrundakzentuierung des Films und passt daher ganz gut. Einzige Kritik: Haare und Klamotten sehen bei Regen dann doch etwas anders aus als im Trockenen.

Spannender, moderner Western

Wie auch schon der Band über Wyatt Earp ergänzt die Geschichte die bekannte Legende um ein neues, passendes Detail. Die Konzeptserie bereichert jede Western-Comic-Sammlung und mag sogar wegen des Stils den einen oder die andere Leser*in von bekannten Fantasy-Serien zu einem Blick verlocken. Die Aufmachung ist Splitter-typisch und damit über jeden Tadel enthoben!

Detail Western Legenden 2 page 9

Natürlich spart der Text nicht an Kritik der damaligen amerikanischen Handlungsweise und Ideologie. Die Gewaltdarstellung ist aber nicht für jedes Alter geeignet.

Dazu passen Bérurier Noir und ein East Coast IPA, etwa von der Insel Brauerei.

© der Abbildungen Éditions Soleil, 2021 by Olivier Peru and Luca Merli/ Splitter Verlag GmbH & Co. KG · Bielefeld 2021

mosaik 550 – Oktober 2021

mosaik – mit den Abrafaxen durch die Zeit 550

Die Wunder von Bagdad

Story: Jens U. Schubert
Zeichnungen: 
Kollektiv

MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag

Kleinformat | 52 Seiten plus Beihefter | Farbe | 3,95 € 
ISSN: 
0323-8857

Cover Mosaik 550

Ehrentage sind immer etwas ganz Besonderes, vor allem, wenn sie im Doppelpack auftreten. Zunächst einmal ist die Zahl von 550Mosaik-Heften schon eine ganz außergewöhnliche! Fast 46 Jahre lang ist nun Monat für Monat ein neues Heft erschienen und hat dabei den Fall der Mauer, das Ende der DDR und die Treuhand überstanden. Das letzte ist auch der Grund für das zweite Jubiläum: Der Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag feiert mit diesem Heft sein 30-jähriges Bestehen – comix-online gratuliert herzlichst!

1001 Abenteuer mit den Abrafaxen!

Natürlich startet in dieser besonderen Nummer auch ein neues Abenteuer, die Wunder von Bagdad. In Gestalt von Sternschnuppen werden Abrax, Brabax und Califax aus der Südsee in das Jahr 185 an den Hof von Kalif Harun al-Raschid transportiert. Sie landen zunächst in der Wüste und dürfen sich gleich erfolgreich an der Rettung eines Kamels beteiligen bevor sie dann weiter nach Bagdad reisen.

Mosaik 550 Seite 14/15

Wie immer steht nicht nur die Geschichte allein im Vordergrund, es gibt auch allerlei Wissenswertes dazu. So erfahren die Leser*innen, dass das Jahr 185 nach dem islamischen Kalender dem Jahr 801 nach dem in Europa gebräuchlichen julianischen Kalender entspricht. Es verwundert daher nicht, dass auch eine Gesandtschaft des fränkischen Königs Karl in Bagdad verweilt und um eine Audienz beim Kalifen wartet. Karl sollte später Karl der Große genannt werden.

Der Beihefter führt ein wenig tiefer in die neue Geschichte ein und stellt einige Personen vor. Dazu erklärt eine Karte die Welt um 800 und die politische Lage. Vor allem aber erzählen Leser*innen jeglichen Alters, warum sie das Mosaik lieben. Kein anderes Magazin in Deutschland hat eine solche Verbundenheit mit seinen Fans! Von diesem Heft gab es übrigens auch eine Variant-Ausgabe, die einigen ostdeutschen Tageszeitungen beigefügt war.

Beihefter Mosaik 550
Der Beihefter

Würdigung

Das Mosaik ist immer noch etwas ganz Besonderes: erstellt in einem kollektiven Prozess von etwa 20 festen Mitarbeiter*innen verknüpft das Magazin spannende Comic-Unterhaltung für alle Altersschichten mit geschichtlichem Wissen. Die „Lektionen“ kommen dabei nicht wie Schulstoff daher, sind aber trotzdem fundiert und oft zusammen mit Museen entwickelt. Nicht zuletzt deswegen wird das Mosaik auch von der Stiftung Lesen empfohlen. Preislich bewegt sich das Heft in einem für Taschengeldempfänger*innen möglichen Rahmen und die Zeichnungen müssen sich keineswegs hinter internationalen Konkurrenzprodukten verstecken! Im Gegenteil: vieles aus Studioproduktionen ist deutlich schlechter!

Also: Viel Spaß mit den Abrafaxen, zunächst einmal im alten Bagdad, und auf die nächsten 30 Jahre!

Motiv aus Mosaik 550

Dazu passen Poems for Laila und entweder ein Schwarzbier oder ein orientalischer Chai.

© der Abbildungen 2021 MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag

Ahlering/Voloj – Marlene Dietrich

Augenblicke eines Lebens

Story: Julian Voloj
Zeichnungen: 
Claudia Ahlering

Originalausgabe

Knesebeck Verlag

Hardcover | 128 Seiten | Farbe | 24 € |

ISBN:  978-3-95728-334-4

Cover Ahlering/Voloj – Marlene Dietrich

Biografien zu Hollywoodgrößen vergangener Tage sind gerade in Mode. Bei Panini gibt es gar eine eigene Reihe, Charlie Chaplin und Marylin Monroe sind bereits erschienen. Sie erzählen das Leben als Geschichte, sparen auch Probleme nicht aus, wollen im Wesentlichen aber eher gefällig sein. Die hier vorgelegte Graphic Novel über „die Dietrich“ ist anders.

Die deutsche Anti-Deutsche

Marlene Dietrich ist wahrscheinlich die einzige Diva aus Deutschland. Noch weitgehend unbekannt wurde sie für den ersten deutschen Tonfilm engagiert und „Der blaue Engel“ war gleichzeitig ihre Eintrittskarte nach Hollywood. Augenblicke eines Lebens schildert sowohl ihre persönlichen Momente als auch Ausschnitte ihrer Karriere nach. Ein junger Journalist erhält die Möglichkeit, ein Interview mit der seit Jahren sehr zurückgezogen lebenden Legende zu führen und bereitet sich auf das Gespräch vor.

Ahlering/Voloj – Marlene Dietrich page 20/21

Die große Berühmtheit scheint ihm von ihrer Zeit in Berlin zu erzählen, ihrer Ehe mit Rudi Sieber und den Ereignissen rund um den Film, der sie berühmt machen sollte. Sie geht zunächst ohne ihre gemeinsame Tochter nach Hollywood, holt diese aber nach und beginnt zu begreifen, dass es in Deutschland unter Hitler keine Zukunft geben kann. Vergeblich versucht sie, ihre Mutter zur Ausreise zu überreden.

In Hollywood beginnt sie eine langjährige Liaison mit Jean Gabin der sich schließlich freiwillig dem Kampf gegen die Nazis anschließt und auch Marlene beginnt aktiv zu werden und die Moral der Truppe durch Auftritte zu heben. Nach der Befreiung muss sie feststellen, dass ihre Schwester ein Kino zur Entspannung der SS-Schergen in Bergen-Belsen betrieben hat. Sie wird sie von Stund an verleugnen.

Ahlering/Voloj – Marlene Dietrich page 42/43

Das Leben wird in kleinen Ausschnitten präsentiert und hat mehr Auslassungen als Inhalte. Die Augenblicke bieten daher nur einen ersten Einstieg in ein komplexes Leben das dem deutschen Mittelmaß so gar nicht entsprochen hat. Und doch war sie die erste, die öffentlich in Israel auf Deutsch gesungen hat. Ihr hat man es abgenommen, dass Kultur und Sprache auf der einen, Großmannssucht und Rassismus auf der anderen Seite nicht zusammengehören müssen.

Knarzige Bilder

Auch der gewählte Stil hat nichts massenmarkttaugliches an sich! Die Bilder sind nicht schön, die Figuren erst recht nicht und die gemalten Panel karikieren und wirken ein wenig aus der Zeit gefallen. Sie erinnern fast ein wenig an Egon Schiele und stellen nicht die wahrhafte Abbildung in den Vordergrund, sondern die Emotion der Handelnden. Dadurch wird eine gewisse Distanz geschaffen, die zur Auseinandersetzung mit dem Inhalt aufruft und sich der schnellen Konsumierbarkeit entgegenstellt.

Ahlering/Voloj – Marlene Dietrich page 80/81

Das ist auch der größte Unterschied zu der eingangs erwähnten Reihe der Hollywood-Stars. Dort ist das Was der Fokus, hier das Warum! Claudia Ahlering und Julian Voloj ist die Annäherung gelungen. Sie ruft großartige Bilder hervor, lässt Musik erklingen, zeigt große Gesten, lässt aber auch kleine Schwächen zu und zeigt Unsicherheiten.

Fazit

Was ist die Aufgabe einer Biografie? Einerseits geht es um das Bild für die Nachwelt und die Frage, ob es geschönt sein soll oder eher ungeschminkt. Hier ist es wohl am ehesten ein Mittelweg geworden. Die zweite Aufgabe ist sicherlich, Interesse an der dargestellten Persönlichkeit zu wecken. Ist alles gesagt, war das Leben vielleicht doch nicht so groß. Hinterlässt es aber ein paar offene Fragen und regt somit zu weiterem Einsteigen ein, beantwortet aber gleichzeitig ein paar grundlegende Fragen und klärt damit ab, ob sich weiteres Beschäftigen lohnt, dann ist alles gelungen.

Knesebeck hat sein feines Programm aus Literaturadaptionen und Biografien mit einem weiteren Kleinod bereichert! Es wird nicht allen gefallen, aber auch das ist ein Pluspunkt und liegt eher im Auge des Betrachtenden.

Dazu passen Marlene Dietrich mit „Ich Hab` Die Ganze Nacht Geweint“ und ein trockener Champagner.

© 2021 von dem Knesebeck GmbH & Co Verlag KG, München, Abbildungen © 2021 Claudia Ahlering, Texte © 2021 Julian Voloj