Bonnet – USS Constitution 1

Band 1: Vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand

Story: Franck Bonnet

Zeichnungen: Franck Bonnet

Originaltitel: USS CONSTITUTION 1 – LA JUSTICE À TERRE EST SOUVENT PIRE QU‘EN MER

Splitter Verlag

Hardcover | 64 Seiten | Farbe | 16,00 € |

ISBN: 978-3-96219-587-8

Majestätische Schiffe, unbeherrschbare Natur in ihrer ganzen Schönheit und Grausamkeit, monatelang andauerndes Eingesperrtsein auf einem sehr begrenzten Raum und die ständige Gefahr, angegriffen zu werden. Genügend Versatzstücke also, um daraus eine spannende Geschichte auf hoher See zu weben! Immer wieder erscheinen Abenteuer rund um die Seefahrt, oft aus dem Subgenre der Piratenerzählungen.

Familiengeheimnisse und weite See

Obwohl auch hier Piraten Teil der Story sind, ist die Perspektive doch eine andere. Zwar gibt es das namensgebende Kriegsschiff, die USS Constitution, nur aufgrund einer Bedrohung der amerikanischen Handelsflotte durch Piraten. Der früher gewährte Schutz durch die englische Royal Navy war nach der Unabhängigkeit Amerikas teilweise sogar durch eine gewisse Bedrohung ersetzt worden, und Amerika hatte eine eigene Kriegsflotte in Dienst zu stellen. Dabei ging es insbesondere um die Bekämpfung der Piraterie der Barbareskenstaaten im westlichen Mittelmeer. Das Schiff und seine Reise im Jahre 1803 von Boston in das Mittelmeer ist aber nur ein Hintergrundgeschehen für die Erlebnisse des jungen Fähnrichs Pierre-Mary Corbières.

Der nun 16-jährige hatte als Kind eine Ausbildung auf der Militärakademie bekommen und geht, nach dem Tod von Mutter und Großmutter, erstmals auf große Fahrt. Er stammt nicht aus einer reichen Familie ab und mag sich auch sonst nicht so recht an die Zwei-Klassen-Gesellschaft auf Deck zwischen Offizieren und Mannschaft einpassen. So freundet er sich mit einem Matrosen an und verbringt seine Freizeit lieber mit diesem als mit seinen Kollegen. Allerdings wird nicht nur seinem Freund, sondern auch seinem ärgsten Feind unter den jungen Offizieren klar, dass Pierre-Mary noch etwas anderes verbirgt.

Franck Bonnet ist für Zeichnungen und Szenario zuständig. Er kann daher optimal das Tempo variieren und sich Zeit lassen für die Darstellung der Schiffe und ihrer Aufbauten. Eine weitere Vorliebe von ihm ist, das Alltagsleben auf den Schiffen zu beschreiben: Sei es auf Wache, während der Freizeit oder unter Deck. Damit ist er sicherlich in der Tradition der alten Jugendmagazine in denen Albert Weinberg, Jean Graton oder Jean-Michel Charlier den Leser*innen Technik erklärt haben. Dazu passt auch das beigefügte Glossar mit maritimen Begriffen. Nicht zuletzt hat er auch schon eine große Erfahrung mit diesem Thema aus anderen Serien.

Die Zeichnungen – mehr als Wind und Wellen

Natürlich erwartet man bei einem Titel, der den Begriff hohe See in sich trägt, Wind und Wellen. Bonnet lässt uns auch die Weite des Meeres spüren. Verfolgungsjagden können nicht durch den Einsatz von Motoren beeinflusst werden, sondern benötigen das geschickte Ausnutzen der eigenen Stärken am Wind. Der Zeichner schafft es, einerseits die Kommandostrukturen und daraus resultierende Arbeiten zu visualisieren, andererseits auch das tägliche Gleiten und damit beide Seiten des maritimen Alltags darzustellen.

Dazu kommen die Ansichten der Segelschiffe mit oder ohne gesetzte Segel auf dem weiten Wasser oder im Hafen, die nostalgische Gefühle hervorrufen können. Nicht umsonst sind Windjammerparaden heutzutage eine riesige Touristenattraktion! Bonnet kann aber auch Personen in einem städtischen oder ländlichen Umfeld glaubhaft darstellen. Dazu bieten einerseits die Rückblicke auf die jeweiligen Vergangenheiten Möglichkeiten, andererseits gibt es auch einen ausführlichen Landgang in Tanger. Dieser spielt vielleicht etwas zu stark mit Vorurteilen.

Das Layout kommt sehr klassisch daher: rechteckige Panels mit klarem Rahmen und grid-definierter Position. Die Zeichnungen können sich aber sehen lassen: Gesichter sind gut konturiert und Hintergründe fein ausgearbeitet. Wer das ZACK mag, wird hier begeistert sein.

Die Empfehlung

Wer bei dem Titel nur an maritime Abenteuer und Schlachten denkt, greift hier sicherlich zu kurz. Bonnet verwebt ein coming-of-age-Szenario mit den Themen der Identitätsfindung und Freundschaft mit dem Leben auf See und der militärischen Organisation, die notwendig ist, um vor dem Feind bestehen zu können. Aufgrund der Überlänge ist auch genügend Zeit gegeben, die Personen und ihre Verhältnisse zueinander zu entwickeln und die Geschichte trotzdem voranzutreiben. So werden die typischen Probleme einer ersten Folge geschickt umschifft.

Splitter hat dem Ganzen einen perfekten Rahmen gegeben: Überformat mit gutem, stabilem Papier und Hardcover sind ja schon Tradition. Eine auf die geschichtlichen Hintergründe eingehende Einleitung und ein Glossar mit maritimen Begriffen erleichtern den Einstieg in die Welt der Seefahrt, stören aber alte Seebären überhaupt nicht. Gut gemacht! Eigentlich fehlt jetzt nur noch ein beigelegtes Poster mit einem der vielen tollen Panels aus dem Comic!

Beim Thema Seefahrt kommen als Getränk eigentlich nur die tägliche Portion Rum oder das widerstandsfähige India Pale Ale in Frage. Dazu passt Musik von den Bucaneers, auch wenn etwas zu Irish.

© der Abbildungen 2020 Editions Glénat by Franck Bonnet – Tous droits réservés / Splitter Verlag GmbH & Co. KG · Bielefeld 2020

Van Hamme-Alcante-Vallès – Serienkompass Rani

Jolanne de Valcourt – Geächtet, verfolgt und unbeugsam

Texter: Jean Van Hamme, Alcante

Zeichner: Francis Vallès

Reihentitel: Rani

Verlag Deutschland: Blattgold (ZACK)

Verlag Original und Niederlande: Le Lombard

Aktuell 8 Bände von 2009 bis heute

Veröffentlichungsstatus in Deutschland: Band 2 ab Februar 2021 im ZACK

Cover Rani 2 als Magazincover

Die Serie

Rani sollte eigentlich eine Fernsehserie werden, konnte jedoch aufgrund von Umstrukturierungen im französischen Fernsehen nicht realisiert werden. Nun ist der Autor Jean Van Hamme ja aber kein Unbekannter im Comic-Business und so wurde das Skript von Alcante (d.i. Didier Swysen) umgeschrieben, der erste Band erschien 2009. Die TV-Serie konnte 2010 doch noch gedreht werden und erschien 2011, kurz nach der Veröffentlichung des zweiten Comics. Mittlerweile liegen acht Comic-Bände im französischen Original und in niederländischer Sprache bei Lombard vor.

Der Titel der Reihe ist eine Referenz auf eine in der Zukunft liegende Episode. Näheres dazu nur für die, die es genauer wissen wollen, unter dem Abschnitt Spoiler.

aus Rani 2

Als Zeichner konnte der Franzose Francis Vallès gewonnen werden, der mit Jean Van Hamme bereits an einem anderen TV/Comic-Hybrid zusammengearbeitet hatte: Hopfen und Malz. Das Paket aus dem aktuell wohl erfolgreichsten europäischen Szenaristen und einem geübten Zeichner versprach von Anfang an gute Unterhaltung und akribische Recherchen. Wenn auch die Verfilmung nach der ersten Staffel keine Fortsetzung erfuhr, die Comics erscheinen noch immer, haben die TV-Serie aber mittlerweile eingeholt:

BandOriginalNiederländische AusgabeDeutsche Ausgabe
1Bâtarde (2009)BastaardZACK 248251
2Brigande (2011)BandietZACK 260 –
3Esclave (2012)Slavin 
4Maîtresse (2013)Meesteres 
5Sauvage (2015)Wilde 
6Condamnée (2017)Veroordeelde 
7Reine (2019)Koningin 
8Marquise (2020)Markiezin 
Cover Rani 1 als Magazincover

Eigentlich ist es unverständlich, dass eine Serie von Van Hamme nicht schon längst in Deutschland erschienen ist, verkaufen sich diese doch auch hierzulande nicht ganz schlecht. Tatsächlich hat sich aber noch niemand an Rani gewagt gehabt und so waren es Georg F. W. Tempel und das ZACK, die 2020 die Chance ergriffen haben.

Die Story

Wir schreiben das Jahr 1743. Die Geschichte beginnt im französischen Zentralmassiv. Die junge Jolanne de Valcourt ist die uneheliche Tochter des alten Marquis Charles de Valcourt, der sie als Tochter anerkennen wollte. Er wird allerdings von ihrem Halbbruder Philippe de Valcourt aus Habgier ermordet. Um seine Rivalin loszuwerden versucht Philippe, Jolanne an einen alten Lüstling zu verkaufen. Dieser infame Versuch wird begleitet von einem Akt des Landesverrats. Natürlich scheitert sowohl das eine wie auch das andere. Das hilft der jungen Heldin allerdings keineswegs denn sie wird zum Sündenbock auserkoren und muss ihr Zuhause fluchtartig verlassen.

aus Rani 1

Hier tritt nun das erste Mal ein Motiv auf, dass die Serie begleiten wird: die junge Frau ist in der Lage, sich aus einer fast ausweglosen Situation zu befreien und kann fliehen. Die Flucht ist aber selten von Dauer und führt zu einer erneuten Festnahme oder einer vergleichbaren Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Natürlich ist das dem TV-Serien-Konzept geschuldet, das noch viel mehr auf Cliffhangern basiert. Dementsprechend endet der erste und beginnt der zweite Band mit unserer Heldin in einem Gefangenentransport.

Ein weiteres, immer wiederkehrendes Motiv der Geschichte ist der Wunsch auf Rehabilitation. Immer wieder versucht Jolanne, Beweise für den Verrat ihres Halbbruders und des ich unterstützenden Polizisten Laroche zu finden und damit ihre Unschuld beweisen zu können. Doch selbst wenn einzelne Puzzlestücke in ihren Besitz gelangen müssen die äußeren Umstände eine Geltendmachung unterstützen.

aus Rani 1

Der klassische Gegensatz von Gut gegen Böse wird hier in einer Melange aus Mantel-und-Degen, Romantik, ferne Welten und Kulturen (Indien) und David gegen Goliath zelebriert. Das garantiert Spannung und Abwechslung!

Spoiler – bitte ggf. überspringen und bei DIE ZEICHNUNGEN weitermachen

Jolanne entkommt Laroche während des Transportes, trifft zunächst erneut auf den Engländer Craig Walker und wird dann Mitglied einer Bande von Gesetzlosen unter der Führung von Gabriel. Aufgrund eines Verrates aus Liebe wird sie erneut verhaftet. Sie schafft es, der Hinrichtung zu entkommen, indem sie sich unter der Identität einer anderen Gefangenen versteckt, wird allerdings nach Französisch-Indien deportiert.

Dort angekommen wird sie als Animierdame an die Besitzerin eines Bordells verkauft, hat aber einen sehr speziellen Kunden und ist daher privilegiert. Aufgrund dieser besonderen Ausgangslage schafft sie es, die Leitung zu übernehmen und für „ihre“ Mädchen bessere Verhältnisse zu schaffen. Mittlerweile haben aber auch Philippe und Laroche den Weg nach Indien gefunden und auch Gabriel ist als Galeerensklave dort eingetroffen. Seine Befreiung gelingt zwar, Jolanne muss deswegen aber ihre Stellung aufgeben.

Rettung naht in Form einer Heirat: Sie wird die (Maha)Rani, die Königin eines indischen Reiches und muss feststellen, dass das Land nicht nur an indischen Traditionen festhält, die den europäischen widersprechen, sondern auch zwischen die Fronten Englands und Frankreichs gerät. Erneut stehen Philippe und Craig auf unterschiedlichen Seiten und erneut wird ein Verrat begangen.

Erneut steht die Heldin vor den Trümmern ihrer Existenz und findet sich auf einem Schiff nach Europa wieder. Wird sich hier tatsächlich die drohende Hinrichtung noch einmal abwenden lassen?

Die Zeichnungen

Francis Vallès liefert grandiose Bilder ab: Landschaften und Innendekors gelingen ihm genauso gut wie die Figuren. Die Gewänder der Personen sitzen und fallen den Bewegungen entsprechend, selbst die Reitszenen sehen „richtig“ aus und die Gesichter haben Ausdruck. Wie oft denkt man beim Lesen eines Comics, dass der Zeichner die Gesichter irgendwie nur skizziert habe. Das ist bei Vallès anders! Auch der Seitenaufbau ist flexibel. Natürlich nicht wie bei einem amerikanischen Image-Titel, die Panels bleiben rechteckig, variieren aber in Breite und Höhe.

aus Rani 2

In der nun startenden zweiten Folge wird die Heldin häufiger unbekleidet zu sehen sein. Die mittellose junge Frau „ohne Herkunft“ ist einerseits immer wieder herrschsüchtigen, machtgierigen Männern ausgeliefert, die in Frauen ohnehin nur eine Ware sehen. Andererseits spielt sie aber auch immer wieder damit, dass Männer unvorsichtig werden, wenn sie glauben, dass eine Frau ihnen scheinbar freudig zu Diensten ist. So schafft sie es wenigstens teilweise, ihre Opferrolle taktisch zu wenden. Daneben gibt es aber auch eine romantische Substory, die sich über alle Bände streckt. Insofern haben alle diese Darstellungen ihre nicht voyeuristische Begründung.

Während die ersten beiden Bände in einem europäischen setting angelegt sind und die grandiosen Landschaften insofern wiedererkennbar sind werden die weiteren im Fernen Osten, in Indien spielen. Vallès schafft es aber, diese Umgebungen genauso selbstverständlich wirken zu lassen.

Die Einordnung

Die deutschen ZACK-Leser*innen können sich die nächsten Jahre auf eine tolle Serie freuen! In den Niederlanden ist das in gewisser Weise schon Vergangenheit: Die Serie liegt komplett als Softcover vor. Rani ist sicherlich nicht das beste aller Szenarien von van Hamme; die ursprüngliche Konzeption als TV-Spektakel erforderte es scheinbar manchmal, eine gewisse Unlogik einzubauen. Aber das ist schließlich bei den Drei Musketieren oder Zorro auch nicht anders und stört daher nicht wirklich.

aus Rani 2

Die Sparte Mantel-und-Degen hat nicht viele Heldinnen und schon das ist ein Argument für diese Serie. Rani ist kurzweilig, gut gezeichnet und durch das ständige Wechseln der Handlungsorte auch sehr abwechslungsreich im Dekor. Kurzum: Selbst als Albumreihe eine Empfehlung wert, als Bestandteil des ZACK durchaus eine Begründung, kein Heft zu verpassen!

Was passt zum Lesen einer in Fortsetzungen abgedruckten Geschichte? Es gibt immer mal wieder kleine Flaschen in Probiergröße, die als Set angeboten werden. Vielleicht steht ja ein solches mit Rotweinen bei euch eh auf der Liste – hier wäre eine perfekte Einsatzmöglichkeit! Dazu braucht es Musik von einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt und immer wieder aufsteht. Amy Winehouse passt wegen ihres zu frühen Endes dann doch nicht, aber Björk!

© der Abbildungen 2009 – 2020 Èditions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) by Van Hamme, Alcante, Vallès / 2020 – 2021 Blattgold Verlag

ZACK 259

ZACK 259 (Januar 2021)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 7,90 €
ISSN: 1438-2792

Schon wieder hat ein neues Jahr begonnen und Georg F. W. Tempel hat bereits einiges von dem mitgeteilt, was das gerade zum Comic-Magazin des Jahres gewählte ZACK in diesem Jahr bringen wird. Die erste Neuerung ist in der Nummer 259 erstmals zu begutachten: Das modernisierte Layout! Für die älteren unter uns eine etwas größere Schrift und ein aufgelockertes, gleichzeitig aber informativeres Seitenlayout. Eure Meinung dazu gerne als Kommentar!

Die Neustarts

Das Januarheft startet gleich mit einer neuen Serie: Das Mädchen von der Weltausstellung kombiniert verschiedene Elemente: Einerseits nimmt sie die sieben Weltausstellungen (und zwei Kolonialausstellungen), die in Paris stattgefunden haben, zum Anlass, eine Geschichte über eine sehr lange Zeit zu erzählen. Die Heldin Julie ist in dem ersten Band, der 1855 spielt, noch ein junges Mädchen, wird im letzten Teil aber bereits 93 Jahre alt sein. Jack Manini, der im ZACK bereits mit einigen Serien vertreten war, verbindet klassische Krimi-Aspekte mit seiner leichten Gesellschaftskritik und seiner Lust am Fabulieren und Willem Étienne darf seiner Leidenschaft frönen, Erfindungen darzustellen.

Étienne ist in Deutschland bisher nicht so bekannt, hat mit Ein Affe am Himmel aber bereits überzeugen können. Hier darf er weder Tierfiguren zeichnen noch echten Steampunk abliefern. Die Geschichte bietet aber genug Raum für große und kleine Bilder, liebevoll entworfene Personen und vor allem wechselnde Dekors!

Außerdem startet mit den Macaronis eine weitere Zusammenarbeit mit dem holländischen StripGlossy. In den 70er Jahren erschienen die Abenteuer von Dick Matena und Dino Attanasio über eine Fußballmannschaft im Mafia-Umfeld auch auf Deutsch, dann war es lange still. Nun hat Dick Matena sie wieder reaktiviert. Die erste vierseitige Folge dürfte einige Bundesligaklubs zum Nachdenken anregen. Mehr zu den Originalserien und ihren modernen Inkarnationen in StripGlossy 13.

Die Fortsetzung

Giant geht natürlich in die nächste Runde. Der gutmütige riesenhafte Ire hat erfahren, dass die Frau seines Kollegen sich mit ihren Kindern nach New York aufgemacht hat um zu ihrem Mann zu ziehen. Als sie in seiner Wohnung steht, müsste er ihr eigentlich mitteilen, dass er bereits vor Monaten gestorben ist. Doch wird er ihr tatsächlich die Wahrheit sagen? In eine spannende Story verpackte Sozialkritik und Beschreibung der Verhältnisse vor rund 100 Jahren in New York von Mikaël mit grandiosen Bildern! Eine der besten aktuellen Graphic Novels!

Die Abschiede

Gleich drei Serien enden in diesem Heft (vorerst).

Tanguy & Laverdure haben in der von Buendia und Zumbiehl verfassten Doppelepisode um das Wüstenschwert den Auftrag in der Region von Dahman und Nijaq im Nahen Osten für Stabilität zu sorgen. Die Situation ist aber eskaliert und es läuft ein offener Angriff. Während Tanguy versucht, aus der Luft einzugreifen, befindet sich Laverdure mitten in der umkämpften Hauptstadt.  Dramatische Ereignisse, politisch auf der Höhe der Zeit, aber nicht belehrend und zeichnerisch von Philippe sehr gut umgesetzt. Neben all der Action schaffen es die Autoren aber auch, das psychologische Zusammenspiel der beiden Helden zu beleuchten. Gut gemacht!

Auch die Episode um die Milliarde der Emigranten aus der Serie Die Bank endet hier. Boisserie und Guillaume haben nichts weniger vor als die europäische Geschichte aus einem neuen Blickwinkel zu erzählen, dem der Finanz. Im Mittelpunkt stehen zunächst die verfeindeten Geschwister de Saint-Hubert. Während es ihm gelungen ist, das Vermögen der Familie zurück zu erlangen, muss sie sich verkaufen um zu Einfluss zu gelangen. Wer wird die Eisenbahnlinie bauen dürfen? Und dann gibt es da noch einen aus der Sippe, der lange auf seinen Auftritt warten musste. Julien Maffres Zeichnungen sind nicht immer „schön“, denn er überzeichnet Emotionen. Dafür bringt er aber auch die Gefühlswelt der handelnden Personen gut rüber und ergänzt das Ganze durch formidable Hintergründe! Wie bei einer guten Serie erfordert es die Story allerdings, am Ball zu bleiben.

Stilistisch ganz anders ist Harmony von Mathieu Reynés: Modern, digital und actiongeladen. In dem letzten Teil von Ago kommt es zum Kampf zwischen den Mutanten und es wird deutlich, dass es um viel mehr geht als den Versuch einer politischen Gruppe, menschliche Waffen zu erschaffen. Perfekter Cliffhanger des Science-Fiction-Spektakels aus dem französischen Spirou-Magazin!

Und sonst?

Parker & Badger, die beiden sympathischen Loser, versuchen gleich zweimal ihr Leben zu meistern und auch der Vater der Sterne darf doppelt daran scheitern, seine Erwachsenenwelt seiner Tochter aufzwingen zu wollen. In Tizombi stellt sich die Frage einer Priorisierung zwischen Essen und Diskussion.

Dazu kommen natürlich News und Rezensionen, ein Artikel über EVROPA, ein Comic über das Nachkriegs-Ex-Jugoslawien und einer über Grönland Odyssee.

Wie immer eine gelungene Mischung aus klassischen, aber neu interpretierten Serien und dem Besten von heute.

Dazu passen das teilweise herausfordernde break thru des New York-Ska Jazz Emsembles und ein  Gin Tonic auf Wacholder, Rosamarin und Chili-Basis.

© der Abbildungen 2021 bei den jeweiligen Zeichnern und Verlagen c/o Blattgold GmbH

All Verlag – Programm 2021 Teil 1

Ansgar Lüttgenau zum Programm des All Verlag im ersten Halbjahr 2021

Wenn etwas zum dritten Mal passiert ist es eine Serie, oder? Nun, jedenfalls hat sich Ansgar wieder unseren Fragen zum Programm vom All Verlag gestellt. Vielen Dank!

Neuheitenoffensive im Anmarsch

c-o: Ansgar, das Jahr 2020 war alles andere als geplant: Ladenschließungen, keine Veranstaltungen, mehr online Bestellungen. Wie hat sich covid-19 auf den All Verlag ausgewirkt? Und wie wirkt sich das auf das 10-jährige Jubiläum aus. Ich könnte mir vorstellen, dass trotzdem das eine oder andere in Planung ist.

Konkrete Auswirkungen, was die Arbeit betrifft gab es eigentlich gar nicht, da sowieso alles über Telefon und E-Mail läuft. Der Umsatz ist leicht gestiegen und in unserem Online Shop wurde etwas mehr bestellt. Das kann aber auch an den Neuerscheinungen liegen. Was wir speziell zum 10 – jährigen Verlagsjubiläum machen, überlege ich noch. Wenn wir was machen, dann sowieso erst im 2. Halbjahr. Ich sage nur „Neuheitenoffensive“.

c-o: Das letzte Jahr hat aber auch gezeigt, dass klassische französische Alben Konjunktur haben und nachgefragt werden, wenn denn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Bei Dir wird alles im Hardcover verlegt, oft genug auch noch mit informativem Teil und erscheint als Vorzugsausgabe für Sammler. Was für Reaktionen erhältst du von deinen Kunden?

Die Reaktionen halten sich in überschaubaren Grenzen. Man kann das sehr schön im Comicforum verfolgen. Bis die Bücher erscheinen gibt es oftmals viele Beiträge, wenn die Bücher erschienen sind nur wenige. Ich denke, das ist auch ein Ausdruck dafür, dass die Kunden zufrieden sind.

c-o: Mit Messalina kommt jetzt erstmals eine Serie nur für Erwachsene im All Verlag. Kannst Du etwas über Deine Motivation verraten?

Zum einen gehts um Autorenpflege. Zu anderen finde ich es immer spannend auszutesten, was so geht. Im 2. Halbjahr starten wir z.B. auch eine Gesamtausgabe einer Zeitungsstripserie. Das ist dann mehr etwas für den klassischen Buchhandel. Mal schauen, wie das so läuft.

ZACK-Klassiker bekommen Zuwachs

c-o: Bruno Brazil kommt im Original und in der neuen Serie, Luc Orient, Alain Chevallier, im Winter Dani Futuro und nun auch noch Bob Morane – die Herzen der Generation ZACK schlagen immer höher. Dieses Segment ist mittlerweile ein echter Schwerpunkt. Wie schaffst du es als immer noch relativ junger Verlag all diese Lizenzen zu bekommen?

Es kommen ja noch einige mehr. Die Lizenzen dafür zu bekommen ist oftmals eine Herausforderung und zieht sich oft über Monate, manchmal sogar über Jahre. Allein einen Kontakt mit den Rechteinhabern, oftmals die Künstler selbst oder deren Erben, herzustellen, bedarf einiger detektivischer Fähigkeiten. Eine schöne Nische, weil so etwas für jeden „normalen“ gewinnorientierten Verlag zu aufwändig ist.

c-o: Du hältst weiterhin ein ausgewogenes Verhältnis ein von Gesamtausgaben in Sammelbänden und in Einzelausgaben. Nach welchen Kriterien triffst Du die Entscheidung für das eine oder andere Format?

Ich schaue mir an, in welcher Form es die Serie bereits gab und welche Form ich selbst bei der Serie bevorzugen würde.

Tops’n‘Flops

c-o: Wie immer kommt die Frage nach den Tops und Flops des letzten Jahres – was hat dich am meisten überrascht?

Am besten verkaufen sich immer noch die Wunderwaffen. Aber auch mit Hombre und Valentin bin ich sehr zufrieden.

Nicht so gut sah es bei Alwilda, Hel’Blar und Malefosse aus.

c-o: Und worauf freust du dich am meisten?

Am interessantesten finde ich ja immer die Neustarts. Und da kommt im 2. Halbjahr ein Western auf den ich mich besonders freue. Es hat über ein Jahr gedauert bis der Vertrag unterschrieben war, weil da fast ein Dutzend Erben der beteiligten Künstler involviert waren und überzeugt werden mussten. 

Das Programm im Überblick

Februar 2021 
Bruno Brazil – Die neuen Abenteuer 2Black Program 2
Bruno Brazil 9Alles oder nichts für Alak 6
Hombre 3Gesamtausgabe
März 2021 
Alain Chevallier 2Ein teuflisches Rennen
Alain Chevallier 9Das Todeskommando
Messalina 1Der Tempel des Priapos
Messalina 2Lust und Tod
Mai 2021 
Luc Orient 924 Stunden für die Erde
Luc Orient 10Der 6. Kontinent
Die Wege voon Malefosse 5Gesamtausgabe
Juni 2021 
Bob Morane 1Die Atom-Schmuggler
Bob Morane 9Guerilla in Tumbaga
Valentin 2Gesamtausgabe

© aller Abbildungen 2021 All Verlag und jeweilige Lizenzgeber

Diaz Canales/Pellejero – Corto Maltese 15

Tarowean – Tag der Überraschungen

Story: Juan Díaz Canales nach Hugo Pratt
Zeichnungen: 
Rubén Pellejero nach Hugo Pratt

Originaltitel: El Día de Tarowean

Schreiber und Leser

Hardcover | 88 Seiten | S/W oder Farbe | je 24, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-035-7 oder 978-3-96582-034-0

Es gibt Comics oder Filme, die einen Spannungsbogen aufbauen, der darauf beruht, dass die Leser*innen nicht wissen, WAS geschehen wird. Und es gibt solche, bei denen das Resultat vollkommen klar ist, der Weg dahin aber das mit Spannung erwartete ist. Tarowean gehört zu der zweiten Kategorie, denn das Cover enthält schon die Information der Schlussszene: Corto treibt an ein Andreaskreuz gebunden in der Südsee und wartet auf seine Rettung in der Südseeballade. Mehr zu Corto Maltese im Allgemeinen im dazugehörigen Serienkompass!

Ein Ende kann ein Anfang sein

In seinem Vorwort beschreibt der Szenarist Juan Díaz Canales eine der Ideen, die zur Entstehung dieses Albums geführt hat: Wie alle Corto-Fans wollte der Zeichner Pellejero wissen, wie Corto an das Kreuz gekommen war, mit dem der so bahnbrechende erste Teil 1967 begonnen hatte. Wer, wenn nicht die aktuell Verantwortlichen der Serie hätten das beantworten können? Da das Konzept der aktuellen Bände daraus besteht, Lücken zu füllen, stand dem nichts weiter im Wege!

Wie immer stehen verschiedene literarische Momente aber auch echte Ereignisse quasi als Paten zur Seite um der Geschichte Tiefe und Verwandtschaft zu geben. Das war schon bei Hugo Pratt so und glücklicherweise haben Canales und Pellejero diese Tradition adaptiert und fortgesetzt. Um die Leser*innen ein wenig mitzunehmen und einen Einstieg in die Umgebung zu bieten gibt es bei den Hamburger Ausgaben von Schreiber & Leser immer auch ein oder zwei Vorworte, die Hinweise geben. Zudem ist die Geschichte auch ohne selbst die kleinste Erinnerung an irgendeine gelesene oder geschichtliche Information verständlich, stimmig und spannend!

Corto und Rasputin bekommen den Auftrag, den letzten in einer fast verlassenen Strafkolonie einsitzenden Gefangenen zu befreien. Dieser spielt in den Visionen der dort lebenden Völker eine Rolle und sollte deshalb weggeschlossen bleiben. Nach seiner Befreiung erblickt er eine junge teilweise gelähmte Frau und macht sich zu ihrem ständigen Begleiter und Beschützer. Sie ist die Tochter des weißen Radschas und spielt ebenfalls eine mythologische Rolle in den Kämpfen um Macht und Freiheit in der Südsee.

Und dann gibt es da noch die Gruppe der Mönche unter denen einer heraussticht und andere Ziele zu verfolgen scheint. Natürlich wissen wir aus der Südseeballade schon um den einen, hier erfahren wir aber auch wie er zu dem geworden ist der er dann sein wird.

Die Zeichnungen

Rubén Pellejero hat von dem Pratt’schen Stil so viel übernommen, dass die Verwandtschaft gut zu erkennen ist, er hat aber soviel eigenes hinzugefügt, dass niemand von einem Kopisten sprechen würde. Er spielt etwas weniger stark mit Schatten und hat etwas mehr Detail, bleibt aber dabei, dass die Zeichnung aus ihrer Stimmung heraus spricht. Ein ganzes Panel kann Begleitwerk sein für einen Augenaufschlag, der sich kringelnde Zigarettenrauch die abwartende Haltung ausdrücken, und so brauchen viele Bilder auch gar keinen Text und transportieren die Geschichte trotzdem weiter.

Bei allem, was an eigener Bearbeitung in den Figuren steckt, Cranio, der ikonografische Mönch, Rasputin bleiben auch dann erkennbar, wenn sie nur in Ausschnitten gezeigt werden. Für mich ist das das Kriterium für eine gute Fortsetzung einer Geschichte: eigene Akzente, neue Handlungsrahmen aber Respekt vor der Vergangenheit.

Die Wertung

Ja, was soll ich sagen: Auch diesen Band gibt es in einer farbigen und in einer schwarz-weißen Klassik-Edition. Die Vorworte sind informativ, die beigefügten Vorzeichnungen und Studien geben den Hardcover-Bänden einen sehr wertigen Rahmen und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt auch! Mehr zu der ersten vollständigen deutschen Edition auch im Serienkompass. Die Saga um den romantischen Kapitän ohne Schiff bleibt einfach eine der besten Graphic Novels überhaupt!

Falls der eine oder die andere also noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, hier wäre ein prima Tipp! Und obwohl es sich um den 15. Band einer Reihe handelt, wäre es auch eine Möglichkeit, hiermit zu beginnen, denn ein Ende ist immer auch ein Anfang!

Dazu passen ein Chinin-haltiges Getränk eurer Wahl und Musik von Tommy Guerrero!

© der Abbildungen 2019 Cong S. A. Switzerland / 2020 Schreiber & Leser, Hamburg

Madsen/Kure – Walhalla 2

Die gesammelte Saga Band 2

Story: Peter Madsen nach Hans Rancke, Per Vadmand & Henning Kure
Zeichnungen: 
Peter Madsen

Edition Roter Drache

Hardcover | 196 Seiten | S/W und Farbe | 40,00 € |

ISBN:   978-3-96815-006-2

Tja, zur Gesamtausgabe und den Hintergründen der Serie habe ich alles schon in der Besprechung des guten ersten Bandes gesagt. Die nordischen Götter stehen im Mittelpunkt wie auch die Göttinnen, Riesen und einige Menschen natürlich auch. Es geht den Autoren vor allem um eine moderne Darstellung der nordischen Mythen, abseits von verstaubten Texten und mit Schalk im Nacken neu erzählt.

Ein Film versetzt den Schwerpunkt ein wenig

Und doch kommt im Leben alles immer anders. Der große Erfolg der Serie hat damals (wie heute) alle überrascht und so verwundert es nicht, dass der Wunsch nach laufenden Bildern aufkam. Was im Comic funktioniert muss aber auf der Leinwand noch lange nicht passen und andersrum natürlich genauso. So musste erst einmal viel Arbeit in die Planung des Films gesteckt werden. Das eigentliche Konzept, für ein Album auf ein oder zwei Mythen aufzusetzen, wollte für den Film nicht so recht passen, und so kam es, dass eine eigentlich als Nebenfigur erdachte Figur plötzlich im Mittelpunkt stand: Quark! Der kleine Riese ist nervig, quirlig, einfallsreich und somit perfekt für eine generationenübergreifende Hauptrolle geeignet.

Für den Comic musste die Filmstory überarbeitet werden um dem Serienkonzept wieder näher zu kommen und so wurde ein Zweiteiler daraus: Quark trumpft auf und Im Reich der Riesen erschienen als Band 4 und 5. Zunächst einmal lässt Loki, der immer mal ein bisschen über den Durst trinkt und dann mit den Folgen leben muss, sich reinlegen und muss den kleinen Quark mit nach Hause nehmen. Eigentlich soll natürlich er sich um die Erziehung kümmern, er schafft es aber, andere mit der Aufgabe zu belasten und auch noch Unfrieden zu säen. Das Ende vom Lied ist, dass alle Erwachsenen Quark so schnell wie möglich wieder loswerden wollen, die kleine Röskva aber seine wahre Natur erkennt und auch Tjalfi auf ihre Seite ziehen kann.

Schlussendlich beschließen Thor, Loki und die Kinder aufzubrechen um Quark Utgardloki zurückzubringen. Dabei werden sie von einer List der Riesen getäuscht (und hier ist dann wieder eine Mythe der Hintergrund) und müssen sich geschlagen geben. Dabei spielen ein Feuer, das Meer, die Midgardschlange und das Alter große Rollen. Und auch die Sache mit Quark findet ein positives Ende; die Autoren hatten keine Lust, den Quirl auch noch die Serie aufmischen zu lassen.

Den Abschluss dieses Bandes machen Die Goldenen Äpfel. Die Bewohner*innen Asgards sind keinesfalls vor den Unbillen des Alterns gefeit. Nur wenn sie jährlich von den goldenen Äpfeln Iduns essen bleiben sie jung. Es gibt eine Mythe über die Tochter eines Riesen, Skadi, die die Asen herausfordert und die Göttin Idun entführt. Eben diese Geschichte wird hier neu erzählt. Natürlich bringt Loki wieder alle in Gefahr und ebenso natürlich wird die Situation im Endeffekt wieder glücklich bereinigt werden.

Die Zeichnungen

Dankenswerterweise enthält die Gesamtausgabe so viel zusätzliches Material, dass einerseits Vorzeichnungen und Studien den Werdegang der Akteure nachvollziehbar machen. Es wird aber auch deutlich, welche Unterschiede zwischen Film und Comic bestehen und wieviel Arbeit notwendig war, beides glaubwürdig darstellen zu können.

Ansonsten lassen die Illustrationen erahnen, dass die Zeichnungen auch ganz anders hätten ausfallen können: erwachsener und düsterer. Man hat sich aber bewusst für diese familienfreundliche Version entschieden, die dem Inhalt eine möglichst weite Verbreitung erlaubt. Auch das ist eine Entscheidung, die nicht hochgenug gewertschätzt werden kann! Es geht nicht um Selbstverwirklichung wie in so mancher modernen Graphic Novel sondern um das gesteckte Ziel.

Trotzdem zeigen die Zeichnungen einerseits die Kinder und ihre Emotionen aber auch gleichwertig daneben die Ränke Lokis und die Unbeherrschtheit Thors und sind daher vielschichtiger zu lesen!

Die Wertung

Ich bin immer noch begeistert über den zusätzlichen Inhalt dieser Gesamtausgabe. Nicht nur werden die Hintergründe der Geschichten erklärt, die Illustrationen ermöglichen auch einen tiefen Einblick in Arbeitsweise und Entwicklung! Dazu kommt, dass alles neu übersetzt worden ist.

Die enthaltenen Originalbände

Es ist der Edition Roter Drache zu wünschen, dass die Ausgabe den Absatz findet, den sie verdient. Inhaltlich passt die Geschichte natürlich perfekt in das Verlagsprogramm, es ist aber in Deutschland immer noch ein Wagnis, Text und Bilderzählung nebeneinander zu stellen ohne die Purist*innen beider Seiten gegen sich aufzubringen. Danke für diesen verlegerischen Mut!

Dazu passen der Glühwein zuhaus und Musik von Rebecca Lou.

© der Abbildungen Edition Roter Drache, Peter Madsen, Henning Kure & Carlsen Verlag 2020

Heuvel – Kriegsgeschichten

Die Entdeckung, Die Suche & Die Rückkehr

Story: Eric Heuvel, Menno Metselaar, Ruud van der Rol, Hans Groeneweg und Lies Schippers

Zeichnungen: Eric Heuvel

Originaltitel: De Ontdekking, De Zoektocht, De Terugkeer

Kult Comics

Hardcover | 192 Seiten | farbig | 35,00 €

ISBN: 978-3-96430-099-72, VZA 978-3-96430-100-0

Jedes Leben hat prägende Momente. Für Eric Heuvel gehört dazu ein Illustrated Classics Comic-Heft über den Zweiten Weltkrieg zum 25. Jubiläum des Endes des Zweiten Weltkrieges. Es weckte nicht nur im Alter von 10 Jahren sein Interesse für Geschichte im Allgemeinen und diese Zeit im Besonderen, er sollte auch in seinem Beruf als Comic-Artist darauf zurückkommen. Waren es in Carbeau eher moderne Rechtsradikale in Nebenrollen, spielte der deutsche Angriff auf Rotterdam in den Meimoorden eine zentrale Rolle.

Heuvel ist aber auch bekannt für seine Educational Comics: Anfang diesen Jahrtausends bot sich endlich die Gelegenheit, mit dem Anne Frank Haus zusammen eine Geschichte über das Leben während des Krieges in den Niederlanden zu machen. Dem Künstler war es dabei wichtig, nicht nur diesen Aspekt darzustellen, sondern auch auf die Situation in Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien einzugehen. So entstanden im Laufe der Zeit drei miteinander verknüpfte Bände die jetzt erstmals in einer Ausgabe publiziert werden: Kriegsgeschichten!

Blick in die europäische Vergangenheit …

Jeroen ist ein typischer Junge; er braucht noch Sachen für einen Flohmarkt und entdeckt auf dem Dachboden seiner Oma nicht nur eine alte Uniform sondern auch einen gelben Stern und Fotos aus den Kriegsjahren. Seine Oma Helena beginnt daraufhin von früher zu erzählen: Sie wohnte 1938 mit ihren Eltern in Amsterdam; ihr Vater war dort als Polizist tätig. In die Nachbarschaft zog ein aus Deutschland geflohenes jüdisches Ehepaar mit einer Tochter, Esther, in ihrem Alter. Die beiden wurden beste Freundinnen doch das währte nicht lag, denn die Deutschen überfielen und besetzten auch die Niederlande und schickten die Juden in sogenannte Arbeitslager im Osten. Die niederländische Polizei war von den Deutschen gezwungen worden, mitzumachen, und so war Helenas Vater an der Deportation der Nachbarn beteiligt. Helena und ein Bruder gingen in den Widerstand, der zweite Bruder als Kriegsfreiwilliger mit den Deutschen an die Ostfront.

Tatsächlich endet Die Entdeckung mit der Begegnung zwischen Helena und Esther, die gerettet worden war. In einem zweiten Strang wird von den Verwandten in Niederländisch-Ostindien erzählt. Schienen sie anfangs noch in einer glücklichen Position, änderte sich die Lage als die mit den Deutschen verbündeten Japaner die Kolonie überfielen und die dortigen Europäer in Lagern gefangen hielten.

Eine Begründung für den Comic war, dass viele heutige Schüler*innen mit Begriffen wie Hungerwinter oder Närrischer Dienstag nichts mehr anfangen konnten. Aus der Geschichte lernen kann aber nur, wer sie kennt und so sollte ein moderner Zugang geschaffen werden.

Teil Zwei, Die Suche, beschreibt dann genauer, wie Esther der Deportation hatte entgehen können. Viel Glück war im Spiel. Auch den Weg der meisten niederländischen Jüd*innen in die Vernichtung z.B. in Auschwitz-Birkenau finden wir in kindgerechten Darstellungen wieder. Heuvel hat sich in seinen Zeichnungen von Fotos aus der damaligen Zeit inspirieren lassen. Viele davon finden sich im Anhang der Ausgabe wieder. Um ein Wiedererkennen zu erleichtern, sind sie mit den Seitenzahlen der entsprechenden Verwendung im Comic versehen. Das Thema der Kollaboration und der offiziellen wie auch inoffiziellen Reaktionen darauf steht ebenfalls im Mittelpunkt.

Ein deutscher Blick auf diese Zeit und den Holocaust kann nur schamhaft sein. Deutsche Herrenrasse-Allüren gepaart mit Größenwahn und Vernichtungswillen dürfen nie wieder eine Rolle spielen. Der Comic stellt aber gleichfalls die Frage nach der Richtigkeit des Verhaltens der Niederländer*innen und seiner Alternativlosigkeit. Auch dort gab es Antisemitismus und persönliches Machtstreben. Durch die Einbettung in eine Familiengeschichte werden diese Fragen aber diskutabler und wollen ausdrücklich keine Schwarz-Weiß-Situation heraufbeschwören! Das dürfte einer der Gründe sein, warum die Entdeckung als Geschenk der Niederlande an ihre Schüler*innen ausgewählt worden waren.

und in die koloniale Geschichte

Für die beiden ersten Teile hatten Heuvel und seine für den Text mitverantwortlichen Kolleg*innen Menno Metselaar, Ruud van der Rol, Hans Groeneweg und Lies Schippers die Unterstützung des Anne Frank Haus gewinnen können. Das Projekt war viel zu aufwendig um es ohne finanziellen Rückhalt durchführen zu können und so wurde auch das Bildungsministerium als Unterstützerin gewonnen. Bedingung dafür war aber, dass der indonesische Unabhängigkeitskampf ebenfalls thematisiert werden würde.

Die Rolle der Stiftung Anne Frank Haus, die in den ersten Bänden die inhaltliche Richtigkeit garantiert hatte, übernahm nun das Indisch Herinneringscentrum. Die im ersten Band schon angesprochenen Verwandten stehen im Zentrum der Rückkehr und wieder wird die damalige Zeit aus heutiger Zeit mit einem Besuch der Überlebenden eingeleitet. Die Niederländer*innen waren die kolonialen Besatzer*innen des heutigen Indonesiens. Obwohl einige sicherlich guten Willens waren, gab es die typische Rollenverteilung: Weiße Menschen waren die Oberschicht, Eingeborene hatten zu dienen. Dazwischen gab es eine Gruppe von Mischlingen die irgendwo in der Mitte zu verorten waren. Das Motto: Je Weißer, desto besser.

ExLibris der limitierten Vorzugsausgabe

Das änderte sich mit dem Angriff der Japaner. Diese hatten die Ideologie im Gepäck, dass Asiat*innen sehr gut für sich selber sorgen könnten. Tatsächlich wollten sie allerdings nur die europäische Zwangsherrschaft durch ihre eigene austauschen. Nach ihrer Niederlage blieb die Idee der Selbstorganisation und Indonesien wurde nach langen Kämpfen am 27. Dezember 1949 unabhängig. Auch hier gelingt es Eric Heuvel und Ruud Van der Rol, die Schrecken der Zeit in einer spannenden Erzählung zu verpacken, die die Grauen nicht ausspart aber auch nicht um der Effekte willen in den Vordergrund rückt. Die Familiengeschichte (und hier wieder mit einem Happy End) steht im Vordergrund und bietet die Basis für weitergehende Fragestellungen und Diskussionen. Und so wurde auch dieser Comic zum Geschenk der Niederlande an ihre Schüler*innen!

Die Ausgabe

Obwohl es sich hier um echte Educational Comics handelt, haben wir es gleichwohl mit drei Alben eines der größten und bekanntesten Zeichner aus den Niederlanden zu tun! Mit seinem modernen, die Klare Linie weiterentwickelnden Strich ist Eric Heuvel seit Jahren bei uns in Deutschland ein gefragter Künstler und die kürzlich erschienene Festausgabe Gezeichnet hat’s –  Eric Heuvel beweist eindrücklich seine Vielfalt und Meisterschaft. Kurzum: Man darf diesen Comic auch kaufen, wenn man einfach gerne gut gezeichnete Geschichten lesen möchte!

Die drei Bände sind vielfach übersetzt worden, waren aber nie als Einheit veröffentlicht worden. Diese Gesamtausgabe der Kriegsgeschichten ermöglicht aber erst den kompletten Einblick, der durch das beigefügte Dossier natürlich für Nicht-Inländer deutlich vereinfacht wird.

Cover der limitierten Vorzugsausgabe

Wer sich für den Zweiten Weltkrieg oder den Holocaust interessiert, kommt an dieser Ausgabe kaum vorbei. Zum Thema Kolonialismus bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen gibt es bisher nicht viel, insbesondere dann, wenn versucht wird, beide Seiten darzustellen! Und: Geschichte spannend erlebbar zu machen gelingt oft nicht denn Ideologie, Vereinfachungen oder zu hohe Eingangsvoraussetzungen verhindern das regelmäßig. Hier passt das gut!

Für Sammler*innen gibt es wieder eine limitierte Vorzugsausgabe mit 2 signierten ExLibris und das ist ein Beweis für die hohe Qualität der Zeichnungen. Dazu passen Tee und Don Lego aus Indonesien!

© der Abbildungen 2020 Comic Combo, Leipzig / 2020 Uitgeverij L. /Eric Heuvel, Redhill Illustrations, Zaandam, 2003, 2007, 2010, 2018

Serienkompass Corto Maltese

Corto Maltese – Der Kapitän ohne Schiff

Texter: 1 – 12 Hugo Pratt, ab 13 Juan Diaz Canales

Zeichner: 1 – 12 Hugo Pratt, ab 13 Ruben Pellejero

Reihentitel: Corto Maltese

Verlage Deutschland: Koralle, Carlsen, Ullstein, FAZ, Kult Editionen, Schreiber & Leser

Verlage Original: Erstveröffentlichung in diversen Zeitschriften in Italien und Frankreich; aktuell Editions Casterman

Aktuell 15 Bände; von 1967 – 1991; 2015 bis heute

Veröffentlichungsstatus in DE: Serie komplett erschienen

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Corto Maltese gilt international als eine der literarischen, herausforderndsten und besten Graphic Novels überhaupt. Ihre ersten Seiten wurden 1967 in dem Magazin Sgt. Kirk veröffentlicht. Der Aufbruch der Gesellschaft zu neuen Ufern war in vollem Gange und die Menschen waren nicht mehr bereit, alles unhinterfragt zu akzeptieren. Esoterik, Freie Sexualität, neue Lebensentwürfe, aber auch Interesse für Befreiungsbewegungen, Musik und Kunst aus anderen Kulturen abseits vom Kolonialismus brachen sich Bahn!

© 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium; 1974 Koralle Verlag

In Deutschland hat Corto Maltese eine bewegte Veröffentlichungsgeschichte. Den Anfang machte das (Koralle)ZACK 1974 mit einer farbigen Variante des ersten Teils. Hier scheiterte die anspruchsvolle Novel aber grandios und war bis heute die einzige Serie, die aufgrund von Leser*innenreaktionen abgebrochen wurde. Eine schwarz-weiße Fortsetzung im Comic-Forum brachte die Geschichte nach mehr als sechs Jahren Pause immerhin zu Ende. Anfang der 80-er erschienen bei Carlsen dann in falscher Reihenfolge insgesamt neun schwarz-weiße Ausgaben denen in den 90-er farbige Ausgaben folgten. In den 2000-ern folgten dann einige vierfarbige Bände bei Kult-Editionen, die die teilweise sehr voluminösen Sammlungen splitteten. Auch dieser Versuch endete aber vor einer Komplettierung.

2015 schließlich wagte der Hamburger Verlag Schreiber & Leser einen Neustart und startete sowohl eine farbige Reihe als auch eine parallele schwarz-weiße Klassik-Edition die im November 2020 mit dem Band 12 „Mu“ abgeschlossen wurden. Parallel dazu werden seit 2016 auch die neuen Abenteuer des Seefahrers aus der Feder von Juan Diaz Canales, gezeichnet von Ruben Pellejero in gleichen Aufmachungen veröffentlicht. Die bisher erschienenen drei Geschichten sortieren sich wie etwa auch bei Blake & Mortimer in die Chronologie der Pratt’schen Stories ein.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

„Es gibt immer etwas zu entdecken, immer ein Stück weiter weg, bis man wieder an seinem Ausgangspunkt ankommt…“

Die erste Geschichte Una ballata del mare salato, auf Deutsch Südseeballade, erzählt auf 200 Seiten die Erlebnisse des Kapitäns ohne Schiff zwischen 1913 und 1915. Cortos erster Auftritt ist dabei keineswegs der eines strahlenden Helden, denn er treibt, an ein hölzernes Kreuz gefesselt, hilflos im Pazifik. Von Anfang an ist damit klar, dass sich hier kein „Macher“ präsentiert, sondern eher einer, der seinen Platz sucht, den der anderen aber nicht schmälern will. Wir treffen hier auch schon auf Rasputin, eine Gestalt, deren Wege sich immer wieder mit denen des Titelhelden kreuzen werden. Beide sind in krumme Geschäfte verwickelt; der eine skrupellos und über Leichen gehend, der andere im Grunde romantisch veranlagt. Die zwischen 67 und 69 erschienenen Seiten wurden 1976 als Album produziert und sofort in Angoulême ausgezeichnet.

Nach dem überlangen ersten Band verlegte sich Pratt für eine Zeit darauf, Geschichten für Pif Gadget, ein kommunistisch orientiertes französisches Comicmagazin, zu verfassen. Da dort die Stories nicht über mehrere Ausgaben verteilt publiziert wurden, hatten sie jeweils eine Länge von 20 Seiten. Die so entstandenen 21 Kurzgeschichten wurden in den Alben Im Zeichen des Steinbocks, Und immer ein Stück weiter, Die Kelten und Die Äthiopier veröffentlicht. Diese Bände decken den Zeitraum des Ersten Weltkrieges ab.

Corto ist auf seinen Reisen immer dort, wo die große Weltgeschichte gerade auch ist. Er ist aber immer nur Randfigur und fügt sich somit in bekannte Settings ein, ohne zu stören, erlaubt aber trotzdem detaillierte, neue Blicke. Seine Reise führt zunächst in die Karibik, über Südamerika nach Europa und an das Horn von Afrika. Nie lässt Pratt seinen Helden einfach nur Abenteuer erleben; immer muss mindestens Romantik dabei sein. Diese kann sich dabei sowohl auf die direkt erlebte Natur beziehen, schließt aber auch amouröse Geschichten nicht aus. Natürlich enden diese niemals glücklich. Dazu kommen religiöse Fragen, politische und kriegerische Auseinandersetzungen (und damit die Frage nach dem Sinn derselben), Freundschaften und immer wieder Traumsequenzen. Die Reihe fordert die Leser*innen und verschließt sich dem einmaligen „Nebenbei-Lesen“ komplett.

Eine Sache steht aber ganz klar im Fokus: The Great War bzw der Erste Weltkrieg als solcher. Immer wieder gerät Corto zwischen die Fronten. Allerdings ist er nie Partei, sondern immer irgendwie daneben. Und so kann er mit Deutschen genauso Geschäfte zu Lasten der Engländer machen wie mit den Schotten und Italienern zulasten der Österreicher. Und so kann er genauso gut der IRA zu Waffen verhelfen wie den revolutionären Montenegrinern den Schatz ihres geflohenen Königs zurückbringen.

„Aber du lebst ständig eine Fabel und merkst sie nicht mehr. Wenn ein Erwachsener in die Welt der Fabeln eintritt, kann er sie nicht verlassen. Wusstest du schon?“

Neben den Action-Inhalten gibt es immer wieder Traumszenen, teilweise künstlich erzeugt, in denen klassische Sagengestalten wie Merlin auftauchen und die Realität hinterfragen. Diese Szenen sind auch grafisch anspruchsvoll umgesetzt und verbinden die schattenhaften Andeutungen mit einer Art von Flirren.

Die Weltgeschichte lässt den Seemann nicht los: In Sibirien hat gerade eine die Welt für immer verändernde Revolution stattgefunden und Corto trifft dort alte Bekannte und neue Frauen. Er wird allerdings auch verwundet als er versucht, den legendären Zug mit dem Goldschatz des Zaren an sich zu bringen. Über Umwege über die Mandschurei und Hongkong gelangt er wieder nach Europa um eine Venezianische Legende zu erleben! Etwas untypisch ist die Geschwindigkeit der Handlung, die Freimaurer, Schlägereien und die Suche nach einem Schmuckstück mit geheimnisvollen Kräften beinhaltet. Ja, und auch Träume, Diskussionen und Frauen.

Das Goldene Haus von Samarkand ist erneut eine Schatzsuche, diesmal führt uns Pratt auf die Spuren Alexander des Großen, aber auch wieder in ein politisches Großereignis. Kemal Atatürk versucht, eine moderne Türkei zu errichten. Wider Willen wird Corto in die Ereignisse hineingezogen, in denen sein Doppelgänger schon agiert. Nach all diesen Weltereignissen ist es gut, etwas Ruhe zurückzugewinnen. Band 9 springt daher zeitlich zurück in das Jahr 1904 und das Abenteuer einer Jugend. Wieder ist es allerdings ein Krieg, der den Hintergrund bildet für die einzige nicht vollendete Geschichte Pratts. Sie bietet trotzdem die erste Begegnung mit Rasputin und für die Literaturliebhaber einen an sich zweifelnden Jack London. Die aktuelle Ausgabe enthält auch die ersten Seiten der geplanten Fortführung.

„Sie haben noch immer nicht verstanden, dass die besten Antworten dann erfolgen, wenn niemand eine Frage gestellt hat. Das kapiert einfach keiner!“

1923 verschlägt es den Helden erneut nach Südamerika, genauer nach Argentinien. Der Ausgangspunkt ist natürlich eine der vielen Frauen im Leben des Kapitäns. Keine wird ihn binden können, doch immerhin eilt er aufgrund eines Briefes von Louise Brookszowyc zur Hilfe. Buenos Aires ist dann der finale Schauplatz sowohl einer Krimigeschichte als auch einiger titelgebender Tänze: Tango. Pratt versteht es meisterlich, die Stimmung dieses Tanzes in Bilder zu gießen. Dabei ist der Vergleich der beiden Versionen hier besonders ergiebig da die Farbe ganz andere Akzente setzt!

In vielen Maltese-Geschichten war Literatur allgegenwärtig und wurden immer wieder Anspielungen aufgeworfen. Wenn also Corto 1924 die Schweiz durchquert, darf eine Begegnung definitiv nicht fehlen und so ist Hermann Hesse mit von der Partie! Pratt verbrachte die letzten 11 Jahre seines Lebens in der Schweiz und setzte seiner Wahlheimat ein Denkmal. Den Beginn der Reise macht er zusammen mit Professor Steiner, doch dann tritt wieder einmal eine Frau dazwischen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Jungbrunnen.

Die letzte Suche ist die nach dem verlorenen, irdischen Paradies und sie findet statt mit alten Freunden: Golden Rosemouth, Tristan Bantam, Soledad Lokäarth und selbstverständlich Rasputin. Das gerade erschienene Mu ist ein Stück Abschied für einen, der immer noch erwartet, gleich überrascht zu werden und nie aufgehört hat, zu suchen. Eine gewisse Unterstützung bieten dabei ein paar Pilze. Wir wissen aber aus anderen Quellen, dass Corto noch lebt. Eine Referenz lässt ihn am Spanischen Bürgerkrieg teilnehmen und das Ende der Südseeballade zeigt einen Brief über Onkel Corto. . .

„Was du wieder redest! In deinem Alter lesen vernünftige Leute nicht Gedichte wie kleine Mädchen.“

25 Jahre mussten vergehen bevor der verschollene Seemann wieder zwischen Buchdeckeln auftauchen durfte. Juan Diaz Canales schreibt seitdem die Szenarien und schickt Corto in die Lücken, die Hugo Pratt gelassen hat. Unter der Mitternachtssonne spielt 1915 und schließt an die Südseeballade an. Es verschlägt den Helden in die eiskalten arktischen Gefilde der USA und Kanadas. Passend zur Umgebung steht ein alter Bekannter erneut im Licht: Jack London. Damit folgt auch der Neustart des alten Narrativs der zyklischen Wiedernutzung bekannter Charaktere! Auch sonst gelingt es, den Ton zu treffen.

Äquatoria geht noch einmal weiter in die Vergangenheit und lässt Corto 1911 im Norden Afrikas agieren. Dabei stehen wieder eine schöne Frau und eine Schatzjagd im Mittelpunkt und die harmlos Kolonialismus genannte Vernichtungspolitik des alten Europas bietet den kriegerischen Rahmen. Der bisher letzte Band Tarowean ist dann die direkte Vorgeschichte zur Südseeballade, die schon auf dem Cover mit dem an das Andreaskreuz gefesselten Corto die Erwartungen weckt.

Die Zeichnungen

Pratt hat in gewisser Weise den europäischen Comic revolutioniert. Realistische Comics waren bis dato sehr detailreich angelegt und oft in hohem Tempo erzählt. Zudem war die schiere Länge der Südseeballade eine Art Affront. Corto Maltese brachte ganz neue Stimmungen mit sich, denn die Handlung stand weniger im Vordergrund als das Erleben der Natur, etwa wenn der Hai den Weg des Bootes lenkt oder wenn die Entdeckung eines sich nähernden Schiffes weniger relevant erscheint als die Tatsache, dass der Ausguck Stunden auf einer schwankenden Palme zugebracht haben muss. Pratts Figuren lesen Romane und unterhalten sich, die Panels sind nicht voll, denn die Umgebung ist oft genug nur angedeutet und doch ist die Natur in jeder Sekunde spürbar.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Noch deutlicher wird das natürlich in den als „Klassik-Edition“ bezeichneten schwarz-weiß Ausgaben. Kein farbiger Hintergrund lenkt von den Zeichnungen ab; oft sind es allein schwarze Flächen, die die Geschichte erzählen. Wer wirklich alles aus der Geschichte herausholen möchte ist daher gut beraten, sich beide Ausgaben zuzulegen!

Das bedeutet aber nicht, dass Pratt nicht akribische Vorarbeiten getroffen, das Material nicht ausgiebig gesichtet hätte. Das beweisen schon allein die vielen kleinen Vignetten, Zeichnungen und Skizzen die sicherlich auch zum Ruhm von Corto beigetragen haben. Und so ist der Start mit einem Vorwort und einer Vielzahl an eben diesen kleinen Bildern eine perfekte Einführung in die aktuellen Alben des Hamburger Verlages. Als Leser*in wird man so direkt in die Stimmung hineingezogen und eingegroovt.

Ruben Pellejero hat eine fast unmögliche Aufgabe übernommen. Purist*innen sind immer der Meinung, dass eine stilbildende Serie von niemand anders gezeichnet (und getextet) werden kann. Jede Rezension wird versuchen, Unterschiede zu finden und eine Besser/Schlechter-Wertung abzugeben. Fronten verhärten schnell. Meiner Meinung nach trifft Pellejero den Stil Pratts gut genug, um einen harten Bruch zu vermeiden und entwickelt sich langsam hin zu eigenen Markierungen. Die Zeichnungen sind etwas detailreicher, spielen etwas weniger mit Schatten, nehmen aber die Stimmung gut auf. Also: Eine gute Wahl der Lizenzinhaber die uns Leser*innen weitere Mischungen aus Abenteuer und Spiritualität verspricht!

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Die komplette Reihe bei Schreiber & Leser

NrTitelOriginaltitelzeitliche Einordnung
1SüdseeballadeUna ballata del mare salato1913 – 15
1Südeseeballade Klassik Edition
2Im Zeichen des Steinbocks (2 – 7)Sous le signe du Capricorn2-5: 1916
6-7: 1917
2Im Zeichen des Steinbocks Klassik Edition
3Und immer ein Stück weiter (8 – 12)Corto toujours un peu plus loin1917
3Und immer ein Stück weiter Klassik Edition
4Die Kelten (13 – 18)Les Celtiques13-16: 1917
17-18: 1918
4Die Kelten Klassik Edition
5Die Äthiopier (19 – 22)Les Èthiopiques1918
5Die Äthiopier Klassik Edition
6In SibirienCorto Maltese en Sibérie1918 – 20
6In Sibirien Klassik Edition
7Venezianische LegendeFable de Venise1921
7Venezianische Legende Klassik Edition
8Das Goldene Haus von SamarkandLa Maison dorée de Samarkand1921 – 22
8Das Goldene Haus von Samarkand Klassik Edition
9Abenteuer einer JugendLa Jeunesse 1904 – 19051904 – 05
9Abenteuer einer Jugend Klassik Edition
10TangoTango1923
10Tango Klassik Edition
11Die SchweizerLes Helvétiques1924
11Die Schweizer Klassik Edition
12Mu1925
12Mu Klassik Edition
13Unter der MitternachtssonneSous le soleil de minuit1915
13Unter der Mitternachtssonne Klassik Edition
14ÄquatoriaÈquatoria1911
14Äquatoria Klassik Edition
15Tarowean – Tag der ÜberraschungenLe jour de Tarowean1912 – 13
15Tarowean – Tag der Überraschungen Klassik Edition

Jeder Band hat zudem zusätzliche Illustrationen und einen Artikel in einem stabilen Hardcover und angenehm festen Papier. Die Seitenzahlen der farbigen und Klassik-Editionen weichen teilweise erheblich voneinander ab wenn die Geschichten mit der Kolorierung auch einen Layout-Wechsel zwischen drei- und vierreihiger Anordnung vollzogen haben.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Weiterführendes Material

Natürlich gibt es gerade zu diesem Ausnahmekünstler und seiner bekanntesten Serie eine Unmenge an Material!

Die aktuellste Bibliografie der Veröffentlichungen (auch in Deutschland) findet sich als Anhang eines Bandes von Erinnerungen des italienischen Künstlers. Warten auf Corto enthält die deutsche Übersetzung von Gesprächen Pratts mit seinem Freund de Rosa. Aus dem gleichen Verlag, der Edition Alfons, stammt auch die beste regelmäßige deutsche Sekundärzeitschrift, die Reddition. Die Ausgaben 26 und 41 widmen sich ausschließlich Ugo Eugenio Pratt, die 68 thematisiert Comics aus Argentinien und in diesem Zusammenhang eben auch Pratts entsprechende Schaffensperiode.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Tja, und dann gibt es noch Micky Maltese von Giorgio Cavazzano, Bruno Enna und Alessandro Zemolin aus der Reihe der Disney-Hommagen von europäischen Künstlern. Fast schon selbstverständlicherweise referenzieren auch unzählige andere Comics, Romane und sogar Filme diese Serie und ihren Helden. Die verschiedenen (mehr oder weniger direkten) Umsetzungen in bewegten Bildern wären das Thema eines anderen Artikels.

Die Empfehlung

Über 1700 Seiten warten auf potenzielle Leser*innen! Nicht alle haben die gleiche Qualität, ja, vielleicht noch nicht einmal die gleiche Zielgruppe. Aber sie alle ermöglichen ein Lesevergnügen, das Anspielungen auf Literatur und Geschichte bietet, Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischt, Helden und Antihelden ganz neu definiert und damit höchste Unterhaltung liefert! Da die Serie erstmals komplett vorliegt, kann jede*r selbst entscheiden, einzelne Titel antiquarisch zu erwerben oder die Serie peu a peu einheitlich zu vervollständigen. Ich würde empfehlen, dabei sowohl die farbige als auch die schwarz-weiße Klassik-Ausgabe zu begutachten und sich einzelfallbezogen zu entscheiden da sie sehr unterschiedliche Einblicke und Lesarten ermöglichen.

Corto Maltese nimmt an vielen Kriegen (passiv) teil – in den Wüstenskorpionen wird er erzählt, dass er im spanischen Bürgerkrieg ebenfalls anwesend war – er bleibt aber ein Gegner des von Regierungen befohlenen Schlachtens, ohne dabei zum Pazifisten zu werden. Er hat ein inniges Verhältnis zu Frauen und Literatur, ohne sich binden zu können und fordert Widerspruch heraus!

Kurzum: eine der besten Graphic Novels aus einer Zeit, in der dieses Wort noch keinen Hype bezeichnete!

Detail aus Band 6: In Sibirien – © 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Auf den letzten Seiten des Albums „Die Kelten“ erklärt Corto, dass er eigentlich nur nach Frankreich gekommen sei, um die Weine zu probieren. Dementsprechend sollte ein guter französischer Rotwein, vollmundig aber nicht zu schwer, exzellent als Begleitung dienen können. Musikalisch passt eigentlich immer entsprechende Folk-Musik zu den einzelnen Bänden – etwas romantisch, etwas schwermütig, verwurzelt in alten Geschichten aber gerne auch in moderner Interpretation!

© der Abbildungen 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995, 2016 – 2019 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium; 1974 Koralle Verlag

Serpieri –Tecumseh

Serpieri Collection – Western 4 – Tecumseh

Story: Raffaele Ambrosio, Paolo Eleuteri Serpieri, J. Ollivier
Zeichnungen: 
Paolo Eleuteri Serpieri

Originalausgabe

Schreiber und Leser

Hardcover | 160 Seiten | S/W und Farbe | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-040-1

Der vierte Band der Western-Kurzgeschichten in der Serpieri Collection ist sehr stark von einem Thema geprägt: Der sich deutlich abzeichnenden Vernichtung der indianischen Völker.  In den ersten drei Bänden standen Ehre, Auseinandersetzung mit der Natur und Vertrauen im Vordergrund. Diese positiven Charaktereigenschaften lassen sich auch hier finden, allerdings fast nur noch bei den Ureinwohnern. Vereinzelt sind allerdings auch Weiße noch zu Ehrlichkeit und Güte fähig. Mehr dazu bei Band 3.

Die Stories

Den Anfang macht eine Hommage an die Reiter des Pony Express die keine Gefahren gescheut haben um Post und Nachrichten quer durch das gefährliche Land zu transportieren. Auch der Bote transportiert Nachrichten, sogar eine die ihn selbst betrifft. Der eine oder die andere wird diese Geschichte schon vom diesjährigen Gratis Comic Tag zu Hause haben.

Im Gegensatz zu den anderen Bänden, die jeweils nur eine farbige Story enthielten, sind hier rund 80 Seiten koloriert. Geistertanz erzählt von einer indianischen Legende. Wowoka, ein Indianer, der auch der Messias genannt wird, hatte eine Vision vom Verschwinden der Weißen. Ein bestimmter Tanz werde dann die toten Krieger zurückbringen. Natürlich kennen wir das Ergebnis, die aus Furcht geborene gewalttätige Reaktion der Weißen ist aber leider noch nicht Geschichte.

Tecumseh war einer der charismatischen Führer der nördlichen Stämme. Ihm war klar, dass der Krieg auf militärischem Weg nicht zu gewinnen war, Er versuchte, Bündnisse zu schließen, und war bereit, Verträgen zu vertrauen. Auch hier wissen wir leider, dass Machtsucht und Profitgier Vertragstreue nicht zugelassen haben und dass Herrenmenschen dazu neigen, ihren Gegnern das Menschsein an sich absprechen. Diese Thematik bestimmt auch die Geschichten, die sich um „Gelbhaar“ Custer drehen: Custer am Little Big Horn sowie Sitting Bull und Crazy Horse stellen zwar den vernichtenden Sieg am Little Big Horn dar, haben aber eine zutiefst pessimistische Grundstimmung. Allen Beteiligten ist klar, dass dieser Sieg keine Wende bringen wird.

Aber auch bei den Eroberern gibt es verschiedene Fraktionen und Konflikte zwischen diesen. Auf in das gelobte Land beschreibt das Schicksal der Mormonen, einer extrem konservativen christlichen Glaubensrichtung und ihrem Versuch, selbständig zu bleiben. Hier zeigt sich, dass Serpieri Konflikte auch darstellen kann, ohne Position beziehen zu müssen. Hier bleibt er Beobachter ohne moralische Wertung!

Die letzten drei Geschichten machen dagegen ein wenig Hoffnung: Es ist klar, dass die indianische Kultur untergehen wird und ebenso, dass die meisten Weißen moralisch und charakterlich unterlegen sind. Es gibt aber auch Ausnahmen: Frauen können ehrlich und ritterlich sein und sich von Vorurteilen befreien und ganz vereinzelt können das auch Männer. Die Squaw mit dem goldenen Haar, Die Rache des Paw-Hawk und der Weg der Squaws erlauben den Leser*innen einen positiven Blick in die Zukunft der Menschen. Sie mag ärmer sein da das Zerstörte nicht wiederkommen wird, sie ist aber nicht notwendigerweise düster!

Die Zeichnungen

Serpieri hat eine Qualität als Zeichner, die es seinen Erzeugnissen erlaubt, das Dargestellte lebendig wirken zu lassen. Wenn die Indianer auf ihren Mustangs durch die Prärie jagen kann man sie fast hören. Wut und Verachtung in den Blicken lassen den eigenen Magen schrumpfen und die Schlachtszenen sind eindrücklicher als in so manchem Film. Dabei ist es egal, ob die Zeichnungen koloriert sind oder nicht! Sein Strich ist fein und die Schraffuren lassen die dritte Dimension einfließen.

Vor allem aber ist es dem Verlag zu danken dass die Originale in einer so guten Qualität präsentiert werden. Eine einzige Geschichte hat etwas zu dicke Linien die auf die Originale schließen lässt. Alle anderen sehen aus wie gerade gezeichnet und doch haben sie 40 Jahre auf dem Puckel und stammen häufig aus Zeitschriften.

Der Ruhm des italienischen Zeichners basiert hauptsächlich auf seinen Werken für Erwachsene aus der Druuna-Reihe. In seinen Geschichten über die Eroberung Amerikas und die Vernichtung der indianischen Kultur finden sich keine Hinweise darauf, sie ist sogar von einem tiefen Humanismus geprägt! Wer auch immer sich für dieses Genre interessiert sollte hier einen Blick hineinwerfen. JohnWayne und Ronald Reagan Fans werden allerdings eher nicht glücklich werden, finden aber vielleicht Anhaltspunkte, ihre Gedanken zu überprüfen.

Alle anderen finden einen sauber hergestellten Band mit gutem Papier und einer guten Auswahl an Geschichten!

Dazu passen ein Mate-Tee-Mischgetränk und eine andere, allerdings fröhliche Reminiszenz an vergangene Zeiten: Die Toten Hosen mit Leaning English lesson three.

© der Abbildungen 2020 Scheiber & Leser / Lo Scarabeo s.r.l.

Nolane/Maza – Wunderwaffen – Geheime Missionen 1

Das Phantom-U-Boot

Story: Richard D. Nolane
Zeichnungen: Maza

Originaltitel: Wunderwaffen – Mission secrètes 1 Le U-Boot fantôme

All Verlag
Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 15,80 €
ISBN:  978-3-96804-004-2

Die Story – Verschollen im Bermuda Dreieck

Die Hauptserie Wunderwaffen ist ein Alternativweltszenario in der die Landung der Alliierten in der Normandie schief gegangen ist und das nationalsozialistische Deutschland weiter existiert. Es befindet sich immer noch im Kriegszustand und der im Mittelpunkt stehende Held hat seine persönlichen Widersprüche gegen das Regime, macht aber trotzdem mit. Die Serie ist so erfolgreich, dass es jetzt ein Spin-Off gibt: Die Geheimen Missionen sind weniger eingebunden in den Fortgang des Krieges und präsentieren einen neuen Ermittler in den Reihen des Ahnenerbes.

Auch Richard Wolfart macht keinen Hehl aus seiner Gegnerschaft zum NS-Regime. Als Sonderermittler gehört er zur Kriegsmarine und arbeitet an Problemfällen. Hier wird er direkt von Himmler angefordert um die Vorgänge um U-142, das Phantom-U-Boot aufzuklären. Es war 1918 im sogenannten Bermudadreieck verschwunden und ist nun, im September 1945, wieder aufgetaucht. An den Geschützen haftete noch der Geruch von Pulver, die Besatzung war aber nicht zu sehen.

Das U-Boot wird aus dem feindlichen Gebiet in ein U-Boot-Dock im besetzten Frankreich verbracht und die Mannschaft muss feststellen, dass vielleicht doch nicht alles „Lebendige“ verschwunden ist. Nolane schreibt eine spannende Geschichte die mit etwas anderen Vorzeichen auch gut als X-Akte hätte durchgehen können. Bis auf die für meinen Geschmack zu häufig in das Bild springenden Abzeichen auf Uniformen, Fahnen und Kriegsgeräten ist auch der Rahmen der Armee fast austauschbar, wäre da nicht im Hintergrund die Angst vor der SS und ihren Führern. Wolfart selbst wird zwar als Kritiker vorgestellt, worin seine Kritik oder gar ein aktiv anderes Verhalten aber bestehen sollen wird zumindest in dem ersten Teil nicht deutlich.

Die Zeichnungen

Maza liebt es augenscheinlich, technisches Gerät und Waffen zu zeichnen. Auch den Einsatz dieser Waffen stellt er sehr anschaulich dar und braucht damit sicherlich keinen Vergleich mit zum Beispiel Tanguy & Laverdure oder Buck Danny zu scheuen. Und auch History-Comics zeigen mittlerweile ständig Hakenkreuze. Und schließlich: Alternativszenarios, in denen die Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, gibt es relativ häufig, man denke etwa an das auf Phillip K. Dick beruhende Man in the high Castle.

Mazas Stil ist einerseits sehr realistisch, andererseits setzt er stark auf konturierende Linien. Seine Zeichnungen erinnern daher ein wenig an alte Zeitungsstrips und passen sehr gut zu diesem Actionszenario. Die Seiten haben prinzipiell ein ordnendes Raster, dieses wird aber durch wechselnde Überspannungen sehr lebendig und lässt auch Diagonalen und Überlappungen zu. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die erfolgreichen Wunderwaffen ein Spinn-off erhalten haben.

Trotzdem bleibt ein gewisses Unbehagen. Weder Zeichnungen noch Szenario zeichnen ein Bild der glorreichen Deutschen Armee oder gar der NS-Spezialtruppen. Dem Comic ist eine antimilitaristische Haltung total fremd aber auch keine militaristische zu eigen. Für eine Mystery-Serie ist das Setting auf jeden Fall eine Abgrenzung zu den unzähligen anderen Serien mit gleichem Inhalt und wird nicht dazu führen, dass viele Leser Ideologien hinterherlaufen. Handwerklich gut gemacht ist der Band allemal und so sind die Wunderwaffen-Missionen gewissen anderen Erzeugnissen 1000-mal vorzuziehen!

Natürlich ist der Band im Überformat auf festem, etwas glänzendem Papier in stabilem Hardcover wieder in guter All Verlags Qualität und daher auch als limitierte Ausgabe mit signiertem ExLibris und Schutzumschlag erhältlich.

Detail aus dem ExLibris der Vorzugsausgabe

Dazu passen ein Marine-tauglicher Grog und Reinhard Mey & Freunde mit „Nein, meine Söhne geb ich nicht“!

© der Abbildungen 2020 All Verlag, 2019 Éditions Delcourt / D. Nolane / Maza