Post/Heuvel – De Meimoorden

De Meimoorden 1940 – 1948

Story: Jacques Post
Zeichnungen: Eric Heuvel

Originalausgabe

Uitgeverij Personalia

Softcover | 80 Seiten | Farbe | 11,99 € |

ISBN: 978-94-928-4042-4

Der Comic von Jacques Post und Eric Heuvel basiert auf einem bereits 1984 erschienenen Buch von Post und wurde in den letzten zwei Jahren in StripGlossy vorabgedruckt. Er war im Mai dieses Jahres der meistverkaufte niederländisch sprachige Comic in den Niederlanden und auch in Belgien mit Platz 6 sehr erfolgreich (Quelle: StripGlossy 13).

Die Geschichte

De Meimoorden (auf Deutsch: Die Morde im Mai) ist auf den ersten Blick ein spannender Krimi aus dem Rotterdam des Jahres 1940. Der Vater der Hauptperson Henk Maalbeck ist ein Taxifahrer und wird ermordet, das Taxi wird geklaut.  Henk versucht nun, die Hintergründe zu verstehen und aufzuklären.

Ein zweiter Handlungsstrang beschreibt die Verwicklungen von deutschen Spionen zur Vorbereitung des unmittelbar bevorstehenden Überfalls der Niederlande und ihre persönlichen Bereicherungsmotive sowie den Einmarsch und die Bombardierung Rotterdams selber.  Jacques Post bedient sich dabei zweier Zeitlinien. Einerseits müssen Henk und seine Freundin Leentje inmitten der Wirren überleben und zugleich versuchen, die Hintergründe aufzudecken, andererseits geht es um die parlamentarische Enquetekommision, die 1948 versucht, die Verwicklungen von Einheimischen aufzuspüren und zu bewerten.

Post bringt unheimlich viel an historischem Detail in dieser Geschichte unter und dementsprechend ist der Textanteil teilweise sehr hoch, allerdings immer noch geringer als etwa bei Blake und Mortimer. Es geht dabei um den deutschen Spion Flenter, der mit dem niederländischen Steuerberater Moret krumme Dinger dreht und um die Verwicklung des lokalen Polizeichefs Dechy, der mehr weiß, als er dürfte.

Die Geschichte springt aber nicht nur zeitlich hin und her. Flenter verlässt Rotterdam kurz nach dem Mord und kehrt zunächst nach Deutschland zurück um dann während der Invasion wieder niederländischen Boden zu betreten. Nicht immer sind die einzelnen Handlungen den Strängen ohne Weiteres zuzuordnen so dass den Leser*innen ein Mitdenken abverlangt wird. Zugleich wird vieles an historischen Fakten durch fiktive persönliche Erlebnisse ergänzt, so dass die Geschichte verständlicher, aber auch emotionaler wird.

Gerade für deutsche Leser*innen ist die Story nicht einfach. Einerseits wird die Effizienz der deutschen Eroberungsarmee gezeigt, die Widerstand im Keim erstickt und wenig Skrupel besitzt. Auch die Vorbereitung durch Spionage und verdeckte Aktionen wird deutlich und zeigt die Akribie des Plans. Andererseits wird aber auch deutlich, welche Folgen der Einmarsch für die Bevölkerung und insbesondere die Stadt Rotterdam hatte. Die Zerstörung war immens und auch das wird in den Bildern sehr deutlich. Glücklicherweise hat es die europäische Nachkriegsgeschichte geschafft, Europa zu befrieden und staatliche Machtgelüste zu überwinden. Trotzdem ist es nicht unbedingt selbstverständlich, dass die heutige Generation die Deutschen mit einer so großen Freundlichkeit willkommen heißt.

Die Umsetzung

Eric Heuvel ist in Deutschland zwar vor allem durch seine Geschichten um January Jones bekannt. Er hat aber auch viele Sachcomics geschrieben, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Anne Frank Stiftung einen Comic über das Schicksal einer jüdischen Familie in den Niederlanden unter deutscher Besetzung, der unter dem Titel Die Suche auch auf Deutsch erschienen ist.

Heuvel ist ein Vertreter der Ligne claire, auch wenn seine Zeichnungen teilweise vor Details schier zu bersten scheinen. Er scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, unheimlich viele kleine Details in seinen Zeichnungen unterzubringen, und der als Grundlage dienende Roman bietet viel davon. Zudem ist Heuvel im Thema drin und hat ein (Bild-)Wissen der damaligen Zeit angesammelt, das fast jede Szene möglich macht. Manchmal ist aber ein zu großes Detail-Wissen hinderlich für den Flow und so befördern einige Bilder nicht die Geschichte, sondern stehen separat.

Abgesehen davon ist es aber eine gelungene Umsetzung, die die Schrecken anschaulich darstellt und gleichzeitig die Kriminalstory vorantreibt.

Comics, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben, sind aktuell en vogue. Oft stehen dabei aber die technische Faszination im Vordergrund oder das Soldatenleben. Hier geht es zwar auch um die Hintergründe, im Vordergrund aber steht der Alltag der Zivilbevölkerung.

Die Sprache stellt meiner Ansicht nach nicht zu große Herausforderungen und ist daher keine echte Barriere. Außerdem unterstützen die Bilder aufgrund ihres Detailreichtums und helfen über unbekannte Wendungen hinweg. Vielleicht findet sich ja auch ein deutscher Verlag für die Geschichte der Uitgeverij Personalia. Es wäre zu wünschen! Es gibt im Übrigen auch eine Hardcoverausgabe für 19,99€.

Dazu passen ein Cassis und Golden Earring, die mehr zu bieten haben als das bekannte Radar Love!

Abbildungen © 2019 StripGlossy / Personalia vof

Tunga Integral 4

Band 4: 1977 bis 1984

Story: Edouard Aidans
Zeichnungen: Edouard Aidans

Originaltitel: Originalausgabe

Kult Comics

Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 29,95 € |

ISBN: 978-3-946722-41-0

Der am 6. September 2018 verstorbene Belgier Edouard Aidans war einer der Zeichner, die zunächst entweder in Tintin oder dem Konkurrenzprodukt Spirou veröffentlicht hatten, dann aber vom Hamburger Koralle-Verlag abgeworben worden waren. Das „alte“ ZACK hatte eine Zeitlang so hohe Verkaufszahlen, dass eine internationale Expansion erfolgversprechend schien. Sehr zum Leidwesen der deutschen Leser*innen, vor allem aber der Künstler, die auf das Angebot eingegangen waren, hielt der Hype nicht lange genug. So musste auch Aidans reuevoll zu Tintin bzw. Le Lombard zurück, wurde dort allerdings auch mit offenen Armen empfangen.

Mehr zu den Hintergründen dieser Geschichte findet sich im von Volker Hamann redaktionellen Teil dieses Integrals. Natürlich gibt es auch in diesem Teil wieder viele zusätzliche Illustrationen und Artikel über Aidans und Tunga. Die Besprechung zum dritten Teil bietet ebenfalls noch weitere Informationen zur Serie und zu ihrem Schöpfer.

Die ZACK-Ära

Ab 1978 produzierte Aidans für den Koralle-Verlag vier Kurzgeschichten, die inhaltlich eine fortlaufende Einheit bildeten und in der ZACK-Parade zum Abdruck kamen. Die ersten drei Teile wurden dabei auch in den internationalen Ablegern Super As, Wham! und Super J publiziert sowie unter dem Titel „Der Feuermacher“ in die Albenausgabe integriert. Die letzte, 1979 in der ZACK-Parade 35 erschienene Story „Im Tal der Dämonen“, brauchte fast 20 Jahre um in einem französischen Fanzine auf schwarz-weiß abgedruckt zu werden, schaffte es aber weder in ein Album noch in das Integrale von Joker Editions.

Alle Geschichten sind von Aidans nach dem altbewährten Muster geschaffen: Obwohl ursprünglich für das kleine Taschenbuchformat konzipiert können sie ohne Verlust in das größere Magazin-/Albenformat ummontiert werden wobei jeweils zwei kleine eine große Seite ergeben. Man kann die Meisterschaft des Künstlers dabei nicht zu hoch einschätzen, denn das Layout erzählt die Geschichte genauso wie der Text und dieses so anzulegen, dass es ohne Abstriche in zwei unterschiedlichen Aufbauten funktioniert ist hohe Kunst!

Inhaltlich geht es darum, dass Tunga, Ohama und Nooun in einem mysterienhaften Szenario auf ein unbekanntes Objekt stoßen. In einer Höhle in der Nähe treffen sie auf einen „Guru“ der Nooun die Gabe schenkt, mit Hilfe von Flintsteinen Feuer zu entfachen.

Zeichnerisch hat Aidans keine seiner Qualitäten verloren. Ob die Raptoren aber wirklich notwendig waren möchte ich bezweifeln. Wer weiß, von wem die Idee dazu kam, möchte dieses bitte im Kommentarfeld unten vermerken.

Rückkehr zu Tintin/Kuifje

Das ZACK war Geschichte und bis zum nächsten Ausflug in die Zeit vor 100.000 Jahren sollte es bis 1983 dauern: Mit „Die verlorene Fährte“ kehrte der Belgier triumphal auf die Seiten des angestammten Magazins zurück und präsentierte einen moderneren Helden.

Wieder einmal werden Tunga und Ohama getrennt und müssen ihre eigenen gefährlichen Situationen bewältigen. Dazu gehört auch der jeweils emotionale Konflikt der Sorge um die andere Person. Der Zeichenstil ist viel freizügiger, raumgreifender und dynamischer, natürlich auch aufgrund der Befreiung von den Zwängen zur Doppelverwendung. Auch die Kolorierung ist offensiver und überdeckt teilweise sogar Details der Zeichnungen, ermöglicht aber eine zusätzliche Ausdruckskraft gerade für emotionale Darstellungen. Auch die von Aidans (und seinem Vorbild Hogarth) schon immer eingesetzte Schraffur wird noch einmal feiner und lässt mich fast wünschen, es gäbe den Comic zusätzlich auch in einer nicht-farbigen, unverfälschten Version. Vielleicht findet sich ja tatsächlich genug Nachfrage?

Die letzte Prüfung“ von 1984 beendet diesen Band mit einer erneut stark besetzten Frauenrolle. Tunga erlebt ein Soloabenteuer auf einer Insel, die von Amazonen bevölkert ist. Dort gibt es eine sehr kämpferische Frau namens Ulcha und eine eher bedächtige, heilende Ilcha. Unser Held braucht relativ lange, bis er erkennt, dass es sich tatsächlich nur um zwei Ausdrucksformen der gleichen Person handelt. Obwohl hier die Action durchaus im Mittelpunkt steht, wäre es verkehrt, die Erzählung darauf zu reduzieren.

Aidans gelingt es immer wieder, das prähistorische Setting zu benutzen um allgemeingültige Handlungsweisen positiv zu beschreiben: Planung, Vertrauen, Teamgeist und der Wille, gemeinsam zu Lernen sind die Facetten menschlichen Verhaltens die den Sieg und das Überleben in der Urzeit ermöglichen und auch heute noch gebraucht werden. Insofern ist Tunga sicherlich auch „ein Klassiker“, trotzdem aber weder angestaubt noch altmodisch!

Es wäre daher dem Comic und dem Verlag zu gönnen, dass die Serie nicht nur von ein paar alten Knackern die mittlerweile ihre Kindheitserinnerungen in guter Qualität neu erstehen können gekauft wird sondern ein breites Publikum findet. Verdient hat es gerade diese Phase der Serie allemal!

Es gibt übrigens auch wieder eine (verlagsvergriffene) Vorzugsausgabe, dieses Mal mit drei Ex Libris als Bonus für die Produktionsprobleme.

Dazu passen ein Getränk auf Mangobasis und als Gegenpol etwas Industrial oder etwa die Einstürzenden Neubauten.

© der Abbildungen 2019 Comic-Combo, Leipzig

Gautier/Oger – Mijn Oorlog

Mijn Oorlog – van La Rochelle tot Dachau

Story: G. P. Gautier
Zeichnungen: 
Tiburce Oger

Microbe Strips
Hardcover | 80 Seiten | Farbe | 21,95 €
ISBN: 
978-9492621443

Mijn Oorlog erzählt die (Über-)Lebensgeschichte von Guy-Pierre Gautier, einem französischen Resistance-Kämpfer mit sozialistisch/ kommunistischem Hintergrund. Nachdem er in Frankreich gefasst worden war, wurde er zunächst in Frankreich selbst interniert, später dann aber in das KZ Dachau überführt, dass als Stätte billiger Arbeitskräfte für die umliegenden Werke diente.

In den Niederlanden ist die Autobiographie bei dem kleinen Label Microbe erschienen, ein deutscher Verleger hat sich noch nicht gefunden. Vielleicht wäre das kommende 75-jährige Jubiläum der Befreiung von der Nazi-Herrschaft ja ein geeignetes Datum? Während die Schicksale der jüdischen Opfer in Deutschland zumindest nicht mehr verschwiegen, teilweise sogar sehr vielschichtig behandelt werden, und der bürgerliche Widerstand ebenfalls seinen Platz in der Aufarbeitung gefunden hat, sind der Kampf und die Verluste der Linken noch nicht so im (literarischen) Alltag angekommen.

Gautier erzählt ehrlich und eindringlich seinen Lebensweg vom unbedarften Jugendlichen aus La Rochelle zum Kämpfer gegen die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen und beschreibt dabei einerseits, wie viele seiner Generation auf die verschiedensten Weisen „verheizt“ worden sind, andererseits aber auch, dass für viele eine Alternative gar nicht bestanden hat. In Rückblicken, ausgehend von der mit militärischen Ehren durchgeführten Verleihung des Ritters der Ehrenlegion für Guy-Pierre Gautier am 8. Mai 2015, werden schlaglichtartig Szenen aus dem Leben aufgereiht und verknüpfen sich so zu einer Geschichte.

Tiburce Oger hat die Erzählungen in Bilder übersetzt. In Deutschland bekannt ist er durch seine im Splitter-Verlag erschienenen Western Buffalo Runner und Canoe Bay. In diesem Werk darf er jedoch die Erinnerungen seines eigenen Großvaters mütterlicherseits umsetzen. Man merkt den Zeichnungen die persönliche Betroffenheit an, sie gehen unter die Haut und lassen keine Details aus. Teilweise erscheint „das Böse“ in den Gesichtern der Deutschen KZ-Aufseher und SS-Männer als Fratze, aber es gelingt Oger durchaus zu differenzieren.

80 Seiten sind einerseits viel zu wenig, um die – exemplarische – Leidensgeschichte Gautiers von 1943 bis zu seiner persönlichen Befreiung am 30. April 1945 zu beschreiben, andererseits sind sie aber genug, um sich vor Augen zu führen, dass so etwas nie wieder passieren darf; Nicht in Europa aber auch sonst nirgendwo!

Die Graphic Novel sollte überall in den Niederlanden und dem flämischen Teil Belgiens erhältlich sein.

Dazu passen Wasser, etwas abgestanden, und „Die Moorsoldaten“.

© Rue de Sèveres, Paris, 2017, Tiburce Oger

Warnauts/Raives – Venezianische Affären 1

Venezianische Affären Gesamtausgabe Teil 1

Story: Eric Warnauts
Zeichnungen: 
Eric Warnauts, Guy Raives

Originaltitel: Les suites Véntiennes 1-3 (Intégrale 1)

Panini Comics
Hardcover Überformat | 160 Seiten | Farbe | 29,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1288-6

Das Duo Eric Warnauts und Guy Raives ist in Deutschland wahrlich nicht unbekannt, gehörte aber bisher eher in die Kategorie Geheimtipp. In den neunziger Jahren brachte der Carlsen Verlag den Einzelband Congo 40, die Abrechnung mit Deutschlands Nationalsozialismus (Die zerbrochene Zeit) und die ersten vier Teile von Lou Cale, einer Krimiserie um einen Pressefotografen heraus, Finix führte vor ein paar Jahren fort. Panini hat bereits den Vierteiler Zeitenwende veröffentlicht, der ebenfalls im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielt.

Das Thema

Der aktuellen deutschen Erstveröffentlichung, die bei Casterman bereits vor rund 20 Jahren erschienen ist, liegt auch ein historisches Setting zugrunde: Das Venedig des 18. Jahrhunderts. Der Stadtstaat wird durch ein Konglomerat aus verschiedenen Institutionen beherrscht die sich wiederum aus traditionellen Familien rekrutieren. Dekadenz und Laster haben sich im Alltag der besser gestellten breitgemacht und unter der Fassade des Maskerade passieren die unglaublichsten Dinge.

Als mehrere Frauen ermordet und misshandelt aufgefunden werden, versucht Alessandro, die abscheulichen Verbrechen aufzuklären. Schnell wird klar, dass es sich bei der Serie um Ritualmorde handelt und dass Magie ebenfalls eine Rolle spielt. Zudem drängen sich Verbindungen in die Vergangenheit auf. Es scheint um Rache zu gehen… Außerdem spielen Rötelzeichnungen einer jungen, unbekleideten Schönheit eine große Rolle, allerdings erkennen nur wenige die Zeichen.

Die Titel der Einzelbände „Die Skizzen“, „Rotes Venedig“ und „Exil“ lassen den Handlungsablauf ein wenig erkennen, die Story ist aber vielschichtig genug, um nicht einfach nur einem Plot zu folgen: Es geht um (Miss-)Achtung, Rassismus und Machtgelüste, aber auch um den Versuch starker Frauen, sich eigenständig zu entwickeln und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Während einige Männer dieses verstehen können, müssen andere es leidvoll am eigenen Körper erfahren lernen.

Die Umsetzung

Warnauts und Raives setzen bei ihren Seiten auf die Macht des Bildes: oft werden sie von wenigen, großen Panelen beherrscht; ganze Seiten kommen ohne Text aus. Mal wird gegen ein dreireihiges, mal gegen ein vierreihiges Grundraster verstoßen und ständig wechselt die Anordnung. Dahinter liegt aber kein chaotisches Ausprobieren: Die Formen folgen der Notwendigkeit der Handlung und ihrer Dynamik. Das Überformat bringt dabei die Seiten noch mehr zur Geltung als es das typische A4-Format täte.

Die Gesichter sind durch die etwas großflächige Kolorierung manchmal etwas entstellt, wirken dadurch aber auch im Alltag fast maskenhaft und stören daher in diesem Zusammenhang nicht. Die Formen und die Anatomie der Figuren zeigen dagegen keine unerwünschten Besonderheiten, sondern sind korrekt. Auch das architektonische und kleidungsbezogene Dekors ist aufwändig und stimmig.

Panini hat für jeden Band das Einzelcover in Farbe und als Vorzeichnung mit aufgenommen. Insofern wird die Erwartung an eine Gesamtausgabe erfüllt. Es gibt auch einen kurzen Textteil, der in das politische Venedig der damaligen Zeit einführt. Editorische Notizen, ergänzende Illustrationen und Texte, also alles, was die Leser*innen heute in einem Integral typischerweise geboten bekommen, fehlen dagegen. Hier kann der Panini-Verlag sich sicherlich noch eine Scheibe von seinen Konkurrenten abschneiden.

Vor einigen Jahren wäre die Serie wahrscheinlich bei comicplus+ erschienen. Vielleicht hilft dieser Hinweis zur Einordnung des Ganzen. Spannende und vielschichtige Story mit ansprechendem Artwork!

Dazu passen gelassen prickelnder Pro Secco und italienische Musik: Klasse Kriminale (und im speziellen Johnny too bad).

© der Abbildungen Editions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) 2016 by Raives, Warnauts, c/o Panini Verlag

Africa Dreams Gesamtausgabe

Africa Dreams, Band 1 – 4

Story: Maryse und Jean Francois Charles
Zeichnungen: 
Frédéric Bihel

Originaltitel: L’Ombre du roi / Dix volontaires sont arrivés / Ce bon Monsieur Stanley / Un Procès colonial

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 200 Seiten | Farbe | 36,00 € |

ISBN: 978-3-96219-190-0

Cover Africa Dreams

Die Gesamtausgabe der vier Bände von Africa Dreams fällt ein wenig aus dem Rahmen: Sie ist keine nette Abenteuergeschichte und auch wenn sie in gewisser Weise ein Happy End hat, konnten Millionen von zu dem Zeitpunkt bereits getöteten davon nicht mehr profitieren. Maryse und Jean-François Charles beschreiben in diesem von Frédéric Bihel umgesetzten Werk die „Befreiung“ des Kongo aus dem persönlichen Eigentums König Leopold II. von Belgien und den dazu nötigen Kampf um die veröffentlichte Meinung.

Besonders hervorzuheben ist dabei, dass es sich bei dem Ehepaar Charles um zwei Belgier handelt, sie also tief in die Geschichte ihres eigenen Landes abtauchen müssen. Das Bild des Königs ist dabei gar nicht so einfach zu fassen. Einerseits steht seine Grausamkeit in Bezug auf die Bewohner*innen des Kongo außer Frage, andererseits setzte er sich durchaus etwa für die Abschaffung der Sklaverei ein und wird im Kongo selbst immer noch respektiert für seine Rolle in der Schaffung und Konstituierung des Gebildes „Kongo“ an sich. Und trotz aller deutlichen Kritik am „Kongogräuel“ ist diese Geschichte kein Hass-Dokument.

Detail Africa Dreams page 5

So beginnt die Geschichte denn auch 1960 während eines Museumsbesuches mit einer sehr lobenden Erklärung, dass König Leopold II. Belgien den Kongo geschenkt, die Wilden zivilisiert und der Welt damit Gutes getan habe. Natürlich werden diese Aussagen auf den folgenden fast 200 Seiten dekonstruiert und mit der heutigen Kenntnis auch reflektiert. Der Vorwurf der Nestbeschmutzung wird von traditioneller Seite trotzdem erhoben werden.

Worum geht es?

Leopold II., einer der reichsten Männer Europas zu seiner Zeit, hatte den Forscher Dr. Stanley beauftragt, Forschungsstützpunkte im Inneren Afrikas zu gründen und dann das darum liegende Land gekauft und Freistaat Kongo genannt. Er selbst war nicht nur König von Belgien, sondern auch Herrscher über dieses 80-mal größere afrikanische Gebiet und wollte seinen nicht unerheblichen Einsatz zurück.

Der Freistaat Kongo lieferte im Wesentlichen Kautschuk und Elfenbein. Um den maximalen Profit zu erzielen (und weil er Sklavenhandel wirklich nicht mochte) setzte Leopold, der den Kongo selbst nie betreten hat, Zwangsarbeiter ein und sorgte mit einem blutigen und auf Horror basierendem System dafür, dass möglichst billig möglichst viel produziert werden konnte.

Detail Africa Dreams page 28

Katholische Priester, die zu Missionszwecken im Land tätig waren, waren offiziell nicht in Gegnerschaft zu diesem Verhalten des gläubigen Herrschers und wiesen ihre Priester vor Ort an, keine Kritik zu äußern oder zu unterstützen. Die evangelischen Missionare waren dagegen eher bereit, über Missstände zu berichten oder für Verbesserungen zu sorgen.

Paul Delisle ist einer der Belgier, die während ihrer Zeit in Afrika erkannt haben, dass es sich bei den Eingeborenen keineswegs um Wilde handelt, die den Status der Ware nur knapp verlassen haben, sondern um Menschen mit den gleichen Rechten und findet zunächst sich selbst, dann seinen Frieden und sein Glück.

Edmund Morel entwickelt sich vom passiv beobachtenden Beschreiber zum aktiven Schreiber für die Rechte der Schwarzen und gegen die Unterdrückung.

Henry Morton Stanley ist nicht nur Forscher, sondern auch immer mehr in die Schachzüge seines Gönners König Leopold eingespannt und gibt kein gutes Bild ab.

Detail Africa Dreams page 143

König Leopold II. schließlich wird über die mehr als 20-jährige Periode seiner Herrschaft über den Kongo dargestellt. War er zunächst noch fasziniert von den Wundern des Kongo, standen später ehr seine amourösen Interessen im Vordergrund um schließlich vom Kampf um die Deutungshoheit abgelöst zu werden. Ganz zum Schluss steht dann tatsächlich die Befriedigung über einen Deal mit Belgien über den Verkauf des Gebietes an sein Königreich in seinen Augen.

Die Umsetzung

Mir persönlich gefallen die Zeichnungen von Frédéric Bihel nicht ganz so gut wie die von Jean Francois Charles in India Dreams. Sie gehören gleichwohl zur Oberklasse. Gerade durch die wasserfarbenartige Kolorierung gewinnen die Figuren und das Dekors etwas Altertümliches, das fast zu perfekt zu dieser Geschichte passt. Es lässt sowohl Landschaften wie auch Gesichter plastisch wirken, erinnert an alte Kunst und ist trotzdem realistisch. Die Schrecken werden dadurch aber auch etwas abgemildert. Der Seitenaufbau ist dabei äußerst flexibel; er verlässt das klassische tabellenartige Schema zwar so gut wie nie, hat aber viel Varianz in der Höhe und Breite und wird dadurch nicht langweilig. Im Verlauf werden immer wieder Zeitdokumente wie Fotos oder Zeitungen eingestreut, die eine größere Schärfe besitzen und sich dadurch deutlich abheben. Auch dieses ist sehr gelungen!

Hinweisen möchte ich darauf, dass die Gräuel wie abgeschlagene Hände oder niedergebrannte Dörfer durchaus gezeigt werden, Massenvergewaltigungen oder -tötungen dagegen nicht. Der Splatter steht hier also keinesfalls im Vordergrund. Trotzdem handelt es sich bei dieser Auseiandersetzung keinesfalls um etwas für jedes Kind geeignetes.

Abgerundet wird diese Gesamtausgabe durch Zeitdokumente und Skizzen im Anhang, ergänzt durch einen Essay von Colette Braeckman, Expertin für Zentralafrika unter anderem für die Le Monde Diplomatique. Dadurch wird dem/der Leser*in noch mehr Möglichkeit gegeben, ein eigenes Bild zu entwickeln oder tiefer in die Materie einzusteigen.

Africa Dreams page 103

Das Thema „Kongo“ war in diesem noch jungen Jahr schon mehrfach Thema der Nachrichtensendungen und auch auf Netflix präsent. Diese Graphic Novel bietet Hintergrundwissen ohne dabei zu belehren oder vorzugeben. Nebenbei ist das Ganze auch noch – und das ist schließlich für einen Comic besonders wichtig – eingebettet in spannende Handlungsstränge: Liebe für das Land, Selbstfindung, Liebe und Familiengründung, beruflicher Kampf für die Wahrheit und politische Intrigen. Alle diese Themen zusammen sind von dem Ehepaar Charles so raffiniert miteinander verwoben, dass schon dadurch das Lesen und Genießen zu einem Genuss wird.

Da auch Dr. Stanley nicht nur seine hier gezeigten Schattenseiten aufwies und der Popwelt durch einen ihm zugeschriebenen Satz erhalten bleiben wird, soll das auch die musikalische Referenz sein: „Dr. Livingstone, I presume“ in der Originalversion der Moody Blues! Dazu passen dann gesamtausgabenangemessene Getränke mit viel afrikatypischem Heilmittel, Chinin, das ebenfalls von Leopold II. in seiner Wirkung erkannt worden war: Tonic! Wer mag darf zusätzliche Spirits hinzufügen. Generell sollte aber nicht überdosiert werden!

© der Abbildungen 2019 Splitter Verlag

Apollo 11

Apollo 11 – Die Geschichte der Mondlandung

Story: Matt Fitch, Chris Baker
Zeichnungen: Mike Collins

Originaltitel: Apollo

Knesebeck Verlag

Hardcover | 168 Seiten | Farbe | 24 € |

ISBN: 978-3-95728-285-9

Cover Apollo 11

Am 20. Juli 1969, ziemlich genau vor fünfzig Jahren, landeten die ersten Menschen auf dem Mond. Kein Wunder also, dass in diesem Jahr in vielerlei Weise an dieses Datum und die herausragende Leistung erinnert wird. Erstmalig hatten mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin Menschen einen anderen Himmelskörper betreten. Die Geschichte der Mission Apollo 11 wird in dieser Graphic Novel erzählt!

Im Knesebeck Verlag erscheinen schon seit einiger Zeit Graphic Novels mit einem biographischen Schwerpunkt. Hier steht nicht die Selbstbetroffenheit im Vordergrund sondern das Erlebte von Prominenten, wiedergegeben durch Comicschaffende, die eher nicht zu den schillernden Stars der auflagenorientierten Branche gehören. Nicht die Einhaltung eines monatlichen Veröffentlichungsplanes setzt die einzuhaltende Grenze sondern die Qualität des Ergebnisses.

Matt Fitch und Chris Baker sind ein englisches Autorenteam und arbeiten schon länger zusammen. In ihrem eigenen Verlag DeadCanaryComics erscheint unter anderem ihr Webcomic Our Land, der natürlich auch aus Deutschland aufgerufen werden kann. Weitere Veröffentlichungen von Ihnen liegen bei uns noch nicht vor.

Mike Collins dürfte dagegen zu den bekannteren Zeichnern gehören. Neben seiner Tätigkeit als Storyboarder für verschiedenen TV-Serien hat er für Marvel und DC mehr gezeichnet als hier aufzählbar wäre. Auch Mike Collins kann seinen englischen Hintergrund nicht verleugnen, hat er doch unter anderem für Dr. Who und Sherlock gearbeitet. Folgerichtig ist der Band im Original dann auch im Londoner Verlag SelfMadeHero erschienen.

Apollo 11 page 83

Während die Geschichte des Apollo-Programms mit dem Höhepunkt der Mondlandungen und insbesondere die Verehrung der Astronauten eigentlich eine typische amerikanische Veranstaltung ist, die ihren Hintergrund im Wettlauf mit der Sowjetunion hatte, erlaubt der Blick von der britischen Insel einen freieren und ungetrübteren Eindruck! So erwarten uns intimere Darstellungen der wichtigsten Player:

Präsident Nixon zweifelt an sich selbst und der Geschichte. Er glaubt nicht, dass die herausragende Mission mit seinem Namen verbunden sein wird. Er hat aus heutiger Sicht betrachtet damit sogar Recht, wenn auch aus anderen als den von ihm befürchteten Gründen.

Edwin „Buzz“ Aldrin hat mit seinem Schicksal zu hadern, dass er der „zweite“ Mann auf dem Mond sein wird. Zudem wird das gestörte Verhältnis zu seinem Vater in den Mittelpunkt gestellt. Er verachtet seinen Sohn, den Helden der Nation, weil dieser nicht in Vietnam für sein Vaterland kämpft. Poor Boy!

Detail Apollo 11 page 58

Neil Armstrong hatte bereits genug Ruhm und wird daher zwar mit seinen Ängsten ebenfalls sehr menschlich dargestellt. Im Fokus steht aber eher seine Familie, die sich ängstigt. Auch das eher unerwartete, aber wichtige Töne im Jubiläumsrummel.

Nicht vergessen wird – glücklicherweise – der Pilot der Mission, Michael Collins, ohne den weder der Mond erreicht worden noch die sichere Rückreise aller drei Astronauten möglich gewesen wäre.

Den beiden Autoren ist es wichtig, die Eroberung des Weltalls für die Menschheit als freiheitliche, transnationale und einende Aufgabe darzustellen. Auch wenn der eine oder andere amerikanische Präsident die amerikanischen Beiträge zur Weltraumfahrt am liebsten allein unter nationalen wirtschaftlichen oder gar militärischen Interessen gesehen hätte; der Aufbruch zu den Sternen war und ist in der Science Fiction auch immer die Chance für die Menschheit, Gegensätze zu überwinden. Viele der Aktiven der NASA hatten die gleichen Gedanken!

Apollo 11 page 29

Die Zeichnungen sind stark gerastert, allein das satte Schwarz des Weltalls hat eine greifbar andere, unendliche Struktur. Es gelingt Collins, die Helden als Menschen darzustellen. Sie sind unrasiert, müde oder erstaunt und entsprechen so dem Mythos nicht unbedingt. Die dargestellten Katastrophen, kriegsbezogen oder aus den Vorgängern der Apollo 11 Mission, haben kein Popcorn-Kino-Flair sondern lösen tatsächlich Tragödien aus. Es gelingt daher eine Würdigung der Mission, die keine Heldenverehrung oder nationale Überheblichkeit, kein übertriebenes Pathos mit sich bringt.

Abgerundet wird der hochwertige Band mit ein paar Zeichnungen zu den technischen Details der eingesetzten Raketen und Module sowie weiterführenden Links.

Wir werden sicherlich noch andere Beiträge zum Jubiläum der Mondlandung genießen dürfen. Die Latte liegt durch diese Graphic Novel aber erstmal verdammt hoch!

Zu diesem Jubiläum passt ein frischer trockener Sekt am besten! Musikalische Untermalung bietet Frank Sinatra mit Fly me to the Moon.

© der Abbildungen 2019 Knesebeck GmbH und Co Verlag KG, München

Störtebeker – Klassiker des Monats März

Störtebeker – Freunde und Feinde

Story: Patrick Wirbeleit
Zeichnungen:
Kim (Schmidt)

Originaltitel: Originalausgabe

Carlsen Comics
Taschenbuch | 96 Seiten | Farbe | 6,00 € (vergriffen)
ISBN:
3-551-77531-1

Cover Stoertebeker

Zu Beginn der 2000-er Jahre war es en-vogue für die großen deutschen Comic-Verlage, deutsche Autor*innen und Zeichner*innen im Programm zu haben. Die Geschichte über die erste Fahrt des jungen Störtebeker und seine Begegnung mit seinem Komplizen und Freund Gödeke Michels ist eine der ersten Comicveröffentlichungen des Lüneburgers Patrick Wirbeleit. Die Zeichnungen stammen von dem Flensburger Kim Schmidt, der damals schon länger im Geschäft war. Die beiden Norddeutschen bringen das richtige Lokalkolorit mit um den unzähligen Erzählungen über den wohl bekanntesten deutschen Vitalienbruder ein neues Kapitel hinzuzufügen.

1394 wurde der Name Störtebeker erstmals aktenkundig als Pirat. Er war einer der gefürchtetsten Männer auf Nord- und Ostsee zunächst im Kampf der Mecklenburger Städte Wismar und Rostock gegen Dänemark, später dann als einer der Anführer der sog. Likedeeler eine Gefahr für jedes Handelsschiff. Als solches ist er seit Jahrzehnten Teil der Pop-Geschichte.

Detail Steoertebeker

In diesem Comic im ungewöhnlichen Taschenbuchformat stiehlt der junge Klaus einem reichen Patrizier einen goldenen Siegelring, verschenkt ihn aber sofort wieder an ein junges Mädchen. Auf seiner Flucht aus Wismar heuert er auf einem Schiff an, rettet Gödeke Michels das Leben, verteidigt das Schiff gegen angreifende Dänen und tötet das erste Mal. In Stockholm werden die Gefährten gefangen genommen und treffen auf die Tochter eines Königs…

Von der Altersangabe her ist der Comic für Kinder ab acht Jahren. Inhaltlich wäre ich da etwas vorsichtiger. Obwohl verlagsvergriffen sollte der Band für ca 5 bis 6 Euro bei den einschlägigen Stellen kaufbar sein.

Patrick Wirbeleit ist in Deutschland eher durch seine Arbeiten für kleine Kinder – nämlich Pixi-Bücher und die Comics mit Kiste –  bekannt. Hier nimmt seine Geschichte etwas stärkere Fahrt auf und vermag durchaus altersgerecht zu fesseln.

Doppelseite Stoertebeker

Kim hat schon viel mehr Veröffentlichungen auf seiner Liste. Die bekanntesten sind sicherlich sein Comic-Zeichenkurs und die bei Flying Kiwi erschienenen Local Heroes! Er befindet sich immer im Grenzbereich zwischen Manga- und europäischem Einfluss und passt daher ganz gut zu diesem All-Age-Thema. Die Zeichnungen sind nicht von allerhöchster Qualität und auch der Seitenaufbau ist dem Format geschuldet nicht gerade innovativ. Trotzdem handelt es sich hier um gute und solide Durchschnittskost und damit genau um das, was in der Welle der Comics von Deutschen Autoren präsentiert werden sollte: Der Beweis, dass auch Comics aus deutschen Landen ein Recht auf Veröffentlichung haben. Im Endeffekt wurde das Ziel teilweise erreicht: Die Nationalität ist heute weniger entscheidend als früher. Es gibt aber nur wenige deutsche Künstler*innen, die dem Stress und den Anforderungen des Nicht-Independent-Marktes gewachsen sind. –Anderer Meinung? Nutzt die Kommentarfunktion!

Dazu passen altersgerechte Getränke wie Tee mit Zucker (oder auch Ice-Tea) und Slimes Störtebeker!

© 2004 Carlsen Verlag GmbH

Auguria 1

Auguria 1: Ecce Signum

Story: Peter Nuyten
Zeichnungen: 
Peter Nuyten

Originaltitel: Auguria 1: Ecce Signum

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 80 Seiten | Farbe | 18,80 € |

ISBN: 978-3-96219-192-4

Cover Auguria 1

Zwei klassische Themen des europäischen Comics erleben seit einigen Jahren ein unerwartetes Comeback: Neben dem Western gibt es auch immer mehr neue „Sandalen-Comics“. Der Niederländer Peter Nuyten ist in beiden zuhause. Nach dem dreibändigen Western Apache Junction erscheint nun mit Auguria 1 seine Interpretation der germanischen Aufstände gegen das alte Rom. Der Splitter-Verlag bietet beiden Szenarien eine Heimstatt in guter Gesellschaft.

Wir schreiben das Jahr 69 nach Christus. Der Imperator und Kaiser Nero ist seit etwas über einem Jahr verstorben und die Nachfolge ist umstritten. Verschiedenste Feldherren haben ihre militärische Macht benutzt um sich zu Caesaren ausrufen zu lassen und die Machtverhältnisse verschieben sich ständig. Intrigen und politische Ränkespiele nehmen ihren Lauf und die dem Römischen Reich eingegliederten fremdländischen Stämme werden einerseits wie Schachfiguren benutzt, erkennen andererseits aber auch Möglichkeiten, sich von dem Römischen Joch zu befreien.

Detail Auguria 1 page 34

Peter Nuytens Geschichte setzt genau hier an und erzählt von dem Versuch Vespasians, die germanischen Batavier als Hilfstruppen in seinem Kampf gegen Aulus Vitelius um die Kaiserkrone einzusetzen. Er benutzt einen erfolglosen militärischen Unterführer der Kämpfe in Judäa um den Anführer der Rheintruppen zu einer Rebellion anzustiften.

In einem zweiten parallelen Handlungsstrang geht es eher mythologisch zu. Die Prophetin Veleda hat in einer Vision die Zukunft gesehen; sie ist allerdings nicht unbedingt kompatibel zu den Vorstellungen des Wannabe-Kaisers. Dazu kommen dann noch ein paar Akteure, die einfach nur überleben wollen… Die Verquickung der unterschiedlichen Eben gelingt Nuyten sehr gut.

Detail Auguria 1 page 72

Netterweise wird der Comic durch ein paar ausführliche Hintergrundinformationen zur Geschichte der Bataver und des Zustandes des Römischen Reiches in der Nachfolge Neros ergänzt. Sicherlich gibt es den einen oder die andere Geschichtsleistungskursabsolvent*in mit eben diesem Spezialwissen. Den meisten dürfte es aber wie mir gehen: Dankbar werden diese Einordnungen gelesen, die quasi nebenbei ein wenig Spezialwissen etwa für Trivial Pursuit vermitteln. Wie auch zum Beispiel bei Murena werden dabei Begriffe erläutert. Dazu kommt aber auch ein grafisch brillant aufbereiteter Text der einen schwermütig an die Textwüste der Schulbuchlektüre zurückdenken lässt. Viele Schulbücher könnten sich hier Anregungen holen…

Die Zeichnungen von Peter Nuyten sind handwerklich absolut in Ordnung. Gesichter und historische Dekors gelingen ausgesprochen gut und sind auf hohem Niveau. Der Detailreichtum der Zeichnungen lässt keine Wünsche übrig.

Detail Auguria 1 page 8

Einige der Seiten kommen sogar ohne Worte aus und vermitteln einen guten Einblick der germanischen Landschaft, die vielen Römern so geheimnisvoll, unwirtlich und unverständlich erschienen sein muss. Auch Schlachten werden dargestellt, ohne allerdings dabei Selbstzweck wie etwa bei Millers 300 zu sein. Der absolute Wow-Effekt stellt sich aber nicht ein. Liegt es daran, dass Nuyten oft zuviel Text integriert? Daran, dass die Seitenaufteilung dann doch zu klassisch ist?

Fazit: Für Fans von Historiencomics sicherlich ein Must-Have! Für alle anderen (nur) eine gute und lohnenswerte Anschaffung; handwerkliche Meisterleistung, spannende Geschichte, viel Hintergrundmaterial in gewohnter Super-Splitter-Qualität!

Dazu passen lauwarmer Met und plattdeutsche oder friesische Gesänge. Ich empfehle dazu die frühen Laway.

© der Abbildungen 2019 Splitter Verlag

Bourgeon – Reisende im Wind 8

Die Zeit der Blutkirschen Buch 1 – Rue de L´Abreuvoir

Story: François Bourgeon
Zeichnungen: 
François Bourgeon

Originaltitel: Les Passagers du Vent 08: Le Sang des Cerises Livre 1

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 88 Seiten | Farbe | 18, 80 € |

Journal Din A 3 | jeweils 24 Seiten | s/w | 4,00 €

ISBN:  978-3-86869-011-8

ISBN Journale: 978-3-96219-279-2 | -280-8 | -281-5 | 282-2

Der Altmeister ist wieder da und er hat nichts verlernt; François Bourgeon meldet sich mit dem achten Band seiner Serie „Reisende im Wind“ zurück.

Die ersten fünf Bände der Reisenden im Wind erzählten die Geschichte der jungen Adeligen Isabeau de Marnaye und des Bretonen Hoel; Sklavenschiffe, Flucht, Emanzipation und Freiheit sowie das Leben in der Karibik sind die Stichworte, die diesen ersten Zyklus umschreiben.

Heldin des zweiten Zyklus ist die Urenkelin Isas, die von allen Zabo genannt wird. Die zwei Bände starten in New Orleans und auf einer Plantage in Baton Rouge, aber die Wirren des Sezessionskrieges verschlagen die Protagonistinnen auch an andere Orte.

Der jetzt erschienene erste Teil des dritten Zyklus „Die Zeit der Blutkirschen“ spielt im Paris, Ende des 19. Jahrhunderts und damit wieder in Europa. Zabo nennt sich nun Clara und ist fest verankert in einer Gruppe aus Überlebenden der Massaker an den Kommunarden, Künstlern am Montmartre und einigen Bretonen. Gleich am Anfang während der Beerdigung von Jules Vallès, einem Anführer der Pariser Kommune, treffen Clara und ein junges bretonisches Mädchen, das sich in Paris als Hausmädchen verdingen will, aufeinander. Klervi, so ihr Name, wird Clara später wiedertreffen, bei ihr wohnen und in ihre Gesellschaft eingeführt werden. Sie ist auch die Ich-Erzählerin des Werkes.  Bourgeon erzählt wie so oft nicht chronologisch, sondern inmitten von Einschüben auf verschiedenen Zeitebenen. Noch mehr als bei seinen früheren Bänden neigt er dazu, die geschichtlichen Hintergründe in Form wörtlicher Rede einzuführen, so dass die Panele teilweise etwas textlastig wirken. Es ist allerdings keine überflüssige Information, denn ohne sie wäre die Geschichte weniger verständlich. Wer noch mehr Informationen über die damalige Zeit, das Paris dieser Jahre und seine Gesellschaften, die Politik und die Karikatur sowie die Musik erfahren möchte, sei auf die vier bereits erschienenen Journale verwiesen.

Interview mit Bourgeon aus Reisende im Wind journal

In ihnen wird nicht nur der komplette Band in größerem Format (also fast im gezeichneten Entwurfsoriginal) in schwarz-weiß vorabgedruckt, es gibt zusätzlich noch ein über die vier Teile gesplittetes Interview mit Bourgeon über seine Intentionen, seine Arbeitsweise und seine Bezüge zur bretonischen und Pariser Kultur! Ergänzt werden die vier Zeitungsausgaben mit Artikeln über die Pariser Kunstszene am Montmartre, den Wert des Volksliedes, vor allem aber mit Artikeln über den Hintergrund der französischen Geschichte vor und während der Dritten Republik. Bedauert Bourgeon im Interview schon die Kenntnisse in Frankreich über diese Zeit, so dürfte dieses Wissen in Deutschland außerhalb von Geschichtsleistungskursen kaum vorhanden sein. Um es deutlich zu sagen: Für den Lesegenuss der Zeit der Blutkirschen ist kein Vorwissen erforderlich! Selbst ohne die beiden ersten Zyklen sind die Zeichnungen so grandios und die Geschichte so spannend, dass ein Kauf sich lohnen würde! Je mehr aber die Leser*in mitbringt, umso mehr ist an Tiefe zu entdecken da viele Hinweise auf Literatur, Geschichte und die früheren Bände eingearbeitet sind.

Detail Reisende im Wind 8 page 11

Der Vergleich der Journale mit dem fertigen Band erlaubt ein Verständnis der Arbeitsschritte, ist doch die Zeichnung sonst aufgrund der Kolorierung nur noch eingeschränkt sichtbar. Seit einiger Zeit benutzt François Bourgeon Filzstifte für seine Zeichnungen und koloriert später mit Aquarellfarben. Seine Farbgebung hat nichts verschwommenes oder mattes, sondern ist immer klar abgegrenzt. Wichtig ist ihm der Einfluss von Licht und Schatten. Um dieses korrekt hinzubekommen (und auch um fehler- und widerspruchsfrei arbeiten zu können) baut er oft Modelle von Objekten oder in diesem Fall sogar des ganzen Stadtviertels, indem Clara und Klervi leben.

Einen großen Teil dieser Geschichte nehmen die französischen und bretonischen Lieder ein, die gesungen werden. Während sich im Journal die Übersetzungen auf den Seiten finden sind sie in der Farbausgabe gesammelt am Schluss des Bandes untergebracht. Sie sind durchaus integraler Bestandteil der Geschichte und tragen zu dem Verständnis bei. In den Zeitungsausgaben finden sich daher auch weiterführende Hinweise zu dem einen oder anderen Text.

Religion ist immer noch nicht die Sache von Bourgeon und so lebt er seine Kritik am Personal, dem Kirchenbau und der politischen Repräsentanz der Kirche in seinen Zeichnungen aus:

Detail aus Reisende im Wind 8 page 43

Der Künstler beherrscht weiterhin die Darstellung menschlicher Körper sowohl in realistischer Manier als auch in karikativer Übertreibung. Die Gesichter tragen Ausdruck wenn nötig und bieten immer noch genügend Details und Tiefe, wenn nur „Ausschmückung“. Die ganzseitigen Illustrationen sind perfekt komponiert und stimmig, was Licht und Schatten angeht. Wer zum Beispiel die Szene mit dem Eifelturm bei Nacht betrachtet, kann die Beleuchtung des Turms wirklich sehen. Die Geschichte ist stimmig, spannend erzählt und trägt Aspekte des Gesellschaftsromans, eines Krimis, eines Dramas und nicht zuletzt einer politischen Beschreibung. Der Textanteil erinnert teilweise allerdings an Edgar Jacobs.

Zum Schluss der Hinweis, dass die Geschichte weitergehen wird, denn Clara/Zabo hat sich bereit erklärt, „alles“ erzählen wollen. Der zweite Band ist allerdings noch nicht terminiert.

Detail aus Reisende im Wind 8 page 81

Klare Kaufempfehlung sowohl für die reguläre als auch für die Journal-Ausgabe, die nicht nur eine Ergänzung ist, sondern einen eigenständigen Zugang erlaubt.

Dazu passen französische Chansons und roter französischer Landwein!

© der Abbildungen 2018, 2019 Splitter Verlag

Serpieri – Lakota

Serpieri Collection – Western 1 – Lakota

Story: Paolo Eleuteri Serpieri
Zeichnungen: 
Paolo Eleuteri Serpieri

Originalausgabe

Schreiber und Leser

Hardcover | 160 Seiten | S/W und Farbe | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-946337-84-3

Serpieri_Western 1 Cover

Paolo Eleuteri Serpieri ist den meisten Lesern wahrscheinlich wegen seiner erotischen Werke um Druuna bekannt. Weniger bekannt sein dürfte, dass der italienische Maler und studierte Architekt auch an der Reihe „Entdecke die Bibel“ mitgearbeitet hat.  Seine erste Leidenschaft aber waren Indianer und Geschichten über den Wilden Westen.

Schreiber und Leser, der Verlag, in dem im Rahmen der Serpieri Collection bereits die Druuna-Geschichten erschienen sind, bringt in gleicher Aufmachung jetzt eine dreibändige Gesamtausgabe der Western heraus. Laut Ankündigung soll jeweils eine Geschichte pro Band farbig sein, die anderen werden im schwarz-weißen Original abgedruckt. Die Bände haben übrigens einen anderen Inhalt als die fast zeitgleich bei Dark Dragon Books auf Niederländisch erschienenen Bände der Serpierie’s Western collectie.

Um das einzige Manko gleich an den Anfang zu stellen: Wir Leser*innen sind mittlerweile von den riesigen Mengen an Gesamtausgaben verwöhnt und erwarten ein wenig Begleitmaterial in Form eines Artikels und der einen oder anderen Abbildung, Skizze oder Coverwiedergabe. Hier finden sich leider „nur“ die Stories selber und auf der Einführungsseite jeweils eine Zeichnung aber nicht einmal Hinweise zum Erstveröffentlichungsdatum sind angegeben. Hier besteht sicherlich Potential für die Zukunft!

Serpieri Western Band 1 page 11

Ansonsten beweist Serpieri, dass er ein Meister des feinen Strichs ist. Die Zeichnungen sind voller Details und Landschaft, Kopfschmuck, Körperausdrücke und die damit verwobenen Stimmungen sind ausdrucksvoll! Wenige Künstler vermögen eine solche Dynamik in ihren Zeichnungen wiederzugeben. Während schon die erste, farbige Geschichte „Der Mann ohne Daumen“ einen Eindruck der Fähigkeiten vermittelt, die Farbe allerdings die Details naturgemäß nicht so zum Ausdruck kommen lässt, kommen die aus vielen feinen Strichen zusammengesetzten Kompositionen im schwarz-weiß voll zur Geltung. Die Herausgeber haben auf etwas festeres, leicht glänzendes Papier gesetzt, das die Kontraste und Details gut wiedergibt. Der Preis dieses Bandes ist daher vollkommen gerechtfertigt.

Inhaltlich drehen sich die Geschichten um Kampf, Heldenmut, Vernichtung von Indianern und Frauenfeindlichkeit. Serpieri beschreibt alles diese Elemente, verfällt aber keinesfalls in die Rolle eines Voyeurs. Für ihn sind die weißen Eroberer, brutal und machtbesessen, nicht als Vorbilder geeignet, er verfällt aber auch nicht in das Gegenteil und verherrlicht den „edlen Wilden“. In „Counting Coups“ zum Beispiel spielt er sogar mehrfach mit den Erwartungen seiner Leser*innen und lässt sie immer wieder in die Falle laufen. Dabei zeigt er immer wieder auf, wie wenig die Soldaten von eigentlich über ihre Gegner wissen. Es langt, eine andere Kultur zu verachten, Kenntnisse sind eher schädlich. Insofern ist der Inhalt sogar viel aktueller als so mancher bei diesem Künstler erwarten würde!

Serpieri Western Band 1 page 113

Auch die sinnlose Tötungswut, die schließlich zum selbstverschuldeten Massaker am Little Big Horn führen sollte, wird aus der Sicht der Beteiligten in zwei Folgen geschildert. Serpieri hat kein Erbarmen mit seinen Protagonisten und zeigt die eigene Überschätzung und die Erbarmungslosigkeit in jedem Gesichtsausdruck.

Daneben gibt es drei Geschichten um Crazy Horse und zwei weitere Abenteuer („Der Medizinmann“ und „Der Donnerstock“) und somit eine weite Bandbreite. Natürlich ist dieser Band ein Muss für Komplettisten.  Wer aber klassische Western mag oder Zeichnungen von Hogarth oder Foster sollte ebenfalls einen Blick riskieren!

Detail Sepieri Western Band 1 page 86

Dazu passen Songs von Blackfire wie etwa Overwhelming und Rye Whiskey.

© der Abbildungen 2019 Verlag Schreiber und Leser, Hamburg