Und weiter geht es mit den Anthologien über die Eroberung des Westens unter unterschiedlichen Blickwinkeln. Dieser Band ist bereits der fünfte in der Reihe und folgt auf Young Men, Indians, Gunmen und Lawmen. Eine unbedingte Empfehlung für alle Fans des Western-Comics!
Was wäre der Westen ohne die Frauen?
Wie immer zeigt Tiburce Oger in einer Rahmenhandlung viele Facetten eines Themas. Eine junge Frau möchte mehr über die Rolle von Frauen während der Eroberung des Westens wissen und macht sich mit ihrem Begleiter zu einem Reservat in Oregon auf. Diese Aktion spielt 1974, also zu Zeiten des Aufbegehrens der modernen Frauenbewegung. Während sie zu einer Zeremonie in einer Hütte geladen wird, muss er draußen warten.
Während der Zeremonie erfährt sie, welches Leid Frauen während der letzten 3 Jahrhunderte ertragen mussten, welche Ignoranz ihnen gegenüber herrschte, aber auch welche Stärke sie besaßen. Oger hat für jede Geschichte ein oder zwei Frauen ausgewählt und sie jeweils von anderen Zeichner*innen umsetzen lassen. Im Unterschied zu den normalen Sammlungen sind hier die Zeichnerinnen in der Mehrheit!
Wir erfahren von Siedlerinnen, missbrauchten und sich befreienden Indianerinnen, befreiten Sklavinnen, Gesetzeshüterinnen, aber auch von bürgerlichen, lesbischen Frauen. Nicht immer gehen die Stories im klassischen Sinn „gut“ aus, immer aber beweisen sie, welche Frau die jeweilige Heldin gestanden hat! Eine wichtige und spannende Ergänzung der sonstigen Sichtweisen, die nicht weniger Schießpulver und Pferde als Beiwerk hat.
Abwechslungsreich
Der Vorteil eines Sammelbandes ist immer, dass man als Leser*in ein großes Menu serviert bekommt! Die Stile der Künstler*innen sind unterschiedlich, spielen anders mit Farben und Licht, Maltechnik und Detailschärfe. Einige Seiten sehen aus wie in jedem anderen modernen Western, andere erinnern eher an eine Graphic Novel oder an eine romantische Erzählung.
Mir fällt es schwer, einzelne Beiträge hervorzuheben! Obwohl sehr unterschiedlich, haben alle ihren Reiz und sind auf hohem Niveau angefertigt. Dementsprechend gibt es auch keinen „Hänger“.
Eine tolle Reihe!
Das einst bereits totgesagte Genre des Western-Comics ist in seinem x-sten Frühling. Neue Aspekte, ein veränderter Blick auf die Geschichte der Eroberung und die verherrlichte Männlichkeit, und nicht zuletzt investigative Journalist*innen haben es grundlegend verändert. Und so nimmt dieser Band auch ausdrücklich Stellung zu den bis in das jetzige Jahrzehnt durchgeführten Zwangssterilisierungen indigener Frauen, nicht nur in Kanada!
Es ist leider unglaublich, wieviel Elend Bigotterie und Machtmissbrauch sowie verlogene sog. „Christlichkeit“ angerichtet haben und wie selbstverständlich versucht wird, das als „das war damals halt so“ unter den Teppich zu kehren. Umso wichtiger ist es, diese Themen immer wieder auch in der Pop-Kultur anzusprechen und langsam aber stetig für ein anderes Bewusstsein zu werben.
Dazu passen The Slits mit „I heard it through the Grapewine“ und eine selbstgemachte Limonade mit Zitrone und Ingwer!
Seit einiger Zeit gibt es bei Splitter nicht nur Comics für Erwachsene, sondern auch explizite erotische Comics für Erwachsene. Einerseits lässt sich natürlich fast jedes Sujet auch freizügig darstellen wie etwa in Thrax oder Geheimnisse des Maison Fleury, es gibt aber auch Bände, die sich ein bestimmtes Thema vornehmen.
Was bedeutet Treue?
Axel, der Szenarist und Zeichner dieses Bandes hat schon mehrere Werke in dieser Subreihe veröffentlicht, unter anderem auch Die Versuchung. Er untersucht die Fallstricke, die sich aus besonderen Beziehungen oder Begegnungen ergeben können. Dabei geht es unter anderem über Dreiecksverhältnisse, Urlaubsliebschaften oder Sex in langjährigen Beziehungen.
Sophie, Eine treue Frau, ist Lehrerin und seit langem verheiratet. Ihr Mann hat vor einiger Zeit einen Schlaganfall gehabt und ist nun gelähmt. Sie sind zwar weiterhin ein Paar, müssen ihre Sexualität aber neu finden. Ihre Lösung: Sie lernt Typen in einem Swinger-Club kennen, bestellt sie in ein Hotelzimmer und filmt heimlich die Aktionen, um sie später zusammen mit ihrem Mann anzusehen.
Das funktioniert so lange, bis sich eine der Bekanntschaften mit diesen einmaligen Treffen nicht zufriedengeben will und auf Privatsphäre besteht. Es kommt zu einem ersten, ungefilmten Treffen … Was ist Treue? Und wo hört sie auf?
Explizit
Die Zeichnungen sind sehr explizit und realistisch, trotzdem lassen sie aber den Akteur*innen ihre Würde. Nichts deutet auf Unterdrückung oder Machtverhältnisse hin; die Paare treffen sich aufgrund freier Vereinbarung. Allerdings macht Sophie ihre Männer zu Objekten, indem sie sie heimlich filmt und dann ihrem Mann vorführt. Legal? Nein! Moralisch einwandfrei? Ebenfalls nein! Akzeptierbar da nur für den einmaligen Konsum? Hier muss jede*r selbst entscheiden.
Die Befriedigung eines Marktes
Erotische Comics gab es schon immer, sie haben mittlerweile nur den Weg in die etablierten Verlage geschafft und werden nicht mehr unter dem Ladentisch verhöckert. Wie immer kommt es darauf an, was und wie man es darstellt. Axel sucht sich Randbereiche aus, die es ihm erlauben interagierende Körper zu zeichnen. Er tut es allerdings mit einem sichtbaren Respekt vor den Figuren. Für mich ist es besser, diese Art verkauft sich, als brutale, geringschätzige oder unterdrückende Inhalte!
Dazu passen The Skints mit „Pressure“ und ein Schumacher Alt!
Der Splitter-Verlag hat einige Reihen mit Samurai in der Heldenrolle im Programm. Zudem ist er die deutsche Heimat für moderne französische Fantasyserien. Wen wundert es daher, dass der erste Band dieser neuen Folge über die Länder von Ynuma einen aus der Kriegerkaste zum Titelhelden hat.
Der Kodex als Leitfaden
Grundlage dieses neuen Kontinents ist eine Welt, die von menschenähnlichen Wesen bewohnt wird. Dazu gibt es allerdings auch noch andere Wesen wie Elfen oder Kugo. Titelheld ist der rote Samurai, ein Kugo, der sich aufgrund einer schicksalhaften Begebenheit in seiner Vergangenheit verpflichtet hat, den Weg des Kriegers zu gehen. Wir werden später erfahren, dass das nicht unbedingt auch der Wille seiner Familie gewesen ist.
Leider wird die Welt auch von Dämonen bevölkert; diese ernähren sich von Lebewesen, aber auch von ihren Erinnerungen und Emotionen und können die Gestalt von Toten übernehmen. Die Priesterin Mei-Jen, der sich der Samurai verpflichtet hat, ist eine Exorzistin, die gerufen wird, um die Dämonen zu bekämpfen. Während sie die Beschwörungen per Kalligraphie ausführt, hilft der Kämpfer mit dem Schwert.
Der erste Band besteht aus mehreren Episoden, die jeweils einen Kampf mit einer dämonischen Inkarnation beschreiben. Jarry nutzt die Erlebnisse, um die Figuren zu entwickeln und ihnen sowohl Geschichte als auch Interaktionen zu verleihen. Dabei wird vor allem klar, dass die Priesterin modern, offen und kreativ ist, der ältere Samurai schweigsam, regelgebunden und sich selbst verachtend. Allein schon die Einleitungsseiten sind ein Genuss.
Fernöstlich angehauchte Fantasywelt
Obwohl es sich eindeutig um eine Welt handelt, in der nichtmenschliche Lebensformen zum Standard dazugehören, legt Vax die Flora und Fauna so an, dass die Leser*innen sich in einer fernöstlichen Welt wähnen. Insofern brauchen auch die Hinweise auf einen Kodex nur wenige Erläuterungen, die Details mögen fehlen, die Richtung ist offensichtlich. Die Zeichnungen sind extrem detailreich, man möchte fast bei jedem Panel verweilen (und gleichzeitig schnell vorankommen). Ein Comic, der diese beiden widersprüchlichen Wünsche weckt, hat alles richtig gemacht!
Besondere Erwähnung verdient auch die Tatsache, dass im Gegensatz zu fast allen anderen modernen Comics, weder Liebe noch Sex zu den gezeigten Emotionen gehört! Die Bilder sind aber auch ohne dieses Beiwerk aussagekräftig genug, das Aussehen der Seiten ist immer wieder neu, trotzdem aber nicht beliebig. Das Layout folgt einfach der Notwendigkeit, Geschehnisse kleiner oder größer, kürzer oder länger darzustellen.
Eine spannende neue Welt – na ja, wenigstens ein neuer Kontinent
Was aussieht wie eine neue Welt, eben Ynuma, ist tatsächlich nur ein neuer Inselkontinent auf einem bekannten Planeten, nämlich Aquilon. Auf zwei anderen, Arran und Ogon, tummeln sich bereits einige sehr erfolgreiche Serien. Bestandteil einer Franchise zu sein, tut der Qualität dieses ersten Bandes aber keinen Abbruch. Das fernöstliche Ambiente, die Zeichnungen, die Kapiteleinführungsseiten und die Story sind jeden Cent wert!
Der einzige Wermutstropfen ist die Tatsache, dass die folgenden Bände – die Serie ist zunächst einmal auf fünf Bände angelegt – von anderen Teams verantwortet werden. Es bleibt zu hoffen, dass auch das kommende diese feine Mischung aus Horror und Humor hinbekommt und dabei östlichen Charme in den Zeichnungen verspüren lässt. Falls ja, gibt es keinen Grund, die Serie nicht zu sammeln!
Dazu passen Oreskaband mit ihrer Version von „Monkey Man“ und ein Hibiki Harmony!
Das Koralle-ZACK war DAS Magazin, das den Comic frankobelgischer Provenienz in Deutschland salonfähig machte. Viele Serien hatten zwar vorher schon den Weg nach Deutschland gefunden, den Durchbruch aber nicht geschafft. Wegen der häufigen Erscheinungsweise (und den unseligen Kürzungen) ging aber der reiche Fundus an Geschichten irgendwann zur Neige. Eine der darauffolgenden Strategien bestand darin, auch Comics von italienischen und spanischen Künstlern zu übernehmen.
Ein Reporter im Wilden Westen
Das Vorwort zählt die verschiedenen Versionen auf, wie es wirklich zu der Idee für diesen Comic gekommen ist. Das Ergebnis war auf jeden Fall, dass nach dem Erfolg der Gentleman GmbH der Redakteur Gigi Spina, selbst gebürtiger Italiener, den Vertrag über diese neue Western-Comic-Reihe schloss. Sclavi und Cavazzano hatten schon miteinander gearbeitet und waren in der Lage, in einem dem frankobelgischen sehr ähnlichen Stil zu arbeiten. Die neue Serie sollte humoristisch sein und die Lücken zwischen den Geschichten von Lucky Luke füllen.
Star der Comics war ein Reporter namens Silas Finn, die Geschichten wurden im deutschen ZACK erstveröffentlicht und erschienen teilweise auch in den Schwestermagazinen in anderen Ländern. Tatsächlich hatte aber die Redaktion beschlossen, den Namen zu ändern; Peter O’Pencil war geboren. Im ersten, langen Abenteuer geht es um eine Schatzsuche als Gewinnspiel, organisiert von der Boston Tribune um die Auflage zu steigern. Der Held und sein Sidekick, ein etwas trotteliger und unwilliger Fotograf, begleiten eine Gruppe von Teilnehmern, die den sagenhaften Preis von 5000 $ gewinnen wollen und dafür fünf Aufgaben überstehen müssen.
Dem folgen drei deutlich kürzere Episoden, die sich weiteren Western-Legenden widmen. So wird unter anderem die wahre Natur von Buffalo Bill enthüllt. Die Stories sind sehr humorig und stellen gewisse Prinzipien in Frage oder sogar auf den Kopf. Dazu kommen einige Running Gags aus der Redaktion, aber auch bezüglich der Freiwilligkeit des Fotografen bei diesem Abenteuer. Einiges davon würde man heute vielleicht anders schreiben.
Detailreiche Zeichnungen
Cavazzano wurde in Italien teilweise mit Uderzo verglichen, definitiv war er von ihm beeinflusst. Die Panel sind sehr detailreich und akkurat ausgeführt, die Lust am Zeichnen komischer Dinge ist bei dem Zeichner, der bei Disney angefangen hatte, deutlich zu merken. Daher sind auch die Emotionen deutlich überzeichnet. Seite 34 ist ein gutes Beispiel für den filmischen Einfluss auf die Bildfolge.
Das Layout ist durchaus abwechslungsreich: Die Streifen werden munter ignoriert, Personen treten aus dem Rahmen und Textkästen wie auch Sprechblasen führen ein Eigenleben. Trotz dieser Dynamik konnte der Comic nie den gleichen Erfolg wie Umpah-Pah oder Lucky Luke verzeichnen.
Eine Reise zurück in die Vergangenheit
In Deutschland sind die Geschichten nie als Album erschienen; wer also keine Sammlung der alten Hefte besitzt, hatte kaum eine Gelegenheit, sie zu bewundern. In Italien selbst war die erste Geschichte tatsächlich vor dieser Gesamtausgabe nie erschienen. Insofern bietet die Peter O’Pencil Gesamtausgabe die Möglichkeit einer Zeitreise. Der abschließende zweite Band ist für das Frühjahr ´27 angekündigt.
Mir persönlich hat es gut gefallen, den Comic in Etappen zu lesen, also der ursprünglichen Zeitschriftenveröffentlichung zu folgen und die Suche in fünf Teile zu splitten. Dadurch werden die Running Gags besser als am Stück konsumiert. Die Einführung gibt einen guten Überblick und der Abdruck der damaligen ZACK-Cover erhöht die nostalgische Freude!
Dazu passen aus den 79-er Charts Toto mit „Hold the Line“ und eine Sarsaparilla!
Gabriele Di Caro ist in Deutschland längst kein Unbekannter mehr; seine Interpretation der Morde an Frauen im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts (Maison Fleury) sowie seine Kurzgeschichten über Begegnungen (Hinter dem Paradies) haben bewiesen, dass man splitternackte Inhalte mit einem vernünftigen Inhalt verknüpfen kann.
Eine jahrzehntelange Feindschaft
Seine neue Serie, Die süßeste aller Früchte, spielt kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges irgendwo auf dem Land in den Vereinigten Staaten. Das örtliche Leben spielt sich zu großen Teilen im Diner ab, der Friseur weiß über alles Bescheid und ein, wenn nicht der Höhepunkt des Jahres ist der Wettstreit um die süßesten Früchte des Ortes. Ronald will ihn gewinnen, wenigstens ein Mal, doch bisher war Larry nicht zu schlagen.
Ein kleiner Reporter wird in das Örtchen gesandt, um über den Wettbewerb zu berichten. Während er sich einerseits mit seiner Vermieterin beschäftigt, holt ihn andererseits seine Vergangenheit in Form von zwei Geldeintreibern ein. Außerdem gibt es noch die Angestellte im Diner, die die Männer verrückt macht und den Vamp gibt.
Kern der Geschichte ist aber eine Fee die Ronald die süßesten Früchte verspricht. Er darf sie allerdings erst in sieben Tagen ernten und muss sie bis dahin beschützen. Das ist leichter gesagt als getan, handelt es sich doch bei den Früchten um sehr freizügige Frauen. Wird Ronald der Aufgabe gewachsen sein?
50-er Jahre Feeling
Die Geschichte spielt in den frühen 50-er Jahren und Di Caro vermittelt in seinen Zeichnungen genau dieses Flair. Man riecht die Mischung aus Schweiß von der harten Arbeit, den überall geduldeten Zigarettenqualm und der Parfüms, die zur Vervollständigung getragen werden. Dazu kommt der Sound dicker Schlitten und die Klänge aus der Music-Box. Dieses Setting ist wirklich gut gelungen!
Wie man bei dem Sub-Label allerdings erwarten darf, ist das nur die Bühne für körperliche Aktivitäten, die auch ziemlich explizit geraten. Der Band ist daher auch nur für Erwachsene geeignet. Bei seinen Werken ist der Künstler bemüht, die Frauen nicht zu Objekten zu machen. Der Blick bleibt allerdings der eines Mannes.
Mehr Haut als tragischer Held
Oft sind die heute noch bekannten Geschichten aus dem Amerika der 50-er Jahre sehr melodramatisch. Der Held ist zartfühlend und unverstanden, versteckt das Ganze aber unter einer rauen Schale. Die Frauen sind mitfühlend, können aber nicht wirklich helfen und leiden daher ebenfalls. Diese Grundstimmung fehlt hier. Es gibt zwar ebenfalls Verlierer, diese fügen sich aber in ihren Platz. Man weiß allerdings noch nicht, wie sich die Geschichte weiterentwickeln wird; für Drama ist jedenfalls noch Platz.
Auch dieser Splitternackt-Band wird sich nicht schlecht verkaufen, er ist handwerklich auch gut gemacht! Und auch die Story ist zwar genretypisch, hat aber ihre Kniffe. Für Fans gibt es ebenfalls eine limitierte Sonderausgabe mit Variantcover, Bonusmaterial und einem beigelegtem Druck! UPDATE: Band 2 ist gerade erschienen.
Dazu passen Bite Me Bambi mit „Do the Damned“ und ein Miller‘s!
Der Titel Fünf Tage zum Sterben ist Programm: Schon lange habe ich keinen Western mehr gesehen, in dem diese Anzahl von Leichen die Wege der Protagonist*innen pflastern. Diese neue Serie beschreibt sich selbst in der Ankündigung als eine Geschichte aus mehreren Perspektiven, in der es keine Helden gibt. Der neue Western steht somit in der blutigen Tradition der Spaghetti-Western.
Eine Reihe an Massakern …
Wie mittlerweile relativ häufig auch bei Netflix und Co. zu beobachten, startet die Serie nicht chronologisch, sondern mit einem zukünftigen Ereignis. Dadurch sollen die Konsument*innen bei der Stange bleiben und sich in die neue Welt hineinziehen lassen. Auf der ersten Seite begegnen wir einem Mann und einer Frau, vermutlich beide verletzt, die als einzige Überlebende einer gewaltigen Schießerei nur noch auf die endgültige Entscheidung hinarbeiten können. Um sie herum liegen ungezählte Tierkadaver und menschliche Leichen.
Schon auf der zweiten Seite springt die Geschichte um einige Tage zurück: Ein Elternpaar entlässt ihren kleinen Jungen in die weite Welt; er soll ein Studium beginnen und es einmal besser haben, Während das Ehepaar noch versucht, mit dieser Trennung klarzukommen, haben Banditen den Jungen schon hingerichtet, um ein paar Pferde zu stehlen. Auch seine Eltern werden sterben, denn Zeugen sind unerwünscht.
Dazu wird später noch das Schicksal von Emma kommen, einer jungen Mutter, die die Entführung ihrer beiden Töchter rächen will, eine alte offene Rechnung zwischen einem zwielichtigen jungem Mann und einem alten Ranchero, ein paar alte Haudegen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und immer wieder gewissen- und skrupellose Banditen. Für Spannung, Konflikte und viel Blut zwischen all dem Pulverdampf hat der erfahrene Jean-Francois di Giorgio wahrlich gesorgt.
In einem abwechslungsreichen Layout
Fabrizio des Dorides ist in Italien durchaus bekannt und hat bereits an vielen Fumetti gearbeitet, gerade auch an Sachen im Bereich Mystery und Horror. Inhaltlich hat er daher wahrscheinlich kaum Anpassungsschwierigkeiten gehabt, sein Stil in dieser Serie verrät die Herkunft allerdings nicht. Die Seiten sehen sehr unterschiedlich aus, nutzen das große Albumformat perfekt und erinnern eher an moderne frankobelgische Werke.
Die Landschaft ist extrem detailreich, die Personen sehr realistisch und die Actionszenen sind glaubhaft. Teilweise nimmt er Techniken des Films auf und verwendet harte Schnitte aus nächster Nähe, um Dynamik zu erzeugen. An einigen Einstellungen lässt er zusätzlich seine Horrorerfahrungen einfließen und verursacht bei den Leser*innen eine Gänsehaut!
Gewalt und Können in Kooperation
Bisher kannten wir von Jean-Francois di Giorgio nur Eastern aus den Samurai und Sensei Reihen. Wer mit Abenteuern ohne Helden und somit auch ohne moralische Wertungen klarkommen kann, ist hier sicherlich gut bedient. Wer allerdings Western im Stil von Bonanza erwartet, sollte die Finger von Wyoming, 1863 lassen!
Story und Artwork ergänzen sich gut, die Orgien aus Gewalt, Gier, Rache und Verzweiflung werden glaubhaft und realistisch umgesetzt. Man sollte den Comic allerdings nicht in Gegenwart von Kindern herumliegen lassen, die Szenen sind definitiv nichts für deren Augen. Wer sich gerne Tarantino-Filme anschaut, dürfte aber nicht überfordert sein.
Dazu passen The Adicts mit „Straight Jacket“ und ein Moloko Plus!
Der Spanier Munuera ist ein Multitalent. Er hat sich schon an den Blauen Boys versucht, den Spirou-Kosmos bevölkert, und über Roboter mit Gefühlen geschrieben. Daneben nimmt er sich immer wieder klassische Romane und Erzählungen vor und setzt sie als Comic um. Die diesem Band zugrundliegende Erzählung stammt von einem der Ur-Ahnen der Science-Fiction-Literatur, ist aber eher unbekannt.
Der Klassiker neu interpretiert
Jede*r weiß, dass Wünsche manchmal „in die Hose gehen“ können. Bei Spider-Man wurde daraus der Gleichklang zwischen großer Macht und großer Verantwortung, bei vielen Märchen steht der Untergang als Folge fest. Auch Wells versucht sich an diesem Thema: ein junger englischer Spießer verspürt plötzlich die Macht, Dinge zu tun. Eigentlich wollte er nur beweisen, dass es Wunder nicht geben könne, doch trotzdem hängt die Lampe tatsächlich falsch herum und der Pub, Ort des Geschehens, steht in Gefahr, Opfer eines Brandes zu werden.
Anstatt den Beweis der Unmöglichkeit anzutreten, steht plötzlich eine Verwarnung durch den örtlichen Polizisten im Raum. Der arme Mister Fotheringay weiß nicht wirklich wie ihm geschieht. Als es zu einer erneuten Begegnung mit dem Polizisten, wieder nach einem verunglückten Wunder, kommt, schickt er ihn kurzerhand in die Hölle. Geplagt von Gewissensbissen wendet er sich daraufhin an den örtlichen Priester.
Dann jedoch – Wells mochte die klerikale Seite der Welt noch nie – gerät alles aus den Fugen… Munuera nimmt die Geschichte, die schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat, als Vorlage, erfindet ein paar Sachen hinzu, schmückt anderes ein wenig aus, und erzählt eine moderne Parabel. Die Pointe bleibt, die Sprache ist immer noch schön, das viktorianische tritt aber nicht mehr in den Vordergrund.
Ein typischer Munuera
So flexibel Munuera bei seinen Szenarien ist, so eindeutig erkennbar sind seine Zeichnungen. Auch hier ist die Urheberschaft auf den ersten Blick zu erkennen: die leicht braunlastige Farbpalette, die konturierten und doch sympathischen Gesichtszüge der Protagonisten, die Überheblichkeit, die sich in der Körperhaltung etwa des Polizisten ausdrückt, der sein Dorf noch nie verlassen hat, aber alles weiß.
In diesem Band sind einige großformatige Zeichnungen eingestreut, die den Leser*innen wieder das Vergnügen ermöglichen, Details zu suchen. Dabei schafft es der Spanier, den typischen englischen Humor und Style zu übernehmen. Großartig!
Auch so kann man Lust auf Bücher erzeugen!
Während viele Leser*innen diesen Comic wahrscheinlich wie andere auch konsumieren werden, lassen sich vielleicht einige dazu inspirieren, auch andere Werke von Wells lesen zu wollen. Die beiden abgedruckten Essays mögen dabei helfen. Während der große Jules Verne Technik nutzt, um Abenteuergeschichten zu schreiben, lässt Wells viel mehr Fragen offen, die philosophischer Natur sind.
Der Band kommt im Splitter-typischen Großformat und bringt die Bilder daher super zur Geltung. Wer noch eine Anregung für das Osterfest sucht, darf hier bedenkenlos zuschlagen und dabei noch das gute Gefühl haben, einen Klassiker der Weltliteratur in lesbarer Form zu verschenken!
Dazu passen The Who (ein Meilenstein der englischen Musikgeschichte) mit „Quadrophenia“ und ein Pint London Pride!
In der Splitter-Sub-Reihe Splitternackt erscheinen mehr oder weniger explizite, teils klassische Exemplare der Gattung erotischer Comic. Dieser Band ist definitiv nichts für Jugendliche.
Der Reiz des Neuen
Gérard und Francoise sind ein Ehepaar, das schon vieles miteinander erlebt hat. Ihre Tochter ist mittlerweile erwachsen, sie sind in den Fünfzigern, haben ihre Midlife-Krisen also eigentlich überstanden. Trotzdem scheint ihnen in ihrer Beziehung irgendetwas zu fehlen, die Leidenschaft hat sich langsam davongeschlichen.
Trotzdem gönnen die beiden sich ein paar Tage Sommerurlaub an der Mittelmeerküste. Am Strand lernen sie ein anderes Pärchen kennen und verabreden sich zu einem Restaurantdinner. Die Stimmung ist nett, man nimmt noch einen Absacker und dann beginnt alles zu rutschen. Nach einem gemeinsamen Nachtbad im Meer schlafen die beiden Paare am Strand miteinander. Die beiden jungen Leute haben ein anderes Verhältnis zu diesen Dingen und es kommt am nächsten Abend zu einem Partnertausch.
Während Francoise nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, dass ihre Leidenschaft (auf ihren Mann) wieder da zu sein scheint, beschließt dieser, alles in Frage zu stellen. Während der Konflikt sauber herausgearbeitet und über mehre Phasen begleitet wird, sind die Handlungen sehr explizit.
Realismus pur
Die Bilder von Axel sind dem Realismus verhaftet. Obwohl ein wenig weichgezeichnet, bleibt doch jedes einzelne Haar zu erkennen. Dabei geht es nicht um Macht oder das Besitzen. Alle Teilnehmer*innen werden gleichberechtigt dargestellt. Ob man sich allerdings von unklaren Emotionen leiten lassen muss, ist eine der aufgeworfenen, aber nicht beantworteten Fragen.
Obwohl sich Axel immerhin um eine Story bemüht hat, steht diese doch klar im Hintergrund der Zeichnungen. Das Ganze erinnert ein wenig an einen (zugegebenerweise sehr expliziten) Schlagertext.
Traum oder Alptraum?
Sicherlich gibt es nicht wenige Männer, die von Situationen wie dieser träumen. Anstatt dann aber zu sehen, wie man aktiv an der Beziehung arbeiten kann, ziehen sie sich zurück oder fangen etwas Neues an. Oft genug ist das der schnellste Weg in die Katastrophe. Jeder (sic!) möge also selbst entscheiden, ob die hier präsentierte Story eher einem Traum oder einem Alptraum entsprungen ist.
Dazu passen Soft Cell mit „Tainted Love“ und ein Glass Stilles Wasser!
Und wieder: Die besten Titel des Jahres und ein wenig mehr
Was für ein Jahr: Kriege laufen weiter und Bewohner*innen, die Natur und die weltweite Stimmung leiden darunter. Es scheint fast so, als ob wir uns im vorletzten Teil einer Serie befinden würde, in der alles auf den abschließenden Kampf „Gut“ gegen „Böse“ hinausläuft. Leider auch mit dem üblichen Twist, dass bisher für „Gut“ gehaltene Spieler plötzlich die Seite wechseln. Nun ja, aufgeben gilt nicht.
Drei Jahre ist es jetzt her, dass ChatGPT auf den Markt kam. Die Ausmaße der disruptiven Wirkung auf das gesamte Publishing sind noch nicht abzusehen, aber viele Kreative und Verlage mussten bereits feststellen, dass Ignoranz in diesem Falle nicht weiterhilft. Auch hier bleibt es spannend.
Immer für euch unterwegs
Viele Leser*innen dieser Seite gehören der Generation der Boomer an. Während sich damit einerseits die Rente schon als Lebenswahrheit darstellt oder zumindest innerhalb der nächsten fünf Jahre darstellen wird, sterben immer mehr „alte Bekannte“ aus Kunst und Politik, die unsere Jugend geprägt haben. Wie gut, dass es wenigstens immer wieder Neu-Veröffentlichungen von Klassikern gibt…
Ein wenig Eigenlob muss sein: Mehr als 110.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel stellen ein Wachstum von 10% gegenüber dem letzten Jahr dar. VIELEN DANK! Wie immer freue ich mich über Feedback und Kritik. Ich werde allerdings nicht aufhören, zu gendern. Das Ergebnis meiner Tätigkeiten war auch in diesem Jahr wieder in diversen Ausgaben des ZACK, im ZACK-Sonderheft und in der Sprechblase zu lesen. Übersetzungen fanden sich in den (sehr empfehlenswerten) Integralen von Sammy & Jack und der Zentauren (nur redaktioneller Teil) sowie bei der deutschen Ausgabe von Nicky Saxx.
Die besten Comics
Nun aber zu meiner ganz persönlichen Auswahl der Top-Titel des Jahres. Viele andere Titel sind trotzdem empfehlenswert. Es lohnt sich also immer noch, in die einzelnen Besprechungen zu schauen.
Der beste Comic des Jahres ist eine ganz alte Kamelle (wie war das mit den prägenden Einflüssen der Jugend?): Der erste Band von Sgt. Kirk von Héctor Oesterheld und Hugo Pratt. Der Western in schwarz-weiß vereinbart Kritik an den herrschenden Verhältnissen und dem Status Quo, Humor, Absurditäten, Spannung und eine herausragende Behandlung des doch wieder häufig vertretenen Genres. Zudem sind die reduzierten Zeichnungen von Pratt oftmals genial, nie aber schlecht.
Platz 2 geht ebenfalls an einen Klassiker, allerdings einen junggebliebenen! Der 41. Asterix, Asterix in Lusitanien, vereint halbwegs zeitlos verpackte Anspielungen auf Politik und Zeitgeschehen, überspitze, aber sympathievolle Darstellungen der den Portugies*innen zugeschriebenen Eigenschaften und viel Humor. Während Didier Conrad mittlerweile so gefestigt ist, dass er eigene Akzente im Stil von Uderzo setzen kann, beweist Fabcaro in seinem zweiten Streich, dass die Wahl zu Recht auf ihn gefallen ist.
Und noch eine alte Kamelle: Auf Platz 3 kann sich ein alter Koralle-ZACK-Held platzieren: Häuptling Feuerauge kämpft mit allem und meistens verliert er. Die beiden ersten Jahre inklusive der Sonntagsseiten in einem Album. Leider hat sich der Band nicht so gut verkauft, dass eine Fortsetzung zu erwarten ist.
Platz 4 ist wieder eine Neuerscheinung, und zwar eine der wenigen, die mich komplett überzeugt haben: Habeamus Bastard ist eine Mischung aus Thriller, Noir und – trotz allem – Humor, ja, sogar Slapstick. Schwartzmann und Vallée zeigen, dass man auch in Zeiten des Streaming-Serien-Überflusses noch intelligente und neue Inhalte ohne bewegte Bilder erzeugen kann.
Platz 5 geht an einen Comic, der in Deutschland noch gar nicht erschienen ist, möglicherweise auch nie erscheinen wird. Die Amoras-Saga ist mittlerweile bei ihrer dritten Serie angekommen: De Helden van Amoras konzentrieren sich wieder mehr auf Suske und Wiske und ihr Verhältnis zueinander. Das Cover sorgte für Herzanfälle und Verzweiflung, zeigte es die Beiden doch bei einem innigen Kuss. Natürlich ist alles ganz anders, aber das wäre ein Spoiler.
Die besten Graphic Novels
Bitte verzeiht mir die etwas willkürliche Trennung zwischen Comics, Graphic Novels und Gesamtausgaben. Ich habe die für mich passendste Zuordnung getroffen, bin mir aber bewusst, dass man das auch ganz anders machen könnte.
Platz 1 geht in diesem Jahr an einen deutschen Titel: Rude Girl von Birgit Weyhe. Ja, ich weiß, dass er eigentlich in 2024 gehört, er ist aber nun Mal erst in 2025 bei mir aufgeschlagen und ich möchte ihn keineswegs unterschlagen. Es geht um eine Migrantin aus der Karibik, die ihre Jugend in den USA verbringt. Äußere Zwänge, traditionelle Erwartungen und rassistische Alltäglichkeiten bestimmen ihr Leben, bis sie sich zu einem Leben als Rude Girl entscheidet. Die Skinhead- und Punk-Subkultur gibt ihr Halt und lässt ihr Raum für ihre eigene Entwicklung. Auf einer Metaebene geht es darum, ob und wie eine Weiße das Leben einer Migrantin beschreiben kann und darf.
Platz 2 geht an einen Spätwestern. Wiedersehen mit Comanche von Romain Renard ist einerseits eine Weiterführung der von Greg und Hermann entwickelten innovativen Westernserie Comanche über einen ehemaligen Revolverhelden der geläutert auf einer Farm hilft. Dabei verliebte er sich in die Farmbesitzerin und tötet schließlich einen extrem grausamen Gangster. Da dieser bereits entwaffnet war, musste der Held fliehen. Nun wird er Jahrzehnte später aufgespürt und soll einer Autorin Auskunft über das vergangene Zeitalter geben. Selten habe ich eine gleichzeitig so schonungslose Abrechnung mit den alten Träumen wie sorgsame Annäherung an komplexe Persönlichkeiten gelesen. Die in Grautönen gehaltene Geschichte passt in die literarische Tradition der gesellschaftlichen Dekonstruktion der Mittelklasse, spielt allerdings in etwas früherer Zeit als üblich.
Platz 3 ist eine Mischung aus Horror und Antikriegsballade und spielt während des Ersten Weltkrieges. Die Ballade vom Soldaten Odawaa erzählt von den Schrecken des Krieges und der psychologischen Kriegsführung. Sie zeigt einen in einer kanadischen Einheit kämpfenden Indianer, der sich fast unbemerkt in Stellungen bringen kann, die es ihm erlauben zu töten. Christian Rossi zeigt in düsteren Bildern den Schrecken auf beiden Seiten der Frontlinie, Cédric Apikian hat sich von tatsächlichen Begebenheiten zu dieser Story inspirieren lassen.
Die besten Gesamtausgaben
Auch bei den Gesamtausgaben stehen eher ältere Serien im Vordergrund. Die beste GA des Jahres ist aber eine aktuelle Geschichte, die in den letzten drei Jahren im ZACK vorabgedruckt worden war: Das Mädchen von der Weltausstellung verknüpft historische Fakten mit einer Soap-Geschichte. Ursprünglich auf fünf Bände angelegt, konnten nur drei erscheinen bevor der Zeichner verstarb. Sie nehmen jeweils eine der Weltausstellungen in Paris zum Anlass, das Leben von Sophie Kleinnagel zu schildern. Sie lebt in einem Wohnwagen von der Wahrsagerei und gerät jeweils in eine Kriminalgeschichte. Zudem ändern sich die Beziehungen ihrer Mitmenschen zu ihr, entwickelt sie sie doch vom kleinen Kind zu einer jungen Frau, die Begehrlichkeiten weckt.
Platz 2 und 3 kommen aus dem gleichen Verlag. Der Taschen-Verlag hat sich in den letzten Jahren zu einem Spezialisten für XXL-formatige Wiederveröffentlichungen von Klassikern der Comic-Geschichte entwickelt. Zunächst wäre da Band 1 der EC Comics Library mit dem ersten Band der Weird Science Ausgaben von 1950 -1952. Science-Fiction Stories mit grandiosem Artwork und einem typischen Twist in der Geschichte, der sie zu zeitlosen Perlen macht. Ein Coffee-table-book der Extraklasse. Man sollte dem Besuch allerdings nicht erlauben, sich darin zu vertiefen, denn dann ist es aus mit der Verabredung.
Das gleiche Format und Prinzip der sorgfältigen Reproduktion der klassischen Veröffentlichung wurde auch bei der Disney Comics Library angewendet. Der erste Band von Carl Barks’s Donald Duck präsentiert Schätze aus Four Color Comics zwischen 1942 und 1950. Natürlich kennen wir diese Geschichten, haben sie möglicherweise sogar schon mehrfach zu Hause, aber meistens in der deutschen Übersetzung und nicht im Original. Dieses bietet aber einen deutlich anderen Lesegenuss als die auf deutsche Bildungsbürger ausgerichtete Qualitätsarbeit von Erika Fuchs und ihren Adepten. Beide Bände sind übrigens auf den Quadratzentimeter umgerechnet echte Schnäppchen, haben aber ihren Preis. Trotzdem sind sie ihn wert!
Die besten Sekundärwerke
In jedem Jahr vertreten, dieses Jahr mal wieder auf Platz 1: Die Reddition hat – wohl zum letzten Mal – zwei Ausgaben in einem Jahr geschafft: Während es in der ersten Jahreshälfte um Autos im Comic ging, widmete sich die Winterausgabe dem 2024 verstorbenen André Juillard. Dem Team um Volker Hamann gelingt es immer wieder, extrem detailreich zu informieren, ohne dabei in eine akademische Langatmigkeit zu verfallen. Die Artikel werden durch Illustrationen, Fotos und Listen sinnvoll ergänzt und sind ein Must-Have für alle, die sich tiefer mit ihrer Leidenschaft beschäftigen wollen. Für Abonnent*innen gibt es jeweils eine limitierte Beilage.
Zu Platz 2 gibt es leider keine Rezension, ich habe es nicht geschafft, diese Masse an Informationen, Statements und Wertungen in eine halbwegs überschaubare Besprechung zu packen. Trotzdem ist Black Comics von Alexander Braun erneut ein Meisterwerk! Der Autor bezieht klare Positionen, begründet sie aber sehr nachvollziehbar und füllt fast nebenbei die Seiten mit einer Masse von Informationen, die ihres Gleichen sucht. Egal ob Blackfacing, „Indianer-Debatte“, Superhelden, Gay & Porn oder graphic novel, alle Bereiche finden ihre Erwähnung. Wie immer sollte jede Veröffentlichung von Alexander Braun ihren Weg ins Regal finden. Wenn möglich, sollte man den Lesegenuss mit einem Besuch in den begleitenden Ausstellungen im schauraum in Dortmund kombinieren. Aktuell läuft dort eine Lucky Luke Ausstellung (natürlich ebenfalls mit einem Katalog).
Platz 3 geht an Deutschlands größtes Magazin für klassische Comics, die Sprechblase. Gerhard Förster hat mit der 250. Ausgabe noch einmal alles gegeben. Mittlerweile ist der Staffelstab an ein neues Team überreicht worden. Wie immer ist viel zu viel auf den Seiten untergebracht worden und für manche Abbildung wäre eine Lupe hilfreich. Aber genau diese Liebe zu den Details machte den Reiz der Förster-Ausgaben aus.
Die besten Magazine
Gibt es eine Überraschung in dieser Kategorie? Nein, nicht wirklich.
Platz 1 geht wie im Vorjahr an das ZACK. Das Magazin hat mittlerweile sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert (mit einer kleinen Unterbrechung) und ist in der aktuellen Form bei der Ausgabe 318 angekommen. Die Mischung aus traditionellen, runderneuerten Serien wie Michel Vaillant oder Rick Master und neuem Material wie etwa Rani oder Amoras ist auf dem deutschen Markt einzigartig. Die von euch meistgeklickte Nummer war die 310 aus dem April, Platz 5 der Jahrescharts! Das ZACK-Sonderheft hat sich mittlerweile ebenfalls etabliert und erscheint zweimal jährlich.
Totgesagte leben länger: Das ZEBRA hat zwar sein Erscheinen eingestellt, hat aber ein Ferien-Sonderheft herausgebracht. Diese Idee, an alte Traditionen anzuknüpfen und eine Rahmenhandlung um viele Absurditäten zu knüpfen gefällt! Die Zebras beweisen Jahr um Jahr, dass Independent auch ohne Sex und Superkräfte in Deutschland funktionieren kann. Platz 2 ist damit redlich verdient.
Für Platz 3 hat sich ein deutsches Eigengewächs qualifizieren können das ebenfalls in diesem Jahr Geburtstag gefeiert hat: Das mosaik hat nun 600 Ausgaben auf dem Buckel, die Zeitschrift gibt es seit 70 Jahren und die Helden, die drei Abrafaxe, werden 50. Empfohlen von der Stiftung Lesen bieten die Hefte nicht nur kindgerechte Stories mit viel historischem Hintergrund, sie haben auch immer einen redaktionellen Teil mit erläuternden Artikeln, Spielen, Experimenten und Kochrezepten. Der Inhalt kann aber auch von Erwachsenen mit einem etwas anderen Verständnis gelesen werden. Zu Recht eines der erfolgreichsten Comicprojekte hierzulande!
Und dann ist da noch …
Der Tradition dieser Rückblicke folgend fehlt noch eine besondere Erwähnung. Diese geht in diesem Jahr nicht an den neuen Trend der Erotik-Comics, obwohl es durchaus bemerkenswert ist, was man heutzutage öffentlich verkaufen kann. Noch vor wenigen Jahren wären Indizierungen und Prozesse gefolgt.
Ich möchte vielmehr auf einen Klassiker hinweisen, der nun wieder erhältlich ist: Section R von Raymond Reding. Damals im Koralle-ZACK waren einige Geschichten abgedruckt worden, allerdings nicht immer in der richtigen Reihenfolge. Die Albenveröffentlichung macht das jetzt besser. Die Stories handeln von einer Agentur mit zwei Partner*innen, die Missstände im Sport wie etwa Doping oder Wettbewerbsbetrügereien aufdecken. Der Geist der 60-er bestimmt die Zeichnungen und das Tempo, die Inhalte sind leider immer noch aktuell.
Eure Lieblinge
Zum Schluss wie üblich die Charts der Zugriffe:
Ganz oben steht Hägar. Der Beitrag aus dem Jahr 2022 hat auch in 2025 die meisten Leser*innen angezogen.
Platz 2 geht an den Rückblick auf 2024. Die Jahreszusammenfassung gibt eine gewichtete, persönliche Empfehlung.
2025 war wieder ein Asterix-Jahr. Die begleitende Berichterstattung erhielt über das ganze Jahr die drittmeisten Zugriffe.
Auf Platz 4 folgt der erste Erotiktitel: Thrax von Trif verknüpft eine Geschichte aus dem alten Rom noch expliziter mit sexuellen Handlungen als üblich, hat aber trotzdem noch eine sehr komplexe Handlung. Auf Platz 5 dann das beste ZACK: die Nummer 310. Fast alle Ausgaben sind hoch platziert, werden aber nicht einzeln aufgeführt.
Auf den Plätzen 6 bis 10 folgen Der fünfte Band des Sammy und Jack Integrals, Band 3 der neuen Minimenschen Gesamtausgabe, der zweite Band der Djinn Sammelbände, Sgt. Kirk und Band 12 der zweiten Staffel von Michel Vaillant.
Wie immer also eine bunte Mischung. Für das kommende Jahr wünscht comix-online allen Leserinnen und Lesern einen guten Start, viel Erfolg und Gesundheit. Hoffentlich bleibt uns die Hoffnung auf eine friedliche, gerechte und erhaltenswerte Zukunft erhalten!
In der Splitter-Sub-Reihe Splitternackt erscheinen mehr oder weniger explizite, teils klassische Exemplare der Gattung erotischer Comic. In Zeiten von Inflation, Konsumflaute und sich verändernden Medien-Gewohnheiten muss man als Verlag jede Möglichkeit des Geldverdienens mitnehmen. Dementsprechend sind vergleichbare Produkte aktuell bei vielen Verlagen anzutreffen.
Die magische Wirkung des Alkohols
Es ist Silvesterabend; sechs Menschen feiern zusammen, der Alkohol hat sie bereits gelockert und auch vielleicht ein wenig unvorsichtig gemacht, „In Vino veritas“ eben. Plötzlich wird ein Spiel vorgeschlagen: Jede*r möge ihr/sein geheimstes sexuelles Abenteuer preisgeben. Dieses Spiel benötigt Intimität und Vertrauen, nicht alle möchten ihre Geheimnisse allen anvertrauen und tatsächlich sind die Reaktionen auf die Erzählungen auch sehr unterschiedlich.
Während einige alles einfach hinnehmen, sparen andere nicht mit Kritik, ja, sogar mit Verachtung. Ein Pärchen muss plötzlich erkennen, dass es doch nicht alles voneinander wusste und ein bravourös vor sich her getragenes Selbstvertrauen wird auf einmal zu einer in sich zusammenbrechenden Schutzmaske. Diese Punkte arbeitet Irene G. in ihrem Szenario nachvollziehbar heraus.
Die Erlebnisse selbst sind dagegen wortlos dargestellt. Die stattfindende Kommunikation wird durch Emojis und Symbole ersetzt und damit auch ein Stück weit entemotionalisiert.
Zwei verschiedene Stilrichtungen
Manolo Carol, im wahren Leben Ehemann der Texterin, separiert das Geschehen am Tisch von den Erzählungen durch zwei unterschiedliche Stilrichtungen. Während die Zeichnungen mit der Gesprächsrunde an Werbeillustrationen aus den 50-ern erinnern, sind die Geschichten hyper-realistisch, allerdings mit knalligen Farben entfremdet.
Während viele Comics aus dieser Reihe es durchaus verstehen, Erotik darzustellen, geht es hier nur um Sex. Wer so etwas mag, wird hier abgeholt. Alle anderen sollten lieber zu Werken von Trif, Di Caro oder teilweise auch Manara greifen.
Speziell!
Dieser Band der Reihe ist nicht für alle geeignet, wird aber mit Sicherheit auch seine Käufer finden. Und: Obwohl es (natürlich) auch um Macht geht, ist diese hier nicht rein männlich definiert.
Dazu passen Nina Hagen mit „Unbeschreiblich weiblich“ und ein Barolo!