Gratis Comic Tag 2020 – Graphische Literatur aus deutschsprachigen Landen

GCT 2020 zum Zweiten – Titel von deutschsprachigen Künstler*innen – eine Übersicht

Der zweite Teil des Überblicks über die diesjährigen Titel des Gratis Comic Tages wirft einen Blick auf deutschsprachige Künstler*innen. Erfreulich viele von ihnen haben es zwischen die Heftdeckel geschafft. Außerdem ist es beachtlich, wie groß das Spektrum der Stilarten und Themen ist. Teil 1 hatte das Thema Western. Alle Infos zum GCT findet ihr auf der offiziellen Website.

Oskar Rohr, der Fußball und der Nationalsozialismus

Ich habe lange überlegt, in welcher Reihenfolge ich die Titel präsentieren möchte, immer war klar, dass ich mit diesem Titel anfangen möchte. Der gebürtige Münsteraner Julian Voloj hat sich darauf spezialisiert, Comic-Biografien von Menschen zu schreiben, die aufgrund äußerer Umstände ihren Weg nicht so einfach gehen konnten.

Nach Joe Shuster und Jean-Michel Basquiat beschreibt er erstmals ein deutsches Thema: Oskar Rohr war ein begnadeter Fußballer; als Stürmer war er maßgeblich an der ersten Deutschen Meisterschaft des FC Bayern München 1932 beteiligt und doch kennt heute kaum jemand seinen Namen. Als Jude teilte er das Schicksal von Millionen anderen als Internierter in einem Konzentrationslager! Seine Geschichte und damit auch eine Geschichte des Deutschen Fußballs unter dem Hakenkreuz wird in der bei Carlsen erschienen Graphic Novel Ein Leben für den Fußball von Julian Voloj (Text) und Marcin Podolec (Zeichnungen) erzählt. Das Heft zum GCT enthält den Anfang der Geschichte bis zum Wechsel nach München.

Kindercomic mit Piff-Puff-Bäng und Happy End

Der Kasseler Verlag Rotopol profitiert sicherlich von seiner Nähe zur dortigen Kunsthochschule denn er hat sich auf innovative, persönliche Werke spezialisiert, die von den Künstler*innen selbst getrieben werden. Dabei wagt er sich nicht nur auf den Bereich der Graphic Novel für Erwachsene, sondern bietet das Gleiche auch für Kinder! Allein schon dieses Wagnis ist es Wert, gewürdigt zu werden.

Pimo & Rex von dem ebenfalls aus der Münsteraner Ecke kommenden Thomas Wellmann bietet eine fast schon anarchische Geschichte über die beiden Helden Pimo & Rex die als Reisegefährten nach einer wilden Kneipenfeierei eine junge Frau vor düsteren Gestalten retten müssen. Magret wird von Wesen mit Zauberkräften entführt doch die Helden können sie – natürlich – befreien, müssen vorher aber noch einen Kampf gegen Skelette bestehen.

„Kinder“ ist für diesen Comic sicherlich auslegungsfähig. Es gibt genügend Anspielungen auf das Leben von Erwachsenen, die von Kleineren sicherlich nicht verstanden werden können und auch die Kampfthematik ist nicht jedermanns Sache. Für etwas Ältere könnte das aber gut funktionieren!

Horror und ein Zombie mit Superkräften

Seit Jahren ist Levin Kurio mit seinen Weissblech Comics beim GCT dabei. Der Schleswig-Holsteiner aus Schönwalde ist dabei ein echtes Multitalent, denn er ist in den meisten Fällen nicht nur für den Text, sondern auch Zeichnungen und Farben zuständig! In der WC-Anthologienreihe Horrorschocker erscheinen seit mittlerweile 56 Ausgaben Stories im Stil der alten Klassiker die die Leser*innen das Gruseln lehren sollen. Seite kurzem hat Levin auch Spaß an Superheld*innen mit deutscher Provenienz gefunden, wenn auch natürlich mit einem eigenen Dreh: die Origin-Geschichte von Zombieman beweist seine Lust am Fabulieren.

(c) 2020 Levin Kurio

Eine Ankündigung sei gewagt: So niemand etwas dagegen hat wird es in absehbarer Zeit ein Weissblech-Horror-Spezial auf comix-online geben. Seid gespannt was dort geschrieben sein wird.

Die Superheld*innen-Universen von ASH, LDH und Trachtman

Eher klassische Wesen mit Superkräften gibt es einerseits bei Austrian Superheroes-ASH und Liga der Deutschen Helden-LDH. Mittlerweile tummeln sich dort schon richtig viele Figuren in dem vor fünf Jahren gestarteten Universum.

ASH präsentiert dabei in diesem Jahr Heldinnen! Jedes der Hefte besteht aus einer längeren Story in Fortsetzungen und ein oder mehreren Kurzgeschichten mit Fokus auf die einzelnen Figuren. Hier gibt es gleich vier davon: Diana ist eine Geschichte über das Wasserwesen Donauweibchen gezeichnet von Isa Griesenberger in einem sehr US-artigen Stil. Team Berlin erzählt warum Göre und LAN zusammenarbeiten. Dozerdraws hat dafür einen eher am animated-style orientierten Weg gefunden. In Wasserscharaden getextet von Eggy und gezeichnet von Dagmar Wyka treffen wir Donauweibchen wieder, die zusammen mit Lorelei Unsinn macht.

Schwestern von Eli Baum übt deutliche Kritik am Heimwesen der katholischen Kirche in sehr schönen Bildern. Graphisch sicherlich am herausragendsten in diesem Heft. Den Abschluss bildet eine Geschichte über Lady Heumarkt und die Liebe von Benedict Anatol Thill und Verena Loisel mit sehr verzerrten Zeichnungen, die ebenfalls aus der Masse herausstechen. Wenn nicht anders angegeben sind die Texte von Harald Havas, der es geschafft hat, ein ganzes Universum mit Leben zu füllen UND andere daran teilhaben zu lassen. Die Vielfalt allein in diesem Heft beweist, dass Superheld*innen auch künstlerisch vielfältig und divers sein können!

Daneben gibt es auch noch den bayerischen Superhelden Trachtman von Christoph Kloiber und Henning Mehrtens. Wer ist der Echte ist die titelgebende Frage, denn bei einem Besuch in Bamberg (was zu Franken gehört und damit bereits einen Auslandseinsatz für den Helden bedeutet) kommt es zu einer Wiederauferstehung eines 1628 auf dem Scheiterhaufen verbrannten Hexers der Rache nehmen will. Im Kampf mit ihm wird Trachtman durch die Alternativwelten geworfen und sammelt dort Kräfte von seinen anderen Inkarnationen ein. Die Szenarien sind mehr oder weniger witzig, herausragend ist jedoch der Craftbiergnom der den goldenen Hopfen stehlen will! Vielleicht eher lokal von Interesse, schon wegen der deutlichen Dialekt-Färbung.

Und dann war da noch Werner

Lang lang ist es her, dass ein langnasiger Motorradfahrer mit Vorliebe für Bier und Wortwitz seinen ersten Auftritt hatte. Seitdem hat Werner 13 Bände hingelegt, die alle bei Bröseline neu verlegt worden sind. Ausschnitte aus den Bänden 7 bis 12 gibt es in 2020, die früheren Bände waren bereits im letzten Jahr zu sehen. Die Zeichnungen und Kurzgeschichten von Brösel (d. i. Rötger Feldmann) sind platt, laden zu erhöhtem Bierkonsum und Arbeitsverweigerung ein und respektieren weder Ausbilder, Polizisten oder Nazis. Vielleicht waren die Bände deswegen in den Neunzigern mehr Hype als ein neuer Asterix und der Film und das Rennen haben sicherlich dazu beigetragen. Die Karawane ist längst weitergezogen, der Hype findet woanders statt, aber Werner ist immer noch da.

Dazu passen – extra für den Craftbiergnom – ein Josefs Dunkel aus der Josefs-Brauerei Bigge und natürlich deutsche Musik von The Frits aus Wattenscheid.

© der Abbildungen 2020 Gratis Comic Tag und den jeweiligen Verlagen und Künstler*innen

Reddition 71 – Zeitungscomics in Deutschland

Reddition 71 – Juli 2020

Herausgeber: Volker Hamann
Verlag Volker Hamann, Edition Alfons
Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 12,00 €
ISSN: n/a

Es ist ein paar Monate her seit die letzte Reddition erschienen ist. Das Warten hat sich aber gelohnt denn Volker Hamann und Team haben wieder einmal einen Bereich von Grund auf erschlossen! Das Thema der aktuellen Ausgabe sind Zeitungscomics in Deutschland, also eine alltägliche Begegnung für die meisten von uns.

Die Tradition der Strips begann in den Zeitungen

Während Comics in Heft- und Albenform immer noch ein wenig mit dem Vorurteil zu kämpfen haben, doch eigentlich nur Kinderkram wenn nicht gar Schund zu sein, sind Strips in Zeitungen als Mittel der Kund*innenbindung akzeptiert und haben eine lange Tradition. Über die Ursprünge in den Vereinigten Staaten mit den Kampf zwischen Pulitzer und Hearst ist schon viel geschrieben worden und so verzichtet Michael Hein glücklicherweise darauf, alles zu wiederholen. Sein einführender Essay enthält genau die richtige Menge an Information um die Alleswisser nicht zu langweilen, den Einsteigern aber ein gutes Gerüst für den Rest des Dossiers zu bieten.

Der Fokus liegt auf der Entwicklung in Deutschland und so werden in einer guten Mischung einerseits Serien vorgestellt die hier eine gewisse Relevanz gehabt haben oder hatten. Es gibt daher Artikel etwa zu The Phantom (Empfehlung für alle, die zu wenig Zeit haben um alles zu lesen!) von Bernd Frenz, Rip Korby (sic!, so hieß der Gute hier) Modesty Blaise aber auch zu den Peanuts, Hägar oder Zits.

Etwas allgemeiner gehalten sind dagegen die Beiträge zu James Bond, Star Wars, Star Trek oder Doonesbury, die eher auf die Serien an sich eingehen. Natürlich dürfen auch Ausflüge in die europäischen Serien nicht fehlen und so finden sich auch die Vandersteen-Serien (Suske & Wiske, Bessy), Petzi und Tim und Struppi sowie die unvergesslichen Munins in diesem Heft.

Wie kommen die Folgen in meine Zeitung?

Was wäre ein Dossier zu Zeitungscomics ohne Artikel zu den Vertreibern der Strips? Nichts, genau! Deshalb werden auch Bulls Pressedienst und das presse-illustrations-büro vorgestellt. Zu ersterem gibt es sogar drei Artikel die sich verschiedenen Aspekten widmen. In einem Interview erläutert Markus Schindler von Bulls das Geschäft, das längst nicht mehr auf gedruckte Strips beschränkt ist.

Ich gehöre zu den glücklichen Lesern die noch Strips geboten bekommen: täglich Hägar und Magnus, montags zusätzlich die Schlümpfe und am Samstag Sherman’s Lagoon.Nicht die beste Auswahl aber immerhin. Was ist euer Favorit? Hinterlasst gerne einen Kommentar.

Die Reddition beweist erneut, dass das aktuelle Team sich in eine Vielzahl von Themen nicht nur einarbeiten kann sondern es auch schafft, das Ganze ansprechend und lesbar zu präsentieren. Hut ab! Ich bleibe bei meiner Meinung, dass es im deutschsprachigen Bereich keine andere regelmäßige Sekundärpublikation mit der Reddition aufnehmen kann.

Ein einziger Wermutstropfen sei zum Schluss dann doch noch vermerkt: Während des Lesens möchte zumindest ich immer wieder mehr Originalmaterial sehen/lesen. Zwar ist schon begleitend das eine oder andere abgedruckt, einen wirklichen Eindruck kann man damit aber nicht gewinnen. Wie schön wäre es, einen abgestimmten Reader zu haben der zu jedem Artikel 5-6 Seiten Beispiele präsentieren würde. Dass das Ganze weder betriebswirtschaftlich zu kalkulieren wäre noch der Aufwand für die ganzen Rechte in einem angemessenen Verhältnis stehen dürfte ist mir klar. Schön wäre es trotzdem.

Nur für Abonnenten gibt es wenigstens einen kleinen Schmankerl: Eine als Poster aufgezogene Sonntagsseite und einen Artikel über die Comic-Produktion aus dem Jahr 1950.

Dazu passen ein Indian Summer aus dem MalzKultWerk und The Slackers mit traditionellem Ska!

© der Abbildungen Verlag Volker Hamann, Edition Alfons 2020 und die Autoren

Max und Moritz Preise 2020 verliehen

Digitale Preisverleihung als „new normal“

(c)  Internationaler Comic-Salon Erlangen

Am Abend des 10. Juli wurden die Preisträgerinnen und Preisträger des Max und Moritz-Preises 2020 in Form eines Videostreams bekannt gegeben. Gleichzeitig eröffnete das Kulturamt der Stadt Erlangen damit den „Digitalen Comic-Salon“, eine neue Social-Media-Plattform für die deutschsprachige Comic-Szene. Trotz der coronabedingten Absage des 19. Internationalen Comic-Salons Erlangen, konnte so der Max und Moritz-Preis, die wichtigste Auszeichnung für grafische Literatur und Comic-Kunst im deutschsprachigen Raum, in diesem Jahr dennoch vergeben werden. Im Vorfeld der Preisverleihung war eine Liste mit 25 von Jury und Publikum nominierten Titeln bekannt gegeben worden.

Der Preis für den Besten deutschsprachigen Comic-Strip geht an „Busengewunder“ von Lisa Frühbeis (Carlsen/Der Tagesspiegel), als Bester deutschsprachiger Comic wird „Der Umfall“ von Mikaël Ross (avant-verlag) ausgezeichnet, der Beste internationale Comic ist „Am liebsten mag ich Monster“ von Emil Ferris (Übersetzung: Torsten Hempelt, Panini Comics). Mit besonderer Spannung wird traditionell die Wahl der/des Besten deutschsprachigen Comic-Künstlerin/-Künstlers (dotiert mit 7.500,– Euro) erwartet. In dieser Kategorie wird Anna Haifisch (aktuell: „Schappi“, Rotopol) ausgezeichnet.

(c)  Internationaler Comic-Salon Erlangen

Der Max und Moritz-Preis für den Besten Comic für Kinder geht in diesem Jahr an „Manno! Alles genau so in echt passiert“ von Anke Kuhl (Klett-Kinderbuch). Mit dem Spezialpreis der Jury wird David Basler für seine Verdienste als Verleger, Vernetzer und unermüdlicher Aktivist für die Sache der Comics geehrt. Außerdem wurde in diesem Jahr ein Max und Moritz-Publikumspreis ausgelobt, für den im Internet nominiert und abgestimmt werden konnte. Sieger in dieser Kategorie ist „Schweres Geknitter“ von @kriegundfreitag (Lappan).

Mit dem Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk wird – wie schon im Vorfeld der Preisverleihung bekannt gegeben – die herausragende Künstlerin und Professorin an der HAW Hamburg Anke Feuchtenberger geehrt. Das Beste deutschsprachige Comic-Debüt (dotiert mit 1.000 Euro) ist „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ von Julia Bernhard (avant-verlag).

Der Jury für den Max und Moritz-Preis gehörten in diesem Jahr an: Christian Gasser (Autor, Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst), Andrea Heinze (Journalistin, Berlin), Andreas C. Knigge (Journalist und Publizist, Hamburg), Katinka Kornacker (Geschäftsführerin COMIX – Comicbuchhandlung Hannover), Isabel Kreitz (Comic-Zeichnerin, Hamburg), Christine Vogt (Leiterin der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen) und Bodo Birk (Leiter des Internationalen Comic-Salons Erlangen).

(c) der Abbildungen  Internationaler Comic-Salon Erlangen

Forster/Dinter/Richter – Crystal.Klar

Crystal.Klar – Die Graphic Novel

Story: Dominik Forster
Zeichnungen: 
Adrian Richter, Stefan Dinter

Originalausgabe

Panini Comics

Hardcover | 160 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1782-9

Wer kann glaubhafter über den Weg in die Drogensucht und die Kriminalität berichten als einer, der diesen Weg selbst beschritten hat? – Niemand!

Insofern ist der Auftrag eines Ex-Junkies an sich, andere anhand des eigenen Beispiels davon zu überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen, ein toller, schwieriger und vor allem bedingungslos zu unterstützender! Man muss sich das eher so wie ein Mosaik vorstellen: Der eine macht es so, die andere so und erst in der Draufsicht ergibt sich ein schlüssiges Bild, das alle Bestandteile erfordert.

Die Geschichte

Ein Steinchen in diesem Konzept ist der jetzt erschienene Comic, der in Form einer Graphic Novel zunächst von Domink Forsters Jugend erzählt. Domi war nicht wirklich akzeptiert bei seinen Mitschüler*innen: zu strebsam, zu langweilig, zu uncool. Später muss er auf einer Freizeit feststellen, dass trinken und rauchen notwendig zu sein scheint, und er gehört dann tatsächlich „dazu“. Er gerät aber auch in Kontakt mit Leuten, denen die legalen Sachen nicht genügen, und fängt an, immer mehr unterschiedliche Drogen zu konsumieren. Seine alte Clique kommt damit nicht klar und so konzentriert sich Dominik nur noch auf die neuen.

Seine Freundin Seven und er durchleben alle Geschichten einer Horrorstory: Er schlägt sie, sie brüllen sich an und landen doch wieder im nächsten Rausch und im Bett. Ähnlich entwickelt sich die kriminelle Karriere: Hat er anfangs einfach nur seine Aggressionen nicht unter Kontrolle, kommt sehr schnell der gesteigerte Geldbedarf zum Tragen: Er beklaut Familie, Arbeitgeber und Freunde und fängt schließlich an, zu dealen.

Die Geschichte endet damit, dass Domi, kaum 20, für Jahre in den Bau einfährt. Das Leben von Dominik Forster aber geht danach weiter, denn er unterzieht sich einer Therapie und entdeckt seinen Lebenssinn darin, andere von dieser Karriere abzuhalten. Nach seiner Entlassung geht er in Schulen und stellt sich der Diskussion, schreibt ein Buch und arbeitet dann an der Umsetzung in eben diesen Comic!

Die Umsetzung

Im Anhang befinden sich entsprechend Zeitungsausschnitte über die Veranstaltungen, Stimmen von Teilnehmer*innen, aber auch Briefe aus dem Knast, die seine Entwicklung dokumentieren. Gerade dieser Teil ist sehr eindrucksvoll, zeigt er doch, dass der Weg nicht nur gut gemeint ist, sondern auch angenommen wird! Und ehrlich gesagt: Die Story alleine könnte auch als Grundlage für eine hippe Netflix-Serie dienen, die dann eher nicht abschreckend wirkt.

Die Zeichnungen von Adrian Richter und Stefan Dinter lenken nicht von der eigentlichen Geschichte ab. Sie sind auf das Wesentliche reduziert, transportieren aber trotzdem Emotionen und erlauben eine „Mitleiden“ bzw. „Miterleben“. Die Figuren sind eindeutig wieder zu erkennen und unterschiedlich genug um sowohl den „süßen Jungen“ als auch den „harten Kerl“ zu zeigen und auch die gemeinsame Person im Hintergrund der beiden Ausdrucksformen!

Das Konzept

Es gibt eine Umsonst-Version, die stark verkürzt die wesentlichen Punkte darstellt und auf Veranstaltungen und an Krisenpunkten verteilt wird. Das ist sicherlich diejenige Fassung, die die größte Verbreitung finden wird. Dieser gebundenen Ausgabe ist zu wünschen, dass sie nicht nur in den Regalen der Schulbibliotheken und auf Büchertischen verstaubt, sondern ebenfalls den Weg zu gefährdeten oder sogar schon abgerutschten Jugendlichen findet!

Das Projekt wird unterstützt von blu:prevent und der DAK. Die Blaukreuzler werden wie auch „Über den Berg“ im Anhang näher vorgestellt.

Dazu passen Cola (in diesem Fall mit Zucker) und Urban Hip-Hop.

© der Abbildungen 2020 Dominik Forster & Panini Verlags GmbH

Der Gratis Comic Tag 2020 wird offiziell verschoben

Hier das Statement, das am 9. April 2020 u. a. auf der Homepage veröffentlicht wurde: https://www.gratiscomictag.de/

+ + + Hamburg, 9. April 2020

Liebe Comic-Freundinnen und Comic-Freunde,

nach intensiver Beratung mit den Teilnehmern und Partnern des Gratis Comic Tages wurde beschlossen, den Termin für den GCT 2020 zu verschieben, so dass dieser nicht wie bislang geplant am 9. Mai stattfinden wird.
Wir haben zwar schon einen neuen Termin in den Blick genommen, möchten aber die weiteren Entwicklungen im April noch abwarten, bevor wir etwas ankündigen, was dann abermals geändert werden muss.
Den neuen Termin wollen wir Anfang Mai bekannt geben, spätestens bis zum ursprünglichen Datum am 9. Mai.
In diesen Tagen erhalten wir die GCT-Hefte vom Drucker, der GCT 2020 ist also definitiv nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.
Vielleicht seid auch Ihr von den aktuellen Maßnahmen betroffen, dann wünschen wir euch alles Gute für diese schwierige Zeit!

Wenn es euch möglich ist, eure Comic- und Manga-Händler*innen um die Ecke weiterhin zu unterstützen, ist eure Kundschaft dort gerade jetzt sehr willkommen. Viele von euch nutzen bereits neue Lieferoptionen der Läden, dafür schonmal vielen Dank.
Falls euch das Lesefutter ausgeht und ihr keinen angestammten lokalen Händler habt, schaut hier vorbei, ob es jemanden in eurer Nähe gibt: https://www.comics-kaufen.de/

Bis ganz bald und bleibt gesund!
Die Verlage beim Gratis Comic Tag

comix-online wird euch auf dem Laufenden halten!

Fix & Foxi – Die Entdeckung von Spirou, Lucky Luke und den Schlümpfen

Katalog zur Ausstellung im Karikaturmuseum Krems, Krems an der Donau

Text: Martin Budde, Volker Hamann, Roland Mietz

Verlag Volker Hamann Edition Alfons

Klappenbroschur Überformat | 140 Seiten | tw. Farbe | 29,00 €

ISBN: 978-3-946266-18-1

© aller Abbildungen 2020 Dr. Stefan Piëch; © Fix, Foxi, Lupo und andere Kauka-Figuren: 2020 YFE – Your Familie Entertainment

Es ist schon ein wenig schräg in Zeiten wie diesen einen Ausstellungskatalog zu besprechen. Weltweit sind wir aufgefordert, zuhause zu bleiben und soziale Distanz zu wahren und gleichzeitig haben sich überall Kunstschaffende bemüht, kulturelle Werke zu proben oder vorzubereiten. Trotzdem: Theatervorstellungen und Konzerte fallen aus, neue Filme werden verschoben und Ausstellungen hängen zwar an den Wänden, können aber nicht gezeigt werden. Gut, dass es für letztere oft wenigstens Kataloge gibt!

Die Ausstellung

Ausstellungen mit Originalen der Fix & Foxi-Produktion, ihren Ablegern und ihrem aktuellen Wirken als TV-Helden in ihrem eigenen weltweiten Kanal hat es in den letzten Jahren schon ein paar gegeben, unter anderem in Oberhausen. Zu danken ist dabei unter anderem Dr. Stefan Piëch, der das umfassende Archiv Rolf Kauka’s nicht nur für sich erworben hat, sondern es auch der Öffentlichkeit zeigen möchte. Die aktuelle Ausstellung „Fix & Foxi XXL – Die Entdeckung der Schlümpfe, Spirou und Lucky Luke“ vom 15. März bis 26. Oktober 2020 im Karikaturmuseum Krems ist momentan natürlich nicht zu besichtigen, bildet aber als neuen Schwerpunkt die Rezeption frankobelgischen Materials ab. Kaukas Produktionen boten erstmalig umfangreiche Klassiker aus den französischen und belgischen Magazinen und bereiteten somit den Boden für den späteren Erfolg des Koralle-ZACK.

© aller Abbildungen 2020 Dr. Stefan Piëch; © Fix, Foxi, Lupo und andere Kauka-Figuren: 2020 YFE – Your Familie Entertainment

Das spiegelt sich natürlich auch in dem vorliegenden Katalog wieder. Die ursprüngliche Grundlage bildeten Texte von Roland Mietz für das Lexikon der Comics, die dann zu einem Themenschwerpunkt in der Reddition ausgeweitet worden waren. Daraus entstand dann zunächst der mittlerweile vergriffene erweiterte Katalog für die Ausstellung im Wilhelm-Busch Museum in Hannover 2016 und jetzt die erneut wesentlich erweiterte Ausgabe für Krems. Diese Ausgabe kommt nicht nur in einem wesentlich größeren Format daher (Coffee-Table) und bietet daher noch mehr Raum für die abgebildeten Zeichnungen, Drucke und Fotos, sondern enthält auch intensiv aufbereitete Informationen zu den lizensierten Stoffen.

Lucky Luke & Co.

Gerade diese Periode wird oft auf die unsägliche „Eindeutschung“ von Asterix verkürzt. Vergessen wird dabei gerne, dass unzählige Klassiker wie Schnief und Schnuff, Pit und Pikkolo, Jojo, Prinz Edelhardt und Kukuruz, Gin und Fizz aber auch Bobo und Old Nick neben Lucky Luke und den Schlümpfen hier ihre ersten großen Auftritte hatten und dadurch auch für den großen kommerziellen Erfolg von Fix & Foxi und Lupo (modern) gesorgt haben. Wer darüber mehr erfahren möchte, sollte bei diesem Katalog unbedingt zuschlagen! Darüber hinaus bietet das Werk viele Illustrationen von Kauka-Zeichnern, die ihre eigenen Figuren in Interaktion mit den lizensierten Helden zeigen.

© aller Abbildungen 2020 Dr. Stefan Piëch; © Fix, Foxi, Lupo und andere Kauka-Figuren: 2020 YFE – Your Familie Entertainment

In weiteren Kapiteln werden die Anfangsjahre dargestellt, die von Tierfabeln und Eulenspiegeleien ausgehend die Entwicklung hin zu modernen, schließlich sogar einheitlich aussehenden anthropomorphen Figuren reicht. Die Idee von Rolf Kauka war es nie, ein Magazin zu verlegen, seine eigentliche Leidenschaft war der Trickfilm. Trotzdem hat er ein Imperium mit mehreren Titeln und unzähligen Neben- und Merchandiseprodukten geschaffen. Die Zeichner – soweit bekannt – die die Werke schufen, aber auch die Konflikte um Urheberrechte und Bezahlung sowie natürlich auch der unlängst verstorbene Peter Wiechmann werden ebenfalls vorgestellt.

Die Empfehlung

Wie bei der Edition Alfons Tradition fehlt auch hier ein Werkverzeichnis nicht! Ein Muss für jeden Fix & Foxi-Fan ist dieser Katalog definitiv schon wegen der Abbildungen. Meines Erachtens aber auch für alle, die sich für die frankobelgischen Klassiker interessieren! Viel wichtiger als Horrido oder der Heitere Fridolin waren Lupo und die diversen anderen Kauka-Produktionen die das Material in Heften aber auch in Alben oder Taschenbüchern unter das Volk brachten.

© aller Abbildungen 2020 Dr. Stefan Piëch; © Fix, Foxi, Lupo und andere Kauka-Figuren: 2020 YFE – Your Familie Entertainment

© aller Abbildungen 2020 Dr. Stefan Piëch

© Fix, Foxi, Lupo und andere Kauka-Figuren: 2020 YFE – Your Familie Entertainment

© der Texte: 2020 Edition Alfons

mosaik 532 – April 2020

mosaik – mit den Abrafaxen durch die Zeit 532

Spuk unter Palmen

Story: Jens U. Schubert
Zeichnungen: 
Kollektiv

MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag


Kleinformat | 48 Seiten | Farbe | (einmalig) 3,80 € 
ISSN: 
0323-8857

Das mosaik ist eines der wenigen Printmagazine im (auch) Jugendbereich, das seine Auflagenhöhe über die Jahre hinweg nicht nur halten, sondern sogar ein wenig ausbauen konnte. In der relevanten Verkaufsstatistik liegt es damit mittlerweile hinter dem Lustigen Taschenbuch auf dem zweiten Platz. Das Konzept ist seit Jahren gleich: die drei Abrafaxe Abrax, Brabax und Califax werden per Zeitsprung in eine bestimmte Region zu einer bestimmten Zeit transportiert und erleben dort ihre Abenteuer. Begleitet werden die Comics dabei von Wissensschnipseln, Versuchen, Museumshinweisen etc. um den Leser*innen nicht nur historische Hintergründe zu erklären, sondern auch zu spielend erlerntem neuen Wissen zu verhelfen.

In diesem Monat startet die 20. Zeitreise, die die jungen Helden in die Südsee gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschlägt. Ein Paradies mögen jetzt viele denken und für die atemberaubende Natur stimmt das sicherlich auch. Die Veränderungen durch die Zunahme des weltweiten Handels und der Kolonialisierung unter anderem durch das Deutsche Kaiserreich waren aber nicht immer einfach.

Das erste Heft

Die drei Kobolde fallen der Besatzung der „Heiderose“ buchstäblich vor den Bug und dürfen das Schiff entern. Die Besatzung ist in Aufregung, denn ein Geist scheint sich auf dem Handelsschiff eingenistet zu haben, und es gelingt den dreien, einen Deal auszuhandeln: Bringen Sie die verschwundene Mütze des Kapitäns zurück, werden sie nicht an Land gesetzt…

Mit dieser stimmungsvollen Einführung der Gegend und der Grundlagen des Kopra-Handels werden die Leser*innen auf die kommenden Geschichten eingestimmt: es gibt eine große Konkurrenz unter den Schifffahrtsnationen um Kopra, das getrocknete Fruchtfleisch von Kokosnüssen. Wie immer steht zu befürchten, dass es bei diesem Wettbewerb nicht immer fair zugeht und dass sowohl Einheimische als auch Handeltreibende darunter zu leiden haben werden.

Daneben gibt es aber natürlich auch die spaßige Seite: Der Ursprung der mysteriösen Vorgänge – so viel sei verraten – ist natürlich keinesfalls übernatürlich und wird noch für viele beinahe Nervenzusammenbrüche sorgen.

Die Beilage

Mittlerweile fast schon traditionell wird der Start in eine neue Welt von einer Beilage begleitet: Die Karte zeigt die Inselwelten der Südsee und führt in Tierwelt aber auch in geografische Besonderheiten ein. Und: Wer von euch könnte aus dem Stehgreif den Unterschied zwischen Melanesien, Polynesien und Mikronesien erklären und dann auch noch Neuseeland richtig verorten?

Die Möglichkeit für einen Neueinstieg! Tipp: Im Heft sind Hinweise für magische Momente versteckt! Mit Hilfe einer App können so weiterführenden Infos und Beiträge abgerufen werden.

Dazu passen „What a wonderful world“ von Israel Kamakawiwoʻole und ein Maracuja-Kokosnuss-Shake!

Abbildungen © 2020 MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag

ICOM Comic!-Jahrbuch 2020

ICOM Comic!-Jahrbuch 2020

Hrsg: Burkhard Ihme

Interessenverband Comic e. V. ICOM

Din A4 | 272 Seiten | Farbe | 15,25 €

ISBN: 978-3-88834-950-8

Ihr sitzt wegen Corona zuhause und wisst nicht, was ihr tun sollt? Das Comic! Jahrbuch 2020 bietet genügend Lesestoff auf 272 Seiten!

Kurz zum Hintergrund: Der Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V. ICOM existiert bereits seit 1981 und bemüht sich darum, Zeichner*innen und Autor*innen ein Forum für Meinungs- und Informationsaustausch zu bieten um dadurch ihre berufliche Situation zu verbessern. Der ICOM ist anerkannter Berufsfachverband und bietet für seine Mitglieder nicht nur Infos, sondern auch konkrete Beratung und Hilfestellung. Das Jahrbuch ist also auch als Werbung zu verstehen für den Verband, vor allem aber auch für seine Mitglieder und hat daher einen extrem niedrigen Verkaufspreis!

Die Becker/König/Crumb-Kontroverse

War das letzte Jahrbuch noch von der Diskussion um die Juryzusammensetzung für den 25. ICOM Independent Comic-Preis geprägt, bewegt dieses Jahr eine andere Auseinandersetzung die Gemüter: Franziska Becker, langjährige Karikaturistin und EMMA-Zeichnerin, wird vorgeworfen, Islamophob zu sein indem sie muslimische Frauen mit Kopftuch verunglimpfe, Ralf König soll auf seinem Wandbild für das Brüsseler Rainbow-Haus transphobe und rassistische Vorurteile transportiert haben und auf internationaler Bühne wird Robert Crumb gewaltverherrlichender Sexismus und Rassismus vorgeworfen. Ein großer Teil dieses Jahrbuchs versucht mit Artikeln und Interviews Sachlichkeit in der Diskussion zu ermöglichen und fragt, ob sich Bewertungsmaßstäbe ändern können oder müssen!

Den Hintergrund bildet immer wieder die Frage, was Satire darf oder sogar muss, ob Grenzen des guten Geschmackes auch Grenzen der Moral sind und wo Überspitzung zu Hate Speech wird. Ist es noch ein Stilmittel, wenn große Lippen zur Kennzeichnung von People of Colour gezeichnet werden? Wie groß ist der Unterschied zu einer Hakennase oder anderen antisemitischen Klischees? Wenn ich religiösen Fanatismus kritisieren möchte, muss ich dann immer mindestens drei Religionen gleichzeitig kritisieren oder kann ich mich in der Auswahl beschränken? Und darf ich dann immer wieder die gleiche einschränkende Auswahl treffen? Schwierige Fragen, die auf Stammtisch-Niveau nicht zu beantworten sind! Der Ansatz, sachliche Informationen aus erster Hand durch Interviews und verschiedenste Artikel zu bieten, ist dabei meiner Ansicht nach als sehr positiv zu bezeichnen!

Das Jahrbuch bietet auf mehr als 50 (Din A-4) Seiten O-Töne von Crumb und König sowie viel Hintergrundinfo und Zusammenfassungen der Kritik!

Die deutsche Comicszene

Was wäre das Jahrbuch des ICOM ohne eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung des deutschen Marktes… Würdigungen des Münchner Comicfestes und der „Cons“ machen den Anfang der thematischen Artikel; Berichte über I. Astalos und seine Beiträge für das deutsche MAD und ein Bericht zum 50. Geburtstag der U-Comix folgen. Es geht aber auch um ein neues Magazin über SF-Comics und eine Internetplattform verschiedenster Künstler*innen namens Toonsup. Leider auch ein Thema sind Nachrufe.

Im Bereich Atelier werden fünf Kreative etwas ausführlicher vorgestellt, viele andere dagegen mit einer Aktualisierung der Werkschau! Unverzichtbar für alle, die einen Überblick über die deutsche Independentszene gewinnen oder behalten wollen!

Niederlande, USA und andere Länder

Alles andere als provinziell zu sein war schon immer der Anspruch des ICOM! Die Berichte über andere Länder sind aber dreifach anders als normal: Neben Berichten aus Frankreich und den USA gibt es auch noch die Niederlande, Italien und Japan; die Betrachtungen konzentrieren sich auf Entwicklungen der Independents und sie sind ebenfalls nicht nur reich bebildert, sondern auch sehr persönlich verfasst! Lesenswert sind sie alle, als Anlesetipp möchte ich die Geschichte der StripSchrift nennen. Dazu kommt noch mein Favorit in dieser Rubrik: historische Vorbilder für Comiczeichnungen. Vor allem die Ähnlichkeiten zu Märklin-Katalogen sind verblüffend!

Die Preisträger*innen

Eine vierköpfige Jury hat die Aufgabe übernommen, den ICOM Independent Comic-Preis 2019 für Eigenproduktionen zu bestimmen. Für 2020 sind weitere Veränderungen geplant. Wie immer sind im Jahrbuch die Preisträger*innen mit Begründung und Leseproben versammelt und schon das sollte ein Grund für das Kaufen und Lesen dieses Jahrbuches sein!

Als Bester Independent-Comic wurde im Juni 2019 „Don’t touch it!“ von Timo Grubing, erschienen bei Zwerchfell ausgezeichnet. Horror bleibt preiswürdig! Der Verlag konnte noch zwei weitere Preise abräumen, unter anderem für die beste Newcomerin Natalie Ostermaier, die sich in Kramer mit Religion und Hexenverfolgung auseinandersetzt. Alle Preisträger*innen gibt es hier.

Der Sonderpreis für Guido Weißhahn soll noch kurz Erwähnung finden: Guido baut seit Jahren an einem Archiv für in der DDR erschienene Comics oder besser Bildgeschichten und leistet einen großen Beitrag zur Aufarbeitung und Bewahrung dieses Teils der deutschen Comic-Geschichte!

Das Fazit

Auch wenn der Trickfilm dieses Jahr etwas kurz gekommen ist, bleibt das ICOM Comic!-Jahrbuch unverzichtbares Rüstzeug für alle, die auch jenseits des Mainstreams nach guten Comics suchen, über die Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben wollen und bereit sind, über das Gelesene vielleicht auch noch mal zu reflektieren! Diskussionen sind schmerzhaft und das Ändern liebgewonnener Gewohnheiten weder von vornherein richtig noch falsch. Die Diskussion darüber ist aber notwendig.

Dazu passen neben einem kühlen Kopf und Wasser für die diskursiven Teile und ein Ipanema für die anderen sowie Musik von Blaggers ITA!

© Interessenverband Comic e. V. ICOM 2020

© der Abbildungen bei den Verlagen, Zeichner*innen, Autor*innen und Fotograph*innen

Henseler/Buddenberg – Meine Freie Deutsche Jugend

Eine fast normale Kindheit in der DDR

Story: Thomas Henseler, Susanne Buddenberg nach dem Roman von Claudia Rusch
Zeichnungen: 
Thomas Henseler, Susanne Buddenberg

Originalausgabe

Ch. Links Verlag

Hardcover | 144 Seiten | S/W und Farbe | 18,00 € |

ISBN:  978-3-96289-083-4

Die Kindheit

Um seine Jugend in der DDR verbracht zu haben muss man ein Geburtsjahr haben, das spätestens aus den 70-er Jahren kommt. Für viele heute Graphic Novels lesende Menschen also weit vor dem eigenen Geburtsdatum. Die Geschichte erfordert also das Eintauchen in eine fremde, zumindest aber vergangene Zeit mit komischen Klamotten, Redewendungen und Modethemen, richtig? Naja, hier geht es nicht um eine Netflix-taugliche, hippe Verfilmung, sondern um Erinnerungen eines jungen Mädchens an die eigene Kindheit, erzählt auf einer sehr sympathischen und freundlichen Basis obwohl einem beim Lesen manchmal das Lachen etwas stecken bleibt…

Die Geschichte von Claudia Rusch beginnt an der Ostsee. Diese ist weder von menschenfressenden Ungeheuern bevölkert noch besonders stürmisch und doch sind viele Flüchtlinge aus dem damals „ummauerten“ Teil Deutschlands in ihr ertrunken und so empfindet auch die kleine Heldin sowohl eine grenzenlose Angst vor dem Wasser als auch den unbedingten Wunsch, einmal die Ostsee mit dem Malmö-Express zu überqueren. Thomas Henseler und Susanne Buddenberg, die sich schon mehrfach dem Thema DDR gewidmet haben, gelingt es in dem ganzen Buch, Claudia sympathisch darzustellen, ihre (Kinder-)Sorgen darzustellen und die damalige Situation darzustellen ohne dabei in Klischees abzurutschen. So benutzen sie in dieser Szene etwa angedeutete Tierfallen im Wasser der Ostsee.

Der Staat

Das kleine Mädchen hat auch Eltern. Während der biologische Vater nach der Scheidung keine allzu große Rolle mehr spielt (mal abgesehen von dem einen wichtigen Auftritt in Uniform), gehört ihre Mutter zum Kreis um die Dissidenten Havemann und ist daher ein Objekt für die Überwachung durch die StaSi. Ganz nebenbei wird hier ein Problem dargestellt, dass viele Beziehungen nachträglich unter ein unerträgliches Licht gestellt hat, denn die Bespitzelung machte weder um die Liebe noch die Familie einen Bogen …

Die Überwachung wurde aber auch öffentlich vollzogen und die „grauen Herren“ warteten auch in Wagen vor der Haustür oder folgten den Überwachten mehr oder weniger unauffällig und so ist eine meiner Lieblingsszenen der Marsch der kleinen Claudia durch den dunklen Wald um die Oma vom Bus abzuholen. Aus Furcht singt sie lauthals Parteilieder, was einerseits die ihr im Verborgenen folgenden Mutter verärgert, andererseits die der Mutter folgende StaSi verwirrt, kann es sich doch nur um Provokation oder Täuschung handeln – an Absurdität nicht mehr zu überbietender Slapstick vom Feinsten!

Die Graphic Novel

Eine andere grandiose Stelle beschreibt die Fähigkeit, mit den Gefühlen der Leser*innen zu spielen. In einem überfüllten Bus nimmt das kleine Mädchen auf dem Schoß eines älteren Herren Platz und die Dramatik der Bildfolge, ihrer sich verlangsamenden Geschwindigkeit und der wechselnden Frontalen der Gesichter des Herren, der Mutter und des Kindes lassen kein Missverständnis aufkommen: Hier wird etwas geschehen! Tut es auch, allerdings anders als heutzutage erwartet!

Das autobiographische Buch von Claudia Rusch war ein kleiner Bestseller, allerdings kein Mainstream, denn die Heldin wollte natürlich ein Ende der DDR aber keinen Anschluss, sondern die Möglichkeit auf eine eigenständige Entwicklung. Henseler und Buddenberg gelingt es kongenial, die Stimmungen der Heldin und ihrer Umgebung einzufangen und wiederzugeben, die Emotionen des Kindes (Kakerlaken!), der jugendlichen und auch der jungen Erwachsenen glaubhaft darzustellen und vor allem aber die DDR-Situation als bedrückend, feindlich und unerwünscht zu beschreiben ohne in eine „Verteufelung“ zu verfallen, die gerade Westler*innen so gerne präsentiert haben.

Insgesamt also eine brillante, unbedingt zu empfehlende Graphic Novel aus der jüngeren Deutschen Geschichte die ein differenziertes Bild auf die DDR wirft und dabei nichts verschweigt, die eine Jugend aus der unschuldigen Perspektive des Kindes zeigt, die erwachsene Wertung des Ganzen aber nicht unterschlägt und nebenbei auch noch wirklich gut gezeichnet ist! Gerade auch für „Wessies“ könnte die Lektüre die eine oder andere Erinnerung hervorholen und in einem neuen Licht erscheinen lassen: Während die „Schwerter zu Pflugscharen-Kampagne“ hier aus Ost-Sicht für westliche Infiltration gehalten wird, war sie im Westen ein Sinnbild für ostdeutsche Propaganda…

Für mich auf der Auswahlliste für die Graphic Novel des Jahres!

Dazu passen ein Radeberger und (passend zu ihrem 65. Geburtstag) Nina Hagen und ihre Entwicklung vom „Farbfilm“ zum „TV“.

© der Abbildungen Christoph Links Verlag, 2020

Interview mit Ralf König

Nach der Eröffnung der Jacques Tilly-Ausstellung in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen hatte ich Gelegenheit, ein wenig mit Ralf König zu plaudern. Ralf ist ein sehr sympathischer Mensch der gerne und viel zu erzählen bereit ist. Das nachfolgende Interview gibt daher nur Teile unseres Gespräches wieder.

(c) Ralf König 2020 vvg-koeln

Wer ist Ralf König?

Kurz zu der Person: Ralf König, Jahrgang 1960, ist ein waschechter Westfale aus Werl. Nach seinem Coming-out Ende der Siebziger Jahre schrieb und zeichnete er erste Schwulen-Comics in Szenezeitschriften, danach auch erste Hefte. Ab Ende der 80-er wurde er auch außerhalb der Schwulencommunity wahrgenommen und mit der Bewegte Mann bei Rowohlt war der Durchbruch endgültig geschafft. Die darauf basierende Verfilmung mit Till Schweiger wurde ein internationaler, preisgekrönter Erfolg und König war endgültig Mainstream geworden. Seine Szenewerke wurden bei Carlsen (erneut) aufgelegt, bei Rowohlt folgten Werke zur Religion und Neuinterpretation klassischer Stücke mit unglaublichen Auflagen und auch die Preise und Ausstellungen folgten. Seit 2014 hat Ralf den ersten Preis für sein Lebenswerk, nämlich seinen insgesamt vierten Max-und-Moritz-Preis.

Still ist er trotzdem nicht geworden. Weiterhin erscheinen neue Werke bei Rowohlt, er engagiert sich im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und hat Frau Dr. Vogt, die Direktorin der LUDWIGSGALERIE überredet, die erste Ausstellung von Jacques Tillys Werken und Skizzen zu organisieren.

Die Sache mit Tucholsky

c-o: Lieber Ralf, vielen Dank für deine wütenden Worte während deiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung gerade eben!

Ralf König: Wütend? Nein, wütend war das eigentlich nicht. Ich kann‘s nur nicht mehr hören, dass immer wieder gefragt wird, was Satire darf oder nicht darf! Die Frage ist falsch, keiner von uns möchte in einem Land leben, in dem Satire aus politischen oder religiösen Gründen nicht alles darf. Das ist doch der Punkt, Satire muss wehtun, muss lächerlich machen, verarschen! Wenn sie das nicht tut, ist der Witz gefällig und harmlos.

c-o: Seit geraumer Zeit werden Karikaturisten aber auch Vertreter*innen von Minderheitenrechten nicht nur verstärkt bedroht, sondern auch angegriffen und zum Teil getötet. Wie siehst du das persönlich? Spürst du die Schere im Kopf?

Ralf König: Na ja, seit der Diskussion um die Karikaturen in Dänemark, seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo und anderer Ereignisse ist es sicherlich nicht leichter geworden. Viele haben Angst und überlegen sich gut, ob und was sie sich trauen. Man darf sich davon aber auch nicht verrückt machen lassen. Das ganze gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt. PC, also Political Correctness wird ja von vielen entweder abgelehnt oder als eine Art neue zehn Gebote eingefordert. Ich zum Beispiel bin ja ein bekannter Veteran der Schwulenbewegung. Nun im Zuge der LGBTQ*-Szene wird das Feld deutlich erweitert, da fordern Transpersonen ihre Rechte ein und Queerfeministinnen kämpfen um Sichtbarkeit. Plötzlich sind wir schwule, alte Männer, die es sich im Laufe der Jahrzehnte bequem gemacht haben. Das ist in dem Ausmaß auch für mich neu und durchaus Grund zur Reflexion. Aber dann wirft mir das Rainbowhouse in Brüssel wegen dieses Wandbildes Rassismus und Transphobie vor! Es ist ein Generationenwechsel, ganz normal, aber schon manchmal kurios.

Altersfragen

c-o: Erreichst du mit deinen Werken eigentlich auch die Jungen oder sind deine Leser mit dir gewachsen?

Ralf König: Nun, ich werde 60 in diesem Jahr. An den Gedanken muss ich mich selbst mal erst gewöhnen, ich hab kaum verstanden, dass ich schon 50 bin. Man gilt was in seiner Generation und wenn man Glück hat, noch etwas darüber hinaus. Aber die jungen, ich sag mal die 20-jährigen, die haben eine ganz andere Realität, die gehen mit den Themen ganz anders um. Auch mit dem Internet, die wachsen da rein, mir bleibt manches fremd. Das wird’s schnell peinlich, wenn die alten Säcke versuchen, noch mal den Jugendslang zu treffen. Davon lass ich mal lieber die Finger. Aber vor kurzem hab ich auf der Comic-Con in Stuttgart signiert und da stand eine Gruppe Teenager in der Schlange. Ich war mir sicher, dass die eine Widmung ‚Für Mama‘ oder noch schlimmer ‚‘Für Opa‘ haben wollten. Aber die strahlten mich an und fanden meine Comics toll und wollten die Signaturen wirklich für sich selber!

Aber natürlich ist es müßig, generationenübergreifend wirken zu wollen. Ich mach das jetzt hier für mich und meine mit mir älter gewordenen Leser. Ich hab den Wunsch nicht, dauerhaft gültig zu sein, ist eh sinnlos.

Die Klassiker

c-o: Hast du denn Beispiele, wo das funktioniert?

Ralf König: Ich entdecke jetzt gerade Lucky Luke neu, Morris war ein so großartiger Zeichner, das ist ein Klassiker, den es noch ne ganze Weile geben wird.

Oder Popeye! Ich habe noch nie Popeye gelesen, ich kannte nur die hysterischen Trickfilme und das ist nicht so mein Ding. Aber gerade die frühen Popeye-Comics sind ja viel origineller, als ich dachte. Überhaupt diese frühen Klassiker, Krazy Kat ist ja so was von toll, was da alles im Hintergrund passiert, was da graphisch los ist. Ich hätte große Lust mal sowas zu machen, einfach mal drauf los, was schlicht Gestricktes, total abgedrehtes. Ich bin mit meinen Geschichten ja mehr auf dem Boden der Tatsachen. Barry Hoden war mal so’n Spass, Science-Fiction, da gings mal mit mir durch. Aber kam nicht so gut an, die Leute waren davon etwas überfordert, glaub ich.  Oder unterfordert, weiß nicht.

c-o: Bei Krazy Kat trifft sich dann der Comic wieder mit der Karikatur, anarchisch, auf den Punkt gebracht, ohne den Zwang, den Leser zwischen Seite 30 und 40 bei der Stange zu halten. Was hältst du von der aktuellen Graphic Novel-Welle? Mir scheint das manchmal eher Selbsttherapie zu sein.

Ralf König: Naja, Graphic Novel klingt ernsthafter als Comic, und genau das scheint mir grad die Messlatte zu sein. Da ist schon trockener Stoff dabei, der nicht weniger trocken wirkt, weil es gezeichnete Geschichten sind. Eine Graphic Novel über Otto von Bismarck, kann man machen, aber ist das ne gute Geschichte?

Kauft Bücher! Kauft Comics!

c-o: Magst du den Leser*innen von comix-online noch irgendwas mitgeben?

Ralf König: Öhm, ja: Von wegen online: Kauft mehr Comics! Hört auf mit der Nase am Smartphone zu kleben, kauft Bücher! Lesen erdet! Oh Gott, ich klinge, als wär ich 60.

c-o: Danke Dir!

Wir hatten dazu übrigens Espresso und keine Musik…

© Abbildungen Ralf König, 2020

(c) Foto Ralf König: Ralf König 2020, vvg-koeln

© Fotos Sven Krantz-Knutzen, 2020