Interview mit Seb van der Kaaden

Der Chef der Uitgeverij Personalia stellt sich unseren Fragen

Die Uitgeverij Personlia gibt es seit 1999. In diesem Verlag erscheinen nicht nur Comics in verschiedenen Formaten, sondern auch andere Titel, der Schwerpunkt liegt aber sicherlich auf „Strips“.

Der Verlag

Einerseits ist den Leser*innen von comix-online sicherlich schon die eine oder andere Rezension des StripGlossy aufgefallen, handelt es sich doch um eine sehr besondere Mischung aus aktuellen Comics aus dem niederländischen Sprachraum und Artikeln über die Frauen und Männer hinter den Bildern. Eine Besprechung der Corona-Ausgabe kommt in ein paar Tagen. Neu ist dagegen JUMP, ein regelmäßiges Comic-Magazin für Kinder. Auch hier gibt es in ein paar Tagen Näheres.

Das neue Comic-Magazin für Kinder

Zum anderen hat die Uitgeverij Personalia aber auch den niederländischen Comic des Jahres 2019 verlegt: „De Meimoorden“ von Jacques Post und Eric Heuvel. Daneben erscheinen Reihen mit Comics aus Jugendzeitschriften, etwa der Tina, aber auch eine wunderschöne Hardcover-Gesamtausgabe des Generaals!

Schließlich hat Georg F. W. Tempel im aktuellen Editorial des ZACK gerade verkündet, dass die Unterschrift unter ein Kooperationsabkommen gesetzt worden sei. Neben den bereits angesprochenen Morden im Mai betrifft das auch die neuen Abenteuer von Spaghetti und eine zusätzliche Serie, die weiter unten erwähnt werden wird. . .

Ich habe mit Seb van der Kaaden, dem Verlagsleiter, ein (coronabedingt schriftliches) Interview führen können. Fragen und Antworten sind dabei auf Englisch.

Die Person

c-o: Hi Seb. Comix-online is not limited to German language but tries to have one eye on the Dutch speaking market too. Could you introduce yourself please, knowing that some of the German readers may not be as familiar with your background?

Seb van der Kaaden an seinem Schreibtisch – Foto GEERT JOB SEVINK

I am an independent publisher for more than twenty years now. First started out by big publishing houses such as Sanoma and Reed Elsevier responsible for especially business magazines. My drive is to add value and to have lots of fun doing it. Readers know when a product is made with passion. So that is always our goal number one: making products with passion. If your work does not give you any satisfaction, please go do something else.

c-o: You’ve started with StripGlossy some years ago and introduced a new concept. StripGlossy contains 50% strips (=Comics) and 50% editorial content, has notable artists as guest-editors and has already expanded to albums. Could you elaborate a bit on your concept and its challenges?

The comic market is very conservative. A lot of comic publishers do not believe in digital publishing and do not often understand the importance of paid promotion such as advertising in print or online, and rarely invest in instore promotion or new distribution channels. These are all opportunities and StripGlossy is aiming on all of them.

Our content strategy is based on the glossy concept. Great photo’s, exclusive stories with also famous people outside the comic market and of course new comics of high quality. So, a glossy that is not only interesting for the comic lover but also for a larger audience who is interested in exciting stories and great art work. We see comics as a tool to highlight subjects such a black lives matter or Eurovision Songfestival for example. Besides that, we want to give the reader more inside information about the comic artists and their motivations.

some StripGlossy cover

     

Kooperation mit Deutschen Verlagen

c-o: De Meimoorden, one of your titles has recently been acclaimed as Album of the year 2019 in the Netherlands, so, congratulations! Did you expect that honor? And will that help in convincing artists to publish in the Glossy?

I knew that the combination of Jacques Post and Eric Heuvel was very special; both are very good and serious in their work, both have got a big interest in WorldWarII and both wanted to work together for many years but there was never enough money to finance the project. Add to this that it is 75 years ago that the Netherlands were liberated, and you have some good ingredients for a success story.

After five years, StripGlossy has proven itself to be a serious platform for many artists. So, it is nowadays more a matter of ‚kill your darlings‘.

Cover des ZACK mit dem Start der Morde im Mai

c-o: You’ve sold some licenses for your strips to the German ZACK. Are there any other plans or contracts regarding German publishers? How difficult is it to sell licenses from Dutch comics to other languages?

The Germain market is very willing to publish Dutch comics. Zack Magazine is prepublishing De Meimoorden, Spaghetti and soon Saul. The album rights of De Meimoorden are already sold to Kult Comics. Several French and Spanish publishers want to buy album rights also. You have to invest time to build a relationship and to gain each other trust but it is definitely worth it. 

c-o: If you compare the Nederlands-speaking Comic-Market to the German or French-speaking, are there any differences?

Germain publishers are very straight going and easy to communicate. With French publishers it takes a little longer to gain their trust.   

Corona und die Folgen

c-o: And of course, one question everyone asks currently: What has been the impact of corona and what will stay different?

We started a new children’s comic magazine Jump – based on the comic of Charel Cambré, who is well known for is successful spin-offs of Spirou (Robbedoes) and Suske and Wiske. The chief editor is the ten-year-old Tim. In addition to the distribution through bookstores, we distribute this title through supermarkets. After all, everyone has to eat. And as said before, we distribute our comics also online. So even in times of corona we sell a lot of comics.

c-o: One personal question at the end: What has been your driver for becoming a comic publisher?

First of all: I love to laugh. And secondly: comics are a hidden treasure. Young people are learning through comics to read with pleasure again – the main reason we started Jump. But last but not least: comics can make difficult themes, like abuse, more open for discussion and can even have a preventive effect.

c-o: Anything you would like to say to the (mostly) German readers of this interview?

Please keep on reading and enjoying the work of Dutch artists!

Vielen Dank erneut an Seb für die Beantwortung der Fragen. Beim Lesen könnte euch eine Tasse fair gehandelter Kaffee schmecken und Musik von den Hotknives!

Abbildungen © 2020 StripGlossy / JUMP / Personalia vof

Abbildung ZACK-Cover © 2020 Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag

Foto GEERT JOB SEVINK

All Verlag Programm zweites Halbjahr 2020

Ansgar Lüttgenau stellt das Programm für das zweite Halbjahr 2020 vor und beantwortet die Fragen von comix-online

Ansgar Lüttgenau (links) und Maza, Zeichner von Wunderwaffen, in Erlangen 2014

Wie den meisten bekannt sein dürfte, ist der All Verlag unter der Leitung von Ansgar Lüttgenau sehr darauf erpicht, Perlen und bisher ungehobene Schätze aufzuspüren. Während andere Verlage älteres Material fast nur noch als Gesamtausgabe veröffentlichen, wird hier Serie für Serie entschieden, welcher Weg der Beste ist. Daher erscheinen einige Titel wie etwa Wayne Shelton als Integral, andere wie Bruno Brazil oder Luc Orient erstmals in ihrer Geschichte komplett als einzelne Hardcoverbände mit umfangreichem Bonusmaterial.

Für das zweite Halbjahr dieses Jahres hat der Herausgeber wieder zwei neue Serien ins Programm genommen. Darüber, über die Folgen von Corona und vieles mehr gibt das folgende Interview Auskunft, das wir Ende Mai geführt haben. Natürlich darf hier der Hinweis auf die Vorzugsausgaben nicht fehlen: limitiert auf 111 Exemplare gibt es entweder ein Variantcover oder einen Schutzumschlag und ein limitiertes Ex Libris obendrauf!

Das Interview

c-o: Hallo Ansgar, dies ist bereits das zweite Mal, dass Du Dein neues Programm auf comix-online vorstellst. Das erste Halbjahr 2020 ist ja nun ganz anders verlaufen als wir alle uns das gedacht hätten. Welchen Einfluss hatte Corona auf den All Verlag?

Ich denke das war überall ähnlich. Die Umsätze im stationären Handel sind ziemlich eingebrochen, dafür haben die Bestellungen in unserem Onlineshop deutlich angezogen. Wobei das den Ausfall des stationären Handels natürlich nicht ausgeglichen hat. Da der Verlag aber eh nur ein Hobby ist und wir nicht davon leben (müssen), ist der Umsatzrückgang ärgerlich aber kein wirkliches Problem.

Die Überraschung: Dani Futuro kommt komplett und in Farbe!

c-o: Auch im kommenden Halbjahr bleibst du Deinem Versprechen treu, fast vergessene Schätze zu präsentieren: Dani Futuro ist ein Knaller nicht nur für die „Generation ZACK“. Kannst Du ein wenig darüber erzählen, wie Du zu der Serie gekommen bist und wie die Abstimmung mit dem Zeichner Carlos Giménez aussieht?

Ich hatte von verschiedenen Seiten gehört, dass Carlos nur an einer Veröffentlichung von Dani Futuro in schwarz/weiß interessiert wäre. Da bei dieser Serie aber gerade die Farben den besonderen Reiz ausmachen, war es bisher zu keiner Veröffentlichung in Deutschland gekommen. Auch in Spanien liegt die Serie aktuell übrigens nur in schwarz/weiß vor. Nachdem ich den Zeichner kontaktiert hatte, wurde recht schnell klar, dass es sich wohl um ein Missverständnis gehandelt hatte. Carlos war begeistert, dass jemand die Arbeit auf sich nehmen wollte, digitale Druckdaten zu erstellen und die Serie in Farbe zu veröffentlichen. Er hatte wohl nur deshalb auf einer schwarz/weiß Ausgabe bestanden, weil es keine Druckdaten der farbigen Seiten gab. Carlos, übrigens ein sehr höflicher älterer Herr, hat uns dann mit einer großen Menge von Illustrationen, (teilweise unveröffentlichten) Covern und anderem Bildmaterial versorgt, so dass wir auch für diese Serie wieder einen interessanten Bonusteil anfertigen können. Vielleicht ist auch noch interessant, dass wir beim einscannen der französischen Farbalben festgestellt haben, dass dort Bildstreifen und auch mal eine ganze Seiten gekürzt wurden. Anselm Blocher, der für die Übersetzung und den Bonusteil verantwortlich ist, ist es aber gelungen alte farbige spanische Magazinveröffentlichungen der fehlenden Teile zu finden, so dass wir die Geschichten nach 40 Jahren erstmals wieder komplett präsentieren können.

c-o: Einen ganz anderen Bestseller im Programm des All Verlags stellen die Wunderwaffen dar. Dabei handelt es sich um eine Alternativ-Welt Science-Fiction, die den Zweiten Weltkrieg anders ausgehen lässt und gleichzeitig Aliens in die Handlung einführt. Neben einem neuen Band startet jetzt auch der Ableger Wunderwaffen – Geheime Missionen. Was ist die Zielgruppe für diese Geschichten? Gibt es Überschneidungen zwischen den Leser*innen der SF-Titel von den klassischen Wally Wood-Bänden, den ZACK-Helden Luc Orient und Dani Futuro, dem eher harten Hombre und den Wunderwaffen?

Die Frage nach der Zielgruppe dieser Serie kann ich dir leider nicht wirklich beantworten. Ich nehme an, es sind Menschen die sich für Flieger- bzw. Kriegscomics interessieren. Und davon gibt es scheinbar eine ganze Menge. Wuderwaffen war lange Zeit unsere am besten laufende Serie. Natürlich gibt es auch bei dieser Serie Überschneidungen mit unserem sonstigen Programm. Das sehe ich ja an den Bestellungen in unserem Shop. Allerdings weniger mit 50er-Jahre SF à la Wally Wood oder den Zack-Helden. Eher mit Titeln wie Bärenzahn.

c-o: Aber auch die Freunde des Abenteuers kommen mit Bruno Brazil, Wayne Shelton und dem Abschluss von Hel´Blar auf ihre Kosten, oder?

Ich denke auch. Mit Bruno sind wir ja bald durch und auch bei Wayne Shelton werden wir bis auf ein Album das letzte verfügbare Material präsentieren. Neben einem exklusiv für die deutsche Ausgabe erstellten Cover wird der Band mit Album 12 auch eine bisher auf Deutsch unveröffentlichte Geschichte beinhalten. Besonders schön finde ich auch, dass wir Hel’Blar jetzt doch noch abschließen können. Eine Zeit sah es nach der Insolvenz des französischen Partners nicht so gut dafür aus.

c-o: Bei zwei Serienneustarts und nur einem Serienabschluss besteht die Gefahr, in der Zukunft zu festgelegt zu sein. Dürfen wir auch in naher Zukunft noch Überraschungen erwarten oder geht es erstmal darum, Sachen zu Ende zu bringen?

Serien zu Ende zu bringen ist sehr wichtig, auch für das Vertrauen der Käufer in den Verlag. Deshalb ziehen wir auch schon mal Reihen durch, die man bei kaufmännischen Betrachtungsweise sofort einstellen müsste. Spannender sind für mich aber natürlich neue Reihen. Wenn man langlaufende Serien im Programm hat, ist man normalerweise natürlich festgelegt. Da hast Du Recht. Die Alternative ist, das Programm auszuweiten, damit neue Programmplätze entstehen. Das haben wir in den letzten Jahren ja auch kontinuierlich gemacht. Außerdem werden wir im übernächsten Programm, das auch schon zu 99 % feststeht, 3 Serien beenden und nur eine neu starten. Damit relativiert sich diese Problematik dann wieder etwas.

c-o: Zu guter Letzt die Frage, ob Du unseren Leser*innen mitteilen möchtest, welcher Comic im ersten Halbjahr überraschend gut gelaufen ist und auf welche Veröffentlichung Du dich am meisten freust?

Mit Abstand am besten gelaufen ist Hombre. Trotz (oder gerade wegen) der heftigen Kritik im Comicforum wegen der Entscheidung erst einmal nur die verfügbaren Farbseiten zu bringen, war die erste Auflage bereits nach wenigen Monaten vergriffen. Parallel zur Veröffentlichung des 2. Bandes haben wir den 1. nachgedruckt um die Serie komplett verfügbar zu halten. Im 2. Band ist übrigens, neben den noch vorhandenen Farb- und schwarz/weiß-Geschichten die wir von dem spanischen Lizenzgeber bekommen haben, auch die erste von 12 Farbgeschichten die wir aus einer französischen Albenreihe entnommen und selbst aufbereitet haben. Diese 12 Geschichten sind exklusiv nur in unserer Ausgabe in Farbe. Selbst in der aktuellen spanischen Gesamtausgabe sind die nur in s/w. Nochmal zurück zur Kritik im Comicforum. Natürlich haben wir die Geschichten nicht wild durcheinander in den Büchern platziert, sondern bis auf eine Ausnahme in der umgekehrten Reihenfolge ihrer Erstveröffentlichung. Wenn man sich die Bücher in umgekehrter Reihenfolge ins Regal stellt, also 3, 2, 1, sind die Geschichten wieder (fast) in der richtigen Reihenfolge. Im kommenden Programm freue ich mich am meisten auf Dani Futuro. Wie gesagt, Neues ist immer am spannendsten.

Aber auch jeder neue Band von Wally Wood ist für mich etwas Besonderes. Das sieht man schon daran, dass das in der Regel das einzigste Buch ist, das ich nach der Anlieferung aus der Druckerei nochmal komplett lese. Normalerweise habe ich mich im Herstellungsprozess so intensiv mit den Büchern beschäftigt, dass ich die Bücher in- und auswendig kenne. Das ist natürlich auch bei Wally Wood der Fall aber die Geschichten mit ihrem speziellen Twist faszinieren mich bei jedem lesen erneut.

Cover der limitierten Vorzugsausgabe

c-o: Danke Ansgar für die Beantwortung der Fragen! Wie gut, dass es Menschen gibt von deren Hobbies alle anderen profitieren!

Das Programm für das zweite Halbjahr

August 2020 
Wunderwaffen 9Der Teufel gibt sich die Ehre
Wunderwaffen – Geheime Mission 1Das Phantom-U-Boot
Die sechste Waffe 6Geistertanz
September 2020 
Bruno Brazil 7Kaimane im Reisfeld
Bruno Brazil 8Sturm über den Aleuten
Wally WoodAus dem EC-Archiv Teil 3
November 2020 
Luc Orient 6Der Krater des Verderbens
Luc Orient 7Die Legion der verfluchten Engel
Hel’Blar2Der König unter dem Grabhügel
Dezember 2020 
Dani Futuro 1Das verschollene Raumschiff
Dani Futuro 2Wenn das Monster angreift
Wayne SheltonGesamtausgabe Buch 4

© aller Abbildungen 2020 All Verlag GmbH und den jeweiligen Lizenzgebern

Interview mit Ralf König

Nach der Eröffnung der Jacques Tilly-Ausstellung in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen hatte ich Gelegenheit, ein wenig mit Ralf König zu plaudern. Ralf ist ein sehr sympathischer Mensch der gerne und viel zu erzählen bereit ist. Das nachfolgende Interview gibt daher nur Teile unseres Gespräches wieder.

(c) Ralf König 2020 vvg-koeln

Wer ist Ralf König?

Kurz zu der Person: Ralf König, Jahrgang 1960, ist ein waschechter Westfale aus Werl. Nach seinem Coming-out Ende der Siebziger Jahre schrieb und zeichnete er erste Schwulen-Comics in Szenezeitschriften, danach auch erste Hefte. Ab Ende der 80-er wurde er auch außerhalb der Schwulencommunity wahrgenommen und mit der Bewegte Mann bei Rowohlt war der Durchbruch endgültig geschafft. Die darauf basierende Verfilmung mit Till Schweiger wurde ein internationaler, preisgekrönter Erfolg und König war endgültig Mainstream geworden. Seine Szenewerke wurden bei Carlsen (erneut) aufgelegt, bei Rowohlt folgten Werke zur Religion und Neuinterpretation klassischer Stücke mit unglaublichen Auflagen und auch die Preise und Ausstellungen folgten. Seit 2014 hat Ralf den ersten Preis für sein Lebenswerk, nämlich seinen insgesamt vierten Max-und-Moritz-Preis.

Still ist er trotzdem nicht geworden. Weiterhin erscheinen neue Werke bei Rowohlt, er engagiert sich im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und hat Frau Dr. Vogt, die Direktorin der LUDWIGSGALERIE überredet, die erste Ausstellung von Jacques Tillys Werken und Skizzen zu organisieren.

Die Sache mit Tucholsky

c-o: Lieber Ralf, vielen Dank für deine wütenden Worte während deiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung gerade eben!

Ralf König: Wütend? Nein, wütend war das eigentlich nicht. Ich kann‘s nur nicht mehr hören, dass immer wieder gefragt wird, was Satire darf oder nicht darf! Die Frage ist falsch, keiner von uns möchte in einem Land leben, in dem Satire aus politischen oder religiösen Gründen nicht alles darf. Das ist doch der Punkt, Satire muss wehtun, muss lächerlich machen, verarschen! Wenn sie das nicht tut, ist der Witz gefällig und harmlos.

c-o: Seit geraumer Zeit werden Karikaturisten aber auch Vertreter*innen von Minderheitenrechten nicht nur verstärkt bedroht, sondern auch angegriffen und zum Teil getötet. Wie siehst du das persönlich? Spürst du die Schere im Kopf?

Ralf König: Na ja, seit der Diskussion um die Karikaturen in Dänemark, seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo und anderer Ereignisse ist es sicherlich nicht leichter geworden. Viele haben Angst und überlegen sich gut, ob und was sie sich trauen. Man darf sich davon aber auch nicht verrückt machen lassen. Das ganze gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt. PC, also Political Correctness wird ja von vielen entweder abgelehnt oder als eine Art neue zehn Gebote eingefordert. Ich zum Beispiel bin ja ein bekannter Veteran der Schwulenbewegung. Nun im Zuge der LGBTQ*-Szene wird das Feld deutlich erweitert, da fordern Transpersonen ihre Rechte ein und Queerfeministinnen kämpfen um Sichtbarkeit. Plötzlich sind wir schwule, alte Männer, die es sich im Laufe der Jahrzehnte bequem gemacht haben. Das ist in dem Ausmaß auch für mich neu und durchaus Grund zur Reflexion. Aber dann wirft mir das Rainbowhouse in Brüssel wegen dieses Wandbildes Rassismus und Transphobie vor! Es ist ein Generationenwechsel, ganz normal, aber schon manchmal kurios.

Altersfragen

c-o: Erreichst du mit deinen Werken eigentlich auch die Jungen oder sind deine Leser mit dir gewachsen?

Ralf König: Nun, ich werde 60 in diesem Jahr. An den Gedanken muss ich mich selbst mal erst gewöhnen, ich hab kaum verstanden, dass ich schon 50 bin. Man gilt was in seiner Generation und wenn man Glück hat, noch etwas darüber hinaus. Aber die jungen, ich sag mal die 20-jährigen, die haben eine ganz andere Realität, die gehen mit den Themen ganz anders um. Auch mit dem Internet, die wachsen da rein, mir bleibt manches fremd. Das wird’s schnell peinlich, wenn die alten Säcke versuchen, noch mal den Jugendslang zu treffen. Davon lass ich mal lieber die Finger. Aber vor kurzem hab ich auf der Comic-Con in Stuttgart signiert und da stand eine Gruppe Teenager in der Schlange. Ich war mir sicher, dass die eine Widmung ‚Für Mama‘ oder noch schlimmer ‚‘Für Opa‘ haben wollten. Aber die strahlten mich an und fanden meine Comics toll und wollten die Signaturen wirklich für sich selber!

Aber natürlich ist es müßig, generationenübergreifend wirken zu wollen. Ich mach das jetzt hier für mich und meine mit mir älter gewordenen Leser. Ich hab den Wunsch nicht, dauerhaft gültig zu sein, ist eh sinnlos.

Die Klassiker

c-o: Hast du denn Beispiele, wo das funktioniert?

Ralf König: Ich entdecke jetzt gerade Lucky Luke neu, Morris war ein so großartiger Zeichner, das ist ein Klassiker, den es noch ne ganze Weile geben wird.

Oder Popeye! Ich habe noch nie Popeye gelesen, ich kannte nur die hysterischen Trickfilme und das ist nicht so mein Ding. Aber gerade die frühen Popeye-Comics sind ja viel origineller, als ich dachte. Überhaupt diese frühen Klassiker, Krazy Kat ist ja so was von toll, was da alles im Hintergrund passiert, was da graphisch los ist. Ich hätte große Lust mal sowas zu machen, einfach mal drauf los, was schlicht Gestricktes, total abgedrehtes. Ich bin mit meinen Geschichten ja mehr auf dem Boden der Tatsachen. Barry Hoden war mal so’n Spass, Science-Fiction, da gings mal mit mir durch. Aber kam nicht so gut an, die Leute waren davon etwas überfordert, glaub ich.  Oder unterfordert, weiß nicht.

c-o: Bei Krazy Kat trifft sich dann der Comic wieder mit der Karikatur, anarchisch, auf den Punkt gebracht, ohne den Zwang, den Leser zwischen Seite 30 und 40 bei der Stange zu halten. Was hältst du von der aktuellen Graphic Novel-Welle? Mir scheint das manchmal eher Selbsttherapie zu sein.

Ralf König: Naja, Graphic Novel klingt ernsthafter als Comic, und genau das scheint mir grad die Messlatte zu sein. Da ist schon trockener Stoff dabei, der nicht weniger trocken wirkt, weil es gezeichnete Geschichten sind. Eine Graphic Novel über Otto von Bismarck, kann man machen, aber ist das ne gute Geschichte?

Kauft Bücher! Kauft Comics!

c-o: Magst du den Leser*innen von comix-online noch irgendwas mitgeben?

Ralf König: Öhm, ja: Von wegen online: Kauft mehr Comics! Hört auf mit der Nase am Smartphone zu kleben, kauft Bücher! Lesen erdet! Oh Gott, ich klinge, als wär ich 60.

c-o: Danke Dir!

Wir hatten dazu übrigens Espresso und keine Musik…

© Abbildungen Ralf König, 2020

(c) Foto Ralf König: Ralf König 2020, vvg-koeln

© Fotos Sven Krantz-Knutzen, 2020

All Verlag Programm 2020 und Interview mit Ansgar Lüttgenau

Das erste Halbjahr 2020 bringt Klassiker für alle! Überraschungen inklusive 🙂

Ansgar Lüttgenau, Programmleiter von All Comics beantwortete unsere Fragen

Das neue Jahr steht vor der Tür und damit auch die neuen Halbjahresprogramme der Comic-Verlage. Ich habe kurz vor Weihnachten das folgende Interview mit Ansgar Lüttgenau geführt. In den ersten sechs Monaten von 2020 werden insgesamt elf verschiedene Titel erscheinen. Jeden einzelnen davon wird es auch als limitierte Vorzugsausgabe geben!

c-o: Hallo Ansgar, kannst Du Dich den Leser*innen von comix-online kurz vorstellen? Was machst du, wenn Du nicht gerade am neuen Programm bastelst?

Obwohl wir mit mehr als 20 Neuerscheinungen im Jahr mittlerweile eine Größe erreicht haben, die eigentlich eine Vollzeitbeschäftigung voraussetzt, läuft der ganze Verlag immer noch als Hobby so nebenher. Den Lebensunterhalt verdiene ich im Vertrieb bei einer Wirtschaftsauskunftei und wenn ich nach Feierabend mal nichts für den Verlag machen muss, freuen sich auch die Kinder mal ihren Vater zu sehen.

c-o: Der All-Verlag wird immer mehr zu einem Ort für Klassiker; 2019 hast du einerseits alte ZACK-Recken wie Bruno Brazil und Luc Orient zurückgebracht, andererseits aber auch mit Wally Wood einen Altmeister der Science Fiction verlegt. Natürlich dürfen wir bei dieser Aufzählung auch André Franquin nicht vergessen. Welche Überraschung bietet das neue Programm?

Ein Verlag für Klassiker. Das ist tatsächlich die Richtung in die es gehen wird. Speziell Klassiker für die es keine Druckdaten im Ausland mehr gibt, sollen in den nächsten Jahren das Rückgrat des Programms bilden. In dem Bereich gibt es noch echte Perlen, an die sich wegen des Aufwands niemand sonst ranwagt. Sozusagen als Test veröffentlichen wir ab Mai die Serie Alain Chevallier von Christian Denayer von dem wir ja auch schon Wayne Shelton im Programm haben. Diese Rennfahrerserie, die es seit Jahrzehnten auch in Frankreich nur noch antiquarisch gibt, lief übrigens in den 1970er Jahren unter dem Titel Rolf Thomsen auch im alten Zack. Das hat dann natürlich auch was mit Autorenpflege zu tun, die uns sehr wichtig ist. Deshalb wird es auch weiteres Material von Paape und Vance geben. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Neben André Franquin werden demnächst (vielleicht) auch noch weitere große Namen zu den bei uns veröffentlichten Künstlern zählen. Los gehts in diesem Programm mit Goscinny und Tabary. An weiten Projekten z.B. von Moebius und Hermann arbeiten wir. Mal sehen, was da noch geht.

c-o: Wie schwierig ist es, gleichzeitig für Serien wie Hombre auf der einen und etwa Valentin auf der anderen Seite Werbung zu machen?

Da musst du unseren Grafiker fragen. Der hat da mehr oder weniger freie Hand. Im Prinzip macht das aber keinen großen Unterschied. Wichtig ist eigentlich nur, dass man die richtige Werbung im richtigen Objekt macht. Für den Franquin/Gotlib-Titel Slowburn haben wir zum Beispiel eine „Anzeige“ im aktuellen Buchjournal gemacht, das in einer Auflage von 220.000 Exemplaren in fast jeder Buchhandlung in Deutschland ausliegt. Das bot sich einfach an, weil wir für diesen Titel, der sich optimal als kleines Geschenk eignet, als Absatzkanal weniger den Comichandel sondern mehr den klassischen Buchhandel sehen. Außerdem versuchen wir natürlich immer auch außerhalb des klassischen Comicbereichs wahrgenommen zu werden und haben uns in letzter Zeit deshalb besonders gefreut, dass unsere Titel auch in Medien wie dem Tagesspiegel bzw. der Süddeutschen Zeitung Erwähnung gefunden haben.

Vorzugsausgabe von Alwilda 2

c-o: In den folgenden Monaten wirst Du einerseits vier Gesamtausgaben bringen, daneben startet mit Alain Chevallier aber auch ein Klassiker wieder mit Einzelbänden. Welche Überlegungen stecken dahinter? Oder folgst du damit den Vorgaben der Lizenzgeber?

Meiner Meinung nach geht der Trend grundsätzlich wieder zu Einzelbänden. Die nehmen zwar mehr Platz im Regal weg, bieten aber eine viel bessere Möglichkeit eine Serie zu präsentieren. Wenn es allerdings wie bei Lady S. oder Wayne Shelton bereits Einzelalben in adäquater Form gibt, entscheiden wir uns in der Regel für Gesamtausgaben. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Welche Publikationsform wir wählen, entscheiden wir im Einzelfall. Nicht zuletzt spielt dabei natürlich auch die Überlegung nach der Verkäuflichkeit eine große Rolle. Vom Lizenzgeber gibt es diesbezüglich eigentlich normalerweise keine Vorgaben.

Vorzugsausgabe Lady S. 2

c-o: Im Regelfall erscheinen neben dem regulären Band auch Vorzugsausgaben. Warum sollte man sich diese zulegen?

Gute Frage. Unsere Vorzugsausgaben enthalten ja einen Schutzumschlag oder ein Variantcover und ein auf 111 Exemplare limitiertes nummeriertes und, wenn der Zeichner noch lebt, auch signiertes Exlibris. Das macht die Bücher grundsätzlich um einiges hochwertiger. Außerdem bekommt man nur in den Vorzugsausgaben das komplette Bildmaterial. Bei Luc Orient sind das zum Beispiel Illustrationen die für französische Exlibris, Poster usw. entstanden und als Drucke nur in unseren VZA enthalten sind. Bei Bruno Brazil sind es Cover der französischen Alben Neuausgaben und bei Hombre bzw. Wally Wood Alben- und Heftcover die nicht im Bonusteil auftauchen sondern die wir exklusiv nur für unsere Exlibris verwenden. Bei Alben von Künstlern die noch unter uns weilen, wie Lady S. oder Wayne Shelton lassen wir natürlich exklusiv neue Illustrationen anfertigen. Für mich ist dabei der direkte Kontakt mit dem Künstler eigentlich immer das interessanteste. Manchmal gibt es dabei aber auch Anforderungen die kaum zu erfüllen sind. So hatte sich der 79jährige Richard Corben ausbedungen die Exlibris Blätter von Schatten auf dem Grab nur zu signieren, wenn die Versand- und Zollformalitäten auch für die Rücksendung komplett von uns übernommen werden. Da das von Deutschland aus nicht möglich war, mussten wir einen in den USA lebenden Onkel meiner Frau, von dessen Existenz ich erst wenige Wochen vorher durch Zufall überhaupt erst erfahren hatte, bitten das für uns zu übernehmen. Das Ganze war eine ziemlich aufwändige Aktion die mehrere Monate gedauert hat und die ich mir so sicher nicht nochmal antun würde.

c-o: Wie sieht es 2020 mit Messen und Börsen aus? Kann man euch im nächsten Jahr irgendwo auch persönlich treffen?

Natürlich werden wir auch 2020 wieder im Mai und November einen Stand auf unserer „Heimbörse“ in Köln haben. Wer die nächsten Luc Orient Ausgaben oder die Valentin Gesamtausgabe von Goscinny bereits einige Zeit vor dem eigentlichen Verkaufsstart erwerben will, sollte dorthin kommen. Meist haben wir dort das Maiprogramm erstmals dabei. Die wichtigste Veranstaltung im nächsten Jahr wird für uns aber der Comic Salon in Erlangen sein. Da wir bis dahin auf fast 100 Veröffentlichungen zurückblicken können, ist es an der Zeit endlich auch in diesem Bereich etwas professioneller aufzutreten. Deshalb haben wir uns entschlossen eigens einen Messestand bauen zu lassen an dem wir dann mit Christian Denayer (Wayne Shelton/Alain Chevallier) und Philippe Aymond (Lady S./Bruno Brazil Neue Abenteuer) zwei unserer „Hauskünstler“ adäquat präsentieren können.

c-o: Dein Tipp für das erste Halbjahr? Was sollte man sich als Comicfan auf gar keinen Fall entgehen lassen?

Da müsste ich ja jetzt das komplette Programm aufzählen. Aber für mich persönlich sind natürlich die alten Zack-Serien Luc Orient, Bruno Brazil und aktuell Alain Chevallier (Rolf Thomsen) ein besonderes Highlight, weil ich damit aufgewachsen bin. Außerdem freue ich mich immer über einen neuen Band der Wally Wood Gesamtausgabe. Da erscheint der nächste Band aber erst wieder im 2. Halbjahr 2020. Übrigens eins der wenigen Bücher die ich nochmal lese, wenn sie von der Druckerei geliefert worden sind. Bei den meisten Büchern reicht es mir, wenn ich sie während des Produktionsprozesses x-mal gelesen habe.

Ex Libris der Hombre Vorzugsausgabe

c-o: Für die Statistik zum Abschluss noch ein kurzer Rückblick auf 2019: Was waren deine Topseller? Gab es positive oder negative Überraschungen mit denen Du so nicht gerechnet hättest?

Unser Topseller ist immer noch Wunderwaffen. Davon gehen immer jeweils deutlich über 1000 Exemplare mit der ersten Auslieferung in den Handel. Einige Bände sind bereits in der 3. Auflage und es stehen schon wieder weitere Ausgaben zur Neuauflage an. Ein unerwarteter Verkaufserfolg war auch Hombre. Obwohl wir uns in unserem Internetform einige Kritik wegen der nicht chronologischen Veröffentlichung gefallen lassen mussten, ist der Titel seit einigen Wochen, bis auf ein paar Büchern in unseren Shop, komplett vergriffen.  Voraussichtlich wird es eine Neuauflage zusammen mit Band 2 im Februar geben. Slowburn und Die neuen Abenteuer von Bruno Brazil werden wohl die nächsten Topseller werden. Genaueres kann man aber erst sagen, wenn die erste Abrechnung vom Vertrieb vorliegt.

c-o: Besten Dank und wir freuen uns mit Dir auf das starke Programm!

Das Programm im Detail:

Februar
Bruno Brazil 5 Die Nacht der Schakale
Bruno Brazil 6 Höllentanz in Sacramento
HombreGesamtausgabe Band 2
März
Alwilda 2 Die Piratin der Ostsee
Die Wege von Malefosse Gesamtausgabe Band 4
Mai
Luc Orient 5Der stählerne Wald
Luc Orient 6Das Geheimnis der 7 Lichter
Valentin Gesamtausgabe Band 1
Juni
Alain Chevallier 1 Ein Champion geht durch die Hölle
Alain Chevallier 8Die Rivalen
Lady S.Gesamtausgabe 2

© der Abbildungen All-Verlag 2020

Interview mit Georg F. W. Tempel

Der Chefredakteur des ZACK-Magazins stellt sich unseren Fragen

Das ZACK-Magazin aus dem Mosaik – Steinchen für Steinchen-Verlag feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Grund genug für comix-online, dem aktuellen Chefredakteur Georg F. W. Tempel ein paar Fragen zu stellen. Da ich selbst zu der Generation gehöre, die durch das Zack im Koralle-Verlag nachhaltig in der Leidenschaft für franko-belgische Comics geprägt worden ist, habe ich mich über diese Gelegenheit sehr gefreut. Comics aus diesem Spektrum werden auch in Zukunft ein wesentlicher Bestandteil der comix-online-Berichte bleiben.

Georg F. W. Tempel
Georg F. W. Tempel

c-o: Hallo Georg. Könntest du dich den Leser*innen von comix-online kurz vorstellen? Du bist ja in der deutschen Comicgeschichte alles andere als ein unbeschriebenes Blatt.

Tatsächlich bin ich schon seit weit über 30 Jahren in der Comic-Szene tätig. Wie bei vielen anderen meiner Generation waren meine ersten Berührungen mit den Comics die Hefte aus dem Hause Kauka und Bastei, wozu in den 1970ern dann natürlich „ZACK“ gekommen ist. Während meines BWL-Studiums in Mannheim habe ich für das dortige Stadtmagazin Comic-Rezensionen verfasst, worüber ich Kontakte zu verschiedenen Verlagen bekommen habe. Mitte der 1980er Jahre bin ich dann beim Reiner-Feest-Verlag eingestiegen, hatte ein kurzes Intermezzo beim Norbert Hethke Verlag, für den ich angefangen habe, das DC-Segment aufzubauen – wir haben uns wegen unterschiedlicher Programmauffassungen dann im Gütlichen getrennt -, und war schließlich ab 1991 beim Ehapa Verlag. 1994 und 1995 habe ich parallel zu meiner Ehapa-Tätigkeit das „Beavis & Butt-Head“-Magazin für den Dino Verlag betreut. Bei Ehapa war ich vor allem für sog. „Trendthemen“ wie „Akte X“, „Tankgirl“, die Fleetway Publikatonen und natürlich die Manga zuständig. Zusammen mit dem damaligen Bereichsleiter Klaus M. Mrositzki war ich an der Gründung der Verlagsbereiche Cultfish (ursprünglich Bücher zu TV-Themen wie „Big Brother“) und Egmont Manga & Anime (EMA) beteiligt. Und seit 2009, seit meiner Trennung von Ehapa, bin ich über das Redaktionsbüro Blattgold GmbH, das meiner Frau und mir gehört, für „ZACK“ verantwortlich. Ansonsten sind wir viel für die Funke Gruppe, den Klambt Verlag, Burda u.a. tätig.

c-o: 2019 feiert das „neue“ ZACK sein zwanzigjähriges Jubiläum. Du hast zwar im Editorial der Januar-Ausgabe schon einen kurzen Ausblick gegeben, aber wie sieht euer Jubiläumsprogram aus?

Wie ich ja bereits in bewusstem Editorial geschrieben habe, werden wir im Jubiläumsjahr etliche neue Serien starten wie etwa Bonneville von Marvano oder Empire USA 2 von Desberg und diversen Zeichnern. Außerdem wollen wir uns in einer Reihe von Interviews allen früheren Chefredakteuren des Heftes aus der Mosaik-Ära widmen. In der März-Ausgabe kommt aber erst einmal der Verleger Klaus Schleiter zu Wort, der ein bisschen über den Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag und dessen Philosophie erzählen wird. Weitere Ideen gibt es ebenfalls schon, aber von denen ist noch keine wirklich spruchreif.

c-o: Wie würdest du die Zielgruppe des „ZACK“ beschreiben? Generation (Koralle-)ZACK oder größer?

Auf alle Fälle macht die Generation „ZACK“ einen Großteil der Leser aus. Aber glücklicherweise gewinnen wir immer wieder neue und jüngere Leser hinzu.

c-o: Das ZACK hat neben den Comics auch immer zwei größere Artikel über Serien oder Künstler bzw. TV/Film-Adaptionen, einen Rezensionsteil und einen immer erfrischenden Kommentar. Wie wichtig sind diese Bestandteile für dich?

Ich denke, ein Comic-Magazin, in dem Comic an Comic geklebt ist, wird auf Dauer schnell langweilig. Deshalb sind mir die redaktionellen Beiträge als „Brecher“ sehr wichtig. Sicherlich lässt sich über die Qualität der einzelnen Artikel streiten, aber ich versuche immer, eine gewisse Aktualität zu wahren, was bei einem Monatsmagazin in Zeiten des Internet allerdings immer schwieriger wird. Ein bisschen diebische Vorfreude habe ich immer, wenn Bernd Glasstetters Kolumne „Das Allerletzte“ oder mein Editorial kontroverse Themen behandeln, da ich oft schon im Voraus weiß, wie die Reaktionen der Leser in etwa sein werden. Aber ich schätze, so ein paar Ecken und Kanten tun dem Heft ganz gut.

comix-online Reporter
Immer für euch unterwegs

c-o: Von vielen anderen Verlagen ist man es mittlerweile gewohnt, dass Abonnenten einen Bonus in Form von Variant-Ausgaben ober Beigaben erhalten. Die letzte vergleichbare Aktion des ZACK war eine signierte Grafik 2011 in der Nummer 150. Steht ihr über solchen Dingen oder warum macht ihr nichts in dieser Richtung?

Ich denke, hier muss man sich die Philosophie des gesamten Verlages anschauen. Die Leser von „ZACK“ und „Mosaik“ sollen zufrieden sein, weil sie gerade ein tolles Heft gelesen haben, das ihnen eine gewisse Zeit „versüßt“ hat, und nicht weil sie irgendein Gimmick geschenkt bekommen. Und zum anderen ist gerade „ZACK“ so knapp kalkuliert, das hier eigentlich kein Spielraum ist, um solche Aktionen zu fahren.

c-o: Wie schätzt du den deutschen Comic-Markt ein? Es gibt immer mehr kleine Verlage, der Markt wird aber dominiert durch die Veteranen EHAPA und Carlsen mit ihren Long-Sellern einerseits und Splitter andererseits. Oder betrifft euch der Albenmarkt nicht so sehr, da ihr euch hauptsächlich auf das Magazin und Jean Graton konzentriert?

Wir hatten uns mit der ZACK-Edition ja am Albenmarkt versucht, mussten aber schmerzlich erfahren, dass das französische Konzept der Vorveröffentlichung im Magazin mit anschließender Albenveröffentlichung in Deutschland nicht funktioniert. Die verkaufte Auflage war so gering, dass sich die Alben einfach nicht vernünftig kalkulieren ließen. Es ist zwar nicht schön, wenn man Serien abbrechen muss, aber ich denke, dass wir die meisten Reihen zu einem guten Ende gebracht haben. Insofern haben wir also mit dem Albenmarkt kaum mehr was am Hut.

Messestand ZACK

Generell sehe ich aber schon, dass der Comic-Markt Probleme mit den Auflagen hat. Will man seine freien Mitarbeiter ordentlich bezahlen und als Verlag auch noch Geld verdienen, wird die Luft schon dünn. Ehapa hat sich sicherlich nicht wegen Erfolgs weitgehend aus dem franko-belgischen Albenmarkt verabschiedet. Und Carlsen geht bei seinem Programm ja auch eher auf Nummer sicher. Und hört man sich ein wenig in der Szene um, dann bekommt man schon zu hören, dass einige Verlage kräftig an der Kostenschraube drehen und eher fragwürdige Modelle bei der Ermittlung der Übersetzer- oder Redakteurshonorare ansetzen. Schön ist das alles nicht.

c-o: Ergänzende Frage: Vor einigen Jahren hattet ihr noch einen stetigen Ausstoß an Alben. Jetzt wechselt auch Lady S. zu einem neuen Verlag und ihr veröffentlicht anscheinend nur noch Michel Vaillant und Julie Wood von Jean Graton bzw. seinen Nachfolgern während einige der im ZACK publizierten Serien z.B. bei Salleck und Splitter als Album erscheinen. Ist das eine gewollte Kooperations-Situation oder den rückläufigen Alben-Auflagen geschuldet?

Da wir uns aus dem Alben-Segment aus o.g. Gründen verabschiedet haben, ist das eine gewollte Kooperationssituation. Wobei es den französischen Lizenzgebern natürlich zusätzlich recht ist, wenn sie ihre Rechte zweimal verwerten können.

c-o: Nicht viele Comicschaffende sind wie du von Altmeistern in einem Comic verewigt worden. Wie fühlt man sich, wenn jemand wie Seron  eine Figur nach einem selbst erschaffen hat?

Natürlich ist man auf eine solche „Verewigung“ stolz. Der einzige Wermutstropfen war, dass das bewusste Album nicht mehr bei Feest-Comics escheinen konnte, da die Rechte an den „Minimenschen“ aus strategischen Gründen von Dupuis nicht mehr verlängert worden waren.

comix-online artist

c-o: Hast du eine Lieblingsserie oder Einzelveröffentlichung während deiner Zeit als Chefredakteur des ZACK?

Den einen Lieblingscomic gibt es eigentlich nicht, da ich nur Storys ins Heft nehme, die mir selbst auch gefallen. Aber tatsächlich finde ich die Serien von Marvano – „Grand Prix“, „Die jüdische Brigade“ und „Bonneville“ – unglaublich gut, da sie bestes Infotainment sind: Man bekommt nicht nur eine spannende Geschichte zu lesen, sondern kann auch noch viel über historische Hintergründe und Zusammenhänge erfahren. Dieser doppelte Nutzen macht mir großen Spaß.

c-o: Hast du es jemals bereut, eine Geschichte abgelehnt zu haben? Wenn ja, welche?

Für „ZACK“ fällt mir da spontan nichts ein, da wir die Serien aktiv anfragen. Aus meiner Ehapa Zeit wären das allerdings „Die Simpsons“ und „Star Wars“, die wir damals in der Programmkonferenz gemeinsam als „nicht verkäuflich“ eingeschätzt hatten. Dumm gelaufen, oder …?

c-o: Vielen Dank für das Gespräch!

ZACK-Logo

Abbildungen © 2019 MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag

Foto ZACK-Club © 2019 Sven Krantz-Knutzen

Interview mit Max vom Splitter-Verlag

Der Splitter-Verlag ist mittlerweile der deutsche Comic-Verlag mit dem größten Output, zumindest, wenn man das Segment der Manga, Manhwa etc. einmal außen vorlässt. Zudem zelebriert er wie kein anderer sein Programm über die bekannten Vorhänge und zuletzt den Adventskalender. Im Folgenden ein Interview mit einem „Splitterer“ über den Verlag, das Programm und eine Annäherung an das Thema „Comics für Erwachsene“.

c-o: Kannst du dich unseren Leser*innen bitte kurz vorstellen?

Hallo, mein Name ist Max, und nehme bei Splitter verschiedene Aufgaben wahr, unter anderem die Pressearbeit und die Kommunikation nach außen. Außerdem habe ich ein offenes Ohr für Händler- und Kundenanfragen, schreibe unsere Marketingtexte und treibe mich in den sozialen Medien herum. Das meiste davon mache ich allerdings nicht allein. 

Max vom Splitter-Verlag
Max vom Splitter-Verlag

c-o: Zu Beginn ein Rückblick auf die Geschichte des Verlages, ihr habt im letzten Jahr schließlich ein Jubiläum gefeiert: Warum habt ihr euch eigentlich damals entschlossen, die „Alte Marke“ Splitter neu zu positionieren und einen eigenen Verlag zu gründen?

Der „neue“ Splitter Verlag wurde 2006 gegründet. Bis auf den Namen wurde auch nichts vom „alten“ Splitter Verlag übernommen (der 2000 aufgelöst wurde), weder Lizenzen noch Mitarbeiter oder sonstige Ressourcen. Aber wir arbeiten auch im frankobelgischen Comicsegment und in einer ähnlichen Genre-Ausrichtung. Die drei Gründer Delia Wüllner, Horst Gotta und Dirk Schulz sahen zum Zeitpunkt unserer Gründung genau da eine Lücke in der deutschen Szene. Damit hatten sie offensichtlich recht.

Splitters RDA
Die bisher erhaltenen Rudolph-Dirks-Awards des Splitter-Verlags

c-o: Während in den ersten Programmen Fantasy und Science Fiction dominierten, sind im Laufe der Zeit immer mehr Genres wie Western oder Mystery dazugekommen. Mittlerweile habt ihr auch immer mehr klassische franko-belgische Serien dazu genommen. Welchen Anspruch verfolgt ihr damit als Verlag?

Unsere Kernsegmente sind immer noch diese beiden Genres und dort v.a. neue Serien. Aber als der Verlag groß genug wurde, um Serien wie „Storm“, „Comanche“ oder „Dan Cooper“ als Lizenzen angeboten zu bekommen, mussten wir einfach zuschlagen. Wir sind schließlich selbst große Fans einiger Klassiker, und wir machen unsere Gesamtausgaben auch deshalb, weil wir diese Comics in bestmöglicher Qualität und zu fairen Preisen verfügbar halten wollen. Unser Anspruch an uns selbst ist dabei sehr hoch, und in die Aufbereitung des alten Materials fließt teilweise enorm viel Arbeit – Sammeln und Aufbereitung des alten Bildmaterials, Recherche der Publikationsgeschichte, redaktionelle Texte schreiben etc. pp.

c-o: Ihr macht „Comics für Erwachsene“. Kannst du das etwas näher definieren?

Der allergrößte Teil unseres Programms ist und war eben „für Erwachsene“, keine Comics für Kinder. Seit wir toonfish haben, stimmt das natürlich nicht mehr so ganz. Aber Comics sind für viele Deutsche immer noch „Kinderkram“, da sich ihr Wissen um das Medium mit „Asterix“ und „LTB“ erschöpft. Vielleicht ist dieses Label heute nicht mehr unbedingt nötig, da zumindest Graphic Novels einer breiteren Leserschaft bekannt sind.

Splitter-Archiv
Ein Teil des Archives

c-o: Viele Comics wie etwa Conan präsentieren ein absolut nicht mehr zeitgemäßes Rollenbild und bedienen auf den ersten Blick vor allem überholte Klischees. Warum sollte man das trotzdem veröffentlichen wollen? 

Was jetzt kommt, ist zu einem Großteil meine persönliche Meinung und nicht die offizielle Position des Verlags. Das Thema ist viel zu vielschichtig und „heiß“, um darauf als Firma vernünftig antworten zu können:
Wir beurteilen die meisten Comics tatsächlich erstmal anhand ihrer Zeichnungen. Und „Conan“ verspricht damit der Auswahl der beteiligten Künstler einfach Exzellenz. Gleichzeitig kann und sollte man diese Reihe als das lesen, was sie ist: werkgetreue Adaptionen von ziemlich alten, im positiven Sinne trashigen Romanen. Problematischer sind vielleicht moderne Reihen wie „Ekhö“ oder „Gunblast Girls“ die ein sehr sexualisiertes Frauenbild transportieren. Man kann den Protagonistinnen dabei durchaus zuschreiben, dass sie agierende und starke Charaktere sind, die nur „nebenbei“ auch sehr gut aussehen. Muss man aber nicht, das ist klar. Es ist auch schwer, eine Grenze zu ziehen, denn man kann auch die bloße Darstellung einer vollbusigen Dame im engen Kostüm (wie sie in Superheldencomics der Standard ist) bereits als anstößig empfinden. Oder wie ist zum Beispiel „Lady Mechanika“ zu betrachten, eine Reihe, die auch bei Leserinnen enorm beliebt ist? 
Wir als Verlag wollen vor allem Titel verlegen, an denen unsere Kunden Freude haben. Wir haben auch mehr als genug Bücher im Programm, die Themen wie Feminismus, Homosexualität, Ausgrenzung und Rassismus thematisieren: „Blau ist eine warme Farbe“, „Betty Boob“, „Liebe auf Iranisch“, „Die Frau ist frei geboren“, „7 Frauen“ und auf ihre Art auch Thriller wie „Katanga“ oder „SHI“… diese Liste lässt sich lange fortsetzen. Vieles davon ist Interpretationssache, aber wir versuchen wirklich, ein breites Spektrum anzubieten.
Die letzten drei deutschen Künstler, die wir ins Programm genommen haben, sind Frauen: Frauke Berger, Claudya Schmidt und demnächst Katrin Gal. Das liegt nicht daran, dass wir Künstlerinnen grundsätzlich bevorzugen würden, aber ich glaube wirklich nicht, dass wir zu einem Ungleichgewicht der Geschlechter in der Comicszene beitragen. Gleiches gilt für die anderen größeren Comicverlage in Deutschland, soweit ich das beurteilen kann. Die icom-Debatte will ich hier aber nicht noch mal aufwärmen.
Fakt ist jedoch, dass der durchschnittliche Comicleser männlich ist und Frankreich einen sehr viel offeneren Umgang mit Sexualität und Frivolität pflegt. Das schlägt sich auch in den Comics nieder, die dort immerhin fast ein Drittel aller Buchverkäufe ausmachen. Das hat natürlich große Auswirkungen auf die Lizenzen, die wir einkaufen und hier verlegen können. Würden wir „problematische“ Comics ausklammern, zu denen viele Klassiker übrigens auch gehören, könnten wir uns schlichtweg nicht am Markt halten, und wir würden auch unserem Anspruch als frankobelgischer Verlag in Deutschland nicht mehr gerecht werden.

Pausenraum
Der Pausenraum

c-o: Für die Statistiker: Welches sind eure größten Erfolge und was war der größte Flop?

Erfolge: „Die alten Knacker“ (Band 1 ist in der 6. Auflage), „Im Westen nichts Neues“ (5. Auflage), „Blau ist eine warme Farbe“ (4. Auflage). „Der Incal“, „Ekhö“, „Elfen“, „Storm“ und „Thorgal“ laufen als Reihen schon lange sehr gut. Von den neueren Serien sind vor allem „Lady Mechanika“ und „Black Hammer“ wirklich eingeschlagen.

Flops: „Terra Australis“ und die englische „Assassin’s Creed“-Reihe (die französische Serie lief gut) waren besonders schmerzhaft, weil beide sehr teuer in Einkauf und Herstellung waren und nur einen Bruchteil wieder einfahren konnten.

c-O: Zum Schluss ein Ausblick auf das kommende Programm: Worauf freut ihr euch am Meisten und was wird eurer Meinung nach die Leser*innenschaft am meisten begeistern?

Wir hoffen, dass unser neues Label „Splitter Diamant“ bei unseren Leser*innen gut ankommt. Uns werden oft solche XXL-Überformatausgaben in schwarz-weiß aus Frankreich in den Verlag geschickt, und es ist für uns ein kleiner wahrgewordener Traum, dass wir diese jetzt auch in Deutschland verlegen. Wir hoffen, dass wir das Segment in kommenden Programmen weiterführen können, denn es gibt so viele herausragende Comics, die eine derartige Präsentation verdienen!
Außerdem sind wir sehr stolz, die deutsche Künstlerin Katrin Gal verlegen zu können, die mit ihrem Sci-Fi-Comic „Radius“ wirklich tolle Arbeit geleistet hat. Und für die Nerds der alten Garde: Wir konnten das neue Projekt von Alain Ayroles und dem „Blacksad“-Zeichner Juanjo Guarnido sichern! Wir wissen selbst noch fast nichts darüber, aber wir freuen uns wahnsinnig darauf.

c-o: Ihr bringt zu dem neuen Bourgeon erstmals begleitendes Material in einer zeitungsartigen Form heraus und bietet den Fans dadurch erheblich mehr als „nur“ das Album. Habt ihr schon Reaktionen darauf erhalten?

Die Reaktionen sind eigentlich durchweg gut. Ein Bestseller sind die Zeitungen nicht, aber das war uns vorher klar, da die Käuferschaft für „Reisende im Wind“ Bd. 8 ziemlich klar definiert ist. In Frankreich werden solche Vorabveröffentlichungen häufiger gemacht, z.B. auch für „Das Schloss in den Sternen“, und wir wollten einfach mal schauen, ob das hierzulande auch funktioniert. Es ist sicherlich kein Konzept, das wir jetzt durchgängig und für viele Alben anbieten werden, aber man muss hin und wieder auch etwas Neues versuchen.

c-o: Vielen Dank, Max, für die ausführlichen Antworten! Ich bin sehr gespannt auf die Diamant-Ausgaben und war bisher in Comic-shops im Ausland immer sehr neidisch auf die dortigen Möglichkeiten. Viel Glück damit und macht weiter mit dem Ausprobieren!

Gehört auch dazu: Pepe

© der Abbildungen 2019 Splitter Verlag

© der Grafik 2019 comix-online

I’m a poor lonesome Cowboy – Interview mit Achdé und Jul

Aus Anlass des neuen Lucky Luke Abenteurers „Ein Cowboy in Paris“ stellten sich der Zeichner Achdé und der Texter Jul am 7.11.2018 den Fragen der Presse. Auch comix-online hat die Gelegenheit genutzt! Die Besprechung dieses Bandes findet ihr hier.

Vorweg aber noch ein paar Details zu den Künstlern:

Achdé (Hervé Darmenton) wurde 1961 in Lyon geboren und zeichnet Comics seit rund dreißig Jahren. Er übernahm Lucky Luke mit der Geschichte Der französische Koch, auf Deutsch als kleinformatiges Hardcover erstmals 2003 veröffentlicht. Seit 2011 arbeitet Achdé auch an Onepagern über Lucky Kid.

Jul ist der Künstlername des 1974 geborenen Julien Lucien Berjeaut. Das aktuelle Album ist seine zweite Zusammenarbeit mit Achdé nach „Ein gelobtes Land“. Auf Deutsch liegt von seinen weiteren Arbeiten bisher kaum etwas vor.

Achdé, Sie haben für Lucky Luke schon mit einigen Szenaristen zusammengearbeitet. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Jul gekommen und aus welchen Gründen haben Sie sich entschieden, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten?

Achdé: Zuerst gab es diese gute Idee, die Jul vorgeschlagen hat, und die fand ich so gut, dass ich mir gleich eine Dokumentarsendung über die Freiheitstatue angeschaut habe. Dann habe ich diese an Jul weitergereicht und ihn gebeten, sich das mal anzuschauen. Die Idee fand er so super, dass wir mit dem Verleger gesprochen, der die Idee auch fantastisch fand. Und außerdem hat die Zusammenarbeit beim ersten Band „Das gelobte Land“ so gut geklappt, dass es dumm gewesen wäre, die Teamkonstellation zu wechseln.

Könnten Sie für die Leser von comix-online beschreiben, wie die Zusammenarbeit mit Achde aussieht? Treffen Sie sich oder ist die Zusammenarbeit ausschließlich remote? Ist das Szenario mit seinen Vorgaben durch sie bereits komplett fertig oder akzeptieren Sie Ideen von Achde und integrieren diese?

Jul: Ich mache ein vollständiges Szenario und das gebe ich dann an Achdé weiter. Er macht sich dann daran, dieses Szenario zu zeichnen und die Seiteneinteilung vorzunehmen. Dabei stößt er dann womöglich hier und da darauf, dass es zeichnerisch nicht flüssig genug umzusetzen ist ganz, dass es verschiedene Probleme bei den Zeichnungen gibt, die man dann eben wieder anpassen muss und darüber diskutieren Achdé und ich dann.

Achdé: Ich mache auch gern Vorschläge zu den historischen Ereignissen. Die Leser wissen meine historischen Kenntnisse zu schätzen.

Jul: In diesem Album zum Beispiel gibt es die Szene, in der Lucky Luke Paris besichtigt, und jedes Panel ist wie eine Postkarte aufgebaut, eben mit den typischen Dingen, die man mit Paris verbindet, Notre Dame, den Boulevards, den Cafés. Ich wollte das eigentlich schnell abhandeln, denn ich dachte, es sei besser, die Geschichte an sich weiter zu behandeln, aber Achdé meinte, das muss alles vorkommen, und ich habe mich überzeugen lassen und ich bin auch sehr froh darüber.

Der neue Band von Lucky Luke enthält wesentlich mehr Anspielungen auf die aktuelle politische Situation als frühere Werke. Warum haben Sie sich entschieden, zeitbezogener zu werden und welche Absichten verfolgen Sie dabei?

Jul: Eigentlich ein Zufall. Das Thema der Freiheitsstatue ist an sich schon ein gutes Thema für eine Geschichte. Dass dann auch der aktuelle Bezug herrscht, ist ein reiner Zufall. Alles, was erzählt wird, hat eigentlich einen historischen Hintergrund, zum Beispiel die Olympischen Spiele, die erwähnt werden. Demnächst werden in Paris auch wieder Olympischen Spiele stattfinden und damals wurden dort auch Olympischen Spiele vorbereitet. Oder die Streiks, die wir heute haben, Streiks gab es auch damals um 1880. Oder Attentate, da gab es die ebenso welche zu dieser damaligen Zeit. Oder dass es Politiker gegeben hat, die gegen Immigration sind, die versuchen, Leute auszugrenzen oder auszusperren – das sind alles Vorkommnisse, die es damals gegeben hat und bei denen es uns aber so vorkommt, als seien das alles Anspielungen auf die heutige Zeit. Uns kommen die Dinge oft so vor, als würden sie uns das erst Mal passieren, als seien sie ganz neue Phänomene. Vielleicht trägt der neue Lucky Luke-Band nun dazu bei, dass wir verstehen, dass es solche Geschehnisse und Erscheinungen auch damals schon gegeben hat.

Comix-online ist ein Magazin für Deutsche und niederländische Leser. Sehen sie irgendwelche Unterschiede in der nationalen Rezeption von Lucky Luke in den beiden Märkten? Ein Unterschied ist auf jeden Fall die Vorveröffentlichung der neuen Geschichte in dem niederländischen Magazin EPPO.

Achdé: Natürlich hängt auch alles von einer guten Übersetzung ab. Der Übersetzer ist nicht nur dazu da, alles Wort für Wort zu übersetzen, sondern die ganze Geschichte anzupassen, zu adaptieren, damit auch der Leser dann die ganzen Anspielungen versteht, auch in der Fremdsprache, und das muss in jeder Sprache eben auch individuell angepasst werden. Es gibt in Lucky Luke auf jeden Fall verschiedenen Verständnisebenen, und das betrifft nicht nur den Band hinsichtlich seiner Übertragung in verschiedene Sprachen. Selbst im Französischen zum Beispiel zwischen Jung und Alt: Meine eigenen Kinder haben die Szene mit Madame Bovary erst gar nicht verstanden. Junge Leute lesen über so etwas hinweg, weil so etwas auch im Schulplan heutzutage, scheint mir, überhaupt nicht mehr enthalten ist, eben wie Madame Bovary im Literaturunterricht, während die Szene, die in Paris, also in der Großstadt, spielt, wo es viele Geschäfte gibt, diese Szene hat meine Kinder sofort angesprochen – dass man in einer Großstadt shoppen geht, das versteht jedes Kind sofort.

Arbeiten Sie lieber an den langen Lucky Luke Geschichten oder an den Onepagern mit dem Kid und warum?

Achdé: Wenn ich mit Jul zusammenarbeite, also als Team, dann ist das natürlich eine ganz andere Vorgehensweise – das gefällt mir auch. Aber wie gesagt, das kann man eigentlich gar nicht vergleichen. Wenn ich eine Geschichte, also eine Onepager für Lucky Kid mache, dann ist das natürlich ein ganz anderer Ansatz: Ich mache das Szenario selber, den Text selber, natürlich die Zeichnungen. Das ist dann eine Geschichte, die eben lustig sein soll, sonst nichts. Das mag ich auch, aber wie gesagt, das ist etwas ganz anderes als die klassischen Lucky Luke-Alben.

Würden sie den Lesern von comix-online noch gerne etwas sagen?

Jul: Der Wille, den traditionellen Lucky Luke fortzuführen, so wie er immer existiert hat, ist gepaart mit dem Wunsch, immer zu überraschen und etwas Neues zu bringen. Und so, wie uns das Vergnügen bereitet, hoffen wir, dass es so bleibt, dass auch die Leser weiterhin an Lucky Luke Vergnügen haben, ihn lesen und ihm treu bleiben.

Vielen Dank Achdé und Jul sowie Anja Adam und Maria Schreier von Egmont Publishing für die Vermittlung und Übersetzung!

© der Abbildungen Egmont Publishing