Giardino – Das Doppelleben des Max Friedman Gesamtausgabe 1

Ungarische Rhapsodie & Hetzjagd in Istanbul

Story & Zeichnungen: Vittorio Giardino

Originaltitel:  La dopia vide de Max Fridman

Salleck Publications

Hardcover | 240 Seiten | Farbe | 39,90 € | ISBN: 978-3-89908-854-0

Cover Max Friedman Gesamtausgabe 1

Die 80-er Jahre waren die große Zeit des Comic-Romans. Das Medium war erwachsen geworden, hatte über Science-Fiction und Erotik den Weg in die Vergangenheit unternommen und war nun bei den Themen der Jetztzeit angekommen, die eher in das psychologische gingen: Wie reagieren Menschen auf Veränderungen und Probleme. Neben den klassischen westeuropäischen Ländern tat sich insbesondere in Italien einiges. Während Hugo Pratt immer wieder als Vertreter des Comic-Romans genannt wird, fällt der Name seines Landsmannes Vittorio Giardino leider zu selten.

Ein Spion wider Willen

Die Rolle des „Spions“ ist in der Literatur und im Comic sehr unterschiedlich definiert. Während die einen sofort an 007 denken, an Glamour, Sex und Popcorn-Action, sind andere eher bei John Le Carré und dem eher unscheinbaren Typ, der nicht weniger gefährlich lebt, sich aber eher bedeckt hält. Max Friedman gehört eher zur zweiten Kategorie. Zwar ist er bekannt, kann sich also nicht unerkannt bewegen, ist aber kein Cocktailparty-Held. Seine aktive Zeit ist eigentlich vorbei, wie so oft in diesem Sujet ist es aber so, dass er sich der Vergangenheit nicht ganz entledigen kann. Und so ist die „Firma“ doch immer noch irgendwie Teil seines Lebens.

Die Geschichten spielen 1938; Europa hat die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs noch nicht überwunden, steht aber schon wieder an der Schwelle eines neuen Kriegs. Hitler bedroht seine tschechischen und österreichischen Nachbarstaaten und das Russland unter Stalin ist vor allem für seine eigenen Leute eine tödliche Bedrohung. Außenpolitisch kann man es noch nicht richtig einschätzen. Diese Lage führt dazu, dass sich in den politischen Zentren Agent*innen aller Coleur gegenseitig bespitzeln, bekämpfen, Allianzen schließen und brechen und somit ihre eigene Berechtigung beweisen.

Max Friedman Gesamtausgabe 1 page 150

Max Friedman hatte seine aktive Zeit eigentlich schon beendet, wird aber trotzdem nach Budapest geschickt. Dort waren innerhalb kürzester Zeit gleich mehrere Agenten getötet worden. Max gelingt es, die letzte Überlebende der Gruppe ausfindig zu machen, sich in dem Haifischbecken zu behaupten und zu fliehen. Dabei kommt es zu einer kurzen Phase des privaten Glücks, die aber natürlich nicht lange anhält. Auch die Hetzjagd in Istanbul beweist die Ambivalenz der Dienste denen das „große Ziel“ oftmals über das Leben des Einzelnen geht. Giardino beschreibt die Menschen, packt sie unerwartete, herausfordernde Situationen und scheint teilweise selbst erstaunt darüber, wie sie sich verhalten. Diese fast schon wie beobachtende Distanz wirkende Methode lässt Max Friedman wie einen mehrbändigen Roman ablaufen.

Realismus in der Fassung der 80-er

Vittorio Giardino ist ein Meister der realistischen Zeichnung. Seine Darstellungen von Buda und Pest als auch von den unterschiedlichen Facetten Istanbuls zeugen von guter Beobachtungsgabe und der Fähigkeit, das selbst Gesehene um Jahrzehnte zurückversetzt transponiert wiederzugeben. Sein Held ist ein bürgerlicher, in sich selbst ruhender Mann. Er glaubt an das Gute, hat aber schon lange aufgehört, in seiner Arbeit idealistische Züge zu sehen. Diese Grundstimmung lässt sich in fast jeder Zeichnung als Grundmotiv erkennen: Es geht nicht um Action oder vordergründige Ziele.

Max Friedman Gesamtausgabe 1 page 151

Die Geschichten sind in italienischen Magazinen vorabgedruckt worden, die zweite in dem Corto-Maltese-Magazin. Während ansonsten in Italien die Fumetti vorherrschten – zu dieser Zeit auch schon mit einem hohen Anteil an Gewalt und Sex – waren die neuen Themen ebenfalls erfolgreich. Vieles davon profitierte von den Erfahrungen in Lateinamerika und der von dort mitgebrachten Art, Geschichten zu erzählen und politische Motive zu integrieren.

Eine vorbildliche Gesamtausgabe

Max Friedman hatte seinen ersten Auftritt in Deutschland 1985 beim Carlsen Verlag, damals noch unter dem Sublevel „comic art“. Beide hier zusammengefassten Bände erschienen damals. Band 3 bis 5 dagegen kamen erst ab 2000 bei Salleck Publications heraus. Nun also die mustergültig editierte Gesamtausgabe, die die Anfänge endlich wieder verfügbar macht.

Anhang Max Friedman Gesamtausgabe 1 page 197

Neben Einleitungen von Giardino enthält der Band eine große Anzahl von zusätzlichen Illustrationen und Skizzen sowie ein ausführliches Interview mit dem Künstler. Dieses gibt einen Einblick in das Verständnis für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, das Giardino in seinen Erzählungen versucht hat, umzusetzen: die Ablehnung von Totalitarismus, von der Behauptung, (als einziger) die absolute Wahrheit zu kennen und dem Willen, die eigene Meinung anderen auch mit Gewalt aufzuzwingen.

Dazu passen Bob Marley & Amy Winehousemit „Silent Thunder“ und ein guter Barolo!

© der Abbildungen Vittorio Giardino 2026 / 2026 Eckart Schott Verlag

Reddition 83 – Watchmen

Ein Überblick zum 40. Jahrestag der Erstveröffentlichung

Herausgeber: Volker Hamann
Verlag Volker Hamann, Edition Alfons
Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 12,00 €
ISSN: n/a

Cover Reddition 83

In den 80-er Jahren gab es einige Comics, die das Superhelden-Genre für immer verändern sollten. Einer davon ist The Dark Knight Returns von Frank Miller und ein paar weitere Titel aus dem Batman-Universum. Ebenfalls aus dieser Zeit ist der erste Band der Graphic Novel Maus von Art Spiegelman deren Einfluss ebenfalls nicht unterschätzt werden darf. Dieses Dossier aber widmet sich der zwölfteiligen Miniserie Watchmen, einem Meilenstein der Comic-Geschichte, den beteiligten Künstlern, Neben- Folge- und Begleitprojekten sowie der Diskussion über die erlaubten Grenzen der Vermarktung.

Die Ausgangssituation

Watchmen und einige andere immer noch lesenswerte Superheldencomics aus dieser Zeit wären ohne die sogenannte „British Invasion“ nicht möglich gewesen. Der britische Comicmarkt war in den 70-ern nicht sehr international. Es gab zwar Kooperationen mit (hauptsächlich) spanischen Zeichnern und Studios, diese produzierten aber für den britischen Markt. Die Magazine enthielten kaum Lizenzmaterial und folgten eigenen Themen. Peter Schimkat beleuchtet in einigen Beiträgen den Markt und einige der britischen Szenaristen und Zeichner. Diese fanden, angelockt durch Talentscouts, durchaus ihren Weg in die Staaten.

Reddition 83 pages 4, 9

Die Künstlerporträts

Im Laufe des wie immer sehr umfangreichen und gut recherchierten Dossiers werden Alan Moore, Len Wein, Bill Siekiewicz, Eddie Campbell und Dave Gibbons vorgestellt. Damit ist das Spektrum bewusst weit gefasst, um einen wirklichen Überblick bieten zu können. Die Autoren bemühen sich dabei, nicht nur die künstlerischen Elemente zu beschreiben, sondern auch auf die Psyche und die „Ticks“ der Personen einzugehen. Gerade im kreativen Bereich sind diese oft maßgeblich für das Ergebnis.

Dazu gehört dann eben auch, dass die Erfinder der Serie, die damals ein kongeniales Team gebildet haben, seit vielen Jahren nicht mehr miteinander reden und sehr unterschiedliche Auffassungen über andere Verwertungen wie bewegte Bilder oder Preqels haben.

Es gibt wieder einen Mix aus beschreibendem Artikel, Interview und einordnender Meinung. Einzig die Grammatik scheint einem Autoren etwas durcheinandergeraten zu sein (es mag sich allerdings auch um einen Dialekt handeln); beim Lesen überraschen jedenfalls einige der gesetzten Zeichen. Das ist allerdings ein „Meckern auf hohem Niveau“!

Reddition 83 pages 66, 81

Die Verwertungen

Der Comic ist als Heftserie erschienen, als Sammelbandedition, als einbändige Ausgabe, als Jubiläumsausgabe, als … Sowohl DC Comics als auch die ausländischen Lizenznehmer (In Deutschland Carlsen und Panini) haben immer wieder neue Editionen verlegt. Fairerweise sei angemerkt, dass diese auch gekauft wurden! DC hat aber auch eine Passage des Vertrages ausgenutzt, um eine Reihe von Prequels, ein Crossover und ein Sequel zu veröffentlichen, die je nach Thema mehr oder weniger kritisch aufgenommen worden waren. Wie weit muss ein Verlag die Wünsche eines Autoren berücksichtigen? Und wie weit darf ein Verlag gehen, der unzweifelhaft Geld verdienen muss? Die Fragen werden gestellt, dankenswerterweise aber nicht von der Kanzel herab beantwortet. Jede*r Leser*in möge sich selbst ein Bild machen.

Als Service werden dabei alle Miniserien kurz vorgestellt und inhaltlich eingeordnet. Und auch die Versuche, das Werk in bewegte Bilder zu übertragen werden vorgestellt und bewertet. Dabei fällt auf, wie schwierig es ist, die Komplexität und Verschränkheit einer Literaturform (und ja, für mich sind Comics Teil der Literatur) im Medium Film darzustellen. Selbst der Comic nimmt schon viel der eigenen Vorstellungskraft, die es uns ermöglicht, das Gelesene wahrzunehmen und zu „erleben“. Trotzdem können Gleichzeitigkeiten quasi nachträglich im Gehirn erzielt werden. Im sequenziellen und passiven Sehen ist das deutlich schwieriger. So ist der Comic im Comic als Konzept völlig logisch, das Lesen eines Comics im Film aber unheimlich schwierig darzustellen.

Reddition 83 page 72

Der perfekte Begleiter zur Serie

Viele Comics gehören in eine bestimmte Zeit, manchmal auch zu einem bestimmten Lebensabschnitt. Nur wenige Comics haben es wirklich verdient, über die Jahrzehnte hinweg immer wieder gelesen zu werden. Dazu gehören The Watchmen (oder Deutsch – „Die Wächter“) ganz ohne Zweifel! Wer schon immer mal wieder vorhatte, sich dieses Vergnügen erneut zu gönnen, sollte vorher dieses Dossier lesen und auf Grund der Lektüre in der Lage sein, neue Dinge zu entdecken. Allen anderen, die sich mit den Fragen von Politik, Bedrohung, Manipulation, Recht und Gerechtigkeit beschäftigen, einen sehr unterhaltsamen, gleichzeitig aber auch fordernden Ansatz mit immer noch überragenden grafischen Umsetzungen genießen wollen, können von der Einführung durch dieses Dossier nur profitieren.

Vielleicht noch der Hinweis, dass das Dossier einen Spoiler enthält, der einen wesentlichen Teil der Geschichte verrät. Dieser Spoiler ist im Zweifel aber sowieso bekannt. Für Abonnent*innen der Zeitschrift liegt der Reddition 83 wie immer ein Goodie bei. Dieses Mal eine wie immer von Volker Hamann sorgfältig recherchierte und bebilderte Bibliographie aller amerikanischen und deutschen Ausgabe der Watchmen und der assoziierten Serien zwischen 1986 und 2026 im Heftformat.

Beilage Reddition 83

Dazu passen New Order mit „State of the Nation ” und ein Absinth.

© der Abbildungen Cover © DC, 2019, ansonsten bei den jeweiligen Autoren und Verlagen / Verlag Volker Hamann, Edition Alfons 2026

Breinbauer – Blutsauger

Vampire in Wien?

Story und Zeichnungen: André Breinbauer

Originalausgabe

Carlsen Comics
Hardcover | 248 Seiten | Farbe | 28,00 € | ISBN: 978-3-551-80898-1

Cover Blutsauger

Vampirgeschichten waren in Film und Literatur nie verschwunden und haben durch das Subgenre Dark Romance noch einmal einen riesigen Pusch bekommen. Der Terminus Blutsauger hatte aber schon immer eine doppelte Bedeutung und bezeichnete auch Menschen, die andere ausgebeutet haben. Diese Graphic Novel aus dem aktuellen Wien spielt genau mit diesen beiden Ebenen.

Gibt es Vampire wirklich?

Hannah ist eine junge Studentin und lebt in Wien in einem Altbau. Sie hat die Wohnung von ihrer Großmutter übernommen und profitiert dementsprechend von einer relativ geringen Miete. Als sie eines Abends in ihre Wohnung zurückkehren will, fühlt sie sich verfolgt. Der Mann erinnert in seinem Äußeren und seiner Kleidung an einen Vampir und macht ihr unbewusst Angst. Als sie glaubt, ihn endlich abgeschüttelt zu haben, stellt sich heraus, dass er die andere Wohnung auf ihrer Etage bewohnt.

Nicht genug damit klingeln am nächsten Tag seltsame Gestalten an ihrer Tür und fordern sie auf, die Wohnung zu räumen. Sie kündigen Bauarbeiten, Belästigungen und Schlimmeres für den Fall an, dass Hannah nicht ausziehen würde. Und tatsächlich sind die meisten Parteien schon ausgezogen. Die Umstände lassen allerdings nicht immer auf eine Freiwilligkeit schließen.

Blutsauger page 5

Die junge Frau steigert sich immer mehr in das Thema Vampire hinein und Breitbauer vermengt geschickt Texte von Bram Stoker mit der aktuellen Wirklichkeit. Dabei wird klar, dass wirkliche Blutsauger, die ein Mal am Hals hinterlassen, und so genannte Blutsauger, die über Leichen gehen, nicht unbedingt miteinander zu tun haben müssen.

Moderne Umsetzung

Breitbauer setzt seine eigene Story sehr modern um. Die Zeichnungen sind zwar reich an Details, abstrahieren aber auch. Realismus ist nicht das Ziel, es geht mehr um Stimmungen und Gefühle. Diese allerdings sprechen aus jeder Seite! Die einzelnen Panel erzählen bereits eine Geschichte, die Kompositionen der Seiten fügen dem aber noch eine weitere Ebene hinzu!

Blutsauger page 6

Die in vier Kapitel erzählte Story ist gruselig. Die Erlebnisse der jungen Frau werden eindringlich geschildert und auch ihre Frustration, dass selbst ihre engsten Freund*innen sie eher für überzogen als für glaubwürdig halten, spricht Bände. Auf der anderen Seite ist der Band jedoch voller Humor und Liebe für das Fremdartige und die Neugier und daher eben auch optimistisch und aufbauend!

Lasst euch nicht unterkriegen!

Schwierige Zeiten erfordern neue Wege! Dazu gehört es, Ängste und Vorurteile zu überwinden und an sich selbst und an das Gute zu glauben. Nun sind die richtigen Mittel in einer Geschichte vielleicht doch andere als die, die man im richtigen Leben anwenden sollte, das Prinzip aber bleibt! Im Gegensatz zu klassischen Interpretationen steht dabei hier nicht die Unterordnung der Frau im Mittelpunkt!

Blutsauger page 7

Blutsauger von dem aus Passau stammenden, aber in Wien lebenden André Breitbauer ist eine Liebeserklärung an die Stadt, das Genre und den Mut, nicht alles hinnehmen zu wollen. Und er spielt auch in diesem Werk wieder damit, dass Annahmen von der Realität oft genug nicht bestätigt werden!

Dazu passen Esther Bejarano & Coincidence mit „Shtil, di nakht is oysgeshterntund ein Ottakringer.

© der Abbildungen 2026 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg

Siehst du es?

Grafische Erzählungen über den Schriftsteller Siegfried Lenz

Hrsg: Siegfried Lenz Stiftung & Studiengang Illustration HAW Hamburg

Story:Siegfried Lenz, 16 Autor*innen

Zeichnungen: 16 Zeichner*innen

Originalausgabe

Carlsen Comics
Hardcover | 272 Seiten | Farbe | 26,00 €
ISBN: 
978-3-551-80941-4

Cover Siehst Du es?

Am 17. März dieses Jahres wäre der 2014 verstorbene Siegfried Lenz 100 Jahre alt geworden. Es gibt nur sehr wenige Literaten seines Kalibers in der deutschen Nachkriegsgeschichte und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch eine grafische Annäherung an ihn erscheint. Zusammen mit der von Lenz selbst gegründeten Stiftung hat der Studiengang Illustration des Fachbereichs Design der HAW Hamburg 19 Episoden versammelt, die sich mal sehr persönlich, mal distanziert beschreibend mit verschiedenen Etappen aus dem Leben des Autors befassen.

Ein ganzes Leben in Bildern, …

Die Sammlung ist chronologisch aufgebaut und beginnt bereits mit der Kindheit des Jubilars. In Ostpreußen geboren liebt der kleine Junge das Wasser, das Fischen und das Lesen, kann sich aber auch der Hitlerjugend nicht entziehen. Der Krieg folgt und die Diskrepanz zwischen Propaganda und Realität wird erlebbar.

Von nun an steht der Schriftsteller im Mittelpunkt. Wahres Schreiben kommt von innen heraus und so ist das Leben, sind die Gedanken und Gefühle nicht von dem Prozess des Schreibens trennbar. Der Mensch braucht eine geeignete Umgebung, um produktiv sein zu können. Für Lenz war das Norddeutschland und Dänemark, war das Geborgenheit in der Familie und im Umfeld, waren das herausfordernde Gespräche und alltägliche Begebenheiten, die es ihm erlaubten, exemplarische Romane, Erzählungen und Essays zu schreiben.

Siehst Du es? page 10

Seine zwei Ehen, seine Freundschaft mit Helmut und Loki Schmidt, sein vertrautes Verhältnis zu seinem Lektor tauchen immer wieder auf und bilden das Gerüst, in dem Lenz sich entfalten konnte. Jede einzelne Episode aus seinem Leben besteht dabei in diesem Band aus zwei Teilen: die grafische Darstellung nach dem Gusto des/der Zeichner*in, und ein passender Originaltext aus dem vielfältigen Werk. Und dabei werden größtenteils keine Ausschnitte aus dem literarischen Werk genommen, sondern Briefe, Vorträge oder Beiträge, die nicht schon hundertmal gelesen worden sind!

… sehr unterschiedlichen Bildern, …

Wie es sich für einen Sammelband gehört, noch dazu für die Arbeiten der Teilnehmer*innen eines Studienganges, sind die Arbeiten stilistisch sehr unterschiedlich. Einige der Beiträge entsprechen dem, was man als Leser*in unter dem Stichwort „Graphic Novel“ erwarten würde. Anderes dagegen sieht eher aus, wie eine Abfolge von Illustrationen, wie sie etwa die „Fliegenden Blätter“ fabriziert haben.

Siehst Du es? page 11

So unterschiedlich die Zeichnungen auch sind, allen gemeinsam ist der Respekt vor der Person Siegfried Lenz. Er wird zwar nicht auf ein Denkmal gestellt und somit verfremdet, er wird aber auch nicht in Frage gestellt. Durch die Originaltexte kommt eine sehr schöne Spannung auf. Manchmal übernehmen die Arbeiten Passagen aus dem jeweils folgenden Abdruck, manchmal erzählen sie auch komplementär.

… dass es wert ist, präsentiert zu werden.

Für mich ist Siegfried Lenz einer meiner Lieblingsschriftsteller und daher war ich sehr gespannt, ob diese Hommage mich begeistern würde. Der Stil der Zeichnungen trifft nicht immer meinen Geschmack, ist aber handwerklich vollkommen in Ordnung! Die Behutsamkeit der Annäherung und die Achtsamkeit gegenüber dem Menschen (nein, eigentlich gegenüber allen Menschen, über die geschrieben und gezeichnet wird) ist aber deutlich.

Siehst Du es? page 14

Für Menschen meines Alters, für die Helmut Schmidt, Günter Grass und auch die bleierne Zeit erlebte Gegenwart waren, ist der Band ein Genuss. Ob Jugendliche damit begeistert werden können, wage ich zu bezweifeln. Aber das ist sicherlich auch nicht die Aufgabe dieses Werkes!

Dazu passen Inga und Wolf mit „Was ich noch zu sagen hätte“ und ein Glas Lübecker Rotspon.

© der Abbildungen 2026 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg

Garcia, Rouge/Rouge – Rio 3

Wilder Karneval

Story: Louise Garcia & Corentin Rouge
Zeichnungen: 
Corentin Rouge
Originaltitel: 
Rio: Carnaval Sauvage

Blattgold Verlag – ZACK Edition

Hardcover | 80 Seiten | Farbe |25,00 € | ISBN: 978-3-949987-23-6

Cover Rio 3

Immer mal wieder erreichen uns Nachrichtenmeldungen aus dem mittleren und südlichen Amerika über Unruhen und kriegsähnliche Zustände aus den Elendsgebieten der Megastädte. Dementsprechend ist auch der Begriff Favela bekannt und steht mittlerweile als Synonym für einen Slum, der von Drogenbanden kontrolliert wird. Über die Aufnahmen von Straßenschlachten und brennenden Gegenden hinaus ist aber wenig bekannt.

Ein mehrschichtiger Machtkampf

Rio ist eine lange Geschichte mit vier aufeinander aufbauenden Teilen. Sie beschreibt die Entwicklung einiger Bewohner*innen der Favelas von Rio. In dem Slum selbst gibt es drei Möglichkeiten, sich ein einigermaßen erfolgreiches Leben aufzubauen: Die unterste Stufe (der Erfolgreichen) sind Prostituierte, darüber stehen die verschiedenen Hierarchiestufen der Drogenorganisation vom Läufer bis hin zum obersten Chef. Daneben gibt es den Karneval bzw. die Sambaschulen.

Rio 3 page 3

Während Rubeus in Wilder Karneval von seinen Adoptiveltern angefleht wird, das Land zu verlassen und mit in die Staaten zu kommen, möchte dieser den Tod seiner Schwester rächen. Dazu muss er sich allerdings wieder tief in das Ghetto begeben und läuft Gefahr, Opfer alter Rechnungen zu werden. Gleichzeitig versuchen sowohl Ratte als auch die Hexe Capitu, die aktuellen Machtstrukturen zu stürzen.

Louise Garcia beschreibt sehr eindringlich die Zustände in den Elendsgebieten, die Macht und die alltägliche Gewalt, aber auch die offiziellen Strukturen, die diese Zustände brauchen, um sich selbst rechtfertigen zu können. Und so gehen Korruption, Gewalt, Religionen und Kommerz (Samba) Hand in Hand…

Rio 3 page 4

Intensiv

Die Zeichnungen von Corentin Rouge sind nichts für zartbesaitete Leser*innen. Er verdrängt die Armut und ihre Folgen nicht und zeigt die Folgen des Drogenkonsums und der Mangelernährung in Großaufnahme! Zudem sind seine Figuren teilweise so abgestumpft und enthemmt, dass die Gesichter zu Fratzen werden. Gleichzeitig sind aber auch die Hintergründe detailliert ausgearbeitet und bieten dem Auge viele Gelegenheiten, Neues zu entdecken oder zu verweilen.

Wer mehr über die Serie wissen möchte, sollte sich das sehr lange Interview in den ZACK-Ausgaben   317 und 318 zu Gemüte führen! Wer die Serie bisher noch nicht kennt, aber ein Interesse an Geschichten über das Drogenmillieu hat, sollte hier auf jeden Fall reinschauen. Vielleicht etwas weniger geglättet als im Stream, aber nicht weniger spannend.

Rio 3 page 5

Sehens- und lesenswert

Das gar nicht mehr so kleine Portfolio der ZACK-Edition ist immer wieder spannend. Während es einerseits einige Albenausgaben von ZACK-Klassikern wie Michel Vaillant oder Tanguy & Laverdure bereithält, liefert es andererseits klassische frankobelgische Serien aus. Daneben gibt es aber immer wieder Perlen im Randbereich zum Graphic Novel Genre, die den deutschen Markt abseits von Nischenthemen bereichern. Rio gehört definitiv dazu!

Wie so oft, gibt es auch bei dieser Serie nur beim Verlag jeweils eine limitierte Vorzugsausgabe mit Variantcover und beigelegtem Druck. Empfehlenswert!

Cover Rio 3 VZA

Dazu passen Abraskadabra und ein Bohemia.

© der Abbildungen Editions Glenat 2018 by Louise Garcia & Corentin Rouge | 2025 Blattgold Gmbh

Strunk/Arndt – Der goldene Handschuh 1

Sommer der Liebe

Story: Heinz Strunk

Zeichnungen: Ully Arndt

Originalausgabe

Carlsen Comics
Klappenbroschur | 116 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-551-74500-2

Cover Der goldene Handschuh

Heinz Strunk ist ein deutscher Autor aus Hamburg. Oftmals sind seine Werke beeinflusst von seiner zweiten Beschäftigung als Musiker. Während Fleisch ist mein Gemüse sehr humorvoll ist, fordert der Sommer in Niendorf den Leser*innen schon einiges ab. Ully Arndt hingegen ist eher für seine Werke im Stern, MAD und die Ottifanten bekannt. Der goldene Handschuh bringt die beiden Norddeutschen für eine Art True Crime Story zusammen.

Hamburg Noir

Die 70-er Jahre brachten viele Neuerungen in Musik, Subkultur, Gesellschaft, Emanzipation und Mode. Es sollte aber einige Zeit dauern, bis Änderungen auch in den Niederungen der deutschen Realität Einzug halten konnten. Dieser Comic-Roman beginnt 1974 auf dem Hamburger Kiez. Die Auswirkungen des Krieges sind noch zu spüren, die Sinnkrise ist jede Sekunde gegenwärtig, der gesellschaftliche Pre-68er Mief stinkt aus jeder Ecke.

In einer Milieu-Kneipe treffen sich allabendlich die traurigen Gestalten, die Hoffnung auf bessere Zeiten erschöpft sich in einer vernünftigen Mahlzeit. Für Frauen kommt noch der Wunsch, nicht verprügelt, vergewaltigt oder ausgeraubt zu werden hinzu. Das Wetter ist der typische Hamburger Schmuddel. Viel bedrückender kann eine Alltagsbeschreibung nicht sein. Der Gegensatz dazu ist eine reiche Reeder-Familie. Die erste Generation ist abgetreten und besteht nur noch aus Hass, die zweite Generation ist unfähig und die dritte hat nur Flausen im Kopf. Auch hier ist die Stimmung bedrückend, allerdings komplett anders, die Mechanismen aus Alkohol, Gewalt und Misogynie aber vergleichbar.

Der goldene Handschuh page 5

Während der erste von geplanten zwei Teilen eher die Szenerie ausbreitet, wird doch klar, dass in der Stadt Frauenleichen gefunden werden und die Polizei sich an die Arbeit macht. Gleichzeitig hat einer der Protagonisten den Namen Fritz Honka. Wer sich etwas auf deutsche Kriminalgeschichte versteht, weiß bereits, welches Drama sich hier entwickeln wird.

Düster und verstörend

Wer beim Namen Arndt niedliche Ottifanten erwartet, liegt hier komplett falsch. Der Zeichner nimmt die von Strunk geschaffene Stimmung in seinen Zeichnungen auf und präsentiert eine deprimierende Welt: dunkel, dreckig, rau. Nichts ist schön im engeren Sinn, die geschminkten Gesichter sind Fratzen, der Humor abgründig und alkoholgetränkt. Und selbst die hellen Panels, die das vermeintlich schöne Leben der reichen Familie darstellen, lassen wie in einem Horrorfilm den Schrecken am Horizont aufblitzen.

Das grundsätzlich aus einem 2 x 3 Raster bestehende Layout wird immer wieder aufgebrochen und an die Action angepasst. Den Leser*innen wird keine Ruhepause gegönnt und den Sommer der Liebe erwartet hier wohl niemand in seiner wörtlichen Ausprägung.

Der goldene Handschuh page 6

Eine gelungene Umsetzung

Der goldene Handschuh ist auch als Comic gelungen, aber herausfordernd. Wer die leichte Unterhaltung sucht, sollte einen Bogen um diese Graphic Novel machen. Wer sich aber in die bleierne Zeit hineinversetzen will, wer sich erinnern möchte, dass früher keineswegs alles besser, ja, noch nicht einmal gut war, der ist hier richtig!

Leider wird es noch ein wenig dauern, bis der abschließende zweite Teil 2027 erscheinen wird. Immerhin gibt es ein Nachwort der beiden Künstler, die auf die Story und ihre Entstehungsgeschichte eingehen. Abseits des Mainstreams, aber lohnenswert!

Der goldene Handschuh page 7

Dazu passen Hans-A-Plast mit „Rock’n’Roll Freitag“ und ein norddeutscher Doppelkorn.

© der Abbildungen 2026 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg

Munuera – Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

Nach der Erzählung von H. G. Wells

Story: José-Luis Munuera

Zeichnungen:  José-Luis Munuera

Originaltitel: L´Homme qui pouvait accomplir des miracles

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |72 Seiten | Farbe | 19,80 € | ISBN: 978-3-68950-139-6

Cover Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

Der Spanier Munuera ist ein Multitalent. Er hat sich schon an den Blauen Boys versucht, den Spirou-Kosmos bevölkert, und über Roboter mit Gefühlen geschrieben. Daneben nimmt er sich immer wieder klassische Romane und Erzählungen vor und setzt sie als Comic um. Die diesem Band zugrundliegende Erzählung stammt von einem der Ur-Ahnen der Science-Fiction-Literatur, ist aber eher unbekannt.

Der Klassiker neu interpretiert

Jede*r weiß, dass Wünsche manchmal „in die Hose gehen“ können. Bei Spider-Man wurde daraus der Gleichklang zwischen großer Macht und großer Verantwortung, bei vielen Märchen steht der Untergang als Folge fest. Auch Wells versucht sich an diesem Thema: ein junger englischer Spießer verspürt plötzlich die Macht, Dinge zu tun. Eigentlich wollte er nur beweisen, dass es Wunder nicht geben könne, doch trotzdem hängt die Lampe tatsächlich falsch herum und der Pub, Ort des Geschehens, steht in Gefahr, Opfer eines Brandes zu werden.

Anstatt den Beweis der Unmöglichkeit anzutreten, steht plötzlich eine Verwarnung durch den örtlichen Polizisten im Raum. Der arme Mister Fotheringay weiß nicht wirklich wie ihm geschieht. Als es zu einer erneuten Begegnung mit dem Polizisten, wieder nach einem verunglückten Wunder, kommt, schickt er ihn kurzerhand in die Hölle. Geplagt von Gewissensbissen wendet er sich daraufhin an den örtlichen Priester.

Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte page 7

Dann jedoch – Wells mochte die klerikale Seite der Welt noch nie – gerät alles aus den Fugen… Munuera nimmt die Geschichte, die schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat, als Vorlage, erfindet ein paar Sachen hinzu, schmückt anderes ein wenig aus, und erzählt eine moderne Parabel. Die Pointe bleibt, die Sprache ist immer noch schön, das viktorianische tritt aber nicht mehr in den Vordergrund.

Ein typischer Munuera

So flexibel Munuera bei seinen Szenarien ist, so eindeutig erkennbar sind seine Zeichnungen. Auch hier ist die Urheberschaft auf den ersten Blick zu erkennen: die leicht braunlastige Farbpalette, die konturierten und doch sympathischen Gesichtszüge der Protagonisten, die Überheblichkeit, die sich in der Körperhaltung etwa des Polizisten ausdrückt, der sein Dorf noch nie verlassen hat, aber alles weiß.

Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte page 9

In diesem Band sind einige großformatige Zeichnungen eingestreut, die den Leser*innen wieder das Vergnügen ermöglichen, Details zu suchen. Dabei schafft es der Spanier, den typischen englischen Humor und Style zu übernehmen. Großartig!

Auch so kann man Lust auf Bücher erzeugen!

Während viele Leser*innen diesen Comic wahrscheinlich wie andere auch konsumieren werden, lassen sich vielleicht einige dazu inspirieren, auch andere Werke von Wells lesen zu wollen. Die beiden abgedruckten Essays mögen dabei helfen. Während der große Jules Verne Technik nutzt, um Abenteuergeschichten zu schreiben, lässt Wells viel mehr Fragen offen, die philosophischer Natur sind.

Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte page 10

Der Band kommt im Splitter-typischen Großformat und bringt die Bilder daher super zur Geltung. Wer noch eine Anregung für das Osterfest sucht, darf hier bedenkenlos zuschlagen und dabei noch das gute Gefühl haben, einen Klassiker der Weltliteratur in lesbarer Form zu verschenken!

Dazu passen The Who (ein Meilenstein der englischen Musikgeschichte) mit „Quadrophenia“ und ein Pint London Pride!

© der Abbildungen Dargaud Benelux (Dargaud-Lombard S.A.) 2025 | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2026

Simenon, Fromental/Yslaire – Der Schnee war schmutzig

Ein „Roman Dur“

Story: Georges Simenon, Jean-Luc Fromental

Zeichnungen: Bernard Yslaire

Originaltitel: La Neige était sale

Carlsen Comics
Hardcover | 104 Seiten | Farbe | 24,00 €
ISBN: 
978-3-551-80637-6

Cover Simenon - Der Schnee war schmutzig

Comic-Adaptionen von erfolgreichen Krimis waren schon immer ein Bestandteil des erfolgreichen Spektrums. Deutsche Leser*innen mögen sich noch an Derrick, Schimanski oder Wilsberg erinnern, die alle als Bildgeschichte in den Regalen standen. Auch international reüssiert dieses Genre gerade wieder: In Serie erscheinen Umsetzungen der Romane von Agatha Christie, die Werke nach Leo Malet werden neu aufgelegt. Nun also auch Gerges Simenon! Der 1989 verstorbene belgische Schriftsteller war noch erfolgreicher als der ebenfalls vielschreibende Henri Vernes. Die meisten werden Simenon wohl aufgrund seiner Krimis mit Kommissar Maigret kennen; er hat daneben aber auch eine Vielzahl von anderen Büchern geschrieben, darunter 117 sogenannte Roman Durs.

Gewalt und Mord in einer besetzten Stadt

Der Schnee war schmutzig wird als einer der besten Romane von Simenon bezeichnet und mit existenzialistischen Werken untern anderem von Camus verglichen. Brauchte der Autor normalerweise rund zwei Wochen, um einen Roman zu schreiben, ließ er sich für diesen sogar drei Wochen Zeit. Das Ergebnis ist ein desillusionierendes Werk. Der „Held“ ist ein 18-jähriger Sohn einer Bordellbetreiberin. Sein Leben besteht darin, gefühllos durch diese Welt zu gehen, mit Frauen zu schlafen, Gaunereien zu begehen, sich zu betrinken und schließlich auch, Menschen umzubringen.

Zunächst scheint dabei alles glatt zu gehen, er bekommt sogar eine Bestätigung, dass die Besatzungsmacht ihm freie Hand und freies Geleit gewährt. Obwohl Frank Friedmaier keine Ziele hat und eigentlich auch keinen Antrieb hat, lebt er so ein recht sorgloses Leben, verachtet gleichzeitig aber diese Sicherheit und alles um ihn herum. Neudeutsch ein echter Stinkstiefel!

Simenon - Der Schnee war schmutzig page 5

Doch plötzlich wendet sich das Blatt, die nicht näher definierte Besetzungsmacht verschleppt ihn und beginnt eine sowohl körperliche wie psychologische Foltertortur. Wird es ihm gelingen, nun doch einen Halt im Leben zu finden und zu überleben? Oder wird das eine Böse das andere Böse vernichten? Zudem stellt sich die Frage, wie einige der Personen, deren Psyche und Emotionen Frank ignoriert hatte, sich nun verhalten werden.

Atemberaubend

Die von Fromental für das grafische Medium umgesetzte Geschichte wird von Yslaire kongenial gezeichnet. Schon in den Serien um Sambre war sein melancholischer Stil prägend, Serien wie der XX. Himmel festigten diesen Ruf. Auch hier legt er keinen Wert auf Hochglanzschönheit. Seine Figuren sind rau, haben Macken und sehen dadurch „normal“ aus. Allein ihre Erlebnisse machen sie unverwechselbar.

Die Stadt zeigt sich in einem grauen Winterkleid: düster, kalt und feindselig. Die Wohnungen und Kneipen sind von einem niedrigen Standard und haben alle schon bessere Zeiten gesehen. Allein das Gefängnis und seine Umgebung machen einen sanierten Eindruck und stellen dadurch einen grotesken Widerspruch zur in ihm ausgeübten Brutalität dar.

Simenon - Der Schnee war schmutzig page 6

Noir vom Feinsten

Simenon steht bei den Meisten wohl noch in der „Krimi-Ecke“. Sein Maigret ist es auch immer noch wert, gelesen oder gesehen zu werden! Der Schnee war schmutzig ist aber eine andere Nummer: dunkel, deprimierend, faszinierend und spannend zugleich! Man beobachtet Frank dabei, immer und immer wieder noch einen drauf zu packen. Gleichzeitig ist aber auch die Reaktion der Obrigkeit vollkommen daneben. Das Verhalten der Mutter ist desaströs und dasjenige der missbrauchten Nachbarstochter verstörend.

Das Nachwort von Jean-Luc Fromental, der auch schon Blake & Mortimer nach New York geschickt hat, ordnet diesen Roman Dur etwas ein und beschreibt eine vermutete Intention. Schlussendlich nehmen wir heute aufgrund der vielen anderen Werke Simenon nicht als Existentialisten war. Dieser Band muss den Vergleich mit Camus oder Satre aber nicht scheuen!

Simenon - Der Schnee war schmutzig Umschlag innen

Dazu passen Brigitte Calls me Baby mit „Slumber Party“ und ein Cointreau.

© 1948 Georges Simenon Limited © der Abbildungen 2024 Fromental – Yslaire – Dargaud Benelux (Dargaud-Lombard s.a.) | 2026 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg

Segura/Miralles – Eva Medusa

Gesamtausgabe

Story: Antonio Segura

Zeichnungen: Ana Miralles
Originaltitel:
 Eva Medusa – Intégrale

schreiber & leser

Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 29,80 €
ISBN: 
978-3-96582-219-1

Cover Eva Medusa Gesamtausgabe

Eine Geschichte über das gefährliche Thema: Frau beherrscht Mann. Wenn ein Mann einer Frau hörig ist, muss eine übersinnliche Macht dahinterstehen, ansonsten ist es doch unmöglich. Im Falle dieser Geschichte, die in Südamerika spielt, ist es Voodoo. Nun ja, die Frage, ob das sogenannte „starke Geschlecht“ nicht einfach auch viele unfähige, arrogante und sich selbst für das Zentrum ihrer Welt haltende Mitglieder hat, wird hier nicht explizit gestellt.

„Das Gift“

Die Geschichte spielt in Brasilien. Die Tochter eines reichen, verwitweten Gutsherrn kommt nach einer Zeit in einem klösterlichen Internat zurück auf die Hacienda ihres Vaters. Dort beobachtet sie den Verwalter ihres Vaters, wie er sich mit Angestellten vergnügt. In ihrer Wut und in ihrer kindlichen Enttäuschung über die gefühlte Zurückweisung des von ihr angeschwärmten Mannes zertrümmert sie eine von ihm bekommene Puppe. Diese Wut scheint eine Tür zu öffnen. Einerseits spürt der Mann plötzlich Schmerzen, die denen der Puppe entsprechen, andererseits wird Anhängerinnen des lokalen Voodookultes klar, dass die Tochter wie schon ihre Mutter ein empfängliches Medium ist.

In einer Zeremonie wird die Tochter geweiht, vereinigt sich mit einer großen Schlange und wird zu Eva Medusa. Diese erinnert an die antike Gorgone, deren Haar aus Schlangen bestand, und hat die Gabe, sich Männer komplett hörig zu machen. Männer, die sie einmal verführt hat, können danach keine andere Frau mehr lieben.

Eva Medusa Gesamtausgabe page 21

Der Verfall des Verwalters, das Geheimnis des Vaters, dessen Frau ebenfalls zu Eva Medusa geworden war, die Unehrlichkeit von zwei katholischen Priestern, die deswegen ebenfalls der Sünde ein leichtes Opfer bieten, und die allgemeine Stimmung der damaligen Zeit in diesem von Klassengegensätzen getriebenen Land vermengt Antonio Segura zu einer spannend zu lesenden Geschichte in drei Bänden, die hier komplett abgedruckt werden.

Farbenfroh und dynamisch

Ana Miralles hat schon mehrfach, etwa in Ava oder Djinn, bewiesen, dass sie eine spannende Erzählung umsetzen kann. Sie ist dabei in der Lage, Frauen respektvoll in erotischen Szenen darzustellen, die sie entweder klar als dominierende Figur darstellen, oder aber zumindestens ihre Würde respektiert. Hier sind die Frauen die treibenden Kräfte, die Männer und Gesellschaft beherrschen, auch wenn das Geschäftliche in Männerhänden liegt.

Und so wechseln sich Alltagsbegebenheiten, Liebesszenen, kultische Handlungen, und Actionszenen munter ab. Stehen Männer im Vordergrund ist fast immer Verzweiflung das Thema: Die Unfähigkeit, den eigenen Anforderungen oder denen von außen zu genügen, die Impotenz (in einer machistischen Gesellschaft), oder die Hingabe an eine vernichtende Sucht. Alle diese Punkte werden durch Körperhaltung und Kolorierung verstärkt und bilden einen scharfen Gegensatz zu der keinesfalls „heilen“ aber mächtigen Position der Frauen. Wer also eine Vorlage für männliche Fantasien erwartet, wird hier umdenken müssen!

Eva Medusa Gesamtausgabe page 22

Ein aus der Masse hervorstechender Titel!

Erotik-Comics, Comics für Erwachsene, Adult-Segment, … Schlagworte, die man als Leser*in aktuell bei einer Vielzahl von Comic-Verlagen findet. Das Angebot, das teilweise Grenzen in einem Masse überschreitet, die vor einigen Jahren noch zum Einsatz von hunderten von uniformierten Beamten geführt hätte, ist fast schon nicht mehr überschaubar. Und natürlich werden in solchen Situationen auch verlegerische Entscheidungen getroffen, die nur den fiskalischen Deckungsbeitrag im Auge haben, oder sich tatsächlich auch als Fehlgriff entpuppen können.

Eva Medusa gehört zu den Titeln, die sicherlich weder dem schnellen Konsum dienen noch zu denen, bei denen die Qualitätskontrolle versagt hätte. Die Story versucht nicht zu erklären, versteckt aber trotzdem eine Menge an Kritik zwischen ihren Zeilen und die respektvollen und doch deutlichen Zeichnungen von Ana Miralles verstärken diesen Eindruck.  Das einzige Manko für mich bei diesem Band ist der im Vergleich zu Djinn fehlende Anhang mit Texten über Hintergründe und Prozess. Es gibt im Übrigen auch eine auf 111 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit dem folgenden Motiv als Druck!

Druck der Eva Medusa Gesamtausgabe VZA

Dazu passen die Broilers, etwa „Zurück zum Beton“, und ein Espresso Martini.

© der Abbildungen Editions Glenat 2013 by Antonio Segura & Ana Miralles | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Renard – Wiedersehen mit Comanche

Oder: Der Fluch der bösen Tat

Story: Romain Renard (nach dem Werk von Greg & Hermann)

Zeichnungen: Romain Renard

Originaltitel: Revoir Comanche

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |152 Seiten | s/w | 35,00 € | 
ISBN: 978-3-68950-134-1

Cover Wiedersehen mit Comanche

Im Koralle-Zack waren soweit möglich in jedem Heft verschiedene Themenfelder besetzt, um ein möglichst großes Spektrum verbindlich bedienen zu können. Dazu zählte natürlich auch der Western-Comic. Es gab dabei sowohl humorige Serien wie etwa Lucky Luke oder Umpah-Pah als auch die eher realistische Sorte, etwa mit Caine oder Hondo/Ringo. Wirklich im Gedächtnis geblieben sind aus diesem Segment sowohl die Geschichten mit Blueberry als auch diejenigen mit Red Dust, die unter dem Titel Comanche erschienen sind. Beide waren auf ihrem Gebiet stilprägend für das Genre.

Die Rückkehr

Red Dust begann in der von Greg und Hermann produzierten Serie als Killer mit einem Auftrag. Er entschloss sich jedoch, die Seiten zu wechseln und auf der 666-Ranch von Comanche neu anzufangen. Das Personal war sehr divers: angeführt von einer Frau arbeiteten auf der Ranch ein alter Mann, ein Farbiger, ein Mitglied der First Nations, ein Greenhorn und eben der ehemalige Killer um die kleine Farm gegen alle Widerstände, insbesondere von den großen Farmern, über die Runden zu bringen. Es gab eine Szene, die zuvor noch nie in einem Jugendmagazin gezeigt worden war: Dust erschießt einen brutalen Mörder, obwohl dieser bereits wehrlos ist. Das beendet zwar die Gefahr für die ganze Gegend, macht den Schützen aber zu einem ebenfalls gesuchten Kriminellen.

Wiedersehen mit Comanche page 4

Das Wiedersehen mit Comanche setzt Jahrzehnte später ein. Eine junge, hochschwangere Frau taucht vor einer abgelegenen Hütte auf und behauptet, dass der ihr öffnende ältere Mann eben jener Red Dust sei. Sie möchte ihn überreden, ihr seine Geschichte zu erzählen und sie auf der Fahrt zur 666 begleiten. Tatsächlich lässt sich der Held der Vergangenheit schließlich darauf ein. Da er jedoch in einigen Staaten immer noch gesucht wird, müssen die Reisenden einige Umwege in Kauf nehmen.

Renard hat in Wiedersehen ein Geflecht aus Hinweisen auf die alte Serie, mögliche Weiterentwicklungen und die Jetztzeit der Geschichte, also den Anfang des letzten Jahrhunderts, erschaffen. Die junge Frau und der mürrische alte Cowboy nähern sich langsam aneinander an, geben aber ihre Deckung nur in sehr kleinen Häppchen auf. So entsteht eine sehr glaubwürdige Geschichte, die die Schicksale fast aller ehemaligen Mitstreiter*innen integriert. Und jede*r weiß beim Lesen, dass noch irgendetwas kommen muss. Dieser leichte Horror wird immer stärker, kommt dann aber doch überraschend! Mehr sei nicht verraten.

Wiedersehen mit Comanche page 6

Zeichnungen mit einer hohen Intensität

Wer hier knallbunte Farben erwartet, wird enttäuscht sein. Renard verwendet nur Weiß, Schwarz, und alle dazwischenliegenden Abstufungen. Dadurch gelingen intensive Seiten wie etwa die 81, die den erstmaligen Genuss eines Kinofilms zeigen. Dazu bedarf Renard keiner Worte, die Zeichnungen sind genug! Immer wieder wechselt er von der Zeichnung in einem Panel zu großflächigen, seitenfüllenden Illustrationen, oftmals um die Natur als Akteur zu zeigen.

Renard spart nicht mit Kritik an den Errungenschaften der Moderne, etwa an der übermäßigen Nutzung der Böden, die sie verwüsten lässt. Er zeigt aber in dem Gegensatz des alten Raubeins und der jungen Schwangeren auch die positiven Seiten der Entwicklung auf. Ein Thema dabei ist „Freiheit“, die auf viele unterschiedliche Arten definiert werden kann. Der Einfluss der Tragödie ist hier keinesfalls zu übersehen und auch die Romantik, die durch die Zeichnungen noch verstärkt wird, ordnet sich ihr unter.

Wiedersehen mit Comanche page 8

Eine ganz besondere Fortführung!

Viele klassische frankobelgische Serien wurden im Laufe der letzten Jahre neu gestartet oder fortgesetzt. Einige davon haben einfach ein neues Setting bekommen, die Beteiligten aber nicht wirklich altern lassen. Andere haben zwar Weiterentwicklungen angestoßen, die Zeit jedoch nur unwesentlich weitergedreht. Hier hat Renard einen radikalen Schnitt gewagt, Jahrzehnte im Leben der Figuren übersprungen und ist kurz vor dem Lebensende wieder gelandet.

Detail Wiedersehen mit Comanche page 9

Dieser Mut zahlt sich aus: die Protagonisten weisen alle ein glaubwürdiges Schicksal auf, ihre Linien haben sich teilweise getrennt, teilweise aber auch gekreuzt und vieles, was hätte gesagt werden können, ist (leider) unterblieben. Trotzdem geht es hier nicht um ein Kaffeekränzchen: Es gibt genügend Tote und nur selten erfolgen sie aufgrund von Alter oder Krankheit. Allerdings wollen die Fäuste nicht mehr wie früher. Ein Top-Tipp für alle Leser*innen der Originalserie und für Fans von Kevin Kostners Western!

Dazu passen Bob Dylan mit „A hard Rain’s a gonna fall“ (als Vertreter der mitgelieferten Playlist) und ein Whiskey!

© der Abbildungen Éditions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) 2024, by Romain Renard | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

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