Rochette – Der Wolf

Der Wolf

Story: Jean-Marc Rochette
Zeichnungen: 
Jean-Marc Rochette

Originaltitel: Le Loup

Knesebeck Verlag

Hardcover | 112 Seiten | Farbe | 22,00 € |

ISBN: 978-3-95728-378-8

Diese Graphic Novel könnte so vieles sein: eine Rachegeschichte, eine Erzählung über die Urgewalten der Natur, über das Entstehen von Respekt aber auch eine vom rauen Leben in den Bergen. Definitiv ist sie aber ein Beitrag zur aktuellen Debatte über die Neuansiedlung von Wölfen in Europa.

Die Story

Gaspard lebt als Schäfer ganz alleine mit seinem Hund in den Bergen. Von Zeit zu Zeit kommt die Post und einmal im Jahr treibt er seine Herde in das Tal wenn der Winter kommt und die Tiere für den Schlachthof verladen werden. Er ist sich selbst genug und lebt im Einklang mit der Natur. Er jagt und versorgt sich selbst und behütet seine Schafe.

Sein natürlicher Gegner ist – neben den Unbillen der Natur – der Wolf, denn dieser versorgt sich ebenfalls selbst und jagt, allerdings eben auch die Schafe, die Gaspards Lebensunterhalt dienen. Sie stehen aber auch unter dem Schutz der Ranger. Eines Tages erlegt Gaspard eine alte Wölfin, ihr kleiner Welpe überlebt zunächst unbemerkt. Im Laufe der kommenden Zeit bemerkt Gaspard ihn, will ihn aber noch nicht töten, da er aktuell keine Gefahr darstellt.

Gaspard hat durchaus Verständnis für seine „Mitbewohner“ der Bergregion; einem Adler überlässt er die Eingeweide eines gerade geschossenen Rehs und auch dem kleinen Welpen helfen diese Gaben groß und stark zu werden bis eines Tages wieder Tiere aus Gaspards Herde getötet werden. Es entwickelt sich ein dramatischer Kampf auf Leben und Tod in den tief verschneiten Bergen und als auch noch ein tagelang wütender Sturm aufzieht, müssen beide um ihr reines Überleben kämpfen. Es kommt zum „Show down“ als sich die beiden Antagonisten verletzt gegenüberstehen.

Die Zeichnungen

Jean-Marc Rochette hat nicht nur ein grandioses Szenario geschrieben, sondern auch überragend illustriert! Seine Berge und Landschaften lassen die Leser*innen die Schönheit der Natur fast riechen, allerdings auch die unpersönliche Gefahr. Ein Fehler und die Felsspalte hat dich verschluckt! In der echten Natur gibt es keine Bambi-Romantik, die dem Kitz hilft, wenn die Ricke nicht mehr da ist. Und genau diese atemberaubende Urgewalt ist in den Bildern zu spüren! Dazu passt dann auch, dass viele Seiten ohne Text auskommen!

Rochette hat Ehrfurcht vor der Natur, den Jägern und den Opfern aber gleichermaßen auch vor dem Mensch, der sie annimmt, um mit der Herde und dem Hund dort draußen zu leben. Er verzichtet auf ein moralisch wertendes Gut-Böse-Schema und er beschreibt, dass es in der Natur keinen Platz gibt für die menschengemachten Freund/Feind-Schemata, sondern nur für eine Schicksalsgemeinschaft, die keinen Herrscher kennt, kein Gewinnstreben und keine Profitmaximierung.

Das Nachwort von Baptiste Morizot weist darauf hin, dass es (auch in Frankreich) immer schwieriger wird, Nachfolger für die in den Ruhestand gehenden Schäfer zu finden, dass die wieder angesiedelten Wölfe weder verklärt werden dürfen noch verteufelt, und dass der spätindustrielle Mensch seine Mitte möglicherweise verloren hat. Alle diese Gedanken finden ihren Ursprung in der vorliegenden Graphic Novel!

Die Empfehlung

Der Wolf gehört für mich zum Besten, was bisher in diesem Jahr erschienen ist! Eine mehrschichtig zu lesende Story, erfreulich entschleunigt in dieser hektischen Zeit, grandiose Zeichnungen in einer sehr stimmigen Hardcoverausgabe! Erfreulich finde ich auch den Mut zu kritischen Fragen, die ohne vorgefertigte mit Sendungsbewusstsein verbreitete Antworten daher kommen und die Leser*innen zum Denken auffordern. Must have gerade in diesen Zeiten, in denen wir uns wieder auf uns besinnen müssen und nicht mehr dem lauten Verdrängen föhnen können.

Dazu passen ein Obstbrand und die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg.

© der Abbildungen Casterman/ Jean-Marc Rochette 2019/Knesebeck-Verlag 2020

Oesterfelt/Andersen/Blaszczyk – Marie Curie

Ein Licht im Dunkeln

Story: Frances Andreasen Oesterfelt, Anja C. Andersen
Zeichnungen: 
Anna Blaszczyk

Originaltitel: Marie Curie – Et lys i moerket

Knesebeck Verlag

Hardcover | 136 Seiten | Farbe | 22,00 € |

ISBN: 978-3-95728-366-5

Die Person

Marie Curie war so vieles: ein aufgewecktes Mädchen im russisch besetzten Warschau, die jüngere Schwester, die der anderen den Vortritt lassen musste, die Gouvernante, die sich unschicklich verliebte…

Sie war aber auch die erste Professorin an der Sorbonne, die erste Frau, die den Nobelpreis gewann, der erste Preisträger, der mit diesem Preis in zwei unterschiedlichen Kategorien ausgezeichnet wurde, und vor allem eine wissbegierige, die niemals aufgab.

Ihr verdanken wir die Isolation von Radium und anderen radioaktiven Elementen wie etwa Polonium sowie die anfängliche Beschreibung ihrer Fähigkeiten und sie hat unzählbar oft Frauen ermutigt, eine Karriere in Wissenschaft und Lehre anzustreben und sich nicht von den äußeren Umständen behindern zu lassen.

Kein Wunder also, dass der Knesebeck-Verlag in seiner Graphic Novel-Reihe auch dieser Frau einen Titel widmet. Hier steht sie neben anderen Wissenschaftstiteln und Biographien perfekt und leidet auch nicht unter dem Makel, „nur“ eine Bildgeschichte zu sein, ist der Knesebeck-Verlag doch ein renommierter.

Die Ausgabe

Drei Frauen haben sich zusammengetan um dieses Werk auf die Beine zu stellen. Oesterfelt ist eine Expertin für Marie Curie, Andersen eine bereits ausgezeichnete Sachbuchautorin. Zusammen haben sie den Text verfasst, der durch alle Abschnitte des Lebens der Polin führt. Es ist immer ein schwieriger Grad zwischen zu viel und zu wenig Text. Gerade bei den wissenschaftlichen Themen hätte ich mir ein wenig mehr erhofft, zum Beispiel im Unterschied ihrer Arbeit zu der von Becquerel. Es ist den beiden aber gelungen, eine spannende Geschichte aufzubauen, die einerseits sehr persönliche Momente beinhaltet, anderseits auf die Heldinnen-Aspekte zielt. Die Verwendung von wörtlicher Rede, erläuterndem Text und in der Handlung entstandenem Text wie etwa Notizen oder Briefe ist dabei abwechslungsreich und angenehm.

Die Zeichnungen von Anna Blaszczyk sind dagegen gewöhnungsbedürftig. Es handelt sich um expressionistische Illustrationen, die es zumindest mir etwas erschwert haben, einen Zugang zu dieser Graphic Novel zu finden. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran und erkennt die Stimmigkeit und Passgenauigkeit in Bezug auf Emotionen und äußere Umstände. Sie folgen weder dem klassischen Comic-Mainstream noch den Strichfiguren aus (viel zu vielen) Graphic Novels, die manchmal genial reduziert sind, oft aber auch einfach nur nicht ausgearbeitet. Nein, die polnische Künstlerin hat ihren eigenen Stil und passt dadurch auch optisch zu der manchmal sperrigen, immer aber „anders seienden“ Heldin.

Das Fazit

Wer einen reinen Sachcomic über Physik und Chemie erwartet ist hier falsch, diese Inhalte werden nur angerissen und müssen anderweitig vertieft werden. Ebenfalls nicht zufrieden dürften diejenigen sein, die einen leichten Lesegenuss für kurz vor dem Einschlafen suchen, denn dafür fordern die eigenwilligen Illustrationen zu viel! Wer sich dagegen auf eine Reise durch das Leben der großen Wissenschaftlerin und ihre persönlichen Krisen einlassen möchte, bereit ist, graphische Herausforderungen zu bestehen, und nebenbei auch noch Diskussionen starten möchte indem das Buch auf dem Tisch liegenbleibt, wenn Besuch kommt, ist hier richtig und sollte unbedingt zuschlagen.

Dazu passen ein halbtrockener Rotwein und Ella Fitzgerald!

© der Abbildungen 2020 Frances A. Oesterfelt, Anja C. Andersen, Anna Blaszczyk/Knesebeck Verlag

Henseler/Buddenberg – Meine Freie Deutsche Jugend

Eine fast normale Kindheit in der DDR

Story: Thomas Henseler, Susanne Buddenberg nach dem Roman von Claudia Rusch
Zeichnungen: 
Thomas Henseler, Susanne Buddenberg

Originalausgabe

Ch. Links Verlag

Hardcover | 144 Seiten | S/W und Farbe | 18,00 € |

ISBN:  978-3-96289-083-4

Die Kindheit

Um seine Jugend in der DDR verbracht zu haben muss man ein Geburtsjahr haben, das spätestens aus den 70-er Jahren kommt. Für viele heute Graphic Novels lesende Menschen also weit vor dem eigenen Geburtsdatum. Die Geschichte erfordert also das Eintauchen in eine fremde, zumindest aber vergangene Zeit mit komischen Klamotten, Redewendungen und Modethemen, richtig? Naja, hier geht es nicht um eine Netflix-taugliche, hippe Verfilmung, sondern um Erinnerungen eines jungen Mädchens an die eigene Kindheit, erzählt auf einer sehr sympathischen und freundlichen Basis obwohl einem beim Lesen manchmal das Lachen etwas stecken bleibt…

Die Geschichte von Claudia Rusch beginnt an der Ostsee. Diese ist weder von menschenfressenden Ungeheuern bevölkert noch besonders stürmisch und doch sind viele Flüchtlinge aus dem damals „ummauerten“ Teil Deutschlands in ihr ertrunken und so empfindet auch die kleine Heldin sowohl eine grenzenlose Angst vor dem Wasser als auch den unbedingten Wunsch, einmal die Ostsee mit dem Malmö-Express zu überqueren. Thomas Henseler und Susanne Buddenberg, die sich schon mehrfach dem Thema DDR gewidmet haben, gelingt es in dem ganzen Buch, Claudia sympathisch darzustellen, ihre (Kinder-)Sorgen darzustellen und die damalige Situation darzustellen ohne dabei in Klischees abzurutschen. So benutzen sie in dieser Szene etwa angedeutete Tierfallen im Wasser der Ostsee.

Der Staat

Das kleine Mädchen hat auch Eltern. Während der biologische Vater nach der Scheidung keine allzu große Rolle mehr spielt (mal abgesehen von dem einen wichtigen Auftritt in Uniform), gehört ihre Mutter zum Kreis um die Dissidenten Havemann und ist daher ein Objekt für die Überwachung durch die StaSi. Ganz nebenbei wird hier ein Problem dargestellt, dass viele Beziehungen nachträglich unter ein unerträgliches Licht gestellt hat, denn die Bespitzelung machte weder um die Liebe noch die Familie einen Bogen …

Die Überwachung wurde aber auch öffentlich vollzogen und die „grauen Herren“ warteten auch in Wagen vor der Haustür oder folgten den Überwachten mehr oder weniger unauffällig und so ist eine meiner Lieblingsszenen der Marsch der kleinen Claudia durch den dunklen Wald um die Oma vom Bus abzuholen. Aus Furcht singt sie lauthals Parteilieder, was einerseits die ihr im Verborgenen folgenden Mutter verärgert, andererseits die der Mutter folgende StaSi verwirrt, kann es sich doch nur um Provokation oder Täuschung handeln – an Absurdität nicht mehr zu überbietender Slapstick vom Feinsten!

Die Graphic Novel

Eine andere grandiose Stelle beschreibt die Fähigkeit, mit den Gefühlen der Leser*innen zu spielen. In einem überfüllten Bus nimmt das kleine Mädchen auf dem Schoß eines älteren Herren Platz und die Dramatik der Bildfolge, ihrer sich verlangsamenden Geschwindigkeit und der wechselnden Frontalen der Gesichter des Herren, der Mutter und des Kindes lassen kein Missverständnis aufkommen: Hier wird etwas geschehen! Tut es auch, allerdings anders als heutzutage erwartet!

Das autobiographische Buch von Claudia Rusch war ein kleiner Bestseller, allerdings kein Mainstream, denn die Heldin wollte natürlich ein Ende der DDR aber keinen Anschluss, sondern die Möglichkeit auf eine eigenständige Entwicklung. Henseler und Buddenberg gelingt es kongenial, die Stimmungen der Heldin und ihrer Umgebung einzufangen und wiederzugeben, die Emotionen des Kindes (Kakerlaken!), der jugendlichen und auch der jungen Erwachsenen glaubhaft darzustellen und vor allem aber die DDR-Situation als bedrückend, feindlich und unerwünscht zu beschreiben ohne in eine „Verteufelung“ zu verfallen, die gerade Westler*innen so gerne präsentiert haben.

Insgesamt also eine brillante, unbedingt zu empfehlende Graphic Novel aus der jüngeren Deutschen Geschichte die ein differenziertes Bild auf die DDR wirft und dabei nichts verschweigt, die eine Jugend aus der unschuldigen Perspektive des Kindes zeigt, die erwachsene Wertung des Ganzen aber nicht unterschlägt und nebenbei auch noch wirklich gut gezeichnet ist! Gerade auch für „Wessies“ könnte die Lektüre die eine oder andere Erinnerung hervorholen und in einem neuen Licht erscheinen lassen: Während die „Schwerter zu Pflugscharen-Kampagne“ hier aus Ost-Sicht für westliche Infiltration gehalten wird, war sie im Westen ein Sinnbild für ostdeutsche Propaganda…

Für mich auf der Auswahlliste für die Graphic Novel des Jahres!

Dazu passen ein Radeberger und (passend zu ihrem 65. Geburtstag) Nina Hagen und ihre Entwicklung vom „Farbfilm“ zum „TV“.

© der Abbildungen Christoph Links Verlag, 2020

Interview mit Ralf König

Nach der Eröffnung der Jacques Tilly-Ausstellung in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen hatte ich Gelegenheit, ein wenig mit Ralf König zu plaudern. Ralf ist ein sehr sympathischer Mensch der gerne und viel zu erzählen bereit ist. Das nachfolgende Interview gibt daher nur Teile unseres Gespräches wieder.

(c) Ralf König 2020 vvg-koeln

Wer ist Ralf König?

Kurz zu der Person: Ralf König, Jahrgang 1960, ist ein waschechter Westfale aus Werl. Nach seinem Coming-out Ende der Siebziger Jahre schrieb und zeichnete er erste Schwulen-Comics in Szenezeitschriften, danach auch erste Hefte. Ab Ende der 80-er wurde er auch außerhalb der Schwulencommunity wahrgenommen und mit der Bewegte Mann bei Rowohlt war der Durchbruch endgültig geschafft. Die darauf basierende Verfilmung mit Till Schweiger wurde ein internationaler, preisgekrönter Erfolg und König war endgültig Mainstream geworden. Seine Szenewerke wurden bei Carlsen (erneut) aufgelegt, bei Rowohlt folgten Werke zur Religion und Neuinterpretation klassischer Stücke mit unglaublichen Auflagen und auch die Preise und Ausstellungen folgten. Seit 2014 hat Ralf den ersten Preis für sein Lebenswerk, nämlich seinen insgesamt vierten Max-und-Moritz-Preis.

Still ist er trotzdem nicht geworden. Weiterhin erscheinen neue Werke bei Rowohlt, er engagiert sich im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und hat Frau Dr. Vogt, die Direktorin der LUDWIGSGALERIE überredet, die erste Ausstellung von Jacques Tillys Werken und Skizzen zu organisieren.

Die Sache mit Tucholsky

c-o: Lieber Ralf, vielen Dank für deine wütenden Worte während deiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung gerade eben!

Ralf König: Wütend? Nein, wütend war das eigentlich nicht. Ich kann‘s nur nicht mehr hören, dass immer wieder gefragt wird, was Satire darf oder nicht darf! Die Frage ist falsch, keiner von uns möchte in einem Land leben, in dem Satire aus politischen oder religiösen Gründen nicht alles darf. Das ist doch der Punkt, Satire muss wehtun, muss lächerlich machen, verarschen! Wenn sie das nicht tut, ist der Witz gefällig und harmlos.

c-o: Seit geraumer Zeit werden Karikaturisten aber auch Vertreter*innen von Minderheitenrechten nicht nur verstärkt bedroht, sondern auch angegriffen und zum Teil getötet. Wie siehst du das persönlich? Spürst du die Schere im Kopf?

Ralf König: Na ja, seit der Diskussion um die Karikaturen in Dänemark, seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo und anderer Ereignisse ist es sicherlich nicht leichter geworden. Viele haben Angst und überlegen sich gut, ob und was sie sich trauen. Man darf sich davon aber auch nicht verrückt machen lassen. Das ganze gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt. PC, also Political Correctness wird ja von vielen entweder abgelehnt oder als eine Art neue zehn Gebote eingefordert. Ich zum Beispiel bin ja ein bekannter Veteran der Schwulenbewegung. Nun im Zuge der LGBTQ*-Szene wird das Feld deutlich erweitert, da fordern Transpersonen ihre Rechte ein und Queerfeministinnen kämpfen um Sichtbarkeit. Plötzlich sind wir schwule, alte Männer, die es sich im Laufe der Jahrzehnte bequem gemacht haben. Das ist in dem Ausmaß auch für mich neu und durchaus Grund zur Reflexion. Aber dann wirft mir das Rainbowhouse in Brüssel wegen dieses Wandbildes Rassismus und Transphobie vor! Es ist ein Generationenwechsel, ganz normal, aber schon manchmal kurios.

Altersfragen

c-o: Erreichst du mit deinen Werken eigentlich auch die Jungen oder sind deine Leser mit dir gewachsen?

Ralf König: Nun, ich werde 60 in diesem Jahr. An den Gedanken muss ich mich selbst mal erst gewöhnen, ich hab kaum verstanden, dass ich schon 50 bin. Man gilt was in seiner Generation und wenn man Glück hat, noch etwas darüber hinaus. Aber die jungen, ich sag mal die 20-jährigen, die haben eine ganz andere Realität, die gehen mit den Themen ganz anders um. Auch mit dem Internet, die wachsen da rein, mir bleibt manches fremd. Das wird’s schnell peinlich, wenn die alten Säcke versuchen, noch mal den Jugendslang zu treffen. Davon lass ich mal lieber die Finger. Aber vor kurzem hab ich auf der Comic-Con in Stuttgart signiert und da stand eine Gruppe Teenager in der Schlange. Ich war mir sicher, dass die eine Widmung ‚Für Mama‘ oder noch schlimmer ‚‘Für Opa‘ haben wollten. Aber die strahlten mich an und fanden meine Comics toll und wollten die Signaturen wirklich für sich selber!

Aber natürlich ist es müßig, generationenübergreifend wirken zu wollen. Ich mach das jetzt hier für mich und meine mit mir älter gewordenen Leser. Ich hab den Wunsch nicht, dauerhaft gültig zu sein, ist eh sinnlos.

Die Klassiker

c-o: Hast du denn Beispiele, wo das funktioniert?

Ralf König: Ich entdecke jetzt gerade Lucky Luke neu, Morris war ein so großartiger Zeichner, das ist ein Klassiker, den es noch ne ganze Weile geben wird.

Oder Popeye! Ich habe noch nie Popeye gelesen, ich kannte nur die hysterischen Trickfilme und das ist nicht so mein Ding. Aber gerade die frühen Popeye-Comics sind ja viel origineller, als ich dachte. Überhaupt diese frühen Klassiker, Krazy Kat ist ja so was von toll, was da alles im Hintergrund passiert, was da graphisch los ist. Ich hätte große Lust mal sowas zu machen, einfach mal drauf los, was schlicht Gestricktes, total abgedrehtes. Ich bin mit meinen Geschichten ja mehr auf dem Boden der Tatsachen. Barry Hoden war mal so’n Spass, Science-Fiction, da gings mal mit mir durch. Aber kam nicht so gut an, die Leute waren davon etwas überfordert, glaub ich.  Oder unterfordert, weiß nicht.

c-o: Bei Krazy Kat trifft sich dann der Comic wieder mit der Karikatur, anarchisch, auf den Punkt gebracht, ohne den Zwang, den Leser zwischen Seite 30 und 40 bei der Stange zu halten. Was hältst du von der aktuellen Graphic Novel-Welle? Mir scheint das manchmal eher Selbsttherapie zu sein.

Ralf König: Naja, Graphic Novel klingt ernsthafter als Comic, und genau das scheint mir grad die Messlatte zu sein. Da ist schon trockener Stoff dabei, der nicht weniger trocken wirkt, weil es gezeichnete Geschichten sind. Eine Graphic Novel über Otto von Bismarck, kann man machen, aber ist das ne gute Geschichte?

Kauft Bücher! Kauft Comics!

c-o: Magst du den Leser*innen von comix-online noch irgendwas mitgeben?

Ralf König: Öhm, ja: Von wegen online: Kauft mehr Comics! Hört auf mit der Nase am Smartphone zu kleben, kauft Bücher! Lesen erdet! Oh Gott, ich klinge, als wär ich 60.

c-o: Danke Dir!

Wir hatten dazu übrigens Espresso und keine Musik…

© Abbildungen Ralf König, 2020

(c) Foto Ralf König: Ralf König 2020, vvg-koeln

© Fotos Sven Krantz-Knutzen, 2020

Jahresrückblick 2019

Die besten Comics des Jahres, Abschiede und alles Übrige

Und wieder ist ein Jahr vergangen, sind alte Bekannte von uns gegangen und haben andere ein Comeback erlebt. Ein persönlicher Rückblick mit meinen Favoriten und meinen Gedanken!

Zunächst ein Dank an alle Leser*innen für die Treue im Laufe des Jahres. Die Zahl der Abrufe hat sich verdoppelt, insofern trifft die Seite zumindest den Nerv von einigen. Vielen Dank auch an die Verlage, die die Berichterstattung mit Leseexemplaren oder PDFs, Interviews oder Bildmaterial unterstützen! Natürlich bespreche ich eher Titel, die mir gefallen oder interessant klingen. Ich werde Kritik aber auf jeden Fall wie auch in der Vergangenheit äußern und bleibe daher unabhängig.

Meine Wahl der besten Comics 2019

Reisende im Wind 8.1

Der Altmeister Bourgeon wollte es noch einmal wissen und hat seine Sage um die Freiheit um ein weiteres Kapitel ergänzt. Schauplatz ist das (nach-)revolutionäre Paris. Die Zeichnungen sind nicht mehr ganz so flüssig wie zu seinen Hochzeiten, die Charaktere aber immer noch gut getroffen und das Thema bleibt aktuell. Besonders lobend (und auch Begründung für den ersten Platz) ist die Veröffentlichungspolitik von Splitter: nicht nur die farbige Ausgabe fand den Weg in die Läden sondern auch eine vierteilige schwarz-weiße Magazinform, die neben den unkolorierten Seiten auch zusätzliche Informationen und Bildmaterial enthielt!

cover Reisende im Wind 8

Batman – Catwoman – Das Hochzeitsalbum

Das Batmanuniversum hat in dem vergangenen Jahr viele Highlights erleben dürfen und ist somit erstmals seit Jahren wieder ein Ort für spannende Geschichten geworden. Neben dem kontroversen Joker-Film war dafür die Rückführung des Dunklen Ritters auf menschliche Tragödien ausschlaggebend. Das Black Label versammelt entsprechende Geschichten ohne Götter, Superkräfte oder Megaevents dafür aber mit den inneren Abgründen und persönlichen Albträumen! Die andere Seite war das romantische Intermezzo des Kapuzenträgers mit der Feline Fatale das kurz vor der Hochzeit dann doch ein Ende fand. Das Hochzeitsalbum fasst die wesentlichen Elemente in einer tollen Sonderausstattung zusammen.

Post/Heuvel – Meimoorden

Eric Heuvel ist ein bei uns in Deutschland viel zu unbekannter Vertreter der ligne claire und hat eine geniale Umsetzung eines Romans von Jacques Post abgeliefert. Rotterdam wird 1940 von den Deutschen besetzt. Während dieser aufregenden Tage werden auch alte Rechnungen beglichen und neue aufgemacht. Die deutsche Übersetzung erfolgt ab März im ZACK!

Conan der Cimmerier 5

Als Beispiel für das erstaunliche x-ste Leben des Barbaren sowohl in seiner Marvelinkarnation als vor allem aber in der europäischen Interpretation durch wechselnde Kreativteams soll dieser Band gelten! Es geht dabei nicht um Kämpfe muskelbepackter Helden, sondern um erstaunlich aktuelle Parallelen zu heutigen Ereignissen, innovativ umgesetzt und spannend präsentiert!

Pietersma/Wijtsma – Jelmer

Und noch ein Titel von unseren westlichen Nachbarn hat es in die Bestenliste geschafft: Jelmer nimmt an einem Kreuzzug teil und stellt sich zwangsläufig den Fragen ob Glaube und Gottesfürchtigkeit in einer Verbindung zu diesem Unterfangen steht!

Graphic Novels des Jahres

Ich habe ein wenig mit mir gerungen, ob ich Comics von Graphic Novels separieren sollte. Im Endeffekt glaube ich aber, dass es thematisch und stilistisch Sinn macht. Nicht, dass Comics keine Inhalte transportieren könnten (siehe etwa Jelmer oder Reisende im Wind) aber der Fokus ist einerseits Unterhaltung und andererseits irgendetwas anderes.

Le Hénanff – Wannsee

DIE Veröffentlichung des Jahres ist sicherlich die Umsetzung der Konferenz von Wannsee in eine graphische Erzählung. Unsagbaren Schrecken, unsagbare Grausamkeit und unzweifelhafte Effizienz in Worte und Bilder zu fassen ist schwierig und sicher auch nicht widerspruchslos. Hier gelingt es aber eindrucksvoll!

Schwarwel – Gevatter

Auch das Thema „Tod“ ist ein wenig sperrig und bietet sich nicht unbedingt als Massenkompatibel an. Schwarwel versucht trotzdem, sich damit auseinanderzusetzen, Unsagbares in das Gespräch zu holen, Ängste zu thematisieren und Alternativen aufzuzeigen!

Mikolajczak/Möller – die spinne

Wie schwierig die Abgrenzung zwischen Comic und Graphic Novel ist, beweist dieser Titel: die spinne ist ein Thriller, ein Film noir, eine Abrechnung mit provinziellem Rassismus, eine Beschreibung unterdrückter Sexualität und zudem noch spannend! Zurecht ein toller Erfolg für die vorher nicht so wirklich bekannten Künstler!

Christin/Aymond – Ost-West

Die Biographie eines Szenaristen kann natürlich nichts anderes sein als ein Szenario. Dieser Band beschreibt das Leben eines der besten „Texter“ und wird von einem langjährigen Gefährten umgesetzt. Natürlich hilft es, ein spannendes Leben gehabt zu haben und ein Publikum, das wissen möchte, wie bestimmte Ideen zustande gekommen sind… Lesenswert!

Comeback des Jahres

Der All Verlag hat zwei klassischen ZACK-Helden eine mustergültige Gesamtausgabe in einzelnen Hardcover spendiert: Luc Orient und Bruno Brazil sind also wieder da, letzterer sogar auch mit neuen Abenteuern. Die Gesamtausgabenwelle ist zwar im Verebben, es erscheinen aber immer noch Schätze die es Sammler*innen erlauben, Jugendträume erneut (und qualitativ auf einem vieeel höheren Niveau) zu durchleben.

Magazine

ZACK

Platz eins geht in diesem Jahr an DAS deutsche Comic-Magazin. Das ZACK hat gerade sein zwanzig-jähriges Jubiläum gefeiert und bietet immer noch eine spannende Mischung aus runderneuerten alten Helden (wie Michel Vaillant, Rick Master oder Bob Morane), neuen Serien wie die Bank, Rhonda oder Harmony oder Experimenten wie Giant! Unbedingt empfehlenswert!

Reddition

Platz zwei geht an die Reddition die mittlerweile siebzigmal ein Heft einem oder höchstens zwei Themen gewidmet hat und so für vertiefte Information sorgt. Immer lesbar, immer gut und sinnvoll illustriert und immer spannend!

Strip Glossy

Quasi in der Mitte steht die Strip Glossy: einerseits randvoll mit Comics, andererseits voll mit Informationen, Interviews und Bewertungen! Die Strip Glossy ist unverzichtbar für alle, die im Bereich niederländischer Comics und Künstler*innen auf dem Laufenden bleiben wollen!

Sekundärliteratur

Der Zweite Weltkrieg im Comic

Der Titel des Jahres ist der Katalog zu der Ausstellung im Dortmunder schauraum: comic + cartoon „Nimm das, Adolf!“. Alexander Braun seziert die Comics aus dem amerikanischen Raum und ihrer Darstellung des Krieges vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, die noch heute wirksamen Auswirkungen in Deutschland, den Konflikt in Belgien zwischen dem sich anpassenden Hergé und dem auf Konfrontation und Widerstand setzenden Spirou und wirft einen Blick auf die 68er-Rezeption! Nur erhältlich im Schauraum!

Hugo Pratt – Warten auf Corto

Platz 2 geht an die autobiographischen Gesprächsnotizen von Hugo Pratt die erstmals auf Deutsch erschienen sind! Wer auch immer Fragen zu diesem Thema hat, hier sind Informationen zu finden!

CAMP 3

Platz 3 geht ebenfalls an die Edition Alfons: Das Magazin CAMP widmet sich der Trivialkultur, ist eher ein Buch im Din-A4-Format und springt von Taschenbuchcovern über die Frage des Anteils von Bob Finger an der Figur Batman zu der Form von Weltraumraketen. Genau diese Mischung verspricht kurzweilige Aufnahme nutzlosen Wissens und damit genau das, was wir alle so lieben, oder?

Verabschieden mussten wir uns neben anderen von Tome, d. i. Phillipe Vandevelde. Der sympathische Szenarist verstarb am 5. Oktober. Er war im Hause Dupuis für viele Serien verantwortlich, am bekanntesten bei uns wohl mit Der Kleine Spirou und Soda – R.I.P.

Noch eine Bemerkung in eigener Sache: Der Klassiker des Monats nimmt mehr Zeit in Anspruch als ich aktuell habe! Ich möchte aber nicht ganz damit aufhören und ändere den Titel deswegen in Klassiker des Quartals. Viermal wird es also auch in 2020 die Vorstellung eines Titels geben, der neben dem Fokus auf die Neuerscheinungen eines Hinweises würdig erscheint! Schreibt mir eure Wünsche so vorhanden!

Zum Schluss wünsche ich Euch ein tolles, erfolgreiches neues Jahr!

comix-online Reporter
Immer für euch unterwegs

© der Abbildungen bei den jeweiligen Verlagen wie in den Besprechungen angegeben sowie den jeweiligen Künstler*innen.

Nihoul/Mantovani – Cixi

Königliches Blut: Cixi – Die Drachenkaiserin

Story: Philippe Nihoul
Zeichnungen: Fabio Mantovani

Originaltitel: Les Reines de SangCixi

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 112 Seiten | Farbe | 22,00 € |

ISBN:  978-3- 96219-078-1

Die Reihe Königliches Blut versammelt ein- oder mehrteilige Geschichten über Herrscherinnen unter einem einheitlichen Logo. In ihnen werden natürlich Fakten und Fiktion verwoben, sind doch die Geschichtsschreibungen gerade über relevante Frauen oft schon selbst teilweise eher Mythos als Wiedergabe der Wirklichkeit. Trotzdem versuchen sie aber, die porträtierten Frauen in ihre Widersprüchlichkeit und ihrer Macht darzustellen.

Der Inhalt

Nach Isabella von Spanien, Alienor von Aquitanien und Kleopatra wagt sich der Splitter-Verlag jetzt erstmals in den Fernen Osten und stellt unter dem Label „Double“ die Drachenkaiserin Cixi vor. Cixi ist ein sehr hübsches Mädchen aus dem Stamm der Mandschu, der damaligen Herrscherkaste. Ihre Familie gehört aber nicht zu dem traditionellen Hochadel so dass sie eigentlich nur auf eine gute Heirat hoffen kann. Um ihren Ruf steht es aber nicht zum Besten und als sie bei einem Stelldichein mit einem jungen Mann erwischt wird, bleibt nur der Ausweg, sie als Kurtisane an den kaiserlichen Hof zu bringen.

Parallel dazu muss den Han-Chinese Li Lieng Ying erleben, was Armut heißt. Er fasst den verzweifelten Plan, sich zum Eunuchen machen zu lassen und am Hof aufgenommen zu werden. Dieser Plan erfordert aber das Eingehen einer großen Schuld bei den Kastraten.

Am Hof treffen sich die Beiden und Li Lieng Ying entwirft einen Plan für ihre Zukunft. Cixi soll den bisher kinderlosen Kaiser von sich abhängig machen und ihm einen Thronfolger schenken. Um diese Ziele einmal erreichen zu können muss Cixi erst die Kunst der Verführung und des Liebesspiels lernen. Tatsächlich ergibt sich die Chance, dass Cixi zum Kaiser gerufen wird und aufgrund des langen, ausdauernden Trainings verfällt er ihr tatsächlich. Als der Kaiser schließlich stirbt, wird seine Kurtisane als Mutter seines Erben zur Kaiserinwitwe. Eigentlich gleichberechtigt zu seiner Hauptfrau, die sich für solche Sachen aber nicht interessiert, übernimmt sie die Regentschaft für ihren Sohn. Ihr Begleiter wird zum Haupteunuch und die beiden regieren für insgesamt 24 Jahre das Reich der Mitte mit harter Hand.

Im Laufe der Geschichte kommt es immer wieder zu Konflikten, sowohl mit Männern, die einer Frau das Recht zu regieren absprechen wollen, aber auch mit den Langnasen, also den Europäern. Dabei spielen sowohl die Christianisierung und Ausbeutung des Landes eine Rolle als auch persönliche Eitelkeiten. Auch der sogenannte Boxeraufstand spielt dabei eine große Rolle. Die Geschichte endet mit dem Tod der Drachenkaiserin.

Philippe Nihoul gelingt es dabei sehr geschickt, geschichtliche Fakten und Stimmungen mit den Lebensgeschichten der beiden Hauptpersonen zu verbinden. Alles Notwendige wird mitgeteilt ohne dass dabei auch nur ansatzweise der Gedanke an einen drögen Geschichtsunterricht aufkommt. Konflikte mit anderen Staaten aber auch interne Intrigen bekommen dabei genügend Raum, lassen aber Platz für die genaue Zeichnung der Charaktere und ihrer Entwicklung. Sex spielt eine große Rolle in dieser Geschichte, steht aber nie als solches im Vordergrund, sondern treibt die Entwicklung und ist somit Mittel zum Zweck ohne Selbstzweck zu sein.

Die Zeichnungen

Fabio Mantovani hatte augenscheinlich Spaß an den zwei Bänden, die hier in einem Hardcover zusammengefasst worden sind. Chinesische Dekors und Landschaften vermitteln den Eindruck einer guten Recherche und auch die Figuren inklusiver der Gesichter sind gelungen. Man kann aber nicht übersehen, dass der Zielmarkt Europa ist; die Züge sind teilweise etwas überzeichnet.

Mantovani schreckt auch nicht davor zurück, abgeschlagenen Köpfe und Folterszenen ins Bild zu setzen, wenn ihm auch die lebenden Körper mehr zu bedeuten scheinen. Die Farben sind teilweise etwas zu aufdringlich, insbesondere rote Lippen wirken überbetont. Die Farbgewaltigkeit der Kleidung passt dagegen.

Beim Seitenlayout verlässt der Künstler die ausgetretenen Raster und packt Panele auf Hintergrundzeichnungen, arrangiert diese völlig frei und schafft daher ein sehr unruhiges aber anregendes und immer wieder wechselndes Seitenbild. Mehr davon!

Fazit

Auch die vierte in dieser Reihe porträtierte Herrscherin hat Geschichte geschrieben. In ihre Zeit fiel der Konflikt mit den Kolonisatoren, die das Reich der Mitte als neue Gewinnquelle für sich entdeckt hatten, begleitet von dem immer wieder aufkommenden Konflikt um die regionale Vorherrschaft mit Japan und dem bevorstehenden Wandel des abgeschotteten traditionsgebundenen Riesenreiches hin zur Moderne. Diese Thematiken werden ansprechend eingebunden und erzeugen sicherlich mehr bleibendes Wissen als unzählige Unterrichtsstunden.

Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass trotz allem die Unterhaltung im Vordergrund steht und auch dieser Aufgabe wird der Comic gerecht. Die Ränke und Intrigen würden einem Krimiplot auch gut zu Gesicht stehen. Auch wenn es hier um Herrscherinnen geht, ist die Zielgruppe wohl im Wesentlichen männlich. Es wäre daher spannend, die gleiche Story von einem weiblichen Team umgesetzt zu sehen.

Obwohl Cixi eine der bedeutendsten Herrscherinnen Chinas war, die Geschichte erst 150 Jahre zurückliegt und sie schon immer von Legenden umrankt war, ist wahrscheinlich eine gute Idee gewesen, die Original-Bände 11 und 12 in eine deutsche Ausgabe zu packen. Das Thema China ist noch nicht im (Comic-)Mainstream jenseits des Mangas angekommen.

Ausstattungsmäßig erfüllt der Splitter-Verlag wie immer alle Erwartungen! Und 112 Seiten für 22 Euro sind absolut fair!

Dazu passen grüner Tee und Sake und alles Instrumentale von den Skatalites!

© der Abbildungen Splitter Verlag GmbH & Co. KG ·   Bielefeld 2019

© 2015, 2018 Èditions Delcourt / P. Nihoul / F. Mantovani

Mikolajczak/Möller – die spinne

die spinne.

Story: Michael Mikolajczak
Zeichnungen: Andreas Möller

Originaltitel: Originalausgabe

Kult Comics

Hardcover | 200 Seiten | s/w | 25,00 € |

ISBN: 978-3-96430-075-1

Schon seit Jahren werden die Krimi- und Thriller-Bestsellerlisten auch von Autor*innen aus deutschen Landen angeführt. Im Comicbereich waren dagegen eher andere Themenbereiche mit Künstler*innen aus Deutschland assoziiert. Mit dem Band die spinne von Mikolajczak und Möller ändert sich das gewaltig!

Der Inhalt

Amerika im Jahre 1972: Kerle sind noch Kerle, Autos groß und blubbernd und LGTB, Selbstverwirklichung oder auch nur Toleranz unbekannte Worte ohne Bedeutung.

Die junge Amber hat die Kleinstadt Tinkerville im Streit verlassen und kehrt zurück. Allerdings kommt sie nicht allein, sondern mit ihrem Freund, der nicht nur als Fremder sofort abgelehnt wird. Da er eine dunkle Hautfarbe besitzt, lernt er sofort alle Feinheiten des kleinbürgerlichen Rassismus kennen und bezahlt mit seinem Leben.

Amber hingegen glaubt, dass er nur abgereist wäre und bezieht eine kleine Wohnung im Haus des Kriegsveteranen Jimmy. Dieser hat ein besonderes Verhältnis zu jungen Frauen, beobachtet sie durch Löcher in den Wänden und entspricht schon sehr schnell dem Muster eines Psychopathen. Eigentlich weiß der ganze Ort von all den verschwundenen Frauen, niemand erzählt es aber rechtzeitig genug für Amber.

Besonders beeindruckend sind zwei Narrative: Zunächst schafft es Michael Mikolajczak sehr glaubwürdig den typischen local Cop zu beschreiben: eigentlich obrigkeitshörig, regelorientiert und konservativ, andererseits aber auch bemüht, „Freunden“ zu helfen und im richtigen Moment wegzuschauen. Die andere sehr gelungene, durch ihre Widerkehr Struktur schaffende Situation ist der Barbier. Die Situation der Rasur scheint in den USA eine hier nur schwer zu verstehende Kommunikationszentrale darzustellen, in der über Leib und Leben entschieden wird.

Der Autor hat bei Kult schon einige Graphic Novels veröffentlicht!

Das Artwork

Andreas Möller lehrt Kunstdidaktik an der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Er hat zwar schon Illustrationen für einen Tatort angefertigt und einen eher dem Horrorgenre zugehörigen Comic illustriert, ist aber eher noch neu im Geschäft. Die spinne im reinen schwarz-weiß veröffentlicht bringt seine Zeichnungen sehr gut zur Geltung. Die Körper sind anatomisch korrekt und dynamisch in ihren Bewegungen. Die Gesichter (aber auch die Körperhaltungen) deuten an, dass das Leben der meisten Akteure bisher kein Zuckerschlecken war.

Der Horror des Alltags aber auch der der Gefahr finden sich in den Figuren aber auch im Seitenaufbau wieder. Während oft rechte Winkel das Layout beherrschen, geraten auch die Begrenzungen in Schieflage, wenn es brenzlig wird! Auch der Wechsel zwischen Schwarz auf Weiß hin zu den bedrohlichen schwarzen Hintergründen gelingt perfekt und treibt die Geschichte genauso stark wie der Text.

Die Empfehlung

Kult Comics fördert schon seit längerem auch den Deutschen Comic. Gerade die spinne zeigt, wie richtig das ist, denn diese Graphic Novel braucht den Vergleich mit internationalen Werken nicht zu scheuen! Unbedingte Kaufempfehlung mit Spannung und unerwarteten Twists! Es gibt im Übrigen auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Exlibris!

Ex Libris der limitierten Vorzugsausgabe

Dazu passen The Adicts und Tennessee Whiskey.

© der Abbildungen 2019 Comic Combo, Leipzig und Michael Mikolajczak, Andreas Möller

Le Hénanff – Wannsee

Wannsee

Story: Fabrice Le Hénanff
Zeichnungen: 
Fabrice Le Hénanff

Originaltitel: Wannsee

Knesebeck Verlag

Hardcover Überformat | 88 Seiten | Farbe | 24,00 € |

ISBN: 978-3-95728-304-7

Der Hintergrund

Wie beschreibt man das Unbegreifbare? Und wie macht man deutlich, dass ein eigentlich fast schon banales Arbeitstreffen mit anschließendem Frühstück das Todesurteil für Millionen von Menschen besiegelt hat?

Der Bretone Fabrice Le Hénanff versucht mit seiner Graphic Novel Wannsee genau das! In einer bürgerlichen Villa in Berlin-Wannsee kommen am 20. Januar 1942 fünfzehn hochrangige Vertreter des Nazi-Regimes unter Leitung von Adolf Eichmann zusammen um die Endlösung der Judenfrage zu diskutieren. Das Treffen ist auf maximal zwei Stunden ausgelegt und gut vorbereitet. Um der Nachwelt keine Informationen zu liefern wird das stenographische Protokoll sofort im Anschluss vernichtet und auch die später ausgegebenen Protokolle sollten nach der Besprechung mit den jeweiligen Vorgesetzten eigentlich vernichtet werden. Ein Protokoll aber überlebt und so wissen wir heute von dieser Konferenz.

Es wurden noch weitere Vorkehrungen getroffen um das zu planende Grauen handhabbar zu machen. In feinster Orwellscher Manier wird nur von Evakuierungen und Sonderkommandos gesprochen, nicht aber von Exekutionen. Trotzdem geht es um eine Plankapazität von bis zu 60.000 Juden pro Tag in den Vernichtungskammern. Die Begründung ist denkbar einfach: Munition ist knapp, Massenerschießungen belasten die Ausführenden zu stark emotional, und schließlich lassen sich damit auch nicht genügend große Zahlen „evakuieren“.

Die Beteiligten an dieser Konferenz sind zum größten Teil Juristen; nicht verwunderlich also, dass es auch darum geht, wie man diese Planungen rechtlich umsetzen und vereinfachen kann, etwa wenn es um die Behandlung von „Mischlingen“ geht oder um Ehen zwischen Ariern und Nicht-Volljuden. Die Abstraktionsfähigkeit der Teilnehmer führte später dazu, dass sie teilweise als Mitläufer mit nur leichter Belastung eingestuft worden sind. Deutsche Justiz in den ersten Jahren nach ´45 war nicht immer ein Ruhmesblatt um es mal höflich auszudrücken.

Die Umsetzung

Le Hénanff hält sich nicht sklavisch an die im Protokoll überlieferten Abläufe und Inhalte, er ergänzt etwa eine Beschreibung des Massakers von Babi Yar um das Grauen greifbarer zu machen. Er ergänzt die Beschreibung der Konferenz auch um Biographien der Teilnehmer. Hier führt er nicht nur auf, was die Männer vor der Konferenz getan haben, sondern auch danach und eben auch, wie die Zeit bis zu ihrem Tod verlaufen ist. Ihm kommt dabei zugute, dass er sich schon in früheren Werken intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt hat.

Die Grundfarbe der Bilder ist ein Sepiaton. Dadurch wirkt alles alt und dokumentarisch, obwohl es natürlich eine Fiktion ist. Bilder erstrecken sich dabei manchmal über mehrere Panele einer oder sogar mehrerer Reihen und ermöglichen dadurch ein Innehalten in einer Situation, die mehr Text bedarf oder mehr Bedeutung hat. Durch das teilweise eingesetzte leichte Rot auf den Gesichtern wirken die Personen einerseits wie gut genährte Schweinchen (während die Bevölkerung in einen Hungerwinter geht) andererseits manchmal wie verpickelt und mit Eiterbeulen überseht. Dadurch wird quasi eine maximale Distanz zwischen Künstler und dargestellten Personen geschaffen.

In einer Sub-Story treffen Mäuse in eben jenem Gebäude auf eine hungrige Katze. Es sei dahingestellt, ob es sich dabei um eine Hommage an Art Spiegelmann handelt oder eine um Allegorie. Sie entspricht auf jeden Fall der gnadenlosen Umsetzung des Plans der Vernichtung des europäischen (und später weltweiten) Judentums mit deutscher Gründlichkeit und effizienter, industrieller Planung.

Zu der Hardcover-Ausgabe im Knesebeck-Verlag gehören auch ein Vor- und ein Nachwort, Literaturangaben und Quellenverweise, die eine Einordnung des Tages in die zeitliche Historie und die Geschichte des Holocaust ermöglichen, trotzdem aber die singuläre Bedeutung dieser Konferenz herausstreichen. Ein wichtiger Titel, der einigen nicht gefallen wird und eine Mahnung an alle, niemandem zu vertrauen, der von Vogelschiss redet.

Dazu passen ein schwarzer Tee und „Zog nit keyn mol az du geyst dem letsn veg“ von Hirsch Glik.

© der Abbildungen Fabrice Le Hénanff © Editions Casterman/Knesebeck Verlag

Grolleau/Royer – Charles Darwin

Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle

Story: Fabien Grolleau
Zeichnungen: 
Jérémie Royer

Originaltitel: HMS Beagle, Aux origins de Darwin

Knesebeck Verlag

Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 28,00 € |

ISBN: 978-3-95728-313-9

Charles Darwin dürfte dem Namen nach jedem bekannt sein; seine fast fünfjährige Reise auf der HMS Beagle erlaubte ihm, unzählige Artefakte zu sammeln, Theorien zu entwickeln und diente als Basis für sein wissenschaftliches Werk, das die Naturwissenschaften revolutionierte und ihn in scharfen Gegensatz zu der damaligen Auffassung brachte. Über diese Reise gibt es bereits viele Bücher, nicht zuletzt von Darwin selbst aber auch vom Kapitän der Beagle Fitz Roy. Nun liegt eine Graphic Novel aus dem Knesebeck-Verlag vor, die diese Reise beschreibt.

Der Hintergrund

Darwin war ein etwas kränklicher junger Mann und so war die erste Hürde, die zu nehmen war, das Einverständnis des Arztes der Familie. Seereisen waren damals, wir schreiben das Jahr 1831, noch etwas anderes: ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Die Überfahrt war gefährlich, Kommunikation nur möglich, wenn man ein anderes Schiff traf oder während des Aufenthaltes in einem Hafen und es gab genügend Hinweise auf Kannibalen und feindlich gesinnte Bewohner unbekannter Landstriche.

Zudem waren die Schiffe der damaligen Zeit zwar durchaus seetauglich, Luxus wie auf einer heute so beliebten Kreuzfahrt war aber nicht zu erwarten. Der Kapitän der HMS Beagle, der auf der zweiten Fahrt dieses Schiffes die Küste Südamerikas kartographieren sollte, wünschte sich Gesellschaft durch einen gebildeten Gefährten während der Fahrt und so kam es, dass der junge Darwin eingeladen worden war. Da es keine Smartphones mit Kamera gab war auch ein Maler mit an Bord um die Eindrücke festzuhalten. Die erwünschte Konversation muss allerdings sehr beschränkt gewesen sein, Darwin litt nicht unerheblich an Seekrankheit.

Er entwickelte aber schnell ein großes Interesse an Naturforschung und Geografie und stellte bereits auf dem ersten Stopp auf den Kapverden fest, dass die Erde wohl nicht erst 6000 Jahre alt ist – so die damalige theologisch begründete Annahme, sondern wesentlich älter. Die Erde schien sich entwickelt zu haben (Blasphemie 1) und das Antlitz ihrer Oberfläche schien aus verschiedenen Schichten aufgebaut zu sein.

Ein weiterer Punkt, in dem der junge Forscher einen totalen Gegensatz zur damals herrschenden Meinung einnahm, war die Frage der Sklaverei. Er empfand durchaus, dass alle Menschen gleich sein und die postulierte Minderqualität nicht aus dem Menschen selbst heraus zu begründen war. Die Zivilisation sei es, die die Menschen und ihre kulturelle Entwicklung geprägt hätte und dort gäbe es tatsächlich Unterschiede. Natürlich glaubte der Engländer an die Superiorität seiner Kultur und empfand durchaus eurozentristisch und paternalistisch, zweifelte aber an der Gottgegebenheit dieser Situation (Blasphemie 2).

Auf seinen weiteren Stationen dieser fast fünf Jahre andauernden Reise entdeckte er Skelette von Fossilien und entwickelte schließlich aufgrund der Tatsache, dass sich auf den einzelnen Galapagos Inseln unterschiedliche Ausprägungen zum Beispiel von Finken finden ließen, die Theorie, dass sie sich aus einem gemeinsamen Ursprung entwickelt hätten (Blasphemie 3). Diese Theorie sollte später sein Hauptwerk werden unter dem Namen Der Ursprung der Arten, der Begründung der modernen Evolutionstheorie!

Die Umsetzung

Grolleau und Royer haben sich in ihrer Umsetzung dagegen entschieden, alle Details haarklein nachzuerzählen. Sie wollen etwas vereinfachen, ja sogar romantisieren, wie sie in ihrem Vorwort gestehen. Ihnen kommt es nicht darauf an, jede Entdeckung, jeden Landgang und jede Idee wiederzugeben, sie wollen die Linie und die Entwicklung aufzeigen die vom jungen, idealistischen Träumer hin zu dem genauen Wissenschaftler verläuft. Dadurch gelingt es ihnen zu zeigen, wie sich einzelne Begebenheiten und Funde quasi wie Puzzlesteine mühsam zu einem Größeren zusammenfinden und erst langsam die Grundlage für die Theorie bilden. Noch einmal zurück in die damalige Zeit: Fundstücke mussten katalogisiert werden, verpackt und dann nach England verschifft werden. Sie waren teilweise Jahre vor dem Forscher in der englischen Heimat und hatten bereits eine Diskussion angeregt, die von Darwin selbst gar nicht zu beeinflussen war.

Zudem waren auch die Kategorien gar nicht bekannt und entwickelten sich erst im Laufe der Zeit, zum Beispiel die Wichtigkeit der geographischen Bezeichnung der Fundorte. Wenn alle Arten gleichzeitig von Gott geschaffen worden waren, war es nicht so wichtig, ihren Fundort zu beschreiben. Erst dann, wenn man von separaten Entwicklungen ausgeht, macht der Fundort überhaupt Sinn! Diese Weiterentwicklung in der wissenschaftlichen Herangehensweise wird durch die beiden Kreativen quasi nebenbei erläutert und das ist auch schon ein Hinweis auf ihre Leistung: Wissenschaft und vor allem die langsame Theoriebildung und ihre Verifikation werden perfekt und spannend beschrieben und erwecken Verständnis für die Leistung aber auch Neugier und möglicherweise den Spaß an eigenen Versuchen.

Die Graphic Novel lässt sich daher vielschichtig lesen: Sie ist zu erst einmal eine spannende biographische Bilderzählung einer fünfjährigen Reise und insofern fast wie ein Roman von Jules Verne, nur in echt. Sie ist die Beschreibung der Entwicklung einer revolutionären Theorie, die unsere Welt nachhaltig geändert hat (auch wenn es immer noch eine Vielzahl von Menschen gibt, die glauben, dass die Bibel und ihre Genesis wörtlich zu nehmen ist). Und sie ist die behutsame Heranführung an Wissenschaft und ihre Anforderungen.

Die Zeichnungen

Mir wurde auf keiner einzigen der 170 Seiten langweilig – der Stil ist so abwechslungsreich und wechselt zwischen Nahaufnahmen der Gesichter, der Situationen oder Tierdarstellungen und weiten Landschaften hin und her. Dabei ist das Gesicht Darwins den Bildern der damaligen Zeit so gut nachempfunden, dass man ihn sofort wiedererkennt, seine Entwicklung über die beschriebene Zeit aber auch sehen kann. Aus dem offenen, etwas ängstlichen jungen Mann wird einer, der weiß, was er zu tun haben wird um seine gesammelten Eindrücke zusammenzufügen.

Auch die Härte der Seefahrt, die Schrecken der Sklaverei und die Beschreibung der südamerikanischen Lebensverhältnisse sind gut und vor allem nachvollziehbar getroffen. Dazu gibt es immer wieder grandiose Bilder wie etwa das als Titelbild genutzte Panel oder die Sammlung der Käfer die in ihrer Weite und Detailtiefe die emotionale Beteiligung des/der Leser*in geradezu erzwingen. Trotz aller Details vereinfachen die Bilder genug um nicht vom Wesentlichen abzulenken und sind daher besser geeignet als Fotos es wären.

Die Ausgabe

Der Knesebeck-Verlag veröffentlicht seit geraumer Zeit Graphic Novels. Viele davon sind aus der Schnittmenge von Zeitgeschichte und Biografie und alle setzen den Willen der Konsument*innen voraus, sich auf das Thema einlassen zu müssen. Das kurze Vergnügen mit anschließendem Vergessen ist nicht gewollt, eher schon die Basis für eine tiefere Auseinandersetzung. So laden die Werke auch alle dazu ein, sie mehr als einmal zu lesen.

Das Buch kommt als Hardcover mit festem Papier. Obwohl sehr glatt, glänzt es nicht und reflektiert daher auch nicht störend. Der Buchhändler würde es etwas altertümlich als wohlfeil beschreiben… Durch die strukturierenden Kapiteleinleitungen mit einem Kartenausschnitt wird die Leser*in geführt und der Überblick gewährleistet.

Uneingeschränkte Empfehlung für alle, die nicht nur die schnelle Ablenkung suchen, sondern eine Bildgeschichte gerne auch wiederholt in die Hand nehmen und als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen nutzen wollen!

Dazu passen Joe Jackson mit Big World und Mate jeglicher Geschmacksrichtung.

© der Abbildungen 2019 von dem Knesebeck GmbH & Co Verlag KG, München und Fabien Grolleau, Jérémie Royer/Knesebeck Verlag

Schwarwel – Gevatter 1

Kapitel 1: Verleugnung

Story: Schwarwel

Zeichnungen: Schwarwel

Glücklicher Montag

Heft | 36 Seiten | SW | 3,90 € |

ISBN: 978-3-9817615-7-3 (regulär) | 978-3-9817615-8-0 (variant)

Schwarwel ist dem einen oder der anderen frühen Leser*in von comix-online noch aus den Zeiten von EEE (Extrem Erfolgreich Enterprises) und als Mastermind des Schweinevogels bekannt. Mittlerweile hat er sich hauptsächlich auf das Zeichnen von Karikaturen verlegt, die unter anderem über Facebook für jede*n frei verfügbar sind und arbeitet bei „Glücklicher Montag“ unter anderem an Trickfilmen.

Gevatter ist Schwarwels erstes Comicprojekt seit einigen Jahren; der erste Teil ist gerade sowohl in einer regulären Ausgabe als auch als Variant mit einem Titelbild von Sascha Wüstefeld (Das UpGrade) erschienen. Die Hefte 2 – 5 sollen in kurzen Abständen folgen.

Der Inhalt

Die Graphic Novel wird von der FUNUS Stiftung herausgegeben die sich für einen unverkrampften Umgang mit dem Tod einsetzt. Jeder Mensch muss früher oder später sterben und mehr man sich im Vorfeld damit auseinandergesetzt hat, desto besser kann man damit umgehen. So veranstaltet die Stiftung z. B. das Leipziger Endlichkeitsfest „Die Stadt der Sterblichen“ vom 6. bis 29. September mit. Sie unterstützt aber auch Publikationen, die sich mit dem Tod beschäftigen und somit auch den Gevatter.

Schwarwel hat eine sehr persönliche Geschichte geschrieben: Tim, der in seinem Heranwachsen gezeigt wird, ist das Alter Ego des Autors. Es beginnt mit einem verzweifelten Anruf: der „Held“ dieser Story steht kurz davor, sich das Leben zu nehmen, ruft aber noch einmal einen Freund an, dem er damals in einer ähnlichen Situation geholfen hatte. Nun also muss der Freund das Gleiche tun…

In Rückblicken wird dann die Geschichte des kleinen jungen erzählt, der wie alle Kinder immer wieder mit dem Tod konfrontiert wird. Sei es die alte Frau, der verletzte Igel oder die potentiell tödliche Krankheit. Keinem Kind können diese Situationen erspart werden. Es bleibt aber zu hoffen, dass nicht alle Kinder mit ihren Fragen alleine gelassen werden…

Im weiteren Verlauf der Serie werden noch weitere persönliche Erlebnisse des Künstlers thematisiert werden: Alkohol, Depressionen, Sucht und Verzweiflung. Es gehört unheimlich viel Mut dazu, sein Innerstes so offen zu legen, sich angreifbar zu machen und die Deckung zu verlassen.

Gerade dieser Mut ermöglicht es aber auch, die im Anhang abgedruckten Adressen zur Hilfe bei Depressionen, schweren Krankheiten oder Trauerbegleitung nicht als Werbung zu verstehen sondern als Angebot von jemand, der weiß, wovon er spricht.

Genau diese Tiefe und der Wille zum Diskurs kommen auch aus den Interviews mit Schwarwel selbst, Sascha Wüsterfeld und Frank Pasic, dem Vorsitzenden von FUNUS zum Ausdruck.

Die Umsetzung

Die Graphic Novel erscheint in schwarz-weiß und damit in dem einzig passenden Rahmen. Farbe würde die Details überdecken und auch eine falsche Stimmung repräsentieren. Die Seiten folgen im Prinzip dem 3×3-Aufbau, sind aber flexibel und erlauben somit ein Zusammenfassen oder aber auch ein Verteilen des Motivs auf mehrere Panels.

Der Horror im Gesicht des jungen Tim, die Verzweiflung und Hoffnung im Gesicht des älteren brauchen keine Worte zur Unterstützung sondern erklären das gesamte Setting aus sich heraus. Machtverhältnisse, Schrecken und Rückzugsräume sind deutlich zu erkennen und erlauben eine fast filmische Rezeption.

Der faire Preis, die Gestaltung mit festem Einband und das Variantcover von jeweils unterschiedlichen Künstler*innen sollten ebenfalls dazu beitragen, dass die Geschichte über den Tod und den Umgang damit ihre Käufer*innen findet! Für mich definitiv ein Kandidat für die Top 5 des Jahres!

Dazu passen A place to bury strangers und ein Rotwein.

© der Abbildungen 2019 Glücklicher Montag und Schwarwel