Albert/Vance & Aymond/Bollée – Serienkompass Bruno Brazil

Der vielleicht coolste Geheimagent

Texter: Louis Albert (Greg), Lauren-Frédéric Bollée

Zeichner: William Vance, Philippe Aymond

Reihentitel: Bruno Brazil & Bruno Brazil – die neuen Abenteuer

Aktueller Verlag Deutschland: All Verlag

Verlag Original und Niederlande: Le Lombard / Dargaud

Aktuell 11 und 2 Bände

Veröffentlichungsstatus in Deutschland: Band 1 bis 9 der Gesamtausgabe erschienen, Band 1 und 2 der neuen Abenteuer erschienen

Ausschnitt aus dem Ex Libris der VZA Band 1

Das Thema Comicserie über Geheimagent*innen ist gar nicht so klein wie man im ersten Moment denken würde. Zunächst einmal gab es die Zeitungsstrips mit Klassikern wie Agent X/9, Modesty Blaise oder Nick Knatterton. Später diversifizierte sich das Thema in anarchistisch-humoristische Serien wie Spion & Spion oder Clever & Smart, eher actionorientierte Serien wie Lady S. oder XIII oder an den Kinoerfolg angelehnte Episoden um James Bond. Eine der zumindest im Comic wohl am meisten gefeierten Serien war aber Bruno Brazil.

Die Entstehungsgeschichte

Wir schreiben das Jahr 1967, die Auflage des belgischen Comicmagazins Tintin geht zurück und Greg (das ist Michel Régnier), Chefredakteur des Magazins muss sich etwas einfallen lassen. Die Zielgruppe der 8 bis 14-jährigen Jungen wartet nicht mehr unbedingt darauf, dass ein neues Heft erscheint, sondern hat u. a. mit Kinobesuchen auch andere Möglichkeiten, der Realität zu entfliehen. Er beginnt also neue Serien zu entwickeln und diese mit jungen Zeichnern umzusetzen.

Eine der Serien aus dieser Gruppe war Bruno Brazil, gezeichnet von William Vance. Dieser hatte schon Seefahrer und Westernhelden gezeichnet und mit Bob Morane eine dem Agentengenre verwandte Serie übernommen, war aber gerne bereit, auch eine neue, eigene Serie zu übernehmen. Greg war zu dieser Zeit so aktiv, dass er ein Pseudonym bevorzugte, um Abwechslung zu suggerieren. Dementsprechend erschienen die Geschichten um den Agenten und seinen Boss, Colonel L, unter dem Autorennamen Louis Albert.

Die Figur mit den markanten weißen Haaren wurde zunächst in ein paar Kurzgeschichten getestet. Diese wurden dann später mit einer Rahmenhandlung versehen und als letzter Band der originalen Serie veröffentlicht. Schon kurz darauf folgte mit „Der Hai, der zweimal starb“ die erste albenlange Geschichte. Diese zeigt schon sehr deutlich, wie es in den folgenden Geschichten abgehen wird, beginnt sie doch gleich mit einem Verkehrsunfall und drei Toten im ersten Panel. Diese Gewalt war in den belgischen Comics bis dahin nicht nur unbekannt, sondern sogar verpönt. Der neue Stil zog aber durchaus und die Verkäufe stiegen wieder. Im weiteren Verlauf geht es um einen angeblichen Goldschatz in einem gesunkenen U-Boot und einen untergetauchten Alt-Nazi.

Das Team der Kaimane entsteht

Bereits im zweiten Band Kommando Kaiman darf sich der Held ein Team zusammenstellen um eine im südamerikanischen Dschungel gelegenen geheime Operationsbasis einer kriminellen Organisation zu zerstören. Auch hier zeigt sich die actionorientierte Ausrichtung: Die Teammitglieder entsprechen nicht den Anforderungen der verantwortlichen Beamten (und sicher auch nicht denen der Jugendschützer) denn Bruno wählt sie aufgrund der Fähigkeiten aus. Und so treffen im Laufe der Zeit Kleinkriminelle, Scharfschützen, Artist*innen und Leute mit Alkoholproblemen ein und müssen sich zusammenraufen. Ihnen allen gemeinsam ist jedoch eine militärische Vergangenheit und so starten sie trotz aller Schwierigkeiten in das Abenteuer.

Trotz der Zerstörung der Basis konnten die Verantwortlichen fliehen und die Augen ohne Gesicht stellen gleich die nächste Herausforderung dar. Das Team soll eigentlich nur einen fast schon routineartigen Überprüfungsauftrag durchführen doch nach und nach werden Teammitglieder von einer unbekannten Macht kontrolliert. Die Gegner sind dabei nicht zimperlich und so droht die totale Vernichtung. Der Plot findet seine Fortsetzung und den Abschluss in Die erstarrte Stadt. In den beiden Bänden werden geschickt technische Errungenschaften genutzt, um das Team herauszufordern. Eine Ähnlichkeit mit den Plots von James Bond ist nicht von der Hand zu weisen, hier agiert allerdings im Gegensatz zum Geheimagenten ihrer Majestät ein Team und sexuelle Aspekte stehen nicht im Vordergrund. Die Serie bleibt aber trotz allem realistisch und driftet nicht in Richtung Science-Fiction.

Der Kampf mit der Mafia

Der folgende Zweiteiler bringt einen neuen Gegner ins Spiel. Bisher ging es quasi um Superschurken. Sie hatten noch Emotionen und waren irgendwie involviert. Die Mafia hat solche Skrupel nicht. Hier geht es um das Geschäft und eine Leiche mehr oder weniger spielt keine Rolle. Vergleichbar mit der Entwicklung des Westerngenres hin zum Italowestern brutalisiert sich hier das Agentengenre. Die Nacht der Schakale beginnt damit, dass der Vater von Gaucho Morales, einem der Kaimane, erpresst wird. Ganz Sacramento scheint korrupt und in der Hand der Gangster, doch wenige Aufrechte leisten der Schreckensherrschaft Widerstand: ein Geistlicher und ein Reporter.

Schließlich greift das Kommando Kaiman ein und der Höllentanz in Sacramento beginnt. Harte Schnitte, das gerasterte Layout löst sich fast vollkommen auf und die Leser*innen werden teilweise gezwungen, sich in dem Chaos zunächst einmal zu orientieren! Sicherlich ein Höhepunkt der graphischen Meisterschaft von William Vance! Das traditionell konservative Tintin-Magazin hatte sich sehr verändert, denn Comanche von Greg und Hermann verwandelte gleichzeitig das traditionelle Westernambiente in eine Gewaltorgie. Die Stories passten damit zu dem gesellschaftlichen Umbruch, der die althergebrachten Traditionen hinwegfegte und unter den Talaren lüftete.

Das Team verliert

Die Kaimane im Reisfeld beenden eine weitere Tradition: Held*innen einer Serie sterben nicht so schnell. Das Team soll in Thailand eine verschollene Waffe aufspüren. Während des Zweiten Weltkrieges war von den Japanern angeblich eine Rakete entwickelt worden, die die ganze Welt vernichten könnte. Wieder darf Vance eine grüne Hölle zeichnen doch dieses Mal zahlt das Kommando einen hohen Preis.

Die dezimierte Spezialeinheit darf sich einer Bewährungsprobe unterziehen und wird dafür mit dem Nomaden verstärkt. Der Einsatz richtet sich gegen Menschenschmuggler doch dem Team droht die Enttarnung und Improvisation ist gefragt. Der Sturm über den Aleuten stellt den Leser*innen deutlich die Frage, ob das Team noch das Ruder herumreißen können wird. Eine pessimistische Grundstimmung wird etabliert und das Grundvertrauen in das Überleben der Held*innen, das bisher die Basis jeder Geschichte war, verschwindet.

Ihren Höhepunkt findet diese Entwicklung in Alles oder Nichts für Alak 6. Wieder beginnt die Geschichte blutig mit einem Anschlag. Nach kurzer Zeit wird deutlich, dass eine fremde Macht versucht, eine Formel für einen Raketentreibstoff zu stehlen, wenigstens aber zu vernichten. Die verunsicherten Kaimane müssen als Band verkleidet in Mogadischu versuchen, den Fall zu lösen. Doch die Gegner scheinen übermächtig.

Der Übergang

Natürlich stellt sich in jeder Organisation nach so hohen Verlusten die Frage nach der Qualität des Chefs. Ist er ein Sicherheitsrisiko? Benötigt er vielleicht sogar mehr als psychologische Betreuung? Gaucho Morales, der trotz aller Fehler immer loyal Bruno gegenüber gewesen war, versucht auch jetzt alles zu geben und zu beweisen, dass Bruno keine Schuld trifft und er weiterhin den Anforderungen gewachsen ist. Es geht um das Dossier Brazil. Eigentlich hatte es danach weitergehen sollen. Aufgrund von Arbeitsüberlastungen kam es leider nicht mehr dazu.

Die Rückkehr des Bruno Brazil enthält drei weitere Kurzgeschichten mit einer Rahmenhandlung. Carlsen hatte diese damals nicht mehr veröffentlicht und die Lücke war es 3 Jahre später durch eine Ausgabe bei Stripspielgel geschlossen worden. Die Gesamtausgabe bei Egmont hatte diese wie auch die unvollendete Geschichte um die Rote Kette bereits integriert. Letztere war auch separat als auf 666 Exemplare limitiertes ZACK-Sonderheft 2 erschienen. Beim All Verlag sind die noch fehlenden beiden Bände angekündigt.

Cover Zack Sonderheft 2 Bruno Brazil

Der Neustart

Nach über 30 Jahren Pause war es dann endlich soweit: Laurent-Frédéric Bollée und der Lady S.-Zeichner Philippe Aymond starteten die neuen Abenteuer von Bruno Brazil und schließen mit dem Zweiteiler Black Program 1 und 2 direkt an die damaligen Geschichten an. Die Geschichte startet im September 1976 und Bruno ist tatsächlich in psychologischer Behandlung. Die Grundstimmung der Serie wird übernommen und die neue Geschichte startet sofort mit einem Anschlag auf ein Privatgelände. Dabei wird Madison Ottoman getötet, seines Zeichens Kopf der geheimen Sendeanlage im Dschungel, die damals in Band zwei zur Gründung der Kaimane geführt hatte.

Als auch noch seine damalige Komplizin Rebelle aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreit wird, steht die Frage nach einer Reaktivierung von Bruno Brazil im Raum. Er macht sich auf die Suche nach den ehemaligen Mitgliedern, kann das Team tatsächlich auch reaktivieren und es geht erneut in den Dschungel im dem eine zweite Anlage vermutet wird. Alles steht in Verbindung mit dem geheimen Black Program. Mehr Science-Fiction-Anteile als früher aber eine gekonnte Fortsetzung die mit einem Cliffhanger endet. Wir dürfen also auf eine Fortsetzung gespannt sein.

Ein Grafischer Höhepunkt der Siebziger Jahre

Die Zeichnungen von William Vance stehen in ihrer innovativen Strahlkraft den neuen Erzählweisen von Greg nichts nach. Das klassische Seiten-Layout mit drei oder vier Streifen wird förmlich von den Explosionen, Zusammenstößen, ja fast allen Ereignissen weggesprengt. Bilder gehen ineinander über, verschränken und überlagern sich und nehmen die ganze Seite als Leinwand wahr. Die Erneuerung des verstaubten Magazins soll nicht nur inhaltlich passieren, sondern ihren Ausdruck auch in einer neuen Bildsprache finden.

Detail Bruno Brazil Band 6

Im Übrigen sind die Zeichnungen von Vance durch die schwarzen Umrisslinien und Akzente geprägt. Er beherrscht das Spiel mit den Schatten und ist damit im Einklang mit dem aktuellen Kino. Nicht die Schönheit steht im Vordergrund, sondern der Realismus und die Gewalttätigkeit der Gesellschaft. Sicherlich haben dafür die schwarz-weißen Zeitungsstrips Pate gestanden aber die Kolorierung macht die Geschichte moderner und auch heute noch zu einem (wieder-)lesbaren Klassiker.

Man darf nicht vergessen, dass die Geschichten ihre 50 Jahre auf dem Buckel haben. Sicherlich hat sich das Dekors geändert, auch die Technik ist eine andere und mit moderner Kommunikation würden die Plots heute etwas anders funktionieren. Grundsätzlich passen aber sowohl Zeichenstil als auch die Geschichten noch und treiben die Leser*innen erbarmungslos vor sich her, wenn ein Team erst mühsam gegen Widerstände aufgebaut und dann säuberlich wieder dezimiert wird. Mehr Spannung – aufrechterhalten über mehrere Bände einer Serie, geht nicht.

Detail Bruno Brazil Band 7

Der Neustart passt sich gut ein und verspricht einiges. Die Figuren sind dem neuen Team mittlerweile vertraut, strahlen einen gewissen „alten“ Charme aus, haben sich aber etwas modernisiert und wirken frisch. Die Zeichnungen kommen in den Dschungelmomenten an die Originale von Vance heran, bei den Themen „Körper im Raum“ und „Gesicht“ muss Aymond allerdings noch an sich arbeiten.

Die aktuelle Gesamtausgabe

In Deutschland hat die Serie eine bewegte Reise durch fast alle größeren Verlage mit frankobelgischem Schwerpunkt hinter sich. Den Anfang machte bereits 1969 MV Comix, 1972 kam dann das Koralle-ZACK. Bastei verlegte sie ersten drei Bände am Kiosk, Carlsen schaffte 10 als Album. Stripspiegel addierte den 11. Band und das „neue“ ZACK brachte in seiner Reihe der limitierten Sonderhefte die rote Kette auf den Markt. Egmont EHAPA hätte mit der mittlerweile vergriffenen Gesamtausgabe in drei Bänden fast den Kreis geschlossen.

Bruno Brazil - neue Abenteuer 2 page 26

Ansgar Lüttgenau hat sich allerdings entschieden, den Versuch mit Einzelbänden im Hardcover zu wagen. Alle bisherigen Versuche hatten ihre Probleme, oft genug wurde sogar der Inhalt verfälscht, wenn etwa der Nazi in Band 1 zu einem Mafioso wurde oder der Tod von Big Boy Lafayette im ZACK zu einer Verletzung umgeschrieben. Jetzt erscheinen die Bände in neuer originalgetreuer Übersetzung und auch die Titel entsprechen jetzt den französischen Originalen. Jedes Buch hat zudem einen redaktionellen Teil, viele zusätzliche Illustrationen und eine komplette Veröffentlichungshistorie. Für Sammler*innen sind auch limitierte Vorzugsausgaben mit Ex Libri erhältlich! Die noch fehlenden beiden Bände werden vermutlich noch im Laufe dieses Jahres erscheinen.

Und auch die neuen Abenteuer passen sich in das Erscheinungsbild ein. Das Rückenbild ist etwas anders und ein redaktioneller Teil fehlt, dafür sind die Ex Libris aber auch signiert. Bruno Brazil ist definitiv eine Zierde für jede Comicsammlung.

Die Titel

Bruno  Brazil

 Deutscher TitelHistorische AusgabenAktuelle Ausgabe
1Der Hai, der zweimal starbKoralle, Bastei, Carlsen, Egmont, GCTAll-Verlag
2Kommando KaimanKoralle, Bastei, Carlsen, EgmontAll-Verlag
3Augen ohne Gesicht (Die teuflischen Augen)Koralle, Bastei, Carlsen, EgmontAll-Verlag
4Die erstarrte Stadt (Die versteinerte Stadt)Koralle, Carlsen, EgmontAll-Verlag
5Die Nacht der SchakaleKoralle, Carlsen, EgmontAll-Verlag
6Höllentanz in SacramentoKoralle, Carlsen, EgmontAll-Verlag
7Kaimane im Reisfeld (Akashitos Vermächtnis)Koralle, Carlsen, EgmontAll-Verlag
8Sturm über den Aleuten (Bewährung für das Kommando Kaiman)Carlsen, EgmontAll-Verlag
9Alles oder Nichts für Alak 6 (Die Myxin-Formel)Koralle, Carlsen, EgmontAll-Verlag
10Dossier BrazilKoralle, Carlsen, Egmontgeplant
11Die Rückkehr des Bruno BrazilMV Comix, Koralle, Stripspiegel, Egmontgeplant
00Die rote KetteZACK, Egmontgeplant

Bruno Brazil – Die neuen Abenteuer

 Deutscher TitelAktuelle Ausgabe
1Black Program 1All-Verlag
2Black Program 2All-Verlag

© der Abbildungen Éditions du Lombard (Dargaud-Lombrd S. A.) by Greg, Vance, Koralle Verlag, Carlsen-Verlag, Stripspiegel Verlag, 2018-2021 All Verlag, Éditions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) 2019/2020 by Aymond, Bollée

Dufaux/Pellejero – Regenwolf

Gesamtausgabe Regenwolf

Story: Jean Dufaux
Zeichnungen: 
Rubén Pellejero

Originaltitel: Loup de Pluie – Intégrale complète

Schreiber und Leser

Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-049-4

Cover Dufaux Pellejero Regenwolf

Der Gattung Western haftete lange ein bisschen Anrüchiges an: Rassistisch, sexistisch, konservativ und altbacken. Es geht aber auch anders und viele sogenannte Neo-Western versuchen einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Zunächst ging es darum, die amerikanischen Ureinwohner*innen nicht entweder als „Edle Wilde“ oder – entgegengesetzt – als „Untermenschen“ darzustellen. Nun wird vermehrt auch der Blick auf aktive weibliche Rollen gelenkt.

Klassische Inhaltselemente, neu gedacht und auf die Füße gestellt

Regenwolf ist dabei ein meiner Meinung nach extrem gut gelungener Versuch, einen anderen Blick zu ermöglichen. Jean Dufaux lässt die ganze Geschichte von einer Frau, Blanche McDell, erzählen und hat damit schon mal eine ganz andere Perspektive. Ein sehr unsympathischer Jüngling kommt in ein kleines Städtchen, um den Sohn eines Eisenbahnbarons wegen einer Frauengeschichte herauszufordern. Im Saloon kommt es zu einer Auseinandersetzung mit einem Indianer – Regenwolf – der anschließend den Fremden in Notwehr erschießt. Natürlich ist der rote Mann Schuld und kann nur durch das Eingreifen des Industriellen vor einem Lynchmord gerettet werden. Die Verwandten des Getöteten schwören aber Rache und starten einen Feldzug.

Dufaux Pellejero Regenwolf page 10

Im weiteren Verlauf verweben sich zwei bis drei Liebesgeschichten ineinander, rassistischer Hass bricht sich seine Bahn und findet in Dummheit einen perfekten Nährboden und mehrere Frauen stellen die Frage, ob Gewalt immer die richtige Lösung sein muss. Tatsächlich bleibt nur selten keine andere Wahl. Und auch andere Stereotypen wackeln: Der Tycoon ist auf der Seite der Guten und der junge Häuptlingssohn kann sein Temperament beherrschen. Nur die Dumpfbacken mit und ohne Colt bleiben was sie sind.

Es gibt aber noch eine mythologische Ebene, auf der anhand der Jagd auf den Weißen Bison die Frage nach dem Überleben der indianischen Kultur überhaupt gestellt wird. Ein weißer Misanthrop möchte ihn als Trophäe haben während für den der Kultur zugeneigten jüngeren Sohn der McDells und den titelgebenden Regenwolf eher der spirituelle Aspekt im Vordergrund steht. Und nicht zuletzt gibt es immer noch die Kraft der Liebe, die unterschiedliche Männer dazu bringt, Unerwartetes zu vollbringen und sich selbst zu opfern.

Dufaux Pellejero Regenwolf page 11

Die Entscheidung, die beiden Folgen in einem Integrale zu veröffentlichen, ermöglicht ein sehr dichtes Lesevergnügen. Dufaux hat sich Zeit gelassen, um Personen zu entwickeln, Beziehungen zuzuspitzen und Hintergründe zu beschreiben. Dadurch ist trotz der vielen Handlungsstränge auch nichts unlogisch! Aber der Name steht ja auch ansonsten für qualitativ gute Szenarien von Blake und Mortimer über Djinn bis hin zu Murena.

Das Spiel mit Farben und Schatten

Rubén Pellejero ist den Leser*innen von comix-online zuletzt mit den Fortsetzungen von Corto Maltese begegnet. Des Weiteren ist das von ihm gezeichnete Dieter Lumpen von Carlsen begonnen und von Finix beendet worden. Vielleicht beginnt sein Stern ja jetzt auch in Deutschland heller zu strahlen, denn Regenwolf ist ohne Frage nicht nur vom Szenario her ein Meisterwerk!

Er mag die klare, schwarze Linie als Kontur und zeichnet damit sowohl Gesichter in der Großaufnahme als auch Totalen. Gerade im ersten Teil sind die Gesichter teils noch etwas karikierend, der Realismus setzt aber mit fortlaufender Zuspitzung ein. Die Farben sind prinzipiell eher an Erdtöne angelegt, variieren aber entsprechend der Tageszeit. Sie fokussieren die emotionale Stimmung, wenn etwa das Abendrot vom Berg aufgenommen wird und die drohende Gewalt symbolisiert.

Detail  Regenwolf

Anwärter auf den Comic des Jahres

Dieser Western ist für mich ein klarer Anwärter auf eine sehr hohe Platzierung in der Wertung Comic des Jahres! Dufaux bringt neue Perspektiven in ein spannendes und sehr vielschichtiges Szenario, Pellejero setzt kongenial die Impulse in digital erstellte Bilder um die einen Kino-Soundtrack überflüssig machen können!

Sicherlich ist der Regenwolf für Western-Fans ein Must-have, aber auch für Graphic Novel-Leser*innen, die neue Perspektiven zu schätzen wissen, gut erzählten Geschichten folgen möchten oder einfach Spaß an guten Bildern haben. Dazu kommt natürlich die gute Ausstattung: Hardcover, Fadenheftung und sattes Papier mit leicht glänzenden Farben! Zwei eher am Westernfilm orientierte Essays über die herausragende Bedeutung des Regenwolfes von Regisseur Bertrand Tavernier und der Szenaristin Corine Jamar sowie einige teils ganzseitige Illustrationen machen das Vergnügen vollkommen!

Banner Regenwolf

Dazu passen eine Kanne Kaffee und moderne Klänge wie von den (älteren) Einstürzenden Neubauten.

© der Abbildungen Dargaud Benelux (Dargaud – Lombard S. A.) 2104, by Dufaux, Pellejero; 2021 Verlag Schreiber & Leser

Vance/Albert – Bruno Brazil 9

Alles oder nichts für Alak 6

Story: Louis Albert (Greg) 
Zeichnungen: William Vance

Originaltitel: Quitte ou double pour Alak 6

All Verlag

Hardcover | 68 Seiten | Farbe | 15,80 € | 
ISBN: 978-3-96804-026-4

Bruno Brazil 9 - Cover

Bruno Brazil war eine Agentenserie des neuen Typs in den Siebziger Jahren. Es ging nicht darum, einen strahlenden Helden zu zeigen, der sich mehr mit dem Anbaggern von Frauen beschäftigt als mit dem eigentlichen Auftrag. Dementsprechend waren auch die Geschichten eher blutig und die Auftraggeber kaltblütig.

Dance Hall Crusher

Der Geheimdienst hat sich für den Schutz der geheimen Myxin-Formel etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Nur zwei Menschen kennen sie und zusätzlich ist sie in einem geschützten Rechenzentrum gespeichert. Als erst einer der Geheimnisträger ermordet wird und dann eine Bombe die gespeicherten Daten vernichtet wird das Kommando Kaiman benachrichtigt. Sie kommen allerdings zu spät um den Tod der zweiten Person zu verhindern.

Bruno Brazil 9 - page 24

Es stellt sich heraus, dass es einen Plan B gibt: Einem ziemlich erfolglosen Agenten war das Geheimnis unter Hypnose „eingepflanzt“ worden. Nun beginnt ein tödliches Spiel für die Kaimane, die sich als Musikkapelle verkleidet nach Mogadischu begeben, eben Alles oder Nichts für Alak 6. Greg hat ein extrem spannendes Szenario für die Agententruppe geschrieben für das eigentlich auch eine Fortsetzung vorgesehen war. Tatsächlich folgten aber nur noch ein paar Kurzgeschichten bevor ein neues Team vor kurzem mit den neuen Abenteuern den Faden wieder aufgenommen hatte.

Kongeniale Zeichnungen

William Vance ist hier auf der Höhe seiner Zeichenkunst. Ausdrucksstarke Personen in einem modernen 70-er Jahre Ambiente und Panels, die obwohl in einem traditionellen Raster angeordnet, immer wieder Überraschungen enthalten und erstaunlich vielseitig daherkommen. Vance arbeitet  vor allem mit Schraffuren und Linien, die Prägung durch schwarz-weiße Zeitungsstrips ist nicht zu verleugnen.

Bruno Brazil 9 - page 33

Die neuen, von Greg in Tintin lancierten Serien Bruno Brazil, Comanche oder Andy Morgan haben die frankobelgische Comiclandschaft komplett durchgerüttelt und sind heute noch stilprägend! Und so erscheint diese Geschichte nach Auftritten im Koralle-ZACK, bei Carlsen und Egmont EHAPA nun verdientermaßen in einem eigenständigen Hardcover, erstmals im Übrigen mit einem deutschen Titel, der dem Original entspricht.

Die Empfehlung

Bruno Brazil dürfte in keinem Comicregal fehlen und wer die Serie nicht kennt sollte definitiv einen Blick riskieren. Nicht nur, dass sie zeichnerisch und storytechnisch neue Maßstäbe gesetzt hat, sie hat auch heute noch nichts von ihrer Lesbarkeit eingebüßt. Mehr zu der Serie über den smarten Bruno und seine Kaimane in Kürze in einem Serienkompass. Auch in diesem Band gibt es einen Beitrag von Bernd Weckwert über „Brazils Väter“!

Bruno Brazil 9 - Ex Libris der VZA
Das Ex Libris der limitierten VZA

Natürlich gibt es auch von diesem Band eine limitierte Vorzugsausgabe mit exklusivem ExLibris! Für alle Krimifans, Liebhaber*innen von Agententhrillern, Genießer*innen guter Stories (ohne Happy End) und natürlich auch für die Generation ZACK ein echter Tipp!

Dazu passen The Ruts und ein Gentleman Jack’s.

© der Abbildungen Èditions du Lombard (Dargaud-Lombrd S. A.) by Greg, Vance, 2021 All Verlag

Worley/Waller – Omaha 3

Omaha the Cat Dancer – Band 3

Story: Kate Worley
Zeichnungen: 
Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 3

Schreiber und Leser

Klappenbroschur | 224 Seiten | S/W | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-059-3

nur für Erwachsene

Cover Omaha 3

Das ist jetzt schon der dritte Teil der Erzählungen um die Schönheitstänzerin Omaha und ihre Freund*innen, die lokale Politik in dem echten Minneapolis nachempfundenen Mipple City und Kunst und Kultur im Allgemeinen.

Eine freizügige Soap Opera

Vom Grundsatz her ist Omaha eine Mischung aus Grapic Novel, Soap Opera und Independent Shocker. Vom ersteren nimmt die Geschichte den Anspruch, Personen ernst zu nehmen, ihre Hintergründe zu entwickeln und echte Probleme zu präsentieren. Das Ganze soll aber auch leichtfüßig daherkommen, Spaß machen, über Jahre laufen, Side-Projekt ermöglichen und unterhalten. Und weil es eben nicht Lindenstraße oder Coronation Street ist, sind die Protagonist*innen Tiere und haben expliziten Sex.

Omaha 3 page 5

Ist das jetzt ein Porno für Intellektuelle? Nein! Es gibt zwar Sex, dieser steht aber nicht mit voyeuristischem Anspruch im Vordergrund, sondern gehört zum Leben halt dazu. Deshalb kann er auch problembeladen sein, gemütlich oder orgiastisch, nie aber aufgeilend oder Machtpositionen verfestigend. Mehr dazu in den Reviews zu Band 1 und 2.

Zum Inhalt: Omaha war Ende des letzten Bandes enttäuscht von ihrem Freund Chuck. Dieser hatte nicht verkraften wollen, dass Omaha „vergessen“ hate, ihm zu erzählen, dass sie eigentlich verheiratet ist, ihren Mann aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Heldin wiederum beschließt nun, Mipple City für das Erste zu verlassen und woanders wieder zu sich zu finden. Ihre neue Arbeit als nicht ernstgenommene Büromitarbeiterin schmeißt sie schnell wieder hin um erneut als Bartänzerin zu arbeiten.

Omaha 3 page 6

Währenddessen sitzt Joanne wegen des Mordes an dem korrupten Politiker Bonner in Untersuchungshaft. Wie wir wissen hat sie zwar ein Alibi, möchte Rob aber nicht mit hineinziehen. Aufgrund der Untersuchungen wegen des Todes kommen immer mehr Ungereimtheiten zu Tage, es zeigt sich aber schnell, dass es noch mehr Profiteure des Immobilienskandals gibt und das Projekt weitergeführt werden soll. Hiergegen entwickelt sich Widerstand aus der Künstler*innenszene.

Und natürlich gibt es auch Neues von Kurt, der nun für einen älteren, etwas dubiosen Herren arbeitet, und Shelley die mühsam versucht, ihre Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen. Chuck wird erneut mit seiner Familie konfrontiert und Omaha gibt nicht nur ein wenig von ihrer Vergangenheit preis, sondern kreiert auch neue emotionale Schwierigkeiten.

Zeichnungen im perfekten Einklang

Der Sammelband beinhaltet nicht nur die „regulären“ Omaha-Stories sondern auch Beiträge für andere Magazine, die im Bezug zur Serie stehen. Sie wurden an den entsprechenden Stellen integriert und bieten daher einen kompletten Genuss. Das Vorwort stammt übrigens dieses Mal von Neil Gaiman der seine persönlichen Erinnerungen an die beiden Künstler*innen teilt.

Werbung zu Omaha 3

Beim Lesen wird weiterhin deutlich, dass Kate Worley und Reed Waller zusammen an den Geschichten gearbeitet haben. Dadurch gibt es männliche und weibliche Sichtweisen, die sich perfekt ergänzen. So wird es sicherlich den einen oder anderen Leser verwundern, wieviel Wert darauf gelegt wird, dass Frauen im Beruf unterdrückt werden, gleichberechtigte Zahlung verdienen und Hausarbeit ungleich verteilt ist.

Die Zeichnungen stammen nur von Kate Worley und bieten sowohl Details als auch gute Hintergründe und Perspektivwechsel. Da die handelnden Akteur*innen Tiere sind, muss sowohl das Tier als solches erkennbar sein, als auch die typischen Merkmale eben einer Person haben. Beides gelingt hervorragend. Auf jeden Fall drängen sich weder Inhalt noch Zeichnungen nach vorne, sondern agieren als perfektes Duo mit wechselnden Schwerpunkten.

Banner zu Omaha 3

Fazit

Wer Inhalte für Erwachsene mag und sie auch lesen darf, wird hier ein spannendes Meisterwerk der Independent-Comic-Literatur finden. Doch Obacht: Gewaltfantasien, Orgien, Splatter sind hier nicht zu finden! Menschen versuchen ihr Leben zu leben, die Umwelt anzupassen und Schweinereien nicht hinzunehmen. Das erfordert auch das eine oder andere Problemgespräch bei einem Kaffee! Graphic Novel Liebhaber*innen werden daher hier genauso ihre Freude haben wie Leser*innen von Generationenromanen oder Comig-of-Age. Der Comic sollte aber nicht auf dem Tisch liegen bleiben, wenn Kinder ihn von dort mitnehmen könnten.

Dazu passen ein gut temperierter Merlot und Musik, die Spaß macht, sich aber auch nicht in den Vordergrund drängt: Es gab da mal einen Sampler Soul Queens mit modernen und klassischen Sängerinnen.

Detail aus Omaha 3

© der Abbildungen 1978 – 2020 by Reed Waller & CatDancer Corporation / 2020 Verlag Schreiber & Leser

Taymans – Caroline Baldwin 17

Narco-Tango

Story: André Taymans

Zeichnungen: André Taymans

Originaltitel: Caroline Baldwin Narco-Tango

Schreiber und Leser

Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 14,95 € |

ISBN:  978-3-96582-054-8

Cover Caroline Baldwin 17

Caroline Baldwin ist eine der wenigen Ermittlerinnen in der Comicbranche, die es auf eine lange Laufzeit gebracht haben. Dabei war das gar nicht geplant denn das erste Abenteuer war als One-Shot gedacht und die Heldin anfangs nur als Nebenfigur. Zum Glück kam es dann aber doch anders. Mehr zur Serie im Allgemeinen bei der Rezension des ersten Bandes der gerade parallel gestarteten Gesamtausgabe der Bände 1 bis 16 im Sub-Label Alles Gute! des Hamburger Verlages Schreiber & Leser.

Alte Tänze und neue Drogen

2007 war zunächst einmal Schluss mit neuen Geschichten um die selbstbewusste junge Frau. Charaktere abseits der üblichen Schemata sind aber gefragt und so hatte sich die Idee einer Verfilmung ergeben. Es wurde fleißig am Drehbuch gewerkelt, das dann aber doch nicht umgesetzt wurde. Glücklicherweise war es aber die Grundlage für einen neuen Zyklus, der die Heldin mit indianischen Wurzeln 2012 zurückbrachte.

Caroline erhält in Narco-Tango von einer Pharma-Firma den Auftrag, einen Wissenschaftler aufzuspüren, der vor kurzem mit wichtigen Unterlagen im Gepäck verschwunden war. Die Firma befürchtet, dass er zur Konkurrenz gewechselt sein könnte. Als die Heldin die Ermittlungen aufnimmt, erfährt sie von einem ehemaligen Schulfreund, dass die Stadt gerade von neuen Drogen überschwemmt wird. Und die ehemalige Assistentin des Forschers erzählt, dass er verrückt nach Tango gewesen wäre.

Caroline Baldwin 17 page 7

Natürlich lässt André Taymans seine Heldin also Tangounterricht nehmen, um die Ermittlungen in Fahrt zu bringen. Wie immer gerät sie dabei in Gefahr, muss verzwickte Verbindungen aufdröseln und das eine oder andere Getränk zu sich nehmen. Die Story ist spannend, gut konstruiert und funktioniert im Comic perfekt. Verfilmt kann ich mir das nicht ganz so gut vorstellen.

Die moderne Klare Linie

Taymans hat aber nicht nur das Szenario verfasst, sondern auch zeichnerisch umgesetzt. Er bleibt bei seiner modernen Interpretation der klaren Linie. Die Dynamik ist gut herausgearbeitet und sowohl Tanz- als auch Kampfszenen zeigen realistische Körperhaltungen. Die Panels sind konsequent in Streifen angelegt wobei Anzahl und Höhe wechseln. Die Geschwindigkeit wird daher allein durch Perspektivwechsel und Bildfolgendichte geregelt.

Caroline Baldwin 17 page 8

Gerade im Vergleich zu den Anfängen ist die Heldin nicht mehr so freizügig dargestellt. Sie ist erwachsener geworden ohne dabei langweilig oder weniger freigeistig zu werden und das ist gut so. Die Hintergründe sind, wenn benötigt, sehr detailliert, versuchen aber nicht, den Fokus auf sich zu lenken. Also genau so, wie man es erwartet hätte.

Die Empfehlung

Für Krimifans eine echte Empfehlung: Action mit einer zugrundeliegenden, relevanten Story und glaubwürdigen Akteur*innen. Wer auf selbständige, emanzipierte Heldinnen steht wird hier ebenfalls zufrieden sein und Fans der Klaren Linie sowieso. Die Serie strahlt zudem einen gewissen nostalgischen Charme aus, denn insbesondere Caroline Baldwin ist liberal im eigentlichen Sinn und offen für Neues. Schade, dass das heutzutage so selten geworden ist.

Ex Libris Caroline Baldwin 17 VZA
Ex Libris der limitierten VZA

Natürlich ist der Band mit seinen Glanzlackapplikationen auf weißen Hintergrund auch ein Schmuckstück für jede Sammlung. Wer es ganz edel möchte kann zur limitierten Vorzugsausgabe greifen der ein ExLibris beiliegt. Den Abschluss des Bandes bildet eine Seite mit Hinweisen von André Taymans zu dieser Geschichte und dem geplanten Film sowie eine unkolorierte Seite als Ausblick auf Band 18!

Dazu passen ein Manhattan und Joy Crookes, eigentlich mit allem.

© der Abbildungen 2017 Studio Caroline / André Taymans, 2017 BELG Prod. Sarl., 2021 Schreiber und Leser

Taymans – Caroline Baldwin GA 1

Sammelband 1 mit den Episoden 1 bis 4

Story: André Taymans

Zeichnungen: André Taymans

Originaltitel: Caroline Baldwin Integrale Vol. 1

Schreiber und Leser

Hardcover mit Lesebändchen | 240 Seiten | Farbe | 39, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-047-0

Es gibt Krimis und Krimis. Die einen erzählen zum gefühlt millionsten Mal eine bekannte Geschichte: Ein Mann hat irgendjemand umgebracht, wird von einem Polizisten gejagt und am Ende ist nach einigen Verwirrungen der Fall erfolgreich gelöst. Je nach Zeit und Medium gibt es dazu noch ein paar familiäre Probleme, Ärger mit Kolleg*innen und mehr oder weniger Gewalt.

Und es gibt solche, die anders sind, bei denen die Spannung erhalten bleibt, weil nachvollziehbare Charaktere versuchen, ihre Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen und die möglicherweise auch gar nicht gut ausgehen. Letztere liebe ich und in diese Kategorie gehören die Abenteuer von Caroline Baldwin!

Eine Heldin, die es gar nicht geben sollte

André Taymans war Mitte der 90-er Jahre bereits ein bekannter Autor und Zeichner von Comics für Kinder, begann aber die Lust daran zu verlieren und wollte etwas anderes machen. Der genaue Verlauf der Odyssee von einer ersten Idee hin zu Moon River ist im Vorwort der gerade erschienenen Gesamtausgabe nachzulesen. Hier soll davon nur verraten werden, dass der Comic weder als Reihe geplant war, noch Caroline Baldwin die Titelheldin oder Hauptperson sein sollte. Egal, 1996 erschien Moon River als erster Teil einer neuen Serie, wurde für gut befunden und mittlerweile haben 16 weitere Teile das Licht der Verkaufsregale erblickt.

Band 1 erzählt die Geschichte eines depressiven ehemaligen Astronauten. Er verschwindet plötzlich obwohl er doch als Aushängeschild einer Firma zu einem wichtigen Vertragsabschluss hätte beitragen sollen. Da möglicherweise die Konkurrenz ihre Finger im Spiel haben könnte, beauftragt die Firma die Privatdetektivin Baldwin mit dem Auffinden und Zurückbringen des alten Helden. Die Heldin trinkt, hat wechselnde Partner und ist auch sonst manchmal eher depressiv unterwegs. Sie ist aber keineswegs bereit, klein beizugeben!

Gleich im Anschluss wird es noch politischer: in Kontrakt 48-A geht es um die Auswirkungen radioaktiver Strahlung und die nicht immer vorhandene medizinische Ethik. Taymans hat mittlerweile einen besseren Bezug zu seiner Heldin entwickelt und sie mehr in den Mittelpunkt gerückt. Sie bekommt einen sehr sympathischen Großvater, einen Erbfall und unsympathische Verwandte für den Hintergrund. Zudem hat sie über diese Linie indianisches Blut und daher auch nicht immer die Vorteile einer Weißen.

Tödliche Texte

Und dann schlugen wieder die Zufälle des Lebens zu. Während die ersten beiden Bände mit einem Umfang von 64 Seiten veröffentlicht worden waren, standen für die weiteren Folgen nur noch 48 Seiten zur Verfügung und Taymans musste das bereits begonnene neue Werk entweder stark kürzen oder ausweiten. Zum Glück für uns entschied er sich für das letztere und so entstanden die zusammengehörigen Nummern Der Tote im Pool und Showdown in Havanna.

Ein rechter Mob verbrennt erotische Romane an einer Tankstelle, kurze Zeit später schwimmt der Autor dieser Romane tot in dem Pool von Carolines Freundin. Als wäre das nicht genug, überrascht Caroline auch noch einen Einbrecher, kann ihn aber nicht überwältigen. Eine Spur führt in die Welt der Literatur mit Massenauflagen und Schreibblockaden. Die Lösung dieses Falls kann aus verschiedenen Gründen nur in Havanna liegen und so macht sich die Heldin auf in eine Stadt, die sich – zumindest hier im Comic – sehr farbig, aufgedreht und musikalisch, aber eben auch als sehr gefährlich präsentiert!

Die Zeichnungen

Caroline Baldwin ist hübsch, aber kein Model. Sie ist eigenwillig, aber nicht egozentrisch. Die Heldin ist depressiv, aber nicht unterzukriegen. Sie ermittelt selbständig, ist aber kein Mann. Und: sie ist sexuell aktiv, aber nicht gebunden. Für die damalige Zeit eine ganze Menge an Tabubrüchen und auch heute noch lange nicht selbstverständlich! Taymans hat für diese Frau und ihre Erlebnisse mit einer nur leicht modernisierten Ligne Claire das nahezu perfekte Stilmittel gefunden.

Sie ermöglicht Emotionen in der Darstellung, verlangt aber keinen Realismus. Hintergründe sind wichtig, wenn sie eine Aufgabe haben, können aber auch durchaus auf eine Farbe reduziert werden, wenn sie nicht ablenken sollen. Bewegungslinien erzeugen Dynamik und alles zusammen strömt eine nostalgische Note aus! Einige Figuren, wie etwa der Großvater, haben ihre Vorbilder in der Realität und den Zeichnungen ist anzusehen, wie der 1967 in Belgien Geborene sich langsam in die Handelnden hineinversetzen kann, sie liebgewinnt und ihnen Persönlichkeit gibt.

Natürlich gehört Caroline Baldwin mittlerweile mit einem eigenen Wandgemälde zum Stadtbild von Brüssel und wurde damit zurecht in die erste Reihe aufgenommen!

Der Tipp

Krimifreund*innen aufgepasst: Wer die Serie noch nicht kennen sollte, darf, muss vielleicht sogar einen Blick riskieren. Die Heldin wird sich noch weiter entwickeln und langweilig wird es definitiv auch weiterhin nicht. Die gleiche Empfehlung geht an alle Fans der klaren Linie, die Generation ZACK und an alle, die auch nicht Graphic Novels zusprechen, Personen entwickeln zu können.

Schreiber & Leser spendiert der Serie unter seinem Label Alles Gute eine Hardcoverausstattung mit allen Extras: durchlaufendes Rückenbild, Lesebändchen, Glanzlackapplikationen auf dem Einband und eine ausführliche redaktionelle Einleitung mit einer Unmenge an Illustrationen! Heutzutage geht der Blick oft genug zurück auf falsche Vorbilder oder Referenzen; diese Serie atmet zwar nostalgischen Charme aus, ist aber immer noch aktuell und die Freiheit fördernd!

Der Lockdown geht noch lange genug, also kontaktiert eure*n Lieblingsdealer*in und bestellt!

Dazu passt Brody Dalle, energisch und unangepasst, und Whiskey on the rocks.

© der Abbildungen 2017 Studio Caroline / André Taymans, 2017 BELG Prod. Sarl., 2021 Schreiber und Leser

Mora/Giménez – Dani Futuro 2

Wenn das Monster angreift

Story: Victor Mora
Zeichnungen: Carlos Giménez

All Verlag

Hardcover | 56 Seiten | Farbe | 15,80 € |

ISBN: 978-3-96804-022-6

Wie bereits zu Band 1 erwähnt ist der spanische Science-Fiction Klassiker Dani Futuro zurück auf dem deutschen Markt. Der All Verlag präsentiert erstmals alle Geschichten in acht einzelnen Hardcover, ergänzt mit weiteren Illustrationen und Interviews.

Die Geschichten in Band 2

Die titelgebende Geschichte Wenn das Monster angreift eröffnet den Reigen. Sie ist etwas besonderes denn nur zwei der Stories stammen nicht aus der Feder von Victor Mora und dieses ist eine davon: Luis Vigil Garcia war integraler Bestandteil der spanischen Science-Fiction Gemeinde und durfte sich auch an Dani beteiligen. Aufgrund einer notwendigen Reparatur nimmt die Galaktos eine Umlaufbahn um einen Asteroiden ein. Dani und iris erkunden den Himmelskörper und müssen feststellen, dass seine kleinen Bewohner*innen von einem Monster terrorisiert werden. Schnell finden sie heraus, dass es sich scheinbar um einen fehlfunktionierenden Kampfcyborg handelt.

Auch die totgeweihte Stadt ist ein wenig zukunftskritisch. Eine ehedem sehr florierende und wohlhabende Welt ist aufgrund wieder aufgebrochener vulkanischer Aktivität dem Untergang geweiht. Wie wir es auch heutzutage erleben dürfen gibt es immer irgendwelche Spinner die Veränderungen, seien sie noch so lebensnotwendig, als Eingriff in ihre „Rechte“ sehen und sich dagegen wehren.

Als wäre das noch nicht genug, stürzen Dani und Iris auf dem Planet der Vergangenheit ab. Es handelt sich um eine mittelalterliche Welt ohne Technik und der eine oder die andere mag sich das alte Star Trek-Wissen hervorholen: Einmischung in solche Zivilisationen führt immer zu kritischen Situationen.

Dazu gibt es wieder viele Titelbilder aber auch Hintergrundinformationen von Dr. Anselm Blocher, der auch Hinweise auf versteckte Referenzen gibt.

Das Artwork

Es gibt wahrscheinlich grundsätzlich zwei Reaktionen auf die Zeichnungen von Carlos Giménez: Ein kleiner Teil wird sagen, dass diese bunte, mit formen und Farben spielende und Regeln missachtende Kunst des Guten zu viel sei. Die (hoffentlich) größere Gruppe wird sich daran erfreuen und vor jedem Umblättern überlegen, was jetzt wohl kommen mag.

Trotz aller pessimistischen Zwischentöne sind die Zeichnungen optimistisch, Mut machend und Freude verbreitend! Der All Verlag hat sich mit der Kolorierung Mühe gegeben und viele Seiten liebevoll restauriert und das Resultat beweist, dass es sich gelohnt hat! Natürlich atmen diese Zeichnungen Zeitgeist, allerdings den gleichen, den auch etwa Valerian und Veronique anfangs verströmt haben und das ist ja nicht verkehrt. Während Raumschiffe heute sehr technisch aussehen müssen und ihre Funktion visualisieren, war damals viel mehr Flexibilität möglich.

Ein Cyborg kann daher gefährlich wirken und die Zähne fletschen, um gleich auf der nächsten Seite fast zu einem Blumenkind zu mutieren. Giménez bringt genau diese Wandlungsfähigkeit zum Ausdruck und nutzt Farben, Umgebung und Geschwindigkeit der Sequenzen, um Stimmungen zu transportieren.

Fazit

Muss man das haben? Ja, irgendwie schon! Als Science-Fiction-Fan sowieso, denn diese klassische Serie vermittelt ein Feeling, dass es heute so nicht mehr gibt. Wer spanische Comics mag wird auch zuschlagen wollen. Eine Graphic novel mit einer tiefschürfenden Auseinandersetzung mit der damaligen politischen Situation wäre undenkbar gewesen aber es finden sich auch hier sehr versteckte Andeutungen. Zudem atmet diese Serie den Geist des Übergangs aus den 60-ern in die 70-er. Es gibt keine Grenzenlose Zukunftsgläubigkeit mehr. Viele Ideen und Hoffnungen haben sich buchstäblich in Rauch aufgelöst und das Erwachen aus dem Rausch war manchmal schmerzhaft.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entstehet: Dani Futuro ist keineswegs pessimistisch, aber die Serie ermöglicht zwischen den Bildern einen kleinen Blick auf die Frage, ob das alles so richtig ist, was passiert.

Ex Libris der Vorzugsausgabe

Natürlich ist selbst die normale Ausgabe wieder als Hardcover ausgeführt und handwerklich gut gemacht. Dazu gibt es wie immer eine auf 111 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Ex Libris.

Begleitend ein Maracuja-basierter Ipanema und guter alter Merseybeat von  Gerry and the Pacemakers (R.I.P.).

© der Abbildungen 1970 Victor Mora & Carlos Giménez, 2020 All Verlag

Mora/Giménez – Dani Futuro 1

Das verschollene Raumschiff

Story: Victor Mora
Zeichnungen: Carlos Giménez

All Verlag

Hardcover | 56 Seiten | Farbe | 15,80 € |

ISBN: 978-3-96804-020-2

Ende 1969 begrüßt ein Jugendlicher die Leser*innen des spanischen Magazins Gazeta und weist daraufhin, dass bald seine Abenteuer im Weltall beginnen werden. Im kommenden Jahr ist es dann soweit und Dani Futuro erlebt seine Abenteuer. Gleich am Anfang steht die Origin: Während eines Fluges zu seinem Vater stürzt Dani(el) über dem ewigen Eis ab. Er verbringt 135 Jahre im Tiefschlaf und wird dann von Basil Dosian in das Leben zurückgeholt.

1972 und nochmals 1974 fand der weißhaarige Jüngling seinen Weg auf die Seiten des Koralle-ZACK, 1983 erschienen die ersten drei Alben bei Semic, einem Carlsen Ableger. Ja und nun, 37 Jahre später, kehrt der Überlebende zurück und wird im All Verlag von Ansgar Lüttgenau erstmals komplett in 8 Einzelbänden veröffentlicht werden. Das Comeback des Jahres!

Die Geschichten

Der erste Band Das verschollene Raumschiff enthält zunächst einmal einführendes Material: Dr. Anselm Blocher erzählt von den Hintergründen, die zu der Story geführt haben, dem Konkurrenzdruck auf dem spanischen Markt und den schwierigen Anfängen. Dazu werden viele Abbildungen nicht nur von Magazin-Covern präsentiert, sondern auch die farblichen Unterschiede zwischen der französischen und der spanischen Variante aufgezeigt. Vorbildlich für eine Gesamtausgabe. Was fehlt sind einzig die Angaben zu den Veröffentlichungen der einzelnen Geschichten.

Victor Mora hat einzelne, kurze Geschichten geschrieben, die die Figur des Überlebenden und die wissenschaftlichen Hintergründe zunächst langsam einführen. Der Junge begreift sich in seiner neuen Umgebung zu der neben seinem „Erwecker“ Dosian auch dessen Nichte Iris gehört langsam, geht dann aber mit Übermut freudestrahlend auf die neuen Möglichkeiten zu. Dadurch kann er verschiedene Rollen übernehmen: die des Überraschten, die des verspielten aber auch die des Retters.

Zur Unterstützung bringt Mora immer wieder abstruse Ideen ein: ein beleidigter Roboter zieht einem Gast den Teppich unter den Füßen weg, zwei andere künstliche Wesen scheinen nichts anderes zu tun als (schrecklich) zu singen und der Weltraumfahrer Kohl heißt so, weil er nur seinen eigenen, in der Rakete gezüchteten Kohl ist.

Die Zeichnungen

Anfang der Siebziger hatte sich die Gesellschaft gerade geändert: Flower Power und Pop Art, das Ausmisten der Gesellschaft und ein starker Fortschrittsglaube hatten überall neue Ideen aufkommen lassen und so konnte selbst im Spanien unter Franco eine Comic-Kultur entstehen, die vor Farben und Formen nur so explodierte. Carlos Giménez hat in Dani Futuro wirklich viel experimentieren können und so sind die Zeichnungen auch heute noch ein Genuss!

Für die Leser*innen damals muss das aber neben den strengen sonstigen Serien in Tintin oder ZACK befremdlich gewirkt haben, ging es doch sogar über die Innovationen in Valerian hinaus. Und für die wirklich innovativen Magazine war das anvisierte Publikum zu jung.

Die Empfehlung

Für uns heutige Leser*innen ist die Serie auf jeden Fall ein Kleinod, das seine Fans finden wird. Wie immer bringt der All Verlag handwerklich überzeugende und inhaltlich gut strukturierte Gesamtausgaben in Einzelbänden heraus. Das Layout ist gut durchdacht, die ergänzenden Beiträge fügen sich perfekt ein und für die Sammler*innen gibt es wieder eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem ExLibris!

Ex Libris der Vorzugsausgabe

Für alle Fans von nicht dystopischer Science-Fiction, jung gebliebene ZACK-Leser*innen und alle, die Comics mögen, die ein wenig gegen den Strich sind!

Dazu passen ein langsam die Farbe wechselnder Maui Mule und Glam Rock, etwa von den alten Sweet!

© der Abbildungen 1969/70 Victor Mora & Carlos Giménez, 2020 All Verlag

Madsen/Kure – Walhalla 2

Die gesammelte Saga Band 2

Story: Peter Madsen nach Hans Rancke, Per Vadmand & Henning Kure
Zeichnungen: 
Peter Madsen

Edition Roter Drache

Hardcover | 196 Seiten | S/W und Farbe | 40,00 € |

ISBN:   978-3-96815-006-2

Tja, zur Gesamtausgabe und den Hintergründen der Serie habe ich alles schon in der Besprechung des guten ersten Bandes gesagt. Die nordischen Götter stehen im Mittelpunkt wie auch die Göttinnen, Riesen und einige Menschen natürlich auch. Es geht den Autoren vor allem um eine moderne Darstellung der nordischen Mythen, abseits von verstaubten Texten und mit Schalk im Nacken neu erzählt.

Ein Film versetzt den Schwerpunkt ein wenig

Und doch kommt im Leben alles immer anders. Der große Erfolg der Serie hat damals (wie heute) alle überrascht und so verwundert es nicht, dass der Wunsch nach laufenden Bildern aufkam. Was im Comic funktioniert muss aber auf der Leinwand noch lange nicht passen und andersrum natürlich genauso. So musste erst einmal viel Arbeit in die Planung des Films gesteckt werden. Das eigentliche Konzept, für ein Album auf ein oder zwei Mythen aufzusetzen, wollte für den Film nicht so recht passen, und so kam es, dass eine eigentlich als Nebenfigur erdachte Figur plötzlich im Mittelpunkt stand: Quark! Der kleine Riese ist nervig, quirlig, einfallsreich und somit perfekt für eine generationenübergreifende Hauptrolle geeignet.

Für den Comic musste die Filmstory überarbeitet werden um dem Serienkonzept wieder näher zu kommen und so wurde ein Zweiteiler daraus: Quark trumpft auf und Im Reich der Riesen erschienen als Band 4 und 5. Zunächst einmal lässt Loki, der immer mal ein bisschen über den Durst trinkt und dann mit den Folgen leben muss, sich reinlegen und muss den kleinen Quark mit nach Hause nehmen. Eigentlich soll natürlich er sich um die Erziehung kümmern, er schafft es aber, andere mit der Aufgabe zu belasten und auch noch Unfrieden zu säen. Das Ende vom Lied ist, dass alle Erwachsenen Quark so schnell wie möglich wieder loswerden wollen, die kleine Röskva aber seine wahre Natur erkennt und auch Tjalfi auf ihre Seite ziehen kann.

Schlussendlich beschließen Thor, Loki und die Kinder aufzubrechen um Quark Utgardloki zurückzubringen. Dabei werden sie von einer List der Riesen getäuscht (und hier ist dann wieder eine Mythe der Hintergrund) und müssen sich geschlagen geben. Dabei spielen ein Feuer, das Meer, die Midgardschlange und das Alter große Rollen. Und auch die Sache mit Quark findet ein positives Ende; die Autoren hatten keine Lust, den Quirl auch noch die Serie aufmischen zu lassen.

Den Abschluss dieses Bandes machen Die Goldenen Äpfel. Die Bewohner*innen Asgards sind keinesfalls vor den Unbillen des Alterns gefeit. Nur wenn sie jährlich von den goldenen Äpfeln Iduns essen bleiben sie jung. Es gibt eine Mythe über die Tochter eines Riesen, Skadi, die die Asen herausfordert und die Göttin Idun entführt. Eben diese Geschichte wird hier neu erzählt. Natürlich bringt Loki wieder alle in Gefahr und ebenso natürlich wird die Situation im Endeffekt wieder glücklich bereinigt werden.

Die Zeichnungen

Dankenswerterweise enthält die Gesamtausgabe so viel zusätzliches Material, dass einerseits Vorzeichnungen und Studien den Werdegang der Akteure nachvollziehbar machen. Es wird aber auch deutlich, welche Unterschiede zwischen Film und Comic bestehen und wieviel Arbeit notwendig war, beides glaubwürdig darstellen zu können.

Ansonsten lassen die Illustrationen erahnen, dass die Zeichnungen auch ganz anders hätten ausfallen können: erwachsener und düsterer. Man hat sich aber bewusst für diese familienfreundliche Version entschieden, die dem Inhalt eine möglichst weite Verbreitung erlaubt. Auch das ist eine Entscheidung, die nicht hochgenug gewertschätzt werden kann! Es geht nicht um Selbstverwirklichung wie in so mancher modernen Graphic Novel sondern um das gesteckte Ziel.

Trotzdem zeigen die Zeichnungen einerseits die Kinder und ihre Emotionen aber auch gleichwertig daneben die Ränke Lokis und die Unbeherrschtheit Thors und sind daher vielschichtiger zu lesen!

Die Wertung

Ich bin immer noch begeistert über den zusätzlichen Inhalt dieser Gesamtausgabe. Nicht nur werden die Hintergründe der Geschichten erklärt, die Illustrationen ermöglichen auch einen tiefen Einblick in Arbeitsweise und Entwicklung! Dazu kommt, dass alles neu übersetzt worden ist.

Die enthaltenen Originalbände

Es ist der Edition Roter Drache zu wünschen, dass die Ausgabe den Absatz findet, den sie verdient. Inhaltlich passt die Geschichte natürlich perfekt in das Verlagsprogramm, es ist aber in Deutschland immer noch ein Wagnis, Text und Bilderzählung nebeneinander zu stellen ohne die Purist*innen beider Seiten gegen sich aufzubringen. Danke für diesen verlegerischen Mut!

Dazu passen der Glühwein zuhaus und Musik von Rebecca Lou.

© der Abbildungen Edition Roter Drache, Peter Madsen, Henning Kure & Carlsen Verlag 2020

Heuvel – Kriegsgeschichten

Die Entdeckung, Die Suche & Die Rückkehr

Story: Eric Heuvel, Menno Metselaar, Ruud van der Rol, Hans Groeneweg und Lies Schippers

Zeichnungen: Eric Heuvel

Originaltitel: De Ontdekking, De Zoektocht, De Terugkeer

Kult Comics

Hardcover | 192 Seiten | farbig | 35,00 €

ISBN: 978-3-96430-099-72, VZA 978-3-96430-100-0

Jedes Leben hat prägende Momente. Für Eric Heuvel gehört dazu ein Illustrated Classics Comic-Heft über den Zweiten Weltkrieg zum 25. Jubiläum des Endes des Zweiten Weltkrieges. Es weckte nicht nur im Alter von 10 Jahren sein Interesse für Geschichte im Allgemeinen und diese Zeit im Besonderen, er sollte auch in seinem Beruf als Comic-Artist darauf zurückkommen. Waren es in Carbeau eher moderne Rechtsradikale in Nebenrollen, spielte der deutsche Angriff auf Rotterdam in den Meimoorden eine zentrale Rolle.

Heuvel ist aber auch bekannt für seine Educational Comics: Anfang diesen Jahrtausends bot sich endlich die Gelegenheit, mit dem Anne Frank Haus zusammen eine Geschichte über das Leben während des Krieges in den Niederlanden zu machen. Dem Künstler war es dabei wichtig, nicht nur diesen Aspekt darzustellen, sondern auch auf die Situation in Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien einzugehen. So entstanden im Laufe der Zeit drei miteinander verknüpfte Bände die jetzt erstmals in einer Ausgabe publiziert werden: Kriegsgeschichten!

Blick in die europäische Vergangenheit …

Jeroen ist ein typischer Junge; er braucht noch Sachen für einen Flohmarkt und entdeckt auf dem Dachboden seiner Oma nicht nur eine alte Uniform sondern auch einen gelben Stern und Fotos aus den Kriegsjahren. Seine Oma Helena beginnt daraufhin von früher zu erzählen: Sie wohnte 1938 mit ihren Eltern in Amsterdam; ihr Vater war dort als Polizist tätig. In die Nachbarschaft zog ein aus Deutschland geflohenes jüdisches Ehepaar mit einer Tochter, Esther, in ihrem Alter. Die beiden wurden beste Freundinnen doch das währte nicht lag, denn die Deutschen überfielen und besetzten auch die Niederlande und schickten die Juden in sogenannte Arbeitslager im Osten. Die niederländische Polizei war von den Deutschen gezwungen worden, mitzumachen, und so war Helenas Vater an der Deportation der Nachbarn beteiligt. Helena und ein Bruder gingen in den Widerstand, der zweite Bruder als Kriegsfreiwilliger mit den Deutschen an die Ostfront.

Tatsächlich endet Die Entdeckung mit der Begegnung zwischen Helena und Esther, die gerettet worden war. In einem zweiten Strang wird von den Verwandten in Niederländisch-Ostindien erzählt. Schienen sie anfangs noch in einer glücklichen Position, änderte sich die Lage als die mit den Deutschen verbündeten Japaner die Kolonie überfielen und die dortigen Europäer in Lagern gefangen hielten.

Eine Begründung für den Comic war, dass viele heutige Schüler*innen mit Begriffen wie Hungerwinter oder Närrischer Dienstag nichts mehr anfangen konnten. Aus der Geschichte lernen kann aber nur, wer sie kennt und so sollte ein moderner Zugang geschaffen werden.

Teil Zwei, Die Suche, beschreibt dann genauer, wie Esther der Deportation hatte entgehen können. Viel Glück war im Spiel. Auch den Weg der meisten niederländischen Jüd*innen in die Vernichtung z.B. in Auschwitz-Birkenau finden wir in kindgerechten Darstellungen wieder. Heuvel hat sich in seinen Zeichnungen von Fotos aus der damaligen Zeit inspirieren lassen. Viele davon finden sich im Anhang der Ausgabe wieder. Um ein Wiedererkennen zu erleichtern, sind sie mit den Seitenzahlen der entsprechenden Verwendung im Comic versehen. Das Thema der Kollaboration und der offiziellen wie auch inoffiziellen Reaktionen darauf steht ebenfalls im Mittelpunkt.

Ein deutscher Blick auf diese Zeit und den Holocaust kann nur schamhaft sein. Deutsche Herrenrasse-Allüren gepaart mit Größenwahn und Vernichtungswillen dürfen nie wieder eine Rolle spielen. Der Comic stellt aber gleichfalls die Frage nach der Richtigkeit des Verhaltens der Niederländer*innen und seiner Alternativlosigkeit. Auch dort gab es Antisemitismus und persönliches Machtstreben. Durch die Einbettung in eine Familiengeschichte werden diese Fragen aber diskutabler und wollen ausdrücklich keine Schwarz-Weiß-Situation heraufbeschwören! Das dürfte einer der Gründe sein, warum die Entdeckung als Geschenk der Niederlande an ihre Schüler*innen ausgewählt worden waren.

und in die koloniale Geschichte

Für die beiden ersten Teile hatten Heuvel und seine für den Text mitverantwortlichen Kolleg*innen Menno Metselaar, Ruud van der Rol, Hans Groeneweg und Lies Schippers die Unterstützung des Anne Frank Haus gewinnen können. Das Projekt war viel zu aufwendig um es ohne finanziellen Rückhalt durchführen zu können und so wurde auch das Bildungsministerium als Unterstützerin gewonnen. Bedingung dafür war aber, dass der indonesische Unabhängigkeitskampf ebenfalls thematisiert werden würde.

Die Rolle der Stiftung Anne Frank Haus, die in den ersten Bänden die inhaltliche Richtigkeit garantiert hatte, übernahm nun das Indisch Herinneringscentrum. Die im ersten Band schon angesprochenen Verwandten stehen im Zentrum der Rückkehr und wieder wird die damalige Zeit aus heutiger Zeit mit einem Besuch der Überlebenden eingeleitet. Die Niederländer*innen waren die kolonialen Besatzer*innen des heutigen Indonesiens. Obwohl einige sicherlich guten Willens waren, gab es die typische Rollenverteilung: Weiße Menschen waren die Oberschicht, Eingeborene hatten zu dienen. Dazwischen gab es eine Gruppe von Mischlingen die irgendwo in der Mitte zu verorten waren. Das Motto: Je Weißer, desto besser.

ExLibris der limitierten Vorzugsausgabe

Das änderte sich mit dem Angriff der Japaner. Diese hatten die Ideologie im Gepäck, dass Asiat*innen sehr gut für sich selber sorgen könnten. Tatsächlich wollten sie allerdings nur die europäische Zwangsherrschaft durch ihre eigene austauschen. Nach ihrer Niederlage blieb die Idee der Selbstorganisation und Indonesien wurde nach langen Kämpfen am 27. Dezember 1949 unabhängig. Auch hier gelingt es Eric Heuvel und Ruud Van der Rol, die Schrecken der Zeit in einer spannenden Erzählung zu verpacken, die die Grauen nicht ausspart aber auch nicht um der Effekte willen in den Vordergrund rückt. Die Familiengeschichte (und hier wieder mit einem Happy End) steht im Vordergrund und bietet die Basis für weitergehende Fragestellungen und Diskussionen. Und so wurde auch dieser Comic zum Geschenk der Niederlande an ihre Schüler*innen!

Die Ausgabe

Obwohl es sich hier um echte Educational Comics handelt, haben wir es gleichwohl mit drei Alben eines der größten und bekanntesten Zeichner aus den Niederlanden zu tun! Mit seinem modernen, die Klare Linie weiterentwickelnden Strich ist Eric Heuvel seit Jahren bei uns in Deutschland ein gefragter Künstler und die kürzlich erschienene Festausgabe Gezeichnet hat’s –  Eric Heuvel beweist eindrücklich seine Vielfalt und Meisterschaft. Kurzum: Man darf diesen Comic auch kaufen, wenn man einfach gerne gut gezeichnete Geschichten lesen möchte!

Die drei Bände sind vielfach übersetzt worden, waren aber nie als Einheit veröffentlicht worden. Diese Gesamtausgabe der Kriegsgeschichten ermöglicht aber erst den kompletten Einblick, der durch das beigefügte Dossier natürlich für Nicht-Inländer deutlich vereinfacht wird.

Cover der limitierten Vorzugsausgabe

Wer sich für den Zweiten Weltkrieg oder den Holocaust interessiert, kommt an dieser Ausgabe kaum vorbei. Zum Thema Kolonialismus bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen gibt es bisher nicht viel, insbesondere dann, wenn versucht wird, beide Seiten darzustellen! Und: Geschichte spannend erlebbar zu machen gelingt oft nicht denn Ideologie, Vereinfachungen oder zu hohe Eingangsvoraussetzungen verhindern das regelmäßig. Hier passt das gut!

Für Sammler*innen gibt es wieder eine limitierte Vorzugsausgabe mit 2 signierten ExLibris und das ist ein Beweis für die hohe Qualität der Zeichnungen. Dazu passen Tee und Don Lego aus Indonesien!

© der Abbildungen 2020 Comic Combo, Leipzig / 2020 Uitgeverij L. /Eric Heuvel, Redhill Illustrations, Zaandam, 2003, 2007, 2010, 2018