Feldstein/Wood – Aus dem EC-Archiv 2

Alle Science Fiction und Fantasy Stories Band 2 (1951 – 1952)

Story: Bill Gaines & Al Feldstein
Zeichnungen: Wallace Wood

Originaltitel: EC Archive 2

All Verlag

Hardcover | 160 Seiten | Farbe | 29,80 € |

ISBN: 978-3-946522-68-3

Let’s get weird!

Ach was waren das für Zeiten: unaufgeregt, von keiner Klima- oder Gesundheitskrise betroffen und zukunftsorientiert! Schick angezogene Männer und Frauen, gerne im Fantasie-Uniform-Style, laufen rauchend durch Raumschiffe, betreten fremde Welten und erkennen, dass der Schein manchmal trügt, gleiche Entwicklung auch gleiche Ergebnisse bringt oder dass heiraten tödliche Folgen haben kann.

In allen im zweiten Band der Sammlung von Wally Woods Geschichten aus den EC-Magazinen steht die Technik nicht im Vordergrund. Sie ermöglicht Raumflüge, Zeitsprünge und alles andere, hat aber immer nur unterstützenden Charakter. Der Mensch bleibt derjenige, der Katastrophen auslöst, wenn er sich mal wieder allmächtig fühlt, seinen sexistischen Vorlieben folgt oder einfach nur zu spät reagiert.

Dazu kommen dann auch noch Geschichten, die der Menschheit einen Spiegel vorhalten, etwa indem sich die Entdecker einer uralten Marszivilisation mit dem Konzept des „Monsters“ auseinandersetzen müssen.  Mein Tipp für ein erstes Reinlesen ist aber „ Projekt … Überleben“.

Die Umsetzung

Insgesamt 18-mal darf Wally Wood seine Zeichenkunst in Geschichten zeigen, 7-mal werden zusätzlich ganzseitige Illustrationen von Covermotiven integriert. Im Mittelpunkt stehen dabei wieder die beiden Reihen Weird Fantasy und Weird Science aber auch der in Shock Suspenstory 2 enthaltene Beitrag fehlt nicht.

Keiner kann Monster so genial in Szene setzen ohne im Vorfeld schon eine klare Richtung vor zu geben. Oft ist bis zum letzten pageturner nicht klar, auf welcher Seite sich Monstrositäten offenbaren werden und wo die Opfer zu verorten sind. Der Seitenaufbau ist dabei gar nicht mal so abwechslungsreich. Auf die grafisch ansprechende, individuelle (und in der deutschen Ausgabe perfekt übersetzte/angepasste) Startseite erfolgt ein relativ starres dreireihiges Schema. Dieses variiert in der Anzahl der Panele sowie der Höhe häufig und bietet anhand der Schraffuren und der vielen Details ein perfektes Gerüst für die kräftige aber immer noch unterstützende Kolorierung.

Wood bietet aber nicht nur anregende fremde Landschaften sondern auch einen fast perfekten Einblick in die Emotionen seiner Figuren über die Gesichtszüge und Körperhaltung und lässt sich den Stress der kurzen Abgabefristen nicht anmerken.

Abgerundet wird der Band durch den Essay von Helmut Kronthaler über das offizielle Verhältnis zwischen Verleger Gaines und Ideenlieferant Ray Bradbury sowie einer Comicographie der von Bradbury autorisierten Adaptionen seiner Stories in den EC-Titeln.

Der Ausblick

Leider wird es nur drei Bände geben, denn dann ist das Material erschöpft. Diese lohnen sich aber unbedingt und sollten nicht nur bei allen Liebhaber*innen klassischer Science Fiction, der Gruselgeschichten und der Pulps im Regal stehen, sondern auch bei denjenigen, die gute, kurze Geschichten lieben, die nicht vorhersehbar sind, spannend und ohne Popcornkinoelemente auskommen! Schade, dass aufgrund der politischen Umstände diese Blüte der Horror/Fantasy/Science Fiction-Literatur nur eine kurze Lebensspanne hatte. Aber vielleicht verdanken wir dieser Situation dafür die Langlebigkeit des MAD.

ExLibri der Vorzugsausgabe

Natürlich gibt es auch wieder eine limitierte Vorzugsausgabe mit anderem Cover und einem ExLibris. – Zu Band 1.

Dazu passen quietschbunte Cocktails und die herrlich schrägen Horrorpops!

© der Abbildungen 2019 All-Verlag, Wipperfürth

© 2019 William M. Gaines, Agent, Inc

Aidans – Tunga Integral 5

Band 5: 1984 bis 2004

Story: Edouard Aidans
Zeichnungen: Edouard Aidans

Originaltitel: Originalausgabe

Kult Comics

Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 29,95 € |

ISBN: 978-3-946722-43-4

Eigentlich ist es schade, dass die vorbildliche Integralausgabe der Abenteuer der ersten Menschen vor 100.000 Jahren mit diesem fünften Band ihren Abschluss findet! Edouard Aidans hat über 40 Jahre lang Teile dieser Serie geschrieben und gezeichnet und so mit ihr die glorreiche Zeit in Tintin, für das ZACK, aber auch die Direktveröffentlichung im Album, zuletzt bei Joker bereichert. Jetzt liegt die gute bis grandiose Serie erstmals komplett auf Deutsch vor. Und sie ist definitiv nicht nur für die Generation ZACK zu empfehlen!

Der Inhalt

Der letzte Band enthält die im Abstand von jeweils 10 Jahren erschienenen Alben 15 bis 17 sowie einen großen Bonusteil. Den Beginn macht aber wie gehabt Volker Hamann, der die Rückkehr Aidans zu Tintin sowie seinen Ausflug zu Andy Morgan beschreibt. In diesem Beitrag finden auch zwei spezielle Seiten aus Tintin ihren Platz: eine von Aidans gezeichnete Hommage an Rick Master und in deutscher Erstveröffentlichung eine Seite, die Leser*innen an die Vielfalt in Tintin heranführen sollte und innerhalb einer SF-Rahmenhandlung die einzelnen Serien (hier natürlich Tunga) vorstellte. Alle fünf redaktionellen Beiträge zusammen geben einen sehr guten Überblick nicht nur über Zeichner und Serie sondern auch die sich verändernden Rahmenbedingungen für Comics im Europa der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts!

Gesetze und Blutsbündnisse von 1984 zeigt einmal mehr, wie weit sich Aidans bereits vom reinen Abenteuer weg entwickelt hatte. Ohama, Tungas langjährige Gefährtin, war vor langer Zeit von dem Stamm der Ghmour aufgenommen worden. Nun ist sie eifersüchtig auf die neuen Frauen im Stamm, Ulcha und Ilcha (vgl. Band 4), die sich als Kämpferinnen profilieren. Viel schlimmer ist allerdings, dass ihr Bruder mit weiteren Angehörigen seines Stammes kommt um sie abzuholen. Nach seinen Stammesregeln zähle die Verbindung mit Tunga nicht, ein brutaler und skrupelloser Krieger hätte ein Recht auf sie. Natürlich opfert sich Ohama um Blutvergießen zu vermeiden und genauso natürlich versucht Tunga, sie zu befreien. Eine sehr kurzweilige und spannende Geschichte mit mehreren Ebenen. Die Zeichnungen bieten zum Teil filmische Sequenzen in grandioser Qualität, etwa wenn die Männer sich den Ghmour nähern. Zu erwähnen wäre noch ergänzend zu den bibliographischen Angaben im Integral, dass diese Geschichte in Deutschland im Mosaik-ZACK 113 bis 115 unter dem Titel Gesetz und Blut veröffentlicht worden ist.

Der Tod des Riesen von 1995 führt einerseits den Subplot um Nooun weiter, der als Auserwählter Kontakt zu Weisen hat. Diese versorgen ihn mit Wissen, das zu damaliger Zeit wahrscheinlich nicht vorhanden war, und bildeten schon immer eine Art zusätzliches SF Motiv in der Reihe. In dieser Folge wird aber der bisherige Rahmen der Serie verlassen (oder erweitert), denn die Held*innen begegnen einem Raumschiff mit menschlichen Wesen (und teilweise auch mit menschlichen Trieben). Der Erstkontakt hat, wenn er aus der Sicht der überforderten Steinzeitbewohner*innen geschildert wird, einen gewissen Charme. Der inhaltliche Schwenk ist zudem eingebettet in ein klassisches Setting mit einem Streit zwischen zwei weiteren Völkern in den die Gefährt*innen hineingezogen werden.

Auch die grafische Umsetzung ändert sich mit dieser Geschichte und modernere Techniken und Möglichkeiten halten ihren Einzug in das Repertoire des Künstlers. Zeichnerisch ändern sich vor allem die Figuren: Waren anfangs die Münder nicht immer geöffnet, die Lippen schmal und die Gesichtsfarbe eher einheitlich, zeigt sich in den neueren Arbeiten, dass Aidans zwischenzeitlich an einer erotisch angehauchten Gag-Reihe gearbeitet hat: Die Münder sind immer offen, die Lippen voll und farblich akzentuiert und das Gesicht Ohamas sieht aus wie geschminkt, was durch das bessere Papier erst möglich geworden ist! Zudem tauchen auch auf immer mehr Einzelbildern ihre Brüste auf und ihre Bekleidung wird unpraktischer („Ohama möchte Tunga gefallen und ihn überraschen“).

2004 erschien dann der endgültig letzte Teil, passenderweise mit Das letzte Ufer betitelt. Wieder werden die drei Hauptpersonen samt dem Säbelzahntiger in eine fremde und feindliche Umgebung geworfen. Sie könnte direkt den Pulps der 30-er Jahre entsprechen: eine einsame Insel, Dinosaurier und verschiedene feindliche Stämme von Ureinwohnern. Dazu kommt allerdings wie auch schon in dem vorherigen Band ein SF-Element in Form von weiterentwickelten Lebewesen. Stünde die Story alleine, wäre sie nicht schlechter als ähnliche und würde eine Verfilmung a la Jurassic Park sicherlich erwarten. Im Zusammenhang der 40-jährigen Geschichte von Tunga, Ohama und Nooun fallen die letzten beiden Geschichten allerdings etwas aus der Reihe. Dies liegt nicht an den nicht wirklich dazugehörenden Dinos, die es auch früher schon zu Auftritten gebracht haben, sondern vor allem an den eigentlich gar nicht notwendigen Gastspielen der Weiterentwickelten Wesen. Soviel Däniken muss gar nicht sein.

Zeichnerisch hat sich Aidans mit diesem letzten Teil noch einmal modernisiert. Die Bilder sind einfacher konstruiert und wirken zumindest mit ihren Hintergründen wie aus den Frühzeiten der digitalen Gestaltung. Trotzdem aber immer noch ein Hochgenuss und besser als so manch amerikanische Kost!

Bonus

Die letzten Seiten werden gefüllt mit Skizzen und Vorzeichnungen für die Figuren oder die Tierwelt. Dabei handelt es sich teilweise um Bleistift-/Kohlezeichnungen, es sind aber auch kolorierte Bilder dabei. Sie helfen, das Bild des Künstlers abzurunden und leisten somit ihren Beitrag zu einer rund herum empfehlenswerten Integralausgabe. Kult Comics hat in diesem Bereich mit den editoriellen Beiträgen, den Informationen zu den bisherigen Veröffentlichungen, den Comics und Texten selbst aber auch mit den zusätzlichen Abbildungen sicherlich Standards gesetzt.

Nicht verschwiegen werden soll natürlich die limitierte Vorzugsausgabe, die wieder mit einem Alternativcover daherkommt und ein signiertes Ex Libris enthält.

Dazu passen ein stark gehopftes Bier eurer Wahl und Musik von The Dead South!

© der Abbildungen 2019 Comic Combo, Leipzig

Graton – Michel Vaillant 60

Vergessene Siege

Story: Jean Graton
Zeichnungen: Jean Graton

ZACK-Edition

MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag
Softcover | 48 Seiten | Farbe | 13,00 €
ISBN: 978-3-86462-153-6

Die Serie

Michel Vaillant ist ein Phänomen; Während der ersten Staffel (1957 – 2007) seiner Abenteuer, die 70 reguläre Alben, mehrere Sonderbände und eine Vielzahl von Kurzgeschichten umfasst, hat der sympathische Held fast alles gefahren, was zu fahren ist, hat geheiratet und einen Sohn bekommen. Die Geschichten von Jean Graton waren immer besonders dicht am echten Motorsport und viele der gezeichneten Konkurrenten waren tatsächliche Cracks in der Formel 1 oder 2 oder im Motorradrennsport. Mittlerweile werden die Geschichten unter der deutschen Bezeichnung zweite Staffel von Phillipe Graton, also dem Sohn, getextet und sind deutlich modernisiert worden.

Im Berliner MOSAIK Verlag erscheinen nicht nur die monatlichen mosaik und ZACK-Hefte, sondern auch beide Staffeln der Michel Vaillant-Bände in einheitlicher Aufmachung mit redaktionellen Infos zum Thema des Bandes. Es bedarf nur noch 4 weiterer Ausgaben und dann liegt der ursprünglich als Michael Voss in Deutschland gestartete Klassiker der Ligne Claire erstmals komplett in einer Reihe auf Deutsch vor. Mehr dazu in der Besprechung von Band 54.

In Deutschland spielte die Serie besonders in Comic-Magazinen immer eine große Rolle. Schon 1965 erschienen die ersten Folgen in der Mickyvision, später dann im Koralle-ZACK. Das aktuelle ZACK-Magazin hat ebenfalls von Zeit zu Zeit den klassischen Rennfahrer zu Gast, präsentiert aber vor allem die aktuellen Bände der zweiten Staffel. Für spezielle Auftraggeber erstellte Werbecomics mit Held*innen aus dem Vaillante-Kosmos finden sich auch in der Sprechblase und im ZACK 241.

Die „Vergessenen Siege“

Der 1997 erschienene sechzigste Band der Serie stand unter keinem guten Stern, denn Graton musste sich einer Operation unterziehen und konnte kein neues Material erstellen. Als – erfolgreiche – Notlösung entschloss man sich, sechs Kurzgeschichten aus den siebziger Jahren, die nur in lange vergriffenen Sonderbänden veröffentlicht worden waren, zusammenzufassen.

Die deutschen Herausgeber haben jede einzelne Geschichte mit ein paar einführenden Worten versehen, die den historischen Kontext wiederherstellen und einige der zum Teil seit langem verstorbenen Personen vorstellen. Zusätzlich findet sich jeweils eine Notiz, unter welchem Titel und wo diese Geschichte bereits früher veröffentlicht worden ist. Sehr löblich!

Zolder featured den später tödlich verunglückten französischen Rennfahrer Francois Cevert und führt zurück in die Zeit da Michel noch unverheiratet war.

Ein Rennen für eine Margarite sieht Steve Warson im Vordergrund als Fahrer eines Stockcar-Rennens. Trotz aller Tragik im Verlauf des geschilderten Rennens steht hier aber der Humor im Vordergrund.

Sie kamen aus dem Osten führt ein in die Hölle des Ice-Speedway und zeigt ausnahmsweise kein Rennen mit Vaillante-Beteiligung. Die Geschichte fügt aber dem Menschen Michel neue Facetten hinzu.

Auch in der Hölle der „6 Stunden“ muss der Titelheld erkennen, dass Erfolg und Todesgefahr eng beieinander liegen. Das Speedboatrennen unter dem Eifelturm ist nichts für schwache Nerven.

Kampf um 1/10 ist die einzige Formel 1 Erzählung in dieser Zusammenstellung. Die eigentlichen Helden dieser Seiten sind diejenigen, die nie im Rampenlicht stehen: Die Mechaniker und Techniker, die alles aus einem Wagen herausholen müssen damit der Fahrer überhaupt eine Chance hat, sein Können in die Waagschale zu werfen.

Die letzte Story ist wieder dem sympathischen Hitzkopf Steve Warson gewidmet. In Ich mag nur Dragster! muss der Amerikaner beweisen, dass er nicht nur eine große Klappe hat.

Das Artwork

Jean Graton ist ein Meister der Darstellung von Fahrzeugen aller Art. Egal ob stehend oder in kraftvoller Bewegung, die Details sind immer erkennbar und wohl deswegen ist die Hauptzielgruppe der 14 bis 16-jährigen Jungen schon damals so begeistert gewesen. Die aktuelle Serie legt dagegen viel mehr Wert auf die Handlung.

Neben den Boliden sind aber auch die „echten“ Rennfahrer gut getroffen und die Personendarstellung überhaupt (vielleicht abgesehen von dem typischen markannten Kinn) gut gelungen. Trotz aller Detailgenauigkeit ist Graton aber auch ein Vertreter der klaren Linie. So sind Bösewichte relativ schnell zu erkennen (ohne dass Graton dabei in Klischees verfallen würde).

Fast sensationell sind seine Rennszenen. Das Fernsehen der damaligen Zeit kannte nur den Blick von außen aber Graton bietet das Geschehen aus der Sicht des Fahrers!

Für die Fans des alten ZACK, die nicht jeden Michel Vaillant-Band kaufen (wollen) ist diese Zusammenstellung auf jeden Fall interessant. Sie bringt typische MV-Stories aus dem ZACK und der ZACK-Parade, allerdings auf gutem Papier und in exzellenten Farben. Der Verlag hat mit den editoriellen Notizen alles richtig gemacht und die zusätzlichen Abbildungen aus den in Deutschland nicht erschienenen Sonderbänden sind ein weiteres Plus. Außerdem ist der Band sehr abwechslungsreich da immer andere Sportarten und Hauptfiguren im Fokus stehen!

Dazu passen sportgerechte isotonische Getränke und „Liberty of Nolton Folgate“ von Madness, denn auch hier variieren die Engländer ein Grundthema in jedem Stück.

Abbildungen © 2019 MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag

Serpieri – Der Schamane

Serpieri Collection – Western 2 – Der Schamane

Story: Raffaele Ambrosio, Paolo EleuteriSerpieri
Zeichnungen: 
Paolo EleuteriSerpieri

Originalausgabe

Schreiber und Leser

Hardcover | 160 Seiten | S/W und Farbe | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-946337-98-0

Die Ausgabe

Der 1944 in Venedig geborene Paolo Eleuteri Serpieri hat ursprünglich Architektur und Malerei studiert. Seit 1975 ist er jedoch als Zeichner, später auch als Szenarist im Comicbusiness aktiv. Seine bekannteste Figur ist sicherlich Druuna, die in einem Science-Fiction-Setting erotische Abenteuer erlebt. Diese Reihe ist auf Deutsch ebenfalls bei Schreiber und Leser vorrätig. Auch biblische Geschichten hat er für eine Weile gezeichnet. Seine Karriere begonnen hat er aber mit Geschichten aus dem Wilden Westen, anfangs noch getextet von Raffaele Ambrosio.

Der Schamane ist der zweite Band der Serpieri-Western-Collection; in drei Hardcover-Bänden wird das Frühwerk des Italieners in eigener Zusammenstellung des Hamburger Verlages neu aufgelegt. Dabei ist jeweils eine Geschichte farbig, die anderen werden unkoloriert abgedruckt. Serpieri ist natürlich eines der Zugpferde des Verlages; umso erstaunlicher ist es, dass man darauf verzichtet hat, editorische Notizen zu den einzelnen Geschichten hinzuzufügen. Gerade im Zuge einer Zusammenstellung der oft nur in kleinen Magazinen veröffentlichten und lange nicht lieferbaren Geschichten wäre es ein netter Zug gewesen, darauf hinzuweisen, wann die Story erstmals erschienen ist und ob und wo sie bereits einmal auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht könnte das im abschließenden dritten Band ja noch nachgeholt werden. Der Vollständigkeit halber (wenn schon nicht aus Höflichkeit) hätte aber zumindest ein Hinweis gutgetan, dass einige der Stories von Ambrosio getextet worden sind. So bleibt nur die Suche nach dem kleinen Kästchen mit einem oder eben zwei Namen.

Ansonsten gibt es aber nichts zu meckern! In dem großen Format kommen die Zeichnungen gut zur Geltung. Auch die kleinsten Striche sind klar und scharf und erlauben einen Einblick in die Kunst des Italieners, die in der farbigen Version oft verdeckt wird. Serpieris Seitenaufteilung ist flexibel, Panele überlappen sich, verschieben sich ineinander und sind in der Größe sehr variabel. Wenn es denn gar nicht anders geht führen Pfeile die Leser*innen auf den vorgegebenen Pfad. Die Geschichten bekommen jeweils eine Vorsatzseite mit freigestellter Illustration; dies würdigt die Teile mehr als ein hintereinanderweg Publizieren es täte und schafft Ruhe! Zur Besprechung des ersten Teils geht es hier.

Der Inhalt

Der Band beginnt mit der titelgebenden Geschichte Der Schamane in Farbe. Sie vereinigt viele der wiederkehrenden Motive der Geschichten von Serpieri und Ambrosio: Machtgelüste und Rassismus als Antreiber vieler Weißer, Freiheitsliebe und Ohnmacht auf indianischer Seite und ein gewisses mystisches Etwas, das nicht zu erklären ist. Und so kommt es, wenn schon nicht zu Gerechtigkeit so doch zu einem gewissen Ausgleich. Die teilweise falschfarbige Kolorierung unterstützt gerade den letzten Aspekt deutlich und fügt sich so als gestaltendes Element in den Geschichtsaufbau ein.

John und Mary | Mary und John hat einen völlig anderen Fokus. Auch wenn hier von kriegerischen Auseinandersetzungen mit tödlichen Folgen und Menschenraub erzählt wird, stehen der Mann und die Frau im Mittelpunkt. Wie können sich Menschen, die so traumatisiert worden sind und so unterschiedliche Startpunkte und Möglichkeiten haben, aufeinander einlassen? Auch diese Geschichte ist aus der Feder von Raffaele Ambrosio. Umso erstaunlicher ist es, dass die Geschichte in weiten Teilen ohne Text auskommt.

Die Weisse Indianerin ist keine Koproduktion. Zeichnerisch ist diese Geschichte einer der stärksten, vielleicht auch, weil hier das Schwarz nicht soo schwarz ist und die Details dadurch mehr Raum bekommen. Die titelgebende „Beute“ ist eine als Mädchen von den Indianern geraubte Frau. Nach Jahren der Unwissenheit scheint jetzt ihr Aufenthaltsort bekannt und zwei unterschiedlich motivierte Gruppen machen sich auf die Reise. Den meisten der beteiligten Männer geht es allerdings um pure Rache, Auslöschung ist das Ziel und das Schicksal der jungen Sarah ist allein Rechtfertigung. Wie so viele Geschichten dieser Art ist sie zweideutig lesbar: als heroische Beschreibung des Feldzuges des verzweifelten Mannes (wie in so vielen Actionfilmen seit 50 Jahren) oder als Kritik an dem Männlichkeitswahn und der stumpfsinnigen und nur noch mehr Leid schaffenden Rache.

Auch in Frauen an die Front greifen Ambrosio und Serpieri wieder das Geschlechterthema auf. Der erste Schritt der Besiedelung ist der Kampf gegen die Natur. Der zweite Schritt die Verteidigung des Bodens gegen andere Interessenten (um mal eine Verharmlosung für die ursprünglich Ansässigen zu nehmen) und gewaltsame Sicherung. Der dann folgende ist aber die Überführung der Ausnahmesituation in Alltag. Dazu gehört neben der Etablierung von Recht (Sheriff) und Wirtschaft (Hotel, General Store, Bank) auch die Familie; es müssen also irgendwie heiratswillige Frauen in den Westen kommen. Davon und vor allem von ihren Schwierigkeiten handelt diese Geschichte.

Eine außergewöhnliche Geschichte ist dagegen eher eine (derb-)humorvolle Einzelfallaufnahme in der ein Weißer einen ganzen indianischen Stamm auszutricksen versucht. Der alte Maler basiert ebenfalls auf einem Trick. Es ist zwar ein ganz anderes Setting, Ambrosio erzählt aber auch hier von den Möglichkeiten den Ohnmächtigen.

Den Schlusspunkt setzt Das vermaledeite Gold, mit dem der Motivreigen wieder auf die mystische Welt der Geister zurückgeführt wird.

Die Wertung

Für alle Fans des Italieners wahrscheinlich eh ein Muss, für alle Westernfans aber ebenfalls sehr zu empfehlen. Die Geschichten sind stimmig, die Zeichnungen in ihrem Stil sehr speziell und machen zu zitterig. Mir gefallen sie gerade in ihrer Reduktion auf die Zeichnung. Auch die kolorierte Geschichte ist aber gerade wegen ihrer Falschfarbigkeit ein echtes Highlight.

Auch wer nicht unbedingt Westernfan ist, die Arbeit des Zeichners aber pur genießen möchte, sollte daher einen Blick in diese Ausgabe werfen!

Wer Serpieri allerdings nur wegen der prallen Rundungen zu kaufen pflegt, könnte in diesem Band enttäuscht werden. Davon gibt es – passend zum Inhalt der Geschichten – nicht viel!

Teil eines Lesezeichens

Dazu passen ein amerikanisches leichtes Bier (kein Light!), nicht wirklich gekühlt, und indianische Musik, auch wenn es vielleicht zu pathetisch klingt oder von diversen „movements“ genutzt wird.

© der Abbildungen 2019 Verlag Schreiber und Leser, Hamburg

Paape/Greg – Luc Orient 3

Luc Orient Band 3 – Der Tyrann von Terango

Story: Greg (Michel Regnier)
Zeichnungen: Eddy Paape

Originaltitel: Le maître de Térango

All Verlag

Hardcover | 68 Seiten | Farbe | 15,80 € |

ISBN: 978-3-946522-54-6

Diese Geschichte ist Bestandteil eines Meilensteins der deutschen Comic-Geschichte, war sie doch Teil der Ausgabe 17/1972 von ZACK, dem neuen Comic-Magazin aus dem Koralle-Verlag, das ein paar Jahre lang europäische Maßstäbe setzen sollte und eine ganze Generation geprägt hat.

Die Story

Auch wenn niemand wirklich erklären kann, warum man dort mit der dritten Folge eines fünfteiligen Abenteuers startete, man tat es und damit begann eine bis heute andauernde Erfolgsgeschichte dieser Science-Fiction Serie aus der Feder von Greg und mit den Zeichnungen von Eddy Paape. Der All-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Klassiker wieder aufzulegen und dabei ein neues, der Originalhandschrift von Paape nachempfundenes Lettering zu verwenden. Mehr Infos in den Besprechungen zu Teil 1 und 2. Gleichzeitig erscheint im Übrigen mit Bruno Brazil auch eine weitere klassische Serie von Greg im All-Verlag und die Gesamtausgabe von Andy Morgan bei Carlsen ist gerade komplett.

Nachdem die Überlebenden der Expedition von Terango mit Hilfe von Luc Orient und seinen Freunden von Eurocristal die Erde wieder verlassen konnten, sitzen die Held*innen zeitgemäß trinkend und rauchend zusammen. Während Luc Nachschub holt, wird er von Lec-Hoj angesprochen, der mit seiner Besatzung bereits zurück auf der Erde ist. Auf Terango hat es während der lange andauernden Abwesenheit einen Putsch gegeben und der neue Herrscher Sectan will die Erde und weitere Planeten überfallen und unterjochen. Die Rebellen sind unterlegen und brauchen dringend Hilfe von außen, zumal sie hoffen, dass die Erdbewohner taktische Ideen haben werden, die von Sectan nicht antizipiert werden können.

Auf dem Flug nach Terango werden Toba und Dr. Kala erfolgreich einer Operation unterzogen, die sie die Terangische Atmosphäre atmen lässt. Bei Luc und Lora klappt das (natürlich) nicht reibungslos, so dass sich bereits im ersten Drittel ein großer Spannungsbogen auftut, denn die Landung bleibt nicht unbemerkt und der Krankentransport muss unter großen Schwierigkeiten stattfinden.

Im weiteren Verlauf der Handlung spielt Greg virtuos mit bekannten Invasionsthematiken, die aber alle spiegelverkehrt sind, da sich hier die Menschen als Aliens auf einer anderen Welt aufhalten und damit das Überraschungsmoment darstellen.

Die Umsetzung

Paape darf bei seinen Zeichnungen aus dem Vollen schöpfen. War er in den ersten beiden Bänden noch in gewisser Weise an die terrane Fauna und Flora gebunden, ist er jetzt schrankenlos und kann der Fantasie folgen. Aber auch die Actionszenen und die technischen Darstellungen sind extrem gut gelungen und stellen vor allem die Filmkunst der damaligen Zeit (Ende der 60-er Jahre) komplett in den Schatten. Heutzutage kann man sich das nach dem Siegeszug der CGI-Technik kaum noch vorstellen, aber damals bestanden Kulissen noch aus Pappmache. Umso spektakulärer waren die Möglichkeiten des Comics.

In einigen Teilen dieser Serie sind Handlungsanteile durchaus verteilt; hier allerdings ist alles auf den blonden Helden abgestellt. Lora und Dr. Kala sind genauso Staffage wie die Freunde und Feinde aus Terango. Allein Toba darf Teile des Ruhms auf sich vereinen. Schon bald wird sich das aber wieder geben und deshalb sei das hier auch nur als marginale Kritik (und zwar hauptsächlich am damaligen Zeitgeist) vermerkt. Greg kann es besser.

Sagte ich es schon? Wer die Serie nicht schon als EHAPA-Gesamtausgabe im Regal hat und entweder der Generation ZACK angehört oder ein Faible für gut gemachte Science Fiction oder Abenteuergeschichten hat, sollte zuschlagen. Wer sich für alte TinTin-Geschichten und die Geschichte drumherum interessiert, ebenfalls, denn Volker Hamann berichtet – wie immer reich illustriert – wissenswertes über Eddy Paape und die damalige Zeit, und außerdem gibt es in deutscher Erstveröffentlichung den dritten Teil des Werbecomics von Valfruit! Und wer ein Sammelobjekt haben möchte, sei auf die limitierte Vorzugsausgabe verwiesen.

Dazu passen Jeff Wayne’s War of the World und ein Glas Pampelmusensaft!

© der Abbildungen 2019 All-Verlag, Wipperfürth

Tunga Integral 4

Band 4: 1977 bis 1984

Story: Edouard Aidans
Zeichnungen: Edouard Aidans

Originaltitel: Originalausgabe

Kult Comics

Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 29,95 € |

ISBN: 978-3-946722-41-0

Der am 6. September 2018 verstorbene Belgier Edouard Aidans war einer der Zeichner, die zunächst entweder in Tintin oder dem Konkurrenzprodukt Spirou veröffentlicht hatten, dann aber vom Hamburger Koralle-Verlag abgeworben worden waren. Das „alte“ ZACK hatte eine Zeitlang so hohe Verkaufszahlen, dass eine internationale Expansion erfolgversprechend schien. Sehr zum Leidwesen der deutschen Leser*innen, vor allem aber der Künstler, die auf das Angebot eingegangen waren, hielt der Hype nicht lange genug. So musste auch Aidans reuevoll zu Tintin bzw. Le Lombard zurück, wurde dort allerdings auch mit offenen Armen empfangen.

Mehr zu den Hintergründen dieser Geschichte findet sich im von Volker Hamann redaktionellen Teil dieses Integrals. Natürlich gibt es auch in diesem Teil wieder viele zusätzliche Illustrationen und Artikel über Aidans und Tunga. Die Besprechung zum dritten Teil bietet ebenfalls noch weitere Informationen zur Serie und zu ihrem Schöpfer.

Die ZACK-Ära

Ab 1978 produzierte Aidans für den Koralle-Verlag vier Kurzgeschichten, die inhaltlich eine fortlaufende Einheit bildeten und in der ZACK-Parade zum Abdruck kamen. Die ersten drei Teile wurden dabei auch in den internationalen Ablegern Super As, Wham! und Super J publiziert sowie unter dem Titel „Der Feuermacher“ in die Albenausgabe integriert. Die letzte, 1979 in der ZACK-Parade 35 erschienene Story „Im Tal der Dämonen“, brauchte fast 20 Jahre um in einem französischen Fanzine auf schwarz-weiß abgedruckt zu werden, schaffte es aber weder in ein Album noch in das Integrale von Joker Editions.

Alle Geschichten sind von Aidans nach dem altbewährten Muster geschaffen: Obwohl ursprünglich für das kleine Taschenbuchformat konzipiert können sie ohne Verlust in das größere Magazin-/Albenformat ummontiert werden wobei jeweils zwei kleine eine große Seite ergeben. Man kann die Meisterschaft des Künstlers dabei nicht zu hoch einschätzen, denn das Layout erzählt die Geschichte genauso wie der Text und dieses so anzulegen, dass es ohne Abstriche in zwei unterschiedlichen Aufbauten funktioniert ist hohe Kunst!

Inhaltlich geht es darum, dass Tunga, Ohama und Nooun in einem mysterienhaften Szenario auf ein unbekanntes Objekt stoßen. In einer Höhle in der Nähe treffen sie auf einen „Guru“ der Nooun die Gabe schenkt, mit Hilfe von Flintsteinen Feuer zu entfachen.

Zeichnerisch hat Aidans keine seiner Qualitäten verloren. Ob die Raptoren aber wirklich notwendig waren möchte ich bezweifeln. Wer weiß, von wem die Idee dazu kam, möchte dieses bitte im Kommentarfeld unten vermerken.

Rückkehr zu Tintin/Kuifje

Das ZACK war Geschichte und bis zum nächsten Ausflug in die Zeit vor 100.000 Jahren sollte es bis 1983 dauern: Mit „Die verlorene Fährte“ kehrte der Belgier triumphal auf die Seiten des angestammten Magazins zurück und präsentierte einen moderneren Helden.

Wieder einmal werden Tunga und Ohama getrennt und müssen ihre eigenen gefährlichen Situationen bewältigen. Dazu gehört auch der jeweils emotionale Konflikt der Sorge um die andere Person. Der Zeichenstil ist viel freizügiger, raumgreifender und dynamischer, natürlich auch aufgrund der Befreiung von den Zwängen zur Doppelverwendung. Auch die Kolorierung ist offensiver und überdeckt teilweise sogar Details der Zeichnungen, ermöglicht aber eine zusätzliche Ausdruckskraft gerade für emotionale Darstellungen. Auch die von Aidans (und seinem Vorbild Hogarth) schon immer eingesetzte Schraffur wird noch einmal feiner und lässt mich fast wünschen, es gäbe den Comic zusätzlich auch in einer nicht-farbigen, unverfälschten Version. Vielleicht findet sich ja tatsächlich genug Nachfrage?

Die letzte Prüfung“ von 1984 beendet diesen Band mit einer erneut stark besetzten Frauenrolle. Tunga erlebt ein Soloabenteuer auf einer Insel, die von Amazonen bevölkert ist. Dort gibt es eine sehr kämpferische Frau namens Ulcha und eine eher bedächtige, heilende Ilcha. Unser Held braucht relativ lange, bis er erkennt, dass es sich tatsächlich nur um zwei Ausdrucksformen der gleichen Person handelt. Obwohl hier die Action durchaus im Mittelpunkt steht, wäre es verkehrt, die Erzählung darauf zu reduzieren.

Aidans gelingt es immer wieder, das prähistorische Setting zu benutzen um allgemeingültige Handlungsweisen positiv zu beschreiben: Planung, Vertrauen, Teamgeist und der Wille, gemeinsam zu Lernen sind die Facetten menschlichen Verhaltens die den Sieg und das Überleben in der Urzeit ermöglichen und auch heute noch gebraucht werden. Insofern ist Tunga sicherlich auch „ein Klassiker“, trotzdem aber weder angestaubt noch altmodisch!

Es wäre daher dem Comic und dem Verlag zu gönnen, dass die Serie nicht nur von ein paar alten Knackern die mittlerweile ihre Kindheitserinnerungen in guter Qualität neu erstehen können gekauft wird sondern ein breites Publikum findet. Verdient hat es gerade diese Phase der Serie allemal!

Es gibt übrigens auch wieder eine (verlagsvergriffene) Vorzugsausgabe, dieses Mal mit drei Ex Libris als Bonus für die Produktionsprobleme.

Dazu passen ein Getränk auf Mangobasis und als Gegenpol etwas Industrial oder etwa die Einstürzenden Neubauten.

© der Abbildungen 2019 Comic-Combo, Leipzig

Warnauts/Raives – Venezianische Affären 1

Venezianische Affären Gesamtausgabe Teil 1

Story: Eric Warnauts
Zeichnungen: 
Eric Warnauts, Guy Raives

Originaltitel: Les suites Véntiennes 1-3 (Intégrale 1)

Panini Comics
Hardcover Überformat | 160 Seiten | Farbe | 29,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1288-6

Das Duo Eric Warnauts und Guy Raives ist in Deutschland wahrlich nicht unbekannt, gehörte aber bisher eher in die Kategorie Geheimtipp. In den neunziger Jahren brachte der Carlsen Verlag den Einzelband Congo 40, die Abrechnung mit Deutschlands Nationalsozialismus (Die zerbrochene Zeit) und die ersten vier Teile von Lou Cale, einer Krimiserie um einen Pressefotografen heraus, Finix führte vor ein paar Jahren fort. Panini hat bereits den Vierteiler Zeitenwende veröffentlicht, der ebenfalls im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielt.

Das Thema

Der aktuellen deutschen Erstveröffentlichung, die bei Casterman bereits vor rund 20 Jahren erschienen ist, liegt auch ein historisches Setting zugrunde: Das Venedig des 18. Jahrhunderts. Der Stadtstaat wird durch ein Konglomerat aus verschiedenen Institutionen beherrscht die sich wiederum aus traditionellen Familien rekrutieren. Dekadenz und Laster haben sich im Alltag der besser gestellten breitgemacht und unter der Fassade des Maskerade passieren die unglaublichsten Dinge.

Als mehrere Frauen ermordet und misshandelt aufgefunden werden, versucht Alessandro, die abscheulichen Verbrechen aufzuklären. Schnell wird klar, dass es sich bei der Serie um Ritualmorde handelt und dass Magie ebenfalls eine Rolle spielt. Zudem drängen sich Verbindungen in die Vergangenheit auf. Es scheint um Rache zu gehen… Außerdem spielen Rötelzeichnungen einer jungen, unbekleideten Schönheit eine große Rolle, allerdings erkennen nur wenige die Zeichen.

Die Titel der Einzelbände „Die Skizzen“, „Rotes Venedig“ und „Exil“ lassen den Handlungsablauf ein wenig erkennen, die Story ist aber vielschichtig genug, um nicht einfach nur einem Plot zu folgen: Es geht um (Miss-)Achtung, Rassismus und Machtgelüste, aber auch um den Versuch starker Frauen, sich eigenständig zu entwickeln und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Während einige Männer dieses verstehen können, müssen andere es leidvoll am eigenen Körper erfahren lernen.

Die Umsetzung

Warnauts und Raives setzen bei ihren Seiten auf die Macht des Bildes: oft werden sie von wenigen, großen Panelen beherrscht; ganze Seiten kommen ohne Text aus. Mal wird gegen ein dreireihiges, mal gegen ein vierreihiges Grundraster verstoßen und ständig wechselt die Anordnung. Dahinter liegt aber kein chaotisches Ausprobieren: Die Formen folgen der Notwendigkeit der Handlung und ihrer Dynamik. Das Überformat bringt dabei die Seiten noch mehr zur Geltung als es das typische A4-Format täte.

Die Gesichter sind durch die etwas großflächige Kolorierung manchmal etwas entstellt, wirken dadurch aber auch im Alltag fast maskenhaft und stören daher in diesem Zusammenhang nicht. Die Formen und die Anatomie der Figuren zeigen dagegen keine unerwünschten Besonderheiten, sondern sind korrekt. Auch das architektonische und kleidungsbezogene Dekors ist aufwändig und stimmig.

Panini hat für jeden Band das Einzelcover in Farbe und als Vorzeichnung mit aufgenommen. Insofern wird die Erwartung an eine Gesamtausgabe erfüllt. Es gibt auch einen kurzen Textteil, der in das politische Venedig der damaligen Zeit einführt. Editorische Notizen, ergänzende Illustrationen und Texte, also alles, was die Leser*innen heute in einem Integral typischerweise geboten bekommen, fehlen dagegen. Hier kann der Panini-Verlag sich sicherlich noch eine Scheibe von seinen Konkurrenten abschneiden.

Vor einigen Jahren wäre die Serie wahrscheinlich bei comicplus+ erschienen. Vielleicht hilft dieser Hinweis zur Einordnung des Ganzen. Spannende und vielschichtige Story mit ansprechendem Artwork!

Dazu passen gelassen prickelnder Pro Secco und italienische Musik: Klasse Kriminale (und im speziellen Johnny too bad).

© der Abbildungen Editions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) 2016 by Raives, Warnauts, c/o Panini Verlag

Weyland – Aria Integral 2

Aria Integral 2

Text: Michel Weyland 
Zeichnungen: Michel Weyland

Originaltitel: Aria – La septième Porte | Les Chevaliers D`Aquarius | Les Larmes de la Déesse | Le Méridien de Posidonia

Kult Comics

Hardcover | 240 Seiten | Farbe | 35,00 € 
ISBN: 978-3-946722-89-2

Cover Aria Integral 2

Aria ist ein junge, blonde Kriegerin, die ihre Abenteuer in einer Welt erlebt, die dem Mittelalter der Erde entspricht. Sie könnte aber wegen einiger mythischer oder sogar Science Fiction-Elemente auch auf einem fernen Planeten spielen. 1980 erschien die erste Episode in Tintin, später wechselte Weyland mit der Serie zu Spirou. Die deutsche Veröffentlichungsgeschichte ist fast schon typisch. Nach einigen Bänden beim Rainer-Feest-Verlag unter dem Titel Ariane folgten weitere bei Epsilon unter dem „richtigen“ Titel Aria. Insgesamt gibt es aber noch viele unveröffentlichte Alben und weitere Geschichten zu entdecken. Dem hat sich jetzt der Leipziger Verlag Kult Comics angenommen und veröffentlicht eine Gesamtausgabe in 6 Integralen.

Die Gesamtausgabe druckt die Bände dabei nicht in der Reihenfolge des Erscheinens ab, sondern folgt in enger Absprache mit dem Autor und Zeichner Michel Weyland einem inhaltlichen Konzept. Da es sich bei den meisten Geschichten ohnehin um One-Shots handelt, fördert das den Lesefluss bestimmt. Teilweise wird dadurch aber die fließende zeichnerische Entwicklung sprunghafter.

Wie mittlerweile bei Gesamtausgaben üblich gibt es auch eine auf 99 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit einem anderen Cover hat und einem nummerierten, signierten Ex Libris für 49,00€.

Der Inhalt

Die siebente Pforte“ beschreibt eindringlich die Schrecken des Schlachtfeldes. Ob im Western wie bei Blueberry oder den Blauen Boys, im History-Bereich wie bei Tardy oder im Fernsehen: Die Stilmittel sind unterschiedlich, die Inhalte ähneln sich. Aria hat heilende Kräfte übertragen bekommen und soll nun die Verletzten versorgen. Sie allerdings weigert sich. Im Laufe der Geschichte passieren immer mehr magische Dinge und es öffnet sich eine Welt unter der der Gegenwart und doch stehen beide in einem Zusammenhang. Und dann spielt da noch ein mehrere Generationen umfassendes weiteres Thema eine Rolle…

detail Aria Integral 2 page 65

Die zehnseitige Kurzgeschichte „Dieses Schicksal ist dir nicht bestimmt“ hat ebenfalls mehrere Ebenen; Während es einerseits um eine Sache zwischen Amazonen und Aria geht, greift auf einer anderen ein Gott unmittelbar ein. Die kleine Geschichte ist zum Verständnis von Arias Persönlichkeit sehr hilfreich, zeigt sie doch neben Verletzlichkeit und Zorn auch eine unbändige Freiheitsliebe.

Der Zweiteiler „Die Ritter van Aquarius“ und „Die Tränen der Göttin“ sind ein weiteres Beispiel für die Mehrschichtigkeit der Werke von Michel Weyland. Einerseits ist das Ganze eine spannende Abenteuergeschichte um Rache und Machtkämpfe mit SF- oder Horrorelementen. Ein von Emotionen fehlgeleiteter entflohener Sklave erschafft sich eine Armee aus (fast) unbesiegbaren Monstern und rächt sich an seinen Unterdrückern. Auf einer Meta-Ebene ist er aber auch als Beitrag gegen Atomenergie und ihre Beherrschbarkeit zu lesen und passt daher auch zu aktuellen Fridays-for-future-Diskussion. Darf der Mensch alles machen?

Auch „Der Meridian von Posidonia“ hat das Gleichgewicht des ganzen Planeten zum Thema. Hat es folgen, wenn die Erde zu stark ausgebeutet wird?

Aria Integral 2 page 195

Die Umsetzung

Diese letzte Geschichte ist in ihrer grafischen Umsetzung vielleicht die eindringlichste und zeigt, dass der Belgier Weyland mehr kann als leichtbekleidete Blondinen in anmutigen Bewegungen zu zeichnen. Einerseits stimmen Anatomie und Ausdruck, andererseits ist er aber auch ein Meister der Stimmungen und der sehr detaillierten Dekors. Seine Heldin ist keine „Bikini-Kämpferin“ wie Red Sonja. Obwohl auch diese kaum geschützt gegen Schwerthiebe ist, bevorzugt Aria weiße, luftige Kleidchen (deren Sitz teilweise ebenfalls magisch beeinflusst sein muss) die bereits andeuten, dass ihre bevorzugte Lösung nicht der Kampf ist. Auch die anderen Personen tragen übrigens vergleichbare Kleidung. Die Magie kommt nicht nur in ihrer bösen Form vor und die teilweise sehr fröhlichen Farben unterstützen diese Rezeption.

detail aus Aria Integral 2 Ex Libris
Ausschnitt aus dem Ex Libris der limitierten Ausgabe

Die Ausgabe ist in ein stabiles Hardcover gekleidet. Das matte, kräftige Papier bringt Zeichnungen und Kolorierung von Nadine Weyland gut zur Geltung und weist bereits auf den ersten Blick auf die Unterschiede zwischen Comic-Teil (weißer Grund) und Begleitmaterial (leicht gelblicher Grund) hin. Natürlich sind alle Cover der bisherigen deutschen und der französischen Ausgabe enthalten, aber auch sonstiges Bildmaterial, Skizzen, und Poster. Die inhaltlichen Beiträge kommen von unterschiedlichen Autoren, aber auch von Weyland selbst. Sie ermöglichen daher einen guten und originären Zugang. Selbst wer also schon den einen oder anderen band zu Hause hat, kann anhand der guten Ausstattung getrost zuschlagen.

Geplant ist ein sechsmonatiges Erscheinen der geplanten 6 Integrale.

Geeignet für alle, denen „Sword & Sorcery“/Schwert und Magie mehr bedeutet als Conan, für die, die es ertragen können, dass Prüfungen auch mit Köpfchen gelöst werden (wobei sich die Heldin im Kampf durchaus zu bewähren weiß!) und für alle, die den gewitzten Kampf für Gerechtigkeit mögen!

Dazu passen frisches, gezapftes Keller- oder Bockbier und Alternative, etwa von The Alarm.

© der Abbildungen 2019 Comic Combo, Leipzig

Go West – Klassiker des Monats Mai 2019

Go West – Gesamtausgabe

Text: Greg

Zeichnungen: Derib

Salleck Publications

Hardcover | 124 Seiten | Farbe | 25,00 € |

ISBN: 978-3-89908-498-6

Cover Go West

Go West ist eine zehnteilige Serie von Kurzgeschichten mit einer Länge von 7 bis 20 Seiten die in dem belgischen Tintin-Magazin zwischen 1971 und 1978 veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen damaligen Serien war sie von Anfang an auf einen alle Teile überspannenden Plot ausgerichtet und erzählt die Geschichte des arbeitslos werdenden Buchhalters Barnaby Bumper und seiner Gefährten auf ihrem Treck von der amerikanischen Ostküste ins den „Wilden Westen“.

Das Szenario stammt von Michel Régnier, der unter seinem Künstlernamen Greg veröffentlichte. Als Chefredakteur von Tintin überführte er das Magazin aus der klassischen Struktur mit ein bis zwei Seiten pro Abenteuer pro Woche zu einem neuen Format in dem die Geschichten in sieben bis acht Wochen veröffentlicht wurden. Die Teile sollten dabei eine Art „Kapitelstruktur“ aufweisen um einerseits einen wirklichen Lesegenuss zu ermöglichen, andererseits natürlich zum Kauf des nächsten Heftes anregen (Mehr dazu hier). Zu den längeren Alben kamen dann eben auch Kurzgeschichten wie Go West, die aufeinander aufbauten, aber nicht Woche um Woche erscheinen mussten. Greg hat neben dieser Westernserie auch andere Szenarios in diesem Genre verfasst, unter anderem für Chick Bill, den Lucky-Luke-Ableger Jolly Jumper und natürlich für Comanche, gezeichnet von Hermann.

Detail go West page 19

Derib (das ist Claude de Ribaupierre) hatte seine Karriere als Zeichner im Atelier von Peyo begonnen. 1969 begann er an seinem großen Thema, dem Leben der Indianer zu arbeiten und veröffentlichte die ersten Folgen der Geschichten um den kleinen Yakari bevor dann die Arbeit an Go West startete. Sein Hauptwerk Buddy Longway, die Geschichte eines weißen Trappers, sollte kurz darauf starten.

Die noch ganz im Funny-Stil gezeichnete Serie enthält bereits alle späteren Thematiken: Nicht alle Weißen kommen als Eroberer und wollen sich das Land untertan machen. Sie haben zum Teil kaum eine andere Wahl, wenn sie für den Unterhalt ihrer Familie sorgen wollen. Viele von ihnen wollen aber keinesfalls ihren Lebensentwurf anderen überstülpen sondern in Frieden mit anderen Menschen und der Natur leben. Ein weiteres Sujet ist der Konflikt zwischen der Gewalt des Stärkeren und den Errungenschaften der Zivilisation, hier in dem Kapitel „Die Strasse der Sonne“ als Konflikt zwischen Lynchjustiz und Gerichtsbarkeit dargestellt.

Detail Go West page 53

Über allem schwebt aber die Kritik am Rassismus: So besteht die Reisegruppe, die sich im Laufe der Geschichten immer mehr erweitert auch aus einem Farbigen und einem Sioux. Beide spielen tragende Rollen und müssen doch ihre oft von anderen unterstellte Minderwertigkeit erdulden. Derib und Greg vermeiden den Zeigefinger und bringen ihre Kritik trotzdem deutlich rüber. Auch die Indianer werden keinesfalls wie in anderen Western als blutrünstige Wilde dargestellt. Sie sind zu Frieden fähig und willig. Nur in einer Randnotiz weisen die Autoren darauf hin, dass der ausgehandelte Frieden von Medicine Lodge nicht an ihnen, sondern an weißen Soldaten wie General Custer gescheitert ist.

Go West page 93

Der Zeichenstil Deribs entwickelt sich von Geschichte zu Geschichte weiter und verfeinert sich. Anfangs sind es noch sehr großflächige Dekors, die die Handlung begleiten, doch sie werden immer detailreicher und kleiner, so dass am Ende die Figuren immer noch einem Funny entsprechen, die Hintergründe aber schon fast realistisch wirken. Damit vollzieht Derib die Entwicklung, die er in Buddy Longway noch konsequenter verfolgt hat, hier zum Teil nach. Darin liegt auch ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Charmes dieser Ausgabe, dass auf so engem Raum so viel Entwicklung sichtbar wird. Zudem ist die Kombination aus Detailreichtum und figürlicher Überzeichnung auch nicht so häufig anzutreffen.

Es gibt noch eine weitere Ausgabe dieses Titels, erschienen 1978 im Carlsen Verlag. Sie enthält aber im Gegensatz zu der bei Salleck Publications als Hardcover erschienenen Gesamtausgabe nur die ersten neun Geschichten. Die zehnte, abschließende Folge wurde hier das erste Mal auf Deutsch veröffentlicht. Die Ausgabe umfasst des Weiteren ein paar redaktionelle Seiten mit einem Text über die Geschichten, ihre Rezeption und die weiteren Werke der beiden Künstler. In dem Artikel finden sich auch Abbildungen der Tintin-Cover mit Bezug zu Go West. Das verwendete Papier ist relativ dünn, aber blickdicht und lässt die Zeichnungen durch die etwas glänzende Struktur gut zur Geltung kommen.

Die Gesamtausgabe von 2014 ist noch lieferbar und daher problemlos zu bekommen.

Go West page 23

Go West ist aus mehreren Gründen zu gut, um in Vergessenheit zu geraten. Zum einen ist es ein früher Vertreter des neuen Weges, Comic-Abenteuer in wöchentlichen Magazinen erzählen zu wollen. War es ursprünglich genug, eine Seite mit einem Gag zu versehen und die Held*innen zu präsentieren, verlangte das Publikum immer mehr einen übergreifenden Plot hinter den Seiten und wollte zwar kurze aber abgeschlossene Inhalte konsumieren. Hier zeigt sich die Konkurrenz des Fernsehens mit seinen Serien. Andererseits ist Go West die Grundlage für die weiteren Serien von Derib über das Leben der Indianer und einer der Startpunkte für ein differenzierteres Bild als die üblichen Western es traditionell vermittelten. Zwar gab es auch im TV-Bereich schon Ansätze, etwa High Chaparral, der Mainstream sah aber entweder den bösen Indianer oder idealisierte nicht minder problematisch den „guten und edlen Wilden“.

Insbesondere wegen der Wüstenszenen wäre dazu eine selbstgemachte Zitronenlimonade perfekt! Musikalische Untermalung kann nur Country und Western sein – Wie wäre es mit The Common Linnets aus unserem westlichen Nachbarland?

© der Abbildungen 2014 Eckart Schott Verlag

Africa Dreams Gesamtausgabe

Africa Dreams, Band 1 – 4

Story: Maryse und Jean Francois Charles
Zeichnungen: 
Frédéric Bihel

Originaltitel: L’Ombre du roi / Dix volontaires sont arrivés / Ce bon Monsieur Stanley / Un Procès colonial

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 200 Seiten | Farbe | 36,00 € |

ISBN: 978-3-96219-190-0

Cover Africa Dreams

Die Gesamtausgabe der vier Bände von Africa Dreams fällt ein wenig aus dem Rahmen: Sie ist keine nette Abenteuergeschichte und auch wenn sie in gewisser Weise ein Happy End hat, konnten Millionen von zu dem Zeitpunkt bereits getöteten davon nicht mehr profitieren. Maryse und Jean-François Charles beschreiben in diesem von Frédéric Bihel umgesetzten Werk die „Befreiung“ des Kongo aus dem persönlichen Eigentums König Leopold II. von Belgien und den dazu nötigen Kampf um die veröffentlichte Meinung.

Besonders hervorzuheben ist dabei, dass es sich bei dem Ehepaar Charles um zwei Belgier handelt, sie also tief in die Geschichte ihres eigenen Landes abtauchen müssen. Das Bild des Königs ist dabei gar nicht so einfach zu fassen. Einerseits steht seine Grausamkeit in Bezug auf die Bewohner*innen des Kongo außer Frage, andererseits setzte er sich durchaus etwa für die Abschaffung der Sklaverei ein und wird im Kongo selbst immer noch respektiert für seine Rolle in der Schaffung und Konstituierung des Gebildes „Kongo“ an sich. Und trotz aller deutlichen Kritik am „Kongogräuel“ ist diese Geschichte kein Hass-Dokument.

Detail Africa Dreams page 5

So beginnt die Geschichte denn auch 1960 während eines Museumsbesuches mit einer sehr lobenden Erklärung, dass König Leopold II. Belgien den Kongo geschenkt, die Wilden zivilisiert und der Welt damit Gutes getan habe. Natürlich werden diese Aussagen auf den folgenden fast 200 Seiten dekonstruiert und mit der heutigen Kenntnis auch reflektiert. Der Vorwurf der Nestbeschmutzung wird von traditioneller Seite trotzdem erhoben werden.

Worum geht es?

Leopold II., einer der reichsten Männer Europas zu seiner Zeit, hatte den Forscher Dr. Stanley beauftragt, Forschungsstützpunkte im Inneren Afrikas zu gründen und dann das darum liegende Land gekauft und Freistaat Kongo genannt. Er selbst war nicht nur König von Belgien, sondern auch Herrscher über dieses 80-mal größere afrikanische Gebiet und wollte seinen nicht unerheblichen Einsatz zurück.

Der Freistaat Kongo lieferte im Wesentlichen Kautschuk und Elfenbein. Um den maximalen Profit zu erzielen (und weil er Sklavenhandel wirklich nicht mochte) setzte Leopold, der den Kongo selbst nie betreten hat, Zwangsarbeiter ein und sorgte mit einem blutigen und auf Horror basierendem System dafür, dass möglichst billig möglichst viel produziert werden konnte.

Detail Africa Dreams page 28

Katholische Priester, die zu Missionszwecken im Land tätig waren, waren offiziell nicht in Gegnerschaft zu diesem Verhalten des gläubigen Herrschers und wiesen ihre Priester vor Ort an, keine Kritik zu äußern oder zu unterstützen. Die evangelischen Missionare waren dagegen eher bereit, über Missstände zu berichten oder für Verbesserungen zu sorgen.

Paul Delisle ist einer der Belgier, die während ihrer Zeit in Afrika erkannt haben, dass es sich bei den Eingeborenen keineswegs um Wilde handelt, die den Status der Ware nur knapp verlassen haben, sondern um Menschen mit den gleichen Rechten und findet zunächst sich selbst, dann seinen Frieden und sein Glück.

Edmund Morel entwickelt sich vom passiv beobachtenden Beschreiber zum aktiven Schreiber für die Rechte der Schwarzen und gegen die Unterdrückung.

Henry Morton Stanley ist nicht nur Forscher, sondern auch immer mehr in die Schachzüge seines Gönners König Leopold eingespannt und gibt kein gutes Bild ab.

Detail Africa Dreams page 143

König Leopold II. schließlich wird über die mehr als 20-jährige Periode seiner Herrschaft über den Kongo dargestellt. War er zunächst noch fasziniert von den Wundern des Kongo, standen später ehr seine amourösen Interessen im Vordergrund um schließlich vom Kampf um die Deutungshoheit abgelöst zu werden. Ganz zum Schluss steht dann tatsächlich die Befriedigung über einen Deal mit Belgien über den Verkauf des Gebietes an sein Königreich in seinen Augen.

Die Umsetzung

Mir persönlich gefallen die Zeichnungen von Frédéric Bihel nicht ganz so gut wie die von Jean Francois Charles in India Dreams. Sie gehören gleichwohl zur Oberklasse. Gerade durch die wasserfarbenartige Kolorierung gewinnen die Figuren und das Dekors etwas Altertümliches, das fast zu perfekt zu dieser Geschichte passt. Es lässt sowohl Landschaften wie auch Gesichter plastisch wirken, erinnert an alte Kunst und ist trotzdem realistisch. Die Schrecken werden dadurch aber auch etwas abgemildert. Der Seitenaufbau ist dabei äußerst flexibel; er verlässt das klassische tabellenartige Schema zwar so gut wie nie, hat aber viel Varianz in der Höhe und Breite und wird dadurch nicht langweilig. Im Verlauf werden immer wieder Zeitdokumente wie Fotos oder Zeitungen eingestreut, die eine größere Schärfe besitzen und sich dadurch deutlich abheben. Auch dieses ist sehr gelungen!

Hinweisen möchte ich darauf, dass die Gräuel wie abgeschlagene Hände oder niedergebrannte Dörfer durchaus gezeigt werden, Massenvergewaltigungen oder -tötungen dagegen nicht. Der Splatter steht hier also keinesfalls im Vordergrund. Trotzdem handelt es sich bei dieser Auseiandersetzung keinesfalls um etwas für jedes Kind geeignetes.

Abgerundet wird diese Gesamtausgabe durch Zeitdokumente und Skizzen im Anhang, ergänzt durch einen Essay von Colette Braeckman, Expertin für Zentralafrika unter anderem für die Le Monde Diplomatique. Dadurch wird dem/der Leser*in noch mehr Möglichkeit gegeben, ein eigenes Bild zu entwickeln oder tiefer in die Materie einzusteigen.

Africa Dreams page 103

Das Thema „Kongo“ war in diesem noch jungen Jahr schon mehrfach Thema der Nachrichtensendungen und auch auf Netflix präsent. Diese Graphic Novel bietet Hintergrundwissen ohne dabei zu belehren oder vorzugeben. Nebenbei ist das Ganze auch noch – und das ist schließlich für einen Comic besonders wichtig – eingebettet in spannende Handlungsstränge: Liebe für das Land, Selbstfindung, Liebe und Familiengründung, beruflicher Kampf für die Wahrheit und politische Intrigen. Alle diese Themen zusammen sind von dem Ehepaar Charles so raffiniert miteinander verwoben, dass schon dadurch das Lesen und Genießen zu einem Genuss wird.

Da auch Dr. Stanley nicht nur seine hier gezeigten Schattenseiten aufwies und der Popwelt durch einen ihm zugeschriebenen Satz erhalten bleiben wird, soll das auch die musikalische Referenz sein: „Dr. Livingstone, I presume“ in der Originalversion der Moody Blues! Dazu passen dann gesamtausgabenangemessene Getränke mit viel afrikatypischem Heilmittel, Chinin, das ebenfalls von Leopold II. in seiner Wirkung erkannt worden war: Tonic! Wer mag darf zusätzliche Spirits hinzufügen. Generell sollte aber nicht überdosiert werden!

© der Abbildungen 2019 Splitter Verlag