Van Hamme-Alcante-Vallès – Serienkompass Rani

Jolanne de Valcourt – Geächtet, verfolgt und unbeugsam

Texter: Jean Van Hamme, Alcante

Zeichner: Francis Vallès

Reihentitel: Rani

Verlag Deutschland: Blattgold (ZACK)

Verlag Original und Niederlande: Le Lombard

Aktuell 8 Bände von 2009 bis heute

Veröffentlichungsstatus in Deutschland: Band 2 ab Februar 2021 im ZACK

Cover Rani 2 als Magazincover

Die Serie

Rani sollte eigentlich eine Fernsehserie werden, konnte jedoch aufgrund von Umstrukturierungen im französischen Fernsehen nicht realisiert werden. Nun ist der Autor Jean Van Hamme ja aber kein Unbekannter im Comic-Business und so wurde das Skript von Alcante (d.i. Didier Swysen) umgeschrieben, der erste Band erschien 2009. Die TV-Serie konnte 2010 doch noch gedreht werden und erschien 2011, kurz nach der Veröffentlichung des zweiten Comics. Mittlerweile liegen acht Comic-Bände im französischen Original und in niederländischer Sprache bei Lombard vor.

Der Titel der Reihe ist eine Referenz auf eine in der Zukunft liegende Episode. Näheres dazu nur für die, die es genauer wissen wollen, unter dem Abschnitt Spoiler.

aus Rani 2

Als Zeichner konnte der Franzose Francis Vallès gewonnen werden, der mit Jean Van Hamme bereits an einem anderen TV/Comic-Hybrid zusammengearbeitet hatte: Hopfen und Malz. Das Paket aus dem aktuell wohl erfolgreichsten europäischen Szenaristen und einem geübten Zeichner versprach von Anfang an gute Unterhaltung und akribische Recherchen. Wenn auch die Verfilmung nach der ersten Staffel keine Fortsetzung erfuhr, die Comics erscheinen noch immer, haben die TV-Serie aber mittlerweile eingeholt:

BandOriginalNiederländische AusgabeDeutsche Ausgabe
1Bâtarde (2009)BastaardZACK 248251
2Brigande (2011)BandietZACK 260 –
3Esclave (2012)Slavin 
4Maîtresse (2013)Meesteres 
5Sauvage (2015)Wilde 
6Condamnée (2017)Veroordeelde 
7Reine (2019)Koningin 
8Marquise (2020)Markiezin 
Cover Rani 1 als Magazincover

Eigentlich ist es unverständlich, dass eine Serie von Van Hamme nicht schon längst in Deutschland erschienen ist, verkaufen sich diese doch auch hierzulande nicht ganz schlecht. Tatsächlich hat sich aber noch niemand an Rani gewagt gehabt und so waren es Georg F. W. Tempel und das ZACK, die 2020 die Chance ergriffen haben.

Die Story

Wir schreiben das Jahr 1743. Die Geschichte beginnt im französischen Zentralmassiv. Die junge Jolanne de Valcourt ist die uneheliche Tochter des alten Marquis Charles de Valcourt, der sie als Tochter anerkennen wollte. Er wird allerdings von ihrem Halbbruder Philippe de Valcourt aus Habgier ermordet. Um seine Rivalin loszuwerden versucht Philippe, Jolanne an einen alten Lüstling zu verkaufen. Dieser infame Versuch wird begleitet von einem Akt des Landesverrats. Natürlich scheitert sowohl das eine wie auch das andere. Das hilft der jungen Heldin allerdings keineswegs denn sie wird zum Sündenbock auserkoren und muss ihr Zuhause fluchtartig verlassen.

aus Rani 1

Hier tritt nun das erste Mal ein Motiv auf, dass die Serie begleiten wird: die junge Frau ist in der Lage, sich aus einer fast ausweglosen Situation zu befreien und kann fliehen. Die Flucht ist aber selten von Dauer und führt zu einer erneuten Festnahme oder einer vergleichbaren Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Natürlich ist das dem TV-Serien-Konzept geschuldet, das noch viel mehr auf Cliffhangern basiert. Dementsprechend endet der erste und beginnt der zweite Band mit unserer Heldin in einem Gefangenentransport.

Ein weiteres, immer wiederkehrendes Motiv der Geschichte ist der Wunsch auf Rehabilitation. Immer wieder versucht Jolanne, Beweise für den Verrat ihres Halbbruders und des ich unterstützenden Polizisten Laroche zu finden und damit ihre Unschuld beweisen zu können. Doch selbst wenn einzelne Puzzlestücke in ihren Besitz gelangen müssen die äußeren Umstände eine Geltendmachung unterstützen.

aus Rani 1

Der klassische Gegensatz von Gut gegen Böse wird hier in einer Melange aus Mantel-und-Degen, Romantik, ferne Welten und Kulturen (Indien) und David gegen Goliath zelebriert. Das garantiert Spannung und Abwechslung!

Spoiler – bitte ggf. überspringen und bei DIE ZEICHNUNGEN weitermachen

Jolanne entkommt Laroche während des Transportes, trifft zunächst erneut auf den Engländer Craig Walker und wird dann Mitglied einer Bande von Gesetzlosen unter der Führung von Gabriel. Aufgrund eines Verrates aus Liebe wird sie erneut verhaftet. Sie schafft es, der Hinrichtung zu entkommen, indem sie sich unter der Identität einer anderen Gefangenen versteckt, wird allerdings nach Französisch-Indien deportiert.

Dort angekommen wird sie als Animierdame an die Besitzerin eines Bordells verkauft, hat aber einen sehr speziellen Kunden und ist daher privilegiert. Aufgrund dieser besonderen Ausgangslage schafft sie es, die Leitung zu übernehmen und für „ihre“ Mädchen bessere Verhältnisse zu schaffen. Mittlerweile haben aber auch Philippe und Laroche den Weg nach Indien gefunden und auch Gabriel ist als Galeerensklave dort eingetroffen. Seine Befreiung gelingt zwar, Jolanne muss deswegen aber ihre Stellung aufgeben.

Rettung naht in Form einer Heirat: Sie wird die (Maha)Rani, die Königin eines indischen Reiches und muss feststellen, dass das Land nicht nur an indischen Traditionen festhält, die den europäischen widersprechen, sondern auch zwischen die Fronten Englands und Frankreichs gerät. Erneut stehen Philippe und Craig auf unterschiedlichen Seiten und erneut wird ein Verrat begangen.

Erneut steht die Heldin vor den Trümmern ihrer Existenz und findet sich auf einem Schiff nach Europa wieder. Wird sich hier tatsächlich die drohende Hinrichtung noch einmal abwenden lassen?

Die Zeichnungen

Francis Vallès liefert grandiose Bilder ab: Landschaften und Innendekors gelingen ihm genauso gut wie die Figuren. Die Gewänder der Personen sitzen und fallen den Bewegungen entsprechend, selbst die Reitszenen sehen „richtig“ aus und die Gesichter haben Ausdruck. Wie oft denkt man beim Lesen eines Comics, dass der Zeichner die Gesichter irgendwie nur skizziert habe. Das ist bei Vallès anders! Auch der Seitenaufbau ist flexibel. Natürlich nicht wie bei einem amerikanischen Image-Titel, die Panels bleiben rechteckig, variieren aber in Breite und Höhe.

aus Rani 2

In der nun startenden zweiten Folge wird die Heldin häufiger unbekleidet zu sehen sein. Die mittellose junge Frau „ohne Herkunft“ ist einerseits immer wieder herrschsüchtigen, machtgierigen Männern ausgeliefert, die in Frauen ohnehin nur eine Ware sehen. Andererseits spielt sie aber auch immer wieder damit, dass Männer unvorsichtig werden, wenn sie glauben, dass eine Frau ihnen scheinbar freudig zu Diensten ist. So schafft sie es wenigstens teilweise, ihre Opferrolle taktisch zu wenden. Daneben gibt es aber auch eine romantische Substory, die sich über alle Bände streckt. Insofern haben alle diese Darstellungen ihre nicht voyeuristische Begründung.

Während die ersten beiden Bände in einem europäischen setting angelegt sind und die grandiosen Landschaften insofern wiedererkennbar sind werden die weiteren im Fernen Osten, in Indien spielen. Vallès schafft es aber, diese Umgebungen genauso selbstverständlich wirken zu lassen.

Die Einordnung

Die deutschen ZACK-Leser*innen können sich die nächsten Jahre auf eine tolle Serie freuen! In den Niederlanden ist das in gewisser Weise schon Vergangenheit: Die Serie liegt komplett als Softcover vor. Rani ist sicherlich nicht das beste aller Szenarien von van Hamme; die ursprüngliche Konzeption als TV-Spektakel erforderte es scheinbar manchmal, eine gewisse Unlogik einzubauen. Aber das ist schließlich bei den Drei Musketieren oder Zorro auch nicht anders und stört daher nicht wirklich.

aus Rani 2

Die Sparte Mantel-und-Degen hat nicht viele Heldinnen und schon das ist ein Argument für diese Serie. Rani ist kurzweilig, gut gezeichnet und durch das ständige Wechseln der Handlungsorte auch sehr abwechslungsreich im Dekor. Kurzum: Selbst als Albumreihe eine Empfehlung wert, als Bestandteil des ZACK durchaus eine Begründung, kein Heft zu verpassen!

Was passt zum Lesen einer in Fortsetzungen abgedruckten Geschichte? Es gibt immer mal wieder kleine Flaschen in Probiergröße, die als Set angeboten werden. Vielleicht steht ja ein solches mit Rotweinen bei euch eh auf der Liste – hier wäre eine perfekte Einsatzmöglichkeit! Dazu braucht es Musik von einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt und immer wieder aufsteht. Amy Winehouse passt wegen ihres zu frühen Endes dann doch nicht, aber Björk!

© der Abbildungen 2009 – 2020 Èditions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) by Van Hamme, Alcante, Vallès / 2020 – 2021 Blattgold Verlag

Serienkompass Corto Maltese

Corto Maltese – Der Kapitän ohne Schiff

Texter: 1 – 12 Hugo Pratt, ab 13 Juan Diaz Canales

Zeichner: 1 – 12 Hugo Pratt, ab 13 Ruben Pellejero

Reihentitel: Corto Maltese

Verlage Deutschland: Koralle, Carlsen, Ullstein, FAZ, Kult Editionen, Schreiber & Leser

Verlage Original: Erstveröffentlichung in diversen Zeitschriften in Italien und Frankreich; aktuell Editions Casterman

Aktuell 15 Bände; von 1967 – 1991; 2015 bis heute

Veröffentlichungsstatus in DE: Serie komplett erschienen

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Corto Maltese gilt international als eine der literarischen, herausforderndsten und besten Graphic Novels überhaupt. Ihre ersten Seiten wurden 1967 in dem Magazin Sgt. Kirk veröffentlicht. Der Aufbruch der Gesellschaft zu neuen Ufern war in vollem Gange und die Menschen waren nicht mehr bereit, alles unhinterfragt zu akzeptieren. Esoterik, Freie Sexualität, neue Lebensentwürfe, aber auch Interesse für Befreiungsbewegungen, Musik und Kunst aus anderen Kulturen abseits vom Kolonialismus brachen sich Bahn!

© 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium; 1974 Koralle Verlag

In Deutschland hat Corto Maltese eine bewegte Veröffentlichungsgeschichte. Den Anfang machte das (Koralle)ZACK 1974 mit einer farbigen Variante des ersten Teils. Hier scheiterte die anspruchsvolle Novel aber grandios und war bis heute die einzige Serie, die aufgrund von Leser*innenreaktionen abgebrochen wurde. Eine schwarz-weiße Fortsetzung im Comic-Forum brachte die Geschichte nach mehr als sechs Jahren Pause immerhin zu Ende. Anfang der 80-er erschienen bei Carlsen dann in falscher Reihenfolge insgesamt neun schwarz-weiße Ausgaben denen in den 90-er farbige Ausgaben folgten. In den 2000-ern folgten dann einige vierfarbige Bände bei Kult-Editionen, die die teilweise sehr voluminösen Sammlungen splitteten. Auch dieser Versuch endete aber vor einer Komplettierung.

2015 schließlich wagte der Hamburger Verlag Schreiber & Leser einen Neustart und startete sowohl eine farbige Reihe als auch eine parallele schwarz-weiße Klassik-Edition die im November 2020 mit dem Band 12 „Mu“ abgeschlossen wurden. Parallel dazu werden seit 2016 auch die neuen Abenteuer des Seefahrers aus der Feder von Juan Diaz Canales, gezeichnet von Ruben Pellejero in gleichen Aufmachungen veröffentlicht. Die bisher erschienenen drei Geschichten sortieren sich wie etwa auch bei Blake & Mortimer in die Chronologie der Pratt’schen Stories ein.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

„Es gibt immer etwas zu entdecken, immer ein Stück weiter weg, bis man wieder an seinem Ausgangspunkt ankommt…“

Die erste Geschichte Una ballata del mare salato, auf Deutsch Südseeballade, erzählt auf 200 Seiten die Erlebnisse des Kapitäns ohne Schiff zwischen 1913 und 1915. Cortos erster Auftritt ist dabei keineswegs der eines strahlenden Helden, denn er treibt, an ein hölzernes Kreuz gefesselt, hilflos im Pazifik. Von Anfang an ist damit klar, dass sich hier kein „Macher“ präsentiert, sondern eher einer, der seinen Platz sucht, den der anderen aber nicht schmälern will. Wir treffen hier auch schon auf Rasputin, eine Gestalt, deren Wege sich immer wieder mit denen des Titelhelden kreuzen werden. Beide sind in krumme Geschäfte verwickelt; der eine skrupellos und über Leichen gehend, der andere im Grunde romantisch veranlagt. Die zwischen 67 und 69 erschienenen Seiten wurden 1976 als Album produziert und sofort in Angoulême ausgezeichnet.

Nach dem überlangen ersten Band verlegte sich Pratt für eine Zeit darauf, Geschichten für Pif Gadget, ein kommunistisch orientiertes französisches Comicmagazin, zu verfassen. Da dort die Stories nicht über mehrere Ausgaben verteilt publiziert wurden, hatten sie jeweils eine Länge von 20 Seiten. Die so entstandenen 21 Kurzgeschichten wurden in den Alben Im Zeichen des Steinbocks, Und immer ein Stück weiter, Die Kelten und Die Äthiopier veröffentlicht. Diese Bände decken den Zeitraum des Ersten Weltkrieges ab.

Corto ist auf seinen Reisen immer dort, wo die große Weltgeschichte gerade auch ist. Er ist aber immer nur Randfigur und fügt sich somit in bekannte Settings ein, ohne zu stören, erlaubt aber trotzdem detaillierte, neue Blicke. Seine Reise führt zunächst in die Karibik, über Südamerika nach Europa und an das Horn von Afrika. Nie lässt Pratt seinen Helden einfach nur Abenteuer erleben; immer muss mindestens Romantik dabei sein. Diese kann sich dabei sowohl auf die direkt erlebte Natur beziehen, schließt aber auch amouröse Geschichten nicht aus. Natürlich enden diese niemals glücklich. Dazu kommen religiöse Fragen, politische und kriegerische Auseinandersetzungen (und damit die Frage nach dem Sinn derselben), Freundschaften und immer wieder Traumsequenzen. Die Reihe fordert die Leser*innen und verschließt sich dem einmaligen „Nebenbei-Lesen“ komplett.

Eine Sache steht aber ganz klar im Fokus: The Great War bzw der Erste Weltkrieg als solcher. Immer wieder gerät Corto zwischen die Fronten. Allerdings ist er nie Partei, sondern immer irgendwie daneben. Und so kann er mit Deutschen genauso Geschäfte zu Lasten der Engländer machen wie mit den Schotten und Italienern zulasten der Österreicher. Und so kann er genauso gut der IRA zu Waffen verhelfen wie den revolutionären Montenegrinern den Schatz ihres geflohenen Königs zurückbringen.

„Aber du lebst ständig eine Fabel und merkst sie nicht mehr. Wenn ein Erwachsener in die Welt der Fabeln eintritt, kann er sie nicht verlassen. Wusstest du schon?“

Neben den Action-Inhalten gibt es immer wieder Traumszenen, teilweise künstlich erzeugt, in denen klassische Sagengestalten wie Merlin auftauchen und die Realität hinterfragen. Diese Szenen sind auch grafisch anspruchsvoll umgesetzt und verbinden die schattenhaften Andeutungen mit einer Art von Flirren.

Die Weltgeschichte lässt den Seemann nicht los: In Sibirien hat gerade eine die Welt für immer verändernde Revolution stattgefunden und Corto trifft dort alte Bekannte und neue Frauen. Er wird allerdings auch verwundet als er versucht, den legendären Zug mit dem Goldschatz des Zaren an sich zu bringen. Über Umwege über die Mandschurei und Hongkong gelangt er wieder nach Europa um eine Venezianische Legende zu erleben! Etwas untypisch ist die Geschwindigkeit der Handlung, die Freimaurer, Schlägereien und die Suche nach einem Schmuckstück mit geheimnisvollen Kräften beinhaltet. Ja, und auch Träume, Diskussionen und Frauen.

Das Goldene Haus von Samarkand ist erneut eine Schatzsuche, diesmal führt uns Pratt auf die Spuren Alexander des Großen, aber auch wieder in ein politisches Großereignis. Kemal Atatürk versucht, eine moderne Türkei zu errichten. Wider Willen wird Corto in die Ereignisse hineingezogen, in denen sein Doppelgänger schon agiert. Nach all diesen Weltereignissen ist es gut, etwas Ruhe zurückzugewinnen. Band 9 springt daher zeitlich zurück in das Jahr 1904 und das Abenteuer einer Jugend. Wieder ist es allerdings ein Krieg, der den Hintergrund bildet für die einzige nicht vollendete Geschichte Pratts. Sie bietet trotzdem die erste Begegnung mit Rasputin und für die Literaturliebhaber einen an sich zweifelnden Jack London. Die aktuelle Ausgabe enthält auch die ersten Seiten der geplanten Fortführung.

„Sie haben noch immer nicht verstanden, dass die besten Antworten dann erfolgen, wenn niemand eine Frage gestellt hat. Das kapiert einfach keiner!“

1923 verschlägt es den Helden erneut nach Südamerika, genauer nach Argentinien. Der Ausgangspunkt ist natürlich eine der vielen Frauen im Leben des Kapitäns. Keine wird ihn binden können, doch immerhin eilt er aufgrund eines Briefes von Louise Brookszowyc zur Hilfe. Buenos Aires ist dann der finale Schauplatz sowohl einer Krimigeschichte als auch einiger titelgebender Tänze: Tango. Pratt versteht es meisterlich, die Stimmung dieses Tanzes in Bilder zu gießen. Dabei ist der Vergleich der beiden Versionen hier besonders ergiebig da die Farbe ganz andere Akzente setzt!

In vielen Maltese-Geschichten war Literatur allgegenwärtig und wurden immer wieder Anspielungen aufgeworfen. Wenn also Corto 1924 die Schweiz durchquert, darf eine Begegnung definitiv nicht fehlen und so ist Hermann Hesse mit von der Partie! Pratt verbrachte die letzten 11 Jahre seines Lebens in der Schweiz und setzte seiner Wahlheimat ein Denkmal. Den Beginn der Reise macht er zusammen mit Professor Steiner, doch dann tritt wieder einmal eine Frau dazwischen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Jungbrunnen.

Die letzte Suche ist die nach dem verlorenen, irdischen Paradies und sie findet statt mit alten Freunden: Golden Rosemouth, Tristan Bantam, Soledad Lokäarth und selbstverständlich Rasputin. Das gerade erschienene Mu ist ein Stück Abschied für einen, der immer noch erwartet, gleich überrascht zu werden und nie aufgehört hat, zu suchen. Eine gewisse Unterstützung bieten dabei ein paar Pilze. Wir wissen aber aus anderen Quellen, dass Corto noch lebt. Eine Referenz lässt ihn am Spanischen Bürgerkrieg teilnehmen und das Ende der Südseeballade zeigt einen Brief über Onkel Corto. . .

„Was du wieder redest! In deinem Alter lesen vernünftige Leute nicht Gedichte wie kleine Mädchen.“

25 Jahre mussten vergehen bevor der verschollene Seemann wieder zwischen Buchdeckeln auftauchen durfte. Juan Diaz Canales schreibt seitdem die Szenarien und schickt Corto in die Lücken, die Hugo Pratt gelassen hat. Unter der Mitternachtssonne spielt 1915 und schließt an die Südseeballade an. Es verschlägt den Helden in die eiskalten arktischen Gefilde der USA und Kanadas. Passend zur Umgebung steht ein alter Bekannter erneut im Licht: Jack London. Damit folgt auch der Neustart des alten Narrativs der zyklischen Wiedernutzung bekannter Charaktere! Auch sonst gelingt es, den Ton zu treffen.

Äquatoria geht noch einmal weiter in die Vergangenheit und lässt Corto 1911 im Norden Afrikas agieren. Dabei stehen wieder eine schöne Frau und eine Schatzjagd im Mittelpunkt und die harmlos Kolonialismus genannte Vernichtungspolitik des alten Europas bietet den kriegerischen Rahmen. Der bisher letzte Band Tarowean ist dann die direkte Vorgeschichte zur Südseeballade, die schon auf dem Cover mit dem an das Andreaskreuz gefesselten Corto die Erwartungen weckt.

Die Zeichnungen

Pratt hat in gewisser Weise den europäischen Comic revolutioniert. Realistische Comics waren bis dato sehr detailreich angelegt und oft in hohem Tempo erzählt. Zudem war die schiere Länge der Südseeballade eine Art Affront. Corto Maltese brachte ganz neue Stimmungen mit sich, denn die Handlung stand weniger im Vordergrund als das Erleben der Natur, etwa wenn der Hai den Weg des Bootes lenkt oder wenn die Entdeckung eines sich nähernden Schiffes weniger relevant erscheint als die Tatsache, dass der Ausguck Stunden auf einer schwankenden Palme zugebracht haben muss. Pratts Figuren lesen Romane und unterhalten sich, die Panels sind nicht voll, denn die Umgebung ist oft genug nur angedeutet und doch ist die Natur in jeder Sekunde spürbar.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Noch deutlicher wird das natürlich in den als „Klassik-Edition“ bezeichneten schwarz-weiß Ausgaben. Kein farbiger Hintergrund lenkt von den Zeichnungen ab; oft sind es allein schwarze Flächen, die die Geschichte erzählen. Wer wirklich alles aus der Geschichte herausholen möchte ist daher gut beraten, sich beide Ausgaben zuzulegen!

Das bedeutet aber nicht, dass Pratt nicht akribische Vorarbeiten getroffen, das Material nicht ausgiebig gesichtet hätte. Das beweisen schon allein die vielen kleinen Vignetten, Zeichnungen und Skizzen die sicherlich auch zum Ruhm von Corto beigetragen haben. Und so ist der Start mit einem Vorwort und einer Vielzahl an eben diesen kleinen Bildern eine perfekte Einführung in die aktuellen Alben des Hamburger Verlages. Als Leser*in wird man so direkt in die Stimmung hineingezogen und eingegroovt.

Ruben Pellejero hat eine fast unmögliche Aufgabe übernommen. Purist*innen sind immer der Meinung, dass eine stilbildende Serie von niemand anders gezeichnet (und getextet) werden kann. Jede Rezension wird versuchen, Unterschiede zu finden und eine Besser/Schlechter-Wertung abzugeben. Fronten verhärten schnell. Meiner Meinung nach trifft Pellejero den Stil Pratts gut genug, um einen harten Bruch zu vermeiden und entwickelt sich langsam hin zu eigenen Markierungen. Die Zeichnungen sind etwas detailreicher, spielen etwas weniger mit Schatten, nehmen aber die Stimmung gut auf. Also: Eine gute Wahl der Lizenzinhaber die uns Leser*innen weitere Mischungen aus Abenteuer und Spiritualität verspricht!

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Die komplette Reihe bei Schreiber & Leser

NrTitelOriginaltitelzeitliche Einordnung
1SüdseeballadeUna ballata del mare salato1913 – 15
1Südeseeballade Klassik Edition
2Im Zeichen des Steinbocks (2 – 7)Sous le signe du Capricorn2-5: 1916
6-7: 1917
2Im Zeichen des Steinbocks Klassik Edition
3Und immer ein Stück weiter (8 – 12)Corto toujours un peu plus loin1917
3Und immer ein Stück weiter Klassik Edition
4Die Kelten (13 – 18)Les Celtiques13-16: 1917
17-18: 1918
4Die Kelten Klassik Edition
5Die Äthiopier (19 – 22)Les Èthiopiques1918
5Die Äthiopier Klassik Edition
6In SibirienCorto Maltese en Sibérie1918 – 20
6In Sibirien Klassik Edition
7Venezianische LegendeFable de Venise1921
7Venezianische Legende Klassik Edition
8Das Goldene Haus von SamarkandLa Maison dorée de Samarkand1921 – 22
8Das Goldene Haus von Samarkand Klassik Edition
9Abenteuer einer JugendLa Jeunesse 1904 – 19051904 – 05
9Abenteuer einer Jugend Klassik Edition
10TangoTango1923
10Tango Klassik Edition
11Die SchweizerLes Helvétiques1924
11Die Schweizer Klassik Edition
12Mu1925
12Mu Klassik Edition
13Unter der MitternachtssonneSous le soleil de minuit1915
13Unter der Mitternachtssonne Klassik Edition
14ÄquatoriaÈquatoria1911
14Äquatoria Klassik Edition
15Tarowean – Tag der ÜberraschungenLe jour de Tarowean1912 – 13
15Tarowean – Tag der Überraschungen Klassik Edition

Jeder Band hat zudem zusätzliche Illustrationen und einen Artikel in einem stabilen Hardcover und angenehm festen Papier. Die Seitenzahlen der farbigen und Klassik-Editionen weichen teilweise erheblich voneinander ab wenn die Geschichten mit der Kolorierung auch einen Layout-Wechsel zwischen drei- und vierreihiger Anordnung vollzogen haben.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Weiterführendes Material

Natürlich gibt es gerade zu diesem Ausnahmekünstler und seiner bekanntesten Serie eine Unmenge an Material!

Die aktuellste Bibliografie der Veröffentlichungen (auch in Deutschland) findet sich als Anhang eines Bandes von Erinnerungen des italienischen Künstlers. Warten auf Corto enthält die deutsche Übersetzung von Gesprächen Pratts mit seinem Freund de Rosa. Aus dem gleichen Verlag, der Edition Alfons, stammt auch die beste regelmäßige deutsche Sekundärzeitschrift, die Reddition. Die Ausgaben 26 und 41 widmen sich ausschließlich Ugo Eugenio Pratt, die 68 thematisiert Comics aus Argentinien und in diesem Zusammenhang eben auch Pratts entsprechende Schaffensperiode.

© 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Tja, und dann gibt es noch Micky Maltese von Giorgio Cavazzano, Bruno Enna und Alessandro Zemolin aus der Reihe der Disney-Hommagen von europäischen Künstlern. Fast schon selbstverständlicherweise referenzieren auch unzählige andere Comics, Romane und sogar Filme diese Serie und ihren Helden. Die verschiedenen (mehr oder weniger direkten) Umsetzungen in bewegten Bildern wären das Thema eines anderen Artikels.

Die Empfehlung

Über 1700 Seiten warten auf potenzielle Leser*innen! Nicht alle haben die gleiche Qualität, ja, vielleicht noch nicht einmal die gleiche Zielgruppe. Aber sie alle ermöglichen ein Lesevergnügen, das Anspielungen auf Literatur und Geschichte bietet, Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischt, Helden und Antihelden ganz neu definiert und damit höchste Unterhaltung liefert! Da die Serie erstmals komplett vorliegt, kann jede*r selbst entscheiden, einzelne Titel antiquarisch zu erwerben oder die Serie peu a peu einheitlich zu vervollständigen. Ich würde empfehlen, dabei sowohl die farbige als auch die schwarz-weiße Klassik-Ausgabe zu begutachten und sich einzelfallbezogen zu entscheiden da sie sehr unterschiedliche Einblicke und Lesarten ermöglichen.

Corto Maltese nimmt an vielen Kriegen (passiv) teil – in den Wüstenskorpionen wird er erzählt, dass er im spanischen Bürgerkrieg ebenfalls anwesend war – er bleibt aber ein Gegner des von Regierungen befohlenen Schlachtens, ohne dabei zum Pazifisten zu werden. Er hat ein inniges Verhältnis zu Frauen und Literatur, ohne sich binden zu können und fordert Widerspruch heraus!

Kurzum: eine der besten Graphic Novels aus einer Zeit, in der dieses Wort noch keinen Hype bezeichnete!

Detail aus Band 6: In Sibirien – © 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium

Auf den letzten Seiten des Albums „Die Kelten“ erklärt Corto, dass er eigentlich nur nach Frankreich gekommen sei, um die Weine zu probieren. Dementsprechend sollte ein guter französischer Rotwein, vollmundig aber nicht zu schwer, exzellent als Begleitung dienen können. Musikalisch passt eigentlich immer entsprechende Folk-Musik zu den einzelnen Bänden – etwas romantisch, etwas schwermütig, verwurzelt in alten Geschichten aber gerne auch in moderner Interpretation!

© der Abbildungen 2015 – 2020 Schreiber & Leser Verlag, 1967 – 1995, 2016 – 2019 Cong S. A., Switzerland /Editions Casterman, Belgium; 1974 Koralle Verlag

Chinaman – Klassiker des Monats Februar

Chinaman – Serie in 9 Bänden

Text: Serge Le Tendre

Zeichnungen: Olivier TaDuc

NL: Dupuis

DE: teilweise bei Splitter Verlag (alt), Salleck Publications, ZACK (Mosaik)

Cover Chinaman 3

Chinaman ist eine klassische Westernserie von dem Szenaristen Serge Le Tendre und dem Zeichner Olivier TaDuc. Beide kommen aus Frankreich und haben sich für diese Reihe von der Fernsehserie „Kung Fu“ inspirieren lassen. Ihr Held, John Chinaman, ist zwar ebenfalls als Chinese in den USA mit der fremden Kultur konfrontiert und setzt asiatische Kampftechniken ein, er ist allerdings – zumindest anfangs – noch sehr beeinflusst von den chinesischen Triaden und damit nicht so eindeutig „gut“ wie Caine. Insgesamt sind zwischen 1997 und 2007 im französischen Original neun Teile erschienen.

Die deutsche Veröffentlichungsgeschichte ist leider lückenhaft: Neben zwei Bänden im „alten“ Splitter-Verlag und zwei weiteren bei Salleck Publications sind drei Abenteuer in den Anfangsjahren des „neuen“ ZACK in Fortsetzungen erschienen. Alle 4 Softcover sind noch erhältlich. Für eine Komplettveröffentlichung wäre daher Finix wohl der einzige Weg.

In den Niederlanden hat die Serie dagegen mehr Anklang gefunden: Alle Bände sind bei Dupuis teilweise sogar mehrfach erschienen und sind noch lieferbar.

Cover Chinaman 7

Der größte Erfolg von Le Tendre ist sicherlich die Reihe Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit, einer der ersten großen Fantasy-Reihen des modernen Autorencomics und gezeichnet von Régis Loisel. Mittlerweile ist auch eine zweite Staffel erschienen. Der Autor hatte seine Comic-Karriere eigentlich als Zeichner beginnen wollen. Pierre Christin konnte ihn allerdings nach dem Abschluss eines Zeichenseminars überzeugen, doch lieber seine Stärken als Szenarist auszuleben. Weitere von ihm verfasste Szenarien mit verschiedenen Zeichnern sind ebenfalls auf Deutsch erhältlich: Tai Dor, oder Jackie Kottwitz seinen als Beispiele genannt. Auch hier gilt, dass auf Niederländisch erheblich mehr Werke vorliegen!

Die Serie Chinaman verfolgt einen reizvollen Ansatz inmitten all der Westernserien. Sie ist keinesfalls dem Genre „Neowestern“ zuzuschreiben, thematisiert aber neben den traditionellen Themen des Einzelkämpfers, der unwirtlichen Natur und der schweren Aufbauarbeit in teils gesetzlosen Umgebungen auch den alltäglichen Rassismus der Schmelztiegelnation und beleuchtet das Leben der eingewanderten Chinesen. Sie ist daher auch mehr als 20 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes definitiv lesenswert!

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Inhalt:

John Chinaman ist der neue Name den sich Chen Long Anh in der neuen Welt gegeben hat. Der Western spielt in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts als viele Chinesen aus unterschiedlichsten Gründen ihre alte Heimat verlassen haben um in Amerika ihr Glück zu finden. Für die meisten bedeutete das schwere Arbeit bei geringem Lohn, fehlende gesellschaftliche Akzeptanz und Gehorsam gegenüber den Regeln der Triaden. Obwohl Chen als ausgebildeter Kämpfer der Triaden nach Amerika kommt verweigert er bereits im ersten Band den Gehorsam und muss sich gegen seinen Förderer durchsetzen.

Er muss daher fliehen und beginnt seine Reisen durch den amerikanischen Kontinent, die ihn zunächst nach Oregon führen. Neben den Härten der Wildnis und des Rassismus wird er aber immer noch von seinen alten Mitstreitern verfolgt.

Auch der dritte Band zeigt John im Konflikt mit seiner Umwelt. Er versucht, ein Mädchen zu beschützen, und wird fälschlicherweise der Entführung derselben beschuldigt. Alltäglicher Rassismus und Ablehnung aller nicht Einheimischen sind ein klassisches Westernthema.

Auch der Konflikt zwischen irischen und chinesischen Arbeitern beim Bau der großen Eisenbahnlinien ist ein altbekanntes Motiv unzähliger Erzählungen in Film oder Comic. Und wieder gerät John zwischen die Fronten.

Immer wieder wird John Chinaman daran gehindert, sein Glück und Ruhe zu finden. Einerseits jagen ihn Desperados und Mitglieder der Triaden, die auf seine Spur gekommen sind, andererseits kann er es auch nicht lassen, üble Dinge geschehen zu lassen und legt sich beispielsweise mit einem Zuhälter an.

cover ZACK 48

Immer wieder wird in der Serie das Thema der Ablehnung alles Andersartigen variiert und so verwundert es auch nicht, dass eine ganze Stadtbevölkerung sich gegen die zuziehenden Chinesen wehren will. Wie immer gibt es hier aber nicht nur schwarz und weiß so dass die Konfliktlinien quer durch alle Schichten laufen.

Dem folgen noch eine „Road-Movie“ Geschichte und ein Abenteuer um den letzten Mitwisser über das Versteck einer Beute. Beide Bände haben eine spezielle Note durch das Mitwirken von John, könnten so ähnlich aber auch in anderen Settings funktionieren.

Grafik:

Der 1962 geborene Olivier TaDuc ist Franzose mit einem vietnamesischen Hintergrund, der auf für die Zeichnungen etwa bei XIII Mystery, Takuan oder Stille Rebellionen verantwortlich ist. Seine Zeichnungen sind detailreich und zeigen von einem gewissenhaften Quellenstudium. Seine Ansichten der alten Chinatown sind genauso kunstfertig und genau wie die Darstellung eines Segelschiffes, der Landschaft oder der Einflüsse chinesischer Kampftechniken auf die Körperhaltung des Helden. Im Laufe der Bände werden die Zeichnungen etwas grobflächiger und detailärmer und wirken dadurch etwas weniger realistisch.

Chinaman 1 page 13

Der Aufbau der Seiten folgt generell dem klassischen vierzeiligen Muster; die Höhen der Zeilen sind aber nicht statisch und variieren häufig. Auch sind einzelne Panele über mehrere Zeilen gestreckt und nehmen häufig die gesamte Breite der Seite ein. Es ist also genügend Abwechslung vorhanden. TaDuc beherrscht dabei sowohl die ruhige Sequenz als auch die vom Film übernommenen schnellen Schnitte mit ständigem Perspektivenwechsel, wenn die Action es erfordert.

Details:

1 De berg van goud Dupuis Die Goldberge Splitter c/o Salleck Publications
2 Met gelijke wapens Dupuis Mit gleichen Waffen Splitter c/o Salleck Publications
3 Voor Rose Dupuis Für Rose Salleck Publications
4 De roestvreters Dupuis Die Rostfresser Salleck Publications
5 Tussen twee oevers Dupuis Zwischen zwei Ufern ZACK 48 – 51
6 Bloedbroeders Dupuis    
7 Confrontatie in Blue Hill Dupuis Zweikämpfe in Blue Hill ZACK 63 – 66
8 De gehangenen Dupuis Die Gehängten ZACK 101 – 104
9 Tucano Dupuis    

Dazu passen chinesischer Grüntee und starker Kaffee sowie Country der etwas anderen Art, etwa von 16 Horsepower.

© der Abbildungen der niederländischsprachigen Version 2019 Dupuis

© der Abbildungen der deutschsprachigen Version 2005 Salleck Publications

© der Abbildungen ZACK-Cover 2003 Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag

Van Hamme / Vallès: Hopfen und Malz – Klassiker des Monats September 2018

Cover Gesamtausgabe Hopfen und Malz 1

Hopfen und Malz – Gesamtausgabe in drei Bänden

Originaltitel: Les Maitres de L‘Orge
Story: Jean van Hamme
Zeichnungen: Francis Vallès

Comicplus + Verlag Sackmann und Hörndl
Hardcover | 127 – 167 Seiten | Farbe | 34 € (1-2) bzw. 39 € (3)
ISBN: 978-3894742904 – 978-3894742911 – 978-3894742959

Bier ist seit einigen Jahren wieder in aller Munde, insbesondere, wenn es sich um neue Geschmäcker oder alte Sorten handelt. Um Bier, seinen Brauprozess im Wandel der Zeiten und natürlich auch um die persönlichen Schicksale der handelnden Personen geht es in dem 8-bändigen Zyklus „Hopfen und Malz“, der ursprünglich zwischen 1992 und 1999 bei Glenat erschienen ist.

Der Autor Jean van Hamme aus Brüssel ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten europäischen Comic-Szenaristen und dem deutschen Publikum eher von XIII oder Thorgal bekannt obwohl fast alle Serien von ihm in deutscher Übersetzung vorliegen bzw. veröffentlicht werden. Ältere Einzelwerke wie Epoxy oder Western sind nur noch antiquarisch zu bekommen.

Von dem Zeichner Francis Vallès, der in den letzten Jahren hauptsächlich mit Stephan Desberg und eben van Hamme zusammengearbeitet hat, liegt nur wenig vor.

Cover Gesamtausgabe Hopfen und Malz 2

Hopfen und Malz ist eine Serie über die Brauerfamilie Steenfort; den prägenden Personen einer Epoche ist jeweils eines von insgesamt sieben Album gewidmet – von Charles, 1854 bis zu Frank, 1997. Comicplus + hat in seiner limitierten Gesamtausgabe von 2016/2017 den abschließenden achten Band mit Kurzgeschichten in den zeitlichen Ablauf integriert, so dass sich eine sehr lesbare Handlung über eineinhalb Jahrhunderte ergibt. Es sei dazu gesagt, dass die gesamte Story zwar auf historischen Fakten beruht, sich aber als reine Fiktion hinsichtlich der Personen und Unternehmen präsentiert.

Die Story beginnt 1854 in dem belgischen Dorp und dem Bierbrauer Alfred de Ruiter. Da er seine Angestellten allerdings nicht gerade vernünftig behandelt und er Moderne auch nicht so aufgeschlossen ist, schafft es einer seiner ehemaligen Arbeiter – Charles Steenfort – dem Alteingesessenen mit eigenem Bier Konkurrenz zu machen. Schon hier wird deutlich, dass es um Macht gehen wird, um Ränkespiele und um psychologische Profile der Akteure. Anders als sonst bei van Hamme üblich gibt es aber keine wiederkehrenden positiven Charaktere mit Identifikationspotential. Wen das an aktuelle TV-Serien erinnert liegt im Übrigen nicht falsch, denn das Skript war ursprünglich als Drehbuch geplant und wurde erst 10 Jahre später als Comic realisiert. Die Fernsehadaption erfolgte dann aber doch noch.

Der Comic führt beispielhaft durch die Geschichte des Brauens und die notwendigen Anpassungen der jahrhundertealten Tradition an moderne Errungenschaften.

Hopfen und Mals Gesamtausgabe 1 page 102

Das Thema der Marktkonzentration, das Ende des letzten Jahrtausends bereits sehr deutlich zu spüren war, wird ebenfalls nicht ausgespart. Alleine der Hype des keinen Craft-Brauereien wurde nicht vorhergesehen.

Daneben gibt es aber auch deutliche zeitgeschichtliche und politische Themen von Feindschaft, Kollaboration oder „Sünde“ die reflektiert werden. Hier zeigt sich die Limitierung des Ansatzes: Aufgrund der Beschränkung auf 48 Seiten pro Epoche und der Notwendigkeit, auch noch die Story und die Bier-bezogenen Aspekte voranzubringen, sind die Positionen viel zu oberflächlich und schwarz-weiß dargestellt um wirklich zu überzeugen. Immerhin beweist das aber, dass Fragestellungen dieser Art auch in nicht-graphic-novel-Formaten auftauchen können.

Auch wenn die Deutschen in dem 1917 spielenden dritten Band fast nur karikaturenhaft beschrieben werden, die Auseinandersetzung mit dem Faschismus in den eigenen (belgischen) Reihen ist in Band 4 schon wesentlich ehrlicher und verzichtet auf moralisch eindeutige Schuldzuweisungen.

Detail Hopfen und Malz Gesamtausgabe Tome 2 page 118

Die Darstellung des jeweiligen Ambientes und der Kleidung stehen der inhaltlichen Genauigkeit der Story in nichts nach. Vallès schafft es mit seinem realistischen Stil fast in jedem Bild, einen visuell stimmigen Eindruck zu hinterlassen und seine Gesichter (für mich immer ein erstes Kriterium der Qualität) sind nicht nur detailreich, sondern transportieren auch zum Text und der Geschichte passende Emotionen.

Das Layout der Geschichten ist dagegen eher klassisch: nur selten wird von der drei- oder vierreihigen Aufteilung abgewichen. Wenn, dann ist es meistens um einen schnellen Kameraschnitt zu simulieren und Emotion oder Geschwindigkeit zu transportieren.

Comicplus + integriert in die Gesamtausgabe nicht nur die Cover der einzelnen Ausgaben sondern ergänzt das Ganze mit viel Hintergrundmaterial über die TV-Serie, einzelnen Zeichnungen und Abbildungen von (imaginären) Werbematerialien für Steenfort-Biere.

Hopfen und Malz Gesamtausgabe Tome 2 page 127

Die im Original „Meister der Gerste“ genannte Serie ist nicht nur allen Freund*innen der Braukunst an Herz zu legen, sondern stellt auch einen spannenden und lesenswerten Versuch dar, einen so langen Zeitraum exemplarisch darzustellen. Niemand erwarte allerdings, dass hier objektive Fakten im Sinne eines aufgeklärten Schulunterrichts präsentiert würden denn dafür stehen viel zu viele Klischees im Vordergrund.

Der erste und zweite Band enthalten jeweils 2 Alben und die dazugehörigen, ergänzenden Überleitungen, der dritte versammelt die letzten drei Abenteuer. Alle Bände sind als Hardcover mit Glanzapplikationen auf dem Titelbild erschienen, auf jeweils 1000 Exemplare limitiert und noch lieferbar.

Die Serie bietet solides Handwerk mit einem nicht alltäglichen Setting. Van Hamme beweist einmal mehr seine Fähigkeit, lange Handlungsbögen zu spinnen, darf sich hier aber sogar Generationenübergreifend betätigen. Vallès ist in Deutschland eher unterschätzt. Neben dieser Serie liegt nur noch die Gesamtausgabe von Tosca vor. Die Serie selbst ist nicht nur ein tolles Geschenk für Bierliebhaber mit Comicleidenschaft oder Comicliebhaber, die gerne Bier trinken sondern auch für sich selbst eine nette Abwechslung zu der 25-sten Geschichte im gleichen Ambiente!

cover Hopfen und Malz gesamtausgabe 3

Dazu passt natürlich nichts Anderes als belgisches Bier! Wer mag, kann ein klassisches Lambiek probieren und mit einem Abtei-Bier weitermachen. Für alle anderen tut es aber auch ein Belgian Blonde! Im Hintergrund darf die Musik in diesem Falle nicht ablenken – Wie wäre es mit den australischen The Triffids?

Ein paar abschließende Worte zu dieser Rubrik: Neue Comics erscheinen mit einer hohen Frequenz Monat für Monat. Auch wenn sich der klassische Buchhandel vieler Orten mit einer Comic-Ecke schmückt, zeigt sich, dass der knappe Platz oft für Dauerseller und Neuerscheinungen gebraucht wird. Es gibt aber viele Veröffentlichungen der letzten Jahre die es nicht verdient haben, unterzugehen und dem Vergessen anheimzufallen.

Wenn jemand von euch einen bestimmten Titel hier gerne sehen würde oder gar selbst ein paar Worte darüber verlieren möchte: Dafür ist die Kommentarspalte dar 🙂

© der Abbildungen 2016/2017 Verlag Sackmann und Hörndl