Bischoff – Anaïs Nin

Im Meer der Lügen

Story: Léonie Bischoff
Zeichnungen: 
Léonie Bischoff
Originaltitel: 
Anaïs Nin – Sur la Mer des Mensonges

Splitter Verlag

Hardcover | 192 Seiten | Farbe | 29,80 € | 
ISBN: 978-3-96792-175-5

Cover Léonie Bischoff - Anais Nin

Biografien gehen immer! Aktuell erscheinen gerade in einigen Verlagen Werke zu Künstler*innen des letzten Jahrhunderts und die Spannbreite geht von Film über Musik hin zu Wissenschaft. Nicht immer ist es dabei leicht, Wahrheit und Mythos zu trennen; der Grat zwischen Glorifizierung und der vorgeworfenen Beschmutzung des Ansehens ist schmal. Besonders gilt das natürlich dann, wenn der Mensch schon zu Lebzeiten nicht unumstritten war.

Wie viele muss man sein und welche Lügen sind dafür erforderlich?

Anais Nin page 7

Anaïs Nin ist (immer noch) eine berühmte, aber auch berüchtigte Schriftstellerin! Ihr Weg von der für sich schreibenden Tagebuchautorin hin zu der Schriftstellerin, die wie eine Frau schreiben will, ist der Gegenstand dieser Graphic Novel. Sie stammt aus einer Familie, die viele unterschiedliche kulturelle Einflüsse vereint: Ihr Vater war kubanisch-spanisch, ihre Mutter dänisch mit französischen und kubanischen Vorfahren. Sie und ihre zwei Brüder wurden innerhalb von 5 Jahren in drei Ländern auf zwei Kontinenten geboren.

Schon früh begann sie mit 11 Jahren ein Tagebuch zu führen. Später sollten zwei daraus werden: ein „offizielles“, das sie mit ihrem Mann teilte, und ein „geheimes“, in das nur Liebhaber und Psychotherapeuten teilweise Einblick erhielten. Später wurden die Tagebücher veröffentlicht und erlangten aufgrund ihrer expliziten sexuellen Bestandteile Aufmerksamkeit und Ruhm. Auch ihre anderen Werke waren explizit, aber doch auch durchzogen von der Suche nach Erfüllung.

Anais Nin page 9

Verheiratet war sie mit einem Bankier, der ihr Sicherheit und Geborgenheit gab, gleichzeitig aber auch langweilte. Ihre bekannteste und literarisch wichtigste Affäre hatte sie mit Henri Miller (und dessen Frau June). Es kamen aber weitere dazu und auch ihr Vater, der die Familie verlassen hatte, als Anaïs 11 Jahre gewesen war, nähert sich ihr wieder an und verführt/missbraucht sie sogar. Allen gemein ist, dass sie klare Vorstellungen davon haben, wie die Künstlerin ihre Texte verändern sollte.

Das traumhafte Leichte unterstreicht die Konflikte

Léonie Bischoff hat nicht nur die Geschichte geschrieben, die sehr stark auf „Henry und June“ beruht, sie hat sie auch graphisch umgesetzt. Alles wirkt sehr leicht, teilweise wie mit Buntstiften gemalt. Dabei gehen die Farben ineinander über wie bei den Stiften mit mehreren Farben im Kern, die je nach Haltung und Abrieb den Strich ergeben. Teilweise wirkt es aber auch wie Farbflächen unter schwarzem Wachs und dann herausgekratzt.

Diese Leichtigkeit lässt die Verzweiflung der Heldin erträglich erscheinen. Sie möchte ihren Mann nicht verletzten, zu ihrem eigenen Schreibstil finden, gleichzeitig aber auch ihre Bedürfnisse befriedigen. Sie weiß nicht wirklich, was ihr fehlt, sucht es aber allerorten und erfindet eine Wirklichkeit um sich herum, um alle zu täuschen. Dabei nutzt sie auch die Möglichkeit der Psychoanalyse, findet aber schnell heraus, dass sie ihre Analysten analysiert und manipuliert.

Anais Nin page 10

Das Meer der Lügen ermöglicht Einblicke

Nicht immer verschafft eine Biografie neue Zugänge. Léonie Bischoff konzentriert sich auf die Seele der Künstlerin und findet in ihrer frühen Erfahrung des Verlassenwerdens einen Schlüssel zu ihrem Ich. Aber auch die Körperlichkeit der sinnlichen Erfahrung, das sich-auflösen in einem Gefühl, wird als notwendiger Bestandteil geschildert. Und so geht es in diesem Werk natürlich um Sex und Erotik, aber als Mittel zum sich-komplett-Fühlen der Künstlerin und nicht als Mittel zur Erfreuung der Konsument*innen.

Gerade durch das zaghafte, leichte, kombiniert mit der Unausweichlichkeit, die durch die Macht des Wassers, des Meeres symbolisiert wird, entsteht ein Bild eines Lebens, das neugierig macht auf die Tagebücher. Wie werden die verworrenen Gedanken tatsächlich zu einem Plan? Wie schafft sie es, ihre Lügen selbst auseinander zu halten und sich nicht zu verheddern? Und wie sieht die Analyse der Analysten aus? Wenn eine Biografie Lust auf die Texte der skizzierten Person macht, hat sie ihr Ziel erreicht: einen Einstieg zu schaffen und neugierig zu machen! In diesem Sinne eine klare Empfehlung!

Anais Nin page 13

Dazu passen Kate Bush und ein Scavi & Ray Ice.

© der Abbildungen Casterman / 2020, by Léonie Bischoff / Splitter Verlag GmbH & Co. KG · Bielefeld 2022

Worley, Vance/Waller – Omaha 4

Omaha the Cat Dancer – Band 4

Story: Kate Worley, Jack Vance

Zeichnungen: Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 4

Schreiber & Leser

Broschur | 336 Seiten | S/W | 29,80 €
ISBN: 
978-3-96582-071-5

Cover OMAHA 4

Omaha ist eine Serie für Erwachsene, keine Frage. Sie enthält explizite Darstellungen und ist doch ganz anders als so viele andere Comics, in denen Sex entweder als Machtausübung dargestellt wird oder aber rein voyeuristisch. Kate Worley hat die Geschichte von „normalen Menschen“ beschrieben, die unabhängig von Gesundheitszustand, Einkommen, Hautfarbe oder sexueller Orientierung persönliche und berufliche Probleme meistern müssen, für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung eintreten, nicht fehlerfrei sind und nebenbei auch noch Beziehungen leben.

Gentrifizierung, Bauskandale und Korruption und immer wieder Beziehungsprobleme

Die Bewohner*innen von Mipple City haben es nicht leicht. Heutzutage gibt es kaum noch Konflikte, die die Bevölkerung nicht in annähernd gleiche feindliche Blöcke spalten. Ende der 80-er Jahre war das noch selten. Während die eine Hälfte der Stadt eine Gegend mit Bars, Clubs und alternativem Leben als Schandfleck empfindet, ist eben jenes für die andere Hälfte der Teil der Stadt, der ein Aufatmen, eine gewisse Freiheit erst ermöglicht und unbedingt zu unterstützen ist.

OMAHA 4 page 8

Bei großen Bauprojekten war man es früher fast schon gewöhnt, von Bestechung, Korruption und Pfusch am Bau zu lesen. So ist auch hier Manipulation mit Fake News, Bestechung und sogar Gewalt im Spiel und – wie im richtigen Leben – scheint es auch hier so zu sein, dass es keine „reine“ Seite gibt. Die Spielregeln waren schon so weit verschoben, dass ein völlig legales Verhalten außer Frage stand. Vielleicht haben auch solche Geschichten wie Omaha dazu beigetragen, dass Korruption nicht mehr ganz so offen praktiziert werden kann.

Aber auch beziehungstechnisch werden die als Tiere dargestellten Personen bis über ihre Grenzen hinaus gefordert. Es geht um nicht reflektierte Machtstrukturen, falsche Erwartungen und immer wieder auch um Ehrlichkeit und Kommunikation. Daneben gibt es Konflikte, die man klären kann und die eine Versöhnung ermöglichen. Einige davon sind so grundlegend, dass eine Trennung unvermeidlich erscheint. Und es gibt mehr oder weniger suchthafte Reaktionen.

Kate Worley hat lange gegen ihren Krebs gekämpft, schließlich aber doch verloren. Zum Beginn von Omaha war sie noch mit Reed Waller, dem Zeichner, liiert. Nach einer Trennung lebte sie schließlich mit dem Autoren Jack Vance zusammen, der es wiederum nach ihrem Tod übernommen hat, die Geschichte um die Schönheitstänzerin Omaha und Mipple City zu beenden.

OMAHA 4 page 9

Furry pictures

Ursprünglich war es wohl die Idee, Zensur zu umgehen. Die Tatsache, dass hier vermenschlichte Tierfiguren dargestellt werden, hat aber im Laufe der Zeit sehr viele Fans gefunden und es gibt eine eigene Kategorie für solche Comics. Dem Lesevergnügen tut es jedenfalls keinen Abbruch, ja, es schafft sogar eine gewisse Distanz. Reed Waller setzt die Vorgaben seiner Szenarist*innen im gleichen Geiste um. Es geht nicht darum, jemanden bloßzustellen, Behinderungen oder Vorlieben ins Lächerliche zu ziehen oder Erwartungen eines männlichen Publikums zu befriedigen.

Zeichnungen können verletzten oder wertfrei darstellen. Hier passiert das Letztere und trotzdem feiern die Zeichnungen das Leben und alles, was dazu gehört! Das ist der große Unterschied zu vielen Altmännerphantasien in der sogenannten Independent-Szene, die doch nur eine andere Art für Misogynie ist.

Wie groß die Zustimmung in der Comicwelt zu dieser Serie gewesen ist, wird vielleicht auch durch den Anhang deutlich. Reed Waller erkrankte 1993 ernsthaft an Krebs, besaß aber keine ausreichende Krankenversicherung. An dem Unterstützungsprojekt „Images of Omaha“ beteiligten sich mehr Künstler*innen als erwartet, unter anderem Will Eisner, Bryan Talbot, Scott McCloud oder Frank Miller. Die gesammelten Bilder sind Bestandteil dieses Abschlussbandes!

OMAHA 4 Anahng

Eine Graphic Novel für die Sammlung

Jede*m bleibt es selbst überlassen, welche Comics man mag. Es gibt glücklicherweise keinen Kanon! Wer sich aber für Graphic Novels interessiert, wer wissen möchte, wie Menschen interagieren, wie ziviler Widerstand gegen Großprojekte angefangen hat und wie Darstellung von gewaltfreier Sexualität sein kann, der darf hier gerne einen Blick riskieren!

Handwerklich gut gemachter Independent (und das ist in diesem Fall nicht als Entschuldigung für technisches Unvermögen gemeint!) mit teils sympathischen Figuren, eben wie aus dem Leben gegriffen. Die Aufmachung durch den Hamburger Verlag in vier dicken, aber sehr handlichen Paperbacks mit einführenden Worten passt dazu perfekt! Für mich ein Top-Tipp!

Dazu passen Die Broilers aus Düsseldorf und ein Fiege Bernstein.

© der Abbildungen 1978 – 2020 by Reed Waller & CatDancer Corporation, 2021 Verlag Schreiber & Leser

König – Lucky Luke Hommage 5

Zarter Schmelz

Story: Ralf König
Zeichnungen: Ralf König

Originalausgabe

Egmont Ehapa Media
Hardcover | 64 Seiten | Farbe | 16 € erschienen
ISBN: 978-3-7704-0500-8

Softcover | 64 Seiten | Farbe | 8,99 € ab dem 8. Juli

Cover König Zarter Schmelz
© Lucky Comics 2021 – All Rights reserved by Ralf König/Egmont Ehapa Media

Der Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten, wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Früher gab es zu einem solchen Anlass häufig Bände, in denen alle möglichen Zeichner*innen ihre Interpretation auf ein oder zwei Seiten abgeliefert haben. Heute ist das oft ein ganzes Abenteuer, in diesem Fall sogar ein überlanges. Ralf König hat seine rund 40-jährige Karriere in der schwulen Subkultur begonnen, schnell aber auch Erfolge im Mainstream-Sektor (etwa Der bewegte Mann oder zuletzt Vervirte Zeiten) erzielt. Mehr dazu im O-Ton. Diese Reihe beweist die Vielseitigkeit der doch schon älteren Figur.

Lucky Luke by Ralf König

Steckrüben und lila Kühe – der etwas andere Western

Ein Teil eines Pärchens, Bud, erzählt die Geschichte wie er eines Tages in Straight Gulch Lucky Luke vor dem Jobcenter getroffen hat. Der bekannte Cowboy übernimmt dort die Aufgabe einer Gruppe von Schweizer Milchkühen eine Art von Wellness-Aufenthalt zu verschaffen. Die Milch der Kühe soll nämlich zur Herstellung von Schokoladen-Trüffel verwendet werden und die Kühe müssen dafür von der stressigen Überfahrt regenerieren.

Detail Ralf König - Lucky Luke Hommage 5 page 1
© Lucky Comics 2021 – All Rights reserved by Ralf König/Egmont Ehapa Media

Der vor der Tür wartende Mann ist leicht als einer der typischen König Charaktere zu erkennen: Bartwuchs, Knollennase und seitlicher Mund sowie Chaps. Es stellt sich heraus, dass der Typ auf seine Affäre, Terence, wartet. Beide hatten sich bei einem Schafhütejob miteinander vergnügt, dann aber doch nicht getraut. König verweist dabei sehr geschickt auf E. Annie Proulx bzw. die noch bekanntere Verfilmung und spielt sehr offensiv mit Vorurteilen indem er etwa die Klassifizierung als Steckrübe übernimmt.

Daneben schafft er es aber auch noch, bekannten Nebenfiguren der Serie eine queere Identität zu verpassen. Nie haben wir bisher Calamity Jane oder Averell mit diesen Augen gesehen. Sehr spaßige Geschichte mit vielen Verweisen auf andere Geschichten und – wie auch Ralf sagen würde – endlich mit Brustwarzen!

Detail Ralf König - Lucky Luke Hommage 5 page 3
© Lucky Comics 2021 – All Rights reserved by Ralf König/Egmont Ehapa Media

Ein Feierwerk zum Geburtstag!

Der Stil von Ralf König ist oft ein wenig reduziert und ohne Hintergrund. Diese Hommage folgt aber vom Prinzip dem klassischen frankobelgischen Comic-Strip: Viele Panels in braven vier Reihen mit Rahmen und kompletter Kolorierung. Auch wenn die Figuren alle in typischer König-Manier gezeichnet sind, sind sie selbst für den gelegentlichsten Leser als Lucky Luke oder die Daltons zu erkennen und auch das Setting ist sozusagen ein mit Plüsch ausgelegter Morris.

Man merkt dem Comic von Anfang bis Ende die Hochachtung an, die der Künstler für die Serie empfindet, aber auch die Punkte, die er bisher vermisst hat und nun in seinem Beitrag zu den Feierlichkeiten nachreicht.

Detail Ralf König - Lucky Luke Hommage 5 page 34
© Lucky Comics 2021 – All Rights reserved by Ralf König/Egmont Ehapa Media

Und noch ein Detail stimmt: Wie immer gibt es ein Originalfoto mit den Helden des jeweiligen Abenteuers!

Die bisher fehlende Sichtweise

Ja, es gibt mit Sicherheit eine ganze Menge Puristen, die dieser Hommage nichts abgewinnen können. Was aber ist die Aufgabe einer Hommage? Meiner Meinung nach die erkennbare Wertschätzung von etwas Existierendem mit eigenen Stilmitteln und das ist Ralf König nahezu perfekt gelungen. Jede*r Leser*in wird sofort das Geburtstagskind Lucky Luke erkennen. Er selbst und die ihn begleitenden Figuren Calamity Jane oder die Daltons sind etwas überspitzt aber sehr treffend wiedergegeben. Gleichzeitig wird jeder Fan von Ralf König die Knollennasen, den seitlichen Mund und vor allem natürlich die liebevoll dargestellte Homosexualität wiedererkennen.

König - Bud und Terry

Weder wurde der Klassiker verbogen noch hat der Künstler sich verstellen müssen und dann macht es beim Lesen auch noch verdammt viel Spaß, mehr geht nicht! Ein brillantes Feierwerk das in keiner Lucky Luke Sammlung fehlen sollte und vielleicht ein paar König-Fans dazu bringt, den Cowboy zu lesen bzw. natürlich andersherum den ganzen König zu entdecken. Wie immer gibt es neben der Kiosk-Ausgabe auch wieder ein Hardcover im Buchhandel.

Leser*innen in Frankreich werden übrigens noch bis zum Herbst auf die Choco-Boys warten müssen.

Dazu passen eine heiße Schokolade und die Gay City Rollers!

© der Abbildungen Lucky Comics 2021 – All Rights reserved by Ralf König/Egmont Ehapa Media

Azzarello/Llovet – Faithless 2

Blut und Begierde

Story: Brian Azzarello

Zeichnungen: Maria Llovet

Originaltitel: US-A Monkey could do this – Faithless II 1 – 6

Panini Comics

Prestige | 164 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-7416-2161-1

Cover Azzarello/Llovet - Faithless 2

In Band 1 hatte Faith ihre Magie entdeckt und war auf dem Weg, eine gefeierte Künstlerin zu werden. Sie hatte allerdings ihre gesamten Freund*innen zurücklassen müssen – zumindest die, die noch am Leben waren. Und so geht die Hoffnung in eine weitere hoffnungslose Runde: Faithless!

Gibt es ein Grau zwischen weißer und schwarzer Magie?

Eine gehypte Künstlerin ist nur solange gut, wie sie Neues liefert. Und in den heutigen Tagen gilt: Je schräger, desto besser! Auch Faith steht vor dem Problem, ihren gerade erlangten ersten Ruhm verteidigen und bestätigen zu müssen. Für eine zweite Ausstellung ist eine noble Galerie in Turin gebucht, die Gemälde dafür fehlen aber noch. Während einer intimen Skype-Session mit Poppy wird Faith von Solomon überrascht und aus dem Akt entwickelt sich die Kunst: Die neuen Bilder sind mit ihrem Blut gemalt. Dieser Schockeffekt wird natürlich der gewünschte Knaller und ihr Ruhm steigt sogar noch. Louis macht allerdings auch klar, welchen Anteil er daran hat.

Faithless 2 page 5

Brian Azzarello entwirft eine düstere Story, die einerseits die verlogene überdrehte Kunstszene bloßstellt (und er scheint dabei sehr viel Spaß zu haben!), die andererseits aber auch die alte Geschichte vom Verkauf der Seele übernimmt. Natürlich ist Louis der Teufel und natürlich erfolgt das Verkaufen der Seele auch über intime Körperkontakte. Faith weiß sogar, dass der Erfolg als Künstlerin und das Entdecken der eigenen magischen Fähigkeiten nicht „verdient“ sind, glaubt aber, den Pakt beherrschen zu können. Auch die andere Seite bekommt im Laufe der Geschichte einen Vertreter, der im Übrigen mit den gleichen Methoden arbeitet, und die alte, scheinbar obdachlose Frau entpuppt sich als wichtiger Player in dem Spiel Schwarz gegen Weiß.

Klassische Architektur gegen moderne Kunst

Maria Llovet hat einige Herausforderungen zu bewältigen: Turin stellt architektonisch so viele Vorgaben die der klassischen Kunst entsprechend umgesetzt werden müssen: Gebäude, Statuen, Bilder. Viele der Handlungen finden in diesem Umfeld statt und werden bravourös gemeistert. Daneben muss aber auch die überdrehte moderne Kunst angemessen präsentiert werden und auch das gelingt der Künstlerin gut! Der dritte Aspekt sind die mehr oder weniger expliziten intimen Szenen oder Zurschaustellungen von Nacktheit als Event. Und auch hier schafft es Llovet, das Zusammenspiel von Emotionen, Leidenschaft und Machtausübung auf das Papier zu bringen.

Faithless 2 page 7

Dabei ist das Layout an sich gar nicht so modern denn es basiert auf den strikten, nur in der Anzahl unterschiedlichen Streifen. Die Höhe erlaubt das Wechseln der Geschwindigkeit zwischen dem Verweilen und dem hastigen „Streckemachen“. Ihre Figuren sind rau, mit grobem Strich gezeichnet und teilweise fast karikiert, andererseits aber detailliert genug, um ein Wiedererkennen und die Darstellung von Gefühlen zu ermöglichen.

Es hat gerade erst begonnen

Der Plot ermöglicht noch weitere Fortsetzungen. Das ist auch gut so, denn aufgrund der vielschichtigen Story, der Verbindung von Kunstkritik, Magie und adult Romance ist Faithless eine einerseits sehr trendige Geschichte, die andererseits aber auch sehr eigenständig ist: Keine Vampire, kein SM, keine Schottenhistory.

Illu Faithless 2
Die Kapitel starten literarisch…

Sicherlich nicht für alle, vom Verlag empfohlen ab 18, aber einen Blick wert. Ein weiterer provokativer Titel von Boom! der in seiner deutschen Ausgabe mit Variantcoverabbildungen daherkommt.

Dazu passen Babes in Toyland und ein Espresso, begleitet von einem Amaretto.

© der Abbildungen 2021 A Monkey could do this LLC / Panini Verlag

Worley/Waller – Omaha 3

Omaha the Cat Dancer – Band 3

Story: Kate Worley
Zeichnungen: 
Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 3

Schreiber und Leser

Klappenbroschur | 224 Seiten | S/W | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-059-3

nur für Erwachsene

Cover Omaha 3

Das ist jetzt schon der dritte Teil der Erzählungen um die Schönheitstänzerin Omaha und ihre Freund*innen, die lokale Politik in dem echten Minneapolis nachempfundenen Mipple City und Kunst und Kultur im Allgemeinen.

Eine freizügige Soap Opera

Vom Grundsatz her ist Omaha eine Mischung aus Grapic Novel, Soap Opera und Independent Shocker. Vom ersteren nimmt die Geschichte den Anspruch, Personen ernst zu nehmen, ihre Hintergründe zu entwickeln und echte Probleme zu präsentieren. Das Ganze soll aber auch leichtfüßig daherkommen, Spaß machen, über Jahre laufen, Side-Projekt ermöglichen und unterhalten. Und weil es eben nicht Lindenstraße oder Coronation Street ist, sind die Protagonist*innen Tiere und haben expliziten Sex.

Omaha 3 page 5

Ist das jetzt ein Porno für Intellektuelle? Nein! Es gibt zwar Sex, dieser steht aber nicht mit voyeuristischem Anspruch im Vordergrund, sondern gehört zum Leben halt dazu. Deshalb kann er auch problembeladen sein, gemütlich oder orgiastisch, nie aber aufgeilend oder Machtpositionen verfestigend. Mehr dazu in den Reviews zu Band 1 und 2.

Zum Inhalt: Omaha war Ende des letzten Bandes enttäuscht von ihrem Freund Chuck. Dieser hatte nicht verkraften wollen, dass Omaha „vergessen“ hate, ihm zu erzählen, dass sie eigentlich verheiratet ist, ihren Mann aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Heldin wiederum beschließt nun, Mipple City für das Erste zu verlassen und woanders wieder zu sich zu finden. Ihre neue Arbeit als nicht ernstgenommene Büromitarbeiterin schmeißt sie schnell wieder hin um erneut als Bartänzerin zu arbeiten.

Omaha 3 page 6

Währenddessen sitzt Joanne wegen des Mordes an dem korrupten Politiker Bonner in Untersuchungshaft. Wie wir wissen hat sie zwar ein Alibi, möchte Rob aber nicht mit hineinziehen. Aufgrund der Untersuchungen wegen des Todes kommen immer mehr Ungereimtheiten zu Tage, es zeigt sich aber schnell, dass es noch mehr Profiteure des Immobilienskandals gibt und das Projekt weitergeführt werden soll. Hiergegen entwickelt sich Widerstand aus der Künstler*innenszene.

Und natürlich gibt es auch Neues von Kurt, der nun für einen älteren, etwas dubiosen Herren arbeitet, und Shelley die mühsam versucht, ihre Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen. Chuck wird erneut mit seiner Familie konfrontiert und Omaha gibt nicht nur ein wenig von ihrer Vergangenheit preis, sondern kreiert auch neue emotionale Schwierigkeiten.

Zeichnungen im perfekten Einklang

Der Sammelband beinhaltet nicht nur die „regulären“ Omaha-Stories sondern auch Beiträge für andere Magazine, die im Bezug zur Serie stehen. Sie wurden an den entsprechenden Stellen integriert und bieten daher einen kompletten Genuss. Das Vorwort stammt übrigens dieses Mal von Neil Gaiman der seine persönlichen Erinnerungen an die beiden Künstler*innen teilt.

Werbung zu Omaha 3

Beim Lesen wird weiterhin deutlich, dass Kate Worley und Reed Waller zusammen an den Geschichten gearbeitet haben. Dadurch gibt es männliche und weibliche Sichtweisen, die sich perfekt ergänzen. So wird es sicherlich den einen oder anderen Leser verwundern, wieviel Wert darauf gelegt wird, dass Frauen im Beruf unterdrückt werden, gleichberechtigte Zahlung verdienen und Hausarbeit ungleich verteilt ist.

Die Zeichnungen stammen nur von Kate Worley und bieten sowohl Details als auch gute Hintergründe und Perspektivwechsel. Da die handelnden Akteur*innen Tiere sind, muss sowohl das Tier als solches erkennbar sein, als auch die typischen Merkmale eben einer Person haben. Beides gelingt hervorragend. Auf jeden Fall drängen sich weder Inhalt noch Zeichnungen nach vorne, sondern agieren als perfektes Duo mit wechselnden Schwerpunkten.

Banner zu Omaha 3

Fazit

Wer Inhalte für Erwachsene mag und sie auch lesen darf, wird hier ein spannendes Meisterwerk der Independent-Comic-Literatur finden. Doch Obacht: Gewaltfantasien, Orgien, Splatter sind hier nicht zu finden! Menschen versuchen ihr Leben zu leben, die Umwelt anzupassen und Schweinereien nicht hinzunehmen. Das erfordert auch das eine oder andere Problemgespräch bei einem Kaffee! Graphic Novel Liebhaber*innen werden daher hier genauso ihre Freude haben wie Leser*innen von Generationenromanen oder Comig-of-Age. Der Comic sollte aber nicht auf dem Tisch liegen bleiben, wenn Kinder ihn von dort mitnehmen könnten.

Dazu passen ein gut temperierter Merlot und Musik, die Spaß macht, sich aber auch nicht in den Vordergrund drängt: Es gab da mal einen Sampler Soul Queens mit modernen und klassischen Sängerinnen.

Detail aus Omaha 3

© der Abbildungen 1978 – 2020 by Reed Waller & CatDancer Corporation / 2020 Verlag Schreiber & Leser

Orlando – Wonder Woman 13

Die wilde Jagd“ mit dem Jubiläumsheft 750

Story: Steve Orlando, Gail Simone, Greg Rucka, Scott Snyder u. a.
Zeichnungen: 
Bryan Hitch, Colleen Doran, Max Raynor, Jesus Merino, Nicola Scott u. a.

Originaltitel: Wonder Woman (2017) 82-83 & 750 – 753

Panini Comics

Klappenbroschur | 244 Seiten | Farbe | 26,00 €
ISBN: 
978-3-7416-2232-8

Cover Wonder Woman Sammelband 13

Wonder Woman ist eine der ältesten noch laufenden Superheld*innenserien und spätestens nach dem Blockbuster von vor ein paar Jahren auch wieder im Bewusstsein von Nicht-Nerds angekommen. Ursprünglich entwickelt wurde sie 1941 von dem Psychologen William Moulton Marston in Zusammenarbeit mit Max Gaines, dem späteren Gründer von EC-Comics. Ausschlaggebend war, dass es keine Superheldin gab, typisch weibliche Attribute also überhaupt keinen Platz in diesem Genre hatten.

Im Laufe ihrer 80-jährigen Geschichte wurde die Figur nebst ihrer Entstehungsgeschichte mehrfach überarbeitet. Geblieben ist ihr Status als Amazonenprinzessin und die Tatsache, dass Diana – so ihr richtiger Name – sowohl auf der Amazoneninsel Themyscira als auch auf der Erde unter Menschen leben darf. Die Unsterblichkeit der Amazonen hat sie allerdings verwirkt.

Detail Wonder Woman Sammelband 13

Der Kampf gegen Cheetah

Eine ihrer wiederkehrenden Hauptgegnerinnen ist Cheetah bzw. Dr. Barbara Minerva. Diese handelte jahrelang in unbedingtem Gehorsam gegenüber dem Gott Urzkartaga bis Wonder Woman sie davon hatte befreien können. Nun lebt sie in dem Wahn, diese Rettung vergelten zu müssen und Wonder Woman ebenfalls von dem Einfluss ihrer Göttin, Hera, zu befreien.

Nun wissen wir natürlich anhand einer ganzen Reihe von Beispielen (Conan, She, Buffy), dass es nicht ganz so einfach ist, Göttinnen zum Erscheinen zu bewegen. Cheetah versucht daher, Amazonen und auch Wonder Woman selbst in so ausweglose Situationen zu bringen, dass Hera schließlich auftauchen muss, um sie dann zu töten. Die wilde Jagd hat begonnen.

Detail Wonder Woman Sammelband 13

Kollateralschäden und neue Nazis

Aber auch in ihrem Alltag in Boston hat Diana mit Problemen zu kämpfen. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, Schurk*innen zu vermöbeln und dingfest zu machen. Aus ihrer Sicht sind die dabei entstehenden Bruchschäden schlimmstenfalls eine lästige Begleiterscheinung. Die Stadt Boston sieht das aber anders und vermutet, dass viele Kämpfe gar nicht stattfinden würden, wenn die Superheldin nicht da wäre. Sie stellt daher Detective Nunes ab, um Diana zu überwachen und gegebenenfalls festzusetzen.

Das wäre normalerweise schon nicht schön, wird aber zum Problem, wenn sich eine mittelalterliche Schwertkämpferin in die Jetztzeit verirrt und mit ihrem Schwert um sich schlägt. Und dann wäre da ja auch noch Warmaster. Die Tochter von Naziterrorist*innen hat den Tod ihrer Eltern nicht verdaut und will sich an Wonder Woman rächen.

Detail Wonder Woman Sammelband 13
nur eine der Doppelseiten

Die Jubiläumsnummer 750

Jahrzehntelang hat DC seine Serien immer wieder neu gestartet. Man glaubte, dass hohe Nummern für Neueinsteiger*innen eher abschreckend wären. Dadurch vergibt man sich aber natürlich auch ein paar Jubiläen und so hatten bereits Superman und der Mitternachtsdetektiv ihre zusammengezählte 1000. Ausgabe. Auch diese Heldin hat eine faszinierende Nummer geschafft und die Zählung sprang von 83 auf 750! Wie immer bei solchen Ereignissen erlebt nicht nur die Hauptstory einen besonderen Lauf (siehe oben), es erscheint auch eine extra-dicke Ausgabe mit vielen Gastbeiträgen und noch mehr Variant-covern!

Da Wonder Woman hierzulande nicht in einzelnen Heften, sondern in Sammelbänden erscheint, hat man sich bei Panini glücklicherweise entschieden, alles in das Paperback zu packen. Es enthält daher acht zusätzliche Stories aus verschiedenen Wonder Woman Inkarnationen sowie eine immense Anzahl an Pin-Ups und Titel-Varianten. Gut gemacht!

Die Zeichnungen

Nicht nur die zusätzlichen Stories bringen unterschiedliche Interpretationen der Amazone in unsere Sammlungen; Nein, auch die regulären Hefte sind jeweils von anderen Künstler*innen gestaltet. Die Heldin wird dabei wirklich unterschiedlich dargestellt und gleitet mal eher in die realistische, mal eher in die zeichentrickartige Welt. Mir persönlich gefallen die Seiten von Max Raynor am besten. Auf jeden Fall ist es wahrscheinlich einmalig in einem Sammelband einer laufenden Serie 12 unterschiedliche Künstler*innen bzw. Teams vereinigt zu finden!

Detail Wonder Woman Sammelband 13

Die Wertung

Wonder Woman wurde lange Zeit unterschätzt. Tatsächlich ist sie in ihrem Ursprung feministisch, lebt mittlerweile offiziell ihre Bisexualität aus und ironisiert ihr eigenes Kostüm. Damit ist sie zwar nicht die einzige moderne Heldin im amerikanischen Superhelden-Mainstream, aber doch weit vorne. Im Rahmen dieser Gattung sind die Themen erfreulich irdisch, auch wenn die Akteure göttlichen Ursprungs sein mögen und somit nicht nur für Hardcorefans. Gerade dieser Band ist auch für Neueinsteiger*innen gut geeignet, da er kaum Vorwissen erfordert und wegen der Jubiläumsstorys sogar noch einen breiten Überblick über die unterschiedlichen Facetten der Figur gibt.

Wer sich schon vorher für WW interessiert hat, muss allerdings zugreifen, denn diese Ansammlung an Illustrationen wird so schnell nicht wieder erscheinen (und wer möchte schon bis zur Nummer 1000 warten). Außerdem ist allein das Ausklappcover einen Blick wert!

Dazu passen The Yeah Yeah Yeahs und ein Weißwein mit geringem Säureanteil fast perfekt.

© der Abbildungen 2020/2021 DC c/o Panini Comics

Worley/Waller – Omaha 2

Omaha the Cat Dancer – Band 2

Story: Kate Worley
Zeichnungen: 
Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 2

Schreiber und Leser

Klappenbroschur | 256 Seiten | S/W | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-038-8

nur für Erwachsene

Mit dem zweiten Sammelband der Geschichten über die Tänzerin Omaha und ihre Freund*innen von Kate Worley und Reed Waller bringt der Hamburger Verlag Schreiber & Leser wiederum eine Perle der Comicliteratur nach Deutschland. Die Serie zählt zu den bekanntesten Independent-Klassikern der 80-er Jahre aus den USA und wird oft fälschlicherweise mit Fritz the Cat verglichen. Sie ist aber im Gegensatz zu ihm nicht einer zu hinterfragenden Männerphantasie entsprungen, sondern erzählt aus mehreren Blickwinkeln eine relevante Geschichte. Mehr dazu bei Band 1.

Beziehungsdrama und Krimi, feministisch und queer in einem

Omaha ist vor allem vielseitig: eingebettet in einen fortlaufenden Handlungsablauf wird von Beziehungen und ihren Problemen erzählt. Bemerkenswert für die damalige Zeit ist, dass dabei hetero- und homosexuelle selbstverständlich gleichwertig nebeneinanderstehen. Außerdem werden Abhängigkeitsverhältnisse, Unehrlichkeiten und Treue thematisiert. Es geht aber auch um Politik, Korruption und das Ausnutzen christlich-fundamentalistischer Strömungen für Gentrifizierungsansätze, Erpressung und sogar Mord.

Die Schönheitstänzerin und titelgebende Heldin Omaha ist verliebt in einen Kater, der sich als reicher Erbe (wider Willen) entpuppt. Nun müssen beide damit umgehen, dass plötzlich viel Geld und Verantwortung vorhanden ist. Die Rollenmodelle in der Beziehung werden hinterfragt und die Kommunikation lässt zu wünschen übrig. Währenddessen müssen ihre durch einen Unfall an einen Rollstuhl gefesselte Freundin und ihr Freund und Betreuer klären, ob Arbeits- und Privatbeziehungen kombinierbar sind und wie eine nicht bevormundende Betreuung und Hilfe funktionieren kann.

In einer Parallelstory versuchen Kriminelle ein etwas herunter gekommenes Stadtviertel zum Sanierungsgebiet zu machen, um möglichst viel Geld damit verdienen zu können. Die Mittel zum Zweck sind egal und brutal. Natürlich gibt es in diesem Zusammenhang auch genügend Vertreter mit Doppelmoral.

Und nicht zuletzt geht es um Emanzipation: eigenständige Frauen mit eigenen Rechten, eigener Verantwortung und beruflicher Gleichstellung! Während das Thema unterschwellig immer mitspielt, wird es teilweise sehr deutlich und greift nicht nur Männer an, sondern auch die Frauen, die die Unterdrückung zementieren.

Die grafische Umsetzung

In jeder der einzelnen Folgen hat das eine oder andere Pärchen irgendwann Sex, der auch explizit dargestellt wird. Im Regelfall geht es dabei aber um einvernehmliche Handlungen. Eine Überschreitung eines NEIN wird zwar einmal gezeigt, aber nur um als solche auch thematisiert werden zu können.

Wer also Omaha auf Sex reduzieren würde, täte diesem Independent-Klassiker Unrecht! Terry Moore erklärt dann auch in einem der beigefügten Artikel wieviel er für seine eigene Serie Strangers in Paradise von Omaha kopiert bzw adaptiert hat und wie stark er Worley und Waller für ihre Serie bewunderte.

Alle handelnden Akteur*innen sind Tiere. Einige davon symbolisieren klischeehafte Vorurteile, andere sind eher neutral. Durch diesen Trick werden einerseits ein paar Verbote im Bereich der bildhaften Darstellung umgangen, andererseits erlauben die Erwartungen an bestimmte Tiere natürlich auch eine fabelhafte Übertreibung und Symbolisierung. Obwohl Independent, haben die Zeichnungen nichts Unreifes an sich. Sie sind pointiert, detailliert und handwerklich auf hohem Niveau. Das Spiel mit Schatten und Schraffuren kommt mir persönlich zwar etwas zu kurz, wenn es aber da ist, ist es großartig!

Die Wertung

Für erwachsene Liebhaber von gesellschaftskritischen Serien, für Fur-Fans und für Leser*innen (!) anspruchsvoller erotischer Comics eine echte Empfehlung! Schöne Aufmachung im Klappenbroschur mit fast schwarzem Cover und zwei Beiträgen von Dennis Kitchen und Terry Moore. Ein Independent-Klassiker der Kategorie „Auch heute noch lesenswert“.

Dazu passen die Klänge der modernen Ska-Combo „Bite me Bambi“ und ein etwas herber Schlehen-Gin-Coktail.

© der Abbildungen 1978 – 2020 Reed Waller / Verlag Schreiber und Leser

Azzarello/Llovet – Faithless 1

Finstere Leidenschaft

Story: Brian Azzarello

Zeichnungen: Maria Llovet

Originaltitel: US-A Monkey could do this – Faithless 1 – 6

Panini Comics

Prestige | 164 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1947-2

Panini wagt sich an eine Mischung aus Lust und Magie im künstlerischen Umfeld. In der nicht für unter 16-jährige gedachten Serie geht es um Verlust und Trauerbewältigung, Leidenschaft in der künstlerischen Betätigung wie in der Liebe, Machtausübung und Verwirklichung sowie um verschiedene Formen der Pärchenbildung.

Das Fieber der Schöpfung

Faith ist eine junge Frau, die an Magie glaubt und sich in einem Setting mit Bekannten und #lieblingscafe irgendwie so durchschlägt. Durch eine Zufallsbegegnung gerät sie an Poppy; die beiden verbringen einen aufregenden Tag und landen schließlich zusammen im Bett. Jeder einzelne der sechs Teile hat eine entsprechende relativ explizite Szene, die die Grenzen zwischen zeigbarem und nicht-mehr-zeigbarem sehr eigenwillig definiert.

Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass Faith tatsächlich über magische Kräfte verfügt und diese auch einsetzen kann als sie und Poppy von Hooligans belästigt werden. Daneben ist sie plötzlich in der Lage, ganz andere Kunst zu erschaffen als früher und stellt sogar Werke aus. Ihre neu gewonnenen Fähigkeiten scheinen in enger Beziehung zu stehen zu Poppys Vater, mit dem Faith ebenfalls ein Verhältnis beginnt. Dabei entfernt sie sich immer mehr von ihrer alten Clique.

In einem parallelen Strang wird deutlich, dass es mehrere magische Seiten zu geben scheint. Nicht nur sterben in Faith Umfeld mehrere Bekannte, es taucht auch immer wieder eine alte Frau auf, die Warnungen ausspricht. Es ist die klassische Storyline des Verkaufens der Seele (und einer angemessenen Gegenleistung) die Brian Azzarello hier in einem neuen Gewand ausbreitet. Nach eher klassischen Stories über DC-Ikonen und im Krimi-Umfeld (100 Bullets) ist er jetzt erstmals in einem Horror/Dark Romance-setting tätig und beweist auch hier seine Meisterschaft im Kreieren spannender Bögen über mehrere Hefte hinweg.

Übersinnliche Zeichnungen

Maria Llovet ist zwar keine Unbekannte mehr im Comicgeschäft, gehört aber bisher sicherlich nicht zur absoluten Top-Riege. Sie setzt stark auf Linien und so ist immer eine schwarze Abgrenzung zu sehen. Das passt allerdings zu der etwas nervösen, hektischen Anlage ihrer Panels, die einen filmorientierten Blick auf das Geschehen bieten. Etwas Graphic Novel, etwas Underground aber nicht zu viel um noch Mainstream werden zu können.

Das Grauen, die Lust, die Verzweiflung, ja, die Darstellung aller Emotionen macht ihr Spaß und sie nutzt die Seiten weidlich, um genau das zu tun. Azzarello gibt ihr dafür genügend Raum und treibt die Geschichte zwischendurch weiter. So gibt es immer wieder sehr langsame Parts, die sich mit solchen in beschleunigter Abspielgeschwindigkeit abwechseln. Langeweile kommt dabei nicht auf.

Die Wertung

Für zartbesaitete Gemüter ist das nichts! Wer aber dem Thema Dark Romance nicht gänzlich uninteressiert gegenübersteht, sollte einen Blick riskieren und feststellen, ob Comics die üblichen Romane nicht ergänzen könnten! Die Story ist von einem der Lieblinge der amerikanischen Comic-Szene verfasst und halten sein Nievau, die Zeichnungen ergänzen gleichwertig! Erotik wird hier in verschiedenen Facetten dargestellt, keine davon wird als Norm oder höherwertig klassifiziert. Für Traditionalisten also eher nicht das Richtige.

Wesentlich für mich ist aber auch eine Art von augenzwinkerndem Humor: Die klassische Bedrohung durch männliche Übergriffe wird so gekontert, dass sich die Herren im echten Leben ein solches Verhalten nie wieder trauen würden.  Wie immer gibt es nicht nur ein Vorwort, sondern auch Infos zu den Künstler*innen und Abbildungen der regulären und limitierten Cover.

Dazu passen ein magischer Aperol Spritz und Beth Ditto! Irgendwie Mainstream und irgendwie auch nicht.

© der Abbildungen 2020 A Monkey could do this LLC / Panini Verlag

Bennett/Kristantina – Insexts 2

InSEXts 2 – Nekropolis

Story: Marguerite Bennett
Zeichnungen: 
Ariela Kristantina

Originaltitel: InSEXts 8 – 13

Panini Comics
Prestige | 132 Seiten | Farbe | 17,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1725-6

Der Bodyhorror der Amerikanerin Marguerite Bennet geht in die zweite Runde in Deutschland. Dementsprechend muss nicht mehr viel erklärt werden und die Story kann sofort Fahrt aufnehmen.

Männerwahn und alltägliche Gewalt

Vom Prinzip her geht es – wie so oft – darum, dass Frauen sich so zu verhalten haben, wie es von Männern gewünscht ist. Das gilt umso mehr als die Geschichte im viktorianischen Zeitalter spielt, Frauenrechte also noch vollkommene Wunschvorstellung waren. Es geht aber auch darum, dass nicht alle Frauen bereit sind, sich an diese Regeln zu halten und so finden wir die beiden Protagonisten des ersten Bandes in Paris wieder. Während sich Mariah um ihren kleinen Jungen gekümmert und ein sicheres Heim geschaffen hat, erwacht Lady erst jetzt wieder.

Sie machen Bekanntschaft mit einer jungen Frau – Haruspex – die ebenfalls außergewöhnliche Kräfte zu haben scheint sowie mit einer Gruppe junger Herren, die die Frau als klassisches Schönheitsideal verehren, ihr allerdings kein eigenes Leben erlauben wollen. Mit Hilfe eines magischen Gegenstandes verwandeln sie Frauen und machen sie wehrlos. Natürlich können die Heldinnen das nicht hinnehmen und so kommt es in und unter der Stadt Paris zu einem Showdown der Kräfte.

Die Umsetzung

Ariela Kristantina setzt die Story in einem ganz eigenen Stil um. Einerseits geht es um offenkundige Erotik zwischen den Frauen und um sexualisierte Gewalt der Männer. Andererseits steckt aber auch in der Kombination aus gefährlichem wie schönem Insekt und Frau so viel Poesie, dass es unfair wäre, es auf eines zu reduzieren. Insofern haben wir es hier mit Schauerromantik-Horror der besten Art zu tun!

Viele der Seitenlayouts basieren auf einem großen Bild, in das die die Handlung treibenden Panels eingebettet sind. Diese sind wiederum sehr flexibel in der form und können rechteckig, schräg oder rund sein und lassen daher keine Langeweile aufkommen. Besonders hervorzuheben sind allerdings die ganzseitigen Illustrationen am Anfang und Ende jedes Kapitels.

Auch wenn die Frauen in dieser Geschichte viele Herausforderungen zu bestehen haben und oft nicht nur ihre Identität, sondern auch ihr Leben verteidigen müssen, gibt es doch Hoffnung auf Verwirklichung, auf Liebe und auf eine Zukunft!

Für alle Liebhaber*innen moderner Horror/Schauerromantik abseits von Teenager-TV-Serien fast schon ein Muss!

Dazu passen ein gut gekühlter Rosé und die Downtown Boys, eine queere, diverse, fordernde Band!

© der Abbildungen 2019/2020 Marguerite Bennet/ Aftershock Comics, c/o Panini Verlag

Andolfo – Mercy 1

Die Dame, die Kälte und der Teufel

Story: Mirka Andolfo
Zeichnungen: 
Mirka Andolfo

Originaltitel: Mercy – Prima Volume

Panini Comics

Hardcover | 68 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1756-0

Mercy ist eine neue Serie der Italienerin Mirka Andolfo die gleichzeitig in vier Ländern, Italien, Frankreich, USA und Deutschland, erscheint. Andolfo ist fast schon ein Star der Szene: Einerseits hat sie für die großen Verlage in den USA (Marvel, DC und Image) gearbeitet, andererseits ist ihr „Tier-Comic“ Contronatura – Tierisch menschlich auch hierzulande ganz erfolgreich. Ihre neue Serie hat weder etwas mit Superheld*innen noch mit Tieren zu tun, sondern ist eine Mischung aus Mystery und Horror! Und wie fast immer in diesem Genre hat der Horror auch eine sexuelle Komponente.

Das Setting

Der Schauplatz der Geschichte sind die USA zu einer Zeit da die Entfernungen noch in Pferdekutschen überbrückt wurden und Nachrichten sich nicht in Sekundenschnelle um die halbe Welt verbreitet haben. Lady Nolwenn Hellaine und ihr Begleiter, der sich als Butler ausgibt, kommen mitten in der Nacht während der Ausgangssperre in ein kleines Fleckchen namens Woodsburgh um das Herrenhaus wieder in Beschlag zu nehmen. Wir als Leser*innen wissen, dass die Lady nicht sehr menschlich ist: Weder nimmt sie normale Nahrung zu sich noch braucht sie Schlaf. Viel deutlicher ist allerdings, dass sie sich von Menschen ernährt!

Ebenfalls in diesem Städtchen lebt ein garstiger alter Mann der Waisen zu sich nimmt um sie für sich arbeiten zu lassen. Dazu gehört auch die kleine „Rothaut“, die übersinnliche Fähigkeiten zu haben scheint. Mindestens hat sie Visionen und erkennt auch die Lady in einer davon. Auf der ersten Gesellschaft der neuen adligen Bewohner kommt es zum Eklat…

Die Zeichnungen

Panini Deutschland bringt die Geschichte im Albenformat auf glänzendem Papier was den Zeichnungen mit ihren kräftigen Farben gut zu Gesicht steht. Im kleineren Heftformat würden einige der Details übersehen werden. Gerade die ganzseitigen Illustrationen mit eingestreuten kleineren Panels passen gut zu der Horror-Atmosphäre. Insgesamt wirkt die Kolorierung am Computer manchmal etwas flächiger als die per Hand, aber das ist nun mal ein Zeichen der Zeit.

Die Entwicklung der Figuren über verschiedene Stadien hinweg wird im Anhang netterweise vorbildlich aufgezeichnet; mehrere Entwürfe und Studien sowie die Entwicklung einer Seite vom ersten Entwurf bis zur Druckdatei finden sich als Extra in diesem schönen Hardcover.

Spannender Serienstart der Lust auf mehr macht! Hoffen wir, dass sich die Gute nicht zu viel Zeit mit dem nächsten Band lässt!

Dazu passen Kate Bush und italienischer Rotwein!

© der Abbildungen 2020 Mirka Andolfo / Panini Verlag

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