Interview mit Ralf König

Nach der Eröffnung der Jacques Tilly-Ausstellung in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen hatte ich Gelegenheit, ein wenig mit Ralf König zu plaudern. Ralf ist ein sehr sympathischer Mensch der gerne und viel zu erzählen bereit ist. Das nachfolgende Interview gibt daher nur Teile unseres Gespräches wieder.

(c) Ralf König 2020 vvg-koeln

Wer ist Ralf König?

Kurz zu der Person: Ralf König, Jahrgang 1960, ist ein waschechter Westfale aus Werl. Nach seinem Coming-out Ende der Siebziger Jahre schrieb und zeichnete er erste Schwulen-Comics in Szenezeitschriften, danach auch erste Hefte. Ab Ende der 80-er wurde er auch außerhalb der Schwulencommunity wahrgenommen und mit der Bewegte Mann bei Rowohlt war der Durchbruch endgültig geschafft. Die darauf basierende Verfilmung mit Till Schweiger wurde ein internationaler, preisgekrönter Erfolg und König war endgültig Mainstream geworden. Seine Szenewerke wurden bei Carlsen (erneut) aufgelegt, bei Rowohlt folgten Werke zur Religion und Neuinterpretation klassischer Stücke mit unglaublichen Auflagen und auch die Preise und Ausstellungen folgten. Seit 2014 hat Ralf den ersten Preis für sein Lebenswerk, nämlich seinen insgesamt vierten Max-und-Moritz-Preis.

Still ist er trotzdem nicht geworden. Weiterhin erscheinen neue Werke bei Rowohlt, er engagiert sich im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und hat Frau Dr. Vogt, die Direktorin der LUDWIGSGALERIE überredet, die erste Ausstellung von Jacques Tillys Werken und Skizzen zu organisieren.

Die Sache mit Tucholsky

c-o: Lieber Ralf, vielen Dank für deine wütenden Worte während deiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung gerade eben!

Ralf König: Wütend? Nein, wütend war das eigentlich nicht. Ich kann‘s nur nicht mehr hören, dass immer wieder gefragt wird, was Satire darf oder nicht darf! Die Frage ist falsch, keiner von uns möchte in einem Land leben, in dem Satire aus politischen oder religiösen Gründen nicht alles darf. Das ist doch der Punkt, Satire muss wehtun, muss lächerlich machen, verarschen! Wenn sie das nicht tut, ist der Witz gefällig und harmlos.

c-o: Seit geraumer Zeit werden Karikaturisten aber auch Vertreter*innen von Minderheitenrechten nicht nur verstärkt bedroht, sondern auch angegriffen und zum Teil getötet. Wie siehst du das persönlich? Spürst du die Schere im Kopf?

Ralf König: Na ja, seit der Diskussion um die Karikaturen in Dänemark, seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo und anderer Ereignisse ist es sicherlich nicht leichter geworden. Viele haben Angst und überlegen sich gut, ob und was sie sich trauen. Man darf sich davon aber auch nicht verrückt machen lassen. Das ganze gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt. PC, also Political Correctness wird ja von vielen entweder abgelehnt oder als eine Art neue zehn Gebote eingefordert. Ich zum Beispiel bin ja ein bekannter Veteran der Schwulenbewegung. Nun im Zuge der LGBTQ*-Szene wird das Feld deutlich erweitert, da fordern Transpersonen ihre Rechte ein und Queerfeministinnen kämpfen um Sichtbarkeit. Plötzlich sind wir schwule, alte Männer, die es sich im Laufe der Jahrzehnte bequem gemacht haben. Das ist in dem Ausmaß auch für mich neu und durchaus Grund zur Reflexion. Aber dann wirft mir das Rainbowhouse in Brüssel wegen dieses Wandbildes Rassismus und Transphobie vor! Es ist ein Generationenwechsel, ganz normal, aber schon manchmal kurios.

Altersfragen

c-o: Erreichst du mit deinen Werken eigentlich auch die Jungen oder sind deine Leser mit dir gewachsen?

Ralf König: Nun, ich werde 60 in diesem Jahr. An den Gedanken muss ich mich selbst mal erst gewöhnen, ich hab kaum verstanden, dass ich schon 50 bin. Man gilt was in seiner Generation und wenn man Glück hat, noch etwas darüber hinaus. Aber die jungen, ich sag mal die 20-jährigen, die haben eine ganz andere Realität, die gehen mit den Themen ganz anders um. Auch mit dem Internet, die wachsen da rein, mir bleibt manches fremd. Das wird’s schnell peinlich, wenn die alten Säcke versuchen, noch mal den Jugendslang zu treffen. Davon lass ich mal lieber die Finger. Aber vor kurzem hab ich auf der Comic-Con in Stuttgart signiert und da stand eine Gruppe Teenager in der Schlange. Ich war mir sicher, dass die eine Widmung ‚Für Mama‘ oder noch schlimmer ‚‘Für Opa‘ haben wollten. Aber die strahlten mich an und fanden meine Comics toll und wollten die Signaturen wirklich für sich selber!

Aber natürlich ist es müßig, generationenübergreifend wirken zu wollen. Ich mach das jetzt hier für mich und meine mit mir älter gewordenen Leser. Ich hab den Wunsch nicht, dauerhaft gültig zu sein, ist eh sinnlos.

Die Klassiker

c-o: Hast du denn Beispiele, wo das funktioniert?

Ralf König: Ich entdecke jetzt gerade Lucky Luke neu, Morris war ein so großartiger Zeichner, das ist ein Klassiker, den es noch ne ganze Weile geben wird.

Oder Popeye! Ich habe noch nie Popeye gelesen, ich kannte nur die hysterischen Trickfilme und das ist nicht so mein Ding. Aber gerade die frühen Popeye-Comics sind ja viel origineller, als ich dachte. Überhaupt diese frühen Klassiker, Krazy Kat ist ja so was von toll, was da alles im Hintergrund passiert, was da graphisch los ist. Ich hätte große Lust mal sowas zu machen, einfach mal drauf los, was schlicht Gestricktes, total abgedrehtes. Ich bin mit meinen Geschichten ja mehr auf dem Boden der Tatsachen. Barry Hoden war mal so’n Spass, Science-Fiction, da gings mal mit mir durch. Aber kam nicht so gut an, die Leute waren davon etwas überfordert, glaub ich.  Oder unterfordert, weiß nicht.

c-o: Bei Krazy Kat trifft sich dann der Comic wieder mit der Karikatur, anarchisch, auf den Punkt gebracht, ohne den Zwang, den Leser zwischen Seite 30 und 40 bei der Stange zu halten. Was hältst du von der aktuellen Graphic Novel-Welle? Mir scheint das manchmal eher Selbsttherapie zu sein.

Ralf König: Naja, Graphic Novel klingt ernsthafter als Comic, und genau das scheint mir grad die Messlatte zu sein. Da ist schon trockener Stoff dabei, der nicht weniger trocken wirkt, weil es gezeichnete Geschichten sind. Eine Graphic Novel über Otto von Bismarck, kann man machen, aber ist das ne gute Geschichte?

Kauft Bücher! Kauft Comics!

c-o: Magst du den Leser*innen von comix-online noch irgendwas mitgeben?

Ralf König: Öhm, ja: Von wegen online: Kauft mehr Comics! Hört auf mit der Nase am Smartphone zu kleben, kauft Bücher! Lesen erdet! Oh Gott, ich klinge, als wär ich 60.

c-o: Danke Dir!

Wir hatten dazu übrigens Espresso und keine Musik…

© Abbildungen Ralf König, 2020

(c) Foto Ralf König: Ralf König 2020, vvg-koeln

© Fotos Sven Krantz-Knutzen, 2020

Bennett/Kristantina – Insexts 1

InSEXts 1 – Metamorphose

Story: Marguerite Bennett
Zeichnungen: 
Ariela Kristantina

Originaltitel: InSEXts 1 – 7

Panini Comics
Prestige | 132 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1233-6

Horror ist eine Kategorie, die sich in den letzten Jahren erhöhter Beliebtheit erfreut. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass eine neue Reihe in diesem Gerne erscheint. InSEXts aber ist anders. Obwohl es einen gewöhnlichen Schauplatz gewählt hat, die Geschichte beginnt 1894 in London, und viele Versatzstücke verwendet, die alle an sich schon bekannt sind, ist diese Story der Amerikanerin Marguerite Bennett und der in Jakarta geborenen Ariela Kristantina neu: Frauen sind keinesfalls Opfer einer von Männern oder anderen Monstern dominierten Welt, sondern selbstbewusste, ihre eigene Sexualität lebende und vor allem mordende Handelnde! „Metamorphose“ beschreibt den Weg der unglücklich verheirateten Lady Bertram und Mariah – ursprünglich Dienerin, später aber Lebensgefährtin.

Mariah verhilft ihrer Lady zu einem „Kind“, dass in der Lady heranreift, später aber einen anderen Wirt brauchen wird um sich voll zu entwickeln. Durch dieses Geschenk verwandelt sich aber auch die Trägerin, die sich nun in ein Insekt verwandeln kann. In jener Form ist sie nahezu unverwundbar, allerdings auch tödlich für böse Männer. Wird Lady Bertram den Zustand der Verwandlung kontrollieren können?

Gleichzeitig treibt sich noch ein anderes Ungeheuer auf Londons Straßen herum. Wie es sich gehört, haben die beiden Mutanten natürlich unterschiedliche Auffassungen und versprechen einen netten Kampf. Als Begleitgeschichte gibt es die nervende Verwandtschaft, die versucht, Lady Bertram zu vertreiben. Vor allem aber im Vordergrund steht die Emanzipation und die zunehmend kleiner werdende Bereitschaft der beiden Frauen, Unterdrückung, Missachtung oder männliche Gewalt hinzunehmen.

Die Story ist nicht einzigartig, in ihrer Ausrichtung aber so selten, dass viele bekannte Versatzstücke hier in einem ganz anderen Licht erscheinen. Bennet lässt ihrer Wut auf die bekannte Welt freien Lauf. In ihrem Vorwort erläutert sie noch ein wenig, was dem Körper einer Frau innewohnt, wie er sich verändert (Metamorphose eben) und warum sie daraus eine Horrorgeschichte gemacht hat!

Kristantina zeichnet in einem schnellen, unsauberen Stil. Es ist nicht die (klassische) Schönheit, die sie darstellen will, sondern der Ausdruck, die Emotion, manchmal auch einfach nur der Moment in seiner Abfolge. Teilweise sind die einzelnen Bilder wie verwaschen, teilweise wirken die nicht glatten Linien wie noch nicht fertig. In der Gesamtschau wird daraus aber eine Form, die perfekt zum Inhalt passt. Die Fassade, die der Deckung dient, die Brutalität der Straße, der alltägliche Horror und derjenige zu seiner Beseitigung führen eben zu einem nicht netten Setting. Auch das Dunkel und das Dekors des alten London runden das Ganze im Übrigen ab. Die titelgebenden Szenen sind glatter und weicher gezeichnet, lustvoll aber nicht voyeuristisch und dementsprechend ebenfalls passend.

Lesenswert!

Die Panini-Ausgabe enthält das erste Jahr dieser Serie von Aftershock Comics in einem Band.

Dazu passen ein Glas Rotwein und The Slits!

© der Abbildungen 2019 Aftershock Comics, c/o Panini Verlag