Madsen/Kure – Walhalla 1

Die gesammelte Saga Band 1

Story: Peter Madsen nach Hans Rancke, Per Vadmand & Henning Kure
Zeichnungen: 
Peter Madsen

Edition Roter Drache

Hardcover | 244 Seiten | S/W und Farbe | 40,00 € |

ISBN:   978-3-946425-90-8

Üblicherweise schließe ich ja mit Aussagen zur Ausgabe, aber hier muss ich das umdrehen: So sieht eine fast perfekte Gesamtausgabe aus! Originaltöne der Künstler, Einordnung in die Zeitgeschichte inklusive einiger Anekdoten, viel zusätzliches Bildmaterial und dann auch noch eine Erklärung zu den der Geschichte zugrunde liegenden Sagen in einem schön gemachten Hardcover mit Effektprägung. Vielen Dank! Einzig editorische Notizen über die bisherigen Veröffentlichungen hätten noch zur 10 gefehlt, so bleibt es bei einer grandiosen 9,9!

Die nordische Sagenwelt bei Walhalla

Nicht erst seit Ragnar Lodbrock und seinen Abenteuern in „Vikings“ sind Wikinger und ihre alten Sagen wieder en vogue. Insbesondere im Norden und Osten Deutschlands waren sie aber nie ganz verschwunden und so gab es bei Carlsen zwischen 1987 und 1991 bereits sechs Bände der 15 im dänischen Original erschienen Abenteuer.

Im Vorwort des ersten Bandes der Gesamtausgabe – jeder Band wird drei Geschichten beinhalten – erfahren wir, dass sich Henning Kure, Peter Madsen und Hans Rancke ursprünglich eine Art dänischen Asterix vorgestellt hatten. Sie sind dann aber umgeschwenkt auf die Darstellung der nordischen Götter basierend auf den Liedern sowohl der älteren als auch der jüngeren Edda, den wohl bedeutendsten Sammlungen der skandinavischen Sagenwelt. Während in Deutschland klassische Sagen etwa um Siegfried zwar noch als Hintergrundgeschichte für TV-Verfilmungen dienen oder als Wagnersche Inszenierung zur gesellschaftlichen Hochkultur zählen, sind die Geschichten im hohen Norden noch viel verwurzelter in der Alltagskultur.

Die Edition Roter Drache aus Thüringen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Werke aus den Bereichen Steampunk, Fantasy, Phantastik und Heidentum zu veröffentlichen, allerdings ohne dabei der in Deutschland so oft vorhandenen Konnotation „nordische Mythen“ gleich „rechts“ zu folgen. Die Gesamtausgabe der dänischen Comics erfolgt dadurch aber in einem spannenden Umfeld und der Verlag hofft sicherlich auch darauf, dass die Comicleser*innen einen Blick auf die Bücher werfen und die klassischen Leser*innen an den Comics nicht vorbeigehen werden.

Die Comics

Odin, Thor und Loki dürften auch in Deutschland den meisten Leser*innen grundsätzlich bekannt sein. Was aber ist mit dem Rest der Götterfamilie, den Riesen und den Orten Asgard, Midgard oder Utgard? Wer weiß noch, wer die Seelen der im Kampf gefallenen Krieger nach Walhall bringt? Zur Beantwortung all dieser Fragen dient Odins Reise oder das versäumte Vorwort, das hier ebenfalls abgedruckt worden ist. In sehr kompakter Weise wird hier grafisch der Grund für die weiteren Geschichten gelegt.

In Der Wolf ist los wird die Mythe vom Fenriswolf erzählt. Der Fenriswolf wurde größer und größer, stellte somit eine Gefahr für die Asen, die nordischen Götter, dar und musste in Schach gehalten werden. Natürlich wird diese Mythe in der Comicform etwas ausgeschmückt, folgt aber grundsätzlich wie auch alle folgenden Geschichten dem Original wie es in einer der Eddas erzählt wird. Um die Geschichten näher an die Welt der potentiellen Leser*innen zu bringen und sie kindgerechter erzählen zu können, werden zwei neue Hauptpersonen hinzugeschrieben, die Kinder Tjalfi und seine kleine Schwester Röskva. Der kleine, menschliche Junge wird von Loki verleitet, Blödsinn zu machen und muss daher als Strafe Thor dienen. Auch seine schlaue, aufgeweckte Schwester darf mitkommen und fortan begleiten sie Thor. Obwohl die beiden ein sehr kindliches Element in die Story bringen, schadet das der Erzählung nicht, lockert im Gegensatz sogar auf und verhindert einen „Geschichtsunterricht“.

Thors Brautfahrt bringt die Leser*innen in das Land der Riesen. Thrym hat Thors Hammer gestohlen und verlangt als Preis für die Rückgabe eine Hochzeit mit Freya. Diese ist allerdings keineswegs darauf erpicht zu heiraten und schon gar nicht diesen Riesen. Der einzige Ausweg scheint eine Reise der als Frauen verkleideten Götter Thor und Loki zu sein. Verwechslungsspaß mit Männern in Frauenrollen ist deutlich älter als Tootsie oder Mrs. Doubtfire!

Die letzte Geschichte des ersten Bandes zeigt, dass die nordischen Götter menschlichen Schwächen nicht abgeneigt waren. In Odins Wette lässt sich das Oberhaupt auf einen Wettstreit ein und behauptet, bessere Krieger für Walhall finden zu können als die eigentlich zuständigen Nornen. Während seiner Abwesenheit übernehmen seine chaotischen Brüder die Herrschaft.

Die Zeichnungen

Der erste Band wurde erstmals 1979 veröffentlicht und Peter Madsen hat für die damalige Zeit recht innovativ gezeichnet. Alle Figuren sind etwas überzeichnet und leicht karikiert, Bewegungen wirken eher wie ein Trickfilm im Standbild und der Hintergrund ist manchmal sehr farbig, meistens aber vor allem einfach. Trotzdem ist die Kolorierung von Soeren Hakansson stimmig.

Das ändert sich im Laufe der weiteren Veröffentlichungen deutlich und sehr schnell: die Figuren werden in ihren Proportionen besser, die Hintergründe detaillierter und die Seitenaufteilung variabler. Spätestens ab dem dritten Band merkt man, dass er sich mit seinen Figuren und Settings wohl fühlt.

Seine Schwarzweiß-Zeichnungen und Illustrationen zeigen viel mehr von seinem Können: Düster und ausdrucksstark fängt er die Unwirtlichkeit der Landschaft und die Distanz von Göttern zu Menschen ein. Und das schließt den Kreis zu den einleitenden Worten, denn der Abdruck so vieler zusätzlicher Illustrationen ist nicht unbedingt üblich! Als Bonus gibt es sogar noch eine Geschichte mit dem eingangs erwähnten Ragnar!

Empfehlung für alle, die sich nicht nur für die eingefahrenen Pfade des frankobelgischen Comics interessieren und ein Stück skandinavische Kulturgeschichte zu schätzen wissen. Ab dem dritten Band werden es im Übrigen deutsche Erstveröffentlichungen sein!

Dazu passen Björk und ein Spionen IPA aus Dänemark!

© der Abbildungen Edition Roter Drache, Peter Madsen, Hans Rancke, Per Vadmand, Henning Kure, Soeren Hakansson & Carlsen Verlag 2020

ICOM Comic!-Jahrbuch 2020

ICOM Comic!-Jahrbuch 2020

Hrsg: Burkhard Ihme

Interessenverband Comic e. V. ICOM

Din A4 | 272 Seiten | Farbe | 15,25 €

ISBN: 978-3-88834-950-8

Ihr sitzt wegen Corona zuhause und wisst nicht, was ihr tun sollt? Das Comic! Jahrbuch 2020 bietet genügend Lesestoff auf 272 Seiten!

Kurz zum Hintergrund: Der Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V. ICOM existiert bereits seit 1981 und bemüht sich darum, Zeichner*innen und Autor*innen ein Forum für Meinungs- und Informationsaustausch zu bieten um dadurch ihre berufliche Situation zu verbessern. Der ICOM ist anerkannter Berufsfachverband und bietet für seine Mitglieder nicht nur Infos, sondern auch konkrete Beratung und Hilfestellung. Das Jahrbuch ist also auch als Werbung zu verstehen für den Verband, vor allem aber auch für seine Mitglieder und hat daher einen extrem niedrigen Verkaufspreis!

Die Becker/König/Crumb-Kontroverse

War das letzte Jahrbuch noch von der Diskussion um die Juryzusammensetzung für den 25. ICOM Independent Comic-Preis geprägt, bewegt dieses Jahr eine andere Auseinandersetzung die Gemüter: Franziska Becker, langjährige Karikaturistin und EMMA-Zeichnerin, wird vorgeworfen, Islamophob zu sein indem sie muslimische Frauen mit Kopftuch verunglimpfe, Ralf König soll auf seinem Wandbild für das Brüsseler Rainbow-Haus transphobe und rassistische Vorurteile transportiert haben und auf internationaler Bühne wird Robert Crumb gewaltverherrlichender Sexismus und Rassismus vorgeworfen. Ein großer Teil dieses Jahrbuchs versucht mit Artikeln und Interviews Sachlichkeit in der Diskussion zu ermöglichen und fragt, ob sich Bewertungsmaßstäbe ändern können oder müssen!

Den Hintergrund bildet immer wieder die Frage, was Satire darf oder sogar muss, ob Grenzen des guten Geschmackes auch Grenzen der Moral sind und wo Überspitzung zu Hate Speech wird. Ist es noch ein Stilmittel, wenn große Lippen zur Kennzeichnung von People of Colour gezeichnet werden? Wie groß ist der Unterschied zu einer Hakennase oder anderen antisemitischen Klischees? Wenn ich religiösen Fanatismus kritisieren möchte, muss ich dann immer mindestens drei Religionen gleichzeitig kritisieren oder kann ich mich in der Auswahl beschränken? Und darf ich dann immer wieder die gleiche einschränkende Auswahl treffen? Schwierige Fragen, die auf Stammtisch-Niveau nicht zu beantworten sind! Der Ansatz, sachliche Informationen aus erster Hand durch Interviews und verschiedenste Artikel zu bieten, ist dabei meiner Ansicht nach als sehr positiv zu bezeichnen!

Das Jahrbuch bietet auf mehr als 50 (Din A-4) Seiten O-Töne von Crumb und König sowie viel Hintergrundinfo und Zusammenfassungen der Kritik!

Die deutsche Comicszene

Was wäre das Jahrbuch des ICOM ohne eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung des deutschen Marktes… Würdigungen des Münchner Comicfestes und der „Cons“ machen den Anfang der thematischen Artikel; Berichte über I. Astalos und seine Beiträge für das deutsche MAD und ein Bericht zum 50. Geburtstag der U-Comix folgen. Es geht aber auch um ein neues Magazin über SF-Comics und eine Internetplattform verschiedenster Künstler*innen namens Toonsup. Leider auch ein Thema sind Nachrufe.

Im Bereich Atelier werden fünf Kreative etwas ausführlicher vorgestellt, viele andere dagegen mit einer Aktualisierung der Werkschau! Unverzichtbar für alle, die einen Überblick über die deutsche Independentszene gewinnen oder behalten wollen!

Niederlande, USA und andere Länder

Alles andere als provinziell zu sein war schon immer der Anspruch des ICOM! Die Berichte über andere Länder sind aber dreifach anders als normal: Neben Berichten aus Frankreich und den USA gibt es auch noch die Niederlande, Italien und Japan; die Betrachtungen konzentrieren sich auf Entwicklungen der Independents und sie sind ebenfalls nicht nur reich bebildert, sondern auch sehr persönlich verfasst! Lesenswert sind sie alle, als Anlesetipp möchte ich die Geschichte der StripSchrift nennen. Dazu kommt noch mein Favorit in dieser Rubrik: historische Vorbilder für Comiczeichnungen. Vor allem die Ähnlichkeiten zu Märklin-Katalogen sind verblüffend!

Die Preisträger*innen

Eine vierköpfige Jury hat die Aufgabe übernommen, den ICOM Independent Comic-Preis 2019 für Eigenproduktionen zu bestimmen. Für 2020 sind weitere Veränderungen geplant. Wie immer sind im Jahrbuch die Preisträger*innen mit Begründung und Leseproben versammelt und schon das sollte ein Grund für das Kaufen und Lesen dieses Jahrbuches sein!

Als Bester Independent-Comic wurde im Juni 2019 „Don’t touch it!“ von Timo Grubing, erschienen bei Zwerchfell ausgezeichnet. Horror bleibt preiswürdig! Der Verlag konnte noch zwei weitere Preise abräumen, unter anderem für die beste Newcomerin Natalie Ostermaier, die sich in Kramer mit Religion und Hexenverfolgung auseinandersetzt. Alle Preisträger*innen gibt es hier.

Der Sonderpreis für Guido Weißhahn soll noch kurz Erwähnung finden: Guido baut seit Jahren an einem Archiv für in der DDR erschienene Comics oder besser Bildgeschichten und leistet einen großen Beitrag zur Aufarbeitung und Bewahrung dieses Teils der deutschen Comic-Geschichte!

Das Fazit

Auch wenn der Trickfilm dieses Jahr etwas kurz gekommen ist, bleibt das ICOM Comic!-Jahrbuch unverzichtbares Rüstzeug für alle, die auch jenseits des Mainstreams nach guten Comics suchen, über die Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben wollen und bereit sind, über das Gelesene vielleicht auch noch mal zu reflektieren! Diskussionen sind schmerzhaft und das Ändern liebgewonnener Gewohnheiten weder von vornherein richtig noch falsch. Die Diskussion darüber ist aber notwendig.

Dazu passen neben einem kühlen Kopf und Wasser für die diskursiven Teile und ein Ipanema für die anderen sowie Musik von Blaggers ITA!

© Interessenverband Comic e. V. ICOM 2020

© der Abbildungen bei den Verlagen, Zeichner*innen, Autor*innen und Fotograph*innen

Schwarwel – Gevatter 1

Kapitel 1: Verleugnung

Story: Schwarwel

Zeichnungen: Schwarwel

Glücklicher Montag

Heft | 36 Seiten | SW | 3,90 € |

ISBN: 978-3-9817615-7-3 (regulär) | 978-3-9817615-8-0 (variant)

Schwarwel ist dem einen oder der anderen frühen Leser*in von comix-online noch aus den Zeiten von EEE (Extrem Erfolgreich Enterprises) und als Mastermind des Schweinevogels bekannt. Mittlerweile hat er sich hauptsächlich auf das Zeichnen von Karikaturen verlegt, die unter anderem über Facebook für jede*n frei verfügbar sind und arbeitet bei „Glücklicher Montag“ unter anderem an Trickfilmen.

Gevatter ist Schwarwels erstes Comicprojekt seit einigen Jahren; der erste Teil ist gerade sowohl in einer regulären Ausgabe als auch als Variant mit einem Titelbild von Sascha Wüstefeld (Das UpGrade) erschienen. Die Hefte 2 – 5 sollen in kurzen Abständen folgen.

Der Inhalt

Die Graphic Novel wird von der FUNUS Stiftung herausgegeben die sich für einen unverkrampften Umgang mit dem Tod einsetzt. Jeder Mensch muss früher oder später sterben und mehr man sich im Vorfeld damit auseinandergesetzt hat, desto besser kann man damit umgehen. So veranstaltet die Stiftung z. B. das Leipziger Endlichkeitsfest „Die Stadt der Sterblichen“ vom 6. bis 29. September mit. Sie unterstützt aber auch Publikationen, die sich mit dem Tod beschäftigen und somit auch den Gevatter.

Schwarwel hat eine sehr persönliche Geschichte geschrieben: Tim, der in seinem Heranwachsen gezeigt wird, ist das Alter Ego des Autors. Es beginnt mit einem verzweifelten Anruf: der „Held“ dieser Story steht kurz davor, sich das Leben zu nehmen, ruft aber noch einmal einen Freund an, dem er damals in einer ähnlichen Situation geholfen hatte. Nun also muss der Freund das Gleiche tun…

In Rückblicken wird dann die Geschichte des kleinen jungen erzählt, der wie alle Kinder immer wieder mit dem Tod konfrontiert wird. Sei es die alte Frau, der verletzte Igel oder die potentiell tödliche Krankheit. Keinem Kind können diese Situationen erspart werden. Es bleibt aber zu hoffen, dass nicht alle Kinder mit ihren Fragen alleine gelassen werden…

Im weiteren Verlauf der Serie werden noch weitere persönliche Erlebnisse des Künstlers thematisiert werden: Alkohol, Depressionen, Sucht und Verzweiflung. Es gehört unheimlich viel Mut dazu, sein Innerstes so offen zu legen, sich angreifbar zu machen und die Deckung zu verlassen.

Gerade dieser Mut ermöglicht es aber auch, die im Anhang abgedruckten Adressen zur Hilfe bei Depressionen, schweren Krankheiten oder Trauerbegleitung nicht als Werbung zu verstehen sondern als Angebot von jemand, der weiß, wovon er spricht.

Genau diese Tiefe und der Wille zum Diskurs kommen auch aus den Interviews mit Schwarwel selbst, Sascha Wüsterfeld und Frank Pasic, dem Vorsitzenden von FUNUS zum Ausdruck.

Die Umsetzung

Die Graphic Novel erscheint in schwarz-weiß und damit in dem einzig passenden Rahmen. Farbe würde die Details überdecken und auch eine falsche Stimmung repräsentieren. Die Seiten folgen im Prinzip dem 3×3-Aufbau, sind aber flexibel und erlauben somit ein Zusammenfassen oder aber auch ein Verteilen des Motivs auf mehrere Panels.

Der Horror im Gesicht des jungen Tim, die Verzweiflung und Hoffnung im Gesicht des älteren brauchen keine Worte zur Unterstützung sondern erklären das gesamte Setting aus sich heraus. Machtverhältnisse, Schrecken und Rückzugsräume sind deutlich zu erkennen und erlauben eine fast filmische Rezeption.

Der faire Preis, die Gestaltung mit festem Einband und das Variantcover von jeweils unterschiedlichen Künstler*innen sollten ebenfalls dazu beitragen, dass die Geschichte über den Tod und den Umgang damit ihre Käufer*innen findet! Für mich definitiv ein Kandidat für die Top 5 des Jahres!

Dazu passen A place to bury strangers und ein Rotwein.

© der Abbildungen 2019 Glücklicher Montag und Schwarwel

ICOM Comic!-Jahrbuch 2019

Hrsg: Burkhard Ihme

Interessenverband Comic e. V. ICOM

Din A4 | 256Seiten | Farbe | 15,25 €

ISBN: 978-3-88834-949-2

cover ComicJahrbuch 2019

Schon zum 19-ten Mal bringt der ICOM sein Jahrbuch heraus und es ist wieder vollgepackt mit Artikeln über die deutsche Independent-Szene!

Der Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V. ICOM existiert bereits seit 1981 und bemüht sich darum, Zeichner*innen und Autor*innen ein Forum für Meinungs- und Informationsaustausch zu bieten um dadurch ihre berufliche Situation zu verbessern. Der ICOM ist anerkannter Berufsfachverband und bietet für seine Mitglieder nicht nur Infos sondern auch konkrete Beratung und Hilfestellung. Ein Baustein dabei ist das Jahrbuch, das gleichzeitig auch als Werbung nach Außen dient und die sonst eher nicht im Rampenlicht stehende Independent-Szene präsentiert.

Das diesjährige Jahrbuch hat einen ungeplanten Schwerpunkt da es insbesondere in Erlangen auf dem Salon eine Kontroverse um die Besetzungder Jury für den 25. ICOM Independent Comic-Preis gab. Ein Jurymitglied bemängelte die Zusammensetzung als nicht divers genug und bezog sich explizit auf das Verhältnis von Männern und Frauen. In der Auseinandersetzung mit demVorwurf beschäftigen sich einige Artikel mit diesem Vorwurf aus persönlicher aber auch allgemeiner Sichtweise: Beschränkt sich der Vorwurf auf das Verhältnis Mann/Frau oder greift das zu kurz da auch sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Alter, Religion und weitere Kriterien zu berücksichtigen sein. Zudem scheint auch die Möglichkeit genügend Zeit investieren zu können ein nicht zuunterschätzender Faktor zu sein. Möge sich jede*r selbst eine Meinung dazubilden. Meiner Meinung nach ist diese Diskussion wichtig, sollte aber sachlich geführt werden…

Comic-Jahrbuch 2019 page 173

Einen weiteren Schwerpunkt bieten die diesjährigen Preisträger*innen, dient diese Publikation doch auch dazu, die Gewinner*innen der Öffentlichkeit vorzustellen und ihre Fähigkeiten herauszustellen. Natürlich gibt es eine Übersicht der Nominierten und die jeweiligen Gewinner*innen der Sparten „Bester Independent-Comic“, „Bester Kurzcomic“, „Herausragendes Szenario“, „Herausragendes Artwork“, 2 Sonderpreise und beste*r Newcomer*in.  Es werden aber auch Interviews mit den Preisträger*innen unterstützt durch eine Vielzahl von Beispielen der jeweiligen Arbeiten und Aus- und Einblicke in die jeweiligen Portfolios gegeben. Alle Beiträge stehen unter der Leitlinie, dass es hier nicht um Stars geht sondern um Aktive, die keinesfalls im Scheinwerferlicht der Medien oder des Feuilletons stehen. Nebenbei kommt aber auch immer wieder ein wenig Stolz zum Vorschein wenn es darum geht, dass der eine oder die andere in einer Independent-Veröffentlichung ihre ersten Schritte gemacht haben und sich dann zum erfolgreichen Mainstream „hoch-“ oder besser weiterentwickelt haben. In allen Beiträgen geht es aber auch darum, ob und wie sich die jeweiligen zu dem Konflikt verhalten haben und warum.

Auch der Artikel über die holländische Szene hat ein politisches Thema als Ausgangspunkt: Ist der Umgang mit de zwarte Piet, dem Sidekick für den holländischen Santa, noch zeitgemäß oder rassistisch konnotiert?

Dieser Teil ist sicherlich in der aktuellen Sekundärliteratur in Deutschland einzigartig. Nirgendwo sonst wird das Thema„Comic“ mit dieser politischen Herangehensweise gesehen. Immer wieder spielen Rassismus (beim Thema Flüchtlinge/Migration oder auch Sklaverei), Sexismus (ja,auch ohne #metoo ein Thema!) oder Kapitalismus eine Rolle, nirgendwo aber miteiner solchen Schärfe und Diskussionstiefe, die an die 80er Jahre erinnert.

ComicJahrbuch 2019 page 28

Daneben (und eigentlich wohl im Vordergrund geplant) gibt es eine Reihe von Artikeln über die aktuelle Independent-Szene aus verschiedenen Blickwinkeln: Welche Arbeitsmittel werden benutzt?, Wo kommen die Ideen her?, Sind Web-Comic-Erfolge auf Print-Ausgaben übertragbar?, Wieviel Arbeitszeit mit anderen Dingen brauche ich, um mir Arbeitszeit mit Comics leisten zu können? Nicht nur für Szenebeteiligte aufschlussreich und unbedingt lesenswert! Oft erwähnt und mittlerweile für alle bekannt ist, dass man in Deutschland nur sehr schwer vom Comic-Zeichnen leben kann. Was das aber konkret bedeutet lässt sich hier wieder einmal anschaulich in konkreten Beispielen erfahren.

Spannend finde ich das Interview mit Eckart Sackmann über Die Deutsche Comicforschung daseinerseits die Verdienste der letzten Jahre würdigt, andererseits  aber auch die Probleme (der heutigen Zeit?)mit tiefgründiger Recherche und Analyse beschreibt. Wie viele Autor*innenwollen noch so tief einsteigen und sich wissenschaftlich mit einem Themabeschäftigen wenn es doch auch mit wenigen Zeichen möglich ist? Nebenbei äußerter sich auch über die Zukunft seines Verlages der im Auslaufen begriffen ist.Weitere Artikel des Bereiches „Verlage und Literatur“ beschäftigen sich mit demThema der Definition „Comic“, italienischer Comic-Kunst oder dem Jubiläum des Zwerchfell-Verlages.

Hilfreich ist sicherlich die Ankündigung der Neuauflage des ICOM-Ratgebers „Honorare, Verträge, Urheberrecht“ von Christof Ruoss, Frank Pfeiffer und RA Martin Boden, die schon in ihrer Kurzform nützliche Informationen liefert. Gerade für„nebenbei“ Tätige oder Neulinge ist das einer der Fallstricke, der sehr teuer werden kann. Dazu gibt es Einblicke in verschiedene Geschäftsmodelle, Versicherungen und Berufsverbände! (ISBN 978-3-88834-924-9; 208 Seiten; 20,-€)

ComicJahrbch 2019 page 230

Mit diesen Preis überhaupt keine Frage: Auch wenn Teile des Inhalts sicherlich nicht für jede*n von Interesse sind, bietet das Jahrbuch für alle, die mehr wollen als bunte Bilder zu konsumieren, genügend Lesestoff, Einblicke mit vielfältigen schwarzweißen oder farbigen Illustrationen in die aktuelle Szene und Hilfestellungen und sollte daher in keinem Bücherschrank fehlen.

Dazu passt No Respect – Excuse my smile am besten! Unterstützung bietet ein Rotwein (und wem hierzu ein alter Spontispruch einfällt sei gegrüßt!), gerne auch vegan. Für die Infoteile und die Interviews wäre auch ein starker fairgehandelter Kaffee nicht zu verachten.

© 2018 Interessenverband Comic e. V. ICOM 2018

© der Abbildungen bei den Verlagen, Zeichnern, Autoren und Fotographen