Schwarwel – Gevatter 1

Kapitel 1: Verleugnung

Story: Schwarwel

Zeichnungen: Schwarwel

Glücklicher Montag

Heft | 36 Seiten | SW | 3,90 € |

ISBN: 978-3-9817615-7-3 (regulär) | 978-3-9817615-8-0 (variant)

Schwarwel ist dem einen oder der anderen frühen Leser*in von comix-online noch aus den Zeiten von EEE (Extrem Erfolgreich Enterprises) und als Mastermind des Schweinevogels bekannt. Mittlerweile hat er sich hauptsächlich auf das Zeichnen von Karikaturen verlegt, die unter anderem über Facebook für jede*n frei verfügbar sind und arbeitet bei „Glücklicher Montag“ unter anderem an Trickfilmen.

Gevatter ist Schwarwels erstes Comicprojekt seit einigen Jahren; der erste Teil ist gerade sowohl in einer regulären Ausgabe als auch als Variant mit einem Titelbild von Sascha Wüstefeld (Das UpGrade) erschienen. Die Hefte 2 – 5 sollen in kurzen Abständen folgen.

Der Inhalt

Die Graphic Novel wird von der FUNUS Stiftung herausgegeben die sich für einen unverkrampften Umgang mit dem Tod einsetzt. Jeder Mensch muss früher oder später sterben und mehr man sich im Vorfeld damit auseinandergesetzt hat, desto besser kann man damit umgehen. So veranstaltet die Stiftung z. B. das Leipziger Endlichkeitsfest „Die Stadt der Sterblichen“ vom 6. bis 29. September mit. Sie unterstützt aber auch Publikationen, die sich mit dem Tod beschäftigen und somit auch den Gevatter.

Schwarwel hat eine sehr persönliche Geschichte geschrieben: Tim, der in seinem Heranwachsen gezeigt wird, ist das Alter Ego des Autors. Es beginnt mit einem verzweifelten Anruf: der „Held“ dieser Story steht kurz davor, sich das Leben zu nehmen, ruft aber noch einmal einen Freund an, dem er damals in einer ähnlichen Situation geholfen hatte. Nun also muss der Freund das Gleiche tun…

In Rückblicken wird dann die Geschichte des kleinen jungen erzählt, der wie alle Kinder immer wieder mit dem Tod konfrontiert wird. Sei es die alte Frau, der verletzte Igel oder die potentiell tödliche Krankheit. Keinem Kind können diese Situationen erspart werden. Es bleibt aber zu hoffen, dass nicht alle Kinder mit ihren Fragen alleine gelassen werden…

Im weiteren Verlauf der Serie werden noch weitere persönliche Erlebnisse des Künstlers thematisiert werden: Alkohol, Depressionen, Sucht und Verzweiflung. Es gehört unheimlich viel Mut dazu, sein Innerstes so offen zu legen, sich angreifbar zu machen und die Deckung zu verlassen.

Gerade dieser Mut ermöglicht es aber auch, die im Anhang abgedruckten Adressen zur Hilfe bei Depressionen, schweren Krankheiten oder Trauerbegleitung nicht als Werbung zu verstehen sondern als Angebot von jemand, der weiß, wovon er spricht.

Genau diese Tiefe und der Wille zum Diskurs kommen auch aus den Interviews mit Schwarwel selbst, Sascha Wüsterfeld und Frank Pasic, dem Vorsitzenden von FUNUS zum Ausdruck.

Die Umsetzung

Die Graphic Novel erscheint in schwarz-weiß und damit in dem einzig passenden Rahmen. Farbe würde die Details überdecken und auch eine falsche Stimmung repräsentieren. Die Seiten folgen im Prinzip dem 3×3-Aufbau, sind aber flexibel und erlauben somit ein Zusammenfassen oder aber auch ein Verteilen des Motivs auf mehrere Panels.

Der Horror im Gesicht des jungen Tim, die Verzweiflung und Hoffnung im Gesicht des älteren brauchen keine Worte zur Unterstützung sondern erklären das gesamte Setting aus sich heraus. Machtverhältnisse, Schrecken und Rückzugsräume sind deutlich zu erkennen und erlauben eine fast filmische Rezeption.

Der faire Preis, die Gestaltung mit festem Einband und das Variantcover von jeweils unterschiedlichen Künstler*innen sollten ebenfalls dazu beitragen, dass die Geschichte über den Tod und den Umgang damit ihre Käufer*innen findet! Für mich definitiv ein Kandidat für die Top 5 des Jahres!

Dazu passen A place to bury strangers und ein Rotwein.

© der Abbildungen 2019 Glücklicher Montag und Schwarwel

ICOM Comic!-Jahrbuch 2019

Hrsg: Burkhard Ihme

Interessenverband Comic e. V. ICOM

Din A4 | 256Seiten | Farbe | 15,25 €

ISBN: 978-3-88834-949-2

cover ComicJahrbuch 2019

Schon zum 19-ten Mal bringt der ICOM sein Jahrbuch heraus und es ist wieder vollgepackt mit Artikeln über die deutsche Independent-Szene!

Der Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V. ICOM existiert bereits seit 1981 und bemüht sich darum, Zeichner*innen und Autor*innen ein Forum für Meinungs- und Informationsaustausch zu bieten um dadurch ihre berufliche Situation zu verbessern. Der ICOM ist anerkannter Berufsfachverband und bietet für seine Mitglieder nicht nur Infos sondern auch konkrete Beratung und Hilfestellung. Ein Baustein dabei ist das Jahrbuch, das gleichzeitig auch als Werbung nach Außen dient und die sonst eher nicht im Rampenlicht stehende Independent-Szene präsentiert.

Das diesjährige Jahrbuch hat einen ungeplanten Schwerpunkt da es insbesondere in Erlangen auf dem Salon eine Kontroverse um die Besetzungder Jury für den 25. ICOM Independent Comic-Preis gab. Ein Jurymitglied bemängelte die Zusammensetzung als nicht divers genug und bezog sich explizit auf das Verhältnis von Männern und Frauen. In der Auseinandersetzung mit demVorwurf beschäftigen sich einige Artikel mit diesem Vorwurf aus persönlicher aber auch allgemeiner Sichtweise: Beschränkt sich der Vorwurf auf das Verhältnis Mann/Frau oder greift das zu kurz da auch sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Alter, Religion und weitere Kriterien zu berücksichtigen sein. Zudem scheint auch die Möglichkeit genügend Zeit investieren zu können ein nicht zuunterschätzender Faktor zu sein. Möge sich jede*r selbst eine Meinung dazubilden. Meiner Meinung nach ist diese Diskussion wichtig, sollte aber sachlich geführt werden…

Comic-Jahrbuch 2019 page 173

Einen weiteren Schwerpunkt bieten die diesjährigen Preisträger*innen, dient diese Publikation doch auch dazu, die Gewinner*innen der Öffentlichkeit vorzustellen und ihre Fähigkeiten herauszustellen. Natürlich gibt es eine Übersicht der Nominierten und die jeweiligen Gewinner*innen der Sparten „Bester Independent-Comic“, „Bester Kurzcomic“, „Herausragendes Szenario“, „Herausragendes Artwork“, 2 Sonderpreise und beste*r Newcomer*in.  Es werden aber auch Interviews mit den Preisträger*innen unterstützt durch eine Vielzahl von Beispielen der jeweiligen Arbeiten und Aus- und Einblicke in die jeweiligen Portfolios gegeben. Alle Beiträge stehen unter der Leitlinie, dass es hier nicht um Stars geht sondern um Aktive, die keinesfalls im Scheinwerferlicht der Medien oder des Feuilletons stehen. Nebenbei kommt aber auch immer wieder ein wenig Stolz zum Vorschein wenn es darum geht, dass der eine oder die andere in einer Independent-Veröffentlichung ihre ersten Schritte gemacht haben und sich dann zum erfolgreichen Mainstream „hoch-“ oder besser weiterentwickelt haben. In allen Beiträgen geht es aber auch darum, ob und wie sich die jeweiligen zu dem Konflikt verhalten haben und warum.

Auch der Artikel über die holländische Szene hat ein politisches Thema als Ausgangspunkt: Ist der Umgang mit de zwarte Piet, dem Sidekick für den holländischen Santa, noch zeitgemäß oder rassistisch konnotiert?

Dieser Teil ist sicherlich in der aktuellen Sekundärliteratur in Deutschland einzigartig. Nirgendwo sonst wird das Thema„Comic“ mit dieser politischen Herangehensweise gesehen. Immer wieder spielen Rassismus (beim Thema Flüchtlinge/Migration oder auch Sklaverei), Sexismus (ja,auch ohne #metoo ein Thema!) oder Kapitalismus eine Rolle, nirgendwo aber miteiner solchen Schärfe und Diskussionstiefe, die an die 80er Jahre erinnert.

ComicJahrbuch 2019 page 28

Daneben (und eigentlich wohl im Vordergrund geplant) gibt es eine Reihe von Artikeln über die aktuelle Independent-Szene aus verschiedenen Blickwinkeln: Welche Arbeitsmittel werden benutzt?, Wo kommen die Ideen her?, Sind Web-Comic-Erfolge auf Print-Ausgaben übertragbar?, Wieviel Arbeitszeit mit anderen Dingen brauche ich, um mir Arbeitszeit mit Comics leisten zu können? Nicht nur für Szenebeteiligte aufschlussreich und unbedingt lesenswert! Oft erwähnt und mittlerweile für alle bekannt ist, dass man in Deutschland nur sehr schwer vom Comic-Zeichnen leben kann. Was das aber konkret bedeutet lässt sich hier wieder einmal anschaulich in konkreten Beispielen erfahren.

Spannend finde ich das Interview mit Eckart Sackmann über Die Deutsche Comicforschung daseinerseits die Verdienste der letzten Jahre würdigt, andererseits  aber auch die Probleme (der heutigen Zeit?)mit tiefgründiger Recherche und Analyse beschreibt. Wie viele Autor*innenwollen noch so tief einsteigen und sich wissenschaftlich mit einem Themabeschäftigen wenn es doch auch mit wenigen Zeichen möglich ist? Nebenbei äußerter sich auch über die Zukunft seines Verlages der im Auslaufen begriffen ist.Weitere Artikel des Bereiches „Verlage und Literatur“ beschäftigen sich mit demThema der Definition „Comic“, italienischer Comic-Kunst oder dem Jubiläum des Zwerchfell-Verlages.

Hilfreich ist sicherlich die Ankündigung der Neuauflage des ICOM-Ratgebers „Honorare, Verträge, Urheberrecht“ von Christof Ruoss, Frank Pfeiffer und RA Martin Boden, die schon in ihrer Kurzform nützliche Informationen liefert. Gerade für„nebenbei“ Tätige oder Neulinge ist das einer der Fallstricke, der sehr teuer werden kann. Dazu gibt es Einblicke in verschiedene Geschäftsmodelle, Versicherungen und Berufsverbände! (ISBN 978-3-88834-924-9; 208 Seiten; 20,-€)

ComicJahrbch 2019 page 230

Mit diesen Preis überhaupt keine Frage: Auch wenn Teile des Inhalts sicherlich nicht für jede*n von Interesse sind, bietet das Jahrbuch für alle, die mehr wollen als bunte Bilder zu konsumieren, genügend Lesestoff, Einblicke mit vielfältigen schwarzweißen oder farbigen Illustrationen in die aktuelle Szene und Hilfestellungen und sollte daher in keinem Bücherschrank fehlen.

Dazu passt No Respect – Excuse my smile am besten! Unterstützung bietet ein Rotwein (und wem hierzu ein alter Spontispruch einfällt sei gegrüßt!), gerne auch vegan. Für die Infoteile und die Interviews wäre auch ein starker fairgehandelter Kaffee nicht zu verachten.

© 2018 Interessenverband Comic e. V. ICOM 2018

© der Abbildungen bei den Verlagen, Zeichnern, Autoren und Fotographen