Aidans/Duval – Sven Janssen GA 1

Gesamtausgabe Band 1: 1963 – 1967

Story: Édouard Aidans
Zeichnungen: 
Jacques Acar, Yves Duval

Kult Comics

Hardcover | 264 Seiten | Farbe | 45,00 € | 
ISBN: 978-3-96430-185-7

Cover Sven Janssen Integral 1

Édouard Aidans war einer derjenigen, die mit ihren Serien das Koralle-ZACK maßgeblich geprägt haben. Am bekanntesten sind sicherlich seine Geschichten über Tunga vom Stamme der Ghmour und seine Gefährt*innen. Aber auch Tony Stark war von den Leser*innen hoch geschätzt worden. Daneben gab es aber auch noch eine Reihe, die ein wenig aus dem Rahmen fällt: ein Reporter macht sich mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn auf, um auf allen Kontinenten Naturdokumentationen zu drehen, auf Probleme wie Unterernährung und Wasserknappheit hinzuweisen und für bessere Bildung einzutreten. Natürlich ist die Rede von Marc Franval oder Sven Janssen, dessen gesammelte Geschichten jetzt ebenfalls bei Kult Comics erscheinen.

Logo Sven Janssen

Am Anfang stand ein Playboy

1963 waren noch Stereotypen gefragt und auch Marc Franval startete entsprechend. Er war ein Playboy, der von Jacques Acar wie „just another hero“ angelegt war: keine finanziellen Sorgen, gepflegter Umgang, Schriftsteller, der auf der ganzen Welt zuhause ist. In Sven Janssen jagt den Kondor verschlägt es ihn nach Polynesien. Dort muss er sich mit einer Bande von Gangstern herumschlagen zu der auch ein ehemaliger deutscher Nazi gehört. Schon in diesem ersten Abenteuer bekommt er aber einen jugendlichen Sidekick.

Sven Janssen Integral 1 page 19

Es geht aber trotzdem nicht in Serie. Stattdessen erscheinen im folgenden Jahr zunächst Kurzgeschichten von Yves Duval mit einem veränderten Setting. Aus dem Playboy ist ein Familienvater geworden, die Schriftstellerei ist gegenüber dem Drehen von Filmen in den Hintergrund getreten und die Familie unternimmt nun ihre Streifzüge in einem roten VW-Bus. Blutiges Elfenbein lässt aber bereits deutlich erkennen, dass es nicht wie in den Kurzgeschichten darum gehen wird, Großwild darzustellen; das Krimi-Element bleibt erhalten. Und auch Visa für drei Kontinente macht klar, dass es für Svens Frau Britta und den kleinen Didi nicht immer einfach und gefahrlos zugeht. Neben der beherrschbaren Gefahr durch wilde Tiere sind es immer wieder Kriminelle, die die Familienmitglieder bedrohen, kidnappen oder sogar verletzen. Der Held arbeitet dabei immer auch an seinen Filmen und bekommt dadurch die Chance, Missstände anzuprangern.

Wieder zurück in Afrika scheint in Geieralarm eine fast vergessene afrikanische Sekte einen neuen Aufstand zu proben. Heute mag das fast wie Folklore erscheinen, Ende der 60er Jahre waren antikoloniale Aufstände allerdings durchaus ein Thema. Jagd durch Marokko ist das erste Album mit der heute gebräuchlichen Standardseitenzahl von 44. Die vorherigen waren auf 30 begrenzt und ließen daher weniger Raum für das Ausbreiten der Story. Wieder wird Sven ungewollt in eine Geschichte verwickelt, die ihn dieses Mal in die Wüste verschlägt.

Sven Janssen Integral 1 page 25

Schließlich geht es in Reiseziel Desertas um Kunst. Zwei auf den amerikanischen Straßen geschulte Mietgangster sorgen dabei für die Spannung. Man merkt den wechselnden zeitlichen Einfluss, obwohl die Geschichten doch in dem kleinen Zeitraum von 5 Jahren entstanden sind. Anfangs der eloquente Held, den nichts aus der Ruhe bringt, solange er seine Pfeife hat, am Ende brutale Gangster, die vor nichts zurückschrecken (naja, verglichen mit heutigen TV-Serien waren auch das noch harmlose Exemplare). Was man allerdings auch merkt ist das Rollenbild, dass Brittas Rolle einengt. Sie darf einkaufen, Pflaster kleben und vor allem natürlich kochen und abwaschen, während sich die Männer in die Gefahr begeben.

Natur und Action im Tintin-Stil

Aidans zeichnete für das Magazin Tintin/Kuifje. Dementsprechend ist sein Stil natürlich auch geprägt durch den alles dirigierenden Chef im Hintergrund, Hergé. In einem Interview hat ein Mitarbeiter dieses Magazins mal gesagt, dass er selbst nachts davon träume von Hergé kontrolliert zu werden. In diesem Fall war das augenscheinlich nicht schlecht. Im Laufe der Jahre werden die Zeichnungen sicherer und flotter.

ExLibri Sven Janssen Integral 1 VZA
ExLibris der limitierten Vorzugsausgabe

Besonders gelungen finde ich vor allem die Wüstenszene: die Seite flimmert geradezu vor Hitze, die Endlosigkeit ist spürbar und auch die scheinbare Ausweglosigkeit. Alle Geschichten kommen natürlich mit bibliographischen Angaben, die auch die bisherigen Veröffentlichungen in Deutschland in MV Comix oder ZACK benennen.

Lang erwartete Komplettierung des Hauptwerkes von Aidans

Kult Comics hat nun auch die letzte große Serie des belgischen Künstlers in das Programm genommen. Dankenswerter Weise kommt auch diese Gesamtausgabe mit einem großen redaktionellen Teil von Volker Hamann, der nicht nur die Szenaristen vorstellt, sondern auch viele Abbildungen enthält. Mir gefallen die großformatigen Bilder allerdings nicht so gut, da die Figuren dort sehr unnatürlich aussehen. Hervorzuheben ist aber, dass mehrere Kurzgeschichten das Bild vervollständigen.

Cover Sven Janssen Integral 1 VZA
Cover der limitierten Vorzugsausgabe

Mit dieser Gesamtausgabe sind einige Sachen erstmals (ungekürzt) auf Deutsch erhältlich, die meisten waren seit den 70-ern vom hiesigen Markt verschwunden. Für die Sammler*innen gibt es wieder eine auf nur 99 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit ExLibris und Variantcover. Beide Bände sind auf dem bereits gewohnten etwas dickeren Papier gedruckt und als stabiles Hardcover gefertigt.

Dazu passen The Music Machine mit ihrem Garage-Pre-Punk und ein Hot English Rum Flip.

© der Abbildungen 2021 by Duval & Aidans / 2021 Comic Combo, Leipzig

Zep – The End

Ein Ökothriller

Story: Zep
Zeichnungen: 
Zep

Originaltitel: The End

Schreiber und Leser

Hardcover | 96 Seiten | Farbe | 19,80 € |

ISBN:  978-3-96582-026-5

Vor Corona schien es nur ein Thema zu geben: Die drohende ökologische Katastrophe, ausgelöst durch den menschenverursachten Klimawandel und die daraus erwachsenden Folgen für die Menschheit. Jetzt ist die Mode vorbei und Viren, Verschwörungstheorien und Rassismus haben die aktuelle Medienhoheit. Trotzdem sollten wir uns nichts vormachen: Das Thema Ökologie wird uns weiterhin beschäftigen müssen.

Der in der Schweiz geborene Comickünstler Zep hat zwei Standbeine. Einerseits arbeitet er an seinem Millionenseller Titeuf für alle Altersgruppen, andererseits veröffentlicht er schon seit Längerem inhaltlich getriebene Graphic Novels. In The End fabuliert er eine Antwort der Natur auf das Ausbleiben des Wandels.

Die Story      

Die Dystopie beginnt romantisch mit einem Liebespärchen in der Natur, doch schon nach wenigen Augenblicken sind die beiden tot und es liegen noch weitere Leichen herum – Szenenwechsel: Ein Praktikant tritt seine Stelle bei einem leicht verschrobenen Wissenschaftler in Schweden an. Dieser ist nicht nur ein Liebhaber der Doors (und der Titel ist auch eine Reminiszenz daran) sondern glaubt, eine Eigenart der DNA aller Bäume entdeckt zu haben. Seiner Meinung nach speichern alle Bäume die gesamte Geschichte der Erde in ihrer DNA, löschen diese aber, wenn Menschen dem Baum zu nahekommen. Er konnte diesen Fund nur in einem vor Millionen Jahren tiefgefrorenen Baum nachweisen.

Er geht weiter davon aus, dass Bäume miteinander kommunizieren und dafür sowohl Gase als auch Pilze nutzen. Die Bäume seien sogar so etwas wie die Hüter der Erde. Natürlich wurde er dafür angefeindet und hat schließlich seinen Lehrstuhl verloren. Leicht verbittert arbeitet er in der schwedischen Einsamkeit weiter an seinen Ideen.

Der Praktikant findet im Wald unbekannte Pilze und versucht, diese auf die nahegelegene Chemiefabrik zurückzuführen. Er selbst war früher Aktivist einer Öko-Gruppe und scheut den Einsatz unerlaubter Mittel nicht. Tatsächlich schlägt wie so oft Ökonomie Ökologie und so gibt es genügend illegale Entsorgungen. Wird die Natur zurückschlagen?

Das Artwork

Die meisten Bilder bestehen nur aus einer Farbe, schwarzen Konturen und manchmal weißen Flächen. Die dadurch erzeugte Stimmung passt perfekt zu dem Thema, zumal die Farben mit ihren Erdtönen bzw. dem gewählten Grün der Natur entsprechen. Die Zeichnungen sind dabei durchaus realistisch, allerdings durch die Kolorierung sehr zurückhaltend. Da die einzelnen Bilder keine Rahmen haben wirkt das Ganze dabei sehr luftig und „natürlich“ im Gegensatz zur menschgemachten „Ordnung“.

Im Gegensatz zu manchem post-Katastrophen-Szenario steht hier im Übrigen die Action nie im Vordergrund! Die Schockeffekte wirken auch ohne Gewalt und die Erklärung ist durchaus einleuchtend. Natürlich kann man der Story von Zep vorwerfen, etwas esoterisch zu sein, aber auch dafür gibt es eine lange Tradition zu der unter anderem der im Werbetext genannte Mega-Roman „Herr der Ringe“ gehört. Bäume sind schließlich nicht die schlechtesten Erdretter! Und tatsächlich erweisen sie sich auch in gewisser Weise als fair!

Kurzum: Top Tipp für alle, die über Corona den Klimawandel nicht vergessen haben, für alle, die gut gemachte Science-Fiction mögen und für alle, die eine spannende Story abseits ausgetretener Pfade lieben! Die Ausstattung im Hardcover mit schwerem Papier tut ihr übriges!

Dazu passen ein nachhaltig angebauter Wein und ein Album von Pole, etwa „2“. Natürlich mag der Eine oder die Andere auch die Doors auflegen wollen…

© der Abbildungen 2020 Verlag Schreiber & Leser / 2019 Rue de Sèvres, Paris

Rochette – Der Wolf

Der Wolf

Story: Jean-Marc Rochette
Zeichnungen: 
Jean-Marc Rochette

Originaltitel: Le Loup

Knesebeck Verlag

Hardcover | 112 Seiten | Farbe | 22,00 € |

ISBN: 978-3-95728-378-8

Diese Graphic Novel könnte so vieles sein: eine Rachegeschichte, eine Erzählung über die Urgewalten der Natur, über das Entstehen von Respekt aber auch eine vom rauen Leben in den Bergen. Definitiv ist sie aber ein Beitrag zur aktuellen Debatte über die Neuansiedlung von Wölfen in Europa.

Die Story

Gaspard lebt als Schäfer ganz alleine mit seinem Hund in den Bergen. Von Zeit zu Zeit kommt die Post und einmal im Jahr treibt er seine Herde in das Tal wenn der Winter kommt und die Tiere für den Schlachthof verladen werden. Er ist sich selbst genug und lebt im Einklang mit der Natur. Er jagt und versorgt sich selbst und behütet seine Schafe.

Sein natürlicher Gegner ist – neben den Unbillen der Natur – der Wolf, denn dieser versorgt sich ebenfalls selbst und jagt, allerdings eben auch die Schafe, die Gaspards Lebensunterhalt dienen. Sie stehen aber auch unter dem Schutz der Ranger. Eines Tages erlegt Gaspard eine alte Wölfin, ihr kleiner Welpe überlebt zunächst unbemerkt. Im Laufe der kommenden Zeit bemerkt Gaspard ihn, will ihn aber noch nicht töten, da er aktuell keine Gefahr darstellt.

Gaspard hat durchaus Verständnis für seine „Mitbewohner“ der Bergregion; einem Adler überlässt er die Eingeweide eines gerade geschossenen Rehs und auch dem kleinen Welpen helfen diese Gaben groß und stark zu werden bis eines Tages wieder Tiere aus Gaspards Herde getötet werden. Es entwickelt sich ein dramatischer Kampf auf Leben und Tod in den tief verschneiten Bergen und als auch noch ein tagelang wütender Sturm aufzieht, müssen beide um ihr reines Überleben kämpfen. Es kommt zum „Show down“ als sich die beiden Antagonisten verletzt gegenüberstehen.

Die Zeichnungen

Jean-Marc Rochette hat nicht nur ein grandioses Szenario geschrieben, sondern auch überragend illustriert! Seine Berge und Landschaften lassen die Leser*innen die Schönheit der Natur fast riechen, allerdings auch die unpersönliche Gefahr. Ein Fehler und die Felsspalte hat dich verschluckt! In der echten Natur gibt es keine Bambi-Romantik, die dem Kitz hilft, wenn die Ricke nicht mehr da ist. Und genau diese atemberaubende Urgewalt ist in den Bildern zu spüren! Dazu passt dann auch, dass viele Seiten ohne Text auskommen!

Rochette hat Ehrfurcht vor der Natur, den Jägern und den Opfern aber gleichermaßen auch vor dem Mensch, der sie annimmt, um mit der Herde und dem Hund dort draußen zu leben. Er verzichtet auf ein moralisch wertendes Gut-Böse-Schema und er beschreibt, dass es in der Natur keinen Platz gibt für die menschengemachten Freund/Feind-Schemata, sondern nur für eine Schicksalsgemeinschaft, die keinen Herrscher kennt, kein Gewinnstreben und keine Profitmaximierung.

Das Nachwort von Baptiste Morizot weist darauf hin, dass es (auch in Frankreich) immer schwieriger wird, Nachfolger für die in den Ruhestand gehenden Schäfer zu finden, dass die wieder angesiedelten Wölfe weder verklärt werden dürfen noch verteufelt, und dass der spätindustrielle Mensch seine Mitte möglicherweise verloren hat. Alle diese Gedanken finden ihren Ursprung in der vorliegenden Graphic Novel!

Die Empfehlung

Der Wolf gehört für mich zum Besten, was bisher in diesem Jahr erschienen ist! Eine mehrschichtig zu lesende Story, erfreulich entschleunigt in dieser hektischen Zeit, grandiose Zeichnungen in einer sehr stimmigen Hardcoverausgabe! Erfreulich finde ich auch den Mut zu kritischen Fragen, die ohne vorgefertigte mit Sendungsbewusstsein verbreitete Antworten daher kommen und die Leser*innen zum Denken auffordern. Must have gerade in diesen Zeiten, in denen wir uns wieder auf uns besinnen müssen und nicht mehr dem lauten Verdrängen föhnen können.

Dazu passen ein Obstbrand und die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg.

© der Abbildungen Casterman/ Jean-Marc Rochette 2019/Knesebeck-Verlag 2020