Sommer der Liebe
Story: Heinz Strunk
Zeichnungen: Ully Arndt
Originalausgabe
Carlsen Comics
Klappenbroschur | 116 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 978-3-551-74500-2

Heinz Strunk ist ein deutscher Autor aus Hamburg. Oftmals sind seine Werke beeinflusst von seiner zweiten Beschäftigung als Musiker. Während Fleisch ist mein Gemüse sehr humorvoll ist, fordert der Sommer in Niendorf den Leser*innen schon einiges ab. Ully Arndt hingegen ist eher für seine Werke im Stern, MAD und die Ottifanten bekannt. Der goldene Handschuh bringt die beiden Norddeutschen für eine Art True Crime Story zusammen.
Hamburg Noir
Die 70-er Jahre brachten viele Neuerungen in Musik, Subkultur, Gesellschaft, Emanzipation und Mode. Es sollte aber einige Zeit dauern, bis Änderungen auch in den Niederungen der deutschen Realität Einzug halten konnten. Dieser Comic-Roman beginnt 1974 auf dem Hamburger Kiez. Die Auswirkungen des Krieges sind noch zu spüren, die Sinnkrise ist jede Sekunde gegenwärtig, der gesellschaftliche Pre-68er Mief stinkt aus jeder Ecke.
In einer Milieu-Kneipe treffen sich allabendlich die traurigen Gestalten, die Hoffnung auf bessere Zeiten erschöpft sich in einer vernünftigen Mahlzeit. Für Frauen kommt noch der Wunsch, nicht verprügelt, vergewaltigt oder ausgeraubt zu werden hinzu. Das Wetter ist der typische Hamburger Schmuddel. Viel bedrückender kann eine Alltagsbeschreibung nicht sein. Der Gegensatz dazu ist eine reiche Reeder-Familie. Die erste Generation ist abgetreten und besteht nur noch aus Hass, die zweite Generation ist unfähig und die dritte hat nur Flausen im Kopf. Auch hier ist die Stimmung bedrückend, allerdings komplett anders, die Mechanismen aus Alkohol, Gewalt und Misogynie aber vergleichbar.

Während der erste von geplanten zwei Teilen eher die Szenerie ausbreitet, wird doch klar, dass in der Stadt Frauenleichen gefunden werden und die Polizei sich an die Arbeit macht. Gleichzeitig hat einer der Protagonisten den Namen Fritz Honka. Wer sich etwas auf deutsche Kriminalgeschichte versteht, weiß bereits, welches Drama sich hier entwickeln wird.
Düster und verstörend
Wer beim Namen Arndt niedliche Ottifanten erwartet, liegt hier komplett falsch. Der Zeichner nimmt die von Strunk geschaffene Stimmung in seinen Zeichnungen auf und präsentiert eine deprimierende Welt: dunkel, dreckig, rau. Nichts ist schön im engeren Sinn, die geschminkten Gesichter sind Fratzen, der Humor abgründig und alkoholgetränkt. Und selbst die hellen Panels, die das vermeintlich schöne Leben der reichen Familie darstellen, lassen wie in einem Horrorfilm den Schrecken am Horizont aufblitzen.
Das grundsätzlich aus einem 2 x 3 Raster bestehende Layout wird immer wieder aufgebrochen und an die Action angepasst. Den Leser*innen wird keine Ruhepause gegönnt und den Sommer der Liebe erwartet hier wohl niemand in seiner wörtlichen Ausprägung.

Eine gelungene Umsetzung
Der goldene Handschuh ist auch als Comic gelungen, aber herausfordernd. Wer die leichte Unterhaltung sucht, sollte einen Bogen um diese Graphic Novel machen. Wer sich aber in die bleierne Zeit hineinversetzen will, wer sich erinnern möchte, dass früher keineswegs alles besser, ja, noch nicht einmal gut war, der ist hier richtig!
Leider wird es noch ein wenig dauern, bis der abschließende zweite Teil 2027 erscheinen wird. Immerhin gibt es ein Nachwort der beiden Künstler, die auf die Story und ihre Entstehungsgeschichte eingehen. Abseits des Mainstreams, aber lohnenswert!

Dazu passen Hans-A-Plast mit „Rock’n’Roll Freitag“ und ein norddeutscher Doppelkorn.
© der Abbildungen 2026 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg




































