Oger – Ghost Kid

Ghost Kid

Story: Tiburce Oger
Zeichnungen: 
Tiburce Oger

Originaltitel: Ghost Kid

Splitter Verlag

Hardcover | 80 Seiten | Farbe | 22,00 €
ISBN: 
978-3-96792-066-6

Cover Oger - Ghost Kid

Tiburce Oger ist ein vielseitiger Künstler der sowohl allein als auch im Team arbeitet. Er hat bereits einige Werke zusammen mit Patrick Prugne veröffentlicht aber zum Beispiel in Überleben in Dachau auch die Geschichte von Guy-Pierre Gauthier, einem überlebenden Resistance-Kämpfer umgesetzt.

Plötzlich Vater

Ambrosius Morgan ist einer der letzten Cowboys des alten Schlags. Ihm macht sein Rheuma zu schaffen und er versteht nicht, warum plötzlich Stacheldrahtzäune Weidegebiete voneinander trennen. Er kann seine Tage sowohl in einer einsamen Hütte im tiefsten Schnee verbringen als auch im Bett seiner Chefin, einer verwitweten Ranchbesitzerin. Eines Tages erhält er jedoch einen Brief und erfährt von der Existenz seiner Tochter. Diese ist mit ihrem Mann gen Westen gezogen und wird vermisst.

Oger - Ghost Kid page 3

Der Held macht sich auf den Weg, muss aber zunächst noch seinen Revolver auslösen den er verpfändet hatte. Bei dieser Gelegenheit treffen nicht zum ersten Mal der alte Wilde Westen und die neue, finanzgetriebene Welt aufeinander. Auf seinem Weg aus dem verschneiten Norden gen den heißen Südwesten trifft er dann später den titelgebenden Jungen, der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht.

Ghost Kid ist ein Spätwestern. Die überzogenen Erwartungen an Freiheit und Selbstbestimmung haben bereits dem Frust über die Regeln der Städter Platz gemacht. Der Westen ist aber keineswegs befriedet und Banditen, rebellierende Indianer und mexikanische Freischärler sind genauso gefährlich wie verdorbenes Wasser oder Klapperschlangen.

Oger - Ghost Kid page 7

Realistische Karikaturen

Oger setzt seine spannende Story in einer ganz eigenen Stilistik um. Einerseits wirken die Zeichnungen sehr realistisch, andererseits haben die Physiognomien und Körper der Darsteller eine Kauzigkeit, die teilweise in die Karikatur hineinreicht. Dadurch nimmt Oger der Story ein wenig Schärfe und Brutalität, verwischt aber auch die Grenzen zwischen Gut und Böse.

Es ist eben kein Italowestern, der hier abläuft, sondern die Geschichte eines alten Haudegens, der plötzlich erfahren hat. Vater zu sein und jetzt alles gibt, um das Versäumte aufzuholen. In seinen Handlungen glaubt er sich nur vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, ist aber trotzdem kein brutaler Egomane. Die Kauzigkeit trägt dabei zur Sympathiebindung bei.

Detail Oger - Ghost Kid page 11

Immer wieder streut Oger ganzseitige Illustrationen ein und ist auch sonst flexibel in der Seitengestaltung. Das Tempo der Handlung findet sich in den Panels wieder: gehetzt bis zur fast meditativen Ruhe am nächtlichen Lagerfeuer. Dadurch erlaubt er ein sehr abwechslungsreiches Lesevergnügen. Die Zeichnungen bieten dabei genug Tiefe für mehrere Lesedurchgänge, sind aber nicht so detailliert wie etwa bei Giraud.

Ein kleines Schmuckstück

Gerade im Westernbereich gibt es neben vielen Serien auch immer wieder Einzelbände. Sie müssen kein ganzes Universum erschaffen, das für mehrere Abenteuer taugt und können sich auf ein Motiv konzentrieren. Das mag langweilig sein, ist in diesem Fall aber perfekt. Offene Knoten, etwa die Beziehung zur Chefin, müssen nicht beendet werden, grobe Widersprüche können gar nicht erst auftreten.

Detail Oger - Ghost Kid page 10

Der eigenwillige Stil und die untypische Story machen Ghost Kid zu einem spannenden, unbedingt zu empfehlendem Schmuckstück! Das Cover bietet dazu eine Prägung mit Goldfarbe als passende Darbietung und gute Farbgebung auf festem Papier. Vielleicht wird ja auch der eine oder die andere dadurch angeregt, weitere Sachen von Tiburce Oger zu versuchen – es lohnt sich, auch wenn es nicht immer leichte Kost ist.

Dazu passen starker Kaffee und der alte Bob Seger.

© der Abbildungen 2020 Editions Glénat by Tiburce Oger / Splitter Verlag GmbH & Co. KG · Bielefeld 2021

Rodolphe/ Dubois – Terra 1

Die alte Welt

Story: Rodolphe
Zeichnungen: 
Christophe Dubois

Originaltitel: TERRA 1 – LE VIEUX MONDE

Splitter Verlag

Hardcover | 72 Seiten | Farbe | 18,00 €
ISBN: 
978-3-96792-050-5

Cover Rodolphe/Dubois Terra 1

Science-Fiction-Serien können schwierig sein. Bauen die einzelnen Geschichten aufeinander auf, ist es zwar eine komplexe Story, oft auch mit einer Vielzahl an genau beschriebenen Welten, Völkern oder Kontrahent*innen, es ist aber nicht einfach, einen Einstieg zu finden. Andererseits gibt es Reihen, bei denen sich die einzelnen Teile zwar in ein Konzept einfügen und ein besseres Verständnis entsteht, wenn man alle Teile gelesen hat, ein Einstieg aber immer möglich ist. Diese Serie geht einen Mittelweg. Es gibt einen ersten Zyklus, der mit drei Bänden unter dem Reihentitel TER lief. Er ist aber keine Voraussetzung für das Verständnis dieser Geschichte!

Die gute, alte Erde?

Der Raumkreuzer »Jupiter« hatte eine Havarie; ein Teil der Besatzung hat ihn in einem Rettungsshuttle verlassen und schwebt nun in Bodennähe über einem Planeten, der aussieht wie die Erde. Aber ist es die alte Welt? Zwar stimmen Luftdruck und atmosphärische Zusammensetzung, es sind aber aus der Luft keine Anzeichen der menschlichen Zivilisation zu erkennen. Die Besatzung weiß nicht, wie lange ihre Reise gedauert hat. Sie hatten die Erde zu Beginn des großen Konfliktes verlassen, waren aber aufgrund technischer Schwierigkeiten in einen Ruhemodus unbekannter Dauer versetzt worden.

Rodolphe/Dubois Terra 1 page 4

Der Kapitän beschließt, Erkundungstrupps auszusenden. Die ersten Funde lassen vermuten, dass auf dem Planeten (wieder) sehr große Geschöpfe leben, die an die Dinosaurierzeit erinnern lassen und tatsächlich wird ein kleines Erkundungsshuttle von einer Gruppe riesiger krokodilartiger Wesen angegriffen. Goltan, ein Android mit Gefühlen und Beth, eine ehemalige Priesterin, werden von ihrer Gruppe getrennt und müssen ihre Tour alleine forstsetzen.

Rodolphe, der unter anderem auch mit Leo zusammengearbeitet hat, ist ein Spezialist im Beschreiben fremdartiger Planeten und ihrer Flora und Fauna. Hier kann er erfolgreich beweisen, dass er auch begrenzte Projektionen im Rahmen der terranischen Weiterentwicklung beherrscht. SF steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit der Umgebungsbeschreibung. Hier stimmt einerseits die Dynamik der Crew und zwischen den beiden Protagonist*innen als auch die der Welt und einiger ihrer Bewohner*innen. Die Story ist glaubwürdig und spannend erzählt. Terra könnte also ein Projekt für alle werden, für die SF mehr als „Technik“ ist.

Detail Terra 1 page 11

Dschungel und Ruinen

Der Planet bietet von oben den Eindruck, neben den bekannten Wasserflächen hauptsächlich aus bewaldeten Gebieten zu bestehen. Zwar entdecken die Ankömmlinge schnell, dass es Straßen gibt, diese sind allerdings komplett überwuchert, und auch Städte scheinen bis auf wenige Ruinen verschwunden zu sein. Christophe Dubois darf sich also in großen Teilen mit der Darstellung von Urwald beschäftigen. Durch seine Schraffur-Technik wirkt alles ein wenig düster, quasi beschattet. Das passt aber perfekt zu dem Zwielicht unter den Baumwipfeln.

Detail Terra 1 page 24

Die Ruinen, die die beiden Held*innen entdecken, stellt er ebenfalls sehr gut dar. Die Mischung aus einstiger Größe und aktuellem Verfall passt in das Szenario der Suche. Bei der Tierwelt kann er sich dann austoben: gewaltige Größe und Kraft, überwältigende Menge kleiner, gefräßiger Räuber oder evolutionäre Andersartigkeit gelingen allesamt.

Und schließlich sind auch die menschlichen Körper gut geraten. Sie bewegen sich sowohl in bewussten Situationen als auch bewusstlos im Wasser treibend so, dass die Anatomie es mitmacht, und haben angemessene Proportionen. Die Gesichtspartien sind erkennbar und geben eine Vielzahl an Emotionen wieder. Technische Gegenstände wie Raumfahrzeuge, „Nester“ aber auch Zivilisationsartefakte wie Schleusen haben genug Details, um Fans zu überzeugen, drängen sich aber nicht in den Vordergrund. Oft genug dienen Stärken der Zeichnungen zum Übertünchen von Schwächen der Story. Hier sind beide auf hohem Niveau.

Ein empfohlener Einstieg

Rodolphe und Christophe Dubois präsentieren eine glaubwürdige Story in einer spannend gezeichneten Welt. Es gibt genügend Anknüpfungspunkte für weitere Bände, aber man muss auch keine 20 Teile befürchten. Die Hinweise auf den ersten Zyklus in den wenigen Worten auf der ersten Seite langen völlig aus, um Leser*innen ins Bild zu setzen und wer mehr wissen möchte findet im Anhang Illustrationen aus dem Skizzenbuch mit Hinweisen zu den Akteur*innen.

Rodolphe/Dubois Terra 1 page 7

Wie immer präsentiert Splitter ein Lesevergnügen in großformatigem Hardcover mit Anhang zu fairem Preis. Dubois ist in Deutschland noch relativ unbekannt – sein spezieller Stil macht aber Lust auf mehr! Von hier aus ein klarer Tipp, dieser Serie einen wohlwollenden Blick zu schenken!

Dazu passen ein nicht zu süßer Pink-Gin mit Rhabarbersaft und die immer ein wenig unterschätzten Pulp.

© der Abbildungen 2020 Editions & Galerie Daniel Maghen. All rights reserved / Splitter Verlag GmbH & Co. KG · Bielefeld 2021

Andolfo – Mercy 3

Die Mine, die Erinnerungen und die Sterblichkeit

Story: Mirka Andolfo
Zeichnungen: 
Mirka Andolfo

Originaltitel: Mercy – Terzo Volume

Panini Comics

Hardcover | 68 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-7416-2162-8

Andolfo - Mercy 3 Cover

Die Horrorserie der gefeierten italienischen Künstlerin Mirka Andolfo geht in die entscheidende Runde. Andolfo arbeitet für DC und Marvel, ist weltweit erfolgreich mit der Serie Contronatura und veröffentlicht Mercy in mehreren Ländern fast zeitgleich. Sie arbeitet fast komplett digital und stellt – speziell in ihren eigenen Serien – Frauenfiguren etwas anders dar. Oft queer, immer aber aktiv und selbstbewusst.

Liebe geht durch den Magen

Band 1 erzählte die Geschichte der Ankunft in Woodsburgh, Band 2 erklärte den Konflikt mit den Jägern. Nun ist es soweit, dass es an die Familiengründung geht. Wesen haben den Wirt gewechselt und Erinnerungen schwinden nicht komplett. Es geht um Verantwortung, Selbstsucht und „Mutterliebe“. Und natürlich auch um die Mine, denn ohne sie gibt es kein Tor in die Heimat.

Andolfo - Mercy 3 page 3

Werden Gregor und Lady Nolwen tatsächlich heiraten? Welche Rolle spielt Goodwill wirklich? Geht Lady Hellaines Plan auf? Und schließlich: Welche Rolle hält das Schicksal für die kleine Rory bereit? Es gibt ein famoses Finale Furioso, soviel sei versprochen!

Romantische Alpträume

Die Story ist rasant, wie bei diesem Genre üblich allerdings nicht ganz widerspruchsfrei. Die Bilder aber müssen keinem roten Faden folgen, sondern dürfen schwelgen. In Blut, in Tentakeln und in großformatigen Alpträumen von fressenden, tentakelschwingenden Geschöpfen. Mirka Andolfo öffnet ihre gesamte Farbpalette, um Gemälde zu erschaffen, die sich als Panels aneinanderreihen. Was früher in den 60-ern in SF-Horror-Klassikern nur angedeutet worden war, findet hier seine grafische Umsetzung: der von Wesen übernommene Mensch als Hülle.

Andolfo - Mercy 3 page 6

Das Album ist in vielen Teilen Splatter-lastig und entspricht damit in gewisser Weise den Erwartungen an eine bestimmte image-Richtung. Er birgt aber trotzdem auch noch Romantik, und zwar nicht nur in den beigefügten (echten) Zeichnungen und Variant-Cover-Abbildungen.

Nichts für schwache Nerven

Die Serie ist nichts für schwache Nerven und auch nichts für kleine Kinder. Wer an dieser Art von Geschichten aber seinen Spaß hat, wird auch hier auf seine Kosten kommen. Gut konstruierte Zeichnungen mit viel Action von der zurecht gefeierten Mirka Andolfo.

Andolfo - Mercy 3 page 10

In den USA erscheinen die sechs Teile als Hefte im kleinen Format. Hierzulande durften wir drei großformatige Hardcover entgegennehmen – meiner Meinung nach die bessere Darbietung. Die Präsentation mit Zusatzmaterial als Hardcover und glänzendem Papier hat seinen Preis, der aber nicht überborden ist.

Dazu passen Maid of Ace, etwa mit „Repent“ und eine Bloody Mary.

© der Abbildungen 2021 Mirka Andolfo / Panini Verlags-GmbH

Bouthier/Chochois – 9/11

Ein Tag, der die Welt veränderte

Story: Baptiste Bouthier
Zeichnungen: 
Héloïse Chochois

Originaltitel: 11 septembre, le jour où le monde a basculé

Knesebeck Verlag

Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 24,00 € |

ISBN: 978-3-95728-547-8

Cover Bouthier/Chochois - 9/11

Es gibt Tage, an die erinnert man sich auch Jahre später. Einige davon sind privat, etwa das Kennenlernen des/der Partner*in, die Geburt der Kinder oder ein Olympiasieg. Andere dagegen sind öffentliche Ereignisse von außergewöhnlicher Tragweite wie etwa der Fall der Mauer. In diese zweite Kategorie gehört für sehr viele auch der 11. September, der für die Verwundbarkeit des Westens steht. Natürlich ist dieser Tag nur einer in einer langen Reihe von Anschlägen, die regional eine viel höhere Bedeutung haben mögen. Weltweit markiert das Fallen der Türme aber einen Einschnitt.

Vorher und Nachher

Eine junge Frau aus Frankreich – Juliette – reist das erste Mal nach New York, um dort ihre Schwester zu besuchen. Baptiste Bouthier baut in diese Rahmenhandlung in vielen Rückblicken und Infoteilen die fast schon Schockstarre-artige Reaktion auf die mit Flugzeugen ausgeführten Anschläge in den USA und vor allem auch die Bilder der brennenden Türme in den Fernseh-Live-Übertragungen ein, die damals weltweit das Alltagsgeschehen überlagerten.

Detail Bouthier/Chochois - 9/11 page 3

Der Journalist verknüpft dabei geschickt Erzählungen von Überlebenden und Zeug*innen mit den Erinnerungen der „Heldin“, die die Anschläge als 13-jährige erlebt hat und daraufhin in der Schule, mit Freund*innen aber auch mit den Eltern versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Dabei wird nichts ausgespart: Von heimlicher Schadenfreude über Verdrängung hin zu unkontrolliertem Hass auf alles Fremde ist alles dabei! Besonders nahe kommen beim Lesen aber die Teile, die von Menschen in den Türmen berichten, ihren Entscheidungen, nach unten oder oben zu gehen, von Feuerwehrmänner, ihre Teams zu retten oder aufzugeben, und die Ungläubigkeit, dass so etwas überhaupt passieren konnte.

Bouthier versucht dabei, objektiv zu bleiben, auch Verschwörungstheorien zu erwähnen und vor allem, die Folgen zu beschreiben. Natürlich hat man einige der Folge-Anschläge in Nizza, Paris oder London noch im Kopf. Ebenso natürlich weiß wahrscheinlich jede*r, wer Edward Snowden ist oder dass Osama Bin-Laden in Pakistan bei einem Einsatz getötet worden ist. Wie das alles zusammenhängt und in welcher Reihenfolge was passiert ist, ist möglicherweise aber nicht mehr so präsent und auch das wird aufgedröselt.

Wie stellt man Schrecken sachlich dar?

Die umsetzende Grafik dieser Themen könnte effekthascherisch sein, viel Puff und Bäng mit sich bringen. Dann würde sie aber mit dem aufzählenden, faktenorientierten Stil der Geschichte nicht harmonieren. Wenn Héloïse Chochois einen zu sachlichen, an Infografiken orientierten Stil genommen hätte, wären die zu der Story gehörenden Emotionen auf der Strecke geblieben. Zum Glück ist es aber etwas in der Mitte geworden. Die manchmal an Holzschnitte erinnernden Bilder transportieren die Gewalt der Explosionen, des Rauches und des Schreckens eindringlich genug und lassen auch der Angst und dem Nichtwissen, wie zu reagieren sei, auf den Gesichtern der Protagonist*innen genügend Raum.

Ein Tag, der die Welt veränderte page 20

Gleichzeitig können so aber auch Fakten, Reihenfolgen und sogar Bewertungen transportiert werden. Jede*r Betrachter*in erkennt sofort, wer in der amerikanischen Regierung zu den Falken gehört hat und wer zu den Tauben. Auch die Zeichnungen zwingen uns Konsument*innen aber keine Meinung auf. Bei einzelnen Fragestellungen wird deutlich, dass die Autor*innen ihre Zweifel an der Richtigkeit haben, der Holzhammer der Demagogie fehlt aber vollkommen.

Tipp!

Viele junge Erwachsene haben die Abfolge der Ereignisse nicht komplett wahrgenommen und entsprechen somit der Heldin dieser Graphic Novel, die sich auf die Suche nach Informationen macht. Durch die Kompaktheit ist das hier ein gelungener und gut gewählter Startpunkt. Die Wenigsten würden heutzutage ein Sachbuch zu diesem Thema lesen, ein Comic kann da deutlich mehr Menschen den Zugang erleichtern. Und natürlich haben auch viele schon damals Erwachsene im Verlauf der letzten 20 Jahre so viel aufgenommen, dass der Komplex mit all seinen Zusammenhängen und Verschachtelungen nicht mehr so aktiv bewusst ist.

Detail Bouthier/Chochois - 9/11 page 6

Neben dieser eher gesellschaftspolitischen Rezeption gibt es aber noch einen wichtigen Punkt: Die Erinnerung an das Grauen und die Möglichkeit, diese zu verarbeiten. Und auch hier leistet die unaufgeregte Darstellung all des Schreckens einen wichtigen Beitrag! Es geht nicht darum, Ängste zu schüren oder zu unterdrücken. Es geht darum, unaufgearbeitete Ängste nicht zu Hass werden zu lassen.

Dazu passen ein Cold Brew Coffee und positive Musik: New Order, etwa mit „Blue Monday“.

© der Abbildungen 2021 Bouthier, Chochois, Dargaud/Topo, Paris, Frankreich / 2021 von dem Knesebeck GmbH & Co Verlag KG, München

Percy/Takara – Wolverine

Im Dunkel der Nacht

Story:  Benjamin Percy
Zeichnungen: 
Marcio Takara

Originaltitel: US-Wolverine: The Long Night (2019) 1-5

Panini Comics

Broschur | 124 Seiten | Farbe | 15,00 € | 
ISBN: 978-3-7416-2334-9

Percy/Takara - Wolverine - Im Dunkel der Nacht Cover

Filmische Adaptionen von Comic-Romanen gibt es wie Sand am Meer, Comicausgaben von erfolgreichen Filmen oder Serien ebenfalls. Früher war es durchaus üblich, auch erfolgreiche Radio-Hörspiele als Comic umzusetzen bzw. vice versa. Nun, die Zeiten des Radios gehen vorbei und Podcasts besetzen immer öfter die Leerstellen. Was läge also näher als einen erfolgreichen Podcast als Comic zweitzuverwerten? Genau das ist hier passiert und gleich der allererste Marvel-Fiction-Podcast hat seinen Weg zwischen zwei Buchdeckel gefunden.

Tod am Polar

Die Story von Benjamin Percy spielt außerhalb der normalen Comic– oder Film-Kontinuität von Marvel. Wolverine darf daher das sein, was er früher war: Geheimnisumgeben, voll von Schmerz und in Sorge, aber auch brutal. Hier gibt es keine anderen Superhelden, nur die Jäger von Waffe X. Diese gehen über Leichen um ihr Produkt, den fast unbezwingbaren Wolverine, wieder in ihre Fänge zu bekommen. Der Gejagte versteckt sich in Alaska, vor allem, um diejenigen, die er liebt zu schützen.

Wolverine - Im Dunkel der Nacht page 3

In dem kleinen Städtchen Burns passieren im Dunkel der Nacht seltsame Dinge und zwei Agent*innen werden geschickt, um bei der Aufklärung zu helfen. Übel zugerichtete Leichen wurden gefunden und natürlich könnte ein Bär dafür verantwortlich sein. Er müsste sich aber einerseits dem Leben in der Zivilisation sehr angepasst haben und z.B. die Funktionsweise von Türen kennen, andererseits ein Meister darin sein, sich unauffindbar zu machen. Oder aber es geht um ein anderes Geschöpf mit langen und scharfen Krallen.

Percy, von dem sowohl der Podcast als auch das Comic-Szenario stammen, spielt mit falschen Fährten, Rückblicken und fast schon Horror-artigen Erwartungen und Überraschungen. Dabei fließt eine Menge Blut, es ist aber kein Splatter, der hier abläuft. Für alle, die Wolverine alleine toll finden, mit ihm als Bestandteil der X- oder Avengers-Familien nicht viel anfangen können! Und auch Akte-X-Fans werden auf ihre Kosten kommen.

Wolverine - Im Dunkel der Nacht page 4

Das Artwork

Im Gegensatz zu der innovativen Story ist das Artwork „nur“ guter Durchschnitt. Auch das wäre natürlich für viele Comics schon eine Auszeichnung und so solltet ihr das auch verstehen! Marcio Takara zeichnet die Einsamkeit Alaskas, den Frust der Holzfäller aber auch die Trauer einer Mutter um ihr einziges Kind in der gebotenen Sorgfalt und Erkennbarkeit. Sowohl Menschen als auch Monster sind glaubwürdig dargestellt und selbst der gefürchtete Rechteck-Mund taucht nur ganz selten einmal auf.

Das Layout ist für amerikanische Verhältnisse sehr ruhig. Meistens dominieren Streifen und nur selten springen einzelnen Zeichnungen aus ihrem Rahmen. Image-geprägte Leser*innen werden hier vielleicht das eine oder andere Splash vermissen. Der gewählte Stil passt aber zur Handlung: Hier reiht sich nicht Action-Szene an Action-Szene und es geht weniger um die Ausstattung als um den Inhalt. Und dieser steht im Vordergrund und wird durch die Zeichnungen unterstützt.

Wolverine - Im Dunkel der Nacht page 9

Tipp!

Der zehnteilige Podcast war 2018 sehr erfolgreich und wurde auch mit einigen Preisen bedacht. Die Reihe an sich durfte weitergeführt und auch Wolverine von Percy wird fortgesetzt werden. Die grafische Umsetzung ist sehr gut gelungen und bringt genau den Outsider zurück, bei dem wir nicht wissen, ob er gut, böse oder irgendetwas dazwischen ist. Genau diese Spannung ist heute im allzu korrekten, austarierten Superheld*innenbereich fast verloren gegangen und kommt nur noch in „unabhängigen“ Linien wie etwa bei DC im Black Label zum Tragen.

Im Dunkel der Nacht ist für alle – älteren – Fans, für die Popcorn etwas Essbares aber keine Wunschvorstellung für Abenteuer ist! Gerne mehr davon! Percy entwickelt dabei Wolverine, seine Bezugspersonen aber auch Einwohner*innen und Special Agents gleichermaßen und schafft dadurch eine runde und spannende Geschichte. Panini packt wie immer ein wenig Infotexte und Originalcoverabbildungen dazu.

Wolverine - Im Dunkel der Nacht page 12

Dazu passen ein Grog und GBH.

© der Abbildungen 2019, 2021 Marvel c/o Panini Comics, Stuttgart

Töpke/Prinsler – Zombies

… in der Grossen Hoffnung

Story:  Renatus Töpke
Zeichnungen: 
Roland Prinsler

Originalausgabe

Epsilon Verlag

Hardcover | 96 Seiten | Farbe | 20,00 € | 
ISBN: 978-3-86693-235-7

Zombies in der Grossen Hoffnung Cover

Lange war es still um den kleinen Verlag aus dem hohen Norden, doch nun lässt Mark Fischer wieder von sich hören. Mit dem neuen Band platziert sich Epsilon im Independent-Sektor und bringt Horror aus deutschen Landen.

Vier Loser gegen den Rest der Welt

Auf den ersten Blick wirkt der Untertitel etwas irritierend, steht er doch in direktem Zusammenhang mit einer Reihe von 6 Köpfen. Im Laufe der Geschichte wird dann klar, dass aus ursprünglich 4 Freunden eine größere Schicksalsgemeinschaft wird. Die jugendlichen Protagonisten machen eigentlich nichts. Sie chillen, überfallen Frauen und verticken Drogen für einen Möchtegerngangster.

An diesem Tag jedoch ist alles anders, denn aus dem Nichts tauchen erst ein, dann viele, dann gaaaanz viele Zombies auf und den Helden bleibt nichts anderes übrig, als in ihr Hochhaus, die Grosse Hoffnung, zu flüchten. Dort kommt es zu unerwarteten Allianzen und vielen Scharmützeln mit den lebenden Toten. Renatus Töpke wollte nach eigener Aussage einen sehr rasanten Comic schreiben, der Leser*innen durch die Handlung treibt. Im Ansatz ist ihm das auch gelungen, einige Logikbrüche sind aber nicht zu übersehen.

Zombies in der Grossen Hoffnung page 2/3

Zombies auf dem Weg der Vernichtung

Roland Prinsler versucht, in einer Mischung aus Abstraktion und Realismus zu zeichnen. Das passt auch zu dem Tempo, das hier angeschlagen wird. Auch die grundsätzliche grau-weiße Umsetzung mit roter Schmuckfarbe wirkt. Die Mundpartien sehen allerdings leider aus wie in einem schlechten Zeichentrickfilm der 70-er Jahre: Rechteck mit Zahnreihe.

Zombies in der Grossen Hoffnung page 7

Trotzdem wirkt das Ganze wie ein überdrehter, ultraschneller Trip, also dem Horror-Thema durchaus angemessen und wird seine Fans finden.

Fazit

Ich frage mich, ob ein anderes Format vielleicht besser gewesen wäre. Ein großformatiges Hardcover – übrigens handwerklich super gemacht – lässt die passende Stimmung nicht wirklich aufkommen. Ein zweidrittel so großes Heft wäre vielleicht stimmiger gewesen. Sollte Epsilon diesem Weg weiter folgen, wäre das eine Überlegung wert! Ansonsten ist es natürlich schön, alte Bekannte wiederzusehen! Von hier aus also ein „viel Glück“ nach Nordhastedt!

Dazu passen Musik von Knorkator und ein Energy Drink Eurer Wahl.

© der Abbildungen 2021 by Renatus Töpke und Roland Prinsler / Epsilon Verlag Mark O. Fischer

Vom Roman zur Graphic Novel

Veranstaltung mit Diskussion

Ort: Tschechisches Zentrum, Prinzregentenstr. 7, 80538 München

Wann: 4. August 2021 | 19:00

Eintritt frei!

Anmeldung unter ccmunich@czech.cz

Bildliche statt wortwörtlicher Übertragung: Im Rahmen der Reihe Übersetzerwelten / Übersetzte Welten lädt das Tschechische Zentrum München zu einer Diskussion über das „Übersetzen“ von Belletristik in Bildgeschichten ein.

Wie wandelt man eine Roman ­Vorlage in Comic ­Form um? Was gewinnt man dabei? Was geht womöglich verloren? Sind Comickünstler in solchen Fällen auch als Übersetzer anzusehen?

Mit eindrucksvollen Schwarz-­Weiß-­Zeichnungen und knappen Dialogen hat ein dreiköpfiges Team den Geist von David Jan Žáks historischen Roman Návrat krále Šumavy (dt. „Die Rückkehr des Königs des Böhmerwaldes“) gekonnt als Graphic Novel wiedergegeben. Die abenteuerliche, fast krimiartige Geschichte spielt in den späten 1940er Jahren – nach der kommunistischen Machtergreifung in der Tschechoslowakei, aber noch bevor Stacheldraht das Land von seinen westlichen Nachbarn trennte. Im Mittelpunkt steht Josef Hasil, ein Polizist aus Südböhmen, der zum Fluchthelfer wurde und Dutzenden seiner Mitbürger*innen den Weg durch den Böhmerwald nach Westen zeigte.

Zwei der Schöpfer der dreibändigen Adaption werden am 4. August 2021 mit der Münchner Literaturwissenschaftlerin und Comic­-Expertin Meike Fischer im Tschechischen Zentrum diskutierten. Karel Osoha (*1991) ist einer der bekanntesten tschechischen Illustratoren und Comickünstler. Für sein Werk Češi 1948: Jak se KSČ chopila moci („Tschechen 1948 – Wie die KSČ die Macht ergriff“ gewann er den Muriel­Preis 2017 für die beste Zeichnung. Ondřej Kavalír (*1980) ist Drehbuchautor, Dramaturg, Redakteur und Übersetzer. Er beteiligte sich am Film Alois Nebel, welcher 2012 den Europäischen Filmpreis in der Kategorie Bester Animationsfilm gewann. Seine tschechische Übersetzung des Comics Rudo gewann 2015 den Muriel­Preis.

Ein Besuch der Veranstaltung ist nur nach vorheriger Anmeldung per E­Mail unter Beachtung der geltenden Hygieneregeln möglich.

Bild: © K. Osoha, O. Kavalír, V. Mašek, Návrat Krále Šumavy – Na čáře, Labyrint 2018

ZACK 266

ZACK 266 (August 2021)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 7,90 €
ISSN: 1438-2792

Cover ZACK 266 (August 2021)

Einmal im Jahr ist der klassischste ZACK-Held überhaupt auf dem Cover: Michel Vaillant. Mit dem in dieser Ausgabe startenden neunten Band der zweiten Staffel beginnt eine ganz neue Ära: Zum ersten Mal überhaupt in der langen Geschichte des Rennfahrers ist kein Graton an der Entstehung des Albums beteiligt gewesen! Philippe Graton hatte nach den 13 Tagen seinen Ausstieg verkündet, die Rechte sind an Dupuis verkauft worden. Kommentare dazu sind ausdrücklich erwünscht!

Der Neustart

Schon das Cover deutet es an und auch das aktuelle Formel-1-Geschehen ist voll davon: Zweikämpfe im eigenen Lager können das Salz in der Suppe sein, das Leben aber auch komplizieren. Für die Rallye-Weltmeisterschaft hat Vaillante zwei Teams benannt: Michel Vaillant und Gabriele Spangenberg sowie Daniel Farid und Alex Bracchi. Daniel ist ein moderner junger Fahrer mit Instaccount und vielen Followern. Nun möchte er beweisen, dass er besser ist als der Posterboy seiner Jugend.

ZACK 266 Page 3

Denis Lapière beweist meiner Meinung nach, dass er sich genügend in die Materie eingearbeitet hat und übernimmt nahtlos. Er traut sich auch bereits jetzt, Änderungen in der Firmenverwaltung anzukündigen und führt damit die von Phillipe begonnene Handlung fort. Das Artwork von Benjamin Benéteau und Vincent Dutreuil ist auf bekanntem hohem Niveau und macht die Geschichte auch für Nicht-Rennsportfans attraktiv! Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Serie weiterentwickelt, brauchen aber zunächst keine angst vor einem Qualitätsabfall haben.

Die Fortsetzungen

Das letzte Abenteuer von Jerry Spring stammt von Festin und wurde von Franz zeichnerisch umgesetzt. 22 Jahre musste man auf eine deutsche Veröffentlichung warten! Der Zorn der Apachen zeigt den Helden als Beauftragten der Regierung in einem Konflikt zwischen Stadtbewohnern und Indianer*innen. Dabei geht es durchaus zur Sache wenn auch Jerry selbst zurzeit wegen seiner Verletzung außer Gefecht ist. Die Vorlagen wurden im Vergleich zum ersten Teil etwas aufgehellt und damit qualitativ verbessert. Vielleicht nicht die innovativste aller Westerngeschichten, sicherlich auch anders als von Jerry-Spring-Puristen gehofft, trotzdem aber immer noch gut lesbar und mit teils sehr guten Zeichnungen.

ZACK 266 Detail Page 20

Die modernisierte Version von Suske und Wiske geht ebenfalls in die zweite Runde: In Amoras 2047 haben Marc Legendre und Zeichner Charel Cambre eine Version für Erwachsene abgeliefert die über sechs Alben hinweg eine durchgehende Geschichte erzählt. Die beiden Held*innen waren in die Zukunft versetzt und getrennt worden. Während sich Wiske gegen jugendliche Schläger wehren muss geraten Suske und Jerusalem unter Beschuss. Auch Krimson hat seinen ersten Auftritt. Eine der besten aktuellen Serien des europäischen Comics hat es endlich nach Deutschland geschafft. Der zwischen Semi-Funny und Realismus angesiedelte Stil transportiert die düstere Zukunftsvision perfekt und schafft es, den etwas altbackenen Figuren des Originals neues Leben einzuhauchen! Top-Tipp!

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Die Flintenweiber müssen einerseits ihre Wunden lecken, die ihnen bei der versuchten Übergabe des geraubten Ringes zugefügt worden waren, und geraten andererseits in den Fokus der Ermittlungen verschiedener Dienststellen. Noch bietet die Serie von Pierre Pevel vielleicht etwas viel: Steampunk, Fantasy, Krimi und Action. Wenn man allerdings die Zeichnungen von Étienne Willem sieht kann man erahnen, dass uns noch viel Spaß bereitet werden wird. Moderne Heldinnen, ein Schuss Arsene Lupin und ein wenig Märchen gibt einen netten Eintopf!

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Abschied

Aida Nur ist eine junge Nachtclubtänzerin im Kairo des Jahres 1922. Sie verkauft heimlich und unter der Hand gefundene altägyptische Antiquitäten und gerät damit zwischen die Fronten der Profiteure des lukrativen Geschäftes. Ohne zu wissen, wer „gut“ oder „böse“ ist, hat sie mit allen zu tun und wird schließlich entführt. Die Dänin Sussi Bech hat die Geschichten um diese Heldin im Stil der Klaren Linie angelegt. Der erste Band hat immer auch die Aufgabe, Personen und Hintergründe einzuführen, und muss daher gelegentlich weiter ausholen. Dies vorausgeschickt ist Tod in Kairo ein ordentlicher Start der neuen Serie!

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Und sonst?

Wie immer bietet auch diese Ausgabe Onepager von Parker & Badger sowie Tizombi, Infos aus der Welt der Neunten Kunst, Rezensionen und den ZACK-Keller. Die Artikel beleuchten die anthropomorphe Comicserie Die 5 Reiche sowie den Versuch des Jungen Museums Frankfurt, Stadtgeschichte auf neuen wegen an junge Leute zu bringen.

ZACK 266 Detail Page 66

Während bei unseren westlichen Nachbarn immer mehr Publikationen mit mehr oder weniger Comic- und Sekundäranteilen erscheinen, bleibt hier der Platzhirsch ZACK unangefochten. Es wäre auch schwierig, dieser Mischung aus qualitativ hochwertigen Comics und Information etwas entgegenzusetzen! Im nächsten Heft kommt mit Martin Frei dann auch wieder ein Künstler aus deutschen Landen zu Ehren mit einem weiteren Western!

Dazu passen The Melodians und als Erinnerung an oder Vorfreude auf den Urlaub ein Bubble Frisss.

© der Abbildungen 2021 bei den jeweiligen Verlagen und Künstlern c/o Blattgold GmbH

Serpieri – West

Artbook

Story:  Paolo Eleuteri Serpieri
Zeichnungen: 
Paolo Eleuteri Serpieri

Herausgeber: Roberto Guarino, Matteo Pollone

Originaltitel: Paolo Eleuteri Serpieri – West

Schreiber und Leser

Hardcover | 108 Seiten | Farbe | 39,80 € | 
ISBN: 978-3-96582-067-8

Cover Paolo Eleuteri Serpieri West

Paolo Eleuteri Serpieri wurde im Februar 1944 in Venedig geboren. Schon sein Geburtsdatum ließ erahnen, dass der kleine Junge etwas besonderes werden könnte, kam er doch am Schalttag zur Welt. Nach dem Studium von Malerei und Architektur widmete er sich immer mehr dem Zeichnen von Comics und erlangte in zwei Gebieten Weltruhm: Kurzgeschichten und ein paar längere Bände aus dem Wilden Westen sowie die erotische Horror-Science-Fiction-Serie Druuna. Das erste von zwei Artbooks des Künstlers aus dem Hamburger Verlag, bei dem auch das übrige Werk des Italieners erscheint, ist dem Western gewidmet.

Wie ein Junge aus Italien auf den Western kam

Der Band wird eingeleitet durch ein längeres Interview von Roberto Guarino und Matteo Pollone mit dem Künstler. Darin wird deutlich, dass Paolos Vater beruflich öfter in den USA gewesen war und seine Liebe für den Westen und die amerikanischen Zeichner an den Jungen weitergegeben hat. Zusätzlich hat er die Liebe zum Zeichnen gefördert und sein eigenes Talent zur Schulung genutzt. Wieder einmal bestätigt sich also hier die Regel, dass erfolgreiche Zeichner*innen schon als Kinder ständig gezeichnet haben.

Detail Serpieri - West page 6

Serpieri führt des Weiteren aus, wie sich sein Stil entwickelt hat und welche Unterschiede zwischen Feder und Pinsel bestehen. Seine Art mit extrem vielen Schraffuren das Bild zu gestalten ist mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden, hat sich aber auch erst entwickeln müssen. Er wurde aber nicht nur von Gemälden beeinflusst, sondern auch vom Western-Film und entwickelte schon früh eine Liebe zur grandiosen Weite. Während seiner Reisen in die USA hat er viele der Kulissen für seine späteren Erzählungen quasi in sich aufgenommen.

Dabei interessieren den Zeichner verschiedene Dinge: Zunächst einmal bewundert und liebt er Pferde und zeichnet diese extrem gerne. Im Interview erläutert er dabei den Einfluss der bewegten Bilder auf die grafische Darstellung. Eine weitere Freude ist das Zeichnen von möglichst authentischen Dekors und Kleidung/Schmuck, auch wenn es nicht immer genau die historische Wirklichkeit abbilden muss. Und dann sind da natürlich auch noch Frauenkörper. Bei diesen erlaubt er sich nach eigener Auskunft die größten künstlerischen Freiheiten.

Ein Prachtband

Schon die Reihe mit seinen Western-Geschichten hatte gezeigt, dass Serpieri nicht nur gerne Western zeichnet, sondern auch ein Meister darin ist. In diesem quadratischen, großformatigen Bildband haben die einzelnen Bilder noch viel mehr Gelegenheit, um zu wirken. Damit sind sowohl die Zeichnungen und Entwürfe im originalen Schwarz-Weiß gemeint als auch die kolorierten Bilder. Teilweise steht sogar beides direkt nebeneinander und erlaubt so den Vergleich.

Detail Serpieri - West page 36

Serpieri gibt seinen Figuren und Settings Tiefe und Ausdruck durch eine Unzahl von Schraffuren. Dadurch erhalten sie eine Plastizität, die an Fotographien erinnert. Der Künstler selbst bezeichnet sich auch als Realisten, lehnt die Einordnung als Veristen aber ab, da es ihm nicht um die Wahrheit geht. Ein Coffee-Table-Book ist typischerweise noch etwas größer als der vorliegende Bildband. Auch dieses Artbook lädt aber dazu ein, auf den einzelnen Abbildungen zu verweilen und Details zu erkennen und erfüllt daher den gleichen Zweck.

Fazit

Für Fans des Italieners ohne Frage ein Must-Have! Das Interview ordnet mehrere Werke aus diesem Genre für verschiedene Verlage ein, beschreibt Intentionen und Herausforderungen und lässt auch das Marvel-Kapitel nicht aus. Die Zeichnungen sprechen für sich und bekommen genau den benötigten Raum. Serpieri ist auch klar, dass er als Nicht-Kulturangehöriger nie die Geschichte der First Nations erzählen kann und will das auch gar nicht. Der einzige Kritikpunkt, der kommen könnte, ist die Darstellung der Frauen. Zwar sind sie durchaus auch in aktiven Rollen zu sehen, es gibt aber genügend Bilder, die sie in eine Opferrolle zwingen. Es ist aber keineswegs intendiert, damit die Unterjochung zu verherrlichen.

ExLibris Paolo Eleuteri Serpieri West

Neben dem guten Papier und der entsprechenden Bindung hat sich der Verlag entschieden, allen Käufer*innen der Erstauflage einen beigelegten Kunstdruck zu spendieren. Mehr kann man nicht verlangen! Da der Western-Comic momentan zu neuer Blüte erwacht, ist das sicherlich genau der richtige Zeitpunkt, um ein solches Artbook auf den Markt zu bringen! Sehr lesenswert sind auch die Ausführungen zu „General“ Custer.

Dazu passen Musik von Siouxsie and the Banshees und ein Rye Whiskey.

© der Abbildungen 2021 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg / Lo Scarabeo – Paolo Eleuteri Serpieri

Swysen/Paty –Monroe

Ein Hollywoodmärchen!

Story: Bernard Swysen 
Zeichnungen: Christian Paty

Originaltitel: Les étoiles de l´histoire 2 – Mayrilin Monroe

Panini Comics

Hardcover | 104 Seiten | Farbe | 22,00 € | 
ISBN: 978-3-7416-2174-1

Swysen/Paty - Monroe Cover

Biopics sind immer noch en vogue und auch im Comicbereich immer mehr am Kommen. Panini hat sich die deutsche Ausgabe der Reihe Die Stars der Geschichte gesichert und bringt nach dem Band über Charlie Chaplin nun den nächsten Hollywoodstar. Ansprechendes Äußeres, eine Filmographie und ein Begleittext lassen diese Reihe nicht nur für Filmfans interessant erscheinen.

Von einer sehr bescheidenen Kindheit zum Weltruhm

Marylin Monroe wurde als Norma Jean geboren. Der Vater wollte schon früh weder von ihr noch von ihrer Mutter etwas wissen und existierte daher nur als Foto an der Wand. Die Mutter war psychisch labil und nicht wirklich willens, ein Kind aufzuziehen und so wurde die kleine Norma zwischen staatlicher Fürsorge und verwandtschaftlicher Pflege hin und hergeschoben. Die Geschichte deutet an, dass es dabei auch durchaus sexuelle Übergriffe gab. Echte Liebe hat das Kind nach eigener Aussage nur von einem Hund erfahren. Dieser allerdings war von einem übellaunigen Nachbarn erschossen worden.

Detail aus Monroe page 18

Aus dem kleinen Aschenputtel wurde aber eine junge Frau und schlagartig änderte sich etwas: die Jungen beachteten sie plötzlich und von nun an wusste sie, dass sie ihren Körper als Waffe einsetzen konnte. Die Aufmerksamkeit der einen Hälfte führte allerdings auch zur Ablehnung durch die andere. Viele ihrer Beziehungen sollten im Endeffekt daran scheitern, dass alle in ihr nur ein Sexsymbol sahen, dass sie besitzen wollten. Folgerichtig war sie bereits mit 16 Jahren das erste Mal verheiratet.

Eine Beziehung aber war anders: Zwar funktionierte auch die Zweisamkeit mit Joe Di Maggio nicht, er aber war der einzige, der immer wieder hilfreich zur Seite stand. Zwei weitere Liebschaften hätten dem Starlet und späteren Star helfen können, wurden aber durch einen plötzlichen Tod zu Unzeiten beendet. Zumindest um die Affäre mit JFK und Marylins Ableben ranken sich natürlich auch genügend Gerüchte.

Zum Zeitpunkt ihres Todes war die Blondine auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Lange hatte sie nicht selbst entscheiden dürfen, welche Filmrollen sie spielen würde. Nun lag ihr ganz Hollywood zu Füßen. Glücklich war sie deswegen allerdings nicht und auch ihre Marotten sorgten für bad vibes. All diese Widersprüchlichkeiten und Rückschläge fängt Bernard Swysen geschickt auf und bastelt daraus ein gut lesbares Biopic.

Detail Monroe page 27

Die Zeichnungen

Christian Paty ist kein Unbekannter, arbeitet auch im Fantasy-Bereich und hat noch eine Film-Biografie von Swysen umgesetzt. Vielleicht sehen wir in daher nochmal mit dem Leben von Brigitte Bardot. Sein Stil ähnelt der klaren Linie, allerdings gibt die Kolorierung Nuancen hinzu, die früher als Schraffur angelegt gewesen wären. Er reduziert wo möglich und kann daher auch Nacktszenen oder Gewaltdarstellungen so rüberbringen, dass eine Indizierung nicht droht.

Grundsätzlich erzählt er in einem standardisierten Rahmen nur manchmal, wenn etwas wirklich Wichtiges geschieht, dann überlappen sich seine Bilder und verlieren manchmal sogar den Rahmen. Dadurch lenkt nicht viel ab und Leser*innen können sich auf den Fortgang konzentrieren. Wenn man dann doch etwas verweilt dann kann man auch die Feinheiten erkennen und die Bildkompositionen!

Detail aus Swysen/Paty - Monroe page 67

Fazit

Qualität kann sich auch darin zeigen, dass Leser*innen nicht die Entscheidung abgenommen wird, die gezeigten Fakten selbst bewerten zu müssen. Natürlich hat Marylin Monroe gelitten, sie hat aber auch manipuliert und diese Ambivalenz ist nicht objektiv zu beurteilen, sondern nur durch jede*n einzelnen. Wie schon im Band zu Chaplin lässt Swysen seine Meinung zwar durchblicken, gibt sie aber nicht vor. Für mich bleibt jedenfalls fraglich, ob diese Karriere wirklich ein Hollywoodmärchen gewesen ist.

Dazu kommen da Format als Hardcover und die beigefügten informativen Elemente wie Filmografie und einführende Worte, die diese Reihe auch für an Biografien interessierte zu einer guten Möglichkeit machen. Für Filmfans dürfte sich die Frage gar nicht stellen.

Dazu passen natürlich nur Klänge von Marylin selber und ein Gin Tonic.

© der Abbildungen 2020 Panini Verlags Gmbh / DUPUIS 2020, by Swyers, Paty