Duchâteau/Tibet – Rick Master Gesamtausgabe 8

1974 – 1976

Story: André-Paul Duchâteau
Zeichnungen: Tibet

Originaltitel: RIC HOCHET – L‘INTÉGRALE 6-7

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 168 Seiten | Farbe | 34,00 € |

ISBN:  978-3-95839-584-8

Die Serie

In Zeiten wie diesen, wo nicht nur Restaurants und Kneipen geschlossen sind und Kinoabende verteilt vor den Fernsehgeräten stattfinden, hat der eine oder die andere vielleicht die Zeit, sich Klassikern zu widmen. Ich möchte heute daher den aktuellen Band der Rick Master Gesamtausgabe näher vorstellen. Die erste Geschichte um den Journalisten, seinen Freund Kommissar Bourdon, dessen Nichte Nadine und die gemeinsam gelösten Kriminalfälle ist bereits 1955 erschienen und bis zum Tod des Zeichners Tibet im Jahr 2010 wurden insgesamt 77 Alben verlegt!

In Deutschland debütierte der blonde Held in MV-Comix und war dann Stammgast im Koralle-ZACK. In den verschiedenen Publikationen waren die Geschichten allerdings nicht chronologisch und zudem oft auch nur gekürzt oder ummontiert erschienen. Die folgenden Alben bei Koralle, Bastei, Carlsen und Kult schafften es nicht, die Serie komplett einheitlich zu bringen. Dem setzt die seit 2017 bei Splitter erscheinende Gesamtausgabe ein Ende: in 25 Bänden werden alle Abenteuer erhältlich sein! Zudem beinhaltet jeder Band reichlich Zusatzmaterial in Form von Covern der ursprünglichen Tintin-Veröffentlichungen, Ausschnitten aus anderen Werken von Tibet und André-Paul Duchâteau und natürlich Artikeln über die Beiden und ihre Serie.

Auch die neuen Abenteuer von Rick Master von Van Liemt und Zidrou werden von Splitter als Alben verlegt. Die Vorveröffentlichung erfolgt im ZACK. Die Gesamtausgabe erscheint alle zwei Monate und zwar abwechselnd mit einer überarbeiteten Neuveröffentlichung von alten und mit neuen Bänden.

Band 8

Der gerade erschienene Band 8 umfasst die Jahre 1974 – 1976 und damit eine der spannendsten Phasen der Serie. Rick Master öffnet sich erstmals dem Thema Science-Fiction und beweist einmal mehr die Wandlungsfähigkeit der Autoren. Natürlich ändert sich nichts am Grundkonzept, nur die Varianz wird größer.

Den Beginn macht zunächst der dritte Teil des Porträts von André-Paul Duchâteau. Volker Hamann beweist einmal mehr sein grandioses Wissen um die Welt der Neunten Kunst und seine Fähigkeit, dieses auch weiterzugeben! Im Mittelpunkt dieser 20 Seiten stehen die anderen Serien des Texters, unter anderem das bald auch auf Deutsch wieder startende Rennfahrer-Epos Andre Chevallier (bzw. Rolf Thomsen wie es im Koralle-ZACK betitelt war). Schon allein die zusätzlichen Illustrationen würden einen Kauf rechtfertigen.

Die ersten Seiten von Angriff der Ausserirdischen wurden im November 1974 im Tintin veröffentlicht, die erste deutsche Ausgabe kam 1977 als ZACK-Album 17. Der etwas absonderliche Frédéric Louaisil hatte 1970 behauptet, im Finistère auf der Straße des Unmöglichen Außerirdische gesehen zu haben. Nun, 1974, stößt er bei einem abendlichen Spaziergang im Nebel scheinbar erneut auf fremde Wesen und wird bei dem Versuch, diese zu fotografieren von einem blitzartigen Schlag getroffen. Sein Neffe Bob sowie Rick sollen helfen, diese Geschichte zu beweisen.

Im Laufe der Zeit werden mehrere Personen vermisst oder aber auf grausame Weise zugerichtet tot aufgefunden und Panik macht sich im Ort bereit. Selbst der französische Präsident wird eingeschaltet und auch Kommissar Bourdon quartiert sich vor Ort ein… Sehr spannendes Who-dunnit in einer Gegend, in der übernatürliche Phänomene von niemandem ausgeschlossen werden!

Auch Die Linie des Todes beginnt mysteriös: Scheinbar unabhängig voneinander sterben drei Menschen an einem Herzinfarkt. In einem der Fälle kann Rick Master gerade noch verhindern, dass unschuldige Kinder ebenfalls sterben müssen. Es ist schon auffällig genug, dass die Ereignisse gleichzeitig stattgefunden haben, doch als Rick und Bourdon feststellen müssen, dass die drei Orte auf einer geraden Linie liegen, gilt es eine Erklärung zu finden. Sie müssen feststellen, dass Professor Hermelin an einer Strahlenwaffe gearbeitet hat…

Deutsche Leser*innen durften an der Aufklärung dieses Falles mit allen Wirrungen und Verirrungen insbesondere des Kommissars im Jahre 1977 über fünf Folgen des ZACK teilhaben, mussten allerdings auf den ersten ungekürzten Genuss noch ein wenig warten.

Den Abschluss bildet Eine heiße Spur von 1975/76. Auch diese Geschichte schaffte es relativ schnell nach Deutschland, allerdings nur in die ZACK-Parade und musste daher im ungewohnten Taschenbuchformat überzeugen. Waren die Arbeiten von Aidans extra dafür konzipiert, in beiden Formaten zu funktionieren (vgl. etwa Tunga), musste hier mehr Hand angelegt werden.

Erneut dreht es sich um eine scheinbare wissenschaftliche Errungenschaft, denn es geht das Gerücht, dass es eine Möglichkeit gäbe, seine Identität spurlos und komplett zu verändern. Der Preis dafür sind zwar 5 Millionen aber für echte Gangster wäre das eine akzeptable Summe und so machen sich Rick, Kommissar Bourdon und Nadine auf in die winterlichen Berge! Rasante Action gepaart mit Spannung und vielen Leichen!

Die Zeichnungen

Tibet schaffte es über die Laufzeit von mehr als fünfzig Jahren stets, den sich wandelnden Anforderungen der Leser*innen gerecht zu werden! Obwohl die handelnden Personen sich altersmäßig nicht veränderten, die Dekors, die Fahrzeuge und die Settings taten es sehr wohl.

Mitte der siebziger Jahre gab es schon die eine oder andere Veränderung in der frankobelgischen Comic-Landschaft. Der Erwachsenencomic, die Revolte, freiere Sexualitätsdarstellungen hatten ihren Siegeszug angetreten und von all dem waren Tibet und Rick Master weit entfernt. Nichtsdestotrotz geht es hier um einen Klassiker aus dem Tintin-Magazin, dem von Hergé verantworteten Hort der klaren Linie, mit 4-Panel-Reihen aus denen sich mal drei ergeben können, um rechteckige Rahmen und höchstens mal ein Soundword.

Tibets Meisterschaft waren vielleicht nicht die Gesichter. In der leicht karikierenden Darstellung der Personen als Ganzes ist aber die Geschwindigkeit der Actionszenen bereits angelegt. Kein Dekors lenkt von dem Wesentlichen der Handlung ab und wenn es gezeichnet wird, hat es auch eine Aufgabe in der Erklärung der Umgebung oder der Schaffung einer Stimmung! Und das beherrscht er meisterhaft!

Die Wertung

Wunderschöne und wertige Aufmachung für den Klassiker! Das Vorwort und die Abbildungen, die ausführlichen Hinweise zu den bisherigen Veröffentlichungen sind Bestandteile einer nahezu perfekten Gesamtausgabe! Dazu kommt, dass diese Reihe wohl tatsächlich und erstmalig alle Abenteuer des Journalisten in einheitlicher Form präsentieren wird. Generell also schon mal ein großes Lob an den Splitter-Verlag!

Wer erstmal reinschnuppern möchte, ist mit Band 8 sicherlich gut bedient; die Geschichten sind spannend, nicht zu zeitgebunden und Tibet hatte zu dieser Zeit nicht nur eine große Lust zu zeichnen, sondern befand sich auch auf dem (lange andauernden) Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Also nicht nur jetzt eine Empfehlung!

Nadine hätte vermutlich Musik gehört, die im deutschen TV in der disco gelaufen wäre, Rick hätte allein möglicherweise lieber der Hitparade gelauscht. Beides gefällt mir als Basis für einen Soundtrack dazu nicht besonders und so empfehle ich eher The Undertones, etwa mit „Teenage Kicks“ vom Ende des Jahrzehnts und dazu einen oder zwei Glenmorangie.

© der Abbildungen Splitter-Verlag 2020, ÉDITIONS DU LOMBARD (DARGAUD-LOMBARD S.A.) 2004/2005

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