Worley, Vance/Waller – Omaha 4

Omaha the Cat Dancer – Band 4

Story: Kate Worley, Jack Vance

Zeichnungen: Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 4

Schreiber & Leser

Broschur | 336 Seiten | S/W | 29,80 €
ISBN: 
978-3-96582-071-5

Cover OMAHA 4

Omaha ist eine Serie für Erwachsene, keine Frage. Sie enthält explizite Darstellungen und ist doch ganz anders als so viele andere Comics, in denen Sex entweder als Machtausübung dargestellt wird oder aber rein voyeuristisch. Kate Worley hat die Geschichte von „normalen Menschen“ beschrieben, die unabhängig von Gesundheitszustand, Einkommen, Hautfarbe oder sexueller Orientierung persönliche und berufliche Probleme meistern müssen, für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung eintreten, nicht fehlerfrei sind und nebenbei auch noch Beziehungen leben.

Gentrifizierung, Bauskandale und Korruption und immer wieder Beziehungsprobleme

Die Bewohner*innen von Mipple City haben es nicht leicht. Heutzutage gibt es kaum noch Konflikte, die die Bevölkerung nicht in annähernd gleiche feindliche Blöcke spalten. Ende der 80-er Jahre war das noch selten. Während die eine Hälfte der Stadt eine Gegend mit Bars, Clubs und alternativem Leben als Schandfleck empfindet, ist eben jenes für die andere Hälfte der Teil der Stadt, der ein Aufatmen, eine gewisse Freiheit erst ermöglicht und unbedingt zu unterstützen ist.

OMAHA 4 page 8

Bei großen Bauprojekten war man es früher fast schon gewöhnt, von Bestechung, Korruption und Pfusch am Bau zu lesen. So ist auch hier Manipulation mit Fake News, Bestechung und sogar Gewalt im Spiel und – wie im richtigen Leben – scheint es auch hier so zu sein, dass es keine „reine“ Seite gibt. Die Spielregeln waren schon so weit verschoben, dass ein völlig legales Verhalten außer Frage stand. Vielleicht haben auch solche Geschichten wie Omaha dazu beigetragen, dass Korruption nicht mehr ganz so offen praktiziert werden kann.

Aber auch beziehungstechnisch werden die als Tiere dargestellten Personen bis über ihre Grenzen hinaus gefordert. Es geht um nicht reflektierte Machtstrukturen, falsche Erwartungen und immer wieder auch um Ehrlichkeit und Kommunikation. Daneben gibt es Konflikte, die man klären kann und die eine Versöhnung ermöglichen. Einige davon sind so grundlegend, dass eine Trennung unvermeidlich erscheint. Und es gibt mehr oder weniger suchthafte Reaktionen.

Kate Worley hat lange gegen ihren Krebs gekämpft, schließlich aber doch verloren. Zum Beginn von Omaha war sie noch mit Reed Waller, dem Zeichner, liiert. Nach einer Trennung lebte sie schließlich mit dem Autoren Jack Vance zusammen, der es wiederum nach ihrem Tod übernommen hat, die Geschichte um die Schönheitstänzerin Omaha und Mipple City zu beenden.

OMAHA 4 page 9

Furry pictures

Ursprünglich war es wohl die Idee, Zensur zu umgehen. Die Tatsache, dass hier vermenschlichte Tierfiguren dargestellt werden, hat aber im Laufe der Zeit sehr viele Fans gefunden und es gibt eine eigene Kategorie für solche Comics. Dem Lesevergnügen tut es jedenfalls keinen Abbruch, ja, es schafft sogar eine gewisse Distanz. Reed Waller setzt die Vorgaben seiner Szenarist*innen im gleichen Geiste um. Es geht nicht darum, jemanden bloßzustellen, Behinderungen oder Vorlieben ins Lächerliche zu ziehen oder Erwartungen eines männlichen Publikums zu befriedigen.

Zeichnungen können verletzten oder wertfrei darstellen. Hier passiert das Letztere und trotzdem feiern die Zeichnungen das Leben und alles, was dazu gehört! Das ist der große Unterschied zu vielen Altmännerphantasien in der sogenannten Independent-Szene, die doch nur eine andere Art für Misogynie ist.

Wie groß die Zustimmung in der Comicwelt zu dieser Serie gewesen ist, wird vielleicht auch durch den Anhang deutlich. Reed Waller erkrankte 1993 ernsthaft an Krebs, besaß aber keine ausreichende Krankenversicherung. An dem Unterstützungsprojekt „Images of Omaha“ beteiligten sich mehr Künstler*innen als erwartet, unter anderem Will Eisner, Bryan Talbot, Scott McCloud oder Frank Miller. Die gesammelten Bilder sind Bestandteil dieses Abschlussbandes!

OMAHA 4 Anahng

Eine Graphic Novel für die Sammlung

Jede*m bleibt es selbst überlassen, welche Comics man mag. Es gibt glücklicherweise keinen Kanon! Wer sich aber für Graphic Novels interessiert, wer wissen möchte, wie Menschen interagieren, wie ziviler Widerstand gegen Großprojekte angefangen hat und wie Darstellung von gewaltfreier Sexualität sein kann, der darf hier gerne einen Blick riskieren!

Handwerklich gut gemachter Independent (und das ist in diesem Fall nicht als Entschuldigung für technisches Unvermögen gemeint!) mit teils sympathischen Figuren, eben wie aus dem Leben gegriffen. Die Aufmachung durch den Hamburger Verlag in vier dicken, aber sehr handlichen Paperbacks mit einführenden Worten passt dazu perfekt! Für mich ein Top-Tipp!

Dazu passen Die Broilers aus Düsseldorf und ein Fiege Bernstein.

© der Abbildungen 1978 – 2020 by Reed Waller & CatDancer Corporation, 2021 Verlag Schreiber & Leser

Serpieri – West

Artbook

Story:  Paolo Eleuteri Serpieri
Zeichnungen: 
Paolo Eleuteri Serpieri

Herausgeber: Roberto Guarino, Matteo Pollone

Originaltitel: Paolo Eleuteri Serpieri – West

Schreiber und Leser

Hardcover | 108 Seiten | Farbe | 39,80 € | 
ISBN: 978-3-96582-067-8

Cover Paolo Eleuteri Serpieri West

Paolo Eleuteri Serpieri wurde im Februar 1944 in Venedig geboren. Schon sein Geburtsdatum ließ erahnen, dass der kleine Junge etwas besonderes werden könnte, kam er doch am Schalttag zur Welt. Nach dem Studium von Malerei und Architektur widmete er sich immer mehr dem Zeichnen von Comics und erlangte in zwei Gebieten Weltruhm: Kurzgeschichten und ein paar längere Bände aus dem Wilden Westen sowie die erotische Horror-Science-Fiction-Serie Druuna. Das erste von zwei Artbooks des Künstlers aus dem Hamburger Verlag, bei dem auch das übrige Werk des Italieners erscheint, ist dem Western gewidmet.

Wie ein Junge aus Italien auf den Western kam

Der Band wird eingeleitet durch ein längeres Interview von Roberto Guarino und Matteo Pollone mit dem Künstler. Darin wird deutlich, dass Paolos Vater beruflich öfter in den USA gewesen war und seine Liebe für den Westen und die amerikanischen Zeichner an den Jungen weitergegeben hat. Zusätzlich hat er die Liebe zum Zeichnen gefördert und sein eigenes Talent zur Schulung genutzt. Wieder einmal bestätigt sich also hier die Regel, dass erfolgreiche Zeichner*innen schon als Kinder ständig gezeichnet haben.

Detail Serpieri - West page 6

Serpieri führt des Weiteren aus, wie sich sein Stil entwickelt hat und welche Unterschiede zwischen Feder und Pinsel bestehen. Seine Art mit extrem vielen Schraffuren das Bild zu gestalten ist mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden, hat sich aber auch erst entwickeln müssen. Er wurde aber nicht nur von Gemälden beeinflusst, sondern auch vom Western-Film und entwickelte schon früh eine Liebe zur grandiosen Weite. Während seiner Reisen in die USA hat er viele der Kulissen für seine späteren Erzählungen quasi in sich aufgenommen.

Dabei interessieren den Zeichner verschiedene Dinge: Zunächst einmal bewundert und liebt er Pferde und zeichnet diese extrem gerne. Im Interview erläutert er dabei den Einfluss der bewegten Bilder auf die grafische Darstellung. Eine weitere Freude ist das Zeichnen von möglichst authentischen Dekors und Kleidung/Schmuck, auch wenn es nicht immer genau die historische Wirklichkeit abbilden muss. Und dann sind da natürlich auch noch Frauenkörper. Bei diesen erlaubt er sich nach eigener Auskunft die größten künstlerischen Freiheiten.

Ein Prachtband

Schon die Reihe mit seinen Western-Geschichten hatte gezeigt, dass Serpieri nicht nur gerne Western zeichnet, sondern auch ein Meister darin ist. In diesem quadratischen, großformatigen Bildband haben die einzelnen Bilder noch viel mehr Gelegenheit, um zu wirken. Damit sind sowohl die Zeichnungen und Entwürfe im originalen Schwarz-Weiß gemeint als auch die kolorierten Bilder. Teilweise steht sogar beides direkt nebeneinander und erlaubt so den Vergleich.

Detail Serpieri - West page 36

Serpieri gibt seinen Figuren und Settings Tiefe und Ausdruck durch eine Unzahl von Schraffuren. Dadurch erhalten sie eine Plastizität, die an Fotographien erinnert. Der Künstler selbst bezeichnet sich auch als Realisten, lehnt die Einordnung als Veristen aber ab, da es ihm nicht um die Wahrheit geht. Ein Coffee-Table-Book ist typischerweise noch etwas größer als der vorliegende Bildband. Auch dieses Artbook lädt aber dazu ein, auf den einzelnen Abbildungen zu verweilen und Details zu erkennen und erfüllt daher den gleichen Zweck.

Fazit

Für Fans des Italieners ohne Frage ein Must-Have! Das Interview ordnet mehrere Werke aus diesem Genre für verschiedene Verlage ein, beschreibt Intentionen und Herausforderungen und lässt auch das Marvel-Kapitel nicht aus. Die Zeichnungen sprechen für sich und bekommen genau den benötigten Raum. Serpieri ist auch klar, dass er als Nicht-Kulturangehöriger nie die Geschichte der First Nations erzählen kann und will das auch gar nicht. Der einzige Kritikpunkt, der kommen könnte, ist die Darstellung der Frauen. Zwar sind sie durchaus auch in aktiven Rollen zu sehen, es gibt aber genügend Bilder, die sie in eine Opferrolle zwingen. Es ist aber keineswegs intendiert, damit die Unterjochung zu verherrlichen.

ExLibris Paolo Eleuteri Serpieri West

Neben dem guten Papier und der entsprechenden Bindung hat sich der Verlag entschieden, allen Käufer*innen der Erstauflage einen beigelegten Kunstdruck zu spendieren. Mehr kann man nicht verlangen! Da der Western-Comic momentan zu neuer Blüte erwacht, ist das sicherlich genau der richtige Zeitpunkt, um ein solches Artbook auf den Markt zu bringen! Sehr lesenswert sind auch die Ausführungen zu „General“ Custer.

Dazu passen Musik von Siouxsie and the Banshees und ein Rye Whiskey.

© der Abbildungen 2021 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg / Lo Scarabeo – Paolo Eleuteri Serpieri

Taymans – Caroline Baldwin 18

Half-Blood

Story: André Taymans
Zeichnungen: André Taymans

Originaltitel: Caroline Baldwin 18 – Half-Blood

Schreiber und Leser – Alles Gute!

Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 14,95 € |

ISBN: 978-3-96582-064-7

Cover Taymans Caroline Baldwin 18

Die eigenwillige Privatermittlerin ist zurück auf dem deutschen Markt! Nicht nur erscheinen die lange vergriffenen ersten Bände erneut in Form einer Gesamtausgabe, auch die bisher nicht erhältlichen kommen in ähnlicher Aufmachung als Einzelbände bei Alles Gute. Und es ist sogar noch mehr in Planung!

Und wieder geht es nach Asien

Caroline Baldwin bekommt ihre Aufträge üblicherweise von einer Agentur. Deren Chef hat gerade erfahren, dass er nur noch 6 Monate zu leben hat, wenn er keine Rückenmarksspende erhält. Der einzige mögliche Spender ist sein Sohn, der sich nach einem Streit mit seinem Vater angeblich nach Bangkok verzogen hat. Was läge also näher als seine beste Ermittlerin, die zudem wegen ihrer HIV-Infektion auch noch die einzige ist, die weiß was eine tödliche Krankheit ist, auf den Fall anzusetzen.

Caroline Baldwin 18 page 5

So begibt sich also die Heldin dieser Serie nur mit einem Foto des Sohnes ausgerüstet in die pulsierende asiatische Großstadt. Sie wird dort von großer Hitze empfangen, vernichtet eine Unmenge an eisgekühlten Getränken und trifft auf einen Helfer, der mehr zu wissen scheint. Und dann ist da noch die geheimnisvolle Frau Jow.

Wie schon Band 17 war auch die erste Version dieses Szenario ursprünglich für die geplante Verfilmung geschrieben. André Taymans hat sich erst später entschlossen, die grundlegende Idee zu behalten und für eine Comicadaption neu umzusetzen. Der Anhang liefert einige Beispiele wie Standbilder, die bereits gemacht worden waren, zeichnerisch in dem Comic umgesetzt worden sind. Ein Hinweis an dieser Stelle: Die Geschichte findet in Band 19 ihre Fortsetzung.

Detail from Taymans Caroline Baldwin 18
Wer nicht hören will …

Klare Linie, keine Experimente

Die zeichnerische Umsetzung ist wie erwartet. Für die einen klingt das wie ein großes Lob, für andere mag das eher abwertend aufgefasst werden. Tatsache ist, dass André Taymans seinen Stil einer modernisierten klaren Linie gefunden hat und unverwechselbar umsetzt. Als Leser*in bekommen wir genau das und nichts anderes und das macht sicherlich auch teilweise den Reiz dieser Serie aus. Die Heldin sieht aus wie immer, ihre Frisur sitzt und wir fühlen uns sofort heimisch.

Caroline Baldwin 18 page 6

Was aber immer wieder beeindruckt, ist wie treffend Umgebungen in Szene gesetzt werden. Der Eisenbahnwaggon ist genauso glaubhaft wie die Hotelbar oder der Straßenverkehr und auch die Natur wirkt „echt“. Schon öfter hatten Drogen eine Rolle in dieser Serie gespielt. In Half-Blood spielt ein Drogensüchtiger auf Entzug eine große Rolle und auch diese sehr emotionale und intime Situation kommt glaubhaft rüber. Was wollen wir mehr erwarten?

In der ersten Liga der Krimiheldinnen!

Caroline Baldwin vereinigt einige Kriterien, die eine erfolgreiche, spannende und lesenswerte Reihe benötigt: Die Heldin ist speziell, denn langweilige Menschen ohne Ecken und Kanten taugen nicht als Projektionsfläche. Mit ihrer Erkrankung ist sie unkonventionell und sie trinkt auch deutlich mehr als ihre Kolleginnen. Die Themen sind divers, Brutalität und Gewalt werden nicht ausgeblendet, stehen aber nicht im Vordergrund der Geschichte, und sowohl die Heldin als auch die Essenz der Serie haben einen hohen Wiedererkennungswert.

Wer immer also an starken Frauen, spannenden Krimis und gut erzählten Abenteuern aus allen Ecken der Welt Gefallen gefunden hat, sollte hier einen Blick riskieren. Das Hardcover mit blauem Rücken tut sein Übriges so dass die Reihe auch im Regal einen guten Eindruck macht.

Caroline Baldwin Profile

Auf diesen Seiten ist so viel Whiskey geflossen, dass dazu am Besten etwas komplett anderes getrunken wird: Passend zu den aktuellen Sommertemperaturen ein eisgekühlter leichter Weißwein und instrumentaler Ska, etwa „Free as a Bird“ vom New York Ska Jazz Ensemble.

© der Abbildungen 2017 Studio Caroline / André Taymans, 2017 BELG Prod. Sarl., 2021 Schreiber und Leser

Taymans – Caroline Baldwin GA 2

Sammelband 2 mit den Episoden 5 bis 8

Story: André Taymans

Zeichnungen: André Taymans

Originaltitel: Caroline Baldwin Integrale Vol. 2

Schreiber und Leser

Hardcover mit Lesebändchen | 208 Seiten | Farbe | 39, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-061-6

Cover Taymans Caroline Baldwin 2

Die private Ermittlerin Caroline Baldwin ist eine jene Heldinnen, die man so schnell nicht vergisst. Sie ist nicht an eine bestimmte Polizeistelle gebunden und entscheidet selbst, welche Fälle sie übernehmen wird. Sie ist ungebunden, Beziehungen gegenüber aber nicht abgeneigt. Sie hat Familie, beschränkt ihre Kontakte aber im Wesentlichen auf den – mittlerweile verstorbenen – Großvater. Sie trinkt zuviel. Und oft gelingen Sachen nicht so, wie sie es eigentlich sollten. Die ersten Fälle machten eine Nebenfigur zu einer einzigartigen Heldin.

Eine Krankheit und ihre Folgen

Absurdistan war eigentlich als Begleitung zu einem Musical gedacht und sollte als multimediales Projekt an den Start gehen. Leider kam es dann doch zu einem Stop für das Bühnenspektakel, der Comic musste also alleine für sich sprechen. Es bleiben aber die vielen Hinweise auf die Musik und eine Wendung, die die Heldin für immer beeinflussen wird: Diese Geschichte wird allen Fans für immer im Gedächtnis bleiben, denn es ist diejenige, in der klar wird, dass die Heldin sich mit dem HIV-Virus angesteckt haben könnte.

Baldwin Gesamtausgabe 2 page 52

In Angel Rock wird dann auch klar, dass Caroline Baldwin sich wirklich infiziert hat und so sitzt sie in einer kleinen Kneipe in einem kleinen verschlafenen Örtchen und ertränkt sich selbst in Selbstmitleid und Jack Daniels. Irgendwie schafft sie es aber, sich soweit zu motivieren, dass sie einen Vater in das verschneite Gebirge begleitet, um seinen tödlich verletzten Sohn zu bergen. Es stellt sich aber heraus, dass mehr dahintersteckt.

Der zweite Band der Gesamtausgabe wird von einem Zweiteiler beendet: Staatsraison beginnt mit dem Widersehen mit einem alten Bekannten. Dieser muss noch eine Geheimdienstoperation abschließen, will sich aber weiter mit unserer Heldin treffen. Eine Menge an Kugeln verhindern das. Während es für eine ganze Anzahl von Leichen es keine erkennbaren Täter gibt, verdichten sich zumindest Informationen, dass hier Geheimdienste involviert sind.

Baldwin Gesamtausgabe 2 page 53

Caroline wird darüber informiert, dass ein Geschäftsmann entführt worden ist. Die für solche Fälle zuständige Versicherung möchte, dass unsere Heldin den Lösegeldbetrag im asiatischen Dschungel übergibt und beauftragt sie daher. In Die Lagune kommt Baldwin den Entführern immer näher und weiterhin sterben Killer durch Schüsse aus dem Hinterhalt. André Taymans hat es erneut geschafft, eine spannende Story aus dem Geheimdienstmilieu zu schreiben, die geschickt Überraschungen kombiniert, spannende Fallen aufbaut und dabei exotische Schauplätze zeigt. Eigentlich genau das richtige Setting für eine Miniserie für einen Streaminganbieter.

Die Zeichnungen

André Taymans bleibt seiner klaren Linie treu. Schnörkellose Zeichnungen verweisen auf das Wesentliche und ermöglichen das Hineintauchen in eine künstliche Welt. Obwohl insofern unrealistisch bieten die Bilder einen schönen TV-Ersatz! Naja, schon mehr, denn die Zeichnungen zeigen Taymans auf einem Höhepunkt seines Schaffens. Die Personen sind nicht statisch (obwohl teilweise ein wenig mit dem Stilmittel gesielt wird), einzig die Frisur der Heldin erinnert ein wenig an Drei-Wetter-Taft.

Detail Baldwin GA 2

Sowohl die Schneelandschaften im Gebirge als auch die Dschungelszenen sind perfekt umgesetzt und ermöglichen ein Hineinfühlen (wahlweise auch eine Gedankenreise) und netterweise beweist er dann auch noch die Selbstironie darauf hinzuweisen, dass der Dschungel anders aussähe als in den Filmen. Die wären ja auch oft woanders gedreht.

Die Empfehlung

Eine selbständige, toughe Heldin die zudem auch noch persönliche Schicksalsschläge hinnehmen muss ist schon per se eine Empfehlung. Caroline Baldwin ist darüber hinaus spannend, abseits des männlich dominierten Privatermittlergenres und nachvollziehbar. Man mag allerdings darüber zweifeln ob tagelanger Whiskey-Konsum eine gute Vorbereitung für eine Bergtour ist.

Serienbanner Caroline Baldwin

Die Aufmachung tut ihr Übriges: Lesebändchen und durchgehendes Rückenmotiv machen sich mit zunehmender Anzahl gut im Regal und die neuen Bände schließen sich farblich ebenfalls an. Wieder gibt es informatives Material über die Serie und zusätzliche Fotos und Illustrationen! Ein Klassiker der modernen Klaren Linie in perfekter Aufmachung.

Dazu passen The Pretty Reckless und – natürlich – ein Jack Daniels.

© der Abbildungen 2017 Studio Caroline / André Taymans, 2017 BELG Prod. Sarl., 2021 Schreiber und Leser

Dufaux/Pellejero – Regenwolf

Gesamtausgabe Regenwolf

Story: Jean Dufaux
Zeichnungen: 
Rubén Pellejero

Originaltitel: Loup de Pluie – Intégrale complète

Schreiber und Leser

Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-049-4

Cover Dufaux Pellejero Regenwolf

Der Gattung Western haftete lange ein bisschen Anrüchiges an: Rassistisch, sexistisch, konservativ und altbacken. Es geht aber auch anders und viele sogenannte Neo-Western versuchen einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Zunächst ging es darum, die amerikanischen Ureinwohner*innen nicht entweder als „Edle Wilde“ oder – entgegengesetzt – als „Untermenschen“ darzustellen. Nun wird vermehrt auch der Blick auf aktive weibliche Rollen gelenkt.

Klassische Inhaltselemente, neu gedacht und auf die Füße gestellt

Regenwolf ist dabei ein meiner Meinung nach extrem gut gelungener Versuch, einen anderen Blick zu ermöglichen. Jean Dufaux lässt die ganze Geschichte von einer Frau, Blanche McDell, erzählen und hat damit schon mal eine ganz andere Perspektive. Ein sehr unsympathischer Jüngling kommt in ein kleines Städtchen, um den Sohn eines Eisenbahnbarons wegen einer Frauengeschichte herauszufordern. Im Saloon kommt es zu einer Auseinandersetzung mit einem Indianer – Regenwolf – der anschließend den Fremden in Notwehr erschießt. Natürlich ist der rote Mann Schuld und kann nur durch das Eingreifen des Industriellen vor einem Lynchmord gerettet werden. Die Verwandten des Getöteten schwören aber Rache und starten einen Feldzug.

Dufaux Pellejero Regenwolf page 10

Im weiteren Verlauf verweben sich zwei bis drei Liebesgeschichten ineinander, rassistischer Hass bricht sich seine Bahn und findet in Dummheit einen perfekten Nährboden und mehrere Frauen stellen die Frage, ob Gewalt immer die richtige Lösung sein muss. Tatsächlich bleibt nur selten keine andere Wahl. Und auch andere Stereotypen wackeln: Der Tycoon ist auf der Seite der Guten und der junge Häuptlingssohn kann sein Temperament beherrschen. Nur die Dumpfbacken mit und ohne Colt bleiben was sie sind.

Es gibt aber noch eine mythologische Ebene, auf der anhand der Jagd auf den Weißen Bison die Frage nach dem Überleben der indianischen Kultur überhaupt gestellt wird. Ein weißer Misanthrop möchte ihn als Trophäe haben während für den der Kultur zugeneigten jüngeren Sohn der McDells und den titelgebenden Regenwolf eher der spirituelle Aspekt im Vordergrund steht. Und nicht zuletzt gibt es immer noch die Kraft der Liebe, die unterschiedliche Männer dazu bringt, Unerwartetes zu vollbringen und sich selbst zu opfern.

Dufaux Pellejero Regenwolf page 11

Die Entscheidung, die beiden Folgen in einem Integrale zu veröffentlichen, ermöglicht ein sehr dichtes Lesevergnügen. Dufaux hat sich Zeit gelassen, um Personen zu entwickeln, Beziehungen zuzuspitzen und Hintergründe zu beschreiben. Dadurch ist trotz der vielen Handlungsstränge auch nichts unlogisch! Aber der Name steht ja auch ansonsten für qualitativ gute Szenarien von Blake und Mortimer über Djinn bis hin zu Murena.

Das Spiel mit Farben und Schatten

Rubén Pellejero ist den Leser*innen von comix-online zuletzt mit den Fortsetzungen von Corto Maltese begegnet. Des Weiteren ist das von ihm gezeichnete Dieter Lumpen von Carlsen begonnen und von Finix beendet worden. Vielleicht beginnt sein Stern ja jetzt auch in Deutschland heller zu strahlen, denn Regenwolf ist ohne Frage nicht nur vom Szenario her ein Meisterwerk!

Er mag die klare, schwarze Linie als Kontur und zeichnet damit sowohl Gesichter in der Großaufnahme als auch Totalen. Gerade im ersten Teil sind die Gesichter teils noch etwas karikierend, der Realismus setzt aber mit fortlaufender Zuspitzung ein. Die Farben sind prinzipiell eher an Erdtöne angelegt, variieren aber entsprechend der Tageszeit. Sie fokussieren die emotionale Stimmung, wenn etwa das Abendrot vom Berg aufgenommen wird und die drohende Gewalt symbolisiert.

Detail  Regenwolf

Anwärter auf den Comic des Jahres

Dieser Western ist für mich ein klarer Anwärter auf eine sehr hohe Platzierung in der Wertung Comic des Jahres! Dufaux bringt neue Perspektiven in ein spannendes und sehr vielschichtiges Szenario, Pellejero setzt kongenial die Impulse in digital erstellte Bilder um die einen Kino-Soundtrack überflüssig machen können!

Sicherlich ist der Regenwolf für Western-Fans ein Must-have, aber auch für Graphic Novel-Leser*innen, die neue Perspektiven zu schätzen wissen, gut erzählten Geschichten folgen möchten oder einfach Spaß an guten Bildern haben. Dazu kommt natürlich die gute Ausstattung: Hardcover, Fadenheftung und sattes Papier mit leicht glänzenden Farben! Zwei eher am Westernfilm orientierte Essays über die herausragende Bedeutung des Regenwolfes von Regisseur Bertrand Tavernier und der Szenaristin Corine Jamar sowie einige teils ganzseitige Illustrationen machen das Vergnügen vollkommen!

Banner Regenwolf

Dazu passen eine Kanne Kaffee und moderne Klänge wie von den (älteren) Einstürzenden Neubauten.

© der Abbildungen Dargaud Benelux (Dargaud – Lombard S. A.) 2104, by Dufaux, Pellejero; 2021 Verlag Schreiber & Leser

Worley/Waller – Omaha 3

Omaha the Cat Dancer – Band 3

Story: Kate Worley
Zeichnungen: 
Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 3

Schreiber und Leser

Klappenbroschur | 224 Seiten | S/W | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-059-3

nur für Erwachsene

Cover Omaha 3

Das ist jetzt schon der dritte Teil der Erzählungen um die Schönheitstänzerin Omaha und ihre Freund*innen, die lokale Politik in dem echten Minneapolis nachempfundenen Mipple City und Kunst und Kultur im Allgemeinen.

Eine freizügige Soap Opera

Vom Grundsatz her ist Omaha eine Mischung aus Grapic Novel, Soap Opera und Independent Shocker. Vom ersteren nimmt die Geschichte den Anspruch, Personen ernst zu nehmen, ihre Hintergründe zu entwickeln und echte Probleme zu präsentieren. Das Ganze soll aber auch leichtfüßig daherkommen, Spaß machen, über Jahre laufen, Side-Projekt ermöglichen und unterhalten. Und weil es eben nicht Lindenstraße oder Coronation Street ist, sind die Protagonist*innen Tiere und haben expliziten Sex.

Omaha 3 page 5

Ist das jetzt ein Porno für Intellektuelle? Nein! Es gibt zwar Sex, dieser steht aber nicht mit voyeuristischem Anspruch im Vordergrund, sondern gehört zum Leben halt dazu. Deshalb kann er auch problembeladen sein, gemütlich oder orgiastisch, nie aber aufgeilend oder Machtpositionen verfestigend. Mehr dazu in den Reviews zu Band 1 und 2.

Zum Inhalt: Omaha war Ende des letzten Bandes enttäuscht von ihrem Freund Chuck. Dieser hatte nicht verkraften wollen, dass Omaha „vergessen“ hate, ihm zu erzählen, dass sie eigentlich verheiratet ist, ihren Mann aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Heldin wiederum beschließt nun, Mipple City für das Erste zu verlassen und woanders wieder zu sich zu finden. Ihre neue Arbeit als nicht ernstgenommene Büromitarbeiterin schmeißt sie schnell wieder hin um erneut als Bartänzerin zu arbeiten.

Omaha 3 page 6

Währenddessen sitzt Joanne wegen des Mordes an dem korrupten Politiker Bonner in Untersuchungshaft. Wie wir wissen hat sie zwar ein Alibi, möchte Rob aber nicht mit hineinziehen. Aufgrund der Untersuchungen wegen des Todes kommen immer mehr Ungereimtheiten zu Tage, es zeigt sich aber schnell, dass es noch mehr Profiteure des Immobilienskandals gibt und das Projekt weitergeführt werden soll. Hiergegen entwickelt sich Widerstand aus der Künstler*innenszene.

Und natürlich gibt es auch Neues von Kurt, der nun für einen älteren, etwas dubiosen Herren arbeitet, und Shelley die mühsam versucht, ihre Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen. Chuck wird erneut mit seiner Familie konfrontiert und Omaha gibt nicht nur ein wenig von ihrer Vergangenheit preis, sondern kreiert auch neue emotionale Schwierigkeiten.

Zeichnungen im perfekten Einklang

Der Sammelband beinhaltet nicht nur die „regulären“ Omaha-Stories sondern auch Beiträge für andere Magazine, die im Bezug zur Serie stehen. Sie wurden an den entsprechenden Stellen integriert und bieten daher einen kompletten Genuss. Das Vorwort stammt übrigens dieses Mal von Neil Gaiman der seine persönlichen Erinnerungen an die beiden Künstler*innen teilt.

Werbung zu Omaha 3

Beim Lesen wird weiterhin deutlich, dass Kate Worley und Reed Waller zusammen an den Geschichten gearbeitet haben. Dadurch gibt es männliche und weibliche Sichtweisen, die sich perfekt ergänzen. So wird es sicherlich den einen oder anderen Leser verwundern, wieviel Wert darauf gelegt wird, dass Frauen im Beruf unterdrückt werden, gleichberechtigte Zahlung verdienen und Hausarbeit ungleich verteilt ist.

Die Zeichnungen stammen nur von Kate Worley und bieten sowohl Details als auch gute Hintergründe und Perspektivwechsel. Da die handelnden Akteur*innen Tiere sind, muss sowohl das Tier als solches erkennbar sein, als auch die typischen Merkmale eben einer Person haben. Beides gelingt hervorragend. Auf jeden Fall drängen sich weder Inhalt noch Zeichnungen nach vorne, sondern agieren als perfektes Duo mit wechselnden Schwerpunkten.

Banner zu Omaha 3

Fazit

Wer Inhalte für Erwachsene mag und sie auch lesen darf, wird hier ein spannendes Meisterwerk der Independent-Comic-Literatur finden. Doch Obacht: Gewaltfantasien, Orgien, Splatter sind hier nicht zu finden! Menschen versuchen ihr Leben zu leben, die Umwelt anzupassen und Schweinereien nicht hinzunehmen. Das erfordert auch das eine oder andere Problemgespräch bei einem Kaffee! Graphic Novel Liebhaber*innen werden daher hier genauso ihre Freude haben wie Leser*innen von Generationenromanen oder Comig-of-Age. Der Comic sollte aber nicht auf dem Tisch liegen bleiben, wenn Kinder ihn von dort mitnehmen könnten.

Dazu passen ein gut temperierter Merlot und Musik, die Spaß macht, sich aber auch nicht in den Vordergrund drängt: Es gab da mal einen Sampler Soul Queens mit modernen und klassischen Sängerinnen.

Detail aus Omaha 3

© der Abbildungen 1978 – 2020 by Reed Waller & CatDancer Corporation / 2020 Verlag Schreiber & Leser

Taymans – Caroline Baldwin 17

Narco-Tango

Story: André Taymans

Zeichnungen: André Taymans

Originaltitel: Caroline Baldwin Narco-Tango

Schreiber und Leser

Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 14,95 € |

ISBN:  978-3-96582-054-8

Cover Caroline Baldwin 17

Caroline Baldwin ist eine der wenigen Ermittlerinnen in der Comicbranche, die es auf eine lange Laufzeit gebracht haben. Dabei war das gar nicht geplant denn das erste Abenteuer war als One-Shot gedacht und die Heldin anfangs nur als Nebenfigur. Zum Glück kam es dann aber doch anders. Mehr zur Serie im Allgemeinen bei der Rezension des ersten Bandes der gerade parallel gestarteten Gesamtausgabe der Bände 1 bis 16 im Sub-Label Alles Gute! des Hamburger Verlages Schreiber & Leser.

Alte Tänze und neue Drogen

2007 war zunächst einmal Schluss mit neuen Geschichten um die selbstbewusste junge Frau. Charaktere abseits der üblichen Schemata sind aber gefragt und so hatte sich die Idee einer Verfilmung ergeben. Es wurde fleißig am Drehbuch gewerkelt, das dann aber doch nicht umgesetzt wurde. Glücklicherweise war es aber die Grundlage für einen neuen Zyklus, der die Heldin mit indianischen Wurzeln 2012 zurückbrachte.

Caroline erhält in Narco-Tango von einer Pharma-Firma den Auftrag, einen Wissenschaftler aufzuspüren, der vor kurzem mit wichtigen Unterlagen im Gepäck verschwunden war. Die Firma befürchtet, dass er zur Konkurrenz gewechselt sein könnte. Als die Heldin die Ermittlungen aufnimmt, erfährt sie von einem ehemaligen Schulfreund, dass die Stadt gerade von neuen Drogen überschwemmt wird. Und die ehemalige Assistentin des Forschers erzählt, dass er verrückt nach Tango gewesen wäre.

Caroline Baldwin 17 page 7

Natürlich lässt André Taymans seine Heldin also Tangounterricht nehmen, um die Ermittlungen in Fahrt zu bringen. Wie immer gerät sie dabei in Gefahr, muss verzwickte Verbindungen aufdröseln und das eine oder andere Getränk zu sich nehmen. Die Story ist spannend, gut konstruiert und funktioniert im Comic perfekt. Verfilmt kann ich mir das nicht ganz so gut vorstellen.

Die moderne Klare Linie

Taymans hat aber nicht nur das Szenario verfasst, sondern auch zeichnerisch umgesetzt. Er bleibt bei seiner modernen Interpretation der klaren Linie. Die Dynamik ist gut herausgearbeitet und sowohl Tanz- als auch Kampfszenen zeigen realistische Körperhaltungen. Die Panels sind konsequent in Streifen angelegt wobei Anzahl und Höhe wechseln. Die Geschwindigkeit wird daher allein durch Perspektivwechsel und Bildfolgendichte geregelt.

Caroline Baldwin 17 page 8

Gerade im Vergleich zu den Anfängen ist die Heldin nicht mehr so freizügig dargestellt. Sie ist erwachsener geworden ohne dabei langweilig oder weniger freigeistig zu werden und das ist gut so. Die Hintergründe sind, wenn benötigt, sehr detailliert, versuchen aber nicht, den Fokus auf sich zu lenken. Also genau so, wie man es erwartet hätte.

Die Empfehlung

Für Krimifans eine echte Empfehlung: Action mit einer zugrundeliegenden, relevanten Story und glaubwürdigen Akteur*innen. Wer auf selbständige, emanzipierte Heldinnen steht wird hier ebenfalls zufrieden sein und Fans der Klaren Linie sowieso. Die Serie strahlt zudem einen gewissen nostalgischen Charme aus, denn insbesondere Caroline Baldwin ist liberal im eigentlichen Sinn und offen für Neues. Schade, dass das heutzutage so selten geworden ist.

Ex Libris Caroline Baldwin 17 VZA
Ex Libris der limitierten VZA

Natürlich ist der Band mit seinen Glanzlackapplikationen auf weißen Hintergrund auch ein Schmuckstück für jede Sammlung. Wer es ganz edel möchte kann zur limitierten Vorzugsausgabe greifen der ein ExLibris beiliegt. Den Abschluss des Bandes bildet eine Seite mit Hinweisen von André Taymans zu dieser Geschichte und dem geplanten Film sowie eine unkolorierte Seite als Ausblick auf Band 18!

Dazu passen ein Manhattan und Joy Crookes, eigentlich mit allem.

© der Abbildungen 2017 Studio Caroline / André Taymans, 2017 BELG Prod. Sarl., 2021 Schreiber und Leser

Taymans – Caroline Baldwin GA 1

Sammelband 1 mit den Episoden 1 bis 4

Story: André Taymans

Zeichnungen: André Taymans

Originaltitel: Caroline Baldwin Integrale Vol. 1

Schreiber und Leser

Hardcover mit Lesebändchen | 240 Seiten | Farbe | 39, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-047-0

Es gibt Krimis und Krimis. Die einen erzählen zum gefühlt millionsten Mal eine bekannte Geschichte: Ein Mann hat irgendjemand umgebracht, wird von einem Polizisten gejagt und am Ende ist nach einigen Verwirrungen der Fall erfolgreich gelöst. Je nach Zeit und Medium gibt es dazu noch ein paar familiäre Probleme, Ärger mit Kolleg*innen und mehr oder weniger Gewalt.

Und es gibt solche, die anders sind, bei denen die Spannung erhalten bleibt, weil nachvollziehbare Charaktere versuchen, ihre Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen und die möglicherweise auch gar nicht gut ausgehen. Letztere liebe ich und in diese Kategorie gehören die Abenteuer von Caroline Baldwin!

Eine Heldin, die es gar nicht geben sollte

André Taymans war Mitte der 90-er Jahre bereits ein bekannter Autor und Zeichner von Comics für Kinder, begann aber die Lust daran zu verlieren und wollte etwas anderes machen. Der genaue Verlauf der Odyssee von einer ersten Idee hin zu Moon River ist im Vorwort der gerade erschienenen Gesamtausgabe nachzulesen. Hier soll davon nur verraten werden, dass der Comic weder als Reihe geplant war, noch Caroline Baldwin die Titelheldin oder Hauptperson sein sollte. Egal, 1996 erschien Moon River als erster Teil einer neuen Serie, wurde für gut befunden und mittlerweile haben 16 weitere Teile das Licht der Verkaufsregale erblickt.

Band 1 erzählt die Geschichte eines depressiven ehemaligen Astronauten. Er verschwindet plötzlich obwohl er doch als Aushängeschild einer Firma zu einem wichtigen Vertragsabschluss hätte beitragen sollen. Da möglicherweise die Konkurrenz ihre Finger im Spiel haben könnte, beauftragt die Firma die Privatdetektivin Baldwin mit dem Auffinden und Zurückbringen des alten Helden. Die Heldin trinkt, hat wechselnde Partner und ist auch sonst manchmal eher depressiv unterwegs. Sie ist aber keineswegs bereit, klein beizugeben!

Gleich im Anschluss wird es noch politischer: in Kontrakt 48-A geht es um die Auswirkungen radioaktiver Strahlung und die nicht immer vorhandene medizinische Ethik. Taymans hat mittlerweile einen besseren Bezug zu seiner Heldin entwickelt und sie mehr in den Mittelpunkt gerückt. Sie bekommt einen sehr sympathischen Großvater, einen Erbfall und unsympathische Verwandte für den Hintergrund. Zudem hat sie über diese Linie indianisches Blut und daher auch nicht immer die Vorteile einer Weißen.

Tödliche Texte

Und dann schlugen wieder die Zufälle des Lebens zu. Während die ersten beiden Bände mit einem Umfang von 64 Seiten veröffentlicht worden waren, standen für die weiteren Folgen nur noch 48 Seiten zur Verfügung und Taymans musste das bereits begonnene neue Werk entweder stark kürzen oder ausweiten. Zum Glück für uns entschied er sich für das letztere und so entstanden die zusammengehörigen Nummern Der Tote im Pool und Showdown in Havanna.

Ein rechter Mob verbrennt erotische Romane an einer Tankstelle, kurze Zeit später schwimmt der Autor dieser Romane tot in dem Pool von Carolines Freundin. Als wäre das nicht genug, überrascht Caroline auch noch einen Einbrecher, kann ihn aber nicht überwältigen. Eine Spur führt in die Welt der Literatur mit Massenauflagen und Schreibblockaden. Die Lösung dieses Falls kann aus verschiedenen Gründen nur in Havanna liegen und so macht sich die Heldin auf in eine Stadt, die sich – zumindest hier im Comic – sehr farbig, aufgedreht und musikalisch, aber eben auch als sehr gefährlich präsentiert!

Die Zeichnungen

Caroline Baldwin ist hübsch, aber kein Model. Sie ist eigenwillig, aber nicht egozentrisch. Die Heldin ist depressiv, aber nicht unterzukriegen. Sie ermittelt selbständig, ist aber kein Mann. Und: sie ist sexuell aktiv, aber nicht gebunden. Für die damalige Zeit eine ganze Menge an Tabubrüchen und auch heute noch lange nicht selbstverständlich! Taymans hat für diese Frau und ihre Erlebnisse mit einer nur leicht modernisierten Ligne Claire das nahezu perfekte Stilmittel gefunden.

Sie ermöglicht Emotionen in der Darstellung, verlangt aber keinen Realismus. Hintergründe sind wichtig, wenn sie eine Aufgabe haben, können aber auch durchaus auf eine Farbe reduziert werden, wenn sie nicht ablenken sollen. Bewegungslinien erzeugen Dynamik und alles zusammen strömt eine nostalgische Note aus! Einige Figuren, wie etwa der Großvater, haben ihre Vorbilder in der Realität und den Zeichnungen ist anzusehen, wie der 1967 in Belgien Geborene sich langsam in die Handelnden hineinversetzen kann, sie liebgewinnt und ihnen Persönlichkeit gibt.

Natürlich gehört Caroline Baldwin mittlerweile mit einem eigenen Wandgemälde zum Stadtbild von Brüssel und wurde damit zurecht in die erste Reihe aufgenommen!

Der Tipp

Krimifreund*innen aufgepasst: Wer die Serie noch nicht kennen sollte, darf, muss vielleicht sogar einen Blick riskieren. Die Heldin wird sich noch weiter entwickeln und langweilig wird es definitiv auch weiterhin nicht. Die gleiche Empfehlung geht an alle Fans der klaren Linie, die Generation ZACK und an alle, die auch nicht Graphic Novels zusprechen, Personen entwickeln zu können.

Schreiber & Leser spendiert der Serie unter seinem Label Alles Gute eine Hardcoverausstattung mit allen Extras: durchlaufendes Rückenbild, Lesebändchen, Glanzlackapplikationen auf dem Einband und eine ausführliche redaktionelle Einleitung mit einer Unmenge an Illustrationen! Heutzutage geht der Blick oft genug zurück auf falsche Vorbilder oder Referenzen; diese Serie atmet zwar nostalgischen Charme aus, ist aber immer noch aktuell und die Freiheit fördernd!

Der Lockdown geht noch lange genug, also kontaktiert eure*n Lieblingsdealer*in und bestellt!

Dazu passt Brody Dalle, energisch und unangepasst, und Whiskey on the rocks.

© der Abbildungen 2017 Studio Caroline / André Taymans, 2017 BELG Prod. Sarl., 2021 Schreiber und Leser

Interview mit Pippo von Schreiber & Leser

Eindrücke aus dem Verlagsalltag, Corona und Ausblick auf 2021

Der Verlag Schreiber & Leser aus Hamburg ist mit mehreren Titeln unter den meistgelesenen Beiträgen vertreten und hat sich auch in der Jahresbestenliste 2020 prominent platzieren können. Es wurde daher dringend Zeit, den Verlag ein wenig genauer vorzustellen und wie könnte das besser geschehen als jemand aus dem Verlag selbst zu befragen. Pippo ist derjenige, der dafür sorgt, dass alles läuft und hat comix-online gut gelaunt Rede und Antwort gestanden. Aber lest selbst:

c-o: Hallo Pippo, könntest du dich / ihr euch und den Verlag Schreiber & Leser für die Leser*innen von comix-online kurz vorstellen?

Gerne. Ich sage ja immer, dass Schreiber und Leser nicht unangefochten der älteste deutschsprachige Verlag sein mag, der speziell Grafische Literatur für Erwachsene Leser*innen herausbringt, denn etwa der einstige Feest Verlag und das ebenfalls nicht mehr existierende Carlsen-Verlagslabel Edition ComicArt entstanden ungefähr gleichzeitig direkt Anfang der 1980er, aber S&L ist in diesem Programmbereich definitiv der langlebigste Verlag. Der erste Splitter Verlag, Salleck Publications oder der Reprodukt Verlag starteten schließlich erst um 1990 herum, der Dino Verlag, der die ersten dezidiert erwachsenen US-Comics im großen Stil rüberbrachte, sogar noch etwas später, und mit den Manga ging es ja erst kurz vor der Jahrtausendwende richtig los in Deutschland. Man möge mich hier aber gerne auch in allen Punkten oder teilweise korrigieren

Das jedenfalls steht aber fest: Seit den Anfängen konzentrierte man sich bei S&L, namentlich die heutige Senior-Verlegerin und Max-und-Moritz-Preisträgerin Rossi Schreiber, auf europäische Comic-Lizenzen. Bis heute auch ist man dem italienischen (u.a. Manara, Serpieri, Hugo Pratt) und besonders dem frankobelgischen Comic treu geblieben, auch wenn das Programm mit der Zeit um US-Indie-Comics von Künstlern wie etwa Terry Moore sowie um die frühen Manga von Jiro Taniguchi erweitert wurde. Superhelden- und High-Fantasy-Geschichten liegen (aktuell) nicht im Fokus, aber darüber hinaus kennt das S&L-Programm keinerlei Einschränkungen: Uns ist nur wichtig, dass die Geschichten spannend und zeitgemäß bzw. bestens gealtert sind. S&L geht also, natürlich im krassen Gegensatz zu allen anderen Comic-Verlagen auf der Welt, ganz nach dem Motto vor: Qualität statt Masse. Das zeigt sich auch schon darin, dass wir im Monat nur sehr selten mehr als 2-3 Titel veröffentlichen.

Comics für Erwachsene

c-o: Ihr macht Comics für Erwachsene, definiert das aber anders als andere Verlage. Gibt es ein Bindeglied zwischen Serien wie Druuna oder Venus H. auf der einen und den Geheimnisvollen Städten oder Lincoln auf der anderen Seite?

Definieren die anderen Verlage das anders? Nach meinem Verständnis gibt es im Bereich der Grafischen Literatur (und wahrscheinlich der Unterhaltungsliteratur insgesamt) nur Geschichten, die sich im Spektrum zwischen All-Age-tauglich und nicht All-Age-tauglich bewegen, und wir sind mit unseren Titeln eher nicht so All-Age aufgestellt: mal aufgrund der expliziten Darstellungen von Erotik oder Verbrechen, mal aufgrund der verhandelten Inhalte, die eine gewisse Lebenserfahrung voraussetzen, um alle Nuancen zu verstehen, mal aufgrund ironischer oder anderer literarischer Verweise, die ein jüngeres Lesepublikum sehr wahrscheinlich noch gar nicht herausfiltern und erkennen kann. Da es aber zum Glück noch nie an Verlagen mangelte, die ganz bewusst All-Age-taugliche grafische Literatur herausbringen (der uralte Spruch, Comics seien nur für Kinder, kommt ja nicht von ungefähr), sehen wir da auch keine Dringlichkeit, unsere Expertise und unser nun schon viele Jahre gepflegtes Profil im Bereich der Erwachsenenliteratur komplett infrage zu stellen.

Corona

c-o: Das Jahr 2020 war geprägt von der Pandemie und Verschwörungstheorien und somit ganz anders als erwartet. Was ist bei euch anders gelaufen als geplant?

Als klar wurde, dass jetzt Stichworte wie „Lockdowns“ und „Veranstaltungsabsage“ zum Alltag gehören, haben wir erst einmal alles pausiert, was nicht zwingend zum Kerngeschäft gehört – eine Reaktion, die sicher auch bei vielen anderen Kolleg*innen zutreffen wird, denke ich. In den letzten Monaten war dann auch viel Kommunikation wichtig. Glücklicherweise durften wir aber rasch feststellen, dass wir unserer Philosophie treu bleiben können, keinen Trends zu folgen, sondern einfach auf gute, zeitlose Geschichten zu setzen. Es zeigte sich der große Wert unserer über Jahrzehnte gepflegten und gewachsenen Stammleserschaft, denn die Verkäufe blieben über das ganze Jahr 2020 stabil. Soweit ich das überblicke, teilen wir diese Erfahrung aber mit den meisten Comic-Verlagen, die ein klares Profil verfolgen und ebenso engagiert sind.

Publikumsverlage, die ein ganz breite Leserschaft ansprechen, hatten es da definitiv schwerer, da diese die Leser*innen teilweise gar nicht kennen und erst suchen und abholen müssen – wenn Geschäfte zu sind, niemand die Werbemittel mitnimmt, niemand das Marketing in den Schaufenstern sieht, haben diese Verlage natürlich ein massives Problem. Es hat sich in dieser Krise daher für uns noch mal in aller Deutlichkeit gezeigt, dass es durchaus seine Vorteile hat, als kleine Nussschale durch den großen Buchhandelsozean zu segeln statt als großer Verlagstanker, der ständig irgendwelche Bestseller- und Schnelldreherlizenzen durchboxen muss, um den ganzen Apparat am Laufen zu halten.

Aber das soll jetzt nicht respektlos klingen, denn Hut ab vor den Kolleg*innen, die in den Großverlagen arbeiten und mit Abstand größere geschäftliche Risiken eingehen als wir – aber solche Spekulationsakrobatik ist aber einfach nicht das Ding von S&L, auch wenn das heißt, das wir so definitiv nie Millionäre werden, wie die Kontoauszüge auch leider immer wieder beweisen

Ausblick auf 2021 – das Verlagsprogramm

c-o: Könnt ihr schon einen Ausblick auf das kommende Jahr werfen? Gesamtausgaben wie die Western von Serpieri und Corto Maltese sind (erstmal) abgeschlossen, was kommt jetzt? Worauf freut ihr euch am meisten?

Richtig, die zwei Serien der italienischen Comic-Legenden Hugo Pratt und Serpieri liegen jetzt abgeschlossen vor – mit den beiden sind wir aber noch lange nicht fertig! Von Serpieri etwa folgt im Sommer bereits der Auftaktband einer bibliophil aufgemachten Artbook-Reihe, u.a. mit Halbleinenumschlag und einem Sonderdruck in der kompletten Erstauflage. Der erste Band dieser Reihe mit dem Titel „West“ nimmt die Western Serpieris in den Blick, und was danach folgt, dürfte klar sein: mindestens ein Artbook von Druuna! Auch von Hugo Pratt gibt es noch ein paar Schätze zu heben, zuerst aber werden seine „Wüstensskorpione“ fortgesetzt, ebenfalls in der mittlerweile etablierten doppelten Ausführung, also einmal als Farbausgabe und dann als Klassiker-Ausgabe in Schwarz-Weiß: Der 2. Band ist für Mai 2021 geplant. Und wir hoffen natürlich, dass die beiden spanischen Erben von Pratt, der Zeichner Rubén Pellejero und der Szenarist Juan Díaz Canales, mindestens noch eine Fortsetzung von Corto Maltese abliefern.

Hier geht es zum Katalog

Es ist eigentlich immer unmöglich, das eigene Programm objektiv zu hierarchisieren. Wenn man etwas herausbringt, dann, weil man davon überzeugt ist, sonst würde man es nicht tun, vor allem nicht als Kleinstverlag. Aber so ganz persönlich gesprochen und wenn man mich zwingen würde, zumindest einen Titel hervorzuheben, dann würde meine Wahl aktuell fallen auf: Winczlav – 1. Vanko 1848! Das mag mit Blick auf die ganzen anderen Highlights im Programm 2021 vielleicht etwas überraschen, aber ich finde es einfach genial, dass die legendäre Largo-Winch-Serie jetzt ein Spin-off bekommt, das zumal die Vorgeschichte erzählt, dazu noch vom legendären Berthet gezeichnet, dessen Zeichen- und Erzählstil mich schon immer beeindruckt hat, und dann ist da noch das Comeback von Jean van Hamme. Wäre das nicht echt, man könnte es sich nicht ausdenken! Doch wer weiß, vielleicht wird dieser Ausflug den einen oder anderen Largo-Winch-Puristen auch total enttäuschen, ich aber freue mich schon enorm auf die deutsche Ausgabe und die Reaktionen der Leser*innen und bin da ganz optimistisch, dass das Dreamteam Berthet/van Hamme eine meisterliche Leistung abliefert.

Tops’n‘Flops

c-o: Für die Statistiker*innen unter uns: Welche Titel waren in 2020 Top? Und welcher Titel hat euch am meisten positiv oder negativ überrascht?

Wie erwähnt, verlief 2020 sehr stabil für uns, auch, weil wir von Experimenten oder irgendwelchen Panikreaktionen abgesehen haben, obwohl Letzteres sehr unserem Naturell entspricht hier in Hamburg. Weil aber alles so lief, wie noch vor Corona-Zeiten ausgemalt, muss man angesichts der schwierigen Umstände bei den klassischen Verkaufsstellen sagen, dass die Titel anscheinend sogar so stark waren, dass die Leser*innen mindestens einen Schritt mehr gegangen sind, um ranzukommen. Das beeindruckt uns aktuell nach wie vor und dafür sind wir allen Leser*innen da draußen sehr dankbar!

Um aber einmal zu den Zahlen zu kommen: Wie in den Vorjahren liegt die Durchschnittsauflage einer Publikation bei S&L mindestens im niedrigen 4-stelligen Bereich – einzige Ausnahme nach unten in den letzten Jahren nur die Klassik-Edition von Corto Maltese. Neben Neuauflagen von Corto Maltese, Largo Winch, Taniguchi-Manga und Bänden der Serpieri-Collection hat uns besonders die rasche 2. Auflage von „The End“ von Zep gefreut. Aktuell erscheint auch die 2. Auflage von „Shooting Ramirez“. Und wenn es so weiter geht, steuern auch „Mechanica Caelestium“, „Im selben Boot“ und der 1. Band von „Omaha the Cat Dancer“ auf eine 2. Auflage zu.

c-o: Vielen Dank! Möchtet ihr zum Schluss noch etwas mitgeben?

Im Internet steht meistens eigentlich nur Quatsch, glaubt also nicht alles, was ihr da findet!

© der Abbildungen 2021 Schreiber und Leser sowie die entsprechenden Lizenzgeber und Künstler*innen

Jahresrückblick 2020

Corona, Tops & Flops und gute Wünsche

Ein seltsames Jahr geht zu Ende. Schon lange war immer wieder befürchtet worden, dass eine bisher unbekannte Krankheit sich pandemisch ausbreiten und unzählige Tote verursachen könnte. Mit COVID-19 ist dieses Schreckgespenst Realität geworden und was bisher undenkbar schien ist plötzlich Alltag: Die Menschen tragen auch in Europa Masken wenn sie aus dem Haus gehen, Geschäfte sind über längere Zeiträume geschlossen, ja, es gibt sogar Ausgangssperren. In einigen Gebieten können die Toten nicht mehr schnell genug beerdigt werden und die Krankenhäuser sind über die Kapazitätsgrenzen hinaus mit Patient*innen belegt. Vor einem Jahr wäre das einzig ein Szenario für ein Katastrophensetting gewesen.

Corona hat auch den Comic-Markt ein wenig durcheinander gewirbelt: Erlangen hat nur digital stattgefunden, die Comic-Cons sind ausgefallen, die Rudolph-Dirks-Awards wurden ohne Publikum verliehen, der Gratis-Comic-Tag wurde auf den September dezentralisiert und findet in 2021 gar nicht statt.

Ich wünsche euch und uns allen, dass das kommende Jahr besser wird, die Krankheit mit Impfungen eingedämmt werden kann, und Verschwörungstheoretiker*innen wieder im Keller verschwinden. Vielleicht können wir ja sogar den gemeinsamen Willen, Sterbefälle nicht einfach hinzunehmen, auf andere Ursachen ausdehnen. Andere Gefahrenquellen gibt es genügend.

R.I.P.

Auch 2020 sind wieder viele Akteure im Comicgeschäft verstorben; Größen der franko-belgischen Tradition wie auch der US-amerikanischen sowie ein „Urgestein“ der deutschen Comic-Szene. Da ich hier keineswegs einen vollständigen Nekrolog bieten kann und möchte, sei an die folgenden Namen exemplarisch erinnert: Wolfgang J. Fuchs, Albert Uderzo, Mort Drucker, Dennis O’Neil, André-Paul Duchâteau, Alex Varenne, Malik und Richard Corben.

Die besten Comics in 2020

Ich möchte heute meine Favoriten aus den Erscheinungen von 2020 vorstellen: rein subjektiv und unbeeinflusst. Um das etwas zu gliedern erfolgt die Vorstellung in fünf Kategorien: Alben, Graphic Novels, Gesamtausgaben, Sekundärwerke und Zeitschriften. Dazu kommt dann noch die Reihenfolge der Beiträge basierend auf den Zugriffszahlen in 2020. Wer möchte sei dazu aufgefordert, die eigene „Bestenliste“ als Kommentar zu posten!

Album des Jahres

Für mich ein wenig unerwartet, aber der beste Comic kommt tatsächlich aus dem Superheldenbereich: Joker/Harley – Psychogramm des Grauens ist eine vielschichtige Story von Kami Carcia ohne Schnickschnack, Superkräfte oder göttliche Wesen. Elemente aus Cop-Serien, Psychologie und DC-Universe werden geschickt verwoben und das mit außergewöhnlichem Artwork! Ich bin sehr gespannt auf die beiden noch fehlenden Teile dieser Miniserie unter dem Black Label.

Lucky Luke begleitet mein Leben schon seit fast fünfzig Jahren. Irgendwie immer lustig, gut gezeichnet aber auch ein wenig austauschbar. Schon die letzten Bände von Achdé und Jul haben gezeigt, dass sich das mehr und mehr ändert, aber die Fackeln im Baumwollfeld sind wirklich beeindruckend: aktuelle Themen, der erste farbige Hauptcharakter, starke Frauenfiguren und ein Humor, der auf verschiedenen Altersstufen wirkt, ohne aufgesetzt zu sein! Platz 2!

Platz 3 geht an ein Endzeitszenario: Zep hat mit The End einen Ökothriller allererster Güte abgeliefert. Die Natur schlägt zurück, ist aber doch noch irgendwie versöhnlich dabei. Unterlegt mit dem Refrain eines Doors-Song entwickeln die Bilder eine sehr eigene Stimmung.

Der vierte Rang geht an die Kronieken van Amoras: Legendre und Cambré haben die klassische All-Age-Serie Suske en Wiske auf eine sehr spannende Weise modernisiert und auf ein Niveau für Erwachsene gehoben. Umweltpolitik, Korruption, Gewalt, Arbeitslosigkeit; es gibt kaum ein aktuelles Thema, das nicht irgendwie in die Stories eingeflossen ist. Dazu kommt ein enormes Arbeitstempo der beiden Künstler. Wer kein Niederländisch versteht, darf sich trotzdem freuen: vom Sommer 2021 an wird die Amoras-Sage im ZACK erscheinen.

Und nicht zu vergessen Aristophania! Gute Hexen und Zauberer gegen die Truppen des Verbannten Königs und mittendrin ein paar Kinder, die Hoffnungsträger*innen sein könnten. Grandiose Landschaften und eindrucksvolle Emotionen von Joel Parnotte, eine spannende Story von Xavier Dorison, was will man mehr!

Die besten Graphic Novels in 2020

Bei den Graphic Novels hat es in 2020 so viele gute gegeben, dass die Auswahl wirklich schwerfällt. Trotzdem musste ich mich für fünf entscheiden:

Platz 1 geht an Der Wolf von Jean-Marc Rochette! Der uralte Kampf zwischen Tier und Mensch, gegen die Unbillen der Natur und das Eindringen der Zivilisation auch in die letzten Schutzräume werden mit großartigen Bildern erzählt! Ein Beweis dafür, dass ein Comicprogramm nicht groß sein muss, um tolle Sachen zu produzieren!

Unmittelbar darauf folgt mit CH Links ein Verlag, der eigentlich nicht für Comics bekannt ist: Meine freie deutsche Jugend erzählt die Geschichte über das Heranwachsen in der ehemaligen DDR, mit allen Situationen, die nur dort passieren konnten, aber auch dem Charme der Kindheitserinnerungen. Dies gelingt ohne Hass und auch das ist erwähnenswert! Eine gute Adaption des Romans von Claudia Busch durch Thomas Henseler und Susanne Buddenberg.

Platz drei geht an Omaha, eine Geschichte nur für Erwachsene! Kate Worley erzählt die Geschichte einer Frau, die ihren Platz in der Gesellschaft sucht und mit männlichen Machtstrukturen, Bigotterie, Korruption, Erpressung und Mord aber auch mit Liebe und Freundschaft umzugehen hat. Die Bilder von Reed Waller sind teilweise mehr als freizügig aber nie voyeuristisch! Klassiker der Independents und der Fur-Art, der jetzt wieder aufgelegt wird.

Platz 4 ist eine Literaturadaption. Die Insel des Dr. Moreau von Adams und Rodríguez modernisiert die klassische Story von H.G. Wells behutsam. Tolles Artwork für ein politisch hochbrisantes Thema, gespickt mit einem Kampf der Geschlechter. Besser als Kino!

Platz 5 geht an die wohl klassischste aller Graphic Novels, die jetzt endlich und erstmals komplett auf Deutsch vorliegt: Corto Maltese von Hugo Pratt! Gespickt mit Hinweisen auf Literatur und in historischen Zusammenhängen spielend, graphisch sowohl in schwarz-weiß als auch farbig funktionierend und dann auch noch mit vielen Illustrationen und Artikeln in einer einheitlichen Hardcoverausgabe!

Die besten Gesamtausgaben in 2020

Das Nest von Regis Loisel und Jean-Louis Tripp ist ein Comic-Roman über neun Bände. Eins bis drei sind im ersten Teil der gerade erschienen Gesamtausgabe versammelt. Ein kleines Dorf in Kanada muss sich der Moderne stellen: selbständige Frauen, unmännliche Männer und ganz viel Verwirrung bei den Traditionalisten. Großartig! Platz 1!

© 2018 Casterman, © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Paolo Eleuteri Serpieri dürfte vielen bekannt sein als Zeichner von Druuna, einer sehr freizügigen SF-Serie. Seine Kariere begonnen hat er aber mit sehr einfühlsamen Geschichten über die Eroberung des sog. Wilden Westens, die Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner und den Kampf gegen die Natur. Die mit dem vierten Band abgeschlossene Collection Serpieri – Western hat diese Kurzgeschichten (zum Teil erstmals) dem deutschen Publikum wieder zugänglich gemacht. Platz 2!

Gleich mit zwei Bänden ist Walhalla – Die gesammelte Saga in diesem Jahr gestartet. In der aus dem Dänischen übersetzten Serie von Peter Madsen und Henning Kure werden die nordischen Heldensagen lebendig. Fast perfekte Ausgabe mit reichlich Hintergrundmaterial und Illustrationen sowie Angaben zu den ursprünglichen Mythen. Erschienen in der Edition Roter Drache.

Abgeschlossen ist die Ausgabe aller Science-Fiction und Fantasy Stories die Wally Wood für den EC-Verlag gezeichnet hat. Nach Szenarios von Bill Gaines, Al Feldstein und Ray Bradbury hat Wood unvergessliche Monster geschaffen, aber vor allem Stimmungen kreiert, die den Leser*innen noch heute Gänsehaut über die Arme jagen und damit Platz 4 verdient.

Schließlich den Weg in die Top five gefunden hat auch Aria von Michel Weyland. Die Kriegerin Aria ist unabhängig, löst die Aufgaben eher mit dem Köpfchen als mit dem Schwert, kann sich aber trotzdem durchsetzen, wenn es darauf ankommt. Sie lebt in einer teils brutalen, teils romantischen Welt und hat ein ganz eigenständiges Kapitel im Buch der Fantasy geschrieben. Zwei Bände pro Jahr mit vielen Illustrationen, weiterführenden Texten und Gedanken von Weyland zur Entstehungsgeschichte jedes Albums.

Eine lobende Erwähnung geht an Kult Comics für die Veröffentlichung von den Werken Eric Heuvels. Nicht nur die bekannten Serien January Jones und Bud Broadway, auch die educational comics, Carbeau oder Gezeichnet hats… erscheinen in schöner Regelmäßigkeit und perfekter Aufmachung, aber eben nicht als Gesamtausgabe und deshalb nicht in diese Kategorien passend!

Die besten Sekundärwerke in 2020

Das ohne jeden Zweifel beste Sekundärwerk des Jahres ist The History of EC Comics von Grant Geissman! Das großformatige und voluminöse Werk aus dem Taschen Verlag wiegt mehr als 6 Kilo und präsentiert über 1000 Abbildungen! Dazu kommt der sehr fundierte Text des langjährigen Kenners der Materie, allerdings auf Englisch. Mit diesem Band beweist Taschen mal wieder, dass Kunstdarbietung, detailreiche Inhaltsvermittlung und perfektes Coffee-table-book keine Widersprüche sein müssen, sondern sich super ergänzen können!

Platz zwei geht an einen Ausstellungskatalog. Kein leichtes Thema in diesem Jahr, waren doch Museen über lange Zeit geschlossen und mussten Pläne über geplante Exhibitions immer mal wieder neu geschrieben werden.  Fix & Foxi – Die Entdeckung von Spirou, Lucky Luke und den Schlümpfen ist eigentlich begleitend zu einer Ausstellung im Karikaturmuseum Krems erschienen, ermöglicht aber natürlich auch den Genuss zu Hause. Während die Geschichte des Kauka-Verlages schon das eine oder andere Mal Gegenstand von Veröffentlichungen und Katalogen war, liegt der Schwerpunkt hier auf der Einführung der frankobelgischen Klassiker in den deutschen Markt.

Auch der dritte Platz geht an die Edition Alfons: Die Reddition ist beständig, informativ, tiefschürfend und reich und sinnvoll illustriert. Die Redaktion geht Themen breit an und präsentiert damit einen Überblick, der seines Gleichen sucht. In diesem Jahr ging es zunächst um Zeitungscomics in Deutschland und dann um die Serie Blake und Mortimer.

Die besten Zeitschriften in 2020

Monat für Monat präsentiert der Gewinner eine genreübergreifende Auswahl an europäischen und anderen Comics: das ZACK vereinigt Klassiker, moderne Varianten davon und eine große Zahl an traditionellen wie auch innovativen Serien für mehrere Generationen von Lesern und Leserinnen. Die alten Recken wie Rick Master und Michel Vaillant wurden modernisiert, moderne Serien wie Giant, Haute Cuisine oder Millennium präsentiert und preisgekrönte Werke wie die Morde im Mai veröffentlicht. Dazu kommen Artikel, Infos und Kurzgeschichten.

Der zweite Platz geht an ein Magazin in unserem Nachbarland: JUMP. Die Uitgeverij Personalia hat schon vor einigen Jahren mit dem ebenfalls absolut empfehlenswerten StripGlossy ein sehr erfolgreiches Konzept gelauncht und versucht jetzt wieder etwas Neues. Während früher Kinder eine ganz natürliche Zielgruppe von Comic-Magazinen waren, gibt es diese mittlerweile entweder als ganz spezielle Themenmagazine, meistens orientiert an TV-Sendungen, oder aber als Disney-Publikationen. Ein unabhängiges, comic-fixiertes Medium ist dagegen neben den auf ältere Leser*innen ausgerichteten Heften nicht mehr anzutreffen. Genau diese Lücke versucht Jump zu schließen!

Platz drei geht an das auflagenstärkste Comic-Heft Deutschlands. Mosaik ist eine Institution und begeistert seit über 540 Monaten kleine und große Leser*innen mit den Abenteuern der Abrafaxe in der Zeit. Aktuell befinden sich die Drei in der Südsee zu Zeiten des deutschen Kaiserreiches. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen gibt es in jedem Heft weiterführende Infos, Spiele und Museumstipps.

Comeback des Jahres

Zum Schluss noch das Comeback des Jahres: In den 80-er-Jahren war Dani Futuro zu Gast auf den Seiten des Koralle-ZACK und brachte es 1983 auf drei Alben bei Semic. Seit ein paar Tagen ist er zurück und kommt erstmals komplett und einheitlich in insgesamt acht Bänden beim All Verlag! Band 1 beschreibt die Rettung des verschollenen Jungen Dani. Rezension der Nummer 2 folgt in Kürze.

Eure Lieblinge in 2020

Unangefochtener Spitzreiter in 2020 bei den von euch geklickten Beiträgen ist die Ankündigung des Goldenen Hinkelsteins von Uderzo und Goscinny. Dahinter kommen der Katalog zur brillanten Moebius-Ausstellung in Brühl, der aktuelle Lucky Luke, der Jahresrückblick 2019 und der erste Teil von Omaha!

Auf dem sechsten Platz die Vorstellung des zweiten Halbjahres aus dem All Verlag, Geissman’s History of EC Comics, Zep, Der Serienkompass zu Corto Maltese und Walhalla 1.

Lakota, Mechanica Celaestium, Tunga 4, mosaik 532 und das interview mit Ralf König sind 11 – 15, Michel Vaillant 60, Asterix 38, das ZACK 250, der Ausblick von Georg Tempel auf Zack im Jahr 2021 und Allein 11 beschließen den Reigen der meistgelesenen 20.

Was bleibt?

Ich wünsche allen Leser*innen von comix-online Frohe Weihnachten und ein Glückliches neues Jahr, Vrolijk kerstfeest en een gelukkig nieuw jaar und vor allem Gesundheit für Euch und eure Lieben! Stay safe and healthy!

Musikalisch passt zu dieser Zeit des Jahres etwas Weihnachtliches: The Pogues and Kirsty MacColl mit Fairytale of New York! Dazu ein Kerstbock und die Reise durch die Empfehlungen kann losgehen.

© aller Abbildungen bei den jeweiligen Verlagen und Künstler*innen wie in den Linkzielen genannt.