March/Spiegelman – Klassiker des Monats August 2019

Das wilde Fest

Text: Joseph Moncure March

Zeichnungen: Art Spiegelman


Rowohlt Verlag
Hardcover | 1995 |112 Seiten | Schwarz/Weiß/Grün | 34,00 DM (vergriffen)
ISBN: 3-498-06290-3

In der Reihe „Klassiker des Monats“ werden Titel oder Serien vorgestellt, die es nicht verdient haben, dem Vergessen anheim zu fallen.

In diesem Monat stelle ich einen Text vor, der schon zu seinem Erscheinen 1994 ein „Klassiker“ war, handelte es sich doch um ein Gedicht aus dem Jahre 1928. Das Gedicht über Queenie, die Blonde inspirierte nach eigener Aussage William Burroughs, den Beat-Poeten, überhaupt erst dazu, selbst zu schreiben. Es handelt von einer Varietedame, ihrem Liebhaber, dem gewalttätigen Clown Burrs, und einer wilden Party.

Art Spiegelman, Schöpfer der Holocaust Graphic Novel Maus und Herausgeber des Underground/Independent Comic-Magazins RAW schuf dazu Illustrationen und gab das Werk 1994 bei Pantheon Books, New York neu heraus. Im engeren Sinne handelt es sich also nicht um einen Comic, sondern um illustrierte Lyrik. Tatsächlich ist aber das Zusammenspiel des Textes und der Zeichnungen so eng, dass es graphische Literatur geworden ist.

Mitte der 90-er Jahre hatten Gebrauchsliteratur-Verlage in Deutschland plötzlich den Comic für sich entdeckt, der damals noch nicht als Graphic Novel gehypt wurde. Insbesondere die amerikanische Independent-Szene hatte es auch dem Feuilleton angetan und so erschien das sehr freizügige Gedicht als wunderschönes kleines Bändchen mit Samtvorsatz und Schutzumschlag.

Die Story

Joseph Moncure March war nicht nur Dichter, sondern auch Journalist, Filmemacher und Drehbuchautor. Seine Liebe für den Jazz, die wilde, treibende neue Musik, die die Säfte zum Kochen brachte und anstelle von reinen Gefühlen die animalischen Triebe in den Vordergrund stellte, bestimmte das Tempo und den Rhythmus seiner Geschichte um das wilde Fest! Von den ersten beiden Zeilen an „Queenie war blond, ohne Alter so eine | Schmiß zweimal pro Tag beim Vaudeville die Beine.“ ist dem Leser klar, dass hier keine Liebesgeschichte erzählt werden wird (obwohl eine enthalten ist).

Die Tänzerin lebt mit ihrem Liebhaber Burrs in einem heruntergekommenen Apartment und verbringt ihre Zeit mit Auftritten, Sex und Alkohol. Nach einem Konflikt mit Burrs, der wider Erwarten gewaltlos endet, beschließen die Beiden, eine Party zu veranstalten. Zu diesem Fest kommen die unterschiedlichsten Paradiesvögel, schnell entwickeln sich wilde, engumschlungene Tänze, musikalische Darbietungen und wildes Geknutsche während der Alkohol in Strömen fließt. Eine der Besucherinnen bringt einen jungen Gentleman mit und Queenie beschließt, diesen um ihren Finger zu wickeln um sowohl ihrer Freundin als auch ihrem Liebhaber eins auszuwischen.

Der Weg vom zarten, aber sehr geplant eigesetzten Augenaufschlag bis zum Spiel der Körper in ihrem Schlafzimmer wird in immer schnelleren Versen beschrieben und natürlich kommt es zur finalen Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern.

Das Buch brauchte zwei Jahre, bis es schließlich publiziert werden konnte und landete in einigen Städten der USA sofort auf dem Index. Trotzdem sollte es 1975 mit Raquel Welch verfilmt werden. Schon die erste Veröffentlichung wartete mit einer Illustration als Frontispiz auf, die graphische Begleitung des Textes wurde aber erst durch einen der Stars der Independent-Szene New Yorks, eben Art Spiegelman durchgeführt.

Die Zeichnungen

Die Bilder Spiegelmans erinnern immer ein wenig an Holzschnitte: Harte Kontraste, viel flächige (Nicht-)Farbe und Schraffuren passen perfekt zu der Schwüle der Musik, dem Tempo und dem Nichtbeachten gesellschaftlicher Konventionen. Homosexualität war in den 20-er Jahren kein akzeptiertes Verhalten; im Text von March sind aber sexuelle Ausrichtungen gleichwertig! Einzig eine Vergewaltigung einer Minderjährigen wird als nicht-akzeptabel bezeichnet und somit auch mit Gewalt unterbunden.

Die Bilder bieten jeweils einen kleinen Ausschnitt. Spiegelman versucht nicht, die Szenerie darzustellen, sondern wirft nur Schlaglichter auf Aktionen oder Stimmungen. Vieles bleibt daher weiter der eigenen Fantasie überlassen und doch ist soviel an grafischer Information vorhanden, dass der Taumel und das Zusteuern auf das Crescendo jede*m vor Augen stehen sollte. Als wiederkehrendes Motiv dienen dabei zwei langsam herunterbrennende Kerzen, die fast als Zwischenvorhang dienen.

Das Büchlein müsste antiquarisch einigermaßen gut aufzutreiben sein. Es wurde später auch noch mal als Taschenbuch veröffentlicht, gerade der Samt und der Einband machen aber meiner Meinung nach die Sache erst rund. Zwischen 25 und 30 € werdet ihr auf jeden Fall bezahlen müssen, in perfekter Qualität sogar viel mehr.

Dazu passen heißer Jazz (einfach mal nach Jazz Age oder Roaring Twenties googeln) und Hochprozentiges: Whiskey oder Rum.

Abbildungen und Zitat © 1995 Rowohlt Verlag, Reinbek, © 1994 by Art Spiegelman