Bollée/Aymond – Bruno Brazil – Die neuen Abenteuer 3

Eisiger Terror in Eskimo Point

Story: LF Bollée
Zeichnungen:  
Philippe Aymond
Originaltitel: 
Terreur boréale à Eskimo Point

Basierend auf den Charakteren von Greg und Vance

All Verlag

Hardcover | 56 Seiten | Farbe | je 17,80 € |

ISBN: 978-3-96804-160-5

Cover Bruno Brazil neu 3

Das Kommando Kaiman existiert nicht mehr; drei seiner sieben Mitglieder sind tot, zwei weitere waren verwundet worden. Der Leiter dieser Einheit, Bruno Brazil, musste sich daraufhin in psychologische Behandlung begeben. Wer mehr über den Original-Zyklus aus den Zeiten des Koralle-ZACK erfahren möchte, kann im Serienkompass nachlesen. Mit den „neuen Abenteuern“ setzen LF Bollée und Philippe Aymond genau zu diesem Zeitpunkt an. Bruno und Nomade sind aus der Behandlung entlassen, Whip Rafale sitzt im Rollstuhl und Gaucho Morales ist immer noch im Dienst.

Der wahnsinnige Wissenschaftler im Eis

Die restlichen Kaimane arbeiten für das WSIO, eine internationale Behörde. Als eine in einem Fischcontainer aus Kanada gefundene Leiche kurz darauf aus der Leichenhalle gestohlen wird, beschließt Brunos Chef, einen Einsatz vor Ort zu genehmigen, um die Hintergründe aufzudecken. In Eskimo Point, einem kleinen Fischerort in Kanada, stellt sich heraus, dass der Tote einer von vor längerer Zeit aus Heimen verschwundenen Jungen war. Die drei waren danach nicht wieder aufgetaucht.

Im örtlichen Fernsehen wird täglich der für die Bewohner*innen des Ortes lebenswichtige Wetterbericht ausgestrahlt und aufgrund seiner Bedeutung auch in Gebärdensprache übersetzt. Verwirrend ist, dass gerade als Bruno und Gaucho in der örtlichen Kneipe auf Jagd nach Informationen sind, der Bericht nicht korrekt übersetzt wird.

Langsam kommen sie auf die Spur eines Veteranen, der sich als Wissenschaftler in der Nähe des Ortes niedergelassen hat. Unterstützung bekommen die zwei Agenten dabei von dem örtlichen Scheriff und einem taubstummen Jugendlichen. Dieser muss schon anfangs der Geschichte eingreifen als es zu einer Begegnung des weißhaarigen Bruno mit einem Eisbären kommt. Spannende Geschichte mit glaubhaftem Hintergrund. Wahrscheinlich wäre das Ende von Eisiger Terror im Eskimo Point im echten Leben etwas weniger dramatisch. Dann würde es allerdings weniger Leser*innen finden.

Ex Libris VZA Bruno Brazil neu
ExLibris der VZA

Ein modern interpretierter Klassiker

Philipe Aymond hat sich mit seinem realistischem Stil dem Vergleich mit dem Altmeister Vance bewusst gestellt. Natürlich ist er modernisierter. Sowohl heutige Drucktechnik als auch der Publikumsgeschmack haben sich verändert. Die Hintergründe sind teilweise sehr detailliert, allerdings nur dann, wenn es auch wirklich notwendig ist. Ansonsten langen ein paar Striche und ein wenig Farbe.

Einige Zeichner haben davon berichtet, dass Eiswüsten eine extrem heraufordernde Umgebung darstellen. Diese Aufgabe meistert Aymond perfekt. Auch die Gesichtspartien aller Akteur*innen gelingen schon besser. Das bleibt aber der Punkt der größten Unterschiede zur Originalserie. Papier und Format unterstützen die Zeichnungen und machen es zu einem gelungenen Abenteuer des klassischen realistischen frankobelgischen Comics.

Sinnvoll modernisiert

Bruno Brazil ist ein Agent der alten Schule. Hart, aber doch mit einem weichen Kern. Zu diesem Persönlichkeitsbild kommt im aktuellen Album übrigens eine neue Facette hinzu, die im zweiten Band bereits angedeutet worden war. Das Aufgreifen der Personalisierungen der Held*innen ist meines Erachtens ein wichtiger Teil der Serie und erlaubt des Fans, dabeizubleiben. Thematisch spielt die Reihe zwar noch in den 70-er, die Themen sind aber heutige. Der Spagat, neue Themen „alt“ darzustellen gelingt dabei ausgesprochen gut.

Und: Im Gegensatz zu einem gewissen Film-Helden mit einer Lizenz zum Töten gibt es hier erfreulich wenig pyrotechnisches Weltuntergangsgeballer und vor allem keine blöden Sprüche. Fazit: Spannend erzählte Agentenstory mit guten Bildern, die unterhält und fast nebenbei eine ganze Menge ethische Fragen stellt!

Dazu passen Johnny Rivers mit „Secret Agent Man“ und ein Becks Ice Lime & Mint.

© der Abbildungen Éditions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) 2022 by Aymond, Bollée / 2023 All Verlag

Vernes/Forton – ZACK Spezial 7: Bob Morane 2

Die Seelenfresser

Story: Henri Vernes
Zeichnungen: 
Gérald Forton
Originaltitel: 
Les mangeurs d‘âmes

Blattgold Verlag – ZACK Edition

Softcover | 48 Seiten | Farbe | 14,00 € | Limitiert auf 555 + 55 Exemplare

ISBN: n/a – Nur für ZACK-Abonnent*innen

Cover Vernes/Forton – ZACK Spezial 7: Bob Morane 2

Bob Morane ist ursprünglich ein Romanheld gewesen. Der im Sommer 2021 verstorbene belgische Autor Henri Vernes hat seit 1953 insgesamt rund 230 Romane mit seinem Helden verfasst. Schon sechs Jahre später erschien die erste Comic-Adaption in der französischen Zeitschrift Femmes d’aujourd’hui mit Zeichnungen von Dino Attanasio. Zeitweise erschienen die Abenteuer in mehreren Zeitschriften gleichzeitig. Mittlerweile gibt es auch modernisierte Varianten, die nur noch auf den Ideen basieren, sich von den Skripten des Autors aber losgelöst haben. Ein erstes Album dieses Teams war als Band 3 der Reihe erschienen: Operation Equus.

Kriminelle Voodoopriester

2005 wurden Die Seelenfresser, die Umsetzung des 93. Romans, als Album in Frankreich veröffentlicht. Diese letzte Arbeit von Gérald Forton mit dem Helden hatte allerdings bisher den Weg nach Deutschland nicht geschafft. Bob Morane und sein leicht aufbrausender Sidekick Bill Ballantime müssen mit ansehen, wie eine junge Frau in Paris von verkleideten Männern auf offener Straße angegriffen wird. Natürlich stürzen sie sich gleich in den Kampf, nur um zu erfahren, dass diese eine Voodoo-Zeremonie gestört hat, bei der ihre Tante scheinbar geopfert werden sollte.

Zwar ist an dem betreffenden Ort niemand mehr anzutreffen, die beiden Helden machen sich aber auf die Suche nach weiteren Hinweisen und nach mehreren rasanten Actionszenen stellt sich heraus, dass es scheinbar um große Erbschaften geht. Irgendwie scheint auch Athanasius Xhatan, Bruder eines der Lieblingsfeinde der Beiden in die Sache verwickelt zu sein.

Vernes/Forton – ZACK Spezial 7: Bob Morane 2 page 1

Wieder präsentiert Vernes eine spannende Story im Grenzbereich aus Thriller und Geheimagentenverschwörungstheorie. Wer James Bond mag, wird sich hier sofort zurecht finden (wenn er denn auf die teilweise sehr unangebrachten Sprüche von 007 verzichten kann). Routiniert erzählt, mit einem ganz leichten nostalgischen Touch und ohne allzu viel pyrotechnischen Schnick-Schnack!

Realistische Action

Gérald Forton hat 16 albenlange Geschichten mit dem ehemaligen Piloten gezeichnet, hatte also durchaus Routine. Seitenaufbau und Tempiwechsel zwischen eher ruhigen und sehr actionlastigen Szenen beweisen, dass Forton diese Klaviatur beherrscht. Die Bilder wechseln zwischen Nahaufnahmen, schnellen Schnittfolgen und Totalen. Die Körper der Protagonist*innen sind dabei nicht wie in einigen anderen Serien übertrieben, sondern nachvollziehbar sportlich.

ZACK Spezial 7 page 19

Ein Markenzeichen, übernommen aus der Zeit der Magazinpublikationen auf schlechtem Papier, sind die Schraffuren die Forton gerne nutzt. Das wirkt bei der Vignette auf dem Cover etwas „verschmutzt“, stört aber im Comic nicht. Im Gegenteil, es erlaubt dem Künstler neben Mimik, Ausschnitt und Kolorierung noch ein weiteres Mittel zur Variation der Settings.

Ein Klassiker des frankobelgischen Comics

Bob Morane ist eine der äußerst langlebigen Reihen im Krimi/Agenten/Abenteurer-Milieu. Dass die Serie nichts von ihrer Zugkraft eingebüßt hat, beweisen die aktuellen, neuen Interpretationen, die auf Deutsch im ZACK und bei Splitter laufen. Neben diesen Varianten werden aktuell auch die Bände von William Vance wieder auf den Markt gebracht. Eine gute Gelegenheit also, um die Ausgaben nebeneinander halten zu können und den persönlichen Liebling zu finden. Ein weiterer Band von Forton ist bereits für den Herbst angekündigt.

Detail Druck ZACK Spezial 7
limitiertes passendes ExLibris (Ausschnitt)

Unterhaltung, die nicht weh tut, wäre die negative Umschreibung. Für mich passt besser, dass es sich hier um eine spannende, gut konstruierte Geschichte handelt, in der das Gute siegt, das Böse aber nicht in Form von Werwölfen, Zombies oder Orks daher gelaufen kommt. Obwohl schon etwas älter, halten sich die Stereotypen im Rahmen und übertriebene Gewalt oder sexualisierte Inhalte finden sich hier auch nicht. Kurz: Die Generation ZACK wird hier bedenkenlos zugreifen können! Und genau für diese Zielgruppe ist auch die Einschränkung passend: Wie alle Bände dieser Reihe ist er nur für ZACK-Abonnent*innen käuflich zu erwerben. Wer wollte, hatte zusätzlich ein limitiertes Ex Libris ordern können.

Dazu passen die Kaiser Chiefs und ein Old Pulteney.

© der Abbildungen Vernes – Bob Morane Inc./Forton – Ed. Hibou / 2023 Blattgold GmbH, Bad Dürkheim

Zauberstern – Phantom 4

Neues aus Schweden, den USA und Australien

Story: Lennart Moberg, Elizabeth Massie/Raffael Nieves, Pidde Andersson
Zeichnungen: 
Roy Felmag/Antony Benny, Paul Daly, Wendell Vavalcanti

Originaltitel: Fantomet 12 (1996), Julie Walker is the Phantom (2010), The Phantom 1830 (2022)

Zauberstern Comics

Heft |100 Seiten | Farbe | 9,99 € |

ISSN: N/A

Cover Phantom 4

Und auch die vierte Nummer des neuen Magazins kommt pünktlich! Allein das ist schon eine Leistung für jemanden, der frisch in das Kiosk-Geschäft eingestiegen ist. Erneut präsentiert Zauberstern Comics ein von Timo Würz eigens für Deutschland entworfenes Cover und einen Querschnitt durch die nationalen Phantom-Produktionen und Epochen. Kurz gefasst sind das die Gründe, warum das Magazin es in die Jahrescharts von comix-online geschafft hat!

Freundschaft und Gerechtigkeit – zwei Grundmotive

Ein Klassiker aus Schweden eröffnet diese Nummer: Blutsbrüder beginnt mit einem Raubüberfall. Eine Truppe von (heute nicht mehr so gezeichneten) Frauen entkommt nicht nur mit der beträchtlichen Beute, sie lassen auch ihre männlichen Kollegen zurück. Diese machen sich natürlich an die Verfolgung. Währenddessen wird der Arzt und ehemalige Präsident Luanga, der sich mit dem Phantom treffen wollte, abgepasst und soll eine der verletzten Frauen retten.

Der One-Shot über Julie Walker nimmt die Schwester des 17. Phantoms in die Pflicht. Eine junge, engagierte Frau will 1889 beweisen, dass sie die Welt schneller als in 80 Tagen umrunden kann, doch einige alte Herren scheinen etwas dagegen zu haben. Julie Walker beweist quer über den Globus, dass auch Frauen Heldinnentaten vollbringen können.

Requiem schließlich führt zurück in die Zeiten des Ersten Weltkrieges. Eine Truppe von Deutschen nistet sich in einem kleinen französischen Dörfchen ein und terrorisiert die Bevölkerung. Private Walker soll einen Geheimauftrag hinter den Linien ausführen und stellt fest, dass die Mörderbande Anhänger einer bekannten Organisation sind.

Backcover Phantom

Die ganze zeichnerische Bandbreite

Die Zeichnungen von Roy Felmag und Antony Benny leiden ein wenig unter der Qualität der Vorlagen. Teilweise hat man das Gefühl, dass sie etwas verwaschen wirken. Schade eigentlich, denn ansonsten wäre es ein sehr gutes Beispiel für die Zeit am Ende des letzten Jahrtausends. Und auch die Kolorierung passt dazu. Paul Daly ist dagegen ein typischer Vertreter des US-Styles. Detailliert ausgeführt, Hintergründe nur wenn nötig, dann aber auch sehr akribisch und eine Pose, die eher an Catwoman erinnert.

Der australische Beitrag von Wendell Vavalcanti arbeitet sehr stark mit Soundwords und scheint digital entstanden zu sein. Das Streifgenlayout wird immer wieder aufgebrochen, insbesondere durch die übergreifenden Sprechblasen.

Gelungen!

Wieder haben die Zauberstern-Jungs eine gute Mischung ausgewählt. Die Gefahr dabei ist immer, dass die eine Seite sich über die andere aufregt und alle unzufrieden sind. Ich würde das genau andersrum sehen: Durch den Mix der verschiedenen Richtungen ist für jede*n etwas dabei, das man nicht kennenlernen würde, wenn man sich auf die Lieblingsrichtung beschränkte.

Illustration Phantom

In diesem Sinne für mich ein gelungenes Heft mit den notwendigen bibliographischen Angaben, (sehr!) wenig Werbung und gefüllten Leser*innenseiten! Das spezielle Cover tut ein Übriges. Und vor die Alternative gestellt zwei Seiten zu kürzen oder auf das Poster zu verzichten, fällt mir die Antwort nicht wirklich schwer!

Dazu passt klassischer Rock von Jehtro Tull mit „Too old to Rock’n‘Roll“ und ein Kingfisher.

© der Abbildungen 2022 by King Features Syndicate, Inc TM Hearst Holdings, Inc. & Egmont Schweden 1996, Moonstone Books 2010, Frew Comics 2022 / 2022 Zauberstern Comics

Desberg/Queireix – Miss October

Gesamtausgabe

Story: Stephen Desberg
Zeichnungen: 
Alain Queireix
Originaltitel: 
Intégrale Miss Octobre

schreiber & leser Alles Gute!

Hardcover | 192 Seiten | Farbe | 39,80 €
ISBN: 
978-3-96582-107-1

Cover Miss October GA

So schön wie durchgehende Geschichten sind, so nervig können sie sein, wenn man auf die Auflösung des Cliffhangers warten muss. Vor allem im Thriller-Bereich, der von der Spannung lebt, kann das sehr anstrengend sein. Umso erfreulicher ist es, dass von dieser Serie nun gleich alle vier Teile in der einbändigen Gesamtausgabe auf den Markt gebracht werden.

Pin-Up des Todes

Stephen Desberg ist wahrlich kein Anfänger im Bereich der spannend erzählten Comics: 421, Empire USA oder Mic Mac Adam deuten die Bandbreite an. Miss October startet mit dem Versuch einer blonden Diebin, ein Kunstartefakt zu stehlen. Auf ihrer Flucht läuft sie Detective Clegg in die Arme und küsst ihn. Zwei Jahre zuvor wird ebenjener Clegg damit beauftragt, einen ganz speziellen Killer festzunehmen. Junge Frauen zwischen denen kein Zusammenhang zu bestehen scheint werden entführt, vergewaltigt und gefoltert und schließlich in Pin-Up-Posen als Miss Januar, Februar usw. zur Schau gestellt.

Clegg war der Star des LAPD, spürt aber jetzt den Atem seines Konkurrenten im Nacken. Dieser kämpft mit harten Bandagen und politischer Unterstützung und soll mit der Aufklärung der Einbruchsserie, deren Täterin wir Leser*innen bereits kennen, seine Fähigkeit für große Fälle beweisen. Die angespannte Situation zwischen den beiden wird nicht besser als Affären dazukommen und neben die (kaputte) Liebe Eifersucht und Machtgelüste treten.

Detail Miss October GA

Lynn Scott kämpft derweil mit ihren eigenen Dämonen: Vor einiger Zeit hat sie ihr Gehör verloren, kann sich an die Situation aber nicht mehr erinnern. Und so sucht sie ständig nach Hinweisen auf den vermeintlichen Überfall und betäubt ihre Hilflosigkeit mit waghalsigen Einbrüchen. Sie scheint aber auf der To-Do-Liste des Killers zu stehen, und zwar als Miss October!

Realistische Zeichnungen und Action

Alain Queireix bringt die Geschichte sehr realistisch auf das Papier! Das von Schreiber & Leser gewählte Hochglanzpapier unterstützt die Qualität der Zeichnungen. Die Körper sind in ihren Posen ebenso glaubwürdig wie die frustrierten, zermürbten Gesichtszüge der Cops. Da der Comic zu Beginn der 60-er spielt, sind auch Kleidung und Technik, etwa der Autos, noch sehr unterschiedlich und erfordern viele unterschiedliche Ausstattungen durch den Zeichner.

Die Story betrifft im Wesentlichen Leute aus dem gehobeneren Milieu der oberen Mittelschicht. Armut und Dreck tauchen daher nur am Rand auf und selbst Erotik und die Gewalt, die keinesfalls verschämt dargestellt wird, sehen ästhetisch aus. In der Welt der Reichen und Schönen ist aber keinesfalls alles „gut“ und so stehen die freundlichen Zeichnungen immer öfter in krassem Gegensatz zu den sich auftuenden Abgründen.

Miss October GA page 17

Thriller Tipp!

Es gibt seit Jahren die Tendenz, immer mehr Marken zu entwickeln und erfolgreiche Konzepte auszuwringen, bis wirklich kein Tropfen mehr rauskommt. Miss October ist da erfreulich anders. Natürlich sind einzelne Versatzstücke wiederzuerkennen, die Mischung ist aber neu und vor allem eigenständig. Trotzdem haben sich Desberg und Queireix mit vier Bänden genügend Zeit genommen, um verständlich zu erzählen. Miniserie statt überlangem und doch zu kurzem Einzelband!

Für alle Fans dieses Genres ein Versuch wert! Auch wer etwa auf Lady S. steht, sollte hier einen Blick riskieren. Und nicht zuletzt ist genug hard-boiled enthalten um auch von dieser Seite kommend einen Blick zu riskieren. Der Band enthält alle vier Alben samt Titelbildern. Dazu erscheint eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck.

ExLibris Miss October GA VZA
ExLibris der limitierten Vorzugsausgabe

Im Hintergrund läuft das North East Ska Jazz Ensemble und es wartet ein Emmerich Koebernik Dornfelder.

© der Abbildungen Éditions Du Lombard (Dargaud Lombard s.a.) 2022, by Desberg, Queireix  / 2022 Schreiber & Leser, Hamburg

Zauberstern – Phantom 3

Flammen der Vergeltung & Hetzjagd

Story: Mike Bullock, David Michelinie
Zeichnungen: 
Silvester Szilagy

Originaltitel: The Phantom  – Ghost who walks 1-4

Zauberstern Comics

Heft |100 Seiten | Farbe | 9,99 € |

ISSN: N/A

Cover Phantom 3 Zauberstern Comics

Das Phantom unterscheidet sich von anderen Held*innen nicht nur dadurch, dass es viele Generationen des Protagonisten gibt, da das Kostüm jeweils vom Vater and den Sohn weitergegeben wird. Es war auch schon sehr früh ein Franchise, das nicht nur im Ursprungsland verschiedene Zeichner und nach Lee Falks Tod auch Szenaristen vereinigte, es gab auch eigenständige Produktionen in anderen Ländern. Diese Vielseitigkeit möchte auch das Herausgeberteam von Zauberstern abbilden.

Organisierter, religiös verbrämter Terror

In dieser Ausgabe beginnt der Abdruck von Geschichten, die ab 2009 bei Moonstone Books erschienen sind. Sie sind allesamt sehr modern und actionorientiert, übernehmen aber gleichwohl die wesentlichen Elemente des Phantom-Universums. Mike Bullock und David Michelinie haben den Dreiteiler Flammen der Vergeltung sehr nah an der (2009-er) Wirklichkeit orientiert. Ein Passagierschiff wird nahe der afrikanischen Küste scheinbar von Piraten geentert. Da allerdings das Phantom ebenfalls als Passagier anwesend ist, müssen die Piraten einiges einstecken.

Im Verlauf wird deutlich, dass der Überfall nur Teil eines wesentlich größeren Plans war. Eine islamistische Organisation will den Kreuzrittern so viel Schaden wie möglich zu fügen und spielt geschickt mit einer Mischung aus Aktion, Fake News und Erwartungen. Allerdings ist es schon wichtig zu betonen, dass hier eine ganze Menge Blut fließt.

Von der zweiten Story Hetzjagd, ebenfalls aus der Reihe Phantom – Ghost who walks, kommt nur das erste Kapitel zum Abdruck. Ein Krimineller, der mit sich hadert, da er seinen letzten Auftrag in den Sand gesetzt hat und nun Erfolg haben muss, um seine Familie nicht zu gefährden, soll ein bestimmtes Artefakt stehlen. Zwar gelingt ihm das, er wird dabei aber von einem „Geist“ beobachtet.

Phantom 3 Zauberstern Comics page 34

American Mainstream

Die Zeichnungen von Silvester Szilagy sind wesentlich detaillierter als die in Ausgabe 1 und 2. Zudem enthalten sie viel mehr Konturen und Schatten, wirken also kompletter. Das größere Format (ich vermute mal, dass die Moonstone Books Veröffentlichungen im Original dem US-Heftformat entsprochen haben) schadet keinesfalls. Die Zeichnungen scheinen allerdings digital entstanden zu sein.

Einige Zeichnungen wirken auf den ersten Blick sehr brutal, etwa wenn nach einer Explosion mehrere Körper durch die Gegend fliegen. Tatsächlich ist im Detail aber kaum etwas zu erkennen: Weder Blut noch Wunden werden dargestellt. Um ein Beispiel aus der Thrillerwelt zu nehmen: Während das Original eher einer Verfilmung eines Kommissar Maigret-Romans entsprach, ist die aktuelle Umsetzung eher einem aktuellen James Bond vergleichbar. Das wird nicht allen gefallen, ist aber die einzige Möglichkeit, auch neue Leser*innen zu gewinnen.

Innovation und Nostalgie

Natürlich zielt die Rückkehr eines Klassikerswie Das Phantom zunächst einmal auf diejenigen, die den Comic noch von früher kennen. Die Bereitschaft der Macher bereits sehr früh auch aktuelles Material zu bringen, beweist aber, dass man nicht den Nostalgiemarkt bedienen möchte sondern versucht, auf dem aktuellen Comic-Geschehen aufzusetzen. Das finde ich persönlich genau richtig, wenn man sich wie Zauberstern es tut entscheidet, den Kiosk- und Verkaufsstellenmarkt zu beliefern und nicht in eine Spezialversandecke zu gehen.

Logo Das Phantom

Über Geschmäcker lässt sich (nicht) streiten, die Story ist jedenfalls spannend, aktuell und gut gezeichnet. Das große Format erlaubt Gimmicks wie das Poster in jeder Ausgabe und einen kostendeckenden Preis, während das Heftchenformat eher in der Menge untergehen könnte. Auch das Konzept, verschiedene Phasen abzubilden und damit vielfältiger zu sein, ist absolut positiv zu bewerten!

Dazu passt Klassisches in neuem Gewand: Dropkick Murphys mit „Ten Times More“ und ein wieder modernes Kellerbier.

© der Abbildungen 2022 by King Features Syndicate, Inc TM Hearst Holdings, Inc. & Moonstone Books 2009 / 2022 Zauberstern Comics

Colin/Guérineau – Nur noch Stille

Graphic Novel

Story: Fabrice Colin nach R. J. Ellory
Zeichnungen: 
Richard Guérineau
Originaltitel: 
Seul le Silence

All Verlag

Hardcover | 108 Seiten | Farbe | 19,80 € |

ISBN: 978-3-96804-134-6

Cover Nur noch Stille

Von Zeit zu Zeit überraschen einen Verlage mit einem tollen Produkt, das außerhalb der typischen Angebotsbandbreite liegt. Nur noch Stille ist so ein Fall: ein sehr spannender Roman der in einer bedrückenden Eindringlichkeit als Graphic Novel adaptiert worden ist. Mit diesem (hoffentlich erfolgreichen) Titel beweist der All Verlag, dass er weit mehr ist als ein Verlag für Klassiker.

Eine trügerische Kleinstadtidylle

Die hier erzählte Geschichte von Joseph Vaughan beginnt im Alter von zwölf Jahren als das erste von vielen weiteren kleinen Mädchen bestialisch ermordet wird. Wir schreiben das Jahr 1939 und befinden uns in Augusta Falls, Georgia, USA. Der Weltkrieg in Europa ist zwar präsent, aber sehr weit weg und der Alltag fließt dahin. Der Mord jedoch erschreckt den kleinen, der erst kurz vorher seinen Vater verloren hat, sehr. Umso schlimmer wird es, als im kommenden Jahr ein weiterer Mord stattfindet.

Nur noch Stille page 5

Fabrice Colin setzt den Roman von R. J. Ellroy gekonnt um und konstruiert daher ein Szenario, das am Anfang zwischen Teenager-Roman, endlosen Perspektiven und warmen Sommern auf der einen Seite schwankt und dem Horror, der in den Gedanken Verwirrung stiftet und zudem gerne in der Nacht zum Vorschein kommt. Schnell wendet sich diese Ambivalenz und Bilder vom Massensterben (Krieg und „Schädlinge“) illustrieren das auch sehr deutlich.

Der Täter ist über weite Strecken des Bandes, der über 60 Lebensjahre von Joseph abdeckt, unbekannt und versteht es meisterhaft, falsche Fährten zu legen und den Verdacht auf andere zu lenken. Besonders gut gelungen ist dabei das Spiel mit den Vorurteilen. So ist Leser*innen teilweise schon vorher klar was passieren wird, obwohl es so unlogisch ist.

Nur noch Stille page 6

Schönheit und Schrecken nebeneinander

Richard Guérineau zeichnet in einem Stilmix aus realistisch und karikierend. Die Emotionen sind deutlich überzeichnet und ersetzen die dramatische Filmmusik im Hintergrund mit grafischen Mitteln. Als einziges Manko sei vielleicht erwähnt, dass die Kinder auf den ersten Seiten zu alt wirken und ein Teil des Schreckens dadurch nicht deutlich wird.

Die anderen Altersstufen gelingen aber passend. Ganz vorsichtig lassen sich auch Präferenzen erkennen. Obwohl Stereotypen vermieden werden, sind doch einige unsympathischer als andere. Das Layout, prinzipiell in Reihen angeordnet, verlässt nur manchmal den starren Rahmen. Dadurch wird aber auch eine Kontinuität geschaffen, die ein Stück weit die Erfolglosigkeit der Suche nach dem Mörder repräsentiert.

Nur noch Stille page 15

Ein potenzieller Kandidat für die Jahresbestenliste

Muss eine Graphic Novel immer nur vom eigenen Schicksal erzählen und der Traumabewältigung dienen? Sicherlich nicht. Trotzdem ist nicht jeder Thriller gleich eine Graphic Novel. Hier geht es um Horror, der nicht von der typische Kleinstadterfahrung geprägt ist. Hier geht es eher um menschliche Abgründe und die Folgen solcher Taten bei scheinbar Unbeteiligten. Die Auseinandersetzung mit diesen Folgen ist aber eines der typischen Themen.

Die Herausarbeitung der einzelnen Stränge und Traumata gelingt gut, zudem eingebettet in eine spannende Geschichte. Auch die grafische Umsetzung ist auf hohem Niveau und sollte daher Käufer*innen theoretisch in Scharen anlocken! Hoffen wir mal, dass die Schubladen bei Händler*innen und Kund*innen nicht aufgrund des Verlages an dem Titel vorbeigehen. Im Übrigen auch ein Tipp für Weihnachten! Und wer noch mehr haben möchte: Wie immer gibt es auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit Ex Libris!

Nur noch Stille ExLibris
ExLibris der VZA

Dazu passen The Smiths mit „barbarism begins at home“ und ein starker Kaffee.

© der Abbildungen seul le silence by R.J.Elroy, F.Colin, R.Guérineau © Philéas –  2021 / 2022 All Verlag

Van Hamme/Francq – Largo Winch Doppelband 4

Makiling & Tiger

Story: Jean van Hamme
Zeichnungen: 
Philippe Francq
Originaltitel: 
Largo Winch Diptyques 4 (Volumes 7&8)

schreiber & leser Alles Gute!

Hardcover | 112 Seiten | Farbe | 24,95 €
ISBN: 
978-3-96582-092-0

Cover Largo Winch Doppelband 7 - 8

Der Verlag aus Hamburg bringt in rascher Folge die Doppelbände über den Erben des Winch-Konzerns heraus. Zur Erinnerung: Largo Winch ist der lange geheim gehaltene Erbe der Gruppe W. In seiner Jugend hat er überall auf der ganzen Welt Abenteuer erlebt und Körper und Geist gestählt. Nachdem er zunächst einmal seine Machtposition im Konzern hatte festigen müssen, erlaubt Autor Jean Van Hamme seinem Helden nun wieder etwas „Natur“. Van Hamme hatte die Figur zunächst als Romanhelden für eine erwachsenere Zielgruppe angelegt. Der Wechsel in das Comic-Genre hat sich auf jeden Fall gelohnt, gehört die Serie im französischsprachigen Ram doch zu den Erfolgsgaranten.

Politische Spielchen in Myanmar

In Myanmar, dem ehemaligen Birma, regiert zum Zeitpunkt dieser Geschichte noch nicht die heutige Militärjunta, Generäle haben aber schon damals das Sagen. Nicht unerwarteterweise gibt es in den Ländern, die an das kommunistische Gebiet angrenzen, Kontakte der Regierenden mit der CIA, insbesondere dann, wenn ein großer Teil der Weltproduktion an Heroin aus dem jeweiligen Land stammt. Ebenfalls erwartbar ist, dass es Untergrundgruppen gibt. Oft aus indigenen Strukturen entstanden, versuchen diese, teilweise mit Ideologien verknüpft, eine andere, aus ihrer Sicht bessere Zukunft für ihr Land zu erreichen. Nicht immer gehen diese Interessen mit denen der ausländischen Berater konform.

Largo Winch Makiling page 14

Wie dem auch sei: Simon Ovronnaz, Freund von Largo Winch seit früheren Tagen, bereist mit einer Freundin Myanmar. Beide werden mit fadenscheinigen Argumenten festgenommen und auf der Wache versucht Simon, eine Vergewaltigung seiner Begleiterin zu verhindern. Dabei wird ein Beamter scheinbar tödlich verletzt. In einem anschließenden Prozess wird Simon zum Tode verurteilt und zur Vollstreckung auf die abseits gelegene und schwer bewachte Festung Makiling verbracht.

Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass das angebliche Opfer bei dieser Aktion gar nicht zu Schaden gekommen war. Ein Komplott war geschmiedet worden, um finstere Ziele zu erreichen, und zwar basierend auf der Annahme, dass Largo Winch seinem Freund zu Hilfe kommen werde. Es scheint auch bekannt zu sein, dass Largo aus früherer Zeit Kontakte zu dem Führer der Rebellen, dem Tiger hat. Van Hamme verknüpft politische Motive (ja, auch ein wenige Verschwörungstheorie ist natürlich dabei) mit Actionelementen und Romantik zu einem glaubhaften, spannenden und realistischen Double-Feature und beweist ein weiteres Mal, warum seine Szenarien so erfolgreich sind!

Der Dschungel als Kulisse

Natürlich besteht Myanmar nicht nur aus Dschungel und Philippe Francq kann auch Städte und vor allem Technik perfekt auf das Papier bringen. Ein großer Teil dieser beiden Geschichten besteht aber aus Urwald mit all seiner überwältigenden Flora und Fauna. Er erklärt im Anhang, dass er sich an sich auf diese Möglichkeit sehr gefreut hätte, schon bald aber gemerkt hätte, wieviel Arbeit das macht. Glücklicherweise hat er sich nicht entmutigen lassen und die Qualität des Anfangs durchgehalten.

Largo Winch Makiling page 15

Außerdem darf er natürlich auch seine Kunst in der Darstellung des Alleskönners Winch beweisen. Sei es, dass dieser McGyver gleich aus unmöglichen Situationen einen Ausweg findet oder sich wie ein Martial Arts Kämpfer zur Wehr setzt. Nicht zuletzt ist seine Form beeindruckend, hat der CEO doch keineswegs an Kondition eingebüßt. Formal bewegt sich Francq allerdings auf sehr klassischem Terrain: meist dreizeiliges Layout und nur selten solch opulente Extravaganzen wie die Diskussion auf Seite 62. Trotzdem: Solide frankobelgische Thriller-Ware!

Sehr ansprechende Gesamtausgabe

Die Doppelbände haben Überformat und bringen dadurch den Inhalt noch besser zur Geltung. Allen gemeinsam ist der Anhang mit Informationen der Künstler zum jeweiligen Werk und vielen Skizzen und zusätzlichen Illustrationen, die den Schaffensprozess verständlich darbieten. Van Hamme ist nicht nur im Thrillerbereich (XIII) ein Star, seine Serien behandeln etwa auch die Geschichte des Brauens, spielen während der Kolonialisierung in Indien oder setzen Klassiker wie Blake und Mortimer fort.

Logo Largo Winch 7-8

Largo Winch gehört bei unseren westlichen Nachbarn zurecht zu den Kassenschlagern und hat auch hier eine größere Aufmerksamkeit verdient. Diese Gesamtausgabe in Doppelbänden ist allen ans Herz zu legen, die die Bände noch nicht besitzen aber Spaß an gut erzählten Thríllern wie James Bond, Bruno Brazil oder Bob Morane haben.

Dazu passt eine etwas ruhigere Begleitung mit Blues von Keb‘ Mo‘! In Anbetracht des Dschungels sollte dazu ein chininhaltiges Getränk passen.

© der Abbildungen DUPUIS 2022, 2022 Schreiber & Leser

ZACK 278

ZACK 278 (August 2022)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 92 Seiten | Farbe | 9,00 €
ISSN: 1438-2792

Cover ZACK 278

Während sich draußen heiße und sehr heiße Tage abwechseln, die ersten aus dem Urlaub schon wieder zurückgekehrt sind, während andere noch fahren wollen, erscheint das ZACK in stoischer Ruhe und liefert seit kurzem sogar Teile von fünf Geschichten aus. Das Titelbild gehört im August einer niederländischen Serie, die bei der Wahl zur beliebtesten Serie im letzten Jahr nur mittelmäßig abgeschlossen hat: Amoras. Vielleicht liegt das daran, dass die zugrundeliegende Serie Suske en Wiske hierzulande sträflich unterschätzt wird.

Der Neustart

Ebenfalls von unseren westlichen Nachbarn und ebenfalls schlechter als erwartet aufgenommen wurde Saul. In einer Post-Katastrophen-Welt will eine Kopfgeldjägerin, Lea, die im ersten Band noch als Trägerin eines lebenden Mantels eine sehr kriegerische Rolle gespielt hat, den entflohenen Saul zurück in die Landeshauptstadt bringen. Sie erhofft sich davon ein hohes Kopfgeld, muss aber zusammen mit ihrem Gefangenen zunächst Verfolgern, dann einem Wassermonster entwischen. Spannende Action von Willem Ritstier mit Zeichnungen von Apri Kusbiantoro. Dieser zeichnet nicht nur ähnlich wie sein Vorbild Don Lawrence, er soll wohl auch eine seiner Serie übernehmen. Wer erst mal nur einen Blick riskieren möchte, sollte sich die Seite 36 ansehen!

Detail ZACK 278 page 25

Die Fortsetzungen

Während in Amoras der verrückte und kriminelle Wissenschaftler Krimson Professor Barabas zwingt, ihn in das Jahr 2047 auf die Insel Amoras zu versetzen, müssen Suske und Jerusalem versuchen, ebendort den Häschern von Krimson zu entfliehen. Sie finden zunächst Unterschlupf in einem aufgegebenen Camp der Skinnies, einer Gruppe, die in Opposition zu den Machthabern stand. Von eingefleischten Fans der Originalserie wurde die Gewalt der Adaption durch Marc Legendre und Charel Cambré bemängelt. Andererseits treffen sie meiner Meinung nach die Essenz der Figuren sehr gut. Für Fans von Serien wie The 100 aber eine gute Umsetzung!

Detail ZACK 278 page 4

Ein beliebtes Science-Fiction Thema ist die Frage der genetischen Manipulation mit dem Ziel, „bessere“ Menschen/Kämpfer/… zu züchten. Auch in Terence Trolley geht es genau darum: ein internationaler Konzern hat es darauf angelegt, Kinder mit Mutationen zu „erzeugen“. Diese sind dem Konzern leider abhandengekommen und nun versucht dieser mit allen Mittel, sein „Eigentum“ zurückzuerlangen. Spannendes Thema von Serge Le Tendre, das im zweiten Teil von Der letzte Link etwas Aufbauarbeit für den Rest der Geschichte leistet. Die modernen Zeichnungen von Patrick Boutin-Cgané tragen zur fast schon nervösen Grundstimmung bei.

Detail ZACK 278 page 43

Schon immer gehörte ein Thriller und/oder Geheimagentenplot in das ZACK: Empire USA 2.4 bedient diese Sparte mit einer blutigen Fehde zwischen zwei post-sowjetischen Clans. Es geht um den Ex-Agenten Jared, der den gewaltsamen Tod seines Freundes aufzuklären versucht. Immer wieder tauchen dabei die gleichen Player auf, so langsam erhellt sich auch das Beziehungsgeflecht zwischen ihnen. In der aktuellen Folge geschrieben von Stephen Desberg erhellt sich das Verhältnis zwischen Daria Pavlova und Marlin Deckard. Alain Mournier darf neben Action-Szenen auch viel nackte Haut präsentieren.

Detail ZACK 278 page 59

Der Abschied

Mit einem Paukenschlag verabschiedet sich Julie Kleinnagel, Das Mädchen von der Weltausstellung, fürs Erste. Obwohl ihr Freund der Vater ihres zukünftigen Bruders sein wird, willigt die Mutter schließlich doch in die geplante Hochzeit ein. Es kommt allerdings zu einer Explosion des Schiffes, während Mutter und Liebhaber an Bord sind und mit dem am nächsten Tag der Kaiser und der Zar zur Weltausstellung hätten fahren sollen. Nun sind Julies hellseherische fähigkeiten gefragt um den Fall aufzuklären. Überraschendes und überzeugendes Finale von 1867 durch Jack Manini, gut umgesetzt durch Étienne Willem. Wir dürfen uns bereits jetzt auf den nächsten Teil freuen.

Detail ZACK 278 page 37

Und sonst?

Parker und Badger sowie Tizombi sind jeweils gleich mit zwei Seiten vertreten. Ihre Abenteuer mit den Nacbar*innen sind nicht immer angenehm, stets aber überraschend! Der Slip bleibt dagegen auf Flachwitzebene. Komplettiert wird das Heft mit dem ZACK-August-Rückblick auf das Jahr 1972 von Michael Klein, einer ausführlichen Würdigung von Adventureman, der „Neuerfindung des Pulp“ und einem weiteren Teil der großartigen Serie von Bernd Hinrichs über Comic-Verfilmungen jenseits der Superhelden.

Wie immer beschert das ZACK ein paar Stunden Fluchtmöglichkeiten aus dem Alltag! Mehr kann man nicht verlangen.

Dazu passen Sondaschule mit „Merkst Du nicht?“und ein „Schirmchen-Getränk“ eurer Wahl.

© der Abbildungen 2022 bei den jeweiligen Autoren und Verlage c/o Blattgold GmbH

ZACK 277

ZACK 277 (Juli 2022)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 92 Seiten | Farbe | 9,00 €
ISSN: 1438-2792

Cover ZACK 277

Viele Comic-Magazine hatten früher spezielle Ferien-Sonderhefte um die Zeit, in der die potenziellen Käufer*innen urlaubsbedingt unterwegs waren, nicht ganz zu verlieren. Die jeweiligen Stories hatten oft einen Urlaubsbezug, die Cover auf jeden Fall. Der Bedarf hat sich ein wenig gewandelt, ein Großteil der regelmäßigen Leser*innen hat eh ein Abo und viele Produkte werden heute international angeboten. Die Sommer-Ausgabe des ZACK wäre für ein solches Projekt auf jeden Fall zu düster, gibt das Titelbild doch schon einen guten Vorgeschmack auf den Inhalt: nicht unbedingt gewaltfreie Konflikte!

Die Neustarts

Terence Trolley kehrt in das Magazin zurück: Er hatte es geschafft, die Kinder mit den speziellen geistigen Kräften den Häscher*innen von Panaklay zu entziehen und zu fliehen. Natürlich ist der Konzern darauf bedacht, seine „Investitionen“, die mutierten Kinder, nicht zu verlieren. Er erlaubt daher den Einsatz aller Mittel. Auch die Verfolgten gehen in ihrem Gegenangriff aber nicht gerade zimperlich zu Werk. Der letzte Link ist eine spannende Geschichte von Serge Le Tendre mit teils sehr unruhigen Zeichnungen von Patrick Boutin-Cgané. Viel Dynamik und teils fast schon Abstraktion.

Detail ZACK 277 page 5

Auch Amoras ist zurück! Suske und Wiske sind durch einen Zeitmaschinenunfall in eine dystopische Zukunft versetzt worden und befinden sich auf der Insel Amoras, auf der auch das erste von hunderten von Abenteuern der beiden spielte. Auf just diesem Eiland befindet sich die Zentrale von Krimson, einem mad scientist der übleren Sorte. Während Suske noch den scheinbaren Tod seiner Partnerin beweinen möchte, werden er und Jerusalem ebenfalls von Krimsons Männern beschossen und müssen erneut flüchten. Die nicht gerade friedfertige Version des Familienklassikers von Marc Legendre und Charel Cambré traf in der Wahl zum/zur ZACK-Held*in des Jahres auf geteilte Meinungen, ist in den Niederlanden aber extrem erfolgreich.

Detail ZACK 277 page 37

Die Fortsetzungen

Manchmal werden Geschichten plötzlich von der Wirklichkeit überholt. In Empire USA 2.4 bekämpfen sich zwei Fraktionen aus dem ehemaligen sowjetischen Geheimdienst bis aufs Blut. Mit ihren teils terroristischen Aktionen nehmen sie ein Wiederaufflammen des Kalten Krieges zwischen Russland und den USA bewusst in Kauf. Mittendrin steht der Ex-Agent Jared Gail, der nach den Mördern seines Freundes sucht. Aber auch der ehemalige russische Sportler Illya Patakarsky steht im Mittelpunkt. Komplexe Mischung aus Who-dunnit und Le Carrè von Stephen Desberg mit actionreichen Zeichnungen von Alain Mournier. Dieser scheint sich mittlerweile etwas einzugrooven.

Detail ZACK 277 page 23

Julie Kleinnagel, Das Mädchen von der Weltausstellung, setzt sich für ihre Freunde ein. Sie versucht, für ihre Rettung des Kaisers (in Teil 1) Gegenleistungen einzufordern. Obwohl auf den ersten Blick erfolgreich, wird ihr doch von Baron Hausmann eine Rechnung präsentiert, die sie nicht zu zahlen bereit ist. Das Thema der versuchten Vergewaltigung wird von Jack Manini gut präsentiert. Diese Verquickungen von humoriger Story und ernsthaften Themen macht einen großen Reiz in allen seinen Stories aus! Étienne Willem bildet diese Dualität in seinen Zeichnungen ab: 1867 ist eine lustige Geschichte, die Figuren sprechen Bände. Immer wieder aber kommt unvermittelt die harte Realität ins Spiel und das Lachen fängt an zu gefrieren.

Detail ZACK 277 page 74

Die Abschiede

In Luthon-Höge muss Inspektor Seller feststellen, dass nicht alle Bewohner*innen daran interessiert sind, einen lange zurückliegenden Unfall aufzuklären. Akten verschwinden, Honoratioren mischen sich ein und Drohungen werden rausgebrüllt. Teils bitter-böse Satire von Willem Ritstier mit modernen Zeichnungen von Michiel Offermann, die nicht dem Standard entsprechen. Obwohl Weder Fleisch noch Fisch als Episode beendet ist, wird der Handlungsbogen weitergehen!

Detail ZACK 277 page 48

Von Bob Morane gibt es eine ganze Reihe verschiedener Interpretationen. Ursprünglich von Henri Vernes als Romanheld angelegt, fanden viele Bücher eine grafische Umsetzung.  Mit den 100 Dämonen des Gelben Schatten haben Christophe Bec und Corbeyran einen eigenständigen Plot vorgelegt: modern, aber im klassischen verhaftet. Obwohl spannend und als Mischung zwischen Thriller, Agentenstory und Science-Fiction angelegt, kann die Geschichte nicht ganz überzeugen. Für mich sind die Anklänge an den Kalten Krieg und eine Rambo-Geisteshaltung zu stark, um wirklich zu überzeugen. Ein Hinweis auf Ho Chi Minh ist überflüssig, die Schrecken des Krieges auch ohnehin schon genug. Nun ja, neben der Story sind auch die Zeichnungen von Paulo Grella routiniert. Nicht schlecht, der Funke springt aber nicht komplett über.

Detail ZACK 277 page 57

Und sonst?

Als „Pausenprogramm“ treten wieder Parker & Badger, Tizombi und der Slip auf. Der Sekundärteil wird neben dem Üblichen von zwei Artikeln getragen: Christian Endres erinnert an den vor Kurzem gestorbenen, großartigen Neal Adams und Bernd Hinrichs bewertet die sehenswerte Ausstellung sowie das zu empfehlende dazugehörige Werk von Alexander Braun über Horror im Comic! Dazu lässt Michael Klein den ZACK-Juli 1972 passieren.

Auch wenn es keine Ferien-Ausgabe gibt, sollte dieses ZACK doch für ein paar Tage gute Unterhaltung bieten können. Durch die Mischung werden verschiedene Sparten bedient, die Qualität ist durchweg hoch und nebenbei hat das ZACK wie immer auch noch einen großen Informationswert!

Dazu passen The Toy Dolls mit ihrem Auftritt beim ARTE – Hellfest 2022 und ein Sommer-Rosé, gerne auch mit Eiswürfel.

© der Abbildungen 2022 bei den jeweiligen Autoren und Verlage c/o Blattgold GmbH

ZACK 276

ZACK 276 (Juni 2022)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 92 Seiten | Farbe | 9,00 €
ISSN: 1438-2792

Cover ZACK 276

Schon wieder ist ein Jahr halb vorbei: die großen europäischen Fußball-Ligen sind durch, die bisher letzte COVID-Welle auch und selbst die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des ersten ZACK sind geschafft. Wirklich? Nein, es kommt (mindestens) noch die ZACK-Lach-Box! Mehr demnächst hier. Zunächst aber die reguläre Ausgabe, deren Aufgabe es ist, die Zeit bis zu den Ferien zu überbrücken!

Die Neustarts

Ein plötzlich hochaktuell gewordener Polit-Thriller kehrt zurück: In Empire USA 2.4 geht es um die Frage, wer den Freund und Partner des Helden, Jared Gail, erschossen hat. Die Ermittlungen haben bisher ergeben, dass sich im Gemisch aus früherem KGB und neuen Oligarchen zwei Fraktionen gebildet haben, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Es könnte sein, dass der ermordete Duanne zwischen die Fronten geraten ist. Niemand konnte ahnen, dass diese Serie einmal so aktuell werden würde! Spannendes Szenario von Stephen Desberg. Den Zeichenstift hat nun Alain Mournier übernommen. Die Bilder sind weniger glatt als zuletzt bei Griffo, die Gesichter etwas schematischer.

ZACK 276 page 23

Ebenfalls wieder dabei sind das kleine Bergdorf Luthon-Höge und seine schrägen Bewohner*innen. Willem Ritstier geht erneut in die Vergangenheit: Ein Unfall mit Folgen scheint unaufgeklärt geblieben zu sein. Als dann auch noch der Metzger im Schaufenster seines Ladens liegt, ist höchste Verwirrung angesagt. Auch Weder Fleisch noch Fisch ist wieder eine bitterböse Satire mit granteligen Zeichnungen von Michiel Offermann für Independent-Fans!

ZACK 276 page 39

Die Fortsetzungen

Während ihr Verehrer die hübsche Wahrsagerin Julie Kleinnagel ins Bett bekommen möchte, denkt sie ans Heiraten. Es steht aber noch ein Konflikt mit ihrer Mutter ins Haus. Das Mädchen von der Weltausstellung vermischt auch in 1867 Politik und Menschliches. Der Freiheitskampf der polnischen Nation, Klassenunterschiede, Innovationen und der Kampf um ein kleines bisschen Glück sind die von Jack Manini virtuos kombinierten Ingredienzien. Étienne Willem setzt das Ganze in einer sehr humorvollen Weise um, die Emotionen überbetont, Spaß macht und altersgruppenübergreifend wirkt. Die Heldin gibt mit ihren Verehrern im Juni das Covergirl.

Detail ZACK 276 page 3

Bob Morane von Henri Vernes ist einer der Klassiker der belgischen Literatur. Auch im Comic war er jahrzehntelang vertreten. Nun haben Christophe Bec und Corbeyran eine neue Geschichte geschrieben, die zwar auf der Figur basiert aber keinen existierenden Roman zur Grundlage hat. Es scheint so, als ob die Legende der 100 Dämonen des Gelben Schatten einen wahren Kern hätte. Wie aber passen die offensichtlich geklonten Ninja-Kämpferinnen in das Bild? Die Helden vermuten, dass jemand den Krieg in Indochina als Deckung benutzt, um viel Schlimmeres anzugehen. Paulo Grella setzt das spannende Szenario im Dunstkreis zwischen Thriller und Science-Fiction in manchen Bildern etwas zu glatt um, in anderen wiederum sehr schön. Geben wir ihm etwas Zeit und einen Folgeband, um zu noch mehr Spitzenleistungen zu gelangen.

ZACK 276 page 47

Die Abschiede

Von Rani müssen wir uns dagegen schon wieder verabschieden. Die zu Unrecht verfolgte Adelige hat sowohl den Transport auf dem Gefangenenschiff nach Indien als auch den Verkauf als Sklavin an das örtliche Bordell überstanden. Dort hat sie sich zur Chefin geputscht und verspricht nun den örtlichen Honoratioren und der Kirche mehr Profit. Ihre Methoden sind dabei fast schon revolutionär. Jean van Hamme und Alcante vermischen in ihrem Szenario Zeit- und Lokalkolorit mit einer Prise Kritik. Dabei haben sie eine patente und toughe Heldin geschaffen, die genregemäß immer wieder in Schwierigkeiten gerät, aber auch immer wieder eigene Lösungen findet.  Klassisch grandios umgesetzte History-Schmonzette von Francis Vallès. Ein spoilernder Ausblick auf weitere Teile im Serienkompass.

ZACK 276 page 61

Normalerweise lesen wir über Familienkriege nur in der Zeitung. Wenn sie sich in der Finanzwelt abspielen, haben sie Auswirkungen auf Börsenkurse und manchmal kommen sogar kriminelle Aspekte hinzu. Pierre Boisserie und Philippe Guillaume beschreiben in Die Bank einen sehr intensiven Krieg zwischen den Geschwistern Saint-Hubert, der mittlerweile die Zweite Generation zu Protagonist*innen gemacht hat. Die Kämpfe werden mit allen Mitteln geführt und zielen auf Leib und Leben aber auch die Ehre, mögliche Kollateralschäden inbegriffen. Sehr schöne Umsetzung durch Malo Kerfrieden, der Stadt und Zeitkolorit Raum gibt, die Geschichte aber dadurch nicht erdrückt!

ZACK 276 page 77

Und sonst?

Der fälschlich angekündigte Johnny Focus wartet mit seinem nächsten Auftritt noch auf die angekündigte Gesamtausgabe. Natürlich gibt es aber wieder einen One-Pager mit Parker & Badger sowie die üblichen Infos und Kolumnen. Christian Endres stellt im ersten längeren Artikel die Gesamtausgabe von Jacques Tardis Klassiker Adeles Abenteuer vor. Der Verfasser dieser Zeilen blickt zurück auf 11 Jahre bahoe books, einen kleinen, aber sehr rührigen Verlag mit Anspruch aus Wien. Last but not least blickt Michael Klein auf den Juni 1972 und die damaligen ZACK-Ausgaben zurück.

Vor fünfzig Jahren hieß es „Jede Woche Spaß, Spannung, Abenteuer!“ Mittlerweile hat sich die Frequenz auf den Monat geändert, der Anspruch ist geblieben. Und er wird mit hoher Regelmäßigkeit qualitativ hochwertig bedient.

Dazu passen das Foolish Ska Jazz Orchestra und eine Rhabarberschorle mit Sprudel oder Secco.

© der Abbildungen 2022 bei den jeweiligen Autoren und Verlage c/o Blattgold GmbH

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