Jean-Michel Charlier präsentiert Band 2
Story: Jean-Michel Charlier
Zeichnungen: Herbert (Geldhof)
Originaltitel: Jean-Michel Charlier présente: Simba Lee 1 & 2
Blattgold Verlag – ZACK Edition
Hardcover | 128 Seiten | Farbe | 39,00 € | ISBN: 978-3-949987-74-8

Während viele der Werke von Jean-Michel Charlier Welterfolge sind und in vielen Sprachen und Editionen in den Regalen stehen (Blueberry, Der rote Korsar, Tanguy & Laverdure, Marc Dacier, …), gibt es doch eine ganze Reihe von Serien, die nicht diese Bekanntheit erlangt haben, trotzdem aber keineswegs reizlos sind. Die Reihe Jean-Michel Charlier präsentiert hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Schätze erneut zu heben und ansprechend zu präsentieren. Das bedeutet zugleich, dass alle Ausgaben ein Dossier haben, das auf die Hintergründe eingeht, zusätzliche Illustrationen präsentiert und Kontext gibt. Auf Deutsch erscheint die Sammlung in der ZACK-Edition.
Im tiefsten Dschungel
Simba Lee ist ein weißer Akteur, der in einer gewissen Tradition steht: Jungle Jim, Tiger Joe und natürlich auch die „Ur-Väter“ Tarzan von E. R. Burroughs und die Figuren von H. R. Haggard standen Pate für den Abenteurer. Er hat gute Kontakte zu den indigenen Stämmen, gleichzeitig aber auch großen Respekt vor den noch unerforschten Gegenden im Herzen Afrikas. Die ursprünglichen Bewohner*innen werden mit europäischen, (post-)kolonialen Augen gesehen. Daher sind einige von ihnen „vor kurzer Zeit noch Kannibalen gewesen“ und Fremden gegenüber misstrauisch und abergläubisch.
Trotzdem werden sie in Safari nach Dialo benötigt. Drei verschiedene Personengruppen möchten Lee, der den verliehenen Vornamen „Simba“ angenommen hat, zu einer Expedition verleiten. Dabei geht es um Fußabdrücke, die an ein urzeitliches Monstrum denken lassen, den Gewinn einer Safari und die Unterstützung einer jungen Frau, die auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater ist. Die Expedition gerät mehrfach in lebensbedrohliche Situationen, erreicht aber schließlich ihr Ziel. Dort klären sich tatsächlich einige offene Fragen, die von der spannenden und verzweigten Geschichte aufgeworfen worden waren.

Auch die zweite Geschichte, Das Karapata-Reservat, bringt eine ähnliche Figurenkonstellation. Wieder ist es eine junge Frau, die von den patriarchalisch argumentierenden Männern ausgeschlossen werden soll, sich aber in das Abenteuer hineindrängt (und auch tatsächlich eine aktive, mitentscheidende Rolle einnimmt)! Hier geht es um Korruption, skrupellose Großwildjäger und den Verlust angestammter Privilegien. Beide Stories sind nicht frei von Vorurteilen und nicht mehr angemessenen Darstellungen, gehen aber thematisch in die richtige Richtung hin zu Gleichberechtigung und Verantwortung.
Ein visuell überzeugendes Afrika
Der Zeichner, mit dem Charlier hier zusammengearbeitet hat, kennt Zentralafrika aus eigener Anschauung, hat er doch mehrere Jahre dort gelebt und gearbeitet. Ohne jetzt die Geschichte der Belgier*innen im Kongo detailliert aufzuarbeiten, darf doch vermutet werden, dass es für Herbert (Geldhof) schwierig gewesen sein muss, sich komplett von den rassistischen und kolonialen Gegebenheiten frei zu machen. Seine Bilder von Afrika und seinen Bewohner*innen sind zwar nicht komplett frei davon, beweisen aber eine genaue Beobachtungsgabe, Detailtreue und Respekt!

Zeitgenössische Kritiker bemängelten teilweise, dass seine Figuren etwas hölzern wirken würden. Tatsächlich wirken die Personen in ganz seltenen Fällen wie „eingeklebt“. Die sehr große Mehrheit der Zeichnungen ist aber zwar zeitgebunden und wirkt daher etwas nostalgisch, gleichzeitig aber vollkommen in Ordnung! Herausstechend sind jedoch definitiv die Panel, die die Natur zum Helden machen!
Empfehlenswerte Dossiers!
Gerade bei etwas älteren Serien vermisst man als heutige*r Leser*in teilweise den Kontext. Ausdrücke und Situationen sind nicht mehr selbstverständlich, Spannungsbögen teilweise nur schwer nachvollziehbar. Das beste Beispiel dafür ist eine Autopanne aus der Zeit, in der es noch keine Mobiltelefone gab, denn die daraus resultierende Gefahr ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Die Dossiers geben eine gut lesbare Einführung in die Hintergründe des belgischen Kolonialismus, die begleitenden Comics in anderen Magazinen und die Marktsituation.

Und auch die beruflichen Veränderungen von Charlier spielen eine Rolle, taucht doch sein Name nur auf einer einzigen Seite während der lange laufenden Vorveröffentlichungen auf. Eine mögliche Erklärung dafür findet sich in dem Text. Dazu kommt eine Vielzahl an Abbildungen, Originalseiten und Fotos. Alle Seiten wurden einheitlich neu koloriert und damit an heutige Standards angepasst. Eine klare Empfehlung für die Fans des klassischen frankobelgischen Abenteuer-Comics, der hier zudem auch noch Frauen aufweist, die sich der typischen Opferrolle entziehen.
Dazu passen „Tonight“ von Social Distortion und ein Kaluha.
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