Ohne ihn hätte es die weltberühmten Comic-Helden Asterix und Obelix nicht gegeben: Nun ist Albert Uderzo im hohen Alter von 92 Jahren gestern Nacht im Kreis seiner Familie an einem Herzinfarkt verstorben.
Gemeinsam mit dem begnadeten Geschichtenerzähler René Goscinny erschuf er das Asterix-Universum, welches seit Generationen für Jung und Alt ein weltweiter gallischer Dauerrenner ist. Sein Motto lautete, dass das Arbeiten in der Comic-Branche jung hält.
Albert Uderzos langjähriger deutscher Verlag Egmont Ehapa Media GmbH zur traurigen Nachricht: „Die Welt hat einen großen Zeichner verloren. Zugleich bleiben wir reich beschenkt zurück mit den einzigartigen Comic-Geschichten aus Gallien. Durch die Abenteuer von Asterix wird Albert Uderzo uns und den Lesern in bunter, humorvoller Erinnerung bleiben. Wir bedanken uns bei ihm für eine vertrauensvolle und außergewöhnliche verlegerische Partnerschaft über ein halbes Jahrhundert und für all seine pointierten Zeichnungen und Geschichten.“
Albert Uderzo wurde am 25. April 1927 geboren. Alles deutete darauf hin, dass er mit seinen Händen Großes vorhatte: Albert Uderzo kam mit sechs Fingern an jeder Hand zur Welt. Seine Eltern beschlossen jedoch diese beiden überzähligen Finger entfernen zu lassen. Als Sechsjähriger Knirps lieferte er schon die ersten, beinahe druckreifen Zeichnungen zu Hause ab. Da erst bemerkte man, dass der Junge farbenblind war. Auch dieses Hindernis konnte ihn nicht stoppen. Mit 14 Jahren engagierte ihn ein Pariser Verlag. Mit 18 zeichnete er bereits seine eigenen Comic-Strips. Das Zeichentalent scheint ihm wirklich in die Wiege gelegt worden zu sein, denn er besuchte zu keiner Zeit eine Kunstakademie. Seinen unverwechselbaren Strich bringt er sich selbst bei und verbessert sich durch permanentes Üben. 1951 schlägt seine große Stunde. Er begegnet Jean Michel Charlier und insbesondere René Goscinny. Mit Charlier entstehen die Abenteuer der beiden tollkühnen Piloten „Tanguy und Laverdure“. Zusammen mit René Goscinny entwickelt er zunächst „Umpah-Pah“. Zwischen den beiden Künstlern bahnt sich eine lebenslange, sehr innige Freundschaft an. Seinen großen Durchbruch feierte er 1961, als die gallischen Abenteuer in Frankreich schon in Form von kompletten Comic-Geschichten in 48-seitigen Alben erscheinen. Der Asterix-Funke zündet und nur wenige Jahre später und begeistert in ganz Europa. Seinen größten Verlust erlebte er 1977: Nach dem plötzlichen Tod seines besten Freundes René Goscinny wollte das Zeichnergenie mit Asterix Schluss machen. Aber seine Fans überzeugten ihn weiterzumachen und so soll es auch jetzt sein: Auch wenn er diese Welt verlassen hat, durch Asterix wird der großartige Künstler in den Herzen der Leser für immer weiterleben.
Diese Graphic Novel könnte so vieles sein: eine
Rachegeschichte, eine Erzählung über die Urgewalten der Natur, über das
Entstehen von Respekt aber auch eine vom rauen Leben in den Bergen. Definitiv
ist sie aber ein Beitrag zur aktuellen Debatte über die Neuansiedlung von Wölfen
in Europa.
Die Story
Gaspard lebt als Schäfer ganz alleine mit seinem Hund in den Bergen. Von Zeit zu Zeit kommt die Post und einmal im Jahr treibt er seine Herde in das Tal wenn der Winter kommt und die Tiere für den Schlachthof verladen werden. Er ist sich selbst genug und lebt im Einklang mit der Natur. Er jagt und versorgt sich selbst und behütet seine Schafe.
Sein natürlicher Gegner ist – neben den Unbillen der Natur –
der Wolf, denn dieser versorgt sich ebenfalls selbst und jagt, allerdings eben
auch die Schafe, die Gaspards Lebensunterhalt dienen. Sie stehen aber auch
unter dem Schutz der Ranger. Eines Tages erlegt Gaspard eine alte Wölfin, ihr
kleiner Welpe überlebt zunächst unbemerkt. Im Laufe der kommenden Zeit bemerkt
Gaspard ihn, will ihn aber noch nicht töten, da er aktuell keine Gefahr
darstellt.
Gaspard hat durchaus Verständnis für seine „Mitbewohner“ der Bergregion; einem Adler überlässt er die Eingeweide eines gerade geschossenen Rehs und auch dem kleinen Welpen helfen diese Gaben groß und stark zu werden bis eines Tages wieder Tiere aus Gaspards Herde getötet werden. Es entwickelt sich ein dramatischer Kampf auf Leben und Tod in den tief verschneiten Bergen und als auch noch ein tagelang wütender Sturm aufzieht, müssen beide um ihr reines Überleben kämpfen. Es kommt zum „Show down“ als sich die beiden Antagonisten verletzt gegenüberstehen.
Die Zeichnungen
Jean-Marc Rochette hat nicht nur ein grandioses Szenario geschrieben, sondern auch überragend illustriert! Seine Berge und Landschaften lassen die Leser*innen die Schönheit der Natur fast riechen, allerdings auch die unpersönliche Gefahr. Ein Fehler und die Felsspalte hat dich verschluckt! In der echten Natur gibt es keine Bambi-Romantik, die dem Kitz hilft, wenn die Ricke nicht mehr da ist. Und genau diese atemberaubende Urgewalt ist in den Bildern zu spüren! Dazu passt dann auch, dass viele Seiten ohne Text auskommen!
Rochette hat Ehrfurcht vor der Natur, den Jägern und den Opfern aber gleichermaßen auch vor dem Mensch, der sie annimmt, um mit der Herde und dem Hund dort draußen zu leben. Er verzichtet auf ein moralisch wertendes Gut-Böse-Schema und er beschreibt, dass es in der Natur keinen Platz gibt für die menschengemachten Freund/Feind-Schemata, sondern nur für eine Schicksalsgemeinschaft, die keinen Herrscher kennt, kein Gewinnstreben und keine Profitmaximierung.
Das Nachwort von Baptiste Morizot weist darauf hin, dass es (auch in Frankreich) immer schwieriger wird, Nachfolger für die in den Ruhestand gehenden Schäfer zu finden, dass die wieder angesiedelten Wölfe weder verklärt werden dürfen noch verteufelt, und dass der spätindustrielle Mensch seine Mitte möglicherweise verloren hat. Alle diese Gedanken finden ihren Ursprung in der vorliegenden Graphic Novel!
Die Empfehlung
Der Wolf gehört für mich zum Besten, was bisher in diesem Jahr erschienen ist! Eine mehrschichtig zu lesende Story, erfreulich entschleunigt in dieser hektischen Zeit, grandiose Zeichnungen in einer sehr stimmigen Hardcoverausgabe! Erfreulich finde ich auch den Mut zu kritischen Fragen, die ohne vorgefertigte mit Sendungsbewusstsein verbreitete Antworten daher kommen und die Leser*innen zum Denken auffordern. Must have gerade in diesen Zeiten, in denen wir uns wieder auf uns besinnen müssen und nicht mehr dem lauten Verdrängen föhnen können.
Dazu passen ein Obstbrand und die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg.
Üblicherweise schließe ich ja mit Aussagen zur Ausgabe, aber
hier muss ich das umdrehen: So sieht eine fast perfekte Gesamtausgabe aus! Originaltöne
der Künstler, Einordnung in die Zeitgeschichte inklusive einiger Anekdoten,
viel zusätzliches Bildmaterial und dann auch noch eine Erklärung zu den der
Geschichte zugrunde liegenden Sagen in einem schön gemachten Hardcover mit
Effektprägung. Vielen Dank! Einzig editorische Notizen über die bisherigen
Veröffentlichungen hätten noch zur 10 gefehlt, so bleibt es bei einer grandiosen
9,9!
Die nordische Sagenwelt bei Walhalla
Nicht erst seit Ragnar Lodbrock und seinen Abenteuern in „Vikings“ sind Wikinger und ihre alten Sagen wieder en vogue. Insbesondere im Norden und Osten Deutschlands waren sie aber nie ganz verschwunden und so gab es bei Carlsen zwischen 1987 und 1991 bereits sechs Bände der 15 im dänischen Original erschienen Abenteuer.
Im Vorwort des ersten Bandes der Gesamtausgabe – jeder Band
wird drei Geschichten beinhalten – erfahren wir, dass sich Henning Kure, Peter Madsen
und Hans Rancke ursprünglich eine Art
dänischen Asterix vorgestellt hatten. Sie sind dann aber umgeschwenkt auf die
Darstellung der nordischen Götter basierend auf den Liedern sowohl der älteren als auch der jüngeren Edda, den wohl bedeutendsten
Sammlungen der skandinavischen Sagenwelt. Während in Deutschland klassische
Sagen etwa um Siegfried zwar noch als Hintergrundgeschichte für TV-Verfilmungen
dienen oder als Wagnersche Inszenierung zur gesellschaftlichen Hochkultur
zählen, sind die Geschichten im hohen Norden noch viel verwurzelter in der Alltagskultur.
Die Edition Roter Drache aus Thüringen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Werke aus den Bereichen Steampunk, Fantasy, Phantastik und Heidentum zu veröffentlichen, allerdings ohne dabei der in Deutschland so oft vorhandenen Konnotation „nordische Mythen“ gleich „rechts“ zu folgen. Die Gesamtausgabe der dänischen Comics erfolgt dadurch aber in einem spannenden Umfeld und der Verlag hofft sicherlich auch darauf, dass die Comicleser*innen einen Blick auf die Bücher werfen und die klassischen Leser*innen an den Comics nicht vorbeigehen werden.
Die Comics
Odin, Thor und Loki dürften auch in Deutschland den meisten
Leser*innen grundsätzlich bekannt sein. Was aber ist mit dem Rest der
Götterfamilie, den Riesen und den Orten Asgard, Midgard oder Utgard? Wer weiß
noch, wer die Seelen der im Kampf gefallenen Krieger nach Walhall bringt? Zur
Beantwortung all dieser Fragen dient Odins
Reise oder das versäumte Vorwort, das hier ebenfalls abgedruckt worden ist.
In sehr kompakter Weise wird hier grafisch der Grund für die weiteren
Geschichten gelegt.
In Der Wolf ist los wird die Mythe vom Fenriswolf erzählt. Der Fenriswolf wurde größer und größer, stellte somit eine Gefahr für die Asen, die nordischen Götter, dar und musste in Schach gehalten werden. Natürlich wird diese Mythe in der Comicform etwas ausgeschmückt, folgt aber grundsätzlich wie auch alle folgenden Geschichten dem Original wie es in einer der Eddas erzählt wird. Um die Geschichten näher an die Welt der potentiellen Leser*innen zu bringen und sie kindgerechter erzählen zu können, werden zwei neue Hauptpersonen hinzugeschrieben, die Kinder Tjalfi und seine kleine Schwester Röskva. Der kleine, menschliche Junge wird von Loki verleitet, Blödsinn zu machen und muss daher als Strafe Thor dienen. Auch seine schlaue, aufgeweckte Schwester darf mitkommen und fortan begleiten sie Thor. Obwohl die beiden ein sehr kindliches Element in die Story bringen, schadet das der Erzählung nicht, lockert im Gegensatz sogar auf und verhindert einen „Geschichtsunterricht“.
Thors Brautfahrt
bringt die Leser*innen in das Land der Riesen. Thrym hat Thors Hammer gestohlen
und verlangt als Preis für die Rückgabe eine Hochzeit mit Freya. Diese ist
allerdings keineswegs darauf erpicht zu heiraten und schon gar nicht diesen
Riesen. Der einzige Ausweg scheint eine Reise der als Frauen verkleideten
Götter Thor und Loki zu sein. Verwechslungsspaß mit Männern in Frauenrollen ist
deutlich älter als Tootsie oder Mrs. Doubtfire!
Die letzte Geschichte des ersten Bandes zeigt, dass die
nordischen Götter menschlichen Schwächen nicht abgeneigt waren. In Odins Wette lässt sich das Oberhaupt
auf einen Wettstreit ein und behauptet, bessere Krieger für Walhall finden zu
können als die eigentlich zuständigen Nornen. Während seiner Abwesenheit
übernehmen seine chaotischen Brüder die Herrschaft.
Die Zeichnungen
Der erste Band wurde erstmals 1979 veröffentlicht und Peter Madsen hat für die damalige Zeit recht innovativ gezeichnet. Alle Figuren sind etwas überzeichnet und leicht karikiert, Bewegungen wirken eher wie ein Trickfilm im Standbild und der Hintergrund ist manchmal sehr farbig, meistens aber vor allem einfach. Trotzdem ist die Kolorierung von Soeren Hakansson stimmig.
Das ändert sich im Laufe der weiteren Veröffentlichungen
deutlich und sehr schnell: die Figuren werden in ihren Proportionen besser, die
Hintergründe detaillierter und die Seitenaufteilung variabler. Spätestens ab
dem dritten Band merkt man, dass er sich mit seinen Figuren und Settings wohl
fühlt.
Seine Schwarzweiß-Zeichnungen und Illustrationen zeigen viel mehr von seinem Können: Düster und ausdrucksstark fängt er die Unwirtlichkeit der Landschaft und die Distanz von Göttern zu Menschen ein. Und das schließt den Kreis zu den einleitenden Worten, denn der Abdruck so vieler zusätzlicher Illustrationen ist nicht unbedingt üblich! Als Bonus gibt es sogar noch eine Geschichte mit dem eingangs erwähnten Ragnar!
Empfehlung für alle, die sich nicht nur für die eingefahrenen Pfade des frankobelgischen Comics interessieren und ein Stück skandinavische Kulturgeschichte zu schätzen wissen. Ab dem dritten Band werden es im Übrigen deutsche Erstveröffentlichungen sein!
Dazu passen Björk
und ein Spionen IPA aus Dänemark!
Ihr sitzt wegen Corona zuhause und wisst nicht, was ihr tun
sollt? Das Comic! Jahrbuch 2020
bietet genügend Lesestoff auf 272 Seiten!
Kurz zum Hintergrund: Der Interessenverband
Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V. ICOM existiert bereits
seit 1981 und bemüht sich darum, Zeichner*innen und Autor*innen ein Forum für
Meinungs- und Informationsaustausch zu bieten um dadurch ihre berufliche
Situation zu verbessern. Der ICOM ist anerkannter Berufsfachverband und bietet
für seine Mitglieder nicht nur Infos, sondern auch konkrete Beratung und Hilfestellung. Das
Jahrbuch ist also auch als Werbung zu verstehen für den Verband, vor allem aber
auch für seine Mitglieder und hat daher einen extrem niedrigen Verkaufspreis!
Die Becker/König/Crumb-Kontroverse
War das letzte Jahrbuch noch von der Diskussion um die Juryzusammensetzung für den 25. ICOM Independent Comic-Preis geprägt, bewegt dieses Jahr eine andere Auseinandersetzung die Gemüter: Franziska Becker, langjährige Karikaturistin und EMMA-Zeichnerin, wird vorgeworfen, Islamophob zu sein indem sie muslimische Frauen mit Kopftuch verunglimpfe, Ralf König soll auf seinem Wandbild für das Brüsseler Rainbow-Haus transphobe und rassistische Vorurteile transportiert haben und auf internationaler Bühne wird Robert Crumb gewaltverherrlichender Sexismus und Rassismus vorgeworfen. Ein großer Teil dieses Jahrbuchs versucht mit Artikeln und Interviews Sachlichkeit in der Diskussion zu ermöglichen und fragt, ob sich Bewertungsmaßstäbe ändern können oder müssen!
Den Hintergrund bildet immer wieder die Frage, was Satire
darf oder sogar muss, ob Grenzen des guten Geschmackes auch Grenzen der Moral
sind und wo Überspitzung zu Hate Speech wird. Ist es noch ein Stilmittel, wenn
große Lippen zur Kennzeichnung von People of Colour gezeichnet werden? Wie groß
ist der Unterschied zu einer Hakennase oder anderen antisemitischen Klischees? Wenn
ich religiösen Fanatismus kritisieren möchte, muss ich dann immer mindestens drei
Religionen gleichzeitig kritisieren oder kann ich mich in der Auswahl
beschränken? Und darf ich dann immer wieder die gleiche einschränkende Auswahl
treffen? Schwierige Fragen, die auf Stammtisch-Niveau nicht zu beantworten sind!
Der Ansatz, sachliche Informationen aus erster Hand durch Interviews und
verschiedenste Artikel zu bieten, ist dabei meiner Ansicht nach als sehr
positiv zu bezeichnen!
Das Jahrbuch bietet auf mehr als 50 (Din A-4) Seiten O-Töne
von Crumb und König sowie viel Hintergrundinfo und Zusammenfassungen der Kritik!
Die deutsche Comicszene
Was wäre das Jahrbuch des ICOM ohne eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung des deutschen Marktes… Würdigungen des Münchner Comicfestes und der „Cons“ machen den Anfang der thematischen Artikel; Berichte über I. Astalos und seine Beiträge für das deutsche MAD und ein Bericht zum 50. Geburtstag der U-Comix folgen. Es geht aber auch um ein neues Magazin über SF-Comics und eine Internetplattform verschiedenster Künstler*innen namens Toonsup. Leider auch ein Thema sind Nachrufe.
Im Bereich Atelier werden fünf Kreative etwas ausführlicher
vorgestellt, viele andere dagegen mit einer Aktualisierung der Werkschau!
Unverzichtbar für alle, die einen Überblick über die deutsche Independentszene
gewinnen oder behalten wollen!
Niederlande, USA und andere Länder
Alles andere als provinziell zu sein war schon immer der Anspruch
des ICOM! Die Berichte über andere Länder sind aber dreifach anders als normal:
Neben Berichten aus Frankreich und den USA gibt es auch noch die Niederlande,
Italien und Japan; die Betrachtungen konzentrieren sich auf Entwicklungen der Independents
und sie sind ebenfalls nicht nur reich bebildert, sondern auch sehr persönlich verfasst!
Lesenswert sind sie alle, als Anlesetipp möchte ich die Geschichte der StripSchrift
nennen. Dazu kommt noch mein Favorit in dieser Rubrik: historische Vorbilder
für Comiczeichnungen. Vor allem die Ähnlichkeiten zu Märklin-Katalogen sind verblüffend!
Die Preisträger*innen
Eine vierköpfige Jury hat die Aufgabe übernommen, den ICOM Independent Comic-Preis 2019 für Eigenproduktionen zu bestimmen. Für 2020 sind weitere Veränderungen geplant. Wie immer sind im Jahrbuch die Preisträger*innen mit Begründung und Leseproben versammelt und schon das sollte ein Grund für das Kaufen und Lesen dieses Jahrbuches sein!
Als Bester Independent-Comic wurde im Juni 2019 „Don’t touch it!“ von Timo Grubing, erschienen bei Zwerchfell ausgezeichnet. Horror bleibt preiswürdig! Der Verlag konnte noch zwei weitere Preise abräumen, unter anderem für die beste Newcomerin Natalie Ostermaier, die sich in Kramer mit Religion und Hexenverfolgung auseinandersetzt. Alle Preisträger*innen gibt es hier.
Der Sonderpreis für Guido Weißhahn soll noch kurz Erwähnung finden: Guido baut seit Jahren an einem Archiv für in der DDR erschienene Comics oder besser Bildgeschichten und leistet einen großen Beitrag zur Aufarbeitung und Bewahrung dieses Teils der deutschen Comic-Geschichte!
Das Fazit
Auch wenn der Trickfilm dieses Jahr etwas kurz gekommen ist, bleibt das ICOM Comic!-Jahrbuch unverzichtbares Rüstzeug für alle, die auch jenseits des Mainstreams nach guten Comics suchen, über die Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben wollen und bereit sind, über das Gelesene vielleicht auch noch mal zu reflektieren! Diskussionen sind schmerzhaft und das Ändern liebgewonnener Gewohnheiten weder von vornherein richtig noch falsch. Die Diskussion darüber ist aber notwendig.
Dazu passen neben einem kühlen Kopf und Wasser für die
diskursiven Teile und ein Ipanema für die anderen sowie Musik von Blaggers ITA!
Story: Frances Andreasen Oesterfelt, Anja C. Andersen Zeichnungen: Anna Blaszczyk
Originaltitel: Marie Curie – Et lys i moerket
Knesebeck Verlag
Hardcover | 136 Seiten | Farbe | 22,00 € |
ISBN: 978-3-95728-366-5
Die Person
Marie
Curie war so vieles: ein aufgewecktes Mädchen im russisch besetzten
Warschau, die jüngere Schwester, die der anderen den Vortritt lassen musste,
die Gouvernante, die sich unschicklich verliebte…
Sie war aber auch die erste Professorin an der Sorbonne, die erste Frau, die den Nobelpreis gewann, der erste Preisträger, der mit diesem Preis in zwei unterschiedlichen Kategorien ausgezeichnet wurde, und vor allem eine wissbegierige, die niemals aufgab.
Ihr verdanken wir die Isolation von Radium und anderen
radioaktiven Elementen wie etwa Polonium sowie die anfängliche Beschreibung
ihrer Fähigkeiten und sie hat unzählbar oft Frauen ermutigt, eine Karriere in
Wissenschaft und Lehre anzustreben und sich nicht von den äußeren Umständen
behindern zu lassen.
Kein Wunder also, dass der Knesebeck-Verlag
in seiner Graphic Novel-Reihe auch dieser Frau einen Titel widmet. Hier steht
sie neben anderen Wissenschaftstiteln und Biographien perfekt und leidet auch
nicht unter dem Makel, „nur“ eine Bildgeschichte zu sein, ist der Knesebeck-Verlag doch ein renommierter.
Die Ausgabe
Drei Frauen haben sich zusammengetan um dieses Werk auf die Beine zu stellen. Oesterfelt ist eine Expertin für Marie Curie, Andersen eine bereits ausgezeichnete Sachbuchautorin. Zusammen haben sie den Text verfasst, der durch alle Abschnitte des Lebens der Polin führt. Es ist immer ein schwieriger Grad zwischen zu viel und zu wenig Text. Gerade bei den wissenschaftlichen Themen hätte ich mir ein wenig mehr erhofft, zum Beispiel im Unterschied ihrer Arbeit zu der von Becquerel. Es ist den beiden aber gelungen, eine spannende Geschichte aufzubauen, die einerseits sehr persönliche Momente beinhaltet, anderseits auf die Heldinnen-Aspekte zielt. Die Verwendung von wörtlicher Rede, erläuterndem Text und in der Handlung entstandenem Text wie etwa Notizen oder Briefe ist dabei abwechslungsreich und angenehm.
Die Zeichnungen von Anna
Blaszczyk sind dagegen gewöhnungsbedürftig. Es handelt sich um
expressionistische Illustrationen, die es zumindest mir etwas erschwert haben,
einen Zugang zu dieser Graphic Novel zu finden. Mit der Zeit gewöhnt man sich
aber daran und erkennt die Stimmigkeit und Passgenauigkeit in Bezug auf
Emotionen und äußere Umstände. Sie folgen weder dem klassischen
Comic-Mainstream noch den Strichfiguren aus (viel zu vielen) Graphic Novels, die
manchmal genial reduziert sind, oft aber auch einfach nur nicht ausgearbeitet.
Nein, die polnische Künstlerin hat ihren eigenen Stil und passt dadurch auch
optisch zu der manchmal sperrigen, immer aber „anders seienden“ Heldin.
Das Fazit
Wer einen reinen Sachcomic über Physik und Chemie erwartet ist hier falsch, diese Inhalte werden nur angerissen und müssen anderweitig vertieft werden. Ebenfalls nicht zufrieden dürften diejenigen sein, die einen leichten Lesegenuss für kurz vor dem Einschlafen suchen, denn dafür fordern die eigenwilligen Illustrationen zu viel! Wer sich dagegen auf eine Reise durch das Leben der großen Wissenschaftlerin und ihre persönlichen Krisen einlassen möchte, bereit ist, graphische Herausforderungen zu bestehen, und nebenbei auch noch Diskussionen starten möchte indem das Buch auf dem Tisch liegenbleibt, wenn Besuch kommt, ist hier richtig und sollte unbedingt zuschlagen.
Dazu passen ein halbtrockener Rotwein und Ella Fitzgerald!
Der Junge, der schneller zieht als sein Schatten ist zurück. Wie seit einigen Jahren üblich wechseln sich in der deutschen Lucky-Luke-Reihe die Abenteuer des Cowboys und von Lucky Kid ab. Die aktuelle Sammlung beinhaltet hauptsächlich One-Pager aus dem Leben der zukünftigen wildwest-Legende und einen Freunden Hurricane Lisette, Kleiner Kaktus oder Dopey. Auch Jolly Jumper ist bereits mit von der Partie.
Die Geschichten sind für ein jugendliches Publikum
geschrieben und daher harmlos. Im Gegensatz etwa zu dem kleinen Spirou haben
sie keine schlüpfrigen Anspielungen auf die spätere Sexualität der Erwachsenen,
leben aber ebenso von dem Widerspruch der von Kindern erlebten Erwachsenenwelt
und bieten daher genügend Fläche für witzige Erzählungen etwa über spätere
Schurken oder alkoholische Getränke.
Immer ist aber die schon bei Morris vorhandene und von Achdé weitergeführte Moralität der Geschichten zu bemerken: Es geht nicht um die Einhaltung der Gesetze, sondern um die dahinterstehende Gerechtigkeit! Das Recht der Indianer wird zwar tatsächlich mit Füssen getreten, in der kindlichen Vorstellung muss man aber trotzdem etwas tun und der konservative, Mauern bauende Rassist wird von einem kleinen Präriehund ad absurdum geführt. Diese Grundhaltung tritt nicht nur im Inhalt zu Tage sondern auch in der Bildsprache.
Achdé weiß
natürlich sehr genau, welche Gesichtsausdrücke erwartet werden und wie ein traditioneller
an Morris aufbauender Lucky Luke Comic
aussehen muss. Das gelingt ihm aber mit einem für Leser*innen sichtbaren
Vergnügen und begeistert daher auch hier erneut.
Dazu kommen verschieden wiederkehrende Szenarien; das meiner Ansicht nach am besten gelungene bringt Voraussagen oder Wunscherfüllungen des Medizinmannes: anarchistischer Humor wie bei Pippi Langstrumpf trifft auf skurrilen Humor a la Paddington!
In Frankreich gibt es mittlerweile drei Serien um den
berühmten Cowboy: die originalen Geschichten von Morris, die „neuen“ Geschichten nach Morris und die Jugendabenteuer. Da hier in Deutschland sowieso
keine chronologische Veröffentlichungspraxis durchgezogen worden war,
ermöglicht die Kombination in einer Reihe eine Generation übergreifende Ausgabe
die die einen verführt, auch die harmloseren Geschichten zu sammeln, und die
anderen, den Blick auf die erwachsene Seite zu werfen.
Vor allem in Hinblick auf die eröffnende längere Geschichte nicht
nur für Komplettisten ein guter Kauf!
Dazu passen ein Kaffee und das erste Album von Kim Wilde gleichen Namens.
Um seine Jugend in der DDR verbracht zu haben muss man ein Geburtsjahr haben, das spätestens aus den 70-er Jahren kommt. Für viele heute Graphic Novels lesende Menschen also weit vor dem eigenen Geburtsdatum. Die Geschichte erfordert also das Eintauchen in eine fremde, zumindest aber vergangene Zeit mit komischen Klamotten, Redewendungen und Modethemen, richtig? Naja, hier geht es nicht um eine Netflix-taugliche, hippe Verfilmung, sondern um Erinnerungen eines jungen Mädchens an die eigene Kindheit, erzählt auf einer sehr sympathischen und freundlichen Basis obwohl einem beim Lesen manchmal das Lachen etwas stecken bleibt…
Die Geschichte von Claudia
Rusch beginnt an der Ostsee. Diese ist weder von menschenfressenden Ungeheuern
bevölkert noch besonders stürmisch und doch sind viele Flüchtlinge aus dem
damals „ummauerten“ Teil Deutschlands in ihr ertrunken und so empfindet auch
die kleine Heldin sowohl eine grenzenlose Angst vor dem Wasser als auch den
unbedingten Wunsch, einmal die Ostsee mit dem Malmö-Express zu überqueren. Thomas Henseler und Susanne Buddenberg, die sich schon mehrfach dem Thema DDR gewidmet
haben, gelingt es in dem ganzen Buch, Claudia
sympathisch darzustellen, ihre (Kinder-)Sorgen darzustellen und die damalige Situation
darzustellen ohne dabei in Klischees abzurutschen. So benutzen sie in dieser Szene
etwa angedeutete Tierfallen im Wasser der Ostsee.
Der Staat
Das kleine Mädchen hat auch Eltern. Während der biologische Vater nach der Scheidung keine allzu große Rolle mehr spielt (mal abgesehen von dem einen wichtigen Auftritt in Uniform), gehört ihre Mutter zum Kreis um die Dissidenten Havemann und ist daher ein Objekt für die Überwachung durch die StaSi. Ganz nebenbei wird hier ein Problem dargestellt, dass viele Beziehungen nachträglich unter ein unerträgliches Licht gestellt hat, denn die Bespitzelung machte weder um die Liebe noch die Familie einen Bogen …
Die Überwachung wurde aber auch öffentlich vollzogen und die
„grauen Herren“ warteten auch in Wagen vor der Haustür oder folgten den
Überwachten mehr oder weniger unauffällig und so ist eine meiner
Lieblingsszenen der Marsch der kleinen Claudia durch den dunklen Wald um die
Oma vom Bus abzuholen. Aus Furcht singt sie lauthals Parteilieder, was
einerseits die ihr im Verborgenen folgenden Mutter verärgert, andererseits die der
Mutter folgende StaSi verwirrt, kann es sich doch nur um Provokation oder
Täuschung handeln – an Absurdität nicht mehr zu überbietender Slapstick vom
Feinsten!
Die Graphic Novel
Eine andere grandiose Stelle beschreibt die Fähigkeit, mit
den Gefühlen der Leser*innen zu spielen. In einem überfüllten Bus nimmt das
kleine Mädchen auf dem Schoß eines älteren Herren Platz und die Dramatik der
Bildfolge, ihrer sich verlangsamenden Geschwindigkeit und der wechselnden
Frontalen der Gesichter des Herren, der Mutter und des Kindes lassen kein
Missverständnis aufkommen: Hier wird etwas geschehen! Tut es auch, allerdings
anders als heutzutage erwartet!
Das autobiographische Buch von Claudia Rusch war ein kleiner Bestseller, allerdings kein Mainstream, denn die Heldin wollte natürlich ein Ende der DDR aber keinen Anschluss, sondern die Möglichkeit auf eine eigenständige Entwicklung. Henseler und Buddenberg gelingt es kongenial, die Stimmungen der Heldin und ihrer Umgebung einzufangen und wiederzugeben, die Emotionen des Kindes (Kakerlaken!), der jugendlichen und auch der jungen Erwachsenen glaubhaft darzustellen und vor allem aber die DDR-Situation als bedrückend, feindlich und unerwünscht zu beschreiben ohne in eine „Verteufelung“ zu verfallen, die gerade Westler*innen so gerne präsentiert haben.
Insgesamt also eine brillante, unbedingt zu empfehlende
Graphic Novel aus der jüngeren Deutschen Geschichte die ein differenziertes Bild
auf die DDR wirft und dabei nichts verschweigt, die eine Jugend aus der
unschuldigen Perspektive des Kindes zeigt, die erwachsene Wertung des Ganzen
aber nicht unterschlägt und nebenbei auch noch wirklich gut gezeichnet ist! Gerade
auch für „Wessies“ könnte die Lektüre die eine oder andere Erinnerung
hervorholen und in einem neuen Licht erscheinen lassen: Während die „Schwerter
zu Pflugscharen-Kampagne“ hier aus Ost-Sicht für westliche Infiltration gehalten
wird, war sie im Westen ein Sinnbild für ostdeutsche Propaganda…
Für mich auf der Auswahlliste für die Graphic Novel des Jahres!
Dazu passen ein Radeberger und (passend zu ihrem 65.
Geburtstag) Nina Hagen und ihre Entwicklung
vom „Farbfilm“ zum „TV“.
Western-Comics bilden
mittlerweile einen kleinen Schwerpunkt im Programm von Schreiber & Leser. Neben satirischen Aspekten und brutalen
Darstellungen erlauben die Kurzgeschichten von Serpieri einen Rückblick auf die Zeit nach den Goldenen Zeiten.
Der Inhalt
Der Westen ist schon
nicht mehr frei von Regeln der Weißen, es gelten aber immer noch Ehre und
Respekt, Freundschaft und die Verpflichtung zur Begleichung alter Schulden. Nie
könnte man sich einen John Wayne als
Helden in einer Serpieri-Verfilmung vorstellen,
höchstens als einen der vielen verblendeten Weißen, die alles kaputt machen
wollen. Vorhang auf für eine Runde Wehmut:
Die Bestie ist schon ein klasse Opener: Einerseits fällt sie etwas aus dem Rahmen, da hier schon ein paar Science-Fiction Elemente zum Tragen kommen, die Serpieris späteres Werk geprägt haben, andererseits passt sie aber auch noch in die indianische Phantastik. Materieller Reichtum ist ein Konzept, dass erst der weiße Mann nach Amerika gebracht hat. Diese Geschichte ist übrigens farbig abgedruckt!
Spuren führen einen Revolverhelden zurück auf eine Reise durch seine
Vergangenheit. Nicht immer möchte man alle Entscheidungen seines Lebens erneut
präsentiert bekommen.
Auch die Flussfahrer erzählt von den Regeln der Indianer und der Natur gleichermaßen. Während dem Vermesser erklärt wird, dass man den Missouri nicht vermessen sondern nur leben könne, geht es gleichzeitig um die Begleichung einer alten Ehrenschuld.
Es ist aber nicht nur
so, dass die neu hinzugekommenen die alten Regeln nicht verstehen; die
alteingesessenen haben auch keine Idee ob der neuen Regeln! Und so wird Wolfsschwanz
wie in einer klassischen Tragödie zu einem Banditen ohne den Hauch einer Chance.
Noch einmal kommt die
Phantastik zu ihrem Recht: Takuat hat Ahnungen, kennt sogar das Land
hinter dem der Lebenden und hat doch keine Chance auf Erlösung. Wie so oft wird
hier das Verständnis der Autoren für die Lebens- und Geisteswelt der Indianer
deutlich. Mit großem Respekt und ohne Voreingenommenheit wird ihre Sicht der
Dinge geschildert und das alleine reicht schon um einen deutlichen Kontrapunkt
zu den klassischen Western zu setzen, die den Weißen Mann, seine Vorstellungen
und seine grundlose, brutale Eroberungspolitik als Maß der Dinge beschreiben.
In Roter Bruder wird deutlich, dass die Welten der Eroberer und der Ureinwohner sich viel häufiger vermischt haben als es heute so scheint. Die Schwierigkeit dabei ist es, Regeln (der anderen) zu verstehen und mit den folgen zu leben. Manchmal erfordert das große Opfer, manchmal bringt das Unverständnis großes Leid.
Der Biberbau ist dagegen fast schon klassisch: eine gewitzte Idee wird zur
endgültigen Falle. Das Bison ist dagegen eine Liebeserklärung an die
Gewalten der Natur und ihren Lauf und ein Plädoyer für ein Leben im Einklang
mit der Natur. In der Wassergeist kommt die Fantastik wieder zu ihrem
Recht. Leider ist das „Und wenn sie nicht gestorben sind“ im Wilden Westen eher
unwahrscheinlich.
Serpieri kann aber auch genretypische Stories schreiben und so beschließt mit einer Geschichte aus dem Wilden Westen eine Auseinandersetzung um eine Frau mit einer Postkutsche, einem Überfall, einem alten Revolverhelden und einer Menge Tragik den Reigen.
Die Zeichnungen
Serpieri zeichnete die
Geschichten vor fast einem halben Jahrhundert. Computer und Zeichentabletts
waren noch Zukunftsmusik und Comicproduktion noch „Handarbeit“. Viele
Hilfslinien in Blau waren später in der Repro nicht mehr zu sehen, Texte wurden
separat erstellt und aufgeklebt. Insofern ist vor allem die Arbeit zu loben,
die in die Edition dieser Seiten gesteckt worden ist! Der Veröffentlichung
sieht man keine Retusche an!
Die Zeichnungen selbst sind dankenswerter Weise im Original und größtenteils ohne Kolorierung abgedruckt. Einerseits passt das zum Sujet, andererseits ermöglicht das auch gerade die Würdigung der Arbeit des Künstlers, da keine Farbe nachträglich Schwächen überdecken kann. Jeder Strich, jede Falte, jedes Haar muss sitzen! Egal, ob in Großaufnahme der weiten Landschaft oder im Portrait, Serpieri beherrscht sein Handwerk und sollte in keiner Sammlung fehlen!
Der dritte Band ist meiner Meinung nach sogar der Beste der Reihe! Für alle, denen das Konzept der Herrenrasse auf den Keks geht, die bereit sind, andere Blickwinkel einzunehmen (und ein wenig Esoterik dabei ertragen können) und für die, die unter dem Konzept von Ehre und Verantwortung keine Blutrache, sondern Selbstverpflichtung erwarten. Und natürlich für alle, die einfach gute Westerngeschichten lieben! Mehr dazu auch am Gratis Comic Tag!
Die Aufmachung als
solche ist grundsolide mit schönem Vorsatz, guter Bindung und edler Aufmachung
des Hardcover. Zu der Frage der bibliographischen Informationen wurde bereits
alles gesagt.
Dazu passen Bullet Old
Frontier Whiskey und Bruce Springsteen
„Western Stars“.
Schon im Editorial verkündet Georg F. W. Tempel die erste Überraschung: (Der neue) Michel Vaillant hat es nach langer Pause mal wieder geschafft, die Spitze im Ranking der beliebtesten Serien zu übernehmen. Die klassischen Vaillant-Stories haben sich dabei zusätzlich noch auf Platz 4 schieben können. Gefreut haben mich ebenfalls die guten Platzierungen von der Bank und Harmony!
Der Neustart
Schon seit längerem im Forum und auch hier angekündigt, nun ist es endlich soweit: Die Mai-Morde haben ihren ersten Auftritt. Eric Heuvel ist in Deutschland alles andere als unbekannt, liegen doch sowohl seine „educational-Comics“, oft in Zusammenarbeit mit dem Anne-Frank-Haus entstanden, als auch seine rein fiktionalen Geschichten etwa um January Jones oder die autobegeisterte Baronin Carbeau auf Deutsch vor. Jacques Post hat bereits 1984 einen Roman über eine Kriminalgeschichte mit dem Hintergrund der parlamentarischen Untersuchungskommission zur Vorgänge während der Besatzung Rotterdams durch die Deutschen geschrieben und später zu einem Szenario umgearbeitet. Der Comic im Stil der ligne claire springt zwischen Anfang der 40-er und Ende der 40-er hin und her und schildert die Ermittlungen hinsichtlich der Morde im Mai. Mehr zu dem in den Niederlanden als Comic des Jahres nominierten Original hier, aber Achtung, Spoiler! Mit dem Abdruck ist dem ZACK ein echter Coup gelungen!
Die Fortsetzungen
Stephan Desberg‘sEmpire USA zeigt die Verwicklung zwischen russischen Oligarchen und der alten politischen Nomenklatura sowie die benötigte Skrupellosigkeit, die erforderlich zum Mitspielen ist. Routinierter Spionageplot in modernem Gewand, angemessen von Alain Queireix umgesetzt.
In Rani, dem History-Drama aus der Feder von Altmeister Jean van Hamme und Alcante muss die Heldin erfahren, dass niedere Herkunft und weibliches Geschlecht eine sehr schlechte Mischung sind. Nach dem Tod ihres Vaters versucht der geld- und machtgeile Bruder sofort, seine Schwester an einen alten Lüstling zu verkaufen und das Erbe für sich zu behalten. Schöne Landschaftsbilder während eines Ausrittes zeigen, dass Francis Vallés auch dieses Sujet beherrscht! Sehr gute Unterhaltung auf hohem Niveau.
Rick Master muss gleich mit mehreren Schwierigkeiten kämpfen: Einerseits ist er unter seinen Kollegen nicht gut angesehen, andererseits wird er auch in der Kaserne mit einem mutmaßlichen Verbrechen konfrontiert; nur leider ist das Opfer unauffindbar. Und dann ist da ja auch noch Nadine, die ihren Geliebten vermisst. Moderner Krimi mit eingestreuter Gesellschaftskritik von Simon Van Liemt und Zidrou. Ein weiteres Bespiel für eine sehr gelungene Modernisierung eines alten ZACK-Klassikers aus den 50-er und 60-er Jahren.
Dazu kommen natürlich neue Episoden von Parker & Badger und Tizombi. Bei letzterer Serie bin ich übrigens ausdrücklich anderer Meinung als die meisten Leser*innen; sie ist mit ihrem schwarzen Humor eine echte Bereicherung des ZACK.
Die Artikel beleuchten die neue Geschäftsführung der schweizerischen Edition Moderne und geben einen Überblick in die Gedanken des Zeichners der neuen Blade-Runner-Comics.
Der Abschied
Nun ist es leider soweit, der erste Teil von Giant ist veröffentlicht und die geniale Serie von Mikaël damit zunächst beendet. Der Ire kann auch im letzten Teil nicht davon ablassen, anderen zu helfen, doch dieses Mal ist es anders, denn er legt sich mit einem Mobster an. Glücklicherweise enthält die letzte Seite den Hinweis, dass die Geschichte in ihrem zweiten Teil abgeschlossen werden wird, andernfalls wäre der Cliffhanger noch schlimmer…
Qualitativ befindet sich das ZACK einen Monat vor dem nächsten Meilenstein, der 250. Ausgabe, auf einem Höhenflug. Weiter so!
Dazu passen jahreszeitlich bedingt ein Ingwer-Curcuma-Shot und Klänge von The Business: “The Truth, the whole Truth and nothing but the Truth“!
Welch
Überraschung: Yves Swolfs hat den
Zeichenstift aus der Hand gelegt und „nur“ noch das Szenario verfasst! Immerhin
bleibt dadurch die Kontinuität der Geschichte gewahrt.
Der Inhalt
Kergan und seine Schöpferin Arkanea haben rund 800 Jahre miteinander verbracht seit wir sie zuletzt gesehen haben. Sie befinden sich im Osten Europas, kurz nach der Jahrtausendwende, und Aberglauben sowie verschiedene christliche und ältere Religionen erzählen von Höllenkreaturen.
Es gibt sogar eine Art Sonder-Einsatz-Kommando das Jagd auf diese Wesen macht. Nicht nur heutige Leser*innen werden sich allerdings fragen, ob es besser wäre, den Geschöpfen der Nacht oder ihren Jägern zu begegnen…
Swolfs erzählt aber auch wieder eine Rahmenhandlung, geprägt von politischen Ränken, Verrat und Rache. Und wieder geht es um eine Frau, die den Machenschaften der Männer zum Opfer fällt: Wieder liebt sie den einen, wird aber von dem Bösen begehrt. Wer aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass die Bezeichnung „den Guten“ nicht gefallen ist, denn auch ihr Liebster ist zerfressen von Hass und Selbstüberschätzung und gerne bereit, seine Truppen in den möglichen Tod zu führen.
Immerhin
versucht er aber zusammen mit seiner geliebten Anna die Erfolgschance seiner
Pläne herauszubekommen und sucht eine Wahrsagerin auf. Bei diesem Besuch
begegnen sich die Protagonisten beider Handlungsstränge und Kergan beginnt sich
zu fragen, ob seine Beziehung zu Arkanea ihn noch ausfüllt…
Nachvollziehbare Story mit History-Elementen wie auch – natürlich – der Vampirkomponente. Swolfs gelingt es das Klima der Angst in mehreren Variationen darzustellen: die nächtliche Angst vor dem Übernatürlichen, die Angst vor der Folter, vor der Entscheidung, vor dem Verrat, der männlichen Macht! Dabei setzt er kaum auf Horrormomente, sondern nutzt eher die psychologischen Momente und bewegt sich damit tatsächlich in der guten Tradition der Schauerromantik!
Die Zeichnungen
Thimothee Montaigne ist kein Unbekannter mehr,
aber auch noch kein Star der Szene. Seine Zeichnungen und ihre Abfolge auf der
Seite sind gut komponiert, auch wenn für meinen Geschmack das starre
rechteckige Raster durchaus von Zeit zu Zeit verlassen werden könnte. Sie haben
auch genügend Detailtiefe in der Totale um zu überzeugen. Der Körperbau ist
getroffen und die Kolorierung passt auch und doch fehlt ein klein wenig um
wirklich super zu sein: Die Gesichter, vor allem aber die Mundpartien wirken teilweise
zu schematisch. Glücklicherweise gibt es viele Personen mit Bart und auch durch
den gewählten Ausschnitt kann Montaigne sein kleines Manko überdecken.
Die Stimmungen der verschiedenen Ängste werden graphisch gut umgesetzt. Man hört beim Lesen die Äste knacken, die Flammen knistern, in denen die Zange erhitzt wird, aber auch die Pferde unter dem Gewicht des Machos ächzen. Insgesamt daher eine runde Leistung!
Das Fazit
Für Liebhaber*innen klassischer Vampirgeschichten genau das Richtige: Sowohl das Schauern als auch die Romantik kommen in einer spannenden Rahmenhandlung zu ihren Auftritten und das große Format und das gute Papier bringen das auch angemessen zur Geltung! Da die abschließende dritte Episode dieses Teils bereits im Sommer erscheinen wird, ist die Wartezeit auch nicht zu lang.
Dazu
passen ein guter Bordeaux und The Fields of
the Nephilim.