Natascha ist eine der sehr erfolgreichen Serien, die für ein jugendliches Publikum geschrieben, Frauen als Handlungsträgerinnen einsetzten. Viele andere Serien aus dieser Zeit richteten sich dagegen an ein erwachsenes Publikum. Geblieben sind Yoko Tsuno und eben Natascha. Das gerade erschienene 24. Abenteuer ist erneut – wie schon die letzten beiden – eine Adaption eines Szenarios von Sirius aus der Serie „Der blaue Sperber“. Das Original erschien bereits 1949, die Bearbeitung hat es aber leicht modernisiert.
Piraten aus luftiger Höhe
Während Natascha und Walter ihren Dienst auf einem interkontinentalen Nachtflug ableisten, passiert üblicherweise nicht viel. Zwar gibt es einen Passagier der als Running Gag alle paar Seiten ein weiteres Bier haben möchte und Walter zur Verzweiflung treibt, ansonsten gibt es aber viel Zeit, die es der Stewardess erlaubt, eine Geschichte vorzulesen. Diese wiederum ist das Original von Sirius, das Walthéry so in seinen Standard überführt hat. Er hat allerdings die Personen ersetzt und so sind Nataschas Großmutter und Walters Großvater zusammen mit dem kleinen Chacha auf der Heimreise mit dem blauen Sperber, einem kleinen Segelboot.
Sie werden dabei fast und ohne Warnung von einem Luxusliner gerammt. Natürlich wollen die Drei der Sache auf den Grund gehen, kommen an Bord, und müssen feststellen, dass alle auf dem Boot zu schlafen scheinen. Alle, nein, denn der Erste Offizier ist wach und beschuldigt unsere Held*innen, den Passagieren ihre Wertsachen entwendet zu haben. Sie werden festgesetzt und den Behörden übergeben.
Natürlich müssen sie wieder freigelassen werden und genauso natürlich lassen sie die Sache nicht auf sich beruhen. Gut vorbereitet schiffen sie sich erneut ein und machen Bekanntschaft mit den Piraten aus der Stratosphäre. Spannende Geschichte, die ein wenig wie ein Bond-Abenteuer wirkt und dementsprechend auch ein bisschen zu viel Piff-Pum-Bäng mit sich bringt. Immerhin bleibt die Geschichte dabei halbwegs technisch möglich.
Auch im Alter noch nichts verlernt
Francois Walthéry kann es noch! Seine Figuren stimmen, ihre Bewegungen sind sogar im Vergleich zu den Ursprüngen der Serie etwas dynamischer geworden und die Hintergründe sind detailliert wie eh und je. Viele Szenen sind extrem handlungsorientiert und die Zeichnungen nehmen die Dynamik gut auf. Dazu baut Walthéry viele kleine Reminiszenzen an andere klassische frankobelgische Serien ein. Wer mag, darf im Kommentar zu dieser Besprechung seinen/ihren Tipp abgeben, wie viele es denn sind …
Und auch der Kunstgriff, zwei Generationen gleichzeitig handeln zu lassen, gelingt. Alles, was dafür notwendig ist, ist ein anderer Hintergrund! Immer noch eine lesenswerte (und anschauenswerte) Sache! Bei Weltherrschaftsplänen ist es nicht verwunderlich, dass auch Nazis mit dabei sind. Ihre Darstellung als Deppen macht immer wieder Spaß!
Ein lebendiger Klassiker
Natascha als Serie hat jetzt mehr als 45 Jahre auf dem Buckel, andere haben dann die Arbeit bereits seit langem eingestellt bzw. die Serie an andere übergeben. Aus qualitativen Aspekten besteht hier kein Grund dafür und mit dem Kunstgriff, funktionierende Geschichten zu adaptieren, besteht auch keine Gefahr, sich selbst ständig zu wiederholen.
Für Fans der 70-er Serien aus dem Spirou-Magazin immer noch ein guter Tipp. Aber auch, wer die Serie noch nicht kennt, die Ecolé Marcinelle aber mag, sollte hier auf jeden Fall einen Blick riskieren: eine toughe, aber glaubwürdige Heldin, ein leicht vertrottelter Partner und Spannung – was will man mehr für die kleine Flucht aus dem Alltag!
Dazu passen The Distillers, und – natürlich – ein Dosenbier!
Das Western-Comic-Genre teilt sich in realistische und eher lustig gezeichnete Titel. Das bedeutet allerdings keinesfalls, dass auch die Inhalte von Titeln der zweiten Kategorie nur lustig sind. Zwar sind alle Bände der Blauen Boys humorig und enthalten teilweise sogar slapstickartige Szenen, oftmals aber ist es ein schwarzer Humor, der die Schrecken des Krieges nicht überdecken soll, sondern eher überspitzt deutlich macht. Nicht zuletzt deswegen handelt es sich um eine der erfolgreichsten aktuellen Comic-Reihen. Im Original ist gerade Band 69 erschienen.
Eine notwendige Re-Edition ist angeschlossen
Zwar sind (mit dem üblichen Verzug bei den aktuellen Bänden) alle Titel der Reihe auch in Deutschland erschienen. Während die bei Carlsen oder aktuell bei Salleck Publications veröffentlichten Alben gehobenen Qualitätsansprüchen bezüglich Präsentation und Übersetzung genügen, waren die früher bei Bastei unter dem Reihentitel Bud und Chester veröffentlichten Bände weder in Form noch in Inhalt ausreichend. Mit diesem sechsten Teil der Gesamtausgabe liegen sie alle neu übersetzt und gelettert als Hardcover vor!
Bronco Benny thematisiert ein „Nachschubproblem“ beider Armeen des amerikanischen Bruderkrieges: Während es immer noch halbwegs möglich war, neue Soldaten zu rekrutieren (dazu später mehr), gab es bei den dringend für die Kavallerie benötigten Pferden größere Probleme. Besagter Bronco Benny nun ist der berühmteste Pferdeeinreiter und soll eine Herde von Wildpferden für den Einsatz zureiten. Natürlich gibt es dabei mehr Probleme als bei einem üblichen Rodeo.
In EL Padre müssen Sgt. Chesterfield und Corporal Blutch über den Rio Grande nach Mexiko fliehen. Dort geraten sie in eine heftige Fehde zwischen blutrünstigen indianischen und mexikanischen Banden. Zu ihrem Glück hatten sie ihre Uniformen gegen ein Bauerngewand und eine Priesterkutte tauschen können. Als sie dann auch noch eine Entführung beenden wollen, kommt es fast zum Eklat zwischen den Beiden. Die Feuertaufe, der erste damals bei Carlsen erschienene Band, erzählt schließlich wie es dazu kam, dass Chesterfield und Blutch bei der Nordstaatenarmee anheuerten. Alkohol erweist sich wieder einmal als schlechter Helfer in Krisensituationen!
Routine, immer wieder neu erfunden
Man mag zu den Zeichnungen von Willy Lambil stehen, wie man will; er schafft es mit jedem Band aufs Neue, bekannte Ingredienzen neu zu mischen und spannend auf das Papier zu bringen. Nicht nur, dass er immer Tiere, die eigentlich gar nicht zur Handlung gehören, im Vordergrund einiger Panel platzieren kann, ist bemerkenswert. Auch die aus wenigen Hauptfiguren bestehende Serie immer wieder unterhaltsam zu komponieren ist faszinierend. Und so erzielt eine Kleinigkeit wie eine Tonsur eine beachtliche Wirkung!
Während einige Serien auf ein Produktionstempo von 5 Geschichten pro Jahrzehnt kommen, haben die Blauen Boys es im ersten 10-Jahres-Zeitraum auf 18 Alben gebracht! Schon die schiere Menge zwingt zu einem großen Respekt. Tatsächlich wird hier aber nicht ein Schema wiederholt, jede einzelne Geschichte benutzt zwar die gleichen inhaltlichen Pattern, ist aber wiederholungsfrei.
Ist das das Ende der Gesamtausgabe?
Ein finanzieller Motivator für die ersten sechs Bände der Gesamtausgabe der Blauen Boys war die Tatsache, dass die ersten 17 Bände in Deutschland quasi nie erschienen waren. Wer sie hatte genießen wollen, musste auf fremdsprachige Versionen zurückgreifen. Diese Aufgabe ist nun erfüllt, alle anderen sind – teilweise allerdings vor langer Zeit und vergriffen – verfügbar gewesen. Wer also weiterlesen möchte, möge diesen Wunsch bitte formulieren und sich direkt an den Verleger Eckart Schott wenden (Kontakt über die ober verlinkte Verlagsseite).
Für mich war es nie wirklich ersichtlich, warum diese geniale Serie in Deutschland doch eher ein Schattendasein führt. Qualitativ gibt es jedenfalls keine Unterschiede zu Lucky Luke, von den Verkaufszahlen allerdings schon … Zum Glück erscheinen ja aber wenigstens die aktuellen Bände weiterhin beim gleichen Verlag.
Dazu passen Bruce Springsteen, etwa mit seinen „Western“-Titeln, und ein Brooklyn Lager!
Salleck Publications ist einer der vielen kleinen deutschen Verlage, ohne die die hiesige Comic-Landschaft sehr viel trostloser wäre. Für die großen Platzhirsche Splitter, Carlsen, Egmont Ehapa und Panini zählen ganz andere finanzielle Anforderungen als für die kleinen. Salleck kann daher Serien und Einzelbände veröffentlichen, die zwar qualitativ nicht schlechter sind, die es aber nie geschafft haben, einen Marketing-Hype zu entfachen.
Eine ganz besondere Insel
Die Geschichte spielt im April 1956 auf Noirmoutier, einer kleinen Insel, die bis 1971 nur durch die Passage du Gois mit dem Festland verbunden war. Die mehr als 4 KM lange Straße war nur bei Ebbe für 3 Stunden befahrbar und lag ansonsten unter Wasser. Um für Unfälle und Pannen aller Art gewappnet zu sein, gab es alle 500 Meter kleine erhöhte Plattformen auf der sich Personen in Sicherheit bringen konnten. Diese Passage spielt eine wesentliche Rolle in diesem Band.
Er beginnt mit einem tragischen aber doch fast schon alltäglichen Ereignis: Bei einer Schlägerei zwischen Betrunkenen stirbt ein Mann, ein früherer Sträfling wird der Tat verdächtigt und festgenommen. Er ist gleichzeitig der Wirt des kleinen Cafés, für das ein Kaufangebot gemacht worden war. Dieses hat er nicht nur abgelehnt, er beteuert auch seine Unschuld.
Jacques Gibrat wird gebeten, nach dem Rechten zu sehen und beginnt seine Ermittlungen in deren Verlauf Verbindungen zur Nazi-Zeit deutlich werden. Es scheint, dass untergetauchte Kollaborateure ihre Finger im Spiel haben. Vielleicht gibt es ja sogar einen mittelalterlichen Schatz von Noirmoutier. Thierry Dubois erzählt routiniert und spannend und führt die Leser*innen immer wieder über die gefährliche Passage.
Modern mit einem leicht nostalgischen Flair
Jean-Luc Delvaux setzt die Geschichte in zwar modernen Zeichnungen um. Diese lassen aber ein nostalgisches Flair aufkommen und passen sich an den Dekors, die Mode und die Autos der 50-er Jahre an. Das strenge vierstreifige Layout der Seiten, die reduzierte Mimik und in gewisser Weise auch die Gemütlichkeit der Aktionen bezeigen die Verbundenheit mit der älteren Zeichenschule.
Man möge dieses allerdings nicht als Kritik missverstehen: Die Reminiszenzen sind gewollt und passend, die Zeichnungen passen perfekt zur Geschichte. Während heute vieles gleich aussieht, haben sich Dubois und Delvaux eine Zeit ausgesucht, in der Unterschiede noch eine viel größere Rolle spielten. Vor allem Autoliebhaber*innen kommen hier auf ihre Kosten!
Ein Ausflug in die Vergangenheit
Eine Brücke hat die Passage (für Autos) ersetzt, Unterschiede sind nivelliert worden und Taten aus der Vergangenheit sind mittlerweile (zum Glück) zu einem wesentlichen Teil gesühnt. Geschichten wie diese müssen also in die Vergangenheit verlegt werden. Es geht aber nicht um eine „Flucht“ in die „gute, alte Zeit“, es ist nur ein Stilmittel, um eine spannende Geschichte zu erzählen.
Dazu passen Frank Sinatra, etwa mit einem Hit von 1956 “The Tender Trap” und einem Cognac!
Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Die Blauen Boys haben schon mehrere solcher Türen hinter sich. Entstanden aufgrund des Weggangs einer anderen Serie verstarb der erste Zeichner Salvérius bereits nach wenigen Alben (GA 1 und 2) und Lambil (GA 3 und 4) musste einspringen. Mittlerweile ist auch der Texter Cauvin verstorben, die Serie läuft aber weiter (auf Deutsch in Vorbereitung). Dazu kommen ein einmaliger Band von BeKa und Munuera sowie eine Hommage, die ebenfalls bald auf Deutsch escheinen wird.
Schlachten ganz unterschiedlicher Art
Obwohl die Serie sich bei unseren westlichen Nachbarn ausgesprochen gut verkauft, hatte sie in Deutschland einen schwierigen Start. Als Bud und Chester bei Bastei gestartet, wurde die Serie eher ins Klamauk-hafte gepackt. Carlsen übernahm dann später, versuchte aber unterschiedliche Formate, unter anderem am Kiosk, und erst bei Salleck erhielt sie unter dem Namen Die Blauen Boys eine regelmäßige und angemessene Veröffentlichungsform. In der Gesamtausgabe werden nun die ersten Bände neu übersetzt und gelettert in einer dementsprechenden Weise präsentiert.
Die Schlammschlacht beschreibt eine Wettersituation, die von Soldaten im Feld gefürchtet wird. Lang andauernder Regen macht das Gelände weich und rutschig und fügt den Schrecken einen weiteren hinzu: die Unkalkulierbarkeit. Leider nehmen nicht alle Vorgesetzten darauf Rücksicht. In einer Parallelhandlung geht es um romantische Gefühle, Ehre und Verrat. Der Grünschnabel enthält noch viel mehr Gefühle, besucht Sergeant Chesterfield doch Fort Bow. Dort muss er feststellen, dass scheinbar jemand seiner Angebeteten den Hof macht.
Nach dem ganzen Chaos wird es in Rumberley wieder etwas ernster. Wie immer ist die Kavallerie fast komplett aufgerieben worden. Neben einer Unmenge an Toten gibt es auch ein paar schwer Verletzte. Aufgrund taktischer Überlegungen beschließt de Generalstab, die Verletzten in Örtchen Rumberley zurückzulassen. Dessen Bewohner*innen sind der Sache aber alles andere als wohlgesonnen und rufen die Südstaatler.
Die Kombination aus lieblich und grausam macht’s
Lambil ist ein wahrer Meister darin, wunderschöne Landschaften auf das Papier zu bringen. Grüne Bäume, kräftiges Gras, der eine oder andere Vogel pfeift fröhlich vor sich hin und man sieht fast die Eichhörnchen durch den Wald fegen. Doch schon die nächste Szene kann komplett gegenläufig sein und von Kanonendonner künden, Leichenteile zeigen oder sonstige Schreckensszenarios präsentieren.
Bei all diesen Schockmomenten verletzt Lambil niemals die Grenzen des guten Geschmacks. Der Comic kann durchaus von Jugendlichen gelesen werden, diese werden bestimmte Szenen einfach überlesen und sind aus dem Manga-TV eh Schlimmeres gewohnt. Für mich macht diese Spannung aber einen großen Teil des Reizes aus, der den schon ansonsten üblichen Marcinelle-Genuss deutlich erhöht. Vielleicht ist der Moment auch genau der richtige, ist ein Stellungskrieg in Europa doch seit mittlerweile drei Jahren wieder Realität.
Ein – bei uns – unterschätzter Western
Das Genre des Western-Comics ist extrem vielfältig. Neben den klassischen Narrativen Rache, Macht, Gewalt und Eroberung gibt und gab es auch immer wieder weichere Themen. Neben der Saddle Romance gehören dazu auch interne Konflikte wie der Wunsch, dem Soldatendasein durch Desertion zu entfliehen oder wohlverstandene Kameradschaft. Chesterfield und Blutch bilden diese Topics ab, agieren aber gleichzeitig in einem klassischen Armee-Szenario mit Semi-Funny Elementen.
Die gewählte Form der Gesamtausgabe bringt endlich (!!) auch die frühen Abenteuer der Beiden in einer lesbaren Übersetzung und Ausstattung nach Deutschland. Die Ausgabe inkludiert die Titelbilder der Spirou-Vorveröffentlichungen und die der deutschen Erstausgaben. Dazu kommt ein eigens von Volker Hamann verfasster Text über die Serie.
Dazu passen Alice Cooper, etwa mit “Go to Hell” und ein Cuba Libre!
Der Sommer naht mit großen Zügen. Bei uns in Deutschland ist diese Zeit in große Blöcke unterteilt, bei unseren Nachbar*innen ist das oft anders. Dann fährt das ganze Land zur gleichen Zeit und steht in noch viel größeren Staus. Dieses Wissen ist zum Verständnis des Wundervollen Sommers ganz hilfreich.
Eine Urlaubsfahrt mit Hindernissen
Die Serie beschreibt die Urlaube der Familie Faldérault, allerdings in einer netzwerkartigen Struktur, denn die Bände folgen nicht chronologisch aufeinander. Der aktuelle sechste Band spielt 1970. Madeleine ist schwanger mit dem vierten Kind, Pierre ist in den letzten Zügen eines Comics mit christlich-historischem Hintergrund. Sie haben daher bereits die ersten Ferientage versäumt und Madeleine setzt ihrem Gatten ein Ultimatum.
Als die Familie schließlich doch fährt, geraten sie mit ihrem R4 in einen Unfall und können die Reise nicht fortsetzen. Sie finden Unterschlupf auf dem Hof Les Genêts, der von zwei jungen Frauen geführt wird. Da die Reparatur des Autos sich hinzieht, verbringen sie glückliche Tage inmitten von Hühnern, Ziegen und freundlichen Menschen. Doch es gibt auch ein Geheimnis zu entdecken. Hier spielen dann die „alten Zeiten“ eine Rolle die leider keineswegs immer „gut“ waren.
Zidrou ist einerseits bekannt für die neuen Abenteuer mit Rick Master, die bei uns im ZACK und bei Splitter erscheinen. Er ist aber auch ein Meister der Romantik und das ist heutzutage sehr selten geworden. Viel zu oft wird dieses Genre mit Romance verwechselt. Wer die Stimmung aus der Bestie, die allerdings viel düsterer ist als im Wundervollen Sommer, mochte oder vor allem das unabwendbare altern der gefühle, sollte hier unbedingt einen Blick hinein werfen. Wer die Serie kennt, wird wahrscheinlich eh schon sehnsüchtig auf den neuen Band gewartet haben.
Relaxte Zeichnungen
Das Titelbild erinnert ein wenig an Geschichten über einen alten Mann und seinen Kater, und auch einige Panel sind fast so vollgestopft. Damit endet die Ähnlichkeit allerdings schon. Zwar spielt auch diese Geschichte zu wesentlichen Teilen auf dem Land und entsprechend viele Tiere sind beteiligt. Sie sind aber nicht anthropomorph und haben auch keine tragende Rolle. Vielmehr zeichnet Jordi Lafebre im ganz klassischen frankobelgischen Stil. Die Kinder und der Vater sind dabei knollennasig, die Frauen eher spitznasig.
Das Layout ist traditionell vierstreifig und inkludiert als Varianz schon mal ein kreisrundes eingebettetes Panel. Diese Ruhe passt aber vollkommen zur Geschichte, in der sich durchaus bewegende Themen immer wieder in den Alltag schleichen, dort aber nur ein kurzzeitiges Chaos auslösen und wieder in den Fluss zurückfinden. Zudem atmet fast jede Zeichnung eine sehr liebevolle und trotzdem humorvolle Grundstimmung aus.
Es schmeckt nach Frankreich
Früher gab es schmale Bändchen mit „Familiengeschichten“, wenn ich mich richtig erinnere, waren sie in der Insel-Bücherei erschienen. Das ist in etwa vergleichbar mit dieser Serie. Es werden durchaus Probleme angesprochen (Vereinbarkeit von Familie und Beruf, männliche Vorrechte, gesellschaftliche Ächtung von sexuellen Orientierungen), allerdings werden keine Normen postuliert. Jede*r darf sich eine eigene Meinung bilden und überlegen, ob er/sie etwas anders machen würde!
Vor allem aber ist es natürlich der Optimismus, der gewinnt! Soll die Welt draußen doch verrücktspielen, wir machen sie uns schön! Wer französische Romantik mag, liegt hier richtig! Keine Juliette Binoche, keine Victoire Thivisol, keine Sophie Marceau, aber genau diese Stimmung – Der Sommer und die großen Ferien können kommen. Wer möchte, kann sich auch die limitierte Vorzugsausgabe mit gleich zwei zusätzlichen Drucken gönnen.
Dazu passen das Nancy Ska Jazz Orchestra, etwa mit “Anachronisme” und ein schwarzer Kaffee!
Neben Lucky Luke, dem unbestrittenen Platzhirsch der Western-Funnies, gibt es noch viele andere Serien. Die meisten davon hatten allerdings ein eher kurzes Leben. Mit annähernd 70 Alben kommen Die Blauen Boys der Serie von Morris allerdings recht nahe. Und tatsächlich war sie als Reaktion auf den Weggang des Lonesome Cowboys als Nachfolgeserie im Spirou-Magazin konzipiert worden. Die Gesamtausgabe bringt die frühen Alben neu übersetzt und einheitlich zurück auf den deutschen Markt.
Der Krieg als Schauplatz
Von Anfang an waren die Helden der Serie Blauröcke, also Soldaten der Nordstaaten während des amerikanischen Bürgerkrieges. Anfangs hatte das aber eher folkloristische Auswirkungen. Im Laufe der Serie wird der Kriegsschauplatz immer mehr auch das Szenario für die Handlung und neben den Slapstick tritt eine Komik, die die Schrecken des Krieges und den unbedingten Gehorsam auf die Schippe nimmt.
Cauvin nimmt dabei immer historische Ereignisse als Aufhänger und integriert diese natürlich auch so genau wie möglich in die Handlung. Er nutzt sie aber auch immer wieder um den Konflikt zwischen dem treuen Sergeant Chesterfield und dem sich vor den Gefahren möglichst weit entfernt haltenden Corporal Blutch auf die Spitze zu treiben. Letzterer droht ständig damit zu desertieren und doch drehen sich die beiden wie jedes gute Komiker-Pärchen immer um das weder-mit-noch-ohne Verhältnis.
In Luftigen Höhen befördert die beiden Helden in einem Ballon hoch in die Luft, um den Gegner und seine Bewegungen besser sehen zu können. Kommunikation und Sicherheit scheinen allerdings etwas undurchdacht. Der Fotograf wird von höchster Stelle beauftragt, das Geschehen für den Rest der Welt festzuhalten und damit für die Unterstützung der gerechten Sache zu werben. Dumm nur wenn Realität und Plan nicht übereinstimmen. Schließlich werden Chesterfield und Blutch beauftragt, neue Rekruten für die Kavallerie heranzuschaffen, die bei jedem Angriff um die 90% ihrer Mitstreiter an den Tod verliert. Sie kommen zurück mit den Kosaken.
Stereotype als Humorträger
Was wäre eine Truppe von Soldaten ohne übereifrige Unteroffiziere, die ihre Männer in den Tod führen, Generäle, die weit entfernt vom Schlachtfeld in Sicherheit unmögliche Pläne aushecken und die einfachen Soldaten, die versuchen, dem Schrecken so gut wie möglich auszuweichen. Im Film gibt es dafür Beschränkungen, die im Comic wegfallen. Lambil schafft es ohne Zweifel, viele der Figuren schon beim ersten Auftritt Archetypen zuzuordnen. Die Mimik und Gestik ist bei ihm ein Mittel, um den Witz, der erst später kommt, vorzubereiten.
Ansonsten sind seine Zeichnungen noch stark im Marcinelle-Stil: Runde Nasen, ein dynamischer Strich und viel „drum-rum“. Die Münder sind bunte Löcher, Bewegungen und Action werden durch Lautmalerei unterstützt. Da alle Abenteuer in Spirou vorveröffentlicht wurden, haben die Geschichten ein striktes vier-streifiges Layout.
Die etwas andere Western-Serie
Die Blauen Boys kombinieren die nette Zeichnung, die zum Genuss einlädt, mit den Schrecken der Schlachtfelder. Die Soldaten fliegen durch die Luft, wenn Bomben explodieren, sind blutüberströmt, wenn sie im Lazarett liegen und haben Hass-verzerrte Gesichter, wenn sie angreifen. Dieser Realismus wirkt durch den Gegensatz zu den Blümchen besonders krass (und natürlich werden die Blümchen kurze Zeit später in ihrem niedergetrampelten Zustand gezeigt).
Gerade dieser Gegensatz macht die Serie aber auch so beliebt und erfolgreich. Da die Reihe keine durchgehende Geschichte erzählt, können Neulinge immer einsteigen. Dieser Band ist dafür natürlich ebenfalls gut geeignet. Die Gesamtausgabe enthält auch weitere Abbildungen, eine zusätzliche Kurzgeschichte und einen einführenden Artikel von Volker Hamann. Die Serie war 2022 in der Top 5 von comix-online und wird mittlerweile nach dem Tod von Cauvin von einem neuen Team weitergeführt. Der letzte gemeinsame Band hatte den Titel „Wo ist Arabeske?“.
Dazu passen Jona Lewie, mit “Stop the Cavalry” und ein schwarzer Kaffee!
Meine Jahresbestenliste und ein paar Worte zum Geleit
Dann wollen wir mal … Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Vieles ist gleichgeblieben, München ist zum Beispiel zum elften Mal hintereinander Deutscher Meister geworden. Vieles hat sich aber auch geändert: das politische Klima ist rauer geworden, Emanzipation und Bekämpfung der Klimakrise sind nur noch Worthülsen, während zum Beispiel ein Tempolimit in weite Ferne gerückt ist.
Im Comic-Bereich durften wir dagegen einiges erleben: angefangen mit Magazin-Neustarts etwa bei Zauberstern oder mit dem neuen Independent-Blättchen Graphica über das 50jährige Jubiläum des ZACK bis hin zur erstmaligen Veröffentlichung frankobelgischer Klassiker in Deutschland!
Immer für euch unterwegs
Auch für comix-online gab es einen neuen Rekord: Erstmals waren es mehr als 100.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel, also ohne die Startseite! Vielen Dank für dieses Vertrauen! Die Charts mit den am häufigsten aufgerufenen Seiten der letzten 30 Tage bzw. der „All-Time-Favourites“ zeigen durchaus Bewegung und lassen eure Präferenzen deutlich werden. Trotzdem freue ich mich über Kommentare oder Feedback, gerade auch bezüglich Informationen, die euch fehlen.
Die besten Comics
Grundsätzlich sind sich die meisten Seiten in diesem Jahr einig: Der neue Asterix, Die weiße Iris, ist seit Jahrzehnten der beste „neue Asterix“. Dem kann ich mich durchaus anschließen. Der neue Szenarist Fabcaro hat es geschafft, ein altbekanntes Thema (Die Römer versuchen das gallische Dorf von innen heraus zu zerstören) völlig neu zu inszenieren und dabei eines der modernen Streitthemen, Wokeness, satirisch zu erfassen. Die Zeichnungen von Conrad stehen für sich!
Offizielles Cover Asterix #40 Die Weiße Iris – (c) Egmont Ehapa Media GmbH Fotograf: LES ÉDITIONS ALBERT RENE
Platz 2 geht für mich an den ersten Band der neuen Reihe Wikinger im Nebel. Lupano und Ohazar haben mit ihrem sehr witzigen und teils schwarzen Humor das Sujet umgekrempelt und neben den Schlachtengemälden und Hägars Familienstrip eine eigenständige Welt aufgemacht, die filosofische Fragen stellt (Plündern ja, Kirchen abfackeln nein?) und Rollenbilder neu definiert!
Platz 3 geht an einen Altmeister: Francois Bourgeon hat mit Die Zeit der Blutkirschen 2 vermutlich sein letztes Werk vorgelegt. Es schließt den letzten Zyklus der Saga Reisende im Wind ab und endet während der Revolution. Diese Serie gilt nicht zu Unrecht als Startpunkt für die historizierenden Comics.
Knapp danach ein weiterer Titel aus dem Splitter-Verlag: Carbon und Silizium von Mathieu Bablet ist die Geschichte zweier KI, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch beide verloren sind. Gerade im Zuge der Diskussionen um ChatGPT, Bard und Co ein wichtiger Ansatz, der auch grafisch überzeugt.
Auf Platz 5 folgt ein weiterer melancholischer Beitrag über künstliche Wesen: Rostige Herzen von dem Duo, dem fast alles gelingt, BeKa und Munuera, ist der Einstieg in eine neue Reihe, die böse Menschen und gute Roboter als Symbole für vieles, was bei uns nicht mehr stimmt, benutzt.
Die besten Graphic Novels
Was kein Comic ist und auch kein Strip, das muss wohl eine Graphic Novel sein … In diesem Sinne die Top 3!
Platz 1 geht mit einem Tusch an Ein unerwarteter Todesfall von Dominique Monféry. Toxische Männlichkeit im Hohen Norden zeigt brutale männliche Gewalt, die nicht immer nur unter Druck entsteht und eine trotz allem erfolgreiche Überlebensstrategie einer jungen Frau.
Ein deutscher Titel konnte sich an zweiter Stelle platzieren: Der Zeitraum von Lisa Frühbeis schildert die Ängste und Nöte einer zwangsläufig alleinerziehenden Frau. Zwar ist das Thema keinesfalls neu, die grafische Umsetzung ist jedoch vollkommen anders als gewohnt und vereinbart persönliche Betroffenheit und „Nicht-Kunst“ mit genialen Farbakzenten.
Knapp dahinter eine Biografie auf Platz 3: In Fritz Lang schildern Arnaud Delande und Èric Liberge die Lebensgeschichte des deutschen Regisseurs, seiner Auseinandersetzung mit dem aufkeimenden Faschismus und seine teils skandalösen Beziehungen.
Die besten Gesamtausgaben
Einer meiner Lieblinge unter den frankobelgischen Zeichner*innen war schon immer Pierre Seron. Umso mehr freut es mich, dass nun endlich auch seine poetischste Serie, Die Zentauren, erstmals komplett auf Deutsch erscheint! Es darf allerdings nicht verheimlicht werden, dass der Verfasser als Übersetzer des redaktionellen Teils beteiligt war.
Auch in diesem Jahr sind drei neue Bände der Marvel Comics Library bei Taschen erschienen. Die XXL-Bände haben rund 700 Seiten, sind mehrere Kilo schwer, und präsentieren im Coffee-Table-Format die bahnbrechenden ersten Ausgaben der Marvel-Klassiker, die etwas ganz Neues erschaffen hatten. Sorgfältige Reproduktionen erlauben einen 100%igen Genuss, der von sachkundigen Einführungen abgerundet wird! Ein stolzer, aber berechtigter Kaufpreis ist der einzige, kleine Wermutstropfen!
Der dritte Platz steht ein wenig stellvertretend für ein ganzes Albenprogramm: Georg F. W. Tempel, der Herausgeber von ZACK und ZACK-Edition, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Perlen neu oder erstmals komplett auf Deutsch herauszugeben. Dazu zählen etwa Reihen wie Jari oder Alain Cardain. Preiswürdig ist aber die Reihe Bob Morane Classic, in der erstmals alle 19 Abenteuer von Dino Attanasio und Gerald Forton erscheinen werden!
Die besten Sekundärwerke
Es gibt kaum jemanden, der so gut lesbar so viele Informationen und Debattenbeiträge zwischen zwei Buchdeckel packen kann wie Dr. Alexander Braun. Dementsprechend führt er auch dieses Jahr wieder die Liste der besten Werke über Comics an: Staying West! ergänzt, was in seinem ersten Werk über Comics und den Wilden Westen außen vor bleiben musste, nimmt Stellung in der Debatte über Politische Korrektheit und grenzt Notwendiges von Übertriebenem ab und erzählt ganz nebenbei noch vieles über Italienische Westerncomics, Karl-May-Adaptionen und den Streit im Studio Vandersteen. Ein Muss!
Platz 2 gehört der Reddition, die Jahr für Jahr erscheint! Im Frühjahr hieß der Schwerpunkt Schweiz, das Winterheft war der neuen Generation der Spirou-Künstler gewidmet (Besprechung folgt!). Anregende Artikel, ausführliche Listen und meistens gute Einordnungen machen das Magazin ebenfalls zu einem Must-Have!
Platz drei geht an Burkhard Ihme und das ICOM Comic!-Jahrbuch. Ebenfalls Jahr um Jahr schafft es der Verein, nicht nur seine Preisträger*innen ausführlich darzustellen und zu Wort kommen zu lassen, sondern präsentiert Informationen, stößt Debatten an und macht Spaß!
Die besten Magazine
Vor mittlerweile über 50 Jahren ist die erste Ausgabe des ZACK erschienen. Die Namensgebende Zeit (Generation ZACK) endete dann aber doch und jahrelang war es düster; frankobelgische Magazine kamen und gingen. Seit 295 Ausgaben läuft aber das „neue ZACK“, das es mittlerweile auf mehr Ausgaben geschafft hat als das alte Koralle-ZACK. Jeden Monat ein bunter Querschnitt durch das frankobelgische Spektrum (und Angrenzendes) und erneuerte Klassiker wie Rick Master oder Michel Vaillant sind den ersten Platz in dieser Sparte wert!
Gleich dahinter kommen die Magazine des Zauberstern Verlages. Was mit dem Phantom begonnen hatte, hat mittlerweile durch Mikros, Flash Gordon, Van Helsing und Savage Dragon Verstärkung bekommen! Hut ab und weiterhin viel Erfolg!
Platz 3 ist dagegen ein Nachruf! Leider musste die Comixene mit der Nummer 146 ihr Erscheinen einstellen. Lesenswerte Informationen, streitbare Meinungen und tolle Illustrationen werden allerdings nicht ganz verschwinden, sondern sollen Alfonz ein wenig aufpeppen!
Und dann ist da noch …
… ein geglückter Relaunch! Das Universum um Spirou drohte unterzugehen. Jetzt allerdings ist die erste Folge eines Mehrteilers aus der Hauptserie erschienen (Der Tod von Spirou), die Spezial-Bände enthalten Variationen von unterschiedlichen Teams, dem Meister Franquin wird vielfältig gehuldigt, unter anderem mit einer Neuausgabe der Gesamtausgabe, und die Freunde von Spirou (Rezension folgt) bringen erneut die politische Dimension während des Zweiten Weltkrieges zurück! So kann man es machen!
Eure Lieblinge in 2023
Eure Charts, basierend auf den Abrufzahlen:
Platz 1 geht an Hägar und die Gesammelten Chroniken von 1973, gefolgt von dem ZACK-Spezial 7 und dem zweiten Bob Morane-Sonderband von Forton. Sehr knapp dahinter Mitton und Messalina 1/2.
Die weiteren Plätze: ZACK-Spezial 6 – Jari 1, Asterix – Die weiße Iris, Sammy & Jack Integral 3, Michel Vaillant Collector’s Edition 1, Michel Vaillant Legendes 1 (die NL-Ausggabe! Wenn man die deutsche Ausgabe dazu addiert, wäre das mit weitem Abstand die Höchstmarke!), Asterix – Im Reich der Mitte und Lakota von Serpieri.
Das erste ZACK (284) folgt auf Platz 12, der erste Sekundärtitel (Staying West!) auf Platz 32.
Alexander Braun ist in Deutschland der bekannteste und berühmteste Kurator von Ausstellungen, die sich mit einzelnen Aspekten von Comics befassen. Die Mehrzahl von ihnen nimmt ihren Anfang in dem Dortmunder schauraum comic + cartoon, einem Museum (mit freiem Eintritt!), das dem Hauptbahnhof genau gegenüber liegt. Wieviel Arbeit in diesen Ausstellungen steckt und mit welch groß angelegtem Anspruch Alexander Braun an diese Konzeptionen heran geht, wird allerdings erst durch die großformatigen und voluminösen Ausstellungskataloge deutlich, die die Ausstellungen begleiten.
Der Wilde Westen und Befindlichkeiten
Es ist noch nicht allzu lange her, da brandete eine Diskussion in Deutschland auf, ob neben dem N-Wort noch weitere Begriffe, ja, ganze Autor*innen und Literaturgattungen nicht mehr zeitgemäß wären. Pipi Langstrumpf wurde bereinigt, das I-Wort an den Pranger gestellt, Karl May in Frage gestellt. Braun beginnt seinen zweiten Band der Kataloge über Comics, die den „Wilden Westen“ thematisieren mit einer Einordnung der verschiedenen Fragestellungen.
Während viele Publikationen heute (vor allem allerdings in Talkshows) lieber auf die schnelle Emotion setzen und Fakten eher als hinderlichen Ballast betrachten, setzt Braun in Staying West! auf die tiefergehende Analyse. Er leitet her, dass Indianer(*innen) durchaus ein benutzbares Wort ohne rassistische Konnotation ist, die Übersetzung von Carl Barks‘ Werken durch die hochgelobte Erika Fuchs dagegen sehr wohl in Frage zu stellen ist. Kulturelle Aneignungen passieren immer wieder. Auch hier kommt es allerdings darauf an, sich dem Thema verständnisvoll zu nähern und nicht nur nach einem Dampfhammer zu suchen. Allein schon diese Kapitel rechtfertigen die Anschaffung!
Argentinien und Italien
Die erste Ausstellung über Comics mit Westernbezug, Going West!, hatte ein paar Lücken gelassen, die nun geschlossen werden. Dazu gehört die Hochzeit des argentinischen Comics, die durch die Militärdiktatur beendet worden war. Über Oesterheld, Pratt und die anderen ist schon viel geschrieben worden. Braun stellt allerdings den Gegensatz zum amerikanischen Mainstream in den Mittelpunkt. Während dort noch munter der Macho im Vordergrund stand, der kaltblütig die Natur und die angestammte Bevölkerung vernichtet, waren die argentinischen Stories schon Jahrzehnte weiter und stellten die White Supremacy deutlich in Frage!
Diese grandiose Zeit wäre nicht möglich gewesen ohne eine Vielzahl von italienischen Künstlern, die dazu beigetragen haben. Einige von ihnen sind dann über den Umweg England wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Dort fanden sie zunächst eine Vielzahl an Western vor bis nach und nach Tex Willer alles überstrahlte. Dieser hat erstaunlicherweise in Deutschland bisher nicht Fuß fassen können.
Karl May, Bessy und Mosaik
Dankenswerter Weise nimmt Braun das Thema der kulturellen Aneignung im Zuge der Karl May Adaptionen nochmals auf. In den 60-er Jahren gab es eine große May-Welle, da die Schutzfrist abgelaufen war. Nicht nur Pierre Brice prägte das Bild, es gab auch Comic-Umsetzungen. Die Hintergründe habe ich noch nie so ausführlich und kombiniert präsentiert bekommen.
Dem folgt ein langer Artikel über Bessy, Silberpfeil und Co, natürlich unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der Schöpfer Vandersteen und Sels. Nirgendwo außerhalb von Deutschland war die Popularität dieser einfachen, nach einem cleveren Schema konstruierten Geschichten so hoch wie hier und der Bastei-Verlag hatte nicht nur die teilweise aus ausgeschnittenen Elementen zweitverwerteten Geschichten im Programm, er druckte auch noch die eine oder andere Geschichte mehrfach ab.
Die DDR hatte dagegen eine andere Tradition. Übernommen hatte man die Abneigung gegen Bildgeschichten, vor allem solche mit Sprechblasen. Der schädliche Einfluss auf die Jugendlichen wurde mit sehr ähnlichen Worten begründet wie in dem amerikanischen Kreuzzug des Dr. Wertham, hatte aber natürlich eine komplett andere Vorstellung über das Ideal der Erziehung der Jugendlichen. Trotzdem konnte das Mosaik eine Episode über Amerika bringen in der die Helden (natürlich) Partei für die Unterdrückten ergreifen konnten.
(Semi-)Funnies
Für das Schlusskapitel verlässt Alexander Braun den Realismus wieder etwas und geht über zu den Funnies: Natürlich treffen wir hier wieder auf Carl Barks und seine Epigonen, die die Zeit am Klondike beschreiben oder heroisieren. Hier lesen wir aber auch über eine etwas andere Beschreibung eines Siedlertrecks, in der nicht die bösen Roten als Horrorszenario beschrien werden: Go West ist eine geniale, etwas unterschätze Serie von Derib und Greg. Und auch die Blauen Boys, die in mittlerweile 67 Alben die Schrecken und die Sinnlosigkeit des (amerikanischen Bürger-)Krieges thematisieren, werden vorgestellt.
Dr. Alexander Braun während der Ausstellungseröffnung Foto (c) schauraum comic + cartoon, Maximilian Mann
Unverzichtbar!
Das Western-Genre war das langlebigste und umfangreichste Genre der Populärkultur im 20. Jahrhundert: im Groschenroman, auf der Kinoleinwand, im Fernsehen und nicht zuletzt im Comic. Wer hier etwas näher einsteigen möchte wird sehr schnell merken, dass es gewaltige Unterschiede in den Sujets, der Ausrichtung und der Stilmittel gab (und gibt). Die beiden Kataloge von Alexander Braun zu diesem Thema sind nicht nur ein umfangreiches Kompendium mit einer Vielzahl von Abbildungen und Querverweisen und bieten einen sonst nirgendwo erhältlichen Gesamtüberblick. Vor allem sind sie lesbar und spannend geschrieben und machen daher Spaß.
Alexander Braun geht alle seine Themen (etwa Will Eisner) gründlich an. Er bringt nicht nur Theorien, die bei der Einordnung helfen, und bezieht auch psychologische Aspekte mit ein, er scheut sich auch nicht, seine Stimme in aktuellen Debatten zu erheben und sachlich, wie auch genüsslich, von ihm als falsch erkannte Positionen zu entlarven und auseinanderzunehmen. Danke dafür! Das Werk erscheint auch in dem richtigen Umfeld: Eckart Schott bietet in seinem Verlag Salleck Publications einer Vielzahl von Western-Serien an: Chinaman, Sauvage, Die Blauen Boys, Yakari, aber eben auch Einzelbände wie Go West oder Jessie Jane. Das Hardcover liegt trotz des Überformates noch gut in der Hand. Das Papier bringt die Illustrationen gut zur Geltung, die Bindung hält, was sie verspricht!
Die Ausstellung Staying West im schauraum comic + cartoon läuft vom 23. September 2023 bis zum 3. März 2024: Max-von-der-Grün-Platz 5-7, 44137 Dortmund.
Dazu passen Gene Autry, etwa mit “Ghost Riders in the Sky” und ein Cowboy Schwarz Bier der Hummelbrauerei!
In vielen Western spielen aus China Eingewanderte eine Rolle: Mal als Arbeiter beim Bau der Eisenbahnen, mal mehr stereotypisch als Betreiber*innen einer Wäscherei. Als Hauptpersonen trifft man sie eher selten an. Zwei Serien, die teilweise im ZACK veröffentlicht worden sind, stellen hier die Ausnahme dar. Zum einen die TV-Serien Adaption von Kung Fu, die in den alten Koralle-Tagen die Abenteuer von Caine erzählt hatte. Zum anderen die davon beeinflusste moderne Serie Chinaman. Nach einer Irrfahrt über mehrere Verlage liegt sie nun endlich erstmals komplett in einer zweibändigen Gesamtausgabe vor.
Rassismus und Erwartungshaltungen
Wie im ersten Band zu lesen war, hat sich der chinesische Kämpfer Chen Long Anh gegen seine Herren und die Triaden gewandt und ein eigenes, selbstbestimmtes Leben als John Chinaman begonnen. Dabei wird er immer wieder mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. Band 5, Zwischen zwei Ufern, beschreibt, wie er Ada, eine angehende Lehrerin davor rettet, ausgeraubt und getötet zu werden. Die junge Frau ist durchaus dankbar, aber keinesfalls bereit zu vergessen, dass ihr Retter einer fremden Kultur entsprungen ist. Trotz allem lassen sie sich in Blutsbrüder, einer deutschen Erstveröffentlichung, zusammen nieder. Sie müssen allerdings feststellen, dass ein Chinese möglicherweise noch gerade so geduldet werden kann, mehrere aber schon nicht mehr.
Dass nicht nur die Weißen Vorurteile hegen, wird in Entscheidung in Blue Hill deutlich. Obwohl Chinaman seine Vergangenheit abgestreift hat, lässt sie ihn doch nicht los. Im Schatten des Galgens muss der Held die tragischen Ereignisse verdauen und heuert bei einem Unternehmer an. Während einer der Fahrten trifft er auf einen notorischen Falschspieler, der wiederholt in gefährliche Situationen gerät. Während sich einerseits neue Freundschaften etablieren, entwickeln sich auch neue Feindschaften.
Diese kulminieren schließlich in Tucano, der zweiten deutschen Erstveröffentlichung, in einem Show-Down, der keinen Vergleich mit einer anderen Serie scheuen müsste. Die Serie von Serge Le Tendre und Olivier TaDuc verbindet klassische Elemente des Westerns mit dem ungewohnten Personal und eröffnet dadurch eine neue Perspektive auf Bekanntes. Diese gelingt umso glaubwürdiger als Olivier TaDuc durchaus aus eigenen Erfahrungen schöpfen kann. Sie versuchen aber auch, der Action nicht die Handlungshoheit zu übertragen. Sie ist notwendiger und integraler Bestandteil der Story, aber nicht Selbstzweck.
Natur und Martial Arts
Action, Pferde und Kühe sind Bestandteil jedes Westerns, müssen daher nicht besonders herausgehoben werden. Natürlich sind sie auch hier zu genießen. TaDuc liefert aber etwas mehr als das Gewohnte, lässt er doch Kombattanten traditionell kämpfen. Die Martial Arts Szenen wirken teilweise wie Standbilder aus einem Kung Fu Film und erfordern eine hohe Kenntnis nicht nur der Kampftechnik, sondern auch des Körperbaus.
Ein weiteres Element der Bildsprache sind die großartigen Landschaften. Sie unterstützen einerseits meditative Situationen, können aber auch eine bedrohliche Kulisse abgeben. Das Layout ist grundsätzlich in Streifen sortiert, bietet aber genügend Abwechslung durch das teilweise Aufbrechen der Rahmen und Überlappungen.
Endlich komplett!
In unserem westlichen Nachbarland, den Niederlanden, war diese Serie schon lange komplett erhältlich. Nun also endlich auch hier, und zwar in einer sehr gefälligen, zweibändigen Ausgabe. Der Anhang enthält einige Illustrationen, die als ExLibris ihren Weg in französische Comichandlungen gefunden haben und ein Interview zu den Hintergründen und ist damit sehr informativ.
Für alle Fans des Comic-Westerns fast schon ein Muss, für alle Freund*innen des Easterns aber ebenfalls einen wohlwollenden Blick wert! Abseits des Mainstreams und doch mittendrin; dieser Versuch gelingt. Wer weiter lesen will, sei auf das 20 Jahre spätere Sequel Der Tiger erwacht verwiesen.
Dazu passen The Devil Makes Three und ein Knob Creek Rye Whiskey!
Die Blauen Boys sind eine der erfolgreichsten und langlebigsten europäischen Western-Comic-Serien. Der erste Zeichner der Reihe war Salvérius; diese Abenteuer sind jüngst mustergültig auf Deutsch im Rahmen der Gesamtausgabe erschienen. Mittlerweile ist auch der Szenarist verstorben (mehr zu Cauvin in den exzellenten Vorworten der Gesamtausgabe von Sammy & Jack). Das vorliegende Album ist das letzte von Cauvin geschriebene. Im Original erschien dieser 64. Band erst nach der Nummer 65 von BeKa und Munuera, der deutschen Nummer 48 (Rezension in Kürze hier!).
Der Weg ist das Ziel, oder: Die Suche
Schon mehrfach stand Arabeske, das Pferd von Corporal Blutch, im Vordergrund einer Erzählung. Der running gag besteht darin, dass das Pferd sich beim ersten Granatendonner sofort fallen lässt und sich totstellt. Somit passt es perfekt zu dem Soldaten wider Willen, der am liebsten desertieren würde. Als Blutch zusammen mit seinem Vorgesetzten, Sergeant Chesterfield, von einem Auftrag zurückkehrt, müssen die beiden erfahren, dass alle Pferde von General Grant requiriert worden sind.
Sobald der erste Schreckmoment überstanden ist und dienstrechtliche Konsequenzen gerade noch einmal abgewendet werden konnten, machen sich die beiden auf die Suche nach dem Pferd. Wie immer nimmt Cauvin den Aufhänger der Geschichte zum Anlass, den Schrecken und die Sinnlosigkeit des Krieges darzustellen. Immer wieder stellt er dabei Gehorsam und gesunden Menschenverstand in unterschiedliche Ecken des Boxrings.
Ebenfalls wie immer schafft es der Meister des Humors aber auch, alte Bekannte in der Geschichte unterzubringen und ihnen neue Nuancen hinzuzufügen. Außerdem spielt er gerne mit Stereotypen, die ins Absurde überzogen werden. Streng genommen überschreitet er damit Grenzen, für diejenigen, die die Satire verstehen, drückt er aber genau das richtige Maß an Kritik der Verhältnisse aus.
Knollennasen und Pferde
Willy Lambil ist bekannt für seine Knollennasen, die sein Markenzeichen geworden sind. Zum Glück für einen Westernzeichner beherrscht er aber auch die Darstellung von Tieren sehr gut, unter anderem von Pferden. Ansonsten ist das Layout klassisch in vier Streifen angelegt, die jeweils den Abdruck von Halbseiten ermöglichen.
Emotionen werden üblicherweise überspitzt und ermöglichen einen Lesespass auch dann, wenn man der Sprache nicht 100%-tig mächtig ist. Inhaltlich ist aufgrund der Kriegsthematik der Comic allerdings nicht für alle Altersstufen geeignet, zumindest nicht ohne Begleitung. Zum Glück bleit Lambil der Serie noch etwas erhalten, der Übergang ist daher fließend.
Nicht nur für Traditionalist*innen
Für mich sind die Blauen Boys eine der besten Reihen aus dem frankobelgischen Spektrum. Nicht nur, dass sich Cauvin immer wieder neuer, oft historisch belegter Themen angenommen hat und diese auf eine (manchmal schwarz-) humorige Weise darstellte. Zusätzlich ist das Duo der beiden ungleichen Soldaten ein perfektes Komiker-Pärchen der besten Sorte.
Die in Deutschland immer noch etwas unterschätzte Serie hat über die Jahre hinweg jährlich abgeliefert und dabei mehrere Todesfälle überstanden. Mit den Einzelbänden und der parallelen Gesamtausgabe, die auch die „Altfälle“ neu übersetzt anbietet, ist die Chance gegeben, allen Fans einer anspruchsvollen Westernserie, von komischen Duos, als auch den Liebhaber*innen des „Spirou-Stils“ ein perfektes Lesevergnügen zu bieten.
Dazu passen Buster Shuffle, etwa mit „Go Steady!“ und ein Brand Oud Bruin!