Wie gewohnt publiziert Personalia viele der in StripGlossy vorveröffentlichten Comics anschließend als Album. Jelmer und die Meimoorden habe ich bereits besprochen, die Fantasy-Serie Saul folgt nun, wenn auch mit dem zweiten Band.
Die Story
Saul ist ein typischer Fantasyheld: muskelbepackt, kampferprobt und freier Oberkörper. Der Planet Boritas auf dem die Geschichte spielt bietet einerseits archaische Krieger, die mit Schwertern oder Pfeil und Bogen ausgerüstet sind, andererseits aber auch Reste einer technischen Zivilisation, die über U-Boote und andere fortschrittliche Maschinen verfügt. Das Wissen darum ist aber den meisten verlorengegangen.
Im ersten Band ist Saul von Lea, einer Schwertkämpferin und Kopfgeldjägerin, gefangengenommen worden. Lea will – und das ist der Start der zweiten Folge – Saul in der Hauptstadt Hyremdahr abliefern um die auf ihn ausgesetzte Belohnung von 80.000 Sem zu kassieren. Auf dem Weg in die Stadt müssen sie ein großes Wasser überqueren, finden allerdings keinen Skipper, der sie übersetzen würde. Sie alle haben Angst da bisher niemand zurückgekehrt ist.
Die beiden machen sich also in einem kleinen Boot selbst auf den Weg und damit beginnt die gefährliche und abenteuerliche Reise die jede*n Rollenspieler*in in hellste Freude versetzen würde! Ungeheuer, tierische Gegner, technische Fallen, der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Die Story von Willem Ritstier folgt natürlich genretypischen Pfaden, macht das aber auf durchaus spannende Weise und weiß daher zu gefallen! Für alle Storm oder Conan Fans und natürlich für die Liebhaber*innen von Flash Gordon empfiehlt sich durchaus ein Blick!
In den Niederlanden ist Ritstier durchaus bekannt da er in fast allen Comic-Magazinen und auch in einigen Tageszeitungen mit seinen Strips vertreten war. In Deutschland ist nur wenig davon veröffentlicht und so dürfte er am ehesten als Szenarist von Ronson und eines Storm-spinn offs in Erinnerung geblieben sein.
Die Zeichnungen
Apri Kusbiantoro zeichnet ganz in der Tradition von Don Lawrence, dem ursprünglichen Zeichner von Trigan und Storm. Die Gesichter sehen zwar nicht immer gleich aus, es gelingt ihm aber überzeugend, Emotionen in ihnen darzustellen! Sein Verständnis des Körpers ist dagegen sehr hoch entwickelt und so sehen die Kampfszenen sehr realistisch aus.
Für dieses Genre ist ebenfalls notwendig, dass der Zeichner fremde Welten glaubwürdig darstellen kann: Flora und Fauna müssen nicht nur furchteinflößend sein, sondern auch so andersartig, dass Leser*innen sich sofort in einer fremden Umgebung wähnen. Auch das gelingt dem in Indonesien geborenen Künstler sowohl bei den technisch geprägten Landschaften als auch unter Wasser perfekt! Die Affen wirken dagegen etwas wie aus einem frühen Science-Fiction Film.
Der Seitenaufbau und die Gestaltung der einzelnen Panels sind sehr flexibel und abwechslungsreich genug. Obwohl Kusbiantoro an dem klassischen Aufbau festhält sprengen einzelne Rahmen immer wieder das Muster und verlassen auch die rechteckige Form und selbst ganzseitige Illustrationen finden ihren Platz.
Ein gelungenes klassisches Fantasyabenteuer mit SF Einschlag braucht etwas härtere Musik als Begleitung; ein Grund mal Tagada Jones zu empfehlen! Dazu passt die „Hopfenanarchie“ vom Brauhaus Thombansen.
Das erste Halbjahr 2020 bringt Klassiker für alle! Überraschungen inklusive 🙂
Ansgar Lüttgenau, Programmleiter von All Comics beantwortete unsere Fragen
Das neue Jahr steht vor der Tür und damit auch die neuen
Halbjahresprogramme der Comic-Verlage. Ich habe kurz vor Weihnachten das
folgende Interview mit Ansgar Lüttgenau geführt. In den ersten sechs Monaten
von 2020 werden insgesamt elf verschiedene Titel erscheinen. Jeden einzelnen
davon wird es auch als limitierte Vorzugsausgabe geben!
c-o: Hallo Ansgar,
kannst Du Dich den Leser*innen von comix-online kurz vorstellen? Was machst du,
wenn Du nicht gerade am neuen Programm bastelst?
Obwohl wir mit mehr als 20 Neuerscheinungen im Jahr mittlerweile eine Größe erreicht haben, die eigentlich eine Vollzeitbeschäftigung voraussetzt, läuft der ganze Verlag immer noch als Hobby so nebenher. Den Lebensunterhalt verdiene ich im Vertrieb bei einer Wirtschaftsauskunftei und wenn ich nach Feierabend mal nichts für den Verlag machen muss, freuen sich auch die Kinder mal ihren Vater zu sehen.
c-o: Der All-Verlag
wird immer mehr zu einem Ort für Klassiker; 2019 hast du einerseits alte
ZACK-Recken wie Bruno Brazil und Luc Orient zurückgebracht,
andererseits aber auch mit Wally Wood einen Altmeister der Science
Fiction verlegt. Natürlich dürfen wir bei dieser Aufzählung auch André
Franquin nicht vergessen. Welche Überraschung bietet das neue Programm?
Ein Verlag für Klassiker. Das ist tatsächlich die Richtung in die es gehen wird. Speziell Klassiker für die es keine Druckdaten im Ausland mehr gibt, sollen in den nächsten Jahren das Rückgrat des Programms bilden. In dem Bereich gibt es noch echte Perlen, an die sich wegen des Aufwands niemand sonst ranwagt. Sozusagen als Test veröffentlichen wir ab Mai die Serie Alain Chevallier von Christian Denayer von dem wir ja auch schon Wayne Shelton im Programm haben. Diese Rennfahrerserie, die es seit Jahrzehnten auch in Frankreich nur noch antiquarisch gibt, lief übrigens in den 1970er Jahren unter dem Titel Rolf Thomsen auch im alten Zack. Das hat dann natürlich auch was mit Autorenpflege zu tun, die uns sehr wichtig ist. Deshalb wird es auch weiteres Material von Paape und Vance geben. Aber das ist noch Zukunftsmusik.
Neben André Franquin werden demnächst (vielleicht)
auch noch weitere große Namen zu den bei uns veröffentlichten Künstlern zählen.
Los gehts in diesem Programm mit Goscinny
und Tabary. An weiten Projekten z.B.
von Moebius und Hermann arbeiten wir. Mal sehen, was da noch geht.
c-o: Wie schwierig ist es, gleichzeitig für Serien wie Hombre auf der einen und etwa Valentin auf der anderen Seite Werbung zu machen?
Da musst du unseren Grafiker fragen. Der hat da mehr oder weniger freie Hand. Im Prinzip macht das aber keinen großen Unterschied. Wichtig ist eigentlich nur, dass man die richtige Werbung im richtigen Objekt macht. Für den Franquin/Gotlib-Titel Slowburn haben wir zum Beispiel eine „Anzeige“ im aktuellen Buchjournal gemacht, das in einer Auflage von 220.000 Exemplaren in fast jeder Buchhandlung in Deutschland ausliegt. Das bot sich einfach an, weil wir für diesen Titel, der sich optimal als kleines Geschenk eignet, als Absatzkanal weniger den Comichandel sondern mehr den klassischen Buchhandel sehen. Außerdem versuchen wir natürlich immer auch außerhalb des klassischen Comicbereichs wahrgenommen zu werden und haben uns in letzter Zeit deshalb besonders gefreut, dass unsere Titel auch in Medien wie dem Tagesspiegel bzw. der Süddeutschen Zeitung Erwähnung gefunden haben.
Vorzugsausgabe von Alwilda 2
c-o: In den folgenden
Monaten wirst Du einerseits vier Gesamtausgaben bringen, daneben startet mit Alain
Chevallier aber auch ein Klassiker wieder mit Einzelbänden. Welche
Überlegungen stecken dahinter? Oder folgst du damit den Vorgaben der Lizenzgeber?
Meiner Meinung nach geht der Trend grundsätzlich wieder zu Einzelbänden. Die nehmen zwar mehr Platz im Regal weg, bieten aber eine viel bessere Möglichkeit eine Serie zu präsentieren. Wenn es allerdings wie bei Lady S. oder Wayne Shelton bereits Einzelalben in adäquater Form gibt, entscheiden wir uns in der Regel für Gesamtausgaben. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Welche Publikationsform wir wählen, entscheiden wir im Einzelfall. Nicht zuletzt spielt dabei natürlich auch die Überlegung nach der Verkäuflichkeit eine große Rolle. Vom Lizenzgeber gibt es diesbezüglich eigentlich normalerweise keine Vorgaben.
Vorzugsausgabe Lady S. 2
c-o: Im Regelfall
erscheinen neben dem regulären Band auch Vorzugsausgaben. Warum sollte man sich
diese zulegen?
Gute Frage. Unsere Vorzugsausgaben enthalten ja einen Schutzumschlag oder ein Variantcover und ein auf 111 Exemplare limitiertes nummeriertes und, wenn der Zeichner noch lebt, auch signiertes Exlibris. Das macht die Bücher grundsätzlich um einiges hochwertiger. Außerdem bekommt man nur in den Vorzugsausgaben das komplette Bildmaterial. Bei Luc Orient sind das zum Beispiel Illustrationen die für französische Exlibris, Poster usw. entstanden und als Drucke nur in unseren VZA enthalten sind. Bei Bruno Brazil sind es Cover der französischen Alben Neuausgaben und bei Hombre bzw. Wally Wood Alben- und Heftcover die nicht im Bonusteil auftauchen sondern die wir exklusiv nur für unsere Exlibris verwenden. Bei Alben von Künstlern die noch unter uns weilen, wie Lady S. oder Wayne Shelton lassen wir natürlich exklusiv neue Illustrationen anfertigen. Für mich ist dabei der direkte Kontakt mit dem Künstler eigentlich immer das interessanteste. Manchmal gibt es dabei aber auch Anforderungen die kaum zu erfüllen sind. So hatte sich der 79jährige Richard Corben ausbedungen die Exlibris Blätter von Schatten auf dem Grab nur zu signieren, wenn die Versand- und Zollformalitäten auch für die Rücksendung komplett von uns übernommen werden. Da das von Deutschland aus nicht möglich war, mussten wir einen in den USA lebenden Onkel meiner Frau, von dessen Existenz ich erst wenige Wochen vorher durch Zufall überhaupt erst erfahren hatte, bitten das für uns zu übernehmen. Das Ganze war eine ziemlich aufwändige Aktion die mehrere Monate gedauert hat und die ich mir so sicher nicht nochmal antun würde.
c-o: Wie sieht es
2020 mit Messen und Börsen aus? Kann man euch im nächsten Jahr irgendwo auch
persönlich treffen?
Natürlich werden wir auch 2020 wieder im Mai und November einen Stand auf unserer „Heimbörse“ in Köln haben. Wer die nächsten Luc Orient Ausgaben oder die Valentin Gesamtausgabe von Goscinny bereits einige Zeit vor dem eigentlichen Verkaufsstart erwerben will, sollte dorthin kommen. Meist haben wir dort das Maiprogramm erstmals dabei. Die wichtigste Veranstaltung im nächsten Jahr wird für uns aber der Comic Salon in Erlangen sein. Da wir bis dahin auf fast 100 Veröffentlichungen zurückblicken können, ist es an der Zeit endlich auch in diesem Bereich etwas professioneller aufzutreten. Deshalb haben wir uns entschlossen eigens einen Messestand bauen zu lassen an dem wir dann mit Christian Denayer (Wayne Shelton/Alain Chevallier) und Philippe Aymond (Lady S./Bruno Brazil Neue Abenteuer) zwei unserer „Hauskünstler“ adäquat präsentieren können.
c-o: Dein Tipp für
das erste Halbjahr? Was sollte man sich als Comicfan auf gar keinen Fall
entgehen lassen?
Da müsste ich ja jetzt das komplette Programm aufzählen. Aber für mich persönlich sind natürlich die alten Zack-Serien Luc Orient, Bruno Brazil und aktuell Alain Chevallier (Rolf Thomsen) ein besonderes Highlight, weil ich damit aufgewachsen bin. Außerdem freue ich mich immer über einen neuen Band der Wally Wood Gesamtausgabe. Da erscheint der nächste Band aber erst wieder im 2. Halbjahr 2020. Übrigens eins der wenigen Bücher die ich nochmal lese, wenn sie von der Druckerei geliefert worden sind. Bei den meisten Büchern reicht es mir, wenn ich sie während des Produktionsprozesses x-mal gelesen habe.
Ex Libris der Hombre Vorzugsausgabe
c-o: Für die
Statistik zum Abschluss noch ein kurzer Rückblick auf 2019: Was waren deine
Topseller? Gab es positive oder negative Überraschungen mit denen Du so nicht
gerechnet hättest?
Unser Topseller ist immer noch Wunderwaffen. Davon gehen immer jeweils deutlich über 1000 Exemplare mit der ersten Auslieferung in den Handel. Einige Bände sind bereits in der 3. Auflage und es stehen schon wieder weitere Ausgaben zur Neuauflage an. Ein unerwarteter Verkaufserfolg war auch Hombre. Obwohl wir uns in unserem Internetform einige Kritik wegen der nicht chronologischen Veröffentlichung gefallen lassen mussten, ist der Titel seit einigen Wochen, bis auf ein paar Büchern in unseren Shop, komplett vergriffen. Voraussichtlich wird es eine Neuauflage zusammen mit Band 2 im Februar geben. Slowburn und Die neuen Abenteuer von Bruno Brazil werden wohl die nächsten Topseller werden. Genaueres kann man aber erst sagen, wenn die erste Abrechnung vom Vertrieb vorliegt.
c-o: Besten Dank und
wir freuen uns mit Dir auf das starke Programm!
Der Untertitel „Magazin für Comic, Illustration und Trivialkultur“ gibt ziemlich genau wieder was Leser*innen von CAMP erwarten dürfen! 148 prall gefüllte, stabile und mit unzähligen Abbildungen versehene Seiten entführen in völlig unterschiedliche Spielarten der Populärkultur und laden – jahreszeitlich passend – zu gemütlichen Stunden am Kaminfeuer ein. Das Schwesterprojekt „Reddition“ widmet sich dagegen seit über 30 Jahren jeweils einem oder zwei Themen aus der Welt der Comics.
Man mag bei der CAMP möglicherweise eine gewisse Konstanz vermissen, erschien doch die erste Ausgabe bereits 2014, die zweite dann 2016 und gerade noch in diesem Jahrzehnt nun die dritte! Das Konzept wurde aber beibehalten und nur modernisiert: lange, in die Tiefe gehende Artikel, auch, aber nicht ausschließlich über fast vergessene Comicschätzchen. Dazu kommen Beiträge über die (fast vergessenen) Illustrator*innen, die in der ersten Nachkriegsjahren mit ihren Titelbildern für den Siegeszug des Taschenbuchs gesorgt haben und neue Literatur in das geistig verdorrte Deutschland transportierten oder eine Untersuchung über die Form und Gestalt der Raumschiffein der Science-Fiction-Literatur bzw. wiederum in ihren Titelillustrationen.
Comic-Geschichte
Der Schwarze Wolf hat es bei Bastei auf immerhin 119 übersetzte Episoden gebracht; Im Original bei Vaillant/Pif Gadget gab es 161. Durch die hier abgedruckte Geschichte reduziert sich die Lücke um eine weitere Geschichte. Ulrich Wick erzählt aber auch die Geschichte dahinter, den etwas anderen Anspruch des französischen Magazins aus dem Verlag der Kommunistischen Partei, und die Referenzen auf eben diese Serie in der französischen Literatur.
Bob Kane ist sicherlich den meisten ein Begriff, gilt er doch als der Erfinder von Batman. Wieviel wirklich von ihm stammt und welchen Anteil andere wie Bill Finger oder die verschiedensten Geisterzeichner gehabt haben könnten, untersucht Will Murray.
Dazu gibt es eine Übersicht über die verschiedensten Laurel & Hardy-Comics. Durch den Film im letzten Jahr wurden die Beiden wieder in das (Massen-)Bewusstsein gebracht; die Comics über sie sind eher keine Erfolgsgeschichte.
S. Clay Wilson ist ein Vertreter des amerikanischen
Underground. Eine Zeitlang war er auch in Deutschland „hip“ und durfte etwa für
2001 Burroughs illustrieren. Seit
2008 ist der Künstler ein Pflegefall und auf Spenden angewiesen.
Den Grenzbereich vom Comic zur Illustration nimmt Loriot
ein. Dietrich Grünewald erzählt, warum
Loriot hier trotzdem richtig ist und führt in seine Werke ein.
Illustration
Magische Postkarten sind old-school. Sie lassen sich nur einmal in einen neuen Zustand versetzen, erlauben es dadurch aber eine sequentielle Geschichte zu erzählen. Man braucht nur eine Wärmequelle… Anfang des letzten Jahrhunderts waren diese auch im Comic-Bereich ein beliebtes Werbemittel. Sie sind aber leider ziemlich in Vergessenheit geraten. Hier erfolgt der blick zurück.
Bei Dave McKean sind die Ansichten
durchaus geteilt: Während die einen von seinen neue Wege beschreitenden
Bildern/Collagen schwärmen, die dem Comic etwa in Arkham Asylum neue Horizonte
erschlossen hätten, halten andere es für artifiziellen überflüssigen Krams. Unzweifelhaft
hat McKean aber eine völlig neue
Darstellungsform in den US-Mainstream gebracht.
Trivialkultur
Abschließend wird noch der amerikanische Fanzine-/Magazin
Herausgeber Charles N. Brown gewürdigt der das „Locus“ von 1968 bis zu seinem Tod im Jahre 2000 gemacht und geprägt
hat. Das Locus gibt es immer noch und es ist immer noch eine der wichtigsten
Informationsquellen in, über und für Science-Fiction!
Der Blick nach Japan darf nicht fehlen. Hier geht es aber nicht um eine der vielen Manga-Serien oder Richtungen, sondern um „ero guro“, ein zugrunde liegendes Kunstphänomen, das schon älter ist und viele Wildheiten mit sich bringt.
Fazit
Tiefergehende Information ist heute nicht unbedingt selbstverständlich und oft fehlt dafür auch wirklich die Zeit. Umso schöner, dass das CAMP unregelmäßig (und deshalb umso willkommener) dieses Bedürfnis befriedigt und „unnützes Wissen“ in seiner besten Form darbietet!
Viele, tiefgehende Artikel und sorgfältig ausgewählte
ergänzende Illustrationen in einem stimmigen Layout sind die 15 € allemal wert!
Mein Tipp für die anstehenden Urlaubstage zur Flucht in triviale Welten, gerne
auch ohne einen Kamin!
Dazu passen irgendwie schräge und unbekanntere Klänge: Grabt
doch mal nach deutscher Mod-Musik (zur falschen Zeit am falschen Ort) oder nach
Northern Soul Perlen! Ein Bordeaux sollte dabei unterstützend wirken können.
Ach was waren das für Zeiten: unaufgeregt, von keiner Klima-
oder Gesundheitskrise betroffen und zukunftsorientiert! Schick angezogene
Männer und Frauen, gerne im Fantasie-Uniform-Style, laufen rauchend durch
Raumschiffe, betreten fremde Welten und erkennen, dass der Schein manchmal
trügt, gleiche Entwicklung auch gleiche Ergebnisse bringt oder dass heiraten
tödliche Folgen haben kann.
In allen im zweiten Band der Sammlung von Wally Woods Geschichten aus den EC-Magazinen steht die Technik nicht im Vordergrund. Sie ermöglicht Raumflüge, Zeitsprünge und alles andere, hat aber immer nur unterstützenden Charakter. Der Mensch bleibt derjenige, der Katastrophen auslöst, wenn er sich mal wieder allmächtig fühlt, seinen sexistischen Vorlieben folgt oder einfach nur zu spät reagiert.
Dazu kommen dann auch noch Geschichten, die der Menschheit
einen Spiegel vorhalten, etwa indem sich die Entdecker einer uralten
Marszivilisation mit dem Konzept des „Monsters“ auseinandersetzen müssen. Mein Tipp für ein erstes Reinlesen ist aber „
Projekt … Überleben“.
Die Umsetzung
Insgesamt 18-mal darf Wally Wood seine Zeichenkunst in Geschichten zeigen, 7-mal werden zusätzlich ganzseitige Illustrationen von Covermotiven integriert. Im Mittelpunkt stehen dabei wieder die beiden Reihen Weird Fantasy und Weird Science aber auch der in Shock Suspenstory 2 enthaltene Beitrag fehlt nicht.
Keiner kann Monster so genial in Szene setzen ohne im
Vorfeld schon eine klare Richtung vor zu geben. Oft ist bis zum letzten
pageturner nicht klar, auf welcher Seite sich Monstrositäten offenbaren werden
und wo die Opfer zu verorten sind. Der Seitenaufbau ist dabei gar nicht mal so
abwechslungsreich. Auf die grafisch ansprechende, individuelle (und in der
deutschen Ausgabe perfekt übersetzte/angepasste) Startseite erfolgt ein relativ
starres dreireihiges Schema. Dieses variiert in der Anzahl der Panele sowie der
Höhe häufig und bietet anhand der Schraffuren und der vielen Details ein
perfektes Gerüst für die kräftige aber immer noch unterstützende Kolorierung.
Wood bietet aber nicht nur anregende fremde Landschaften sondern auch einen fast perfekten Einblick in die Emotionen seiner Figuren über die Gesichtszüge und Körperhaltung und lässt sich den Stress der kurzen Abgabefristen nicht anmerken.
Abgerundet wird der Band durch den Essay von Helmut Kronthaler über das offizielle
Verhältnis zwischen Verleger Gaines
und Ideenlieferant Ray Bradbury sowie
einer Comicographie der von Bradbury
autorisierten Adaptionen seiner Stories in den EC-Titeln.
Der Ausblick
Leider wird es nur drei Bände geben, denn dann ist das Material erschöpft. Diese lohnen sich aber unbedingt und sollten nicht nur bei allen Liebhaber*innen klassischer Science Fiction, der Gruselgeschichten und der Pulps im Regal stehen, sondern auch bei denjenigen, die gute, kurze Geschichten lieben, die nicht vorhersehbar sind, spannend und ohne Popcornkinoelemente auskommen! Schade, dass aufgrund der politischen Umstände diese Blüte der Horror/Fantasy/Science Fiction-Literatur nur eine kurze Lebensspanne hatte. Aber vielleicht verdanken wir dieser Situation dafür die Langlebigkeit des MAD.
ExLibri der Vorzugsausgabe
Natürlich gibt es auch wieder eine limitierte Vorzugsausgabe mit anderem Cover und einem ExLibris. – Zu Band 1.
Dazu passen quietschbunte Cocktails und die herrlich
schrägen Horrorpops!
Wo: Im Museumsshop des Max Ernst Museum Brühl des LVR, Comesstraße 42/Max-Ernst-Allee 1, 50321 Brühl noch bis zum 16. Februar 2020 (montags geschlossen) – VERLÄNGERT bis zum 29. März!!
Es gibt zwei Arten von Ausstellungskatalogen
Auf der einen Seite stehen diejenigen, die ein Thema aufnehmen,
Leser*innen abholen wo auch immer sie stehen mögen und die gezeigten Exponate
im Kontext des Textes präsentieren. Im comic-Bereich wären Beispiele dafür etwa
die Kataloge von Dr. Alexander Braun
(Going West oder die beiden Dortmunder
Ausstellungen zu Carl Barks und dem
Zweiten Weltkrieg im Comic) oder zur Ausstellung in Oberhausen über Rolf Kauka und sein Universum. Bei
diesen handelt es sich eher um bebilderte Sekundärwerke.
Auf der anderen Seite stehen die Kataloge, die sich eher am traditionellen Kunstbetrieb orientieren. Die Ausstellung, also die ausgestellten Werke stehen im Vordergrund und sollen in möglichst farbechter, angemessener Weise die Ausstellungsbesucher*innen noch Jahre später an den Besuch erinnern. Auch hier gibt es natürlich begleitenden Text. Dieser richtet sich aber nicht an die Masse, sondern führt einen kunsthistorischen oder kunstphilosophischen Diskurs (fort).
Beide habe ihre Vor- und Nachteile, bedienen sie doch
vollkommen unterschiedliche Segmente der Besucher*innen und schließen sich in
gewisser Weise sogar aus.
Der Katalog zur Moebius-Ausstellung
gehört eher in die zweite Kategorie. Hochpreisig und auf gutem Papier präsentiert er die meisten Exponate der Ausstellung und ist in gewisser Weise selbst Kunst, keinesfalls aber ein Gebrauchsgegenstand. Natürlich enthält er die notwendigen Fakten über den Künstler Jean Giraud und ebenso natürlich ist ihm die Begründung zu entnehmen, warum die Exponate des Visionärs genau hier im Max-Brühl-Museum gezeigt werden; welche Verbindungslinien können zwischen dem als entartet beschimpften Mitbegründer der Moderne und dem Träumer und visionär gezogen werden, wo sind Grenzen? Moebius ist also einer der Comicschaffenden, der den Sprung vom Alltagsvergnügen bereitenden zum Künstler (der 9. Kunst) geschafft hat.
Viele dieser Verbindungen laden möglicherweise sogar zu
einem zweiten, jetzt informierteren Besuch in die Ausstellungen ein!
Auch das Informationsbedürfnis des Comicfans wird aber bedient. In verschiedenen Beiträgen wird auf die Inhalte, die Motive und Inspirationen eingegangen und nicht nur analysiert, sondern auch erklärt. Insbesondere wird auf Moebius als Wanderer zwischen Innen- und Außenwelt eingegangen, seine Reisen, die die Welten ermöglicht haben und das ständige Bedürfnis, ‚aus dem Rahmen zu fallen‘.
Im Mittelpunkt aber stehen die Abbildungen: großformatig,
manchmal allerdings über zwei Seiten ausgeführt, erlauben sie es, den Genuss zu
verlängern.
Für Fans sicherlich kaum eine Entscheidungsfrage. Gelegenheitsbesucher*innen, die sich vertieft mit Moebius beschäftigen wollen, finden mit dem Katalog einen soliden Startpunkt! Da der Katalog zweisprachig ist (deutsch/english) kann man ihn guten Gewissens auch allen Besucher*innen empfehlen!
Moebius, so das Pseudonym des Zeichners und Szenaristen Jean Henri Gaston Giraud für die Science-Fiction orientierte Hälfte seines Schaffens, wird in einer großen Ausstellung im Max-Ernst-Museum Brühl des LVR gewürdigt. Moebius ist Wegbereiter, Pionier und Meister des modernen französischen Erwachsenencomics zugleich und hat Psychologie, Architektur, (Natur-)Religionen und Avantgarde in den Comic gebracht als der große Bruch erfolgte zwischen den klassischen, religiös geprägten Magazinen Tintin und Spirou auf der einen und Pilote und Metal Hurlant auf der anderen Seite.
Die Location ist durchaus passend gewählt, war doch Max Ernst als Expressionist, Dadaist und
Surrealist ebenfalls immer auf der Suche nach neuen, noch besseren Ausdrucksmöglichkeiten.
Für 10,50€ können beide Ausstellungen besucht werden. Der Keller ist dabei dem
jüngeren gewidmet: Eine große, etwas unterteilte Fläche ermöglicht die
Präsentation von verschiedenen Aspekten des Schaffens in Originalen oder
vergrößerten Abbildungen der Zeichnungen.
Die Exponate
Besonders heraus stechen die großformatigen Bilder, die mit Hilfe eines kostenlosen WLANs und einer ebenfalls kostenlosen App namens Artivive animiert werden. Diese Augmented Reality passt zu dem Science-Fiction Sujet perfekt und macht zudem Spaß. Überall stehen Betrachter*innen, die auf ihr Smartphone starren… Da sich die Sequenzen teilen lassen, haben auch die zuhause gebliebenen Freunde und Verwandten etwas von der Ausstellung – ein großes Plus!
Dabei ist die Aufteilung der einzelnen Räume sehr durchdacht;
acht Themenbereiche bieten einen Einblick in die verschiedenen Themenspektren,
die jeweils von einem oder zwei Zitaten begleitet werden. Sie zeigen etwa in
den Bereichen „Spiritualität und Alchemie“ oder „Abstraktionen“ das Moebius mehr ist als „nur“ ein Comiczeichner
und nicht nur der Subgattung der Neunten Kunst, sondern der gesamten Kunst neue
Aspekte hinzugefügt hat.
In „Der doppelte Mensch“ setzt sich Giraud mit der Schizophrenie auseinander. Seiner Meinung nach ist
sie ein sehr menschlicher, positiver Zustand, der hilft zu überleben. Sie werde
allerdings erst dann als Schizophrenie benannt, wenn sie beginne zu entgleisen.
Diese Haltung wird in den gezeigten Werken, insbesondere in der Kampfszene
deutlich. Aber auch hier gilt: Ohne Katalog oder Vorwissen eigentlich unverständlich.
Trotzdem ist dieser Teil für mich der beeindruckendste, vielleicht weil er
soviel persönliches beinhaltet und für jede*n Betrachter*in nachvollziehbar
ist.
Die Präsentation
Wie so oft in Deutschland ist die Präsentation ansonsten
aber nur etwas für Profis. Wer sich mit dem Thema und dem Künstler auskennt,
wird den Besuch genießen: Viele Originale hängen an den Wänden und sind auch
tatsächlich aus geringer Distanz betrachtbar. Informationen oder gar eine
Erklärung, warum eben dieser Moebius so
berühmt geworden ist, welche Techniken, Themen oder Gedanken er in den modernen
französischen/europäischen Comic eingebracht hat (oder gar, wie der Comic
vorher ausgesehen hat), fehlen vollkommen und auch das eine Bild mit der
Abbildung von Mike S. Blueberry
erklärt nicht wirklich den Unterschied zwischen Gir und Moebius…
Dazu kommt die Tatsache, dass Max Ernst zwar in Brühl geboren worden ist, wesentliche Teile seines Lebens aber in den USA und Frankreich verbracht hat. Dementsprechend sind die Texte zu seiner Ausstellung auch dreisprachig. Solche Übersetzungen der Texte des französischen Künstlers aus dem Original der Abbildungen ins Deutsche oder aber der deutschen Zitate in Englische/Französische vermisst man leider im Keller bei der Moebius gewidmeten. Auch wenn Europa immer mehr zusammenwächst, der gegenseitige Museumsbesuch außerhalb von Großstädten scheint weiterhin nicht vorgesehen zu sein.
Es werden aber einige Veranstaltungen und Führungen angeboten; das Programm ist unter der Seite des Museums abrufbar.
Das Drumherum
Wer übrigens vor oder nach dem Kunstgenuss ein Getränk oder
eine Speise zu sich nehmen möchte sollte tunlichst auch bei Starkregen ein paar
Schritte in Richtung Bahnhof gehen und dort einkehren! Dort ist man in der
Lage, auch bei größerem Andrang schnell und freundlich qualitativ hochwertige Produkte
feilzubieten.
Fazit: Die Moebius-Schau sollte man als Fan von modernem europäischem Comic auf jeden Fall gesehen haben. Die Mitnahme eines/einer Gelegenheitskonsument*in erfordert aber eine eigene hohe Erklärungs- und Vermittlungsbereitschaft oder die Investition in einen Katalog (vor dem Verlassen). Dieser ist mit fast 50€ aber nicht billig. Eine Besprechung erfolgt in Kürze.
Dr. Who ist so britisch wie Fish & Chips oder Salt and Vinegar
Crisps, hat aber auch außerhalb der Insel eine immer größere Fangemeinde. Die
erste Folge dieser Kult-TV-Serie wurde am 23. November 1963 ausgestrahlt und
der erste Doctor verstarb bereits 1975. Während andere Serien sich mühsam über
nächste Generationen hangeln mussten, übernahm hier einfach der nächste Doctor als
weitere Inkarnation des vorherigen und so amtiert seit zwei Jahren der
mittlerweile Dreizehnte. Und da sich selbst in Good Old England alles ändert
ist „er“ erstmals weiblich: Jodie
Whittaker verkörpert den Doctor recht erfolgreich. Die Comics folgen der
TV-Serie mit ihrem Personal und so sind nun auch in Deutschland die hier bei
Panini erscheinenden ersten Bände des (oder der?) dreizehnten Doctors
erhältlich.
Der Doctor ist ein Timelord, ein Außerirdischer, der mit seiner Zeitmaschine in der Zeit reisen kann. Diese wird TARDIS genannt und sieht auf der Erde aus wie eine Polizeinotrufsäule, für Nicht-Engländer in etwa also wie eine Telefonzelle. Die TARDIS ist nicht nur eine Maschine sondern scheint auch eine Art KI zu sein und weiß daher auch von Zeit zu Zeit, wann sie ungerufen aufzutauchen hat. Und da das Alleinsein uncool ist hat der Doctor auch immer Begleiter*innen um sich.
Der Inhalt
Der dreizehnte Doctor und ihre Truppe werden bei der
Betrachtung eines besonderen Himmelsschauspiels von einem Mann gestört, der vom
Himmel fällt. Sie beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen und gelangen
mit Hilfe der TARDIS in das Reich des Sammlers.
Dieser – ebenfalls ein Außerirdischer – hat zwei Menschen gezwungen, für ihn
wertvolle Kunstschätze zu stehlen. Zusätzlich hat er noch ein paar Kinder in
seiner Gewalt.
Der Timelord kann so eine Verfehlung natürlich nicht durchgehen lassen und daher geht es nun darum, den Sammler zu überlisten, die gefangenen Kinder unversehrt zu befreien und wenn möglich auch noch die Diebe wider Willen zu retten. Die Begleiter*innen, die ebenfalls neu und somit unbekannt sind, werden dabei mit ihren Eigenarten geschildert und dürfen sich profilieren.
Die Bonusstory des diesjährigen Free Comic Book Days zeigt die multinationale und diverse Truppe
auf einem Rummel. Leider gibt es eine besondere Regel beim Wurfstand: Der
Verlierer – also eigentlich jeder Teilnehmer – wird Bestandteil des
Gewinnsortiments und geht in den Besitz des Budenbesitzers über. Das ist mal
eine ganz andere Art der Jahrmarktsblamage…
Die Umsetzung
Technisch ist an der Klappenbroschur des Panini-Verlages
nichts auszusetzen: Vernünftige Bindung, gutes Papier, satte Farben und sogar
Glanzlackapplikationen auf dem Umschlag!
Auch storytechnisch gefallen mir die beiden Geschichten von Jody Houser, die sich ihre Meriten u. a. mit Star Wars, Spider-Man und Stranger Things redlich verdient hat: spannend, humorvoll und gut getimed. Auch Giorgia Sposito, die die Bonusgeschichte gezeichnet hat, liefert eine gute Leistung ab! Sie ist noch jung und steht am Anfang ihrer Karriere, wird aber in diesem Segment sicherlich eine brillante Zukunft haben. Enttäuschend sind dagegen die Zeichnungen von Rachael Stott. Auch Rachael hat eigentlich eine ganz beeindruckende Liste von Titeln in ihrer Liste, die Einfühlung in Dr. Who gelingt aber nur suboptimal. Die Titelheldin sieht fast in jeder Zeichnung anders aus; ihr geschätztes Alter reicht von etwa 15 bis 40 und das Gesicht geht von rundlich über länglich hin zu fast spitz. Auch die Haare wirken manchmal wie frisch gewaschen und sehen direkt im nächsten Bild fettig aus. Schade eigentlich, denn die anderen Figuren sind ganz ordentlich geraten und Dekors und der Sammler sogar gut. Ansonsten gibt es das typische „Heft-Layout“ mit Soundwords und bunten Knalleffekten in üblicher Qualität.
Natürlich gibt es wieder eine Galerie der Titelbilder der
verschiedenen Ausgaben als Bonus und eine Einführung in die Charaktere der
Doktrin und ihre Begleiter*innen.
Dazu passen ein englisches Bitter und The Carrols mit z. B. Surrender Your Love.
Zeichner*innen sind die Aushängeschilder der Neunten Kunst. Sie werden gefeiert, gewürdigt und mit Dossiers gewürdigt. Szenarist*innen dagegen führen ein Schattendasein, werden vergessen, ignoriert oder bestenfalls als Teil eines Duos gesehen. Trotzdem wurde der siebzigjährige PierreChristin im Januar 2019 in Angoulême für sein Lebenswerk ausgezeichnet und mit „Ost-West“, gezeichnet von Philippe Aymond, liegt auch seine Biographie vor. Eben jenes Werk war seine 99. Veröffentlichung; genug Stoff also, um zurückzublicken, einzuordnen und zu werten.
Der Autor
Pierre Christin ist in Paris aufgewachsen und hat bereits als Kind Jean-Claude Mezieres kennengelernt. Jener sollte später seine Karriere als Comic Zeichner ausschließlich auf Szenarios von Christin aufbauen, insbesondere die ursprünglich im Koralle-ZACK und später bei Carlsen veröffentlichte Science-Fiction Reihe „Valerian und Veronique“ machte die beiden in Deutschland bekannt. Der Szenarist hat aber auch mit vielen anderen Stars wie Enki Bilal, Annie Goetzinger, Jean Vern oder eben Philippe Aymond zusammengearbeitet. Die wichtigsten Stationen dieses langen Schaffens werden in der Reddition 70 in gewohnt ausführlichen Artikeln mit reichlich ergänzendem Bildmaterial vorgestellt.
Ein wesentliches Moment der Dossiers von Volker
Hamann ist immer eine Bibliographie
der Werke, die einerseits die Originalveröffentlichung nachweist,
andererseits aber auch alle deutschen Ausgaben auflistet und dabei sogar noch
auf die Unterschiede hinweist. Gerade bei einem so vielschichtigen Autor, der
zudem noch nur sehr unvollständig übersetzt worden ist und keinen deutschen „Haus“-Verlag
besitzt, hilft die Liste, Übersicht zu gewinnen.
Christin gehört zu der französischen Generation Intellektueller, deren Denken marxistisch geprägt ist. Nicht, dass sie Kommunist*innen wären, aber Dialektik, Verankerung von Politik in Ökonomie und Akzeptanz eines Klassenmodells sind Bestandteil ihres Wissens. Er hat in Politikwissenschaften an der Sorbonne graduiert und unter anderem in Salt Lake City gelehrt. Seine Erlebnisse während des USA Aufenthaltes aber auch während seiner Reisen in den östlichen Teil der Welt beschreibt die oben angesprochene Biographie sehr gut. Sie erlaubt ein besseres Verständnis seiner Werke. Er hat im Übrigen nicht nur Comicszenarien verfasst sondern auch wissenschaftliche Publikationen und Romane.
Als Szenarist schreibt er zunächst einige Kurzgeschichten, die in Umsetzung von Mezieres in Pilote erscheinen. Schon bald folgen auch Umsetzungen anderer Künstler in Total Journal und bereits 1967 die erste Geschichte von Valerian (et Laureline, wie Veronique im Original heißt) in GoscinnysPilote. Das definitiv letzte Abenteuer dieser Beiden wird im Herbst auf Deutsch veröffentlicht werden. Die Begründung dafür gibt es im Magazin! Obwohl es sich auf den ersten Blick um eine SF-Serie für jugendliche Leser handelt, wird auch hier deutlich, dass Christin etwas zu sagen hat und nicht nur banale Geschichten erzählt. Seine Themen sind Macht(missbrauch), Umweltzerstörung, Sexismus oder Religionskritik. Während anfangs der Zeigefinger noch deutlicher zu spüren ist, verblasst der moralische Impetus später etwas.
Neben dieser Serie, die sich im Zukünftigen abspielt,
allerdings aufgrund der Zeitreisen auch oft genug in der Gegenwart ankommt, hat
sich Christin in der Zusammenarbeit
mit Jaques Tardi und Annie Goetzinger der Vergangenheit zugewendet.
Insbesondere mit letzterer stellt er Frauenschicksale in den Vordergrund, die
exemplarisch Unterdrückung und Entwicklung zeigen. Aus dieser Zusammenarbeit
entstehen auch die Geschichten über die Detektivin Hardy und ihre Fälle.
Die Gegenwart – und hier fallen die gleichen politischen
Themen wie bereits erwähnt an – wird dann mit Aymond, vor allem aber mit Enki
Bilal und in der gemeinsam mit Andreas
C. Knigge veröffentlichten Anthologie Durchbruch
zerlegt. Hier zeigt sich auch, dass der materialistisch geprägte Autor in keiner
Weise als linientreu zu bezeichnen wäre.
Das Dossier
Ein großer Teil dieser Ausgabe wird von Andreas C. Knigge bestritten. Er führt zunächst ausführlich in die Thematik ein und beschreibt den Menschen mit seinen Ecken und Kanten. Bereits hier wird deutlich, wie vielschichtig das (nicht nur künstlerische) Leben des Szenaristen ist und wie akribisch er seinen beruflichen Herausforderungen begegnet. Er steuert dazu noch kurze Beiträge über die Zusammenarbeit Christins mit Jean Vern und André Juillard sowie ein Interview mit Mezieres bei.
Die Würdigung der wohl bedeutendsten (europäischen) SF-Comic-Serie Valerian übernehmen Volker Hamann und Roland Mietz. Ergänzt wird dieser Teil durch eine sehr persönliche Auseinandersetzung Georg Seeßlens mit der filmischen Umsetzung von Valerians durch Luc Besson. Lesenswert aber sicherlich nicht von allen geteilt.
Michael Hein beschreibt die Zusammenarbeit mit Bilal und ihr Scheitern während Falk Straub die Kollaboration mit Annie Goetzinger darstellt. Das Zusammenwirken mit Aymond, der der letzte „Ziehsohn“ Christins ist, wird ebenfalls gewürdigt und zwar von Bernd Frenz.
Beilage nur für Abonnent*innen
Abgerundet wird das Ganze durch die bereits erwähnte Bibliographie und die Beilage für Abonnent*innen: In deutscher Erstveröffentlichung gibt es im Querformat die Geschichte „Der Mühe gerechter Lohn“ aus dem Jahr 1966. Mezieres setzt ein Szenario von Linus (so das damalige Pseudonym des um seine Reputation fürchtenden Wissenschaftlers Christin) aus der Schauerromantik um!
Insbesondere in Ergänzung zu Ost-West eine sehr gelungene Würdigung des großen Szenaristen. Viele Details, Abbildungen und Fotos erlauben einen Einblick in Schaffen und Arbeitsweise aber auch den Menschen dahinter.
Dazu passen eine Kanne (fair gehandelter) Kaffee und Musik
im Spannungsfeld von Blues und Jazz, etwa von Chet Baker.
De zwarte Madam
ist zurück! Allein diese Aussage machte schon neugierig auf den vierten Teil
des Spin-offs der alternativen, für ein erwachsenes Publikum gedachten
Abenteuer von Suske und Wiske im Amoras-Kosmos. Die Kronieken konzentrieren sich dabei auf einzelne Personen, sollen
aber trotzdem den Kosmos weiter aus- und aufeinander aufbauen.
Die ursprüngliche Reihe unter dem Titel Amoras erzählte in sechs Bänden auf dystopische Weise ein Zukunftsszenario mit viel Gewalt, großer Kluft zwischen Arm und Reich und führte Androiden in die ansonsten eher beschauliche Welt des Longsellers von Willy Vandersteen ein. Die ersten drei Bände der folgenden Kronieken hatten sich unter dem Titel de Zaak Krimson auf die Beziehung zwischen Lambik und dem Psychopathen Krimson konzentriert.
Die Geschichte
Die schwarze Madam
gehört zu den beliebteren Nebenfiguren der Originalserie und ist immer ein
wenig tragisch. Einerseits ist sie irgendwie böse, andererseits viel zu
theatralisch, um es wirklich zu sein. So nimmt sie eher die Rolle eines Quälgeistes
ein. Nun taucht sie also wieder auf und möchte mit ihrer neuen Theaterrevue Gardavu! den Sprung nach Amerika
schaffen. Ihr Programm ist aber – natürlich – viel zu ernst und so sucht sie
nach einer Möglichkeit, Humor hinzuzufügen.
Lambik und Jerom scheinen gerade Recht zu kommen, um mit
ihrer unfreiwilligen Komik das Programm aufzupeppen. Währenddessen muss sich Sidonia
in einer nicht wirklich passenden Parallelhandlung mit dem Vorwurf
auseinandersetzen, ein Luxuskleid geklaut zu haben. Der spannendere Teil dreht
sich aber um den Androiden Diez. Sie ist im letzten Teil beschädigt worden und
liegt nun im Müll wo sie von Theofiel Boemerang gefunden wird, der sie als
Putzroboter und für andere Dinge aufpeppen möchte. Natürlich ist Diez damit
nicht einverstanden und es entwickelt sich eine muntere Verfolgungsjagd mit
verschiedenen Beteiligten zu denen neben Suske und Wiske, Jerom und Teofil auch
die geheimnisvolle Academie gehört. Letzteres möchte sein Eigentum zurückhaben
und scheut vor Gewaltanwendung nicht zurück…
Die Umsetzung
Über die Qualität der Zeichnungen von Charel Cambré noch ein Wort zu verlieren, hieße fast schon Eulen nach Athen zu tragen! Seine Bilder sind so voller Dynamik, dass man beim Lesen fast schon erwartet, dass die Figuren aus dem Rahmen springen und anfangen, sich zu bewegen. Im gelingen dabei Dekors genauso gut wie Menschen und auch die Mischung aus Technik und humanem Aussehen der Androiden gelingt ihm ausgesprochen gut (ohne dabei in das niedliche Aussehen abzugleiten, dass etwa beim ersten Robbedoes Spezial-Abenteuer zum Tragen kam).
Die Bilder sind dabei viel heller und freundlicher als in
den anderen Bänden und spielen auch mehr mit Ironie. Während sich sonst der
dystopische Charakter fast in jeder Kolorierung zeigte, könnte das aktuelle
Abenteuer heute spielen. Der alternative, erwachsene Touch ist immer noch im
Zeichenstil deutlich, die Stimmungen gleichen sich aber an.
In gewisser Weise gilt das auch für die Storyline von Marc Legendre. Obwohl die Geschichte in sich stimmig ist und spannend erzählt wird, trägt sie wenig zu einem alternativen Kosmos bei. Vielleicht brauchten die Beiden auch einfach ein wenig Ruhe im Umfeld um die Geschichte mit Diez ein wenig voranzutreiben um dann im nächsten Teil wieder Fahrt aufzunehmen.
Von den Zeichnungen her ist auch dieser Teil ein absoluter
Kauf Tipp, die Story spricht dagegen eher Komplett-Sammler an.
Dazu gehört „Bohemian Rhapsody“ von The Queen, denn nichts anderes würde wirklich zu der Revue Gardavu! passen. Heutzutage für solche Shows fast schon üblich wäre ein spezielles Craft Bier. Es würde stark gehopft sein und eher dunkel!
Diese Geschichte ist Bestandteil eines Meilensteins der
deutschen Comic-Geschichte, war sie doch Teil der Ausgabe 17/1972 von ZACK, dem neuen Comic-Magazin aus dem Koralle-Verlag, das ein paar Jahre lang
europäische Maßstäbe setzen sollte und eine ganze Generation geprägt hat.
Die Story
Auch wenn niemand wirklich erklären kann, warum man dort mit der dritten Folge eines fünfteiligen Abenteuers startete, man tat es und damit begann eine bis heute andauernde Erfolgsgeschichte dieser Science-Fiction Serie aus der Feder von Greg und mit den Zeichnungen von Eddy Paape. Der All-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Klassiker wieder aufzulegen und dabei ein neues, der Originalhandschrift von Paape nachempfundenes Lettering zu verwenden. Mehr Infos in den Besprechungen zu Teil 1 und 2. Gleichzeitig erscheint im Übrigen mit Bruno Brazil auch eine weitere klassische Serie von Greg im All-Verlag und die Gesamtausgabe von Andy Morgan bei Carlsen ist gerade komplett.
Nachdem die Überlebenden der Expedition von Terango mit
Hilfe von Luc Orient und seinen Freunden von Eurocristal die Erde wieder
verlassen konnten, sitzen die Held*innen zeitgemäß trinkend und rauchend
zusammen. Während Luc Nachschub holt, wird er von Lec-Hoj angesprochen, der mit
seiner Besatzung bereits zurück auf der Erde ist. Auf Terango hat es während
der lange andauernden Abwesenheit einen Putsch gegeben und der neue Herrscher Sectan
will die Erde und weitere Planeten überfallen und unterjochen. Die Rebellen
sind unterlegen und brauchen dringend Hilfe von außen, zumal sie hoffen, dass
die Erdbewohner taktische Ideen haben werden, die von Sectan nicht antizipiert
werden können.
Auf dem Flug nach Terango werden Toba und Dr. Kala
erfolgreich einer Operation unterzogen, die sie die Terangische Atmosphäre
atmen lässt. Bei Luc und Lora klappt das (natürlich) nicht reibungslos, so dass
sich bereits im ersten Drittel ein großer Spannungsbogen auftut, denn die
Landung bleibt nicht unbemerkt und der Krankentransport muss unter großen Schwierigkeiten
stattfinden.
Im weiteren Verlauf der Handlung spielt Greg virtuos mit bekannten Invasionsthematiken, die aber alle spiegelverkehrt sind, da sich hier die Menschen als Aliens auf einer anderen Welt aufhalten und damit das Überraschungsmoment darstellen.
Die Umsetzung
Paape darf bei
seinen Zeichnungen aus dem Vollen schöpfen. War er in den ersten beiden Bänden
noch in gewisser Weise an die terrane Fauna und Flora gebunden, ist er jetzt
schrankenlos und kann der Fantasie folgen. Aber auch die Actionszenen und die
technischen Darstellungen sind extrem gut gelungen und stellen vor allem die
Filmkunst der damaligen Zeit (Ende der 60-er Jahre) komplett in den Schatten.
Heutzutage kann man sich das nach dem Siegeszug der CGI-Technik kaum noch
vorstellen, aber damals bestanden Kulissen noch aus Pappmache. Umso
spektakulärer waren die Möglichkeiten des Comics.
In einigen Teilen dieser Serie sind Handlungsanteile durchaus verteilt; hier allerdings ist alles auf den blonden Helden abgestellt. Lora und Dr. Kala sind genauso Staffage wie die Freunde und Feinde aus Terango. Allein Toba darf Teile des Ruhms auf sich vereinen. Schon bald wird sich das aber wieder geben und deshalb sei das hier auch nur als marginale Kritik (und zwar hauptsächlich am damaligen Zeitgeist) vermerkt. Greg kann es besser.
Sagte ich es schon? Wer die Serie nicht schon als EHAPA-Gesamtausgabe im Regal hat und entweder der Generation ZACK angehört oder ein Faible für gut gemachte Science Fiction oder Abenteuergeschichten hat, sollte zuschlagen. Wer sich für alte TinTin-Geschichten und die Geschichte drumherum interessiert, ebenfalls, denn Volker Hamann berichtet – wie immer reich illustriert – wissenswertes über Eddy Paape und die damalige Zeit, und außerdem gibt es in deutscher Erstveröffentlichung den dritten Teil des Werbecomics von Valfruit! Und wer ein Sammelobjekt haben möchte, sei auf die limitierte Vorzugsausgabe verwiesen.
Dazu passen Jeff Wayne’s
War of the World und ein Glas Pampelmusensaft!