ZACK 329 (November 2026)

ZACK 329

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 100 Seiten | Farbe | 9,70 €
ISSN: 1438-2792

Passend zum aktuellen Western-Besprechungsrun auf comix-online hat das ZACK 309 vom November 2026 ein entsprechendes Covermotiv. Wer sich für dieses Thema interessiert, darf also gerne auch ein wenig stöbern! Ansonsten bietet das Heft eine bunte Mischung gegen trübe und graue November-Blues-Tage…

Cover ZACK 309

Die Fortsetzungen

Die Gefangene ist niemand anderes als Ray Ringos Verlobte. Sie wurde von den Shoshonen geraubt und muss nun versuchen, im Lager zu überleben. Sie ist allerdings nicht bereit, sich komplett unterzuordnen. Erschwerend kommt hinzu, dass scheinbar ein brutaler und unberechenbarer Krieger ein Auge auf sie geworfen hat. Ringo versucht währenddessen, Hilfe von der Armee zu bekommen und trifft sich mit einem alten Gefährten, dem später allseits bekannten General Custer. Genretypische Zeichnungen guter Qualität von Roman Surzhenko für ein spannendes Szenario von Éric Corbeyran.

ZACK 309 page 5

Endlich ist es so weit, der Prozess gegen den Anführer der Rebellen, Tobarth Reeves, beginnt und alle Beteiligten wissen eigentlich, dass sein Ausgang bereits vorgezeichnet ist. Auch der Held der Geschichte, der Anwalt Daniel Favreau, geht von einer abgekarteten Sache aus, der Zeuge ist gekauft, verwickelt sich allerdings in Widersprüche. Das ist der Moment des großen Auftritts des Mannes mit dem roten Mantel … Wynona ist eine spannende Endzeitgeschichte von Hans van Oudenaarden mit einer guten Idee, Das Opfer führt die im ersten Band gelegten Stränge weiter und lässt sich Zeit, die Personen ausführlich zu beschreiben und gleichzeitig immer wieder Unerwartetes einfließen zu lassen.

ZACK 309 page 25

Auch Julie Wood ist in der Mitte der Familiengeheimnisse angekommen. Wir Leser*innen bekommen zunächst einen sehr gewalttätigen Eindruck der Bereitschaft des Gangsterbosses, seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Umso mehr stellt sich die Frage, ob die Bedrohung auch für die Woods gilt. Auf jeden Fall fühlt sich die Heldin verfolgt. Gut konsumierbare Mischung aus Motorsport, Soap und Thriller und damit ähnlich angelegt wie die aktuellen Geschichten um Michel Vaillant. Insofern schafft Philippe Pelaez wieder einen Gleichklang der Serien, allerdings auf moderne Art. Die Zeichnungen von Claudio Stassi sind nichts für Graton-Purist*innen, entwickeln sich aber immer mehr.

ZACK 309 page 39

Die Abschiede

Gerade hatte Jolannes Pechsträhne scheinbar ein Ende gefunden, doch noch immer meinen es Jean Van Hamme und Alcante nicht wirklich gut mit ihr. Sie war zur Rani geworden, zur Königin an der Seite ihres Maharadschas, doch insgeheim immer noch verliebt in ihren Craig. Nachdem sie es geschafft hat, unbeschadet Pondicherry wieder zu verlassen, taucht eine englische Delegation an ihrem Hof auf und verlangt die Unterordnung. Francis Vallès bringt die Mischung aus History, Romance und Exotik gekonnt zu Papier, ein Teil bleibt uns noch!

Detail ZACK 309 page 51

Und auch der erste Band von Ghost Squadron geht in diesem Heft zu Ende. Fletcher Williams hat es geschafft, eine Meute von Fliegern zusammenzustellen, die einerseits nichts mehr zu verlieren haben, andererseits aber auch nicht vermisst werden, eine Ghost Squadron! Und tatsächlich entdecken sie Das verfluchte Atoll, erkennen jedoch ebenfalls die Gefahr, die allen droht, die diesem zu nahekommen. Patrice Buendia und Damien Andrieu haben das Genre der Fliegercomics mit dieser Serie zwar nicht revolutioniert, bringen aber zumindest frischen Wind hinein. Story, Held*innen (!) und Dramatik vermischen ein wenig Bob Morane, Buck Danny und Antihelden-Attitüde zu einem sehr netten Cocktail.

ZACK 309 page 75

Schließlich endet auch die überlange erste Geschichte mit der Brigade Verhoeven. Ein Mann hat in Paris und Umgebung Bomben versteckt, einige explodieren lassen und erpresst nun den Staat. Wenn er nicht zusammen mit seiner Mutter, Rosie, fliehen darf, werden weitere Bomben automatisch hochgehen. Irgendwas aber stimmt nicht, denn seine Mutter hat seine Freundin auf hinterhältige Art getötet. Ein spannendes und stimmiges Ende erwartet uns in der Geschichte von Pascal Bertho nach den Romanen von Pierre Lemaître. Die Zeichnungen, die eine Sympathie für das Besondere in jedem Menschen erkennen lassen, stammen von Yannick Corboz.

Detail ZACK 309 page 85

Und sonst?

Das Western-Thema findet wird auch im redaktionellen Teil wieder aufgenommen: Neben einer Besprechung des in Kürze erscheinenden neuen Westerns Pump vom Verfasser dieser Zeilen wird das lange Interview mit Colin Wilson abgeschlossen; es steht unter dem Titel „Ich hatte überhaupt keine Lust mehr, Western-Serien zu machen“.

Natürlich gibt es auch wieder One-Pager von Tizombi, Parker & Badger und Neues von dem Ritter! Dazu der Keller, den Rückblick auf das ZACK vor 50 Jahren und News und Besprechungen von Frank Neubauer. Alles in allem eine gelungene Mischung aus der Welt der frankobelgischen Comics.

Dazu passen die Bridge City Sinners mit ihrem modernen Country und ein Freiberger Schwarzbier.

© der Abbildungen bei den jeweiligen Künstlern und Verlagen / Blattgold GmbH, Bad Dürkheim 2026

Jul/Achdé – Lucky Luke 103

Heiliger Lucky!

Story: Jul
Zeichnungen: 
Achdé

Originaltitel: Saint Lucky Luke!

Egmont Comic Collection

Softcover/Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 8,99 € / 15,00 € | ISBN: n/a / 978-3-7704-1210-5

Cover Lucky Luke 103
© Lucky Comics 2026/Story House Egmont

Der einzige Western-Held, der schneller schießt als sein Schatten, wird 80 Jahre jung! Bereits im Herbst 1946, also kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als vieles in Europa noch in Trümmern lag, schickte Morris seinen Cowboy erstmals über die Seiten. Die Proportionen und das Aussehen sollten sich noch ein wenig ändern, die Idee aber, echte Begebenheiten aus der Geschichte des Wilden Westens, und echte Personen mit einer witzigen Story zu verknüpfen, die blieb. Eine Zeitlang wurden die Geschichten später von Goscinny verfasst, danach übernahmen andere Autoren diese Rolle.

Der Held wurde multimedial und erlebte seine Abenteuer in einem eigenen Magazin, auf der Kinoleinwand, als TV-Serie oder Computerspiel und steht in dem einen oder anderen Regal als Klemmbausteinszenario oder als Plastikfigur. Viele Nebenfiguren wie Jolly Jumper oder die Daltons sind selbst zu Berühmtheiten geworden, Nebenserien mit Rantanplan oder Lucky Kid haben zu Diversifizierung beigetragen.

Das Jubiläumsalbum ist die sechste reguläre Geschichte von Jul und Achdé und greift ein Thema auf, dass man bei Diskussionen tunlichst vermeiden sollte: die Religion! Heiliger Lucky darauf zu reduzieren, würde aber viel zu kurz greifen!

Schwurbler, Religionsgründer und Leichtgläubige

Das Album beginnt ungewohnt, reiten Lucky Luke und Jolly Jumper doch schon in der Eröffnungsszene in den Abend hinein. Doch jemand hält sie auf und teilt ihnen eine schwerwiegende Erkenntnis mit die bis vor Kurzem noch als komplett unglaubwürdig und dahergeholt bezeichnet worden wäre. Leider ist das heutzutage nicht mehr so! Im weiteren Verlauf beschließt der Held, in dem Städtchen Faith den Luxus von Bett, Stall und Badewanne zu genießen und rettet einen Priester davor, ausgeraubt zu werden.

Detail Lucky Luke 103 page 8
© Lucky Comics 2026/Story House Egmont

Prompt scheint sich ein neues Geschäftsmodell aufzutun und eine neue Religion, der „Lukismus“ ward geboren! Anhimmeln allein genügt nicht, es muss auch jemand angehimmelt werden wollen. Leider ist die freie Prärie gesperrt; ein Trüppchen Soldaten setzt einen Befehl um, der die Bewegungsfreiheit einschränkt. Im Nachbarstädtchen, dem einzigen zugänglichen Ort neben Faith, herrschen allerdings ähnliche Zustände und Voraussetzungen wie in letzterem…

Jul spinnt eine herrliche, vollkommen abstruse und doch so realitätsnahe Satire, die zumindest mir manchmal das Lachen erlaubte, es aber manchmal auch im Halse stecken ließ. So viel Dummheit (Muh!) ist zwar lustig, leider aber eben auch nicht mehr undenkbar. Nebenbei spart Jul aber auch nicht mit Selbstkritik und hinterfragt sich selbst als Bestandteil der Kulturindustrie.

166 Streifen Vergnügen

Achdé hat seine Figuren im Griff, längst hat eine Detailfülle die Bilder zu kleinen Kunstwerken gemacht. Wer sich davon überzeugen möchte, sollte zum Beispiel Seite 17 aufschlagen. Gleichzeitig ist sein Cowboy aber unverkennbar der, den wir alle seit Jahrzehnten lieben! Aber auch die Neben- und Randfiguren sind super herausgearbeitet, besitzen genau die Klischees, die die Serie erfolgreich gemacht haben, und sind doch individuell.

Detail Lucky Luke 103 page 12
© Lucky Comics 2026/Story House Egmont

Seine Routine hilft dem Künstler, auch mit den Hintergründen zu spielen. Erneut ein Beispiel: die absurde Szene auf Seite 29 hat den regulären blauen Hintergrund, der die Nacht darstellt. Der verzweifelte Kampf mit den Vorschriften bekommt einen nicht vorhandenen Background, die absurde Argumentation einen roten. Einfach, aber wirksam!

Ein wahres Jubiläumsgeschenk!

Oftmals erhalten die Jubilare die Geschenke, in diesem Fall ist das anders! Wir Leser*innen werden beschenkt und erhalten schon den dritten Comic in diesem Jubiläumsjahr (Dakota 1880 hatte in die Jugendjahre geblickt, Die Grimm-Brothers hatten deutsche Märchen im Wilden Westen auf die Probe gestellt). Heiliger Lucky! ist aber der krönende Abschluss der Jubiläumswerke, der Humor, perfekte Zeichnungen, Gesellschaftskritik und Ironie zu einem Masterpiece vereint.

Detail Lucky Luke 103 page 42
© Lucky Comics 2026/Story House Egmont

Es sollte mich überraschen, wenn wir diesen Titel nicht auf der einen oder anderen Jahresbestenliste wiederfinden. Wer will kann im Übrigen auch noch tiefer einsteigen: Bereits vor ein paar Wochen ist der Band Wanted – Ein Zeichner für Lucky Luke erschienen. Das reich bebilderte Interview von Alex Jakubowski mit Achdé erzählt alles Wissenswerte zu der Beziehung des Zeichners zu seiner Figur und ihrem Schöpfer! 35 EURO sind eine sich lohnende Investition! Der Band ist ab dem 3. November im Handel.

Dazu passen Cock Sparrer, etwa mit „Nothing like You“ und ein Miller.

© der Abbildungen © Lucky Comics 2026 by Achdé and Jul /Story House Egmont

Azzarello/Risso – Blood Brother’s Mother

Eine blutige Suche

Story: Brian Azzarello

Zeichnungen: Eduardo Risso
Originaltitel:
 Blood Brother’s Mother.

schreiber & leser

Hardcover | 224 Seiten | Farbe | 34,80 €  | ISBN: 978-3-96582-244-3

Cover Blood Brother's Mother

Nicht nur in Europa erscheinen ständig neue Western, auch im amerikanischen „Home Ground“ kommen neue Epen auf den Markt. Selten allerdings stehen brutale Gewalt und drei Kinder in einer so engen Verbindung. Zwar fließt das Blut hier reichlich, trotzdem geht es menschliche Bedürfnisse wie Vertrauen und Geborgenheit.

Die Suche nach der Mutter

Im Mittelpunkt stehen drei Kinder im Alter zwischen 7 und 12 Jahren. Laut Klappentext sind sie noch so klein, dass sie kaum einen Revolver halten können und diese Beschreibung gibt bereits einen Einblick in diesen Comic. Die drei leben mit ihrer Mutter zusammen mit ihrem jetzigen Ehemann, einem Priester. Ihr früherer Geliebter wird aus dem Gefängnis entlassen, spürt die Frau auf, tötet den Priester und verschwindet mit der Mutter der Kleinen. Diese möchten keineswegs getrennt werden und vermissen ihre Mutter. So machen sie sich auf, diese zu suchen.

Ihr Weg ist gepflastert mit Dingen für Erwachsene und sie müssen auf die harte Tour begreifen, dass das eine andere Welt ist. Sie werden betrogen, ausgeraubt, beinahe ermordet, der Älteste entdeckt das andere Geschlecht und immer wieder müssen sie feststellen, dass ihre Erwartungen, Rollenbilder und Verhaltensweisen nicht mit dieser neuen Umgebung übereinstimmen. Zu allem Überfluss vermissen sie ihre Mutter.

Blood Brother's Mother page 30

Diese ist unterdessen in ihre alte Rolle als Geliebte und Gefährtin eines Gangsters zurückgekehrt, der sich nun ein Einkommen als Kopfgeldjäger verschaffen möchte. Dabei treffen er und seine Kumpane auf andere ihres Schlages und ein Schlachten beginnt. Und dann ist da noch Mad Owl, eine alleinlebende Indianerin, die sich der Kinder annimmt. Brian Azzarello hat einen Western entworfen, der in der Tradition der Italo Western steht und bei den Leser*innen fast auf jeder Seite die Erwartung hinterlässt, dass beim Umblättern erneut eine Menge Blut zu sehen sein könnte. Seine Handschrift, die etwa 100 Bullets oder Batman:Broken City geprägt hat, ist auch hier unschwer zu erkennen.

Aquarelle mit Gewalt

Auch Edurado Rizzo kommt aus der amerikanischen Superheld*innen-Welt und hat unter anderem bei Broken City bereits mit Azzarello zusammengearbeitet. Sein Stil entspricht allerdings nicht den Erwartungen an die typischen Hochglanzzeichnungen aus diesem Genre. Hier sehen die Panel aus wie mit Wasserfarben getuscht und die im Anhang abgedruckten Entwürfe und unkolorierten Zeichnungen zeigen die Entwicklungsstadien bis dahin. Natürlich dominieren die die Landschaft prägenden Erdfarben, die auch die kalten, bläulichen Szenen sprenkeln.

Blood Brother's Mother page 31

Es gelingt ihm einerseits, die rohe Gewalt ungeschminkt dazustellen, gleichzeitig aber auch die Gefühlswelten, die in Richtung Angst, Verzweiflung, ja, emotionalen Horror gehen zu verbildlichen. Der Comic ist schon inhaltlich nichts für Kinder, auch die Zeichnungen können verstörend wirken. Der Band sollte daher keineswegs auf den unteren Reihen eines Regals aufbewahrt werden.

Hard Stuff!

Blood Brother‘s Mother ist nichts für zarte Gemüter: Die Gewalt kommt unangekündigt, ständig und steigert sich immer mehr. Die Zeichnungen sind sehr kunstvoll, wirken durch ihre Art fast schon wie ein Weichzeichner, und zeigen doch das Blut spritzen; die Verletzungen erden teilweise in Nahaufnahme gezeigt und die teilweise Gefühllosigkeit der Protagonist*innen ist erschreckend.

Gerade dadurch bildet dieser Band aber auch einen Gegensatz zu den Western Romance Titeln; das Leben ist nicht immer ein Familienfilm. Wer das mag, ist hier absolut richtig aufgehoben und findet einen „hard boiled Western“ der besseren Art. Wer das nicht mag, sollte lieber die Finger davon lassen. Nicht zu Unrecht hat dieser Titel einen der begehrten Eisner Awards gewonnen!

Detail Blood Brother's Mother page 34

Die (Gesamt-)Ausgabe enthält zusätzlich eine herausgenommene Szene (ist also quasi der director’s cut), eine Covergalerie mit den verschiedenen Variants und Zeichnungen sowie Entwürfe, bietet also eine ganze Menge an zusätzlichen Extras!

Dazu passen Dropkick Murphy‘s mit „Dropped on my head“ und ein warmes Tankstellen Dosenbier.

© der Abbildungen Brian Azzarello & Eduardo Risso, DSTLR Media Inc. | 2026 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Oger – Women of the West

Die Frauen und die Eroberung des Westens

Story: Tiburce Oger

Zeichnungen: 13 Zeichner*innen

Originaltitel: Women of the West

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |112 Seiten | Farbe | 25,00 € | ISBN: 978-3-98721-336-6

Cover Women of the West

Und weiter geht es mit den Anthologien über die Eroberung des Westens unter unterschiedlichen Blickwinkeln. Dieser Band ist bereits der fünfte in der Reihe und folgt auf Young Men, Indians, Gunmen und Lawmen. Eine unbedingte Empfehlung für alle Fans des Western-Comics!

Was wäre der Westen ohne die Frauen?

Wie immer zeigt Tiburce Oger in einer Rahmenhandlung viele Facetten eines Themas. Eine junge Frau möchte mehr über die Rolle von Frauen während der Eroberung des Westens wissen und macht sich mit ihrem Begleiter zu einem Reservat in Oregon auf. Diese Aktion spielt 1974, also zu Zeiten des Aufbegehrens der modernen Frauenbewegung. Während sie zu einer Zeremonie in einer Hütte geladen wird, muss er draußen warten.

Während der Zeremonie erfährt sie, welches Leid Frauen während der letzten 3 Jahrhunderte ertragen mussten, welche Ignoranz ihnen gegenüber herrschte, aber auch welche Stärke sie besaßen. Oger hat für jede Geschichte ein oder zwei Frauen ausgewählt und sie jeweils von anderen Zeichner*innen umsetzen lassen. Im Unterschied zu den normalen Sammlungen sind hier die Zeichnerinnen in der Mehrheit!

Women of the West page 7

Wir erfahren von Siedlerinnen, missbrauchten und sich befreienden Indianerinnen, befreiten Sklavinnen, Gesetzeshüterinnen, aber auch von bürgerlichen, lesbischen Frauen. Nicht immer gehen die Stories im klassischen Sinn „gut“ aus, immer aber beweisen sie, welche Frau die jeweilige Heldin gestanden hat! Eine wichtige und spannende Ergänzung der sonstigen Sichtweisen, die nicht weniger Schießpulver und Pferde als Beiwerk hat.

Abwechslungsreich

Der Vorteil eines Sammelbandes ist immer, dass man als Leser*in ein großes Menu serviert bekommt! Die Stile der Künstler*innen sind unterschiedlich, spielen anders mit Farben und Licht, Maltechnik und Detailschärfe. Einige Seiten sehen aus wie in jedem anderen modernen Western, andere erinnern eher an eine Graphic Novel oder an eine romantische Erzählung.

Women of the West page 8

Mir fällt es schwer, einzelne Beiträge hervorzuheben! Obwohl sehr unterschiedlich, haben alle ihren Reiz und sind auf hohem Niveau angefertigt. Dementsprechend gibt es auch keinen „Hänger“.

Eine tolle Reihe!

Das einst bereits totgesagte Genre des Western-Comics ist in seinem x-sten Frühling. Neue Aspekte, ein veränderter Blick auf die Geschichte der Eroberung und die verherrlichte Männlichkeit, und nicht zuletzt investigative Journalist*innen haben es grundlegend verändert. Und so nimmt dieser Band auch ausdrücklich Stellung zu den bis in das jetzige Jahrzehnt durchgeführten Zwangssterilisierungen indigener Frauen, nicht nur in Kanada!

Detail Women of the West page 14

Es ist leider unglaublich, wieviel Elend Bigotterie und Machtmissbrauch sowie verlogene sog. „Christlichkeit“ angerichtet haben und wie selbstverständlich versucht wird, das als „das war damals halt so“ unter den Teppich zu kehren. Umso wichtiger ist es, diese Themen immer wieder auch in der Pop-Kultur anzusprechen und langsam aber stetig für ein anderes Bewusstsein zu werben.

Dazu passen The Slits mit „I heard it through the Grapewine“ und eine selbstgemachte Limonade mit Zitrone und Ingwer!

© der Abbildungen 2025 Bamboo Édition | Splitter Verlag GmbH & Co., Bielefeld 2026

ZACK 328 (Oktober 2026)

ZACK 328

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 100 Seiten | Farbe | 9,70 €
ISSN: 1438-2792

Cover ZACK 328

Auch wenn die Temperaturen noch nicht unbedingt an den Herbst erinnern (man denke nur an den Spruch für die Winterreifen: O bis O), das Motorradfahren wird schon gefährlich mit all dem Laub auf der Straße. Insofern tröstet das Cover vielleicht dein Einen oder die Andere ein wenig.

Der Neustart

Es ist noch gar nicht so lange her, da lief der erste Teil der Neuauflage von Ray Ringo im ZACK. Vor 5 Monaten endete der Vorabdruck, mittlerweile ist auch das Album bei Splitter erschienen. Der Held, der eigentlich mit seiner Verlobten ein neues Leben anfangen wollte, musste hinnehmen, dass diese zunächst von ihrer grausamen Familie entführt worden war, nur um dann von einem Trupp Indianer verschleppt zu werden. Die Gefangene enthält einen die Leser*innen aufklärenden erweiterten Rückblick aus ihrer Warte und spielt in tiefsten Winter. Roman Surzhenko muss sich dementsprechend der Herausforderung stellen, die verschneite Landschaft in jedem Panel anders darzustellen (und es gelingt ihm bravourös). Éric Corbeyran ist ein alter Hase des Storytellings, der die Geschichte der Verfolgung spannend auf die Sprechblasen verteilt!

ZACK 328 page 27

Die Fortsetzungen

Familiengeheimnisse sind immer die Schlimmsten. Jahrelang glaubt man an das Gute und plötzlich erfährt man von den Leichen, die irgendwo tief unten im Keller versteckt worden sind. Zunächst einmal muss Julie Wood aber beweisen, dass ihre gute Platzierung im ersten Rennen keine Eintagsfliege war. Philippe Pelaez verbindet die Krimistory mit den Rennszenen und der Comig-of-Age-Zutat zu einer gut lesbaren, aufeinander abgestimmten Choreografie, Claudio Stassi ist in seinen Zeichnungen manchmal etwas zu schematisch, prinzipiell aber gut unterwegs. Nur die Kolorierung lässt etwas Herzblut vermissen.

ZACK 328 page 5

In Ghost Squadron stellt sich mittlerweile ernsthaft die Frage nach der Qualität der verfügbaren Maschinen; teilweise wäre Klapperkiste ein treffenderer Ausdruck. Zudem ist fraglich, wer sie denn fliegen kann oder sollte. Zumindest wird klar, dass die Entscheidungen nicht ganz freiwillig getroffen werden können. Eine Flieger-Serie der etwas besonderen Art von Patrice Buendia mit Zeichnungen von Damien Andrieu. Wenn es denn einen Wermutstropfen gibt, dann die manchmal etwas zu schnell gezeichneten Mundpartien. Ansonsten ist das Anschauen der Panel ein großer Spaß.

ZACK 328 page 43

Wie viel Leid kann eine Frau ertragen? Betrogen, vergewaltigt, zum Tode verurteilt, nach Indien verschifft, verheiratet, aber dem Geliebten fern, … Nun aber deutet sich ein Wechsel an, denn als ihr Bruder sie in ihrem eigenen Palast bedroht, reagiert ihr Mann, der Maharadscha sofort und emotional und will den offiziellen Statthalter Frankreichs zum Tode verurteilen. Wird in Rani die Rolle der Königin die Rolle der Verletzten überragen? Mitreißendes Geschehen in exotischer Umgebung aus früheren Zeiten von Jean Van Hamme und Alcante, routiniert gezeichnet von Francis Vallès. Fast ist es schade, dass nur noch ein weiterer Band aussteht, aber noch bleibt genügend Zeit, die Serie zu würdigen!

Detail ZACK 328 page 57

Aus der Vergangenheit in die Zukunft: Die Welt hat den Zugriff auf das Web, Mobiltelefonie und ähnliche „Errungenschaften“ verloren, eine brutale Regierung unterdrückt das Volk. Trotzdem gibt es einen Prozess gegen den Anführer der Rebellion (auch wenn das Urteil natürlich längst feststeht).  Der zukünftige Anwalt des Gefangenen, seine Auftraggeberin und ihre Schwester spielen ihre Rollen in einem immer undurchschaubarer werdenden Geflecht aus Politik, Erweckungsfantasien und Alltag in einer postapokalyptischen Welt, grandios angerührt von Hans van Oudenaarden ist Wynona eine sehr positive Bereicherung des Franko-Belgischen Standards!

ZACK 328 page 71

Und auch die Brigade Verhoeven läuft weiter: Der Bomber hat weitere Sprengsätze versteckt, die üblichen polizeilichen Methoden versagen und ein Sonderling muss versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, bevor weitere Explosionen losgehen. Leider ergeben aber die bekannten Fakten wenig Sinn. Eine gut konstruierte Abfolge von unerwarteten Kleinigkeiten von Pascal Bertho nach den Romanen von Pierre Lemaître, auf das Papier (oder wohl eher das Tablet) gebracht von Yannick Corboz. Es lohnt sich, nicht nur die einzelnen Panel zu betrachten sondern jeweils auch die ganze Seite!

Detail ZACK 328 page 87

Und sonst?

Im zweiten Teil der längeren Tizombi-Erzählung kämpfen sich die Freund*innen durch einige Level, um schließlich die Frage nach der Intelligenz zu stellen – sehr spaßig, ich bin ein großer Fan dieser Serie, auch wenn sie bei den Jahrespolls leider nie gut abschneidet. Nirgendwo sonst wird das Horror-Genre so schön auf den Arm genommen.

Dazu kommen gleich zwei Interviews: mit Thomas Gronle-Legron über seine Graphic Novel Das Ritual und mit Colin Wilson. Im ersten Teil des längeren Interviews geht es vor allem um die Jugend von Blueberry. Dazu kommen News, Rezensionen und der Keller von Frank Neubauer, Der Rückblick auf das ZACK vor 50 Jahren, Der Ritter und Parker & Badger. Für eine lange Kurzweil ist also gesorgt!

Dazu passen Mark Foggo mit dem „St. Valentinesday Massacre“ und ein Spezi.

© der Abbildungen bei den jeweiligen Künstlern und Verlagen / Blattgold GmbH, Bad Dürkheim 2026

Sclavi/Cavazzano – Peter O’Pencil GA 1

1979 – 1980

Story: Tiziano Sclavi

Zeichnungen: Giorgio Cavazzano

Originaltitel: Silas Finn Volume 1

Splitter Verlag – Toonfish

Hardcover Überformat |120 Seiten | Farbe | 29,95 € | ISBN: 978-3-69258-014-2

Cover Peter O'Pencil Gesamtausgabe 1

Das Koralle-ZACK war DAS Magazin, das den Comic frankobelgischer Provenienz in Deutschland salonfähig machte. Viele Serien hatten zwar vorher schon den Weg nach Deutschland gefunden, den Durchbruch aber nicht geschafft. Wegen der häufigen Erscheinungsweise (und den unseligen Kürzungen) ging aber der reiche Fundus an Geschichten irgendwann zur Neige. Eine der darauffolgenden Strategien bestand darin, auch Comics von italienischen und spanischen Künstlern zu übernehmen.

Ein Reporter im Wilden Westen

Das Vorwort zählt die verschiedenen Versionen auf, wie es wirklich zu der Idee für diesen Comic gekommen ist. Das Ergebnis war auf jeden Fall, dass nach dem Erfolg der Gentleman GmbH der Redakteur Gigi Spina, selbst gebürtiger Italiener, den Vertrag über diese neue Western-Comic-Reihe schloss. Sclavi und Cavazzano hatten schon miteinander gearbeitet und waren in der Lage, in einem dem frankobelgischen sehr ähnlichen Stil zu arbeiten. Die neue Serie sollte humoristisch sein und die Lücken zwischen den Geschichten von Lucky Luke füllen.

Star der Comics war ein Reporter namens Silas Finn, die Geschichten wurden im deutschen ZACK erstveröffentlicht und erschienen teilweise auch in den Schwestermagazinen in anderen Ländern. Tatsächlich hatte aber die Redaktion beschlossen, den Namen zu ändern; Peter O’Pencil war geboren. Im ersten, langen Abenteuer geht es um eine Schatzsuche als Gewinnspiel, organisiert von der Boston Tribune um die Auflage zu steigern. Der Held und sein Sidekick, ein etwas trotteliger und unwilliger Fotograf, begleiten eine Gruppe von Teilnehmern, die den sagenhaften Preis von 5000 $ gewinnen wollen und dafür fünf Aufgaben überstehen müssen.

Peter O'Pencil Gesamtausgabe 1 page 9

Dem folgen drei deutlich kürzere Episoden, die sich weiteren Western-Legenden widmen. So wird unter anderem die wahre Natur von Buffalo Bill enthüllt. Die Stories sind sehr humorig und stellen gewisse Prinzipien in Frage oder sogar auf den Kopf. Dazu kommen einige Running Gags aus der Redaktion, aber auch bezüglich der Freiwilligkeit des Fotografen bei diesem Abenteuer. Einiges davon würde man heute vielleicht anders schreiben.

Detailreiche Zeichnungen

Cavazzano wurde in Italien teilweise mit Uderzo verglichen, definitiv war er von ihm beeinflusst. Die Panel sind sehr detailreich und akkurat ausgeführt, die Lust am Zeichnen komischer Dinge ist bei dem Zeichner, der bei Disney angefangen hatte, deutlich zu merken. Daher sind auch die Emotionen deutlich überzeichnet. Seite 34 ist ein gutes Beispiel für den filmischen Einfluss auf die Bildfolge.

Peter O'Pencil Gesamtausgabe 1 page 10

Das Layout ist durchaus abwechslungsreich: Die Streifen werden munter ignoriert, Personen treten aus dem Rahmen und Textkästen wie auch Sprechblasen führen ein Eigenleben. Trotz dieser Dynamik konnte der Comic nie den gleichen Erfolg wie Umpah-Pah oder Lucky Luke verzeichnen.

Eine Reise zurück in die Vergangenheit

In Deutschland sind die Geschichten nie als Album erschienen; wer also keine Sammlung der alten Hefte besitzt, hatte kaum eine Gelegenheit, sie zu bewundern. In Italien selbst war die erste Geschichte tatsächlich vor dieser Gesamtausgabe nie erschienen. Insofern bietet die Peter O’Pencil Gesamtausgabe die Möglichkeit einer Zeitreise. Der abschließende zweite Band ist für das Frühjahr ´27 angekündigt.

Peter O'Pencil Gesamtausgabe 1 page 11

Mir persönlich hat es gut gefallen, den Comic in Etappen zu lesen, also der ursprünglichen Zeitschriftenveröffentlichung zu folgen und die Suche in fünf Teile zu splitten. Dadurch werden die Running Gags besser als am Stück konsumiert. Die Einführung gibt einen guten Überblick und der Abdruck der damaligen ZACK-Cover erhöht die nostalgische Freude!

Dazu passen aus den 79-er Charts Toto mit „Hold the Line“ und eine Sarsaparilla!

© der Abbildungen 2026 Tiziano Sclavi / Giorgio Cavazzano | Splitter Verlag GmbH & Co. , Bielefeld 2026

Cauvin/Lambil – Die Blauen Boys GA 7

1982 – 1984

Story: Raoul Cauvin
Zeichnungen: Willy Lambil

Originaltitel: Le Tuniques Bleues 19, 20, 21

Salleck Publications

Hardcover | 160 Seiten | Farbe | 34,90 € | ISBN: 978-3-89908-831-1

Cover Die Blauen Boys Gesamtausgabe 7

Eine der erfolgreichsten und langlebigsten Western-Serien aus dem frankobelgischen Raum entstand ursprünglich als Lückenfüller. Als Lucky Luke Spirou verließ, musste kurzfristig ein Ersatz gefunden werden. Mittlerweile sind sowohl der ursprüngliche Zeichner (Salverius) als auch der jahrzehntelange Texter Cauvin verstorben, die Blauen Boys allerdings reiten weiter. Die Gesamtausgabe bei Salleck enthielt zunächst in den ersten sechs Bänden Neuübersetzungen der in Deutschland bei Bastei erschienenen Teile, auch um sie endlich den mittlerweile akzeptierten Qualitätsanforderungen anzupassen. Aufgrund des Wunsches vieler Leser*innen geht es jetzt mit den bei Carlsen verlegten und vergriffenen Bänden weiter.

Die Tücken des Krieges

Anfangs war die Ausrichtung der Serie noch ein wenig unentschieden, die Fokussierung auf die Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südstaaten, einem der bisher blutigsten Kriege der Geschichte, hat sich aber schon lange etabliert. Und so bestimmen auch jetzt Themen des Kriegsgeschehens die drei Alben. Dazu kommen viele Abbildungen und zwei Einseiter als deutsche Erstveröffentlichung. Die Geheimwaffe beschreibt den Einsatz eines U-Boot-Vorläufers, der David, und seine verheerende Wirkung auf die Schiffe der Nordstaaten, die den Nachschub ihrer Gegner durch eine Seeblockade einschränken wollen.

Black Face thematisiert die Frage, ob es dem Norden wirklich um „die Befreiung der Sklaven“ ging. Immerhin dürfen sie sich im Norden zwar der Armee anschließen, allerdings nur um für weniger Sold Drecksarbeiten auszuführen. In Fünf Schwere Jungs steht das ständige Problem im Vordergrund, Nachschub an jungen Rekruten als Kanonenfutter zu finden. Das 22. Infanterieregiment wird zwar immer wieder aufgefüllt, außer Kommandant Stark und unseren beiden Helden überlebt aber kaum jemand. Die Schwierigkeiten der Rekrutierung stehen im Vordergrund dieses leicht zynischen Bandes.

Die Blauen Boys Gesamtausgabe 7 page 132

Die Blauen Boys sind so erfolgreich, weil Cauvin es immer wieder schafft, Aspekte herauszugreifen und in den Fokus zu stellen, die die Absurdität des Krieges darstellen. Der nur saufende General, der aufgrund der fehlenden Sonne auf dem Schlachtfeld ganz bleich ist, der Trick, Verbrecher hinter die Linien zu schaffen, und der unverhohlene Rassismus zeigen auf, wo die Dinge wirklich im Argen liegen.

Knollennasen und Schachtfelder

Willi Lambil, nach Salverius der Zeichner der Serie, verbindet Knollennasen und Überzeichnungen in den Gesichtern mit der Darstellung des Krieges. Nach den Attacken liegen die Leichen auf den Feldern, ihre Positionen zeigen unmissverständlich den Schmerz und das Leid. Diese Szenen dienen der Untermalung der Ernsthaftigkeit und unterstützen das gemeinsame Anliegen, den Irrsinn des Krieges und die Möglichkeit, darin trotzdem zu überleben, zu zeigen. Während der Vorgesetzte, Sgt, Chesterfield, unermüdlich versucht, das alles zu ignorieren, versucht sein Untergebener, Corporal Blutch, unentwegt zu desertieren, wenigstens aber für das Überleben zu sorgen.

Die Blauen Boys Gesamtausgabe 7 page 133

Dieser Gegensatz trägt mit seinem manchmal feinen, oft brachialen Humor die Geschichten und fasziniert seit rund 70 Ausgaben. Quasi als Gegensatz zur menschlichen Tragödie wirken die immer wieder eingestreuten Naturbeobachtungen. In einem beliebigem Panel tauchen unvermittelt sehr realistisch dargestellte „unschuldige“ Tiere auf. Genial!

Nicht aufhören, bitte!

Die ersten sechs Nummern der Gesamtausgabe waren für die deutschen Leser*innen fast wie eine Erstveröffentlichung, hatte die damalige Übersetzung doch eher Klamauk im Sinn als Werktreue. Glücklicherweise wird die Reihe aber fortgesetzt und ermöglicht es all denen, die die Serie nicht bereits in den 90-ern gut fanden, ihr angemessen zu folgen! Natürlich lassen sich die meisten Teile noch antiquarische finden, die Gesamtausgabe mit dem redaktionellen Teil, den Fotos und Aquarellen und nicht zuletzt der guten Aufmachung im Hardcover bieten aber doch deutlich mehr!

Die Blauen Boys Gesamtausgabe 7 page 10

Dieser Band erklärt auch die Verwirrung bei der Zählung: Carlsen startete damals mit einer neuen Nummer 1 und ignorierte die Tatsache, dass das Original bereits die stolze „19“ trug. Eine klare Empfehlung für alle Western-Fans, die Liebhaber der Ecole Marcinelle und des bissigen Stils von Raoul Cauvin! Ein Hinweis: Auch die aktuellen Bände erscheinen bei Salleck!

Dazu passen Bruce Springsteen mit allem von „Nebraska“ und ein guter Kaffee!

© der Abbildungen DUPUIS 1982, 1983, 1984, by Cauvin & Lambil / 2026 Eckart Schott Verlag

Kris/Lambil – Die Blauen Boys 49

Irish Melody

Story: Kris
Zeichnungen: Willy Lambil

Originaltitel: Le Tuniques Bleues 66

Salleck Publications

Softcover | 48 Seiten | Farbe | 12,00 € | 
ISBN: 978-3-89908-847-2

Cover Die Blauen Boys 49

Begonnen hatte die Blauen Boys anfangs hauptsächlich als humoriger Nachfolger für den von Spirou zur Konkurrenz gewechselten Lucky Luke mit Zeichnungen von Salverius nach Szenarien von Raoul Cauvin. Als Zeichner übernahm nach dem Tod des ersten Willy Lambil. Mittlerweile ist auch Cauvin verstorben und Kris hat die Aufgabe übernommen, die sich immer mehr zur Armee- und kriegskritischen Reihe entwickelten Abenteuer der beiden Soldaten der Nordstaaten fortzuführen.

Auswanderer im Mittelpunkt

Niemand mit weißer Hautfarbe in Amerika hat keine Migrationswurzeln. Umso erstaunlicher sind manche Debatten, die Einwander*innen ehrliche Motive absprechen wollen, schließlich sind viele der Zugezogenen unzweifelhaft „politische Flüchtlinge“ gewesen, die meisten jedoch waren Wirtschaftsflüchtlinge, die sich weniger Hunger und Prosperität versprachen. Viele davon kamen aus Irland. Wie alle anderen Gruppen auch brachten sie ihre Folklore mit sich und St. Patrick ist in den USA noch immer ein riesiges Fest.

Kris spielt mit den Vorurteilen über die Iren: traurige Lieder, fröhlich dargebracht, Stout, das vor dem Servieren „wie ein Soldat“ ruhen muss und der Wunsch für ein befreites, vereinigtes Irland. Sgt. Chesterfield, auffällig durch seine roten Haare, wird von einem Angehörigen der Irischen Brigade (der Nordstaaten) als Cousin identifiziert und rutscht langsam in eine emotionale Zwickmühle: Möchte er sich als „Corny“ seinen vermeintlichen Landsleuten anschließen oder weiterhin zusammen mit „seiner einzigen Familie“ Blutch in der Infanterie dienen.

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Die Kritik an den Zuständen im Krieg, die Missachtung der menschlichen Schicksale durch die Generäle und der Widerspruch zwischen soldatischen Lebenswirklichkeiten und Befehlen wird deutlich, als sich Irische Brigaden auf beiden Seiten des Schlachtfeldes gegenüberstehen. Irish Melody ist eine traditionsbewusste und gelungene Fortführung der Erfolgsserie. Im Original gibt es mittlerweile schon weitere neue Bände.

Gelungene Überspitzung

Natürlich sind die Vorurteile gegenüber der irischen Kultur eine Steilvorlage für jeden guten Zeichner. Auch Lambil genießt es, Menschen in grünen Kostümen als Leprechaun oder am Tresen mit einem Guiness darzustellen. Und auch die Lust am Singen lässt sich den Bildern ablesen. Besonders gut gelingen ihm in diesem Band die Gesichtsausdrücke seiner beiden Helden, die darüber zweifeln, was sie tun sollen.

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Und auch die Freund*innen der Natur kommen in diesem Band wieder auf ihre Kosten. Wie immer sind einige Tiere die Stars ihrer Panel, selbst wenn sie nur wie zufälliges Beiwerk wirken. Und auch der Detailreichtum der Hintergründe lädt zum Verweilen bzw. zum mehrmaligen Lesen ein. Mehr kann man von einer Reihe mit fast 70 Bänden nun wahrlich nicht verlangen!

Die Perpetuierung eines erfolgreichen Konzepts!

Die Blauen Boys sind eine echte Erfolgsgeschichte und haben schon lange bewiesen, dass sie mehr als ein lückenfüllender Ersatz sind. Mehr noch, da niemand mehr von der Originalbesetzung dabei ist, ist auch klar, dass das Konzept als Solches funktioniert. Natürlich braucht es auf künstlerischer Seite genügend Talent um das auch an die Käufer*innen zu bringen. Bei Lambil steht das außer Frage und Kris hat einen guten Start!

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Gleichzeitig erscheint auch der siebte Band der Gesamtausgabe (Rezension folgt). Nachdem nun alle bei Bastei veröffentlichten Geschichten eine vernünftige Übersetzung und eine angemessene Form gefunden haben, werden auch die bei Carlsen erschienenen Bände aufgenommen. Damit wird ab jetzt der deutsche Sonderweg in der Zählung der Bände offensichtlich, hatte man sich damals doch entschieden, mit einer „1“ neu zu starten.

Dazu passen Keith and Tex mit „Gun Life“ und ein Starnberger Helles!

© der Abbildungen DUPUIS 2022 – Lambil & Kris / 2026 Eckart Schott Verlag

di Giorgio/des Dorides – Wyoming, 1863 1

Fünf Tage zum Sterben

Story: Jean-Francois di Giorgio

Zeichnungen:  Fabrizio des Dorides

Originaltitel: Wyoming, 1863, volume 1

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |56 Seiten | Farbe | 18,00 € | ISBN: 978-3-98721-328-1

Cover Wyoming, 1863 1

Der Titel Fünf Tage zum Sterben ist Programm: Schon lange habe ich keinen Western mehr gesehen, in dem diese Anzahl von Leichen die Wege der Protagonist*innen pflastern. Diese neue Serie beschreibt sich selbst in der Ankündigung als eine Geschichte aus mehreren Perspektiven, in der es keine Helden gibt. Der neue Western steht somit in der blutigen Tradition der Spaghetti-Western.

Eine Reihe an Massakern …

Wie mittlerweile relativ häufig auch bei Netflix und Co. zu beobachten, startet die Serie nicht chronologisch, sondern mit einem zukünftigen Ereignis. Dadurch sollen die Konsument*innen bei der Stange bleiben und sich in die neue Welt hineinziehen lassen. Auf der ersten Seite begegnen wir einem Mann und einer Frau, vermutlich beide verletzt, die als einzige Überlebende einer gewaltigen Schießerei nur noch auf die endgültige Entscheidung hinarbeiten können. Um sie herum liegen ungezählte Tierkadaver und menschliche Leichen.

Schon auf der zweiten Seite springt die Geschichte um einige Tage zurück: Ein Elternpaar entlässt ihren kleinen Jungen in die weite Welt; er soll ein Studium beginnen und es einmal besser haben, Während das Ehepaar noch versucht, mit dieser Trennung klarzukommen, haben Banditen den Jungen schon hingerichtet, um ein paar Pferde zu stehlen. Auch seine Eltern werden sterben, denn Zeugen sind unerwünscht.

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Dazu wird später noch das Schicksal von Emma kommen, einer jungen Mutter, die die Entführung ihrer beiden Töchter rächen will, eine alte offene Rechnung zwischen einem zwielichtigen jungem Mann und einem alten Ranchero, ein paar alte Haudegen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und immer wieder gewissen- und skrupellose Banditen. Für Spannung, Konflikte und viel Blut zwischen all dem Pulverdampf hat der erfahrene Jean-Francois di Giorgio wahrlich gesorgt.

In einem abwechslungsreichen Layout

Fabrizio des Dorides ist in Italien durchaus bekannt und hat bereits an vielen Fumetti gearbeitet, gerade auch an Sachen im Bereich Mystery und Horror. Inhaltlich hat er daher wahrscheinlich kaum Anpassungsschwierigkeiten gehabt, sein Stil in dieser Serie verrät die Herkunft allerdings nicht. Die Seiten sehen sehr unterschiedlich aus, nutzen das große Albumformat perfekt und erinnern eher an moderne frankobelgische Werke.

Wyoming, 1863 1 page 4

Die Landschaft ist extrem detailreich, die Personen sehr realistisch und die Actionszenen sind glaubhaft. Teilweise nimmt er Techniken des Films auf und verwendet harte Schnitte aus nächster Nähe, um Dynamik zu erzeugen. An einigen Einstellungen lässt er zusätzlich seine Horrorerfahrungen einfließen und verursacht bei den Leser*innen eine Gänsehaut!

Gewalt und Können in Kooperation

Bisher kannten wir von Jean-Francois di Giorgio nur Eastern aus den Samurai und Sensei Reihen. Wer mit Abenteuern ohne Helden und somit auch ohne moralische Wertungen klarkommen kann, ist hier sicherlich gut bedient. Wer allerdings Western im Stil von Bonanza erwartet, sollte die Finger von Wyoming, 1863 lassen!

Detail Wyoming, 1863 1 page 5

Story und Artwork ergänzen sich gut, die Orgien aus Gewalt, Gier, Rache und Verzweiflung werden glaubhaft und realistisch umgesetzt. Man sollte den Comic allerdings nicht in Gegenwart von Kindern herumliegen lassen, die Szenen sind definitiv nichts für deren Augen. Wer sich gerne Tarantino-Filme anschaut, dürfte aber nicht überfordert sein.

Dazu passen The Adicts mit „Straight Jacket“ und ein Moloko Plus!

© der Abbildungen Èditions Soleil by Jean-Francois di Giorgio & Fabrizio des Dorides – 2024 | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2026

Flix/Kleist – Lucky Luke Hommage 8

Die Grimm Brothers

Story: Flix
Zeichnungen: 
Reinhard Kleist

Originalausgabe

Egmont Comic Collection

Softcover/Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 9,99 € / 17,00 € | ISBN: n/a / 978-3-7704-1184-9

Cover Lucky Luke Hommage 8
© Lucky Comics 2026 /Story House Egmont

Eine weitere Hommage aus deutschen Landen. Mawil und Ralf König hatten sich bereits mit dem Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten beschäftigen dürfen, Flix brachte schon Spirou und das Marsupilami in die deutsche Hauptstadt. Und auch die Hauptserie hat immer mal wieder Bezüge zu deutschen Einwander*innen aufgenommen, zuletzt die deutsche Braukultur.

Märchen und ihre Folgen

Co-Helden dieser Geschichte sind die Brüder Grimm. Bekannt für ihre Sammlung von deutschen Märchen und ihre Beschäftigung mit der deutschen Sprache begeben sie sich in diesem Album auf eine Reise, die nie stattgefunden hat: Sie machen eine Lesetour durch die Vereinigten Staaten. Sie treten in verschiedenen Saloons auf, die mit europäischen Salons jedoch wenig gemein haben.

Zudem ist das amerikanische Publikum an ihren Haus- und Hofmärchen nicht interessiert. Lucky Luke hat jedoch eine Idee, wie die Reise möglicherweise gerettet werden könnte: Es müssten amerikanische Märchen präsentiert werden! Da die beiden allerdings Sammler und keineswegs Geschichtenerfinder wie ein gewisser Herr Andersen sind, muss zunächst eine Quelle gefunden werden.

Werbung für Lucky Luke Hommage 8
© Lucky Comics 2026 /Story House Egmont

Die Rettung scheint in Form von Ma Dalton gefunden zu sein: Das Publikum ist begeistert von der Erzählung über die Daltons. Diese allerdings fühlen sich auf das Übelste verleumdet, sollen sie doch plötzlich gut geworden sein. Das Spektakel möge beginnen… Flix schreibt recht witzig, baut viele Reminiszenzen ein und trifft auch den Ton einer Hommage recht gut.

Unverkennbar ein Kleist

Reinhard Kleist hat sich zuletzt immer wieder an Helden der Popkultur abgearbeitet und die Essenz ihres Lebens in Form von Graphic Novels veröffentlicht: Beispiele sind David Bowie und Johnny Cash. Insofern passt es, dass er den beiden deutschen Gelehrten, deren Werke immer noch in vielen deutschen Kinderstuben zur Grundausstattung gehören, ein fiktives Denkmal setzt. Wer genau hinschaut, wird Charaktere aus seinen anderen Werken hier wiederfinden.

Sein Strich ist stark angelehnt an die erwarteten Figuren, lässt sich aber eindeutig als „echter Kleist“ erkennen. Diese Mischung aus klassischem frankobelgischem Comic und künstlerischem Graphic Novel Stil ist zunächst einmal etwas verwirrend. Man muss sich erst ein wenig eingrooven, dann aber passt das Ganze zumindest für mich. Die Hintergründe sind allerdings manchmal etwas zu psychedelisch geraten, die Traumsequenz dagegen fantastisch!

Illustration zu Lucky Luke Hommage 8
© Lucky Comics 2026 /Story House Egmont

Eine gelungene Hommage!

Eine Hommage ist etwas anderes als ein One-Shot: Er soll einen fremden Blick auf wesentliche Elemente werfen, diese aber in einer freundlich anerkennenden, jedoch eigenen Weise darstellen. Das gelingt hier gut. Flix nimmt viele Elemente der Serie mit hohem Wiedererkennungswert auf, Kleist zeichnet die Figuren erkennbar und anders.

Die Idee, klassische Figuren der deutschen Literaturgeschichte in den Wilden Westen zu verpflanzen und sie dort als Fremdkörper agieren zu lassen, hat ihren Charme, wird außerhalb von Deutschland aber kaum funktionieren. Und insofern bestätigt dieser Comic sich in gewisser Weise auf der Metaebene selbst. Wie immer gibt es neben der Softcover-Kioskausgabe auch eine gebundene für den Buchhandel und eine limitierte Vorzugsaugabe mit Variantcover und Gimmicks.

Dazu passen Bruce Springsteen, etwa mit „Western Stars“ und ein Bulleit Rye.

© der Abbildungen © Lucky Comics 2026 /Story House Egmont

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