ZACK 250

ZACK 250 (April 2020)

Herausgeber: Klaus D. Schleiter

Chefredaktion: Georg F. W. Tempel
MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag
Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 7,90 €
ISSN: 1438-2792

Ich möchte mit einem Gratulationstusch starten: mittlerweile hat das „neue“ ZACK 250 Ausgaben geschafft und das Startpublikum der Koralle-ZACK-Aficionados deutlich erweitert! Viele neue Serien haben Eingang gefunden und aktuell scheint sich eine – aus meiner Sicht sehr erfreuliche – Kooperation mit dem niederländischen StripGlossy anzudeuten, werden die Morde im Mai doch mindestens von Spaghetti, vielleicht auch von den Macaronis begleitet.

Gefeiert wird das Jubiläum übrigens mit einem Variantcover für Abonnenten mit einer erotischen Szene aus Empire USA.

Der Neustart

Keine Landschaft auf einem fernen Planeten sondern in Mexiko!

Sauvage hat gerade den dritten Platz in der Wahl des ZACK-Helden 2019 belegt und die neue Episode Esmeralda wurde von vielen erwartet. Der Text von Yann ist dabei sicherlich spannend, verknüpft er doch die Ereignisse Mitte der 60-er Jahre des 19. Jahrhunderts in Mexiko mit den persönlichen Schicksalen der handelnden Personen und spielt dabei sehr geschickt mit persönlichen „Skills“ wie Naivität oder Skrupellosigkeit. Gleichzeitig wird die Kritik an der politischen Führung, etwa wegen des Befehls, keine Gefangenen mehr zu machen, sondern die Gegner noch auf dem Schlachtfeld zu erschießen, deutlich! Die Zeichnungen von Meynet sind aber zumindest in dieser von ihm selbst erledigten Kolorierung einfach nicht mein Favorit.

Die Fortsetzungen

Bisher fehlte die Leiche in dem aktuellen Abenteuer von Rick Master, nun ist sie da und auch bereits identifiziert. Das Motiv bleibt aber noch rätselhaft. Gleichzeitig wird in Für Frankreich gefallen aber auch deutlich, dass Rick beim Militär wenig Freunde hat und so hat Simon Van Liemt die ungewohnte Verpflichtung, den Helden seitenlang mit einem Veilchen darzustellen. Zidrou hat aus dem etwas altbackenen Liebling aller Schwiegermütter und noch mehr aus seiner Geliebten Nadine moderne Held*innen gemacht, denen man die kriminalistische Ader abnimmt.

Die History-Serie Rani von Van Hamme & Alcante nimmt Fahrt auf. Ging es bisher eher darum, dass die Heldin zeitbegingt ihrem ekligen Halbbruder hoffnungslos ausgeliefert ist, kommen nun politische Bezüge hinzu. Wie so oft gilt, dass der Böse nicht nur seine Familienangehörigen verrät, sondern auch kein ungetrübtes Verhältnis zu seinem Land hat. Francis Vallès darf dabei zeigen, wie gut er neben Kompositionen auch Landschaften und Gebäude zeichnen kann. Wie gut, dass es von dieser Serie bereits mehrere Folgen gibt.

Henk Maalbeck muss den ersten der Morde im Mai, nämlich den an seinem Vater, mitansehen. Trotzdem ist noch nicht wirklich klar, wie groß die Sache eigentlich ist. Auf jeden Fall ist schon mal deutlich, dass Deutsche die Verteidigung Rotterdams ausspioniert haben und wichtige Dokumente den Besitzer hätten wechseln sollen. Eric Heuvel hat den Roman von Jaques Post sehr stimmig in Bilder übertragen und so ist dieser Comic nicht umsonst bei unseren westlichen Nachbarn sehr erfolgreich gewesen.

Dazu kommen die witzigen Parker & Badger und Tizombi sowie neben dem Schlussstrip auch eine ganzseitige Episode des Vaters der Sterne. Zumindest für letzteren täte Abwechslung gut. Die Artikel featuren eine neue Netflix-Serie von DreamWorks und bringen ein interview mit Phillipe Aymond zu den neuen Abenteuern von Bruno Brazil – lesenswerte Abwechslung!

Der Abschied

In Empire USA wird der Teil 2.2 beendet und Jared ist mit seinen Untersuchungen zum Tod seines Freundes noch nicht wesentlich weiter. Immerhin ist deutlich geworden, dass die russischen Oligarchen keine einheitliche Gruppe darstellen, sondern sich verschiedenen Nachfolgegruppen der alten Nomenklatura angeschlossen haben. Spannender Thriller von Stephen Desberg mit realistischen Zeichnungen von Alain Queireix in anspruchsvollem Layout.

Variantcover mit Szene aus Empire USA

Sollte das ZACK dieses hohe Niveau halten können, dürfte der nächste Meilenstein (Ausgabe 293 und damit mehr Ausgaben als das „alte“ ZACK) leicht zu schaffen sein!

Dazu passen natürlich zum Anstoßen ein Glas Champagner und die alten No Doubt!

Abbildungen © 2020 MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag und den jeweiligen Zeichnern und Verlagen

Albert Uderzo ist tot

Foto Albert Uderzo - Fotograf:© 2020 LES EDITIONS ALBERT RENE
Albert Uderzo – Asterix-Legende. „obs/Egmont Ehapa Media GmbH/© 2020 LES EDITIONS ALBERT RENE“

Ohne ihn hätte es die weltberühmten Comic-Helden Asterix und Obelix nicht gegeben: Nun ist Albert Uderzo im hohen Alter von 92 Jahren gestern Nacht im Kreis seiner Familie an einem Herzinfarkt verstorben.

Gemeinsam mit dem begnadeten Geschichtenerzähler René Goscinny erschuf er das Asterix-Universum, welches seit Generationen für Jung und Alt ein weltweiter gallischer Dauerrenner ist. Sein Motto lautete, dass das Arbeiten in der Comic-Branche jung hält.

Albert Uderzos langjähriger deutscher Verlag Egmont Ehapa Media GmbH zur traurigen Nachricht: „Die Welt hat einen großen Zeichner verloren. Zugleich bleiben wir reich beschenkt zurück mit den einzigartigen Comic-Geschichten aus Gallien. Durch die Abenteuer von Asterix wird Albert Uderzo uns und den Lesern in bunter, humorvoller Erinnerung bleiben. Wir bedanken uns bei ihm für eine vertrauensvolle und außergewöhnliche verlegerische Partnerschaft über ein halbes Jahrhundert und für all seine pointierten Zeichnungen und Geschichten.“

Asterix® – Obelix® – Idefix ® / © 2019 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Albert Uderzo wurde am 25. April 1927 geboren. Alles deutete darauf hin, dass er mit seinen Händen Großes vorhatte: Albert Uderzo kam mit sechs Fingern an jeder Hand zur Welt. Seine Eltern beschlossen jedoch diese beiden überzähligen Finger entfernen zu lassen. Als Sechsjähriger Knirps lieferte er schon die ersten, beinahe druckreifen Zeichnungen zu Hause ab. Da erst bemerkte man, dass der Junge farbenblind war. Auch dieses Hindernis konnte ihn nicht stoppen. Mit 14 Jahren engagierte ihn ein Pariser Verlag. Mit 18 zeichnete er bereits seine eigenen Comic-Strips. Das Zeichentalent scheint ihm wirklich in die Wiege gelegt worden zu sein, denn er besuchte zu keiner Zeit eine Kunstakademie. Seinen unverwechselbaren Strich bringt er sich selbst bei und verbessert sich durch permanentes Üben. 1951 schlägt seine große Stunde. Er begegnet Jean Michel Charlier und insbesondere René Goscinny. Mit Charlier entstehen die Abenteuer der beiden tollkühnen Piloten „Tanguy und Laverdure“. Zusammen mit René Goscinny entwickelt er zunächst „Umpah-Pah“. Zwischen den beiden Künstlern bahnt sich eine lebenslange, sehr innige Freundschaft an. Seinen großen Durchbruch feierte er 1961, als die gallischen Abenteuer in Frankreich schon in Form von kompletten Comic-Geschichten in 48-seitigen Alben erscheinen. Der Asterix-Funke zündet und nur wenige Jahre später und begeistert in ganz Europa. Seinen größten Verlust erlebte er 1977: Nach dem plötzlichen Tod seines besten Freundes René Goscinny wollte das Zeichnergenie mit Asterix Schluss machen. Aber seine Fans überzeugten ihn weiterzumachen und so soll es auch jetzt sein: Auch wenn er diese Welt verlassen hat, durch Asterix wird der großartige Künstler in den Herzen der Leser für immer weiterleben.

Unter Verwendung einer Pressemitteilung von Egmont EHAPA Media – www.egmont.de und www.asterix.com

Abbildung: obs/Egmont Ehapa Media GmbH/© 2020 LES EDITIONS ALBERT RENE

Rochette – Der Wolf

Der Wolf

Story: Jean-Marc Rochette
Zeichnungen: 
Jean-Marc Rochette

Originaltitel: Le Loup

Knesebeck Verlag

Hardcover | 112 Seiten | Farbe | 22,00 € |

ISBN: 978-3-95728-378-8

Diese Graphic Novel könnte so vieles sein: eine Rachegeschichte, eine Erzählung über die Urgewalten der Natur, über das Entstehen von Respekt aber auch eine vom rauen Leben in den Bergen. Definitiv ist sie aber ein Beitrag zur aktuellen Debatte über die Neuansiedlung von Wölfen in Europa.

Die Story

Gaspard lebt als Schäfer ganz alleine mit seinem Hund in den Bergen. Von Zeit zu Zeit kommt die Post und einmal im Jahr treibt er seine Herde in das Tal wenn der Winter kommt und die Tiere für den Schlachthof verladen werden. Er ist sich selbst genug und lebt im Einklang mit der Natur. Er jagt und versorgt sich selbst und behütet seine Schafe.

Sein natürlicher Gegner ist – neben den Unbillen der Natur – der Wolf, denn dieser versorgt sich ebenfalls selbst und jagt, allerdings eben auch die Schafe, die Gaspards Lebensunterhalt dienen. Sie stehen aber auch unter dem Schutz der Ranger. Eines Tages erlegt Gaspard eine alte Wölfin, ihr kleiner Welpe überlebt zunächst unbemerkt. Im Laufe der kommenden Zeit bemerkt Gaspard ihn, will ihn aber noch nicht töten, da er aktuell keine Gefahr darstellt.

Gaspard hat durchaus Verständnis für seine „Mitbewohner“ der Bergregion; einem Adler überlässt er die Eingeweide eines gerade geschossenen Rehs und auch dem kleinen Welpen helfen diese Gaben groß und stark zu werden bis eines Tages wieder Tiere aus Gaspards Herde getötet werden. Es entwickelt sich ein dramatischer Kampf auf Leben und Tod in den tief verschneiten Bergen und als auch noch ein tagelang wütender Sturm aufzieht, müssen beide um ihr reines Überleben kämpfen. Es kommt zum „Show down“ als sich die beiden Antagonisten verletzt gegenüberstehen.

Die Zeichnungen

Jean-Marc Rochette hat nicht nur ein grandioses Szenario geschrieben, sondern auch überragend illustriert! Seine Berge und Landschaften lassen die Leser*innen die Schönheit der Natur fast riechen, allerdings auch die unpersönliche Gefahr. Ein Fehler und die Felsspalte hat dich verschluckt! In der echten Natur gibt es keine Bambi-Romantik, die dem Kitz hilft, wenn die Ricke nicht mehr da ist. Und genau diese atemberaubende Urgewalt ist in den Bildern zu spüren! Dazu passt dann auch, dass viele Seiten ohne Text auskommen!

Rochette hat Ehrfurcht vor der Natur, den Jägern und den Opfern aber gleichermaßen auch vor dem Mensch, der sie annimmt, um mit der Herde und dem Hund dort draußen zu leben. Er verzichtet auf ein moralisch wertendes Gut-Böse-Schema und er beschreibt, dass es in der Natur keinen Platz gibt für die menschengemachten Freund/Feind-Schemata, sondern nur für eine Schicksalsgemeinschaft, die keinen Herrscher kennt, kein Gewinnstreben und keine Profitmaximierung.

Das Nachwort von Baptiste Morizot weist darauf hin, dass es (auch in Frankreich) immer schwieriger wird, Nachfolger für die in den Ruhestand gehenden Schäfer zu finden, dass die wieder angesiedelten Wölfe weder verklärt werden dürfen noch verteufelt, und dass der spätindustrielle Mensch seine Mitte möglicherweise verloren hat. Alle diese Gedanken finden ihren Ursprung in der vorliegenden Graphic Novel!

Die Empfehlung

Der Wolf gehört für mich zum Besten, was bisher in diesem Jahr erschienen ist! Eine mehrschichtig zu lesende Story, erfreulich entschleunigt in dieser hektischen Zeit, grandiose Zeichnungen in einer sehr stimmigen Hardcoverausgabe! Erfreulich finde ich auch den Mut zu kritischen Fragen, die ohne vorgefertigte mit Sendungsbewusstsein verbreitete Antworten daher kommen und die Leser*innen zum Denken auffordern. Must have gerade in diesen Zeiten, in denen wir uns wieder auf uns besinnen müssen und nicht mehr dem lauten Verdrängen föhnen können.

Dazu passen ein Obstbrand und die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg.

© der Abbildungen Casterman/ Jean-Marc Rochette 2019/Knesebeck-Verlag 2020

Madsen/Kure – Walhalla 1

Die gesammelte Saga Band 1

Story: Peter Madsen nach Hans Rancke, Per Vadmand & Henning Kure
Zeichnungen: 
Peter Madsen

Edition Roter Drache

Hardcover | 244 Seiten | S/W und Farbe | 40,00 € |

ISBN:   978-3-946425-90-8

Üblicherweise schließe ich ja mit Aussagen zur Ausgabe, aber hier muss ich das umdrehen: So sieht eine fast perfekte Gesamtausgabe aus! Originaltöne der Künstler, Einordnung in die Zeitgeschichte inklusive einiger Anekdoten, viel zusätzliches Bildmaterial und dann auch noch eine Erklärung zu den der Geschichte zugrunde liegenden Sagen in einem schön gemachten Hardcover mit Effektprägung. Vielen Dank! Einzig editorische Notizen über die bisherigen Veröffentlichungen hätten noch zur 10 gefehlt, so bleibt es bei einer grandiosen 9,9!

Die nordische Sagenwelt bei Walhalla

Nicht erst seit Ragnar Lodbrock und seinen Abenteuern in „Vikings“ sind Wikinger und ihre alten Sagen wieder en vogue. Insbesondere im Norden und Osten Deutschlands waren sie aber nie ganz verschwunden und so gab es bei Carlsen zwischen 1987 und 1991 bereits sechs Bände der 15 im dänischen Original erschienen Abenteuer.

Im Vorwort des ersten Bandes der Gesamtausgabe – jeder Band wird drei Geschichten beinhalten – erfahren wir, dass sich Henning Kure, Peter Madsen und Hans Rancke ursprünglich eine Art dänischen Asterix vorgestellt hatten. Sie sind dann aber umgeschwenkt auf die Darstellung der nordischen Götter basierend auf den Liedern sowohl der älteren als auch der jüngeren Edda, den wohl bedeutendsten Sammlungen der skandinavischen Sagenwelt. Während in Deutschland klassische Sagen etwa um Siegfried zwar noch als Hintergrundgeschichte für TV-Verfilmungen dienen oder als Wagnersche Inszenierung zur gesellschaftlichen Hochkultur zählen, sind die Geschichten im hohen Norden noch viel verwurzelter in der Alltagskultur.

Die Edition Roter Drache aus Thüringen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Werke aus den Bereichen Steampunk, Fantasy, Phantastik und Heidentum zu veröffentlichen, allerdings ohne dabei der in Deutschland so oft vorhandenen Konnotation „nordische Mythen“ gleich „rechts“ zu folgen. Die Gesamtausgabe der dänischen Comics erfolgt dadurch aber in einem spannenden Umfeld und der Verlag hofft sicherlich auch darauf, dass die Comicleser*innen einen Blick auf die Bücher werfen und die klassischen Leser*innen an den Comics nicht vorbeigehen werden.

Die Comics

Odin, Thor und Loki dürften auch in Deutschland den meisten Leser*innen grundsätzlich bekannt sein. Was aber ist mit dem Rest der Götterfamilie, den Riesen und den Orten Asgard, Midgard oder Utgard? Wer weiß noch, wer die Seelen der im Kampf gefallenen Krieger nach Walhall bringt? Zur Beantwortung all dieser Fragen dient Odins Reise oder das versäumte Vorwort, das hier ebenfalls abgedruckt worden ist. In sehr kompakter Weise wird hier grafisch der Grund für die weiteren Geschichten gelegt.

In Der Wolf ist los wird die Mythe vom Fenriswolf erzählt. Der Fenriswolf wurde größer und größer, stellte somit eine Gefahr für die Asen, die nordischen Götter, dar und musste in Schach gehalten werden. Natürlich wird diese Mythe in der Comicform etwas ausgeschmückt, folgt aber grundsätzlich wie auch alle folgenden Geschichten dem Original wie es in einer der Eddas erzählt wird. Um die Geschichten näher an die Welt der potentiellen Leser*innen zu bringen und sie kindgerechter erzählen zu können, werden zwei neue Hauptpersonen hinzugeschrieben, die Kinder Tjalfi und seine kleine Schwester Röskva. Der kleine, menschliche Junge wird von Loki verleitet, Blödsinn zu machen und muss daher als Strafe Thor dienen. Auch seine schlaue, aufgeweckte Schwester darf mitkommen und fortan begleiten sie Thor. Obwohl die beiden ein sehr kindliches Element in die Story bringen, schadet das der Erzählung nicht, lockert im Gegensatz sogar auf und verhindert einen „Geschichtsunterricht“.

Thors Brautfahrt bringt die Leser*innen in das Land der Riesen. Thrym hat Thors Hammer gestohlen und verlangt als Preis für die Rückgabe eine Hochzeit mit Freya. Diese ist allerdings keineswegs darauf erpicht zu heiraten und schon gar nicht diesen Riesen. Der einzige Ausweg scheint eine Reise der als Frauen verkleideten Götter Thor und Loki zu sein. Verwechslungsspaß mit Männern in Frauenrollen ist deutlich älter als Tootsie oder Mrs. Doubtfire!

Die letzte Geschichte des ersten Bandes zeigt, dass die nordischen Götter menschlichen Schwächen nicht abgeneigt waren. In Odins Wette lässt sich das Oberhaupt auf einen Wettstreit ein und behauptet, bessere Krieger für Walhall finden zu können als die eigentlich zuständigen Nornen. Während seiner Abwesenheit übernehmen seine chaotischen Brüder die Herrschaft.

Die Zeichnungen

Der erste Band wurde erstmals 1979 veröffentlicht und Peter Madsen hat für die damalige Zeit recht innovativ gezeichnet. Alle Figuren sind etwas überzeichnet und leicht karikiert, Bewegungen wirken eher wie ein Trickfilm im Standbild und der Hintergrund ist manchmal sehr farbig, meistens aber vor allem einfach. Trotzdem ist die Kolorierung von Soeren Hakansson stimmig.

Das ändert sich im Laufe der weiteren Veröffentlichungen deutlich und sehr schnell: die Figuren werden in ihren Proportionen besser, die Hintergründe detaillierter und die Seitenaufteilung variabler. Spätestens ab dem dritten Band merkt man, dass er sich mit seinen Figuren und Settings wohl fühlt.

Seine Schwarzweiß-Zeichnungen und Illustrationen zeigen viel mehr von seinem Können: Düster und ausdrucksstark fängt er die Unwirtlichkeit der Landschaft und die Distanz von Göttern zu Menschen ein. Und das schließt den Kreis zu den einleitenden Worten, denn der Abdruck so vieler zusätzlicher Illustrationen ist nicht unbedingt üblich! Als Bonus gibt es sogar noch eine Geschichte mit dem eingangs erwähnten Ragnar!

Empfehlung für alle, die sich nicht nur für die eingefahrenen Pfade des frankobelgischen Comics interessieren und ein Stück skandinavische Kulturgeschichte zu schätzen wissen. Ab dem dritten Band werden es im Übrigen deutsche Erstveröffentlichungen sein!

Dazu passen Björk und ein Spionen IPA aus Dänemark!

© der Abbildungen Edition Roter Drache, Peter Madsen, Hans Rancke, Per Vadmand, Henning Kure, Soeren Hakansson & Carlsen Verlag 2020

ICOM Comic!-Jahrbuch 2020

ICOM Comic!-Jahrbuch 2020

Hrsg: Burkhard Ihme

Interessenverband Comic e. V. ICOM

Din A4 | 272 Seiten | Farbe | 15,25 €

ISBN: 978-3-88834-950-8

Ihr sitzt wegen Corona zuhause und wisst nicht, was ihr tun sollt? Das Comic! Jahrbuch 2020 bietet genügend Lesestoff auf 272 Seiten!

Kurz zum Hintergrund: Der Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V. ICOM existiert bereits seit 1981 und bemüht sich darum, Zeichner*innen und Autor*innen ein Forum für Meinungs- und Informationsaustausch zu bieten um dadurch ihre berufliche Situation zu verbessern. Der ICOM ist anerkannter Berufsfachverband und bietet für seine Mitglieder nicht nur Infos, sondern auch konkrete Beratung und Hilfestellung. Das Jahrbuch ist also auch als Werbung zu verstehen für den Verband, vor allem aber auch für seine Mitglieder und hat daher einen extrem niedrigen Verkaufspreis!

Die Becker/König/Crumb-Kontroverse

War das letzte Jahrbuch noch von der Diskussion um die Juryzusammensetzung für den 25. ICOM Independent Comic-Preis geprägt, bewegt dieses Jahr eine andere Auseinandersetzung die Gemüter: Franziska Becker, langjährige Karikaturistin und EMMA-Zeichnerin, wird vorgeworfen, Islamophob zu sein indem sie muslimische Frauen mit Kopftuch verunglimpfe, Ralf König soll auf seinem Wandbild für das Brüsseler Rainbow-Haus transphobe und rassistische Vorurteile transportiert haben und auf internationaler Bühne wird Robert Crumb gewaltverherrlichender Sexismus und Rassismus vorgeworfen. Ein großer Teil dieses Jahrbuchs versucht mit Artikeln und Interviews Sachlichkeit in der Diskussion zu ermöglichen und fragt, ob sich Bewertungsmaßstäbe ändern können oder müssen!

Den Hintergrund bildet immer wieder die Frage, was Satire darf oder sogar muss, ob Grenzen des guten Geschmackes auch Grenzen der Moral sind und wo Überspitzung zu Hate Speech wird. Ist es noch ein Stilmittel, wenn große Lippen zur Kennzeichnung von People of Colour gezeichnet werden? Wie groß ist der Unterschied zu einer Hakennase oder anderen antisemitischen Klischees? Wenn ich religiösen Fanatismus kritisieren möchte, muss ich dann immer mindestens drei Religionen gleichzeitig kritisieren oder kann ich mich in der Auswahl beschränken? Und darf ich dann immer wieder die gleiche einschränkende Auswahl treffen? Schwierige Fragen, die auf Stammtisch-Niveau nicht zu beantworten sind! Der Ansatz, sachliche Informationen aus erster Hand durch Interviews und verschiedenste Artikel zu bieten, ist dabei meiner Ansicht nach als sehr positiv zu bezeichnen!

Das Jahrbuch bietet auf mehr als 50 (Din A-4) Seiten O-Töne von Crumb und König sowie viel Hintergrundinfo und Zusammenfassungen der Kritik!

Die deutsche Comicszene

Was wäre das Jahrbuch des ICOM ohne eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung des deutschen Marktes… Würdigungen des Münchner Comicfestes und der „Cons“ machen den Anfang der thematischen Artikel; Berichte über I. Astalos und seine Beiträge für das deutsche MAD und ein Bericht zum 50. Geburtstag der U-Comix folgen. Es geht aber auch um ein neues Magazin über SF-Comics und eine Internetplattform verschiedenster Künstler*innen namens Toonsup. Leider auch ein Thema sind Nachrufe.

Im Bereich Atelier werden fünf Kreative etwas ausführlicher vorgestellt, viele andere dagegen mit einer Aktualisierung der Werkschau! Unverzichtbar für alle, die einen Überblick über die deutsche Independentszene gewinnen oder behalten wollen!

Niederlande, USA und andere Länder

Alles andere als provinziell zu sein war schon immer der Anspruch des ICOM! Die Berichte über andere Länder sind aber dreifach anders als normal: Neben Berichten aus Frankreich und den USA gibt es auch noch die Niederlande, Italien und Japan; die Betrachtungen konzentrieren sich auf Entwicklungen der Independents und sie sind ebenfalls nicht nur reich bebildert, sondern auch sehr persönlich verfasst! Lesenswert sind sie alle, als Anlesetipp möchte ich die Geschichte der StripSchrift nennen. Dazu kommt noch mein Favorit in dieser Rubrik: historische Vorbilder für Comiczeichnungen. Vor allem die Ähnlichkeiten zu Märklin-Katalogen sind verblüffend!

Die Preisträger*innen

Eine vierköpfige Jury hat die Aufgabe übernommen, den ICOM Independent Comic-Preis 2019 für Eigenproduktionen zu bestimmen. Für 2020 sind weitere Veränderungen geplant. Wie immer sind im Jahrbuch die Preisträger*innen mit Begründung und Leseproben versammelt und schon das sollte ein Grund für das Kaufen und Lesen dieses Jahrbuches sein!

Als Bester Independent-Comic wurde im Juni 2019 „Don’t touch it!“ von Timo Grubing, erschienen bei Zwerchfell ausgezeichnet. Horror bleibt preiswürdig! Der Verlag konnte noch zwei weitere Preise abräumen, unter anderem für die beste Newcomerin Natalie Ostermaier, die sich in Kramer mit Religion und Hexenverfolgung auseinandersetzt. Alle Preisträger*innen gibt es hier.

Der Sonderpreis für Guido Weißhahn soll noch kurz Erwähnung finden: Guido baut seit Jahren an einem Archiv für in der DDR erschienene Comics oder besser Bildgeschichten und leistet einen großen Beitrag zur Aufarbeitung und Bewahrung dieses Teils der deutschen Comic-Geschichte!

Das Fazit

Auch wenn der Trickfilm dieses Jahr etwas kurz gekommen ist, bleibt das ICOM Comic!-Jahrbuch unverzichtbares Rüstzeug für alle, die auch jenseits des Mainstreams nach guten Comics suchen, über die Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben wollen und bereit sind, über das Gelesene vielleicht auch noch mal zu reflektieren! Diskussionen sind schmerzhaft und das Ändern liebgewonnener Gewohnheiten weder von vornherein richtig noch falsch. Die Diskussion darüber ist aber notwendig.

Dazu passen neben einem kühlen Kopf und Wasser für die diskursiven Teile und ein Ipanema für die anderen sowie Musik von Blaggers ITA!

© Interessenverband Comic e. V. ICOM 2020

© der Abbildungen bei den Verlagen, Zeichner*innen, Autor*innen und Fotograph*innen

Oesterfelt/Andersen/Blaszczyk – Marie Curie

Ein Licht im Dunkeln

Story: Frances Andreasen Oesterfelt, Anja C. Andersen
Zeichnungen: 
Anna Blaszczyk

Originaltitel: Marie Curie – Et lys i moerket

Knesebeck Verlag

Hardcover | 136 Seiten | Farbe | 22,00 € |

ISBN: 978-3-95728-366-5

Die Person

Marie Curie war so vieles: ein aufgewecktes Mädchen im russisch besetzten Warschau, die jüngere Schwester, die der anderen den Vortritt lassen musste, die Gouvernante, die sich unschicklich verliebte…

Sie war aber auch die erste Professorin an der Sorbonne, die erste Frau, die den Nobelpreis gewann, der erste Preisträger, der mit diesem Preis in zwei unterschiedlichen Kategorien ausgezeichnet wurde, und vor allem eine wissbegierige, die niemals aufgab.

Ihr verdanken wir die Isolation von Radium und anderen radioaktiven Elementen wie etwa Polonium sowie die anfängliche Beschreibung ihrer Fähigkeiten und sie hat unzählbar oft Frauen ermutigt, eine Karriere in Wissenschaft und Lehre anzustreben und sich nicht von den äußeren Umständen behindern zu lassen.

Kein Wunder also, dass der Knesebeck-Verlag in seiner Graphic Novel-Reihe auch dieser Frau einen Titel widmet. Hier steht sie neben anderen Wissenschaftstiteln und Biographien perfekt und leidet auch nicht unter dem Makel, „nur“ eine Bildgeschichte zu sein, ist der Knesebeck-Verlag doch ein renommierter.

Die Ausgabe

Drei Frauen haben sich zusammengetan um dieses Werk auf die Beine zu stellen. Oesterfelt ist eine Expertin für Marie Curie, Andersen eine bereits ausgezeichnete Sachbuchautorin. Zusammen haben sie den Text verfasst, der durch alle Abschnitte des Lebens der Polin führt. Es ist immer ein schwieriger Grad zwischen zu viel und zu wenig Text. Gerade bei den wissenschaftlichen Themen hätte ich mir ein wenig mehr erhofft, zum Beispiel im Unterschied ihrer Arbeit zu der von Becquerel. Es ist den beiden aber gelungen, eine spannende Geschichte aufzubauen, die einerseits sehr persönliche Momente beinhaltet, anderseits auf die Heldinnen-Aspekte zielt. Die Verwendung von wörtlicher Rede, erläuterndem Text und in der Handlung entstandenem Text wie etwa Notizen oder Briefe ist dabei abwechslungsreich und angenehm.

Die Zeichnungen von Anna Blaszczyk sind dagegen gewöhnungsbedürftig. Es handelt sich um expressionistische Illustrationen, die es zumindest mir etwas erschwert haben, einen Zugang zu dieser Graphic Novel zu finden. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran und erkennt die Stimmigkeit und Passgenauigkeit in Bezug auf Emotionen und äußere Umstände. Sie folgen weder dem klassischen Comic-Mainstream noch den Strichfiguren aus (viel zu vielen) Graphic Novels, die manchmal genial reduziert sind, oft aber auch einfach nur nicht ausgearbeitet. Nein, die polnische Künstlerin hat ihren eigenen Stil und passt dadurch auch optisch zu der manchmal sperrigen, immer aber „anders seienden“ Heldin.

Das Fazit

Wer einen reinen Sachcomic über Physik und Chemie erwartet ist hier falsch, diese Inhalte werden nur angerissen und müssen anderweitig vertieft werden. Ebenfalls nicht zufrieden dürften diejenigen sein, die einen leichten Lesegenuss für kurz vor dem Einschlafen suchen, denn dafür fordern die eigenwilligen Illustrationen zu viel! Wer sich dagegen auf eine Reise durch das Leben der großen Wissenschaftlerin und ihre persönlichen Krisen einlassen möchte, bereit ist, graphische Herausforderungen zu bestehen, und nebenbei auch noch Diskussionen starten möchte indem das Buch auf dem Tisch liegenbleibt, wenn Besuch kommt, ist hier richtig und sollte unbedingt zuschlagen.

Dazu passen ein halbtrockener Rotwein und Ella Fitzgerald!

© der Abbildungen 2020 Frances A. Oesterfelt, Anja C. Andersen, Anna Blaszczyk/Knesebeck Verlag

Achdé – Lucky Luke 98

Lucky Luke 98 – Volle Fahrt voraus

Story: Achdé nach Morris
Zeichnungen: 
Achdé
Originaltitel: 
Kid ou double

Egmont EHAPA Media
A4 | 48 Seiten | Farbe | Softcover 6,90 € | Hardcover 12,00 €
ISBN: 
N/A | 978-3-7704-4064-1

© 2019 Lucky Comics by Achdé d’après Morris und 2020 Egmont EHAPA Medien GmbH

Das Album

Der Junge, der schneller zieht als sein Schatten ist zurück. Wie seit einigen Jahren üblich wechseln sich in der deutschen Lucky-Luke-Reihe die Abenteuer des Cowboys und von Lucky Kid ab. Die aktuelle Sammlung beinhaltet hauptsächlich One-Pager aus dem Leben der zukünftigen wildwest-Legende und einen Freunden Hurricane Lisette, Kleiner Kaktus oder Dopey. Auch Jolly Jumper ist bereits mit von der Partie.

© 2019 Lucky Comics by Achdé d’après Morris und 2020 Egmont EHAPA Medien GmbH

Die Geschichten sind für ein jugendliches Publikum geschrieben und daher harmlos. Im Gegensatz etwa zu dem kleinen Spirou haben sie keine schlüpfrigen Anspielungen auf die spätere Sexualität der Erwachsenen, leben aber ebenso von dem Widerspruch der von Kindern erlebten Erwachsenenwelt und bieten daher genügend Fläche für witzige Erzählungen etwa über spätere Schurken oder alkoholische Getränke.

Immer ist aber die schon bei Morris vorhandene und von Achdé weitergeführte Moralität der Geschichten zu bemerken: Es geht nicht um die Einhaltung der Gesetze, sondern um die dahinterstehende Gerechtigkeit! Das Recht der Indianer wird zwar tatsächlich mit Füssen getreten, in der kindlichen Vorstellung muss man aber trotzdem etwas tun und der konservative, Mauern bauende Rassist wird von einem kleinen Präriehund ad absurdum geführt. Diese Grundhaltung tritt nicht nur im Inhalt zu Tage sondern auch in der Bildsprache.

© 2019 Lucky Comics by Achdé d’après Morris und 2020 Egmont EHAPA Medien GmbH

Der Künstler

Achdé weiß natürlich sehr genau, welche Gesichtsausdrücke erwartet werden und wie ein traditioneller an Morris aufbauender Lucky Luke Comic aussehen muss. Das gelingt ihm aber mit einem für Leser*innen sichtbaren Vergnügen und begeistert daher auch hier erneut.

Dazu kommen verschieden wiederkehrende Szenarien; das meiner Ansicht nach am besten gelungene bringt Voraussagen oder Wunscherfüllungen des Medizinmannes: anarchistischer Humor wie bei Pippi Langstrumpf trifft auf skurrilen Humor a la Paddington!

© 2019 Lucky Comics by Achdé d’après Morris und 2020 Egmont EHAPA Medien GmbH

In Frankreich gibt es mittlerweile drei Serien um den berühmten Cowboy: die originalen Geschichten von Morris, die „neuen“ Geschichten nach Morris und die Jugendabenteuer. Da hier in Deutschland sowieso keine chronologische Veröffentlichungspraxis durchgezogen worden war, ermöglicht die Kombination in einer Reihe eine Generation übergreifende Ausgabe die die einen verführt, auch die harmloseren Geschichten zu sammeln, und die anderen, den Blick auf die erwachsene Seite zu werfen.

Vor allem in Hinblick auf die eröffnende längere Geschichte nicht nur für Komplettisten ein guter Kauf!

Dazu passen ein Kaffee und das erste Album von Kim Wilde gleichen Namens.

© 2019 Lucky Comics by Achdé d’après Morris und 2020 Egmont EHAPA Medien GmbH

© der Abbildungen 2019 Lucky Comics by Achdé d’après Morris und 2020 Egmont EHAPA Medien GmbH

Henseler/Buddenberg – Meine Freie Deutsche Jugend

Eine fast normale Kindheit in der DDR

Story: Thomas Henseler, Susanne Buddenberg nach dem Roman von Claudia Rusch
Zeichnungen: 
Thomas Henseler, Susanne Buddenberg

Originalausgabe

Ch. Links Verlag

Hardcover | 144 Seiten | S/W und Farbe | 18,00 € |

ISBN:  978-3-96289-083-4

Die Kindheit

Um seine Jugend in der DDR verbracht zu haben muss man ein Geburtsjahr haben, das spätestens aus den 70-er Jahren kommt. Für viele heute Graphic Novels lesende Menschen also weit vor dem eigenen Geburtsdatum. Die Geschichte erfordert also das Eintauchen in eine fremde, zumindest aber vergangene Zeit mit komischen Klamotten, Redewendungen und Modethemen, richtig? Naja, hier geht es nicht um eine Netflix-taugliche, hippe Verfilmung, sondern um Erinnerungen eines jungen Mädchens an die eigene Kindheit, erzählt auf einer sehr sympathischen und freundlichen Basis obwohl einem beim Lesen manchmal das Lachen etwas stecken bleibt…

Die Geschichte von Claudia Rusch beginnt an der Ostsee. Diese ist weder von menschenfressenden Ungeheuern bevölkert noch besonders stürmisch und doch sind viele Flüchtlinge aus dem damals „ummauerten“ Teil Deutschlands in ihr ertrunken und so empfindet auch die kleine Heldin sowohl eine grenzenlose Angst vor dem Wasser als auch den unbedingten Wunsch, einmal die Ostsee mit dem Malmö-Express zu überqueren. Thomas Henseler und Susanne Buddenberg, die sich schon mehrfach dem Thema DDR gewidmet haben, gelingt es in dem ganzen Buch, Claudia sympathisch darzustellen, ihre (Kinder-)Sorgen darzustellen und die damalige Situation darzustellen ohne dabei in Klischees abzurutschen. So benutzen sie in dieser Szene etwa angedeutete Tierfallen im Wasser der Ostsee.

Der Staat

Das kleine Mädchen hat auch Eltern. Während der biologische Vater nach der Scheidung keine allzu große Rolle mehr spielt (mal abgesehen von dem einen wichtigen Auftritt in Uniform), gehört ihre Mutter zum Kreis um die Dissidenten Havemann und ist daher ein Objekt für die Überwachung durch die StaSi. Ganz nebenbei wird hier ein Problem dargestellt, dass viele Beziehungen nachträglich unter ein unerträgliches Licht gestellt hat, denn die Bespitzelung machte weder um die Liebe noch die Familie einen Bogen …

Die Überwachung wurde aber auch öffentlich vollzogen und die „grauen Herren“ warteten auch in Wagen vor der Haustür oder folgten den Überwachten mehr oder weniger unauffällig und so ist eine meiner Lieblingsszenen der Marsch der kleinen Claudia durch den dunklen Wald um die Oma vom Bus abzuholen. Aus Furcht singt sie lauthals Parteilieder, was einerseits die ihr im Verborgenen folgenden Mutter verärgert, andererseits die der Mutter folgende StaSi verwirrt, kann es sich doch nur um Provokation oder Täuschung handeln – an Absurdität nicht mehr zu überbietender Slapstick vom Feinsten!

Die Graphic Novel

Eine andere grandiose Stelle beschreibt die Fähigkeit, mit den Gefühlen der Leser*innen zu spielen. In einem überfüllten Bus nimmt das kleine Mädchen auf dem Schoß eines älteren Herren Platz und die Dramatik der Bildfolge, ihrer sich verlangsamenden Geschwindigkeit und der wechselnden Frontalen der Gesichter des Herren, der Mutter und des Kindes lassen kein Missverständnis aufkommen: Hier wird etwas geschehen! Tut es auch, allerdings anders als heutzutage erwartet!

Das autobiographische Buch von Claudia Rusch war ein kleiner Bestseller, allerdings kein Mainstream, denn die Heldin wollte natürlich ein Ende der DDR aber keinen Anschluss, sondern die Möglichkeit auf eine eigenständige Entwicklung. Henseler und Buddenberg gelingt es kongenial, die Stimmungen der Heldin und ihrer Umgebung einzufangen und wiederzugeben, die Emotionen des Kindes (Kakerlaken!), der jugendlichen und auch der jungen Erwachsenen glaubhaft darzustellen und vor allem aber die DDR-Situation als bedrückend, feindlich und unerwünscht zu beschreiben ohne in eine „Verteufelung“ zu verfallen, die gerade Westler*innen so gerne präsentiert haben.

Insgesamt also eine brillante, unbedingt zu empfehlende Graphic Novel aus der jüngeren Deutschen Geschichte die ein differenziertes Bild auf die DDR wirft und dabei nichts verschweigt, die eine Jugend aus der unschuldigen Perspektive des Kindes zeigt, die erwachsene Wertung des Ganzen aber nicht unterschlägt und nebenbei auch noch wirklich gut gezeichnet ist! Gerade auch für „Wessies“ könnte die Lektüre die eine oder andere Erinnerung hervorholen und in einem neuen Licht erscheinen lassen: Während die „Schwerter zu Pflugscharen-Kampagne“ hier aus Ost-Sicht für westliche Infiltration gehalten wird, war sie im Westen ein Sinnbild für ostdeutsche Propaganda…

Für mich auf der Auswahlliste für die Graphic Novel des Jahres!

Dazu passen ein Radeberger und (passend zu ihrem 65. Geburtstag) Nina Hagen und ihre Entwicklung vom „Farbfilm“ zum „TV“.

© der Abbildungen Christoph Links Verlag, 2020

Serpieri – Roter Bruder

Serpieri Collection – Western 3 – Roter Bruder

Story: Raffaele Ambrosio, Paolo Eleuteri Serpieri
Zeichnungen: 
Paolo Eleuteri Serpieri

Originalausgabe

Schreiber und Leser

Hardcover | 160 Seiten | S/W und Farbe | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-015-9

Western-Comics bilden mittlerweile einen kleinen Schwerpunkt im Programm von Schreiber & Leser. Neben satirischen Aspekten und brutalen Darstellungen erlauben die Kurzgeschichten von Serpieri einen Rückblick auf die Zeit nach den Goldenen Zeiten.

Der Inhalt

Der Westen ist schon nicht mehr frei von Regeln der Weißen, es gelten aber immer noch Ehre und Respekt, Freundschaft und die Verpflichtung zur Begleichung alter Schulden. Nie könnte man sich einen John Wayne als Helden in einer Serpieri-Verfilmung vorstellen, höchstens als einen der vielen verblendeten Weißen, die alles kaputt machen wollen. Vorhang auf für eine Runde Wehmut:

Die Bestie ist schon ein klasse Opener: Einerseits fällt sie etwas aus dem Rahmen, da hier schon ein paar Science-Fiction Elemente zum Tragen kommen, die Serpieris späteres Werk geprägt haben, andererseits passt sie aber auch noch in die indianische Phantastik. Materieller Reichtum ist ein Konzept, dass erst der weiße Mann nach Amerika gebracht hat. Diese Geschichte ist übrigens farbig abgedruckt!

Spuren führen einen Revolverhelden zurück auf eine Reise durch seine Vergangenheit. Nicht immer möchte man alle Entscheidungen seines Lebens erneut präsentiert bekommen.

Auch die Flussfahrer erzählt von den Regeln der Indianer und der Natur gleichermaßen. Während dem Vermesser erklärt wird, dass man den Missouri nicht vermessen sondern nur leben könne, geht es gleichzeitig um die Begleichung einer alten Ehrenschuld.

Es ist aber nicht nur so, dass die neu hinzugekommenen die alten Regeln nicht verstehen; die alteingesessenen haben auch keine Idee ob der neuen Regeln! Und so wird Wolfsschwanz wie in einer klassischen Tragödie zu einem Banditen ohne den Hauch einer Chance.

Noch einmal kommt die Phantastik zu ihrem Recht: Takuat hat Ahnungen, kennt sogar das Land hinter dem der Lebenden und hat doch keine Chance auf Erlösung. Wie so oft wird hier das Verständnis der Autoren für die Lebens- und Geisteswelt der Indianer deutlich. Mit großem Respekt und ohne Voreingenommenheit wird ihre Sicht der Dinge geschildert und das alleine reicht schon um einen deutlichen Kontrapunkt zu den klassischen Western zu setzen, die den Weißen Mann, seine Vorstellungen und seine grundlose, brutale Eroberungspolitik als Maß der Dinge beschreiben.

In Roter Bruder wird deutlich, dass die Welten der Eroberer und der Ureinwohner sich viel häufiger vermischt haben als es heute so scheint. Die Schwierigkeit dabei ist es, Regeln (der anderen) zu verstehen und mit den folgen zu leben. Manchmal erfordert das große Opfer, manchmal bringt das Unverständnis großes Leid.

Der Biberbau ist dagegen fast schon klassisch: eine gewitzte Idee wird zur endgültigen Falle. Das Bison ist dagegen eine Liebeserklärung an die Gewalten der Natur und ihren Lauf und ein Plädoyer für ein Leben im Einklang mit der Natur. In der Wassergeist kommt die Fantastik wieder zu ihrem Recht. Leider ist das „Und wenn sie nicht gestorben sind“ im Wilden Westen eher unwahrscheinlich.

Serpieri kann aber auch genretypische Stories schreiben und so beschließt mit einer Geschichte aus dem Wilden Westen eine Auseinandersetzung um eine Frau mit einer Postkutsche, einem Überfall, einem alten Revolverhelden und einer Menge Tragik den Reigen.

Die Zeichnungen

Serpieri zeichnete die Geschichten vor fast einem halben Jahrhundert. Computer und Zeichentabletts waren noch Zukunftsmusik und Comicproduktion noch „Handarbeit“. Viele Hilfslinien in Blau waren später in der Repro nicht mehr zu sehen, Texte wurden separat erstellt und aufgeklebt. Insofern ist vor allem die Arbeit zu loben, die in die Edition dieser Seiten gesteckt worden ist! Der Veröffentlichung sieht man keine Retusche an!

Die Zeichnungen selbst sind dankenswerter Weise im Original und größtenteils ohne Kolorierung abgedruckt. Einerseits passt das zum Sujet, andererseits ermöglicht das auch gerade die Würdigung der Arbeit des Künstlers, da keine Farbe nachträglich Schwächen überdecken kann. Jeder Strich, jede Falte, jedes Haar muss sitzen! Egal, ob in Großaufnahme der weiten Landschaft oder im Portrait, Serpieri beherrscht sein Handwerk und sollte in keiner Sammlung fehlen!

Der dritte Band ist meiner Meinung nach sogar der Beste der Reihe! Für alle, denen das Konzept der Herrenrasse auf den Keks geht, die bereit sind, andere Blickwinkel einzunehmen (und ein wenig Esoterik dabei ertragen können) und für die, die unter dem Konzept von Ehre und Verantwortung keine Blutrache, sondern Selbstverpflichtung erwarten. Und natürlich für alle, die einfach gute Westerngeschichten lieben! Mehr dazu auch am Gratis Comic Tag!

Die Aufmachung als solche ist grundsolide mit schönem Vorsatz, guter Bindung und edler Aufmachung des Hardcover. Zu der Frage der bibliographischen Informationen wurde bereits alles gesagt.

Dazu passen Bullet Old Frontier Whiskey und Bruce Springsteen „Western Stars“.

© der Abbildungen 2020 Verlag Schreiber und Leser, Hamburg