Lucas Museum of Narrative Art

A sweeping journey through the images that tell our stories

Herausgeber/Autor: Jessica Hundley

Mit Beiträgen von: George Lucas, Guillermo del Toro, Ryan Linkof

Originalausgabe

Taschen Verlag

Hardcover 2 Bände im Schuber | 832 Seiten | Farbe | 175,00 € | ISBN: 978-3-7544-0564-2 (EN)

Cover Lucas Museum of Narrative Art
Art © Don Maitz

George Lucas hat ein eigenes Museum for Narrative Art eröffnet. Das ist zunächst schon mal eine gute Nachricht, denn sie enthält die Mitteilung, dass das, was eine der bedeutendsten Geschichten der Science-Fiction hat entstehen lassen, nachvollziehbar wird. Die Nachrichtensendungen transportieren diese Meldung, zeigen die wunderschöne moderne Architektur des Museumsgebildes mit seinen 30 Galerien, und verweisen auf die Person des Stifters und dass sein Kunstbegriff auch unterhaltende Kunst umfasst. Das ist die eine Seite!

Die andere ist, dass hinter diesem Museum und seiner Eröffnungsschau eine Theorie der erzählenden Kunst steht, die so ausführlich und anschaulich dargestellt ihrer Gleichen sucht. Es gibt viele Sammler*innen von Kunstwerken. Viele von ihnen sammeln sogar mit einem Ziel: ein*e Künstler*in, eine Richtung, eine Geografie, ein Thema, oftmals weiter eingeschränkt. George Lucas hat im Laufe der Jahre 40.000 Artefakte gesammelt, die ihn berührt haben, ohne auch nur ein einziges davon wieder zu verkaufen. Diese persönliche Motivation hat dazu geführt, dass die Werke sich in einer Weise ähnelten, die es erlaubte, eine Theorie damit zu unterfüttern.

Alle diese Kunstwerke erzählen eine Story, unterfüttern sie oder stellen sie in Frage, selbst wenn das des Schaffenden nicht immer ausdrücklich klar war!

Ein Bild ist neutral?

Keinesfalls! Ein Bild steht fast immer in einem Zusammenhang. Es normiert Erwartungen, schafft einen Rahmen des Erwartbaren, Erlaubten, Frivolen, … Selbst eine Flucht in eine romantische Landschaft, ein abstraktes Muster, ein Stillleben ist eine Aussage, erst recht die Darstellung einer soziologischen Begebenheit.

Das fängt bei den Geschichten für Kinder an: Ist es eine heile, konservative Welt mit einem normierten Familienbegriff? Oder gibt es Patchworkhintergründe und queere Eltern? Sind die Kinder gemischt nach Ethnien, Geschlecht und Alter oder separiert? Alle diese scheinbar unwesentlichen Details bilden den Hintergrund der ersten Prägung, die nicht von den Eltern ausgeht und damit quasi objektiv wahrgenommen wird. Die Darstellung der heilen Familie in der Vorstadt (Stichwort: Tradwives) unterscheidet sich von der Influencer-Welt, der Schichtarbeit, der Land-WG. Es ist aber nicht nur die Darstellung, die sich unterscheidet, es ist auch der damit bezweckte Impetus.

Lucas Museum of Narrative Art drawing from Rockwell
Norman Rockwell
Age of Romance, cover for The Saturday Evening Post,
November 10, 1923. Oil on canvas, 30 x 24 in. (76.2 x 61 cm)

Ganz plump ausgedrückt: Unterstützen das Bild und seine Narration die herrschenden Verhältnisse, stellen sie sie in Frage oder rufen sie gar zu einer revolutionären Aktion auf? Es ist wichtig, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass Bilder in einem Kontext lesbar sind.

Der Massendruck bot eine Möglichkeit, dieses Medium in viele Haushalte zu bringen, die Rezeption war aber immer noch individuell: beim Zeitung-/Magazinlesen, beim Betrachten des Kunstdruckes an der Wand, beim Durchblättern eines Bildbandes.

Vom Individuum zur Gruppe

Jede individuelle Rezeption mag Folgen haben, sie mag sogar im Gespräch mit Anderen Unterstützung finden und somit kollektive Entscheidungen beeinflussen; das ist aber kaum planbar. Anders ist es mit öffentlichen Präsentationen: ein Mural (Wandbild) erreicht nicht nur die gesamte Nachbar*innenschaft, sondern zieht vielleicht sogar Auswärtige an, eine Ausstellung, noch mehr ein Film garantiert eine Gleichzeitigkeit des Erlebens und ermöglicht dadurch Interaktion und kollektive Beeinflussung.

Das soll im Übrigen keineswegs nur negativ klingen! Eine Unterstützung von Tierschutz und Umweltbewusstsein, eine Änderung im täglichen Verhalten wie Mülltrennung, Aufklärung über krankheitsfördernde Umstände sind – zumindest für mich – sehr positive Folgen dieser subtilen, aber wirksamen Präsentation von narrativer Kunst. Nicht zuletzt basiert unsere demokratische, freie Gesellschaft auf der Interaktion und der Vereinbarung auf das Beste für Alle.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Gemalte Bilder und erschaffene Skulpturen haben immer etwas Subjektives und unterliegen damit einem gewissen Vorbehalt. Ein Foto hingegen bildet die Realität ab, niemand kann es anzweifeln (nun ja, schon immer konnten Fotos manipuliert werden, aber nie war es einfacher als heute mit AI). Dokumentarfilme mit bewegten Bildern waren noch eindringlicher: Seeing is believing!

Lucas Museum of Narrative Art drawing from Colescott
Robert Colescott
George Washington Carver
Crossing the Delaware:
Page from an American History
Textbook, 1975. Acrylic on
canvas, 78 1/2 x 98 1/4 in.
(199.4 x 249.6 cm)


© Estate of Robert Colescott / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Der Museumskatalog führt nicht nur diese Gedanken sehr viel tiefer aus, allerdings auf Englisch, er führt auch eine Vielzahl an Beispielen aus der umfangreichen Sammlung an. Diese belegen positive wie negative Elemente, zeigen an Gegensätzen die Wirkung und hinterfragen ein ums andere Mal die teilweise behauptete Objektivität. Schon die Auswahl des Motivs hat einen Einfluss!

Die Glaubwürdigkeit der Kulisse

Der erste Band des zweiteiligen Kataloges schließt mit dem filmischen Star Wars Universum. Es geht nicht nur darum, welch großartige Story der Film erzählt (oder besser die Vielfältigkeit der erzählten Geschichten, die sich zu einem modernen Mythos verbinden), sondern auch darum, was man tun muss, um die Glaubwürdigkeit zu erreichen.

Das fängt damit an, dass die Kulissen, Raumschiffe und Kleidungsstücke nicht sauber poliert sind. Die damaligen SF-Filme sahen oftmals so aus, als ob die Putzkolonne das Setting gerade verlassen hatte. In Star Wars waren die Sachen alt, geflickt, staubbedeckt und damit … glaubhaft! Die Sandleute hatten nicht nur Männer, sondern auch Kinder und Frauen; diese unterschieden sich in ihren Klamotten. Die heute ikonische Prinzessin Leia trug etwas, das Adel ausstrahlte, im Kampf aber nicht behinderte, die Fahrzeuge und die fremden Wesen waren erkennbar anders, konnten aber funktionieren.

George Lucas hatte nie vor, nur einen erfolgreichen Film zu drehen, er wollte ein Universum erschaffen, bevölkern und mit den Geschichten in diesem Setting Prinzipien Gehör verschaffen, Probleme des Erwachsenwerdens, des Gegensatzes von Gut und Böse, von Machtmissbrauch thematisieren und ernst genommen werden. Dafür ist/war es notwendig, sich mit diesem Setting alle Mühe zu geben, um eine glaubwürdige Basis zu haben.

Lucas Museum of Narrative Art drawing from Chiang
Doug Chiang
Starship Landing Platform (detail), production art for Star
Wars: Episode II — Attack of the Clones, 2000. Acrylic on board,
10 5/8 x 17 3/4 in. (27 x 45.1 cm)

© & TM Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved

Der zweite Band des monumentalen Werkes bleibt bei der erzählten Geschichte, führt sie allerdings von der Leinwand zurück auf das Papier. Imaginierte Welten entführen die Betrachter*innen und zeigen etwas, das nicht existiert, aber doch eine bestimmte Funktion erfüllen soll. Diese kann zunächst einmal positiv sein, also ein Ideal darstellen oder eine Auffassung von gemeinsamer Geschichte definieren.

Ein Beispiel dafür ist die Besiedlung des sog. „Wilden Westens“. Weder war dieser leer, noch gingen die ursprünglichen Bewohner*innen freiwillig. Die Neuankömmlinge waren keineswegs immer friedlich oder voll mit guten, demokratischen Gedanken. Trotzdem ist auch durch die Darstellung in Pulps, in Gemälden und Comics eine Basis für ein Verständnis dieser Geschichte geschaffen worden, dass als Gründungsmythos dient (und natürlich auch von Foto und Film unterstützt wurde). Im Endeffekt beruht ein Großteil der Identität der Vereinigten Staaten auf dieser – die Geschichte nicht unwesentlich formenden – erzählten „Wahrheit“.

Diese Welten beziehen sich aber nicht nur auf die Geschichte, sie sind auch in anderen sowohl soziologischen als auch philosophischen Bereichen spürbar. Da wäre zunächst der Bereich Romantik und Abenteuer. Natürlich werden die zukünftigen Erwachsenen auch durch das geprägt, was sie als Kinder und Jugendliche als Rollenbilder vorgesetzt bekommen. Die heile Familie, der allen Gefahren trotzende und Andersartige abschlachtende Held sind die eine Seite, das hilfsbereite Kind in einer offenen Gesellschaft, das solidarische Leben von Erwachsenen die andere.

In enger Wechselwirkung dazu stehen die Themen Science-Fiction und Fantasy; Während erstere eher gesellschaftliche Visionen und Dystopien beschreibt, spielen in letzterem wieder die Helden, seltener Heldinnen, und Machtstrukturen eine Rolle. Abschießend geht der Katalog auf wenige Künstler*innen spezifisch ein, die pars pro toto stehen.

Must Have!

George Lucas und seine Frau Mellody Hobson haben letzte Woche bei der Eröffnung des Museums den ersten 100 Besucher*innen persönlich die Hand geschüttelt. Das neu errichtete Bauwerk ist schon ohne Ausstellung einen Besuch wert, die Schau mit ihren fast eineinhalb Tausend Stücken erst recht! Wer es aus welchen Gründen auch immer wie die meisten von uns nicht nach Kalifornien schaffen sollte, hat mit dem Katalog Lucas Museum of Narrative Art eine echte Alternative! Gut aufbereitet, informativ und einordnend und trotzdem locker lesbar ist das Werk ein heißer Anwärter für das Sachbuch des Jahres!

Wer sich auf die Reise macht, sollte den Katalog vorher lesen, sich seine eigenen Gedanken machen und versuchen, diesen im Gebäude mit seinen 30 Sälen zu folgen. Die Werke sind im Original mit Sicherheit noch eindrucksvoller, die Theorie des visuellen Erzählens und seine Folgen ist in Häppchen vorab genossen wahrscheinlich besser verständlich als bei einem Besuch.

In beiden Fällen ist der Schuber mit seinen zwei Bänden nicht nur ein Hingucker im Regal, sondern auch ein lehrreicher und begeisternder Zeitvertreib bei allen Wartereien!

Dazu passen Gustav Holst mit „Die Planeten“, ein Espresso (aus Äthiopischen Bohnen) und ein guter Bordeaux.

© der Abbildungen 2026 Lucas Museum of Narrative Art | 2026 Taschen GmbH, Köln

Giger  – Mythologies for the Future

The biomechanical art of HR Giger (dreisprachig EN FR DE)

Herausgeber/Autor: Hans Werner Holzwarth, Andreas J. Hirsch

Artist: HR Giger
Originalausgabe

Taschen Verlag

Hardcover XXL | 506 Seiten | Farbe | 175,00 €

ISBN: 978-3-8365- 7716-8 (Multilingual (EN FR DE)

Cover HR Giger

Ein Kunstband in einem Comic-Magazin, ja, passt das denn? Die Antwort kann nur lauten „Ja!“, ist doch die Neunte Kunst selber nur eine unter vielen anderen Kunstformen, unter denen es eine Unmenge an Überschneidungen gibt. Dabei sind immer wieder Trendsetter zu beobachten, die neue Wege eröffnet haben. Diese Wege breiten sich dann aber über viele Ausdrucksformen aus. So entstehen in der gestaltenden Kunst, der Malerei, im Film und eben auch im Comic Artefakte, die von dem Neuen inspiriert worden sind. Einer dieser Freigeister war Hans Rudolf Giger, dessen Todestag sich 2024 zum zehnten Mal jährte.

BLACK!

Der Schweizer Künstler, 1940 in Chur geboren, absolvierte nach dem Abitur zunächst eine Bauzeichnerlehre, bevor er Innenarchitektur und Industriedesign studiert. Bereits während dieser Zeit veröffentlicht er eigene Zeichnungen in Untergrundzeitungen. Seine späteren Themen lassen sich schon erkennen, die Stilrichtungen ändern sich allerdings noch. Ab 1968 arbeitet er nicht mehr als Angestellter und kann von seiner Kunst leben.

Der Weg führt weg von den Zeichnungen hin zu Öl und Acryl-Gemälden und Airbrushkunstwerken. Immer wieder tauchen Verbindungen von biologischen und mechanischen Bestandteilen auf. Die sogenannten Biomechanoiden zeigen einen düsteren Blick auf die Zukunft, sollen verstören und kommen gleichzeitig eigenartig morbid daher. Außerdem enthalten sie immer wieder sexuelle Komponenten, die sich auch auf den katholischen Hintergrund Gigers zurückführen lassen.

HR Giger page 108

Wesentlicher Bestandteil seines Schaffens sind seine Filmdesignbeiträge, insbesondere natürlich für Alien von 1979. Die ikonographische Figur ist mittlerweile Allgemeingut der Pop-Kultur, Giger wurde dafür mit einem Oscar (Visual Effects) belohnt. Und natürlich ist sie auch der Star einer Vielzahl von Comic-Stories und Cross-Overs. Der Band zeigt aber auch seine teilweise nicht einmal verwendeten Arbeiten für andere Filme, wie etwa Dune. Immer wieder zeigt sich darin seine Ausbildung im Möbeldesign, die er in sehr spezieller Weise mit seinen biomechanischen Themen verknüpft.

Die Ausgabe

Ich weiß nicht, wer schon einmal versucht hat, ein Kunstwerk durch das Betrachten einer Postkarte zu erschließen. Ich bin der Meinung, dass das gar nicht funktioniert. Das vom Taschen-Verlag gewählte Format geht einen anderen Weg: das Coffee-table-book im XXL-Format erlaubt tatsächlich eine Seitengröße von 29 x 39,5 cm und lässt sich durch Doppel- und Ausklappseiten noch deutlich erweitern. Natürlich sind es immer noch nicht die echten Kunstwerke, sie kommen dem Original aber schon sehr nahe.

Nun ist das Betrachten der Werke die eine Sache, die Erklärung der Werke (und ihrer Auswahl) sowie die Einordnung in das Weltgeschehen die andere. Hier ist es Andreas J. Hirsch zu verdanken, dass er die Leser*innen mit großem Sachverstand, aber eben auch in einer nicht abgehobenen Art und Weise durch das Werk des verstorbenen HR Giger führt. Obwohl dieses Buch kein Ausstellungskatalog ist, merkt man ihm doch an, dass der Autor bereits Ausstellungen, auch von Giger, kuratiert hat!

HR Giger page 78

Nicht jede*r ist des Englischen so weit mächtig, dass der gleiche Genuss in der fremden Sprache erzielt werden könnte. Das Werk ist daher komplett dreisprachig. Die einzige Schwierigkeit: Arme oder Unterlage müssen in der Lage sein, 6,2 Kg auf längere Zeit halten zu können.

Was lange wärt …

Dieses Buch wurde noch zu Lebzeiten des Künstlers begonnen. Nun hat sich sein Todestag bereits zum zehnten Mal gejährt. Alle hier aufgezeigten Befürchtungen sind in diesem Jahrzehnt allerdings keineswegs obsolet geworden. Im Gegenteil: Mit dem Einzug von Generative AI hat das Thema der künstlichen Intelligenz und der Bedrohung des „natürlichen“ Lebens eine neue Dimension bekommen. Umweltverschmutzung und Klimakrise sind nicht mehr nur noch globale Bedrohungen, die aktuellen Kriege haben gezeigt, dass ökologische Katastrophen als Folgeerscheinung geplant werden.

Wann also wäre diese Mischung aus Horror, psychedelischen Fragestellungen und Surrealismus relevanter als heute? Das Buch gibt natürlich einen Einblick in die Werke, vernachlässigt aber auch die Wirkung auf andere nicht und stellt dadurch immer wieder die Verbindung zu Politik, Kunst und Unterhaltung her. Anstatt jetzt sehr lange aufzuzählen, für welche Zielgruppen der Band geeignet wäre, entscheide ich mich für das Gegenteil: Wer auf Romantik und Liebe steht, ist hier möglicherweise falsch.

HR Giger The work

Dazu passen „Chrome“ von Debbie Harry (mit einen Album-Cover von Giger) und ein poor man’s Black Velvet.

© der Abbildungen 2024 Carmen Giger (HR Giger Estate) / 2024 Taschen GmbH

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