Worley/Waller – Omaha 3

Omaha the Cat Dancer – Band 3

Story: Kate Worley
Zeichnungen: 
Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 3

Schreiber und Leser

Klappenbroschur | 224 Seiten | S/W | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-059-3

nur für Erwachsene

Cover Omaha 3

Das ist jetzt schon der dritte Teil der Erzählungen um die Schönheitstänzerin Omaha und ihre Freund*innen, die lokale Politik in dem echten Minneapolis nachempfundenen Mipple City und Kunst und Kultur im Allgemeinen.

Eine freizügige Soap Opera

Vom Grundsatz her ist Omaha eine Mischung aus Grapic Novel, Soap Opera und Independent Shocker. Vom ersteren nimmt die Geschichte den Anspruch, Personen ernst zu nehmen, ihre Hintergründe zu entwickeln und echte Probleme zu präsentieren. Das Ganze soll aber auch leichtfüßig daherkommen, Spaß machen, über Jahre laufen, Side-Projekt ermöglichen und unterhalten. Und weil es eben nicht Lindenstraße oder Coronation Street ist, sind die Protagonist*innen Tiere und haben expliziten Sex.

Omaha 3 page 5

Ist das jetzt ein Porno für Intellektuelle? Nein! Es gibt zwar Sex, dieser steht aber nicht mit voyeuristischem Anspruch im Vordergrund, sondern gehört zum Leben halt dazu. Deshalb kann er auch problembeladen sein, gemütlich oder orgiastisch, nie aber aufgeilend oder Machtpositionen verfestigend. Mehr dazu in den Reviews zu Band 1 und 2.

Zum Inhalt: Omaha war Ende des letzten Bandes enttäuscht von ihrem Freund Chuck. Dieser hatte nicht verkraften wollen, dass Omaha „vergessen“ hate, ihm zu erzählen, dass sie eigentlich verheiratet ist, ihren Mann aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Heldin wiederum beschließt nun, Mipple City für das Erste zu verlassen und woanders wieder zu sich zu finden. Ihre neue Arbeit als nicht ernstgenommene Büromitarbeiterin schmeißt sie schnell wieder hin um erneut als Bartänzerin zu arbeiten.

Omaha 3 page 6

Währenddessen sitzt Joanne wegen des Mordes an dem korrupten Politiker Bonner in Untersuchungshaft. Wie wir wissen hat sie zwar ein Alibi, möchte Rob aber nicht mit hineinziehen. Aufgrund der Untersuchungen wegen des Todes kommen immer mehr Ungereimtheiten zu Tage, es zeigt sich aber schnell, dass es noch mehr Profiteure des Immobilienskandals gibt und das Projekt weitergeführt werden soll. Hiergegen entwickelt sich Widerstand aus der Künstler*innenszene.

Und natürlich gibt es auch Neues von Kurt, der nun für einen älteren, etwas dubiosen Herren arbeitet, und Shelley die mühsam versucht, ihre Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen. Chuck wird erneut mit seiner Familie konfrontiert und Omaha gibt nicht nur ein wenig von ihrer Vergangenheit preis, sondern kreiert auch neue emotionale Schwierigkeiten.

Zeichnungen im perfekten Einklang

Der Sammelband beinhaltet nicht nur die „regulären“ Omaha-Stories sondern auch Beiträge für andere Magazine, die im Bezug zur Serie stehen. Sie wurden an den entsprechenden Stellen integriert und bieten daher einen kompletten Genuss. Das Vorwort stammt übrigens dieses Mal von Neil Gaiman der seine persönlichen Erinnerungen an die beiden Künstler*innen teilt.

Werbung zu Omaha 3

Beim Lesen wird weiterhin deutlich, dass Kate Worley und Reed Waller zusammen an den Geschichten gearbeitet haben. Dadurch gibt es männliche und weibliche Sichtweisen, die sich perfekt ergänzen. So wird es sicherlich den einen oder anderen Leser verwundern, wieviel Wert darauf gelegt wird, dass Frauen im Beruf unterdrückt werden, gleichberechtigte Zahlung verdienen und Hausarbeit ungleich verteilt ist.

Die Zeichnungen stammen nur von Kate Worley und bieten sowohl Details als auch gute Hintergründe und Perspektivwechsel. Da die handelnden Akteur*innen Tiere sind, muss sowohl das Tier als solches erkennbar sein, als auch die typischen Merkmale eben einer Person haben. Beides gelingt hervorragend. Auf jeden Fall drängen sich weder Inhalt noch Zeichnungen nach vorne, sondern agieren als perfektes Duo mit wechselnden Schwerpunkten.

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Fazit

Wer Inhalte für Erwachsene mag und sie auch lesen darf, wird hier ein spannendes Meisterwerk der Independent-Comic-Literatur finden. Doch Obacht: Gewaltfantasien, Orgien, Splatter sind hier nicht zu finden! Menschen versuchen ihr Leben zu leben, die Umwelt anzupassen und Schweinereien nicht hinzunehmen. Das erfordert auch das eine oder andere Problemgespräch bei einem Kaffee! Graphic Novel Liebhaber*innen werden daher hier genauso ihre Freude haben wie Leser*innen von Generationenromanen oder Comig-of-Age. Der Comic sollte aber nicht auf dem Tisch liegen bleiben, wenn Kinder ihn von dort mitnehmen könnten.

Dazu passen ein gut temperierter Merlot und Musik, die Spaß macht, sich aber auch nicht in den Vordergrund drängt: Es gab da mal einen Sampler Soul Queens mit modernen und klassischen Sängerinnen.

Detail aus Omaha 3

© der Abbildungen 1978 – 2020 by Reed Waller & CatDancer Corporation / 2020 Verlag Schreiber & Leser

Morris – Lucky Luke 100

Die Ursprünge (Western von gestern)

Text: Morris

Zeichnungen: Morris

Originaltitel: Arizona & La mine d´or de Dick Digger

Egmont Ehapa Media

Softcover | 48 Seiten | Farbe | 6,90 € (als Hardcover 14,00 €)
ISBN: 978-37704-0122-2 (Hardcover)

Cover Lucky Luke 100
(c) Lucky Comics 2021

Gleich zwei neue Abenteuer des Mannes, der schneller zieht als sein Schatten von Morris? Kann das sein? Nun ja, natürlich erscheinen die beiden ersten Geschichten von Lucky Luke nicht erstmals auf Deutsch, sie waren aber bisher noch nicht Bestandteil der Reihe, die genau passend zum 75. Geburtstag der Western-Legende ihren 100. Band präsentiert! Mehr zum Jubiläum gibt es hier.

Die allererste Lucky Luke Veröffentlichung

1946 schrieb und zeichnete der gerade 23-jährige Maurice De Bevere die Geschichte Arizona 1880 und präsentierte erstmals einen Helden, der zur Legende werden sollte. Schon damals war Lucky Luke mit seinem typischen gelben Hemd, einem roten Halstuch und weißem Cowboyhut bekleidet. Der Look war trotzdem noch ein wenig anders was Dank des neuen Titelbildes des aktuellen Zeichners Achdé gut zu erkennen ist.

Back-Illustration Lucky Luke 100
(c) Lucky Comics 2021

Die Geschichte war Bestandteil des legendären Spirou-Almanachs 1947 und begründete den Ruhm des unter dem Pseudonym Morris arbeitenden Künstlers. Die Geschichte ist noch sehr Slapstick-lastig und beschreibt die Auseinandersetzung des Cowboys mit ein paar Gesetzlosen. Lucky Luke steht dabei auf der Seite des Gesetzes und bereits das erste Abenteuer endet damit, dass der Held auf seinem Pferd in den Sonnenuntergang reitet.

Weiter geht‘s

Auch die Goldmine von Dick Digger aus dem Jahr 1947 ist eher actionlastig und beinhaltet die eine oder andere Prügelei. Lucky Luke wird dabei keineswegs verschont: er wird von Steinen begraben, gefesselt und fast ertränkt, würde also in einer der früheren Zeichentrickshows mit Bugs Bunny oder Tom & Jerry kaum auffallen. Sein Körper ist weniger langgestreckt, der Kopf einfacher gestaltet und viele Details werden erst im Laufe der weiteren Jahre dazukommen.

Genau die Unfertigkeit macht aber den Reiz der ursprünglich als Teil der Lucky Luke Classics Band 1 und 3 veröffentlichten Stories aus. Viele wichtige Elemente sind bereits enthalten, die Geschichten haben sich dagegen glücklicherweise weiterentwickelt. Einen ersten Höhepunkt erlebten sie in der Phase als Rene Goscinny die Szenarien verfasste und das aktuelle Fackeln im Baumwollfeld von Jul und Achdé ist meiner Meinung nach eines der besten überhaupt.

Das Jubiläumsjahr

Morris hätte sich sicher nicht einmal gewagt zu träumen, dass sein Cowboy nach 75 Jahren immer noch reiten würde. Es gibt wenige Glücksfälle dieser Art und es gehört Mut und Geschick dazu, zu erkennen was nötig ist. Ein ganz wichtiger Schritt war sicherlich die Hinzunahme von Szenaristen, denn die Zeichnungen allein hätten den Erfolg nicht begründen können. So aber können wir in diesem Jahr nicht nur zwei alte Klassiker erneut würdigen (der Verlag spendiert dazu für die erste Auflage eine Goldfolie für die Titelzeile).

Logo 75 Jahre Lucky Luke
(c) Lucky Comics 2021

Es gibt auch eine neue Gesamtausgabe, eine weitere Hommage von Matthieu Bonhomme und nach Mawil bereits die zweite deutsche Interpretation des Helden. Ich bin sehr gespannt wie die manchmal doch sehr konservative Fangemeinde Ralf König feiern wird.

Zur Nummer 100 passen auf jeden Fall ein Getränk auf Agavenbasis und Willow Osborne mit ihrem Banjo, etwa Foggy Mountain Breakdown.

© der Abbildungen Lucky Comics 2021

Zack 261

ZACK 261 (März 2021)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 7,90 €
ISSN: 1438-2792

Cover ZACK 261

Diese Ausgabe läutet schon wieder den Abschied vom ersten Quartal des Jahres ein. Wir hatten in einigen Gegenden Deutschlands das erste Mal seit Jahren wieder Schnee und ansonsten haben wir coronabedingt aufgeräumt, viel gelesen oder ferngesehen und lustige Frisuren bekommen. Mit diesem ZACK lernen wir zwei weitere neue Serien kennen.

Die Neustarts

Den Anfang macht Terence Trolley, die neue Serie von Serge Le Tendre. Dieser ist in Deutschland alles andere als unbekannt, hat er doch sowohl im Fantasybereich mit Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit als auch mit dem Western Chinaman schon große Duftmarken gesetzt. Letztere war im Übrigen auch im ZACK vertreten und wartet immer noch auf die angekündigte Gesamtausgabe. Die aktuelle Serie thematisiert die Frage wie weit „Wissenschaft“ gehen darf, wo genetische Manipulationen aufhören müssen. Patrick Boutin-Gagné zeichnet dazu in einem sehr rauen Stil; zarte Details sind seine Sache nicht, aber zu diesem Thema passt das ganz gut. Im ersten Teil von Das Fenster zum Gehirn fällt eine außergewöhnliche Gedankenkraft eines Jungen bei einem Rummelbesuch auf und wird weitergemeldet.

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Es gibt noch einen weiteren Neustart im Grenzbereich zwischen Fantasy und Science-Fiction: Saul, eine im Stil von Storm sehr realistisch gezeichnete Saga kommt aus dem StripGlossy. Der lebende Mantel erzählt die Geschichte eines Geflüchteten. Zu Unrecht eines Verbrechens bezichtigt, flieht er aus der Hauptstadt seines Planeten Boritas. Ein Wirbelsturm verschlägt ihn in das Land der Riesen, die ihn sofort töten wollen. Und auch eine Großkatze ist nicht gerade freundlich gesinnt. Willem Ritstier ist bei unseren westlichen Nachbarn ein sehr bekannter und vielseitiger Szenarist, der aus Lombok stammende Zeichner Apriyadi Kusbiantoro war bisher mehr in der Werbung unterwegs.

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Beide neuen Serien versprechen mit ganz unterschiedlichen Zeichenstilen spannende Unterhaltung!

Die Fortsetzungen

In eine ganz andere Zeit, nämlich das Frankreich des Jahres 1743, versetzt uns Rani. In Die Räuberin wird die unschuldig zum Tode Verurteilte befreit und entdeckt eine ganz andere Gesellschaft: die der Ausgestoßenen, Vertriebenen und Entrechteten. Jean Van Hamme und Alcante haben ein sehr dichtes Szenario geschaffen das Francis Vallès genügend Möglichkeiten lässt, Menschen in allen Lebenslagen und Landschaften zu zeichnen. Mehr zu den Hintergründen der schönen Historiengeschichte im Serienkompass, der aber Spoiler enthält!

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Spaghetti ist ein ganz klassischer Funny von Dino Attanasio und René Goscinny. Der rasende Lieferant von warmen Speisen wurde für das StripGlossy von Daan Jippes modernisiert. Hier darf er gleich zwei aufeinander aufbauende One-Pager nach Szenarios von Frans Hasselaar durchleiden. Empfehlenswert!

Das Mädchen von der Weltausstellung geht mit dem ersten Teil Paris, 1855 bereits in die dritte Runde. Ein Soldat war gezwungen worden, eine Bombe auf der Ausstellung zu platzieren, um seine Frau zu retten. Diese entpuppt sich zwar als Blindgänger zu Testzwecken, der nun folgende Auftrag ist aber noch gewaltiger. Kann Julie mit ihren hellseherischen Fähigkeiten helfen? Jack Manini erzählt eine spannende Geschichte rund um die Attraktionen der Weltausstellung und Willem Étienne setzt die Mischung etwa im Stil von Bastos und Zakusky kongenial um.

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In Empire USA 2.3 versucht Jared, der Held, immer noch herauszufinden, was sein Freund gemacht hat, bevor er ermordet worden war. Es ist klar, dass russische Oligarchen eine Rolle gespielt haben, und dass es eine Gruppe von ehemaligen KGB-lern gibt, die sich den neuen Verhältnissen angepasst haben. Es scheint aber auch Verbindungen zu Supermodels zu geben. Griffo zeichnet einen harten Thriller mit Blut und nackter Haut den Stephen Desberg entwickelt hat. Es würde mich nicht wundern, wenn diese Geschichte über kurz oder lang bei einem der Streaminganbieter auf der Liste stehen würde.

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Und sonst?

Natürlich gibt es neue Geschichten von der Friedhofs-WG um Tizombi, in der es um (misslungene) Romantik, das richtige Feiern und die Körperpflege geht. Wie immer unterscheiden sich dabei Gepflogenheiten von Lebenden und Untoten ein wenig. Der Vater der Sterne ist dabei, das grandiose Mechanica Caelestium wird vorgestellt, das frankoblegische Comic-Kino geht in die elfte Runde und Rezis, News sowie Frank Neubauers ZACK-Keller runden das Programm ab.

Der ZACK-Held sollte mittlerweile gewählt worden sein. Im Kommentar dürfen gerne Prognosen abgegeben werden. Sicherlich gute Chancen darauf hat Michel Vaillant dessen „Vater“ Jean Graton Anfang des Jahres gestorben ist. Natürlich würdigt das Editorial einen der letzten Vertreter der Generation, die das „alte“ ZACK geprägt haben.

Der Frühling kommt mit frischem Wind, der Winterschlaf ist zu Ende! Lasst euch also mitnehmen von zwei komplett neuen Serien, genießt das (zum zehnten Mal in Folge zu warme) Wetter und bleibt gesund! Dazu passen möglicherweise ein Altbier und als Ausblick auf das kommende die neue Single von den Dropkick Murphys!

© der Abbildungen 2021 bei den jeweiligen Verlagen und Künstlern c/o Blattgold GmbH

Taymans – Caroline Baldwin 17

Narco-Tango

Story: André Taymans

Zeichnungen: André Taymans

Originaltitel: Caroline Baldwin Narco-Tango

Schreiber und Leser

Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 14,95 € |

ISBN:  978-3-96582-054-8

Cover Caroline Baldwin 17

Caroline Baldwin ist eine der wenigen Ermittlerinnen in der Comicbranche, die es auf eine lange Laufzeit gebracht haben. Dabei war das gar nicht geplant denn das erste Abenteuer war als One-Shot gedacht und die Heldin anfangs nur als Nebenfigur. Zum Glück kam es dann aber doch anders. Mehr zur Serie im Allgemeinen bei der Rezension des ersten Bandes der gerade parallel gestarteten Gesamtausgabe der Bände 1 bis 16 im Sub-Label Alles Gute! des Hamburger Verlages Schreiber & Leser.

Alte Tänze und neue Drogen

2007 war zunächst einmal Schluss mit neuen Geschichten um die selbstbewusste junge Frau. Charaktere abseits der üblichen Schemata sind aber gefragt und so hatte sich die Idee einer Verfilmung ergeben. Es wurde fleißig am Drehbuch gewerkelt, das dann aber doch nicht umgesetzt wurde. Glücklicherweise war es aber die Grundlage für einen neuen Zyklus, der die Heldin mit indianischen Wurzeln 2012 zurückbrachte.

Caroline erhält in Narco-Tango von einer Pharma-Firma den Auftrag, einen Wissenschaftler aufzuspüren, der vor kurzem mit wichtigen Unterlagen im Gepäck verschwunden war. Die Firma befürchtet, dass er zur Konkurrenz gewechselt sein könnte. Als die Heldin die Ermittlungen aufnimmt, erfährt sie von einem ehemaligen Schulfreund, dass die Stadt gerade von neuen Drogen überschwemmt wird. Und die ehemalige Assistentin des Forschers erzählt, dass er verrückt nach Tango gewesen wäre.

Caroline Baldwin 17 page 7

Natürlich lässt André Taymans seine Heldin also Tangounterricht nehmen, um die Ermittlungen in Fahrt zu bringen. Wie immer gerät sie dabei in Gefahr, muss verzwickte Verbindungen aufdröseln und das eine oder andere Getränk zu sich nehmen. Die Story ist spannend, gut konstruiert und funktioniert im Comic perfekt. Verfilmt kann ich mir das nicht ganz so gut vorstellen.

Die moderne Klare Linie

Taymans hat aber nicht nur das Szenario verfasst, sondern auch zeichnerisch umgesetzt. Er bleibt bei seiner modernen Interpretation der klaren Linie. Die Dynamik ist gut herausgearbeitet und sowohl Tanz- als auch Kampfszenen zeigen realistische Körperhaltungen. Die Panels sind konsequent in Streifen angelegt wobei Anzahl und Höhe wechseln. Die Geschwindigkeit wird daher allein durch Perspektivwechsel und Bildfolgendichte geregelt.

Caroline Baldwin 17 page 8

Gerade im Vergleich zu den Anfängen ist die Heldin nicht mehr so freizügig dargestellt. Sie ist erwachsener geworden ohne dabei langweilig oder weniger freigeistig zu werden und das ist gut so. Die Hintergründe sind, wenn benötigt, sehr detailliert, versuchen aber nicht, den Fokus auf sich zu lenken. Also genau so, wie man es erwartet hätte.

Die Empfehlung

Für Krimifans eine echte Empfehlung: Action mit einer zugrundeliegenden, relevanten Story und glaubwürdigen Akteur*innen. Wer auf selbständige, emanzipierte Heldinnen steht wird hier ebenfalls zufrieden sein und Fans der Klaren Linie sowieso. Die Serie strahlt zudem einen gewissen nostalgischen Charme aus, denn insbesondere Caroline Baldwin ist liberal im eigentlichen Sinn und offen für Neues. Schade, dass das heutzutage so selten geworden ist.

Ex Libris Caroline Baldwin 17 VZA
Ex Libris der limitierten VZA

Natürlich ist der Band mit seinen Glanzlackapplikationen auf weißen Hintergrund auch ein Schmuckstück für jede Sammlung. Wer es ganz edel möchte kann zur limitierten Vorzugsausgabe greifen der ein ExLibris beiliegt. Den Abschluss des Bandes bildet eine Seite mit Hinweisen von André Taymans zu dieser Geschichte und dem geplanten Film sowie eine unkolorierte Seite als Ausblick auf Band 18!

Dazu passen ein Manhattan und Joy Crookes, eigentlich mit allem.

© der Abbildungen 2017 Studio Caroline / André Taymans, 2017 BELG Prod. Sarl., 2021 Schreiber und Leser

Legendre/Cambré – Kronieken van Amoras 7

De Kronieken van Amoras 7: Wie niet horen will

Story: Willy Vandersteen, Marc Legendre
Zeichnungen: Charel Cambré

Standaard Uitgeverij
Softcover | 48 Seiten | Farbe | 7,99 €
ISBN: 978-90-02-26981-3

Kronieken van Amoras 7 Cover

De Kronieken van Amoras sind einerseits die „Verlängerung“ einer überaus erfolgreichen Serie – Amoras 2047 –,  in gewisser Weise also so etwas wie eine Zweite Staffel, haben andererseits aber den Vorteil, dass sie keine durchgehende Geschichte erzählen müssen und sich einzelnen zentralen Figuren oder Themen widmen können. Diese Flexibilität nutzen die Künstler weidlich für eine Gesellschaftskritik, die nicht mit dem Holzhammer daherkommt, sondern immer wieder Themen präsentiert, die Fragen hinterlassen und eine Schwarz-Weiß-Einordnung ad absurdum führen. In der Vergangenheit waren das etwa Versuchslabore, Androiden oder Kampfsport.

Die Klimakatastrophe kommt dich zuhause besuchen

Kronieken van Amoras 7 page 2

Auch der siebte Teil Wie niet horen will passt in dieses Schema. Wie bei so vielen gebrochenen Lebensverläufen steht am Anfang ein Trauma. Hier geht es um die Flucht über das Meer und den Verlust der Mutter, die ihr Kind zwar den rettenden Händen noch reichen konnte, dann aber selbst unterging. Es gibt viele Fluchtursachen; eine davon ist politische oder religiös verbrämte Gewalt, die im Hintergrund liegende ist aber oft die durch sogenannte Naturkatastrophen ausgelöste wirtschaftliche Situation. Dürren, Überschwemmungen, Brände werden durch die von Menschen verursachten Klimaveränderungen immer häufiger und stärker, Abhängigkeiten von genetisch veränderten Saatguten immer größer. Vielen bleibt dann nur die Flucht (die man in der europäischen Geschichte gerne Auswanderung nennt).

30 Jahre nach der Katastrophe ist der kleine traumatisierte Gerettete erfolgreich. Er hat Karriere gemacht, viel Geld verdient und beschäftigt sich wissenschaftlich mit den Folgen der Klimaveränderungen.

Es ist Sommer in Antwerpen. Sidonia, Lambiek und Jerom genießen das Wetter am Strand und Suske und Wiske machen eine Probefahrt mit einem Motorrad als sie plötzlich von einem Konvoi ferngelenkter LKWs von der Straße gedrängt werden. Kurze Zeit später explodiert eine gewaltige Sprengladung in der Tunnelunterführung und die unter dem Meeresspiegel liegende Innenstadt läuft voll Wasser. Unsere beiden Held*innen können sich nur knapp in ein Obergeschoß retten als sie sich auch schon Plünderern gegenüber sehen.

Kronieken van Amoras 7 page 2

In den Nachrichten übernimmt ein bisher Unbekannter die Verantwortung und teilt der Bevölkerung mit, dass an den Küsten Millionen von Überschwemmungen aufgrund der Klimakatastrophe bedroht sind und nun endlich einmal die Verursacher im reichen Westen die Folgen am eigenen Leib verspüren könnten. Er kündigt weitere Anschläge an.

Professor Barabas war guten Glaubens in die Sache verwickelt und bittet nun Suske und Wiske, die Beweise für seine Beteiligung zu holen und schickt die Beiden damit buchstäblich in das Herz des Sturms. Marc Legendre spielt damit weiterhin sehr geschickt mit den vorgegebenen Figuren des Vandersteen‘schen Universums, lässt sie im Rahmen der Möglichkeiten aber aktueller und erwachsener erscheinen.

Herausragendes Artwork

Wie auch in allen früheren Bänden dieser Serie oder etwa in den Robbedoes-Erzählungen erlaubt der Stil von Charel Cambré einerseits eine gewisse Distanzierung vom Geschehen indem er Gesichter teils karikiert, andererseits sind die Umgebungen so realistisch, dass man beim Lesen das Tosen des Windes oder das Brausen des Wassers förmlich zu hören vermutet.

Kronieken van Amoras 7 page 3

Dabei gelingt es Cambré, den Szenen Dynamik und Geschwindigkeit mitzugeben, etwa, wenn Suske versucht, sich aus den reißenden Wassermassen zu befreien. Er beherrscht aber auch die eingefrorene Momentaufnahme, etwa bei den Aufnahmen zum Bekennervideo. Dabei ist vor allem wegen des hohen Tempos der Veröffentlichungen weiterhin bemerkenswert, wie viele Details in den einzelnen Panels enthalten sind.

Der Ausblick

Ich konnte vor ein paar Tagen ein Corona-gemäßes Interview mit Carel Chambré führen und plane das Gleiche mit Marc Legendre. Es wird in ein paar Tagen hier veröffentlicht werden . Leider kann man dem entnehmen, dass mit dem kommenden, achten Band die Kronieken ihr Ende finden werden.

Alle, die des Niederländischen mächtig sind, sollten mehr als einen Blick in diese Reihe werfen, gehört sie doch zum Besten, was aktuell verfügbar ist. Alle anderen können sich schon mal auf den Sommer freuen, wenn die Originalserie Amoras 2047 ihren ersten Auftritt im ZACK haben wird.

Zur Lektüre empfehle ich ein wiederentdecktes Antwerpener Seef und für die Ohren Der Polizei aus Mechelen.

© der Abbildungen 2020 Standaard Uitgeverij

Hill/Melnikov – Angel 1

Mensch Sein

Story: Bryan Edward Hill – Angel geschaffen von Joss Whedon

Zeichnungen: Gleb Melnikov – Angel geschaffen von Joss Whedon

Originaltitel: US-Angel Volume 1 – Being Human

Dani Books

Prestige | 136 Seiten | Farbe | 16,99 €
ISBN: 
978-3-95956-141-9

Vampire sind immer noch trendy und begeistern über viele Altersgruppen hinweg in Literatur, Comic, TV/Film oder Spielen. Selbst Vampir-Musicals waren vor Corona ausverkauft. Die Faszination des skrupellos Bösen, von keiner Seele, keiner Reue, keiner Religion Begrenzten scheint einem Urtrieb zu entspringen, sich das Böse ausmalen zu müssen. Und oft kommt sicherlich auch noch eine erotische Komponente der vollkommenen Hingabe hinzu.

Der Vampir mit der Seele

Angel, die von Joss Whedon ursprünglich im Zusammenhang mit Buffy, der Vampirjägerin geschaffene Figur, ist besonders! Der seit Jahrhunderten aktive Vampir erinnert sich an alle Aktionen, an die Gewalt und das Blut, die dadurch hervorgerufene Trauer und bedauert diese! Aufgrund eines Fluchs ist er nämlich der einzige Vampir, der seine Seele zurückerhalten hat und dementsprechend nun alle seine Un-Taten bereut. Er hat daraufhin sein „Leben“ der Bekämpfung von Vampiren, Dämonen und sonstigen Ausgeburten der Hölle gewidmet und ist dabei mehr oder weniger erfolgreich. Der Titel des ersten Sammelbandes, der die Folgen eins bis vier der neuen Serie enthält, lautet daher auch Mensch sein.

Die Serie Buffy – The Vampire Slayer hatte ihren Start 1997, das Spin-Off um Angel folgte nach der dritten Staffel 1999. Da die Figur also schon fast aus der Elterngeneration der heutigen Leser*innen stammt, ist nun der perfekte Zeitpunkt für einen Re-Start! Boom! ist spezialisiert auf crossmediale Stoffe und Kooperationen sowie groß und durch Provokationen wie Faithless bekannt genug für den Markt.

Bryan Edward Hill hat die Aufgabe übernommen, das Bekannte neu zu verpacken, dem heutigen Lesefluss anzupassen und Referenzen an vergangene Epochen zu übersetzen. Es hat im sicherlich geholfen, dass er mit Detective Stories schon einen Mega-Titel betreut hat. Sein Angel ist gestört. Er kann seine Schuld nicht verarbeiten, verletzt sich selbst mit Sonnenlicht und verliert doch immer wieder Vertraute an den Tod. Wieder holt die Vergangenheit den tragischen Helden ein als ein vor Jahren geretteter und nun verzweifelter Vater gewordener Mann Angel bittet, seine Tochter kennenzulernen und kurz darauf stirbt.

Krasses Nachtleben

Der Hauptteil der Geschichte spielt – natürlich – nachts und fern dem Sonnenlicht. Trotzdem schafft es Gleb Melnikov, die Umgebung klar darzustellen, die Düsterkeit aber zu betonen. Er arbeitet dabei mit Schatten und Schraffuren die teilweise Details verdecken, teils aber auch akzentuieren. Sehenswert!

Die Glaubwürdigkeit der Geschichte steht und fällt mit Akzeptanz der Leser*innen für die Abscheu, die Angel befällt, sobald er sich erinnert. Sein aus Verzweiflung entstandener Hass auf alles Vampirische oder Dämonenhafte darf nicht gespielt wirken. Natürlich gilt das ebenso für seine Abneigung gegenüber allem Magischem, selbst wenn er es zur Zielerreichung einsetzt. Meiner Meinung nach passt das hier!

Die Empfehlung

Ich muss zugeben, dass mir Buffy im Fernsehen vor 20 Jahren lieber war als der tragische Vampir Angel. In der aktuellen, neuen Umsetzung im Comic ist es genau anders, denn hier gefällt mir Angel besser! Die ersten Folgen haben genau den richtigen Mix aus romantischer Tragik und Action! Zudem stimmen die Dialoge und die Zeichnungen auch Dank der guten Kolorierung von Gabriel Cassata und Roman Titov!

Jano Rohleder hat mit dieser Serie für seinen Verlag Dani Books den richtigen Riecher gehabt; Angel Band 1 ist für alle Fans der alten Serie, Vampir-Fans, Gothics und Romantiker*innen geeignet! Wer nur Bones kennt, erhält die Gelegenheit das Gesicht von Agent Booth in einer neuen Rolle zu sehen. Und die Sammler*innen sollten einen Blick auf die auf 99 Exemplare limitierte Hardcoverausgabe werfen! Wer übrigens seinen Kaufbeleg scannt bekommt zusätzlich auch noch eine digitale Kopie. Lobenswerte Idee! Der Band enthält natürlich auch eine Galerie der schönsten Variantcover verschiedener Künstler*innen und eine zusätzliche Kurzgeschichte.

Dazu passen Black Country, New Road mit ihrem nervösen Sound und ein samtschwarzes Stout!

© der Abbildungen 2021 20th Television / 2021 dani books

Graton/Lapiere/Benetau/Dutreuil – Michel Vaillant 13 Tage

Zweite Staffel Band 8: 13 Tage

Story: Philippe Graton, Denis Lapière
Zeichnungen: Benjamin Benéteau, Vincent Dutreuil

ZACK-Edition

Originaltitel: 13 Jours

MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag
Softcover | 56 Seiten | Farbe | 15,00 €
ISBN: 978-3-86462-077-5

Cover Michel Vaillant Staffel 2 Band 8

Michel Vaillant besticht seit jeher mit der fundierten Kenntnis über die Abläufe rund um den Motorrennsport, insbesondere rund um die Formel 1. Schon Jean Graton war ein gern gesehener Gast in den Boxen und wusste oft mehr als so manch Reporter. Diese akribische Vorbereitung auf die einzelnen Alben, die perfekte Wiedergabe des Ambiente mit all seinen Gerüchen, Geräuschen und Eitelkeiten hat der Vater im Laufe der Zeit an seinen Sohn Phillippe Graton weitergegeben der nun auch bereits seit 30 Jahren für die Entwicklung der Serie verantwortlich ist.

Eine folgenschwere Entscheidung

Vor einigen Jahren wurde die Serie modernisiert und erscheint nun als Zweite Staffel. Was aber geblieben ist, sind die gut recherchierten Szenarien, die sich um Elektromobilität, Wirtschaftskriminalität und natürlich immer noch die Formel 1 drehen. Aufgrund eines Unfalls hat Renault ausgerechnet vor dem französischen Heim-Grand Prix neben einigen Junior-Fahrern nur noch einen erfahrenen Piloten zur Verfügung. Der Verantwortliche traut sich, den alten Champion Michel Vaillant zu fragen, doch dieser hat nur 13 Tage, um aus dem Nichts heraus die nötige Fitness zu erreichen und sich mit dem Auto vertraut zu machen.

Michel Vaillant Staffel 2 Band 8 page 3

Das Skript von Philippe Graton und Denis Lapìere beschreibt das harte Training. Die Piloten müssen in der Lage sein, mehrere G an Beschleunigungsenergie wegzustecken, Atemstillstände zu kompensieren und eine immense Zahl von Funktionen mit ihrem kleinen Lenkrad beherrschen. Einige der beschriebenen Übungen lassen vielleicht das Herz der Freizeitsportler*innen höherschlagen, die Übungen im Wasser sind dann doch eher herausfordernd!

So ein Rennwagen ist aber nicht mehr wie früher einfach nur ein schnelles Auto, es besteht aus Millionen Einstellungen im Computer, die zwischen Fahrer und Team herausgearbeitet werden müssen. Die besondere Schwierigkeit gerade in diesem Fall besteht in einer Regel, die es den Piloten verbietet, das Auto außerhalb von für alle geltenden Zeiten zu benutzen. Und so bleiben nur weitere Computer in Form von Simulatoren.

Zwei Welten

Glücklicherweise stehen die beiden Zeichner Benjamin Benéteau und Vincent Dutreuil ihren textenden Kollegen in nichts nach! Sie beherrschen die von Selbstzweifeln geprägten Momente genauso gut wie die Rennszenen! Bereits das Cover deutet an, dass das Rennen von Regen begleitet sein wird. Das stellt nicht nur zusätzliche Herausforderungen an die Fahrer im echten Leben, sondern auch an die Künstler!

Michel Vaillant Staffel 2 Band 8 page 5

Dazu kommen all die bereits angesprochenen Trainingseinheiten, der zum Zirkus gehörende Presserummel und sogar Intimität innerhalb der Familie. Spannung und Information. Das war schon immer das Markenzeichen dieser Serie und ist es noch! Erstaunlich, wie diese Serie den Wechsel im Zeichnerstab ohne Verluste wegsteckt.

Der Ausblick

Wahrscheinlich haben es einige schon vernommen: Die Familie Graton hat die Rechte an Michel Vaillant an Dupuis verkauft. Verbunden damit hat Philippe seinen Ausstieg verkündet, denn er möchte sich nach 30 Jahren im Dienst des Lockenträgers wieder auf andere Schwerpunkte konzentrieren! Es bleibt abzuwarten, ob Denis Lapìere mittlerweile allein weitermachen kann, ob ihm ein anderer Autor zur Seite gestellt wird, er vielleicht sogar abgelöst wird und wie es weiter gehen wird.

Michel Vaillant Staffel 2 Band 8 page 6

Wie auch immer: Die sogenannte Zweite Staffel dieses Klassikers liefert bisher Jahr für Jahr mit hoher Präzision spannende, logisch aufgebaute und gut gezeichnete Abenteuer, die hier in Deutschland in der ZACK-Edition einen perfekten Ort gefunden haben. Ein gewisses Sportinteresse sollten die Leser*innen für diesen Band vielleicht mitbringen, das Lesevergnügen geht aber weit darüber hinaus. Dabei ist allein das Cover in einheitlicher Reihenaufmachung schon ein Grund, nach dem Vorabdruck im ZACK auch hier zuzuschlagen.

Der Vorschlag zur musikalischen Begleitung ist dieses Mal eher eine Huldigung für eine ganz große Truppe und eine ihrer gerade verstorbenen Sängerinnen: The Supremes mit Mary Wilson! Dazu passt ein alkoholfreies, isotonisches Weizen.

© der Abbildungen Graton-Lapière-Benétau-Dutreuil / Graton Editeur, 2019; 2021 MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag + PROCOM Werbeagentur GmbH

Derrien/Torregrossa – 1984

1984 – nach George Orwell

Autor: Jean-Christophe Derrien

Zeichner: Rémi Torregrossa

Originaltitel: 1984. D´après lòevre de George Orwell, adaptée par J.-C. Derrien and R. Torregrossa

Knesebeck Verlag

Hardcover | 128 Seiten | Farbe | 22,00 €

ISBN: 978-3-95728-468-6

Cover 1984-Knesebeck Verlag

1948, also in dem Entstehungsjahr von George Orwells Dystopie „1984“, lagen noch fast vier Jahrzehnte zwischen Gegenwart und Zukunft. Heute ist das seit fast vier Jahrzehnten Vergangenheit.

1984 – Synonym für die totale Überwachung

Und obwohl nicht alle Projektionen der Zukunftsvision Realität geworden sind waren wir technologisch gesehen noch nie so nah dran am gläsernen Menschen. Bis auf wenige Ausnahmen am Rand der Gesellschaft sind wir Bewohner*innen der „Ersten Welt“ aufgrund von Handy-Bewegungsdaten, Internet-Nutzungsprofilen, freiwillig bei Amazon, in der Spiele-App oder dem Einkaufsbonusprogramm abgegebenen persönlichen Metadaten und fleißig auf allen social-media-Kanälen geteilten privaten Inhalten so bekannt wie nie. Kein Überwachungsstaat hätte sich diese Informationsfülle ausdenken können, die heute zur Verfügung steht.

Zurück zu der literarischen Vorlage: 1984 beschreibt anhand des Angestellten Winston Smith die schleichende Entfremdung des Einzelnen mit dem kollektiven Staat. Er hinterfragt den Sinn seiner Arbeit, die aus dem Anpassen der dokumentierten Vergangenheit aufgrund tagesaktueller Entscheidungen besteht. Winston erkennt, dass eine Widerstandsbewegung existiert und vor allem ist er dabei, sich in Julia zu verlieben. Intimität und Sex sind als Keimzellen von Individualität und gemeinsamen eigenen Interessen strengstens verboten.

1984-Knesebeck Verlag page 5

Aufgrund von menschlichen Spitzeln und Denunziation aber auch durch technische Überwachung des gesamten öffentlichen und privaten Raumes ist Widerstand über eine längere Zeit unmöglich und wird strengstens bestraft.

Jean-Christophe Derrien ist bisher eher als Autor von Trickfilmumsetzungen verschiedener Comic-Klassiker bekannt geworden: Spirou, Blake und Mortimer oder Bob Morane wurden von ihm aufbereitet. Hier kann er eindrucksvoll beweisen, dass ihm eine Aufarbeitung eines fremden Stoffes auch für einen statischen, also gedruckten Comic gelingt! Er klebt nicht sklavisch am Original, sondern wählt aus und variiert dadurch das Tempo für das gewählte Medium. Viel Text wird dabei in Bildsprache umgesetzt und muss von uns Leser*innen aufgenommen werden: die drückende Stimmung, die durch die überall platzierten Kriegsplakate geschürte Angst, die Uniformität der Gesellschaft.

Schwarz-weiß, farbig, und wieder zurück

Die Geschichte beginnt mit schwarz-weißen Zeichnungen, teilweise auf schwarzem Seitenhintergrund. Rémi Torrregrossa legt Wert auf kleine Details im Hintergrund oder in den Gesichtern seiner Protagonist*innen. Obwohl alles einförmig gemacht wird, gibt es noch Individualität, sie äußert sich aber nicht. Erst als Winston und Julia sich näherkommen, Gefühle entwickeln und sich öffnen, wird es auch farbig. Es gibt aber noch eine weitere Emotion, die in der Lage ist, „Farbe“ zu entwickeln; welche das ist, soll hier nicht verraten werden.

1984-Knesebeck Verlag page 7

Die Zeichnungen sind so realistisch, dass sie beim Lesen das Gefühl der Anwesenheit vermitteln. Wie bei einer gut gemachten Dokumentation begleiten wir Winston, nehmen an seine Gedanken und Handlungen teil und fühlen mit. Geplant ist das in vielen Graphic Novels, erreicht wird das nur selten. Hier haben wir es mit einem dieser seltenen Glücksfälle zu tun: künstlerischer Anspruch und realisierte Umsetzung entsprechen einander virtuos!

Ein Must-Have für den Bücherschrank

Die Zeichnungen zeigen nicht nur die totale Uniformität und Unterdrückung auf beeindruckende Weise, sie deuten auch bereits im emotionalen Überschwang der Individualität an, dass diese niemals bestehen kann. Sie transportieren damit dem Text ebenbürtig die Düsterkeit der Zukunftsvision und warnen eindringlich davor, diese Macht zuzulassen. Natürlich aber enthalten sie kein Rezept gegen diese Diktatur und entsprechen damit dem Gefühl der Hilflosigkeit des Autors kurz nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges.

1984 gehört in jeden Bücherschrank! Nicht nur immer noch, sondern gerade jetzt! Wer mag darf das Original von George Orwell bevorzugen. Als moderne Interpretation, die obwohl originalgetreu doch auch aktuelle Bezüge herstellen kann, ist diese Graphic Novel allerdings ebenbürtig zu sehen! Den Kampf für Individualität, Freiheit und Frieden muss jede*r einzelne selbst beginnen, die Mahnung vor den Folgen des Verlierens bleibt aktuell.

1984-Knesebeck Verlag page 10

Wie immer sind die Comics aus dem Knesebeck-Verlag handwerklich schön! Das Buch sieht edel aus, die „Farben“, insbesondere das Schwarz, sind satt und das Papier so dick, dass nichts durchscheint. Ein weiteres Kleinod für die Sammlung.

Dazu passen ein Grog, denn man möchte sich an etwas Warmen festhalten, und Clockwork-Orange beeinflusste Musik von den Adicts.

© der Abbildungen 2021 Éditions Soleil, Groupe Delcourt, Paris, par J.-C. Derrien and R. Torregrossa / 2021 von dem Knesebeck GmbH & Co Verlag KG, München

Stellmann – Science Fiction Pop Art Nick

Die sensationelle Dokumentation über Hansrudi Wäschers „Nick, der Weltraumfahrer“

Text: Kai Stellmann
Originalausgabe

Verlag Pegasos-Comics UG

Hardcover | 276 Seiten | Farbe | 36,00 €
ISBN:978-3-9821984-0-8

Cover Stellmann Nick, der Weltraumfahrer

Deutschland, Ende der Fünfziger Jahre: Die Kriegsfolgen sind größtenteils überwunden, das Wirtschaftswunder hat Fuß gefasst, die Stimmung ist aber immer noch stark konservativ geprägt. Aus den USA ist eine Kampagne herübergeschwappt die Bildgeschichten für den Auslöser von Verrohung der Jugend hält und schon wieder zur Verbrennung von Schund aufruft. Es gibt eine Institution die Publikationen auf Verstöße gegen den Jugendschutz überprüft und gegebenenfalls indiziert. Trotzdem lassen sich viele Kinder und Jugendliche den Spaß nicht verbieten und kaufen oder tauschen Piccolos, kleine Hefte mit farbigem Umschlag und einem Streifen an schwarz-weißen Bildern, die anfangs für 20 Pfennig verkauft werden.

Der Autor, Kai Stellmann, hat diese Zeit als Kind selbst erlebt. Er beschreibt die Piccolos nicht aus der Sicht des Sammlers, sondern als Leser und Fan. In späteren Jahren hat er selbst eine Buchhandlung für Comics in Bremen geführt und Comic-Käufer*innen wie mich beraten.

Für 20 Pfennig Abenteuer

Während anfangs viele der Comics-Serien als Übersetzungen aus Italien kommen, hier aber oft der Indizierung zum Opfer fallen, setzt sich im Laufe der Zeit ein Name immer mehr durch: Hansrudi Wäscher. Dieser hatte als Kind in der Schweiz lange Zeit im Bett verbringen müssen und dort italienische Comics verschlungen. Als Erwachsener sollte er einen riesigen Ausstoß von Bildgeschichten produzieren und zum wesentlichen Zeichner der später nach dem bekanntesten Verlag sogenannten Generation Lehning werden.

Wäscher zeichnete und textete Dschungelabenteuer, Rittergeschichten und Science-Fiction für mehr als 1100 Piccolos und über 400 Großbände in nur 15 Jahren und bewies damit seine Ausnahmestellung. Dazu muss gesagt werden, dass die produzierten Seiten nicht nur quantitativ aus der Masse hervorstechen, sie waren auch für die damalige Zeit auf einem qualitativ sehr hohen Niveau und wurden vielfach nachgedruckt bzw. fortgesetzt. Es stellt sich daher die berechtigte Frage nach der Herkunft all der grundlegenden Ideen für diese doch sehr unterschiedlichen Genres.

Detail Stellmann Nick, der Weltraumfahrer 1

Quellen der Inspiration

Für die Serien um Nick, zunächst als Der Weltraumfahrer, später als Pionier des Weltraums hat Kai Stellmann sich in jahrelanger Recherche bemüht, alle Einflüsse aufzuspüren und zusammenzustellen. Die „sensationelle Dokumentation“ Science Fiction Pop Art beschreibt akribisch für jeden der 13 Piccolo- und 10 Großband-Zyklen die Werke, aus denen Wäscher seine Ideen gezogen hat. Die Ursprünge liegen teils in Romanen, teils in Comics und Zeitungsstrips, verwerten aber auch Science-Fiction-Filme der damaligen Zeit.

Ich möchte hier nicht spoilern und auf Quellen verweisen, ein paar seien aber gestattet: Brick Bradford, Mystery in Space und Metaluna 4 antwortet nicht. Auch Nick war natürlich selbst wieder eine Quelle für Folgewerke und so sind auch Hinweise auf diese Rezeptionen, z. B. in Perry Rhodan oder Verfilmungen wie Stargate in der Ausarbeitung enthalten.

Detail Stellmann Nick, der Weltraumfahrer 2

Der Aufbau der einzelnen Zyklen folgt immer dem gleichen Schema: Auf eine grobe Inhaltsangabe der einzelnen Hefte bzw. Großbände folgt eine Herleitung welche Quellen Wäscher vermutlich benutzt hat und meistens auch noch eine tabellarische Übersicht der einzelnen Sequenzen oder Motive. Dabei arbeitet Stellmann auch mit vielen Bildzitaten, um deutlich zu machen, dass Details sehr eng kopiert worden sind. Alle diese Auflistungen haben aber nicht das Ziel, den Autor der tausende von Seiten erstellt hat als Plagiator zu bezeichnen. Im Gegenteil, Stellmann treibt eine große Ehrfurcht vor Wäscher und seiner Fähigkeit, Elemente neu zu verknüpfen oder sogar erstmals vertieft und vollständig darzustellen.

Der Kauftipp

Der Autor bringt immer wieder Querverweise auf andere Serien von Wäscher, bezieht die späteren Abenteuer mit ein und verknüpft die damaligen Lebensumstände direkt mit dem Serieninhalt, etwa wenn es um Ideen eines Serienendes geht. Persönlich wird es dann, wenn die auf der beiliegenden CD befindlichen Stücke in den Kontext von Nick gestellt werden. Warum ist das jeweilige Stück entstanden und wer war beteiligt? Dieses eingeflossene Herzblut unterscheidet dieses Buch von einem trockenen Sachbuch!

Detail Stellmann Nick, der Weltraumfahrer 3

Insofern ist die Dokumentation Science Fiction Pop Art nicht nur ein Blick hinter die Kulissen, sondern ein Must-Have für die Generation Lehning, Wäscher-Fans im Allgemeinen und auch für Liebhaber*innen der Science-Fiction der 50-er Jahre, egal in welchem Medium. Und nebenbei bemerkt: Für die akribische Arbeit und die liebevolle Ausgestaltung im eigenen Verlag mit CD ist das Preis-Leistungs-Verhältnis mehr als angemessen!

Natürlich passt dazu nur die auf der beiliegenden CD enthaltene Musik von Wolfsmond bzw. den Wild Black Jets. Man kann sich hier festlesen, deshalb kann ein Old Pulteney nebst einer Flasche Wasser nicht schaden.

© der Abbildungen 2020 Pegasos-Comics UG (haftungsbeschränkt)

Gazzotti/Vehlmann – Allein 12

Allein 12 – Die Aufständischen von Neosalem

Text: Fabien Vehlmann
Zeichnungen: Bruno Gazzotti

Originaltitel: Seuls – Les Révoltés de Néosalem

Piredda Verlag

Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 14,00 €
ISBN:978-3-941279-91-9

Cover Allein 12

Allein sein ist etwas, das niemand auf Dauer erleben möchte. Es bietet für Wortspiele Anlass, etwa zu zweit und doch allein, und es ist der Ausgangspunkt für Überlegungen, was man auf eine Inselmitnehmen würde, wenn man dort seine Tage allein zu verbringen hätte. Allein ist aber auch der Titel einer der besten aktuellen Serien aus dem frankobelgischen Raum. Mehr zu den Hintergründen hier.

Brot, Spiele und Rebellion

Natürlich haben auch Bruno Gazzotti und Fabien Vehlmann die klassische Geschichte studiert. Es gab genügend Diktatoren, die versucht haben, ihre Bevölkerung mit blutrünstigen Spielen abzulenken. Die (Stierkampf-)Arenen in Italien und Spanien erzählen noch immer davon. Auch in der Literatur (etwa Spartacus) und im Comic (etwa Mechanica Caelestium) sind entsprechende Szenarien weit verbreitet. Oft genug beziehen diese Beispiele ihren Reiz daraus, dass die Unterdrückten sich keineswegs mit ihrer Opferrolle abfinden, sondern aktiv versuchen, ihre Freiheit, zu mindestens aber ihre Würde wieder zu erlangen.

Allein 12 page 1

In diesem Setting bewegen sich auch die Aufständischen von Neo-Salem. Saul muss beweisen, dass er derjenige ist, auf den die Ältesten gewartet haben, denn nur dann kann er seine Herrscherrolle weiterspielen. Tatsächlich scheint er auch die notwendigen Kräfte zu besitzen, aber nicht kontrollieren zu können. Was läge also näher als das in Klassen separierte „Volk“ zunächst einmal abzulenken und einen Tabubruch dafür zu nutzen.

Dafür ändert Saul die Regeln der etablierten Spiele von Neosalem und erlaubt den Tod der Beteiligten. Bei einer eventuellen Wiedergeburt würden die eingebrannten Schandmale der 8. Klasse nicht mehr sichtbar sein und eine Wiederaufnahme in die 7. Klasse garantiert. So könnte schließlich auch weiterer Klassenaufstieg realisiert werden. Ärgerlich ist nur, dass die Wiedergeburt keinesfalls sicher ist. Und natürlich gibt es noch ein zweites, geheimes Ziel, denn Saul möchte vor allem Leyla ausschalten.

Wie der Titel schon verrät gibt es aber selbst in Neosalem eine Gruppe von Aufständischen, die nicht länger gewillt sind, die Willkürherrschaft zu erdulden. Es reift der Plan, die Spiele für einen Aufstand zu nutzen.

Brillantes Artwork

Allein 12 page 3

Was mir bei dieser Serie ganz besonders gefällt ist der Widerspruch zwischen den auf den ersten Blick sehr freundlichen Zeichnungen und dem teils heftigen Inhalt! Da die handelnden Figuren Kinder sind und der Stil der Marcinelle-Schule folgt, wirkt Allein oberflächlich fast wie ein Semi-Funny. Tatsächlich trachten sich die Akteur*innen aber nach dem Leben, enthält die Story viele Horror-Elemente und ist dystopisch angelegt.

Bruno Gazzotti hat schon eine andere (lesenswerte!) Serie im semi-realistischen Stil über einen Polizisten, der sich wegen der Ängste seiner Mutter als Priester verkleidet aus dem Haus schleicht, gezeichnet: Soda. Seit 2006 arbeitet er an Allein. Seine Bilder sind nicht nur Momentaufnahmen und Umgebung für die Sprechblase, sondern erzählen eigene Geschichten. Sie enthalten so viel Emotionen, Bewegung und Kontext, dass es sich lohnt, die Bände mehrfach zu lesen.

Da Fabien Vehlmann auch genügend Sub- und Parallel-Plots in den Bänden unterbringt wird das mehrfache Lesen auch in dieser Hinsicht zum Genuss! Auf eine Sache möchte ich noch hinweisen: Beiden gelingt es eindrücklich, den Horror des zu schnell erwachsen werden Müssens darzustellen. Sei es der Umgang mit Angst, das der Gefahr stellen, die falsch oder richtig verstandene Romantik oder aber echte Freundschaft. Alle diese Punkte werden ständig in unterschiedlichen Konstellationen thematisiert und tragen viel zur unterschwelligen Grundstimmung des Unbehagens bei.

Allein 12 page 5

Die Empfehlung

Allein ist jetzt wieder komplett lieferbar und würde sich in jeder Sammlung gut machen! Wer bisher schon reingeschnuppert hat, sollte auf jeden Fall am Ball bleiben und sich auch den aktuellen Band zulegen. Für alle anderen sei kurz erwähnt, dass es bisher drei (aufeinander aufbauende) Zyklen gibt, die sich an den unterschiedlichen Farben der Nummerierung auseinanderhalten lassen. Der aktuelle 12. Band gehört zum dritten Zyklus und lässt sich auch ohne Vorkenntnisse lesen. Deutlich mehr Spaß macht es allerdings im Zusammenhang!

Schließen möchte ich mit einem kleinen Spoiler: In Kürze erscheint ebenfalls im Piredda-Verlag ein Making-of mit Zeichnungen und Texten rund um die Serie!

Dazu passen Die Toten Hosen mit Learning English, Lesson Two und ein belgisches Sauerbier/Geuze. Beides widerspricht auf den ersten Blick allen Erwartungen, entwickelt aber eigene Qualitäten.

© der Abbildungen Dupuis 2020 by Gazzotti, Vehlmann, 2021 Piredda Verlag