Worley/Waller – Omaha 2

Omaha the Cat Dancer – Band 2

Story: Kate Worley
Zeichnungen: 
Reed Waller

Originaltitel: The Omaha The Cat Dancer Series 2

Schreiber und Leser

Klappenbroschur | 256 Seiten | S/W | 29, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-038-8

nur für Erwachsene

Mit dem zweiten Sammelband der Geschichten über die Tänzerin Omaha und ihre Freund*innen von Kate Worley und Reed Waller bringt der Hamburger Verlag Schreiber & Leser wiederum eine Perle der Comicliteratur nach Deutschland. Die Serie zählt zu den bekanntesten Independent-Klassikern der 80-er Jahre aus den USA und wird oft fälschlicherweise mit Fritz the Cat verglichen. Sie ist aber im Gegensatz zu ihm nicht einer zu hinterfragenden Männerphantasie entsprungen, sondern erzählt aus mehreren Blickwinkeln eine relevante Geschichte. Mehr dazu bei Band 1.

Beziehungsdrama und Krimi, feministisch und queer in einem

Omaha ist vor allem vielseitig: eingebettet in einen fortlaufenden Handlungsablauf wird von Beziehungen und ihren Problemen erzählt. Bemerkenswert für die damalige Zeit ist, dass dabei hetero- und homosexuelle selbstverständlich gleichwertig nebeneinanderstehen. Außerdem werden Abhängigkeitsverhältnisse, Unehrlichkeiten und Treue thematisiert. Es geht aber auch um Politik, Korruption und das Ausnutzen christlich-fundamentalistischer Strömungen für Gentrifizierungsansätze, Erpressung und sogar Mord.

Die Schönheitstänzerin und titelgebende Heldin Omaha ist verliebt in einen Kater, der sich als reicher Erbe (wider Willen) entpuppt. Nun müssen beide damit umgehen, dass plötzlich viel Geld und Verantwortung vorhanden ist. Die Rollenmodelle in der Beziehung werden hinterfragt und die Kommunikation lässt zu wünschen übrig. Währenddessen müssen ihre durch einen Unfall an einen Rollstuhl gefesselte Freundin und ihr Freund und Betreuer klären, ob Arbeits- und Privatbeziehungen kombinierbar sind und wie eine nicht bevormundende Betreuung und Hilfe funktionieren kann.

In einer Parallelstory versuchen Kriminelle ein etwas herunter gekommenes Stadtviertel zum Sanierungsgebiet zu machen, um möglichst viel Geld damit verdienen zu können. Die Mittel zum Zweck sind egal und brutal. Natürlich gibt es in diesem Zusammenhang auch genügend Vertreter mit Doppelmoral.

Und nicht zuletzt geht es um Emanzipation: eigenständige Frauen mit eigenen Rechten, eigener Verantwortung und beruflicher Gleichstellung! Während das Thema unterschwellig immer mitspielt, wird es teilweise sehr deutlich und greift nicht nur Männer an, sondern auch die Frauen, die die Unterdrückung zementieren.

Die grafische Umsetzung

In jeder der einzelnen Folgen hat das eine oder andere Pärchen irgendwann Sex, der auch explizit dargestellt wird. Im Regelfall geht es dabei aber um einvernehmliche Handlungen. Eine Überschreitung eines NEIN wird zwar einmal gezeigt, aber nur um als solche auch thematisiert werden zu können.

Wer also Omaha auf Sex reduzieren würde, täte diesem Independent-Klassiker Unrecht! Terry Moore erklärt dann auch in einem der beigefügten Artikel wieviel er für seine eigene Serie Strangers in Paradise von Omaha kopiert bzw adaptiert hat und wie stark er Worley und Waller für ihre Serie bewunderte.

Alle handelnden Akteur*innen sind Tiere. Einige davon symbolisieren klischeehafte Vorurteile, andere sind eher neutral. Durch diesen Trick werden einerseits ein paar Verbote im Bereich der bildhaften Darstellung umgangen, andererseits erlauben die Erwartungen an bestimmte Tiere natürlich auch eine fabelhafte Übertreibung und Symbolisierung. Obwohl Independent, haben die Zeichnungen nichts Unreifes an sich. Sie sind pointiert, detailliert und handwerklich auf hohem Niveau. Das Spiel mit Schatten und Schraffuren kommt mir persönlich zwar etwas zu kurz, wenn es aber da ist, ist es großartig!

Die Wertung

Für erwachsene Liebhaber von gesellschaftskritischen Serien, für Fur-Fans und für Leser*innen (!) anspruchsvoller erotischer Comics eine echte Empfehlung! Schöne Aufmachung im Klappenbroschur mit fast schwarzem Cover und zwei Beiträgen von Dennis Kitchen und Terry Moore. Ein Independent-Klassiker der Kategorie „Auch heute noch lesenswert“.

Dazu passen die Klänge der modernen Ska-Combo „Bite me Bambi“ und ein etwas herber Schlehen-Gin-Coktail.

© der Abbildungen 1978 – 2020 Reed Waller / Verlag Schreiber und Leser

Posy Simmonds – Cassandra Darke

Eine Weihnachtsgeschichte

Story: Posy Simmonds
Zeichnungen: 
Posy Simmonds

Originaltitel: UK Cassandra Darke

Reprodukt

Hardcover | 96 Seiten | Farbe | 24,00 € |

ISBN:  978-3-95640-196-1

Eigentlich gibt es für Comics, die hier besprochen werden, eine von zwei Begründungen: Entweder sind sie neu oder aber so erwähnenswert, dass sie im Rahmen der Klassiker des Quartals bzw. im Serienkompass vorgestellt werden. Cassandra Darke ist von 2019 und fällt in keine Kategorie. Damals ist mir der Band irgendwie durchgegangen aber zum Glück steht ja auch in diesem Jahr Weihnachten vor der Tür und so kann ich Versäumtes wieder gut machen!

Weihnachten für Weihnachtsmuffel und Krimifans

Cassandra Darke ist oder besser war eine Kunsthändlerin aus London. Nach Jahren der Trennung war sie in die Galerie ihres Ex-Mannes wieder eingestiegen und hatte nach seinem Tod ein paar „kreative“ Geschäfte getätigt, die deutlich mehr Kund*innen mit „echten“ Kunstwerken versorgten als es eigentlich möglich gewesen wäre. Da Cassandra zudem boshaft ist und egozentrisch obendrein fällt sie tief als der Betrug aufgedeckt wird.

Nun ist Weihnachtszeit, alle Welt tätigt (vor Corona) ihre Einkäufe in überfüllten Läden mit kitschiger Musik, Cassandra aber hasst Weihnachten, und Gedenkgottesdienste, und noch vieles mehr. Sie ist also „bester“ Stimmung und genau deshalb passt das Album auch so gut in diese Jahreszeit!

In Rückblicken erzählt die Autorin und Zeichnerin Posy Simmonds davon, wie Cassandra die junge Aktionskünstlerin Nicki aufgenommen hat und von dieser in eine zwielichtige Kriminalgeschichte hineingezogen wird. Ein Gangster bekommt unter ihrer Nummer zweifelhafte Nachrichten und das Übel nimmt seinen Lauf: Es gibt Überfälle, Tote, ein wenig Slapstick aber auch immer wieder kleine liebenswerte Szenen in all dem Unmut!

Natürlich geht die Geschichte tragisch aus! Aber auch irgendwie weihnachtlich, also mit einer Art Happy End.

Die Zeichnungen

Das Werk ist mehr eine Collage verschiedener Stilrichtungen als ein Comic im herkömmlichen Sinne. Es gibt Bilder mit Sprechblasen die jedoch teilweise eingebettet in Seiten mit dominierenden Textpassagen. Manchmal ist auch nur ein Panel weggelassen und stattdessen hat sich ein Text dort eingenistet, oder etwas, das aussieht wie eine Vorzeichnung, hat sich dort breitgemacht. Manchmal treiben diese Bilder die Leser*innen zu einer wahnwitzigen Geschwindigkeit, manchmal strahlen sie eine solche Ruhe aus, dass das Ganze entschleunigt.

Nie aber ist eine der Seiten langweilig! Und das ist genau der Grund, warum Cassandra Darke dann doch noch den Weg hierher gefunden hat; der Band ist einfach großartig und bespielt mit tiefschwarzem Humor, einer klugen Story und tollen Figuren eine riesige Bandbreite an Emotionen. Die Zeichnungen und die dargestellten Personen sind nicht schön, aber ehrlich. Selbst die Statisten in der Bar haben erkennbare Gesichter, Eigenschaften und lassen ein Eigenleben erahnen und das macht die Geschichte aus. Nie ist sie eindimensional.

Die Ausgabe

Reprodukt macht schöne Bücher! Auch dieses ist mal wieder ein Beweis dafür. Ein festes Hardcover mit Effektlack, dickes, ganz leicht glänzendes Papier, das die Farben gut präsentiert und dann auch noch ein weihnachtliches ExLibris! Der Deutsche Verlagspreis 2020 kam nicht von ungefähr!

Definitiv auch in diesem Jahr noch ein Tipp für eure Sammlung oder aber zum Verschenken für alle, die England, seine schrulligen Leute und den speziellen Humor mögen, Krimifans sind oder aber Weihnachten mit all seinen Filmen und der immer gleichen Musik nicht ganz ernst nehmen können.

Dazu passen die Roten Rosen mit ihrer Weihnachts-CD, die sich ebenfalls an diesem Thema abarbeiten, und ein Gin-Tonic mit einer Zimt-Kardamom-Note.

© der Abbildungen 2018 Posy Simmonds / 2019 Reprodukt

Cates/Klein – Thor: König von Asgard 1

Herr der Zerstörung

Story: Donny Cates

Zeichnungen: Nic Klein

Originaltitel: US-Thor (2020) 1 – 6

Panini Comics

Prestige | 156 Seiten | Farbe | 18,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1920-5

Meine erste Begegnung mit dem mächtigen Thor hatte ich, als er noch auf die Erde verbannt war und in dem Körper von Dr. Blake steckte, einem Arzt am Krückstock. Zu meiner Zeit hatte er schon entdeckt, dass der Stock eigentlich sein Hammer Mjölnir war und sich verwandeln konnte. Die Stories waren typisch für die damalige Periode von Stan Lee und Jack Kirby: irgendwie menschlich, witzig und nicht so überhöht.

Der kalte Tod!

Thor war als Mitglied der Avengers schon seit langem eingebunden in das Marvel Universe und verteidigte mit einen Mitstreiter*innen die Menschheit gegen alle möglichen Gefahren. Die Probleme wurden immer größer, die Gegner*innen immer mächtiger und die göttlichen Wesen immer zahlreicher. So verwundert es kaum, dass auch Thor sich in diesem Strudel der Ereignisse verändert hat. Nun ist er immerhin einer der Herolde des Weltenverschlingers Galactus.

Der Herr der Zerstörung erzählt die Geschichte von eben jenem Galactus, der nicht in der Lage ist, sich gegen den Schwarzen Winter zur Wehr zu setzen. Er braucht die Hilfe von Norrin, dem schwarzen Surfer, und Thor. Sie präsentieren ihm fünf Welten, die bisher vor ihm verborgen waren, und deren Genuss/Vernichtung Galactus genügend Kraft liefern sollte, um sich der Gefahr zu stellen.

Nicht ganz geklärt ist allerdings das Verhältnis zwischen „Chef“ und Herold: Darf Thor die Bewohner*innen einer der Welten noch retten bevor Galactus alles verschlingt? Darf der Untergebene Fragen stellen oder Befehle verweigern? Neben den Antworten auf diese Fragen gibt es auch noch Einsichten in die Geschichte des mächtigen Galactus und die Bestätigung der alten Vermutung, dass dahinter einfach noch eine Ebene kommt…

Die Zeichnungen

Nic Klein ist ein Phänomen: Seit Jahren inkt und zeichnet er für immer größere Serien in den USA und ist auch durchaus auf der einen oder anderen Ausstellung in Deutschland mit Werken vertreten. Der gebürtige Kasselaner ist und bleibt aber ein Geheimtipp.

Sein Stil ist detailreich und gibt den von ihm gezeichneten Figuren Runzeln, Alterslinien und Schatten. Oft genug sind da sonst nur Flächen. Er mag Splash-Panels und seitenfüllende Formate, die von kleineren Panels überdeckt werden und variiert den Seitenaufbau häufig. Da es sich um einen Action-orientierten Superheldentitel handelt, sind die Kampfszenen das Wichtigste. Sie müssen die heutigen Leser*innen überzeugen, dass sie gemalt besser (oder zumindest nicht schlechter) sind als Streamingangebote, die in den aktuellen Corona-Zeiten sogar das Kino ersetzen.

Für mich erfüllen die Zeichnungen von Nic Klein diesen Anspruch: Popcorn in die eine Hand, Cola daneben, krachige Musik von Social Distortion in den Hintergrund und schon kann es losgehen.

Die Ausgabe

Panini hat wie immer eine Menge an Coverabbildungen dazu gepackt und für diesen Titel auch ein auf 444 Exemplare limitiertes Hardcover-Variant veröffentlicht. Die aktuelle monatliche US-Serie kommt hierzulande gleich als Sammelband und erspart das sequentielle Warten. Dafür ist aber natürlich die Zeit zwischen erstem und zweitem Teil länger. Für Fans des modernen Donnergottes und für alle, die mehr über Galactus erfahren wollen.

Cover Thor: König von Asgard 1 Variant

Alle, die bisher aufmerksam waren, wissen, dass sich Musik und Getränketipps heute im Artikel befinden.

© der Abbildungen 2020 Marvel / Panini Comics

Diaz Canales/Pellejero – Corto Maltese 15

Tarowean – Tag der Überraschungen

Story: Juan Díaz Canales nach Hugo Pratt
Zeichnungen: 
Rubén Pellejero nach Hugo Pratt

Originaltitel: El Día de Tarowean

Schreiber und Leser

Hardcover | 88 Seiten | S/W oder Farbe | je 24, 80 € |

ISBN:  978-3-96582-035-7 oder 978-3-96582-034-0

Es gibt Comics oder Filme, die einen Spannungsbogen aufbauen, der darauf beruht, dass die Leser*innen nicht wissen, WAS geschehen wird. Und es gibt solche, bei denen das Resultat vollkommen klar ist, der Weg dahin aber das mit Spannung erwartete ist. Tarowean gehört zu der zweiten Kategorie, denn das Cover enthält schon die Information der Schlussszene: Corto treibt an ein Andreaskreuz gebunden in der Südsee und wartet auf seine Rettung in der Südseeballade. Mehr zu Corto Maltese im Allgemeinen im dazugehörigen Serienkompass!

Ein Ende kann ein Anfang sein

In seinem Vorwort beschreibt der Szenarist Juan Díaz Canales eine der Ideen, die zur Entstehung dieses Albums geführt hat: Wie alle Corto-Fans wollte der Zeichner Pellejero wissen, wie Corto an das Kreuz gekommen war, mit dem der so bahnbrechende erste Teil 1967 begonnen hatte. Wer, wenn nicht die aktuell Verantwortlichen der Serie hätten das beantworten können? Da das Konzept der aktuellen Bände daraus besteht, Lücken zu füllen, stand dem nichts weiter im Wege!

Wie immer stehen verschiedene literarische Momente aber auch echte Ereignisse quasi als Paten zur Seite um der Geschichte Tiefe und Verwandtschaft zu geben. Das war schon bei Hugo Pratt so und glücklicherweise haben Canales und Pellejero diese Tradition adaptiert und fortgesetzt. Um die Leser*innen ein wenig mitzunehmen und einen Einstieg in die Umgebung zu bieten gibt es bei den Hamburger Ausgaben von Schreiber & Leser immer auch ein oder zwei Vorworte, die Hinweise geben. Zudem ist die Geschichte auch ohne selbst die kleinste Erinnerung an irgendeine gelesene oder geschichtliche Information verständlich, stimmig und spannend!

Corto und Rasputin bekommen den Auftrag, den letzten in einer fast verlassenen Strafkolonie einsitzenden Gefangenen zu befreien. Dieser spielt in den Visionen der dort lebenden Völker eine Rolle und sollte deshalb weggeschlossen bleiben. Nach seiner Befreiung erblickt er eine junge teilweise gelähmte Frau und macht sich zu ihrem ständigen Begleiter und Beschützer. Sie ist die Tochter des weißen Radschas und spielt ebenfalls eine mythologische Rolle in den Kämpfen um Macht und Freiheit in der Südsee.

Und dann gibt es da noch die Gruppe der Mönche unter denen einer heraussticht und andere Ziele zu verfolgen scheint. Natürlich wissen wir aus der Südseeballade schon um den einen, hier erfahren wir aber auch wie er zu dem geworden ist der er dann sein wird.

Die Zeichnungen

Rubén Pellejero hat von dem Pratt’schen Stil so viel übernommen, dass die Verwandtschaft gut zu erkennen ist, er hat aber soviel eigenes hinzugefügt, dass niemand von einem Kopisten sprechen würde. Er spielt etwas weniger stark mit Schatten und hat etwas mehr Detail, bleibt aber dabei, dass die Zeichnung aus ihrer Stimmung heraus spricht. Ein ganzes Panel kann Begleitwerk sein für einen Augenaufschlag, der sich kringelnde Zigarettenrauch die abwartende Haltung ausdrücken, und so brauchen viele Bilder auch gar keinen Text und transportieren die Geschichte trotzdem weiter.

Bei allem, was an eigener Bearbeitung in den Figuren steckt, Cranio, der ikonografische Mönch, Rasputin bleiben auch dann erkennbar, wenn sie nur in Ausschnitten gezeigt werden. Für mich ist das das Kriterium für eine gute Fortsetzung einer Geschichte: eigene Akzente, neue Handlungsrahmen aber Respekt vor der Vergangenheit.

Die Wertung

Ja, was soll ich sagen: Auch diesen Band gibt es in einer farbigen und in einer schwarz-weißen Klassik-Edition. Die Vorworte sind informativ, die beigefügten Vorzeichnungen und Studien geben den Hardcover-Bänden einen sehr wertigen Rahmen und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt auch! Mehr zu der ersten vollständigen deutschen Edition auch im Serienkompass. Die Saga um den romantischen Kapitän ohne Schiff bleibt einfach eine der besten Graphic Novels überhaupt!

Falls der eine oder die andere also noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, hier wäre ein prima Tipp! Und obwohl es sich um den 15. Band einer Reihe handelt, wäre es auch eine Möglichkeit, hiermit zu beginnen, denn ein Ende ist immer auch ein Anfang!

Dazu passen ein Chinin-haltiges Getränk eurer Wahl und Musik von Tommy Guerrero!

© der Abbildungen 2019 Cong S. A. Switzerland / 2020 Schreiber & Leser, Hamburg

O´Barr – The Crow

Ultimate Edition

Text: James O´Barr

Zeichnungen: James O´Barr

Originaltitel: The Crow

dani books

Hardcover | 272 Seiten | S/W, Farbe | 25,- €

ISBN: 978-3-95956-130-3

Der Hintergrund – Tragik im Doppelpack

The Crow ist im eigentlichen Sinne (Selbst-)Therapie. James O´Barr konnte es sich nicht leisten, mit seinem kaputten Auto noch einmal von der Polizei angehalten zu werden und hatte deshalb seine Freundin gebeten, ihn abzuholen. Diese war auf dem Weg zu ihrem Auto angefahren und tödlich verletzt worden. O´Barr rutschte daraufhin in eine Spirale aus Selbstmitleid und Selbsthass und konnte sein Tief nur dadurch überwinden, dass er begann The Crow zu zeichnen.

Diese düstere Graphic Novel hatte erstaunlicherweise großen Erfolg und sollte verfilmt werden. Am Set starb Brandon Lee auf tragische Weise und wieder begann die Spirale von neuem. Natürlich ist im weiteren Sinn der Autor des verfilmten Werkes der Anlass für eine Verfilmung, von persönlicher Schuld wird man aber in beiden Fällen nicht sprechen können. Trotzdem ist es natürlich richtig, dass man sich selber vergeben muss auch wenn man unberechtigte Schuldgefühle loswerden muss. Die Story ist daher in mehreren Teilabschnitten entstanden, hat sich entwickelt und liegt jetzt erstmals in dieser kompletten Fassung auf Deutsch vor.

Die Story – Ein Wutbürger sieht rot

Die Geschichte lässt sich auf zweierlei Weisen lesen:  Die eine ist eine zutiefst romantische. Der Held ist so voller Liebe, dass er nicht loslassen kann. Die beiden sind nicht nur für immer sondern sogar für ewig verbunden. Dazu passen dann auch einige der melodramatischen Szenen dieses Comics und natürlich auch das Kostüm, das sich der tote Eric gibt.

Die andere ist eine selbstsüchtige, Gesellschaft und Rechtsstaat verachtende, zutiefst reaktionäre Männlichkeitsideale feiernde Rachestory. Wie etwa auch in ein Mann sieht rot oder in Rambo stellt sich ein Mann über die Regeln, ernennt sich zum Ankläger, Richter und Vollstrecker in einer Person und zieht mordend und brandschatzend durch die Gegend. Nicht nur die fünf Crack-Junkies die Eric und seine Freundin vergewaltigt und ermordet haben unterfallen dem Richtspruch, weitere (zugegebener Weise nicht Unschuldige) werden ebenfalls hingerichtet. The Crow nimmt es sich sogar heraus, zu entscheiden ob sein Gegenüber einen schnellen oder langsamen, qualvollen Tod verdient habe.

Ich will jetzt nicht sagen, dass das Lesen eines Comics wie diesem irgendwelche Mordbrenner inspiriert auf Amoktour zu gehen. Ich muss aber zugeben, dass ich den Comic, den ich das letzte Mal vor 25 Jahren gelesen habe, damals anders bewertet habe und nun den Hype darum nicht mehr wirklich nachvollziehen kann.

Die Ausgabe

Jano Rohleder hat sich sehr viel Mühe gegeben und es hat sich gelohnt! Das Cover hat eine leicht weiche Anmutung, der Band enthält mehrere Vorworte, alle im Nachhinein erschienenen Zeichnungen und wurde komplett neu übersetzt. Es gibt gleich zwei verschiedene limitierte Ausgaben mit einem oder zwei signierten ExLibris und für alle, die beweisen können, dass sie das Werk legal erworben haben, sogar eine digitale Ausgabe als Gratiszugabe!

Die Zeichnungen von O´Barr sind zum Teil wirklich hochklassig und transportieren sowohl die Brutalität als auch die Romantik. Durch die farbigen Zeichnungen im Anhang wird noch einmal ein ganz anderer Zugang ermöglicht und O´Barr muss seine Fähigkeiten keinesfalls in Zweifel ziehen. Insgesamt bleibt also ein sehr zwiespältiger Eindruck: gutes Artwork in guter Aufmachung aber grottenüberflüssige Machostory.

Dazu kann eigentlich nur Musik passen, die sich selbst nicht ernst nimmt und dadurch die Balance wieder herstellt: Kapelle Petra und als Getränk ein Root Beer.

© der Abbildungen © 2020 James O’Barr. All Rights Reserved/ dani books

Azzarello/Llovet – Faithless 1

Finstere Leidenschaft

Story: Brian Azzarello

Zeichnungen: Maria Llovet

Originaltitel: US-A Monkey could do this – Faithless 1 – 6

Panini Comics

Prestige | 164 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-7416-1947-2

Panini wagt sich an eine Mischung aus Lust und Magie im künstlerischen Umfeld. In der nicht für unter 16-jährige gedachten Serie geht es um Verlust und Trauerbewältigung, Leidenschaft in der künstlerischen Betätigung wie in der Liebe, Machtausübung und Verwirklichung sowie um verschiedene Formen der Pärchenbildung.

Das Fieber der Schöpfung

Faith ist eine junge Frau, die an Magie glaubt und sich in einem Setting mit Bekannten und #lieblingscafe irgendwie so durchschlägt. Durch eine Zufallsbegegnung gerät sie an Poppy; die beiden verbringen einen aufregenden Tag und landen schließlich zusammen im Bett. Jeder einzelne der sechs Teile hat eine entsprechende relativ explizite Szene, die die Grenzen zwischen zeigbarem und nicht-mehr-zeigbarem sehr eigenwillig definiert.

Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass Faith tatsächlich über magische Kräfte verfügt und diese auch einsetzen kann als sie und Poppy von Hooligans belästigt werden. Daneben ist sie plötzlich in der Lage, ganz andere Kunst zu erschaffen als früher und stellt sogar Werke aus. Ihre neu gewonnenen Fähigkeiten scheinen in enger Beziehung zu stehen zu Poppys Vater, mit dem Faith ebenfalls ein Verhältnis beginnt. Dabei entfernt sie sich immer mehr von ihrer alten Clique.

In einem parallelen Strang wird deutlich, dass es mehrere magische Seiten zu geben scheint. Nicht nur sterben in Faith Umfeld mehrere Bekannte, es taucht auch immer wieder eine alte Frau auf, die Warnungen ausspricht. Es ist die klassische Storyline des Verkaufens der Seele (und einer angemessenen Gegenleistung) die Brian Azzarello hier in einem neuen Gewand ausbreitet. Nach eher klassischen Stories über DC-Ikonen und im Krimi-Umfeld (100 Bullets) ist er jetzt erstmals in einem Horror/Dark Romance-setting tätig und beweist auch hier seine Meisterschaft im Kreieren spannender Bögen über mehrere Hefte hinweg.

Übersinnliche Zeichnungen

Maria Llovet ist zwar keine Unbekannte mehr im Comicgeschäft, gehört aber bisher sicherlich nicht zur absoluten Top-Riege. Sie setzt stark auf Linien und so ist immer eine schwarze Abgrenzung zu sehen. Das passt allerdings zu der etwas nervösen, hektischen Anlage ihrer Panels, die einen filmorientierten Blick auf das Geschehen bieten. Etwas Graphic Novel, etwas Underground aber nicht zu viel um noch Mainstream werden zu können.

Das Grauen, die Lust, die Verzweiflung, ja, die Darstellung aller Emotionen macht ihr Spaß und sie nutzt die Seiten weidlich, um genau das zu tun. Azzarello gibt ihr dafür genügend Raum und treibt die Geschichte zwischendurch weiter. So gibt es immer wieder sehr langsame Parts, die sich mit solchen in beschleunigter Abspielgeschwindigkeit abwechseln. Langeweile kommt dabei nicht auf.

Die Wertung

Für zartbesaitete Gemüter ist das nichts! Wer aber dem Thema Dark Romance nicht gänzlich uninteressiert gegenübersteht, sollte einen Blick riskieren und feststellen, ob Comics die üblichen Romane nicht ergänzen könnten! Die Story ist von einem der Lieblinge der amerikanischen Comic-Szene verfasst und halten sein Nievau, die Zeichnungen ergänzen gleichwertig! Erotik wird hier in verschiedenen Facetten dargestellt, keine davon wird als Norm oder höherwertig klassifiziert. Für Traditionalisten also eher nicht das Richtige.

Wesentlich für mich ist aber auch eine Art von augenzwinkerndem Humor: Die klassische Bedrohung durch männliche Übergriffe wird so gekontert, dass sich die Herren im echten Leben ein solches Verhalten nie wieder trauen würden.  Wie immer gibt es nicht nur ein Vorwort, sondern auch Infos zu den Künstler*innen und Abbildungen der regulären und limitierten Cover.

Dazu passen ein magischer Aperol Spritz und Beth Ditto! Irgendwie Mainstream und irgendwie auch nicht.

© der Abbildungen 2020 A Monkey could do this LLC / Panini Verlag

Aaronovitch/Cartmel/Sullivan – Die Flüsse von London 6

Wassergras

Story: Ben Aaronovitch und Andrew Cartmel

Zeichnungen: Lee Sullivan

Panini Comics

Originaltitel: Rivers of London: Water Weed
Prestige | 120 Seiten | Farbe | 17 €
ISBN: 978-3-7416-1998-4

Die Flüsse von London waren vor zweieinhalb Jahren schon einmal auf comix-online dabei: Band 1 der Comic-Reihe, Autowahn, reihte sich nach dem vierten Roman ein. Ja, richtig gelesen, die Romane, Kurzromane und Comic-Bände erzählen alle zusammen eine Geschichte, sind also cross-medial angelegt. Sie folgen dabei dem Verlauf der Themse durch London. Eine Übersicht der Lese-Reihenfolge findet sich im comic-book.

Der Hintergrund

Der Schauplatz der Geschichten des Universums von Ben Aaronovitch ist das heutige London: geschäftige Metropole mit allen Facetten des menschlichen Lebens wie Gier, Gewalt, Kriminalität sowie Liebe und Arbeit für Gerechtigkeit. Es gibt aber auch eine magische Seite, denn in den Flüssen von London leben uralte Götter und Göttinnen und es gibt mit dem Übersinnlichen vertraute Zauberer und Teilzeitmagier. Zwei davon sind DC Peter Grant und sein Mentor Thomas Nightingale, die Helden dieser Abenteuer. DC Grant arbeitet in einer Spezialeinheit für besondere Fälle und kann daher von seiner Freundschaft mit den Göttinnen durchaus profitieren.

Der aktuelle 6. Comic Wassergras spielt zeitlich vor dem 7. Roman. Zwei – seien wir ehrlich – Dumpfbacken liefern mit einem Schnellboot Drogen aus und werden von zwei Wassernixen gezwungen, einen „Zehnten“ abzuliefern. Diese beiden Mädchen leben gerade bei Peter Grants Freundin und so gerät das Gras in dessen Hände. Er spürt sofort eine übersinnliche Verbindung und glaubt, eine große Gefahr für einen Gefangenen zu erkennen.

Nicht nur Grant macht sich im Folgenden auf die Suche nach der Herkunft der Drogen, die scheinbar von einer neuen Macht im Drogenmarkt in Umlauf gebracht werden: der rätselhaften und brutalen Hoodette. Gleichzeitig versucht diese aber auch, den Verlust zu rächen und ihre Position zu stärken so dass sich eine nette Krimi-Story entwickeln kann. Aaronovitch und sein Co-Autor Andrew Cartmel belassen es aber nicht bei der Kombination aus Magie und Krimi, sie fügen noch Gesellschaftskritik mit ein: Wieviel darf man Menschen zumuten, die mit Kranken zu tun haben?

Alles so schön bunt hier!

Lee Sullivan hat die Geschichte – wie immer – in passende Zeichnungen umgesetzt. Im gelingt es einerseits, paintballspielende Nixen darzustellen, die freudestrahlend Möchtegerngangster leiden lassen, schafft es andererseits aber auch, die Vision eines hilflosen, gefangenen Menschen glaubhaft zu erzeugen. Seine Gesichter sind teilweise etwas überzeichnet und bringen dadurch Emotionen gut rüber, wirken manchmal aber wie ein leichter Fremdkörper. Seine Visualisierung der Magie gefällt mir dagegen wieder sehr gut!

Natürlich sind die Zeichnungen für sich allein genommen nur die halbe Miete; die Kolorierung von Luis Guerrero und Paulina Vassileva liefert einen eigenständigen Beitrag. Sie trauen sich harte Kontraste und Farbakzente zu und das passt in diesem Fall ausgezeichnet!

Die Wertung

Panini hat sich für eine Klappenbroschur entschieden, die die vier Teile der Miniserie sehr schön präsentiert! Wie immer gibt es Informationen zu den Künstler*innen und Abbildungen der Einzelbandcover sowie die Geschichten aus dem Folly, die die Sache rund machen! Bei Panini läuft gerade der Versuch, dem amerikanischen Comic ein britisches Pendant zur Seite zu stellen. Dr. Who und die Flüsse von Titan Comics bilden dabei sozusagen das bereits anerkannte Rückgrat, die Fantasy-Stories von 2000 AD stoßen dazu. Für die Fans kann das nur positiv ausgehen!

Das Wassergras jedenfalls ist für die Komplet-Sammler*innen bestimmt gesetzt, bietet sich aber auch als Einstieg in die Reihe an, da kaum Vorwissen erforderlich ist. Es ist daneben eine gut zu konsumierende Crime-Story aus dem Drogenmilieu und für Fans englischen Understatements im Allgemeinen ebenfalls geeignet.

Dazu passen ein Pimm’s und „Kill the Pain“ von The Ruts, natürlich aus London!

© der Abbildungen 2018 Ben Aaronovitch, 2020 Panini Comics

Madsen/Kure – Walhalla 2

Die gesammelte Saga Band 2

Story: Peter Madsen nach Hans Rancke, Per Vadmand & Henning Kure
Zeichnungen: 
Peter Madsen

Edition Roter Drache

Hardcover | 196 Seiten | S/W und Farbe | 40,00 € |

ISBN:   978-3-96815-006-2

Tja, zur Gesamtausgabe und den Hintergründen der Serie habe ich alles schon in der Besprechung des guten ersten Bandes gesagt. Die nordischen Götter stehen im Mittelpunkt wie auch die Göttinnen, Riesen und einige Menschen natürlich auch. Es geht den Autoren vor allem um eine moderne Darstellung der nordischen Mythen, abseits von verstaubten Texten und mit Schalk im Nacken neu erzählt.

Ein Film versetzt den Schwerpunkt ein wenig

Und doch kommt im Leben alles immer anders. Der große Erfolg der Serie hat damals (wie heute) alle überrascht und so verwundert es nicht, dass der Wunsch nach laufenden Bildern aufkam. Was im Comic funktioniert muss aber auf der Leinwand noch lange nicht passen und andersrum natürlich genauso. So musste erst einmal viel Arbeit in die Planung des Films gesteckt werden. Das eigentliche Konzept, für ein Album auf ein oder zwei Mythen aufzusetzen, wollte für den Film nicht so recht passen, und so kam es, dass eine eigentlich als Nebenfigur erdachte Figur plötzlich im Mittelpunkt stand: Quark! Der kleine Riese ist nervig, quirlig, einfallsreich und somit perfekt für eine generationenübergreifende Hauptrolle geeignet.

Für den Comic musste die Filmstory überarbeitet werden um dem Serienkonzept wieder näher zu kommen und so wurde ein Zweiteiler daraus: Quark trumpft auf und Im Reich der Riesen erschienen als Band 4 und 5. Zunächst einmal lässt Loki, der immer mal ein bisschen über den Durst trinkt und dann mit den Folgen leben muss, sich reinlegen und muss den kleinen Quark mit nach Hause nehmen. Eigentlich soll natürlich er sich um die Erziehung kümmern, er schafft es aber, andere mit der Aufgabe zu belasten und auch noch Unfrieden zu säen. Das Ende vom Lied ist, dass alle Erwachsenen Quark so schnell wie möglich wieder loswerden wollen, die kleine Röskva aber seine wahre Natur erkennt und auch Tjalfi auf ihre Seite ziehen kann.

Schlussendlich beschließen Thor, Loki und die Kinder aufzubrechen um Quark Utgardloki zurückzubringen. Dabei werden sie von einer List der Riesen getäuscht (und hier ist dann wieder eine Mythe der Hintergrund) und müssen sich geschlagen geben. Dabei spielen ein Feuer, das Meer, die Midgardschlange und das Alter große Rollen. Und auch die Sache mit Quark findet ein positives Ende; die Autoren hatten keine Lust, den Quirl auch noch die Serie aufmischen zu lassen.

Den Abschluss dieses Bandes machen Die Goldenen Äpfel. Die Bewohner*innen Asgards sind keinesfalls vor den Unbillen des Alterns gefeit. Nur wenn sie jährlich von den goldenen Äpfeln Iduns essen bleiben sie jung. Es gibt eine Mythe über die Tochter eines Riesen, Skadi, die die Asen herausfordert und die Göttin Idun entführt. Eben diese Geschichte wird hier neu erzählt. Natürlich bringt Loki wieder alle in Gefahr und ebenso natürlich wird die Situation im Endeffekt wieder glücklich bereinigt werden.

Die Zeichnungen

Dankenswerterweise enthält die Gesamtausgabe so viel zusätzliches Material, dass einerseits Vorzeichnungen und Studien den Werdegang der Akteure nachvollziehbar machen. Es wird aber auch deutlich, welche Unterschiede zwischen Film und Comic bestehen und wieviel Arbeit notwendig war, beides glaubwürdig darstellen zu können.

Ansonsten lassen die Illustrationen erahnen, dass die Zeichnungen auch ganz anders hätten ausfallen können: erwachsener und düsterer. Man hat sich aber bewusst für diese familienfreundliche Version entschieden, die dem Inhalt eine möglichst weite Verbreitung erlaubt. Auch das ist eine Entscheidung, die nicht hochgenug gewertschätzt werden kann! Es geht nicht um Selbstverwirklichung wie in so mancher modernen Graphic Novel sondern um das gesteckte Ziel.

Trotzdem zeigen die Zeichnungen einerseits die Kinder und ihre Emotionen aber auch gleichwertig daneben die Ränke Lokis und die Unbeherrschtheit Thors und sind daher vielschichtiger zu lesen!

Die Wertung

Ich bin immer noch begeistert über den zusätzlichen Inhalt dieser Gesamtausgabe. Nicht nur werden die Hintergründe der Geschichten erklärt, die Illustrationen ermöglichen auch einen tiefen Einblick in Arbeitsweise und Entwicklung! Dazu kommt, dass alles neu übersetzt worden ist.

Die enthaltenen Originalbände

Es ist der Edition Roter Drache zu wünschen, dass die Ausgabe den Absatz findet, den sie verdient. Inhaltlich passt die Geschichte natürlich perfekt in das Verlagsprogramm, es ist aber in Deutschland immer noch ein Wagnis, Text und Bilderzählung nebeneinander zu stellen ohne die Purist*innen beider Seiten gegen sich aufzubringen. Danke für diesen verlegerischen Mut!

Dazu passen der Glühwein zuhaus und Musik von Rebecca Lou.

© der Abbildungen Edition Roter Drache, Peter Madsen, Henning Kure & Carlsen Verlag 2020

Burns/Kek-W – Der Orden 1

Die Menschmaschine

Story: Kek-W

Zeichnungen: John Burns

Originaltitel: The Order vol. 1

Panini Comics
Hardcover | 64 Seiten | Farbe | 17,00 €
ISBN: 
978-3-7416-2071-3

Im Vereinigten Königreich fahren nicht nur die Autos auf der „falschen“ Seite, es gibt daneben viele weitere Besonderheiten, die mit dem Rest Europas nur bedingt übereinstimmen. Eine Besonderheit ist definitiv die dortige Comic-Szene, die weder der europäischen noch der amerikanischen entspricht. Die europäischen Alben haben dort nie wirklich Marktanteile gewonnen, der amerikanische Mainstream a la DC oder Marvel hat die Szene aber auch nicht geprägt. Einen ganz wesentlichen Eckpfeiler in dieser eigenen Tradition spielt das Magazin 2000 AD das seit dem 26.2.1977 wöchentlich erscheint. Es steht für auch hierzulande bekannte Serien wie Dan Dare (auf Deutsch bei Salleck), Slaine (Dantes) oder Judge Dredd (diverse im letzten Jahrtausend).

Science-Fiction im Mittelalter

Auch Der Orden gehört zu dieser Familie. Der erste Teil der Geschichten von Autor Kek-W erschien 2015 und lief über eine ganze Anzahl an Progs in 2000 AD. Wie es sich für einen SF-Reißer gehört, steht nichts weniger als das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel! In diesem Fall bedrohen aus einer benachbarten Dimension heraus riesige Würmer das Überleben und nur wenige Getreue sind in der Lage, die Gefahr zu bannen.

Wie bei einer ordentlichen Quest müssen sich die Mitglieder des Teams erst zusammenraufen. Sie haben wenig gemeinsam und mögen sich auch gar nicht. Und zumindest im Fall der Menschmaschine müssen sie sich auch erst zusammensetzen. Die Nutzung von besiegten Gegnern zu diesem Zweck ist vielleicht nicht ganz unbekannt, die fortan immer mehr werdende Begleitung durch Fliegen schon eher.

Es stellt sich heraus, dass die Würmer die Menschheit regelmäßig bedrohen und sich dagegen ein Geheimbund, der namensgebende Orden, gegründet hat. Er versorgt seine Mitstreiter mit Gegenständen, die 1210 nicht unbedingt zu erwarten wären: Pistolen, Raketenbomben, Feuerzeuge und eben auch mit dem redseligen Roboter. Schräg, abgedreht, nichts für Zartbesaitete wären in etwa die Attribute, die mir dazu einfallen und die vielleicht auch schon erklären, was eigentlich an diesen englischen Comics so anders ist.

Gefräßige Zähne und gefällige Zeichnungen

John Burns setzt dieses Szenario in teilweise sehr realistische Bilder um. Die Panels haben keine Rahmen, sondern laufen unregelmäßig in den Weißraum aus und wirken daher gerade bei dem gewählten Überformat teilweise grandios. Insbesondere die Darstellung des Roboters vermag in dem mittelalterlichen Umfeld sehr zu gefallen.

Die Gesichter der Handelnden sind ausdrucksstark und transportieren die Emotionen glaubhaft und auch Körperbau und Dekors sind gut gelungen. Die Würmer wirken dagegen etwas weniger. Zwar sind die gefräßigen Öffnungen bedrohlich genug aber das Ganze wirkt ein wenig wie ein B-Movie, hat dadurch aber auch Charme. Die Kampfszenen sind sehr actionreich und trashig.

Die Empfehlung

Für Fans abgefahrener Science-Fiction schon alleine wegen des Formats und der wenig auf Hollywood-Art polierten Darstellung ein echter Geheimtipp! Vielleicht schafft Panini es ja, die mittlerweile bei Rebellion beheimateten Comics auf UK auf dem deutschen Markt zu platzieren. Zu wünschen wäre es, denn sie sind wirklich anders als der Mainstream!

Dazu passen ein Imperial Stout eurer Wahl und Sisters of Mercy!

© der Abbildungen 2014, 2015, 2016, 2017 Rebellion 2000 AD Ltd. / 2020 Panini Verlag

ZACK 258

ZACK 258 (Dezember 2020)

Herausgeber/Chefredaktion: Georg F. W. Tempel

Blattgold Verlag

Heft Din A 4 | 84 Seiten | Farbe | 7,90 €
ISSN: 1438-2792

Das erste Weihnachtsgeschenk ist schon da: Das ZACK hat erstmals ein umlaufendes Cover und das sogar mit einem Weihnachtsbaum! In den mehr als zwanzig Jahren ist das erst das vierte weihnachtliche Motiv nach den Ausgaben 66/2004, 150/2012 und dem bisher unerreichten 78/2005! Hoffen wir also, dass der neue Verlag auch weitere layouterische Neuigkeiten mit sich bringt!

Die Coverstory: Giant

In diesem ZACK gibt es zwar keinen Neustart aber der in 257 begonnene zweite Teil der Graphic Novel Giant von Mikaël hat mit seinem weihnachtlichen Motiv den Platz auf diesem Cover mehr als verdient. Im New York des Jahres 1932 wird einerseits immer mehr Raum für die prosperierende Wirtschaft benötigt und Wolkenkratzer schießen aus dem Boden. Berühmte Fotomotive entsprechen aber nicht immer dem harten Leben. Andererseits herrscht bittere Armut und Männer stehen für Gelegenheitsjobs Schlange. Die Reviere sind zwischen den unterschiedlichen Einwanderergruppen verteilt und werden blutig verteidigt.

Armut herrscht aber auch in Europa und so versuchen viele Frauen ihren Männern nach Amerika zu folgen und müssen die „Immigration“ passieren. Auf diesem Hintergrund entwickelt Mikaël eine spannende Geschichte über einen irischen Arbeiter, der trotz seiner Statur ein großes Herz hat. Giant hatte es nicht geschafft, der Frau seines verstorbenen Kollegen die Wahrheit über dessen Unfall zu schreiben und muss nun erfahren, dass sie sich auf den Weg gemacht hat. Für mich eine der besten aktuellen Serien!

Die Fortsetzungen

Aber es gibt natürlich auch noch ganz andere Geschichten: Das Wüstenschwert steuert so langsam auf die Entscheidung zu. Mick Tanguy versucht den Angriff der feindlichen Kräfte aus der Luft abzuwehren und muss feststellen, dass eine List angewendet wird. Laverdure, der für fluguntauglich erklärt worden war, versucht derweil die Terroristen in der Hauptstadt zu bekämpfen. Natürlich ist das Skript von Patrice Buendia und Frédéric Zumbiehl übertrieben und auf Action ausgerichtet. Tatsächlich kann man sich aber sehr gut vorstellen wie heutzutage Stellvertreterkriege mit wirtschaftlichen Interessen kombiniert werden können und religiöse Eiferer das Kanonenfutter geben. Sébastien Philippe hat das Ganze in schöne Bilder gesetzt. Wüsten, Flugzeuge und Straßenkampf liegen ihm gut und so wird er nicht nur Fans der alten Serie für sich gewinnen können.

Die Milliarde der Emigranten führt uns dagegen in den ersten Teil des 19. Jahrhunderts. Julien Maffre zeichnet die Bank mehr in Pastelltönen und lässt Action eher selten das Tempo bestimmen. Boisserie & Guillaume erzählen ihren Wirtschaftskrimi gemächlich und erklären ganz nebenbei, welche Entscheidungskriterien Investitionen beeinflussen können. Eisenbahnlinienplanung kann auch außerhalb des Wilden Westens spannend sein!

Harmony bringt uns dann wieder zurück in die heutige Zeit. Die Frage des Umgangs mit einer Gruppe von Kindern mit speziellen Fähigkeiten steht im Mittelpunkt: Sollen sie geschützt und gefördert oder zu Waffen umfunktioniert werden? In Ago kommt es erneut zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung als die geflohenen mutierten Kinder und ihre Begleiter*innen von dem militärischen Einsatzleiter auf der Straße gestellt werden. Mathieu Reynés hat eine sehr moderne Story geschaffen die SF und Mystery-Elemente miteinander verbindet. Grafisch legt er Wert auf Emotionen und so sind häufig nur formatfüllende Gesichtsausschnitte zu sehen. Er kann aber auch detaillierte Umgebungen präsentieren und ist sehr abwechslungsreich. Spannende Story mit sehenswerter Umsetzung!

Der Abschied

13 Tage Vorbereitungszeit hatte Michel Vaillant für sein erstes Formel 1-Rennen seit Jahren. Körperliche und mentale Fitness sind absolute Voraussetzung für diesen Sport, bei dem es auf hundertstel Sekunden ankommt und eine minimale Unaufmerksamkeit Millionen kosten kann. Es braucht aber auch eine gute Taktik, um auf Wettergegebenheiten reagieren zu können und Reifenwechsel zu timen. Wird der erfahrene Rennfahrer in einem unbekannten Team mit ebenfalls unbekanntem Gerät alles abrufen können?

Philippe Graton und Denis Lapiére sind absolute Kenner der Materie und schaffen es, diese ganze Kenntnis zudem noch spannend zu verpacken! Nie kommt das Ganze belehrend rüber! Das liegt allerdings auch an Benjamin Benétau und Vincent Dutreuil, die die Bilder dazu geliefert haben. Wie bei einer Reportage wird das Geschehen von kleinen, überlagerten Panels aus kommentiert, der Regen und die Motorengeräusche so gut visualisiert, dass es fast zu hören ist. Das Thema ist sicherlich eher für eine kleinere Zielgruppe, die Umsetzung aber so gut, dass auch andere ihren Spaß daran haben werden! Für die voraussichtlich 8 Monate bis zum nächsten Abenteuer bleiben nur Alben übrig.

Und sonst?

Bernd Hinrichs präsentiert den schon 10. Teil seiner Serie über Comicverfilmungen abseits der Superheldenstories und mit der Vorstellung der Graphic Novel von George Takei schließt sich in gewisser Weise ein Kreis: Als Sulu war er Teil der Crew der Enterprise die zu Koralle-Zeiten auch durch das ZACK flog. Unter seinem Namen hat er eine Geschichte über seine Jugend geschrieben – They called us enemy beschreibt die Internierungen von japanisch-stämmigen US-Bürger*innen während des Zweiten Weltkriegs. Gut, dass auch solche Themen im ZACK ihren Platz haben!

Dazu kommen wie üblich der Vater der Sterne, Parker & Badger sowie eine Untersuchung des richtigen Jagdverhaltens in Tizombi von Cazenove und Maury. Meiner Meinung nach immer noch gnadenlos unterschätzte Zwischenmahlzeiten!

Musikalische Untermalung könnten bei diesem Heft The Primitives mit ihrem zeitlos schönen Gitarrenpop bieten. Warum dazu nicht mal einen Tonic mit einem selbstangesetzten Gin auf Wodka-Basis mit Wacholderbeeren, Chili und Orangenschalen probieren?

© der Abbildungen 2020 bei den jeweiligen Zeichnern und Verlagen c/o Blattgold GmbH