Strunk/Arndt – Der goldene Handschuh 1

Sommer der Liebe

Story: Heinz Strunk

Zeichnungen: Ully Arndt

Originalausgabe

Carlsen Comics
Klappenbroschur | 116 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-551-74500-2

Cover Der goldene Handschuh

Heinz Strunk ist ein deutscher Autor aus Hamburg. Oftmals sind seine Werke beeinflusst von seiner zweiten Beschäftigung als Musiker. Während Fleisch ist mein Gemüse sehr humorvoll ist, fordert der Sommer in Niendorf den Leser*innen schon einiges ab. Ully Arndt hingegen ist eher für seine Werke im Stern, MAD und die Ottifanten bekannt. Der goldene Handschuh bringt die beiden Norddeutschen für eine Art True Crime Story zusammen.

Hamburg Noir

Die 70-er Jahre brachten viele Neuerungen in Musik, Subkultur, Gesellschaft, Emanzipation und Mode. Es sollte aber einige Zeit dauern, bis Änderungen auch in den Niederungen der deutschen Realität Einzug halten konnten. Dieser Comic-Roman beginnt 1974 auf dem Hamburger Kiez. Die Auswirkungen des Krieges sind noch zu spüren, die Sinnkrise ist jede Sekunde gegenwärtig, der gesellschaftliche Pre-68er Mief stinkt aus jeder Ecke.

In einer Milieu-Kneipe treffen sich allabendlich die traurigen Gestalten, die Hoffnung auf bessere Zeiten erschöpft sich in einer vernünftigen Mahlzeit. Für Frauen kommt noch der Wunsch, nicht verprügelt, vergewaltigt oder ausgeraubt zu werden hinzu. Das Wetter ist der typische Hamburger Schmuddel. Viel bedrückender kann eine Alltagsbeschreibung nicht sein. Der Gegensatz dazu ist eine reiche Reeder-Familie. Die erste Generation ist abgetreten und besteht nur noch aus Hass, die zweite Generation ist unfähig und die dritte hat nur Flausen im Kopf. Auch hier ist die Stimmung bedrückend, allerdings komplett anders, die Mechanismen aus Alkohol, Gewalt und Misogynie aber vergleichbar.

Der goldene Handschuh page 5

Während der erste von geplanten zwei Teilen eher die Szenerie ausbreitet, wird doch klar, dass in der Stadt Frauenleichen gefunden werden und die Polizei sich an die Arbeit macht. Gleichzeitig hat einer der Protagonisten den Namen Fritz Honka. Wer sich etwas auf deutsche Kriminalgeschichte versteht, weiß bereits, welches Drama sich hier entwickeln wird.

Düster und verstörend

Wer beim Namen Arndt niedliche Ottifanten erwartet, liegt hier komplett falsch. Der Zeichner nimmt die von Strunk geschaffene Stimmung in seinen Zeichnungen auf und präsentiert eine deprimierende Welt: dunkel, dreckig, rau. Nichts ist schön im engeren Sinn, die geschminkten Gesichter sind Fratzen, der Humor abgründig und alkoholgetränkt. Und selbst die hellen Panels, die das vermeintlich schöne Leben der reichen Familie darstellen, lassen wie in einem Horrorfilm den Schrecken am Horizont aufblitzen.

Das grundsätzlich aus einem 2 x 3 Raster bestehende Layout wird immer wieder aufgebrochen und an die Action angepasst. Den Leser*innen wird keine Ruhepause gegönnt und den Sommer der Liebe erwartet hier wohl niemand in seiner wörtlichen Ausprägung.

Der goldene Handschuh page 6

Eine gelungene Umsetzung

Der goldene Handschuh ist auch als Comic gelungen, aber herausfordernd. Wer die leichte Unterhaltung sucht, sollte einen Bogen um diese Graphic Novel machen. Wer sich aber in die bleierne Zeit hineinversetzen will, wer sich erinnern möchte, dass früher keineswegs alles besser, ja, noch nicht einmal gut war, der ist hier richtig!

Leider wird es noch ein wenig dauern, bis der abschließende zweite Teil 2027 erscheinen wird. Immerhin gibt es ein Nachwort der beiden Künstler, die auf die Story und ihre Entstehungsgeschichte eingehen. Abseits des Mainstreams, aber lohnenswert!

Der goldene Handschuh page 7

Dazu passen Hans-A-Plast mit „Rock’n’Roll Freitag“ und ein norddeutscher Doppelkorn.

© der Abbildungen 2026 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg

Munuera – Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

Nach der Erzählung von H. G. Wells

Story: José-Luis Munuera

Zeichnungen:  José-Luis Munuera

Originaltitel: L´Homme qui pouvait accomplir des miracles

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |72 Seiten | Farbe | 19,80 € | ISBN: 978-3-68950-139-6

Cover Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte

Der Spanier Munuera ist ein Multitalent. Er hat sich schon an den Blauen Boys versucht, den Spirou-Kosmos bevölkert, und über Roboter mit Gefühlen geschrieben. Daneben nimmt er sich immer wieder klassische Romane und Erzählungen vor und setzt sie als Comic um. Die diesem Band zugrundliegende Erzählung stammt von einem der Ur-Ahnen der Science-Fiction-Literatur, ist aber eher unbekannt.

Der Klassiker neu interpretiert

Jede*r weiß, dass Wünsche manchmal „in die Hose gehen“ können. Bei Spider-Man wurde daraus der Gleichklang zwischen großer Macht und großer Verantwortung, bei vielen Märchen steht der Untergang als Folge fest. Auch Wells versucht sich an diesem Thema: ein junger englischer Spießer verspürt plötzlich die Macht, Dinge zu tun. Eigentlich wollte er nur beweisen, dass es Wunder nicht geben könne, doch trotzdem hängt die Lampe tatsächlich falsch herum und der Pub, Ort des Geschehens, steht in Gefahr, Opfer eines Brandes zu werden.

Anstatt den Beweis der Unmöglichkeit anzutreten, steht plötzlich eine Verwarnung durch den örtlichen Polizisten im Raum. Der arme Mister Fotheringay weiß nicht wirklich wie ihm geschieht. Als es zu einer erneuten Begegnung mit dem Polizisten, wieder nach einem verunglückten Wunder, kommt, schickt er ihn kurzerhand in die Hölle. Geplagt von Gewissensbissen wendet er sich daraufhin an den örtlichen Priester.

Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte page 7

Dann jedoch – Wells mochte die klerikale Seite der Welt noch nie – gerät alles aus den Fugen… Munuera nimmt die Geschichte, die schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat, als Vorlage, erfindet ein paar Sachen hinzu, schmückt anderes ein wenig aus, und erzählt eine moderne Parabel. Die Pointe bleibt, die Sprache ist immer noch schön, das viktorianische tritt aber nicht mehr in den Vordergrund.

Ein typischer Munuera

So flexibel Munuera bei seinen Szenarien ist, so eindeutig erkennbar sind seine Zeichnungen. Auch hier ist die Urheberschaft auf den ersten Blick zu erkennen: die leicht braunlastige Farbpalette, die konturierten und doch sympathischen Gesichtszüge der Protagonisten, die Überheblichkeit, die sich in der Körperhaltung etwa des Polizisten ausdrückt, der sein Dorf noch nie verlassen hat, aber alles weiß.

Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte page 9

In diesem Band sind einige großformatige Zeichnungen eingestreut, die den Leser*innen wieder das Vergnügen ermöglichen, Details zu suchen. Dabei schafft es der Spanier, den typischen englischen Humor und Style zu übernehmen. Großartig!

Auch so kann man Lust auf Bücher erzeugen!

Während viele Leser*innen diesen Comic wahrscheinlich wie andere auch konsumieren werden, lassen sich vielleicht einige dazu inspirieren, auch andere Werke von Wells lesen zu wollen. Die beiden abgedruckten Essays mögen dabei helfen. Während der große Jules Verne Technik nutzt, um Abenteuergeschichten zu schreiben, lässt Wells viel mehr Fragen offen, die philosophischer Natur sind.

Munuera - Der Mann, der Wunder vollbringen konnte page 10

Der Band kommt im Splitter-typischen Großformat und bringt die Bilder daher super zur Geltung. Wer noch eine Anregung für das Osterfest sucht, darf hier bedenkenlos zuschlagen und dabei noch das gute Gefühl haben, einen Klassiker der Weltliteratur in lesbarer Form zu verschenken!

Dazu passen The Who (ein Meilenstein der englischen Musikgeschichte) mit „Quadrophenia“ und ein Pint London Pride!

© der Abbildungen Dargaud Benelux (Dargaud-Lombard S.A.) 2025 | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2026

Simenon, Fromental/Yslaire – Der Schnee war schmutzig

Ein „Roman Dur“

Story: Georges Simenon, Jean-Luc Fromental

Zeichnungen: Bernard Yslaire

Originaltitel: La Neige était sale

Carlsen Comics
Hardcover | 104 Seiten | Farbe | 24,00 €
ISBN: 
978-3-551-80637-6

Cover Simenon - Der Schnee war schmutzig

Comic-Adaptionen von erfolgreichen Krimis waren schon immer ein Bestandteil des erfolgreichen Spektrums. Deutsche Leser*innen mögen sich noch an Derrick, Schimanski oder Wilsberg erinnern, die alle als Bildgeschichte in den Regalen standen. Auch international reüssiert dieses Genre gerade wieder: In Serie erscheinen Umsetzungen der Romane von Agatha Christie, die Werke nach Leo Malet werden neu aufgelegt. Nun also auch Gerges Simenon! Der 1989 verstorbene belgische Schriftsteller war noch erfolgreicher als der ebenfalls vielschreibende Henri Vernes. Die meisten werden Simenon wohl aufgrund seiner Krimis mit Kommissar Maigret kennen; er hat daneben aber auch eine Vielzahl von anderen Büchern geschrieben, darunter 117 sogenannte Roman Durs.

Gewalt und Mord in einer besetzten Stadt

Der Schnee war schmutzig wird als einer der besten Romane von Simenon bezeichnet und mit existenzialistischen Werken untern anderem von Camus verglichen. Brauchte der Autor normalerweise rund zwei Wochen, um einen Roman zu schreiben, ließ er sich für diesen sogar drei Wochen Zeit. Das Ergebnis ist ein desillusionierendes Werk. Der „Held“ ist ein 18-jähriger Sohn einer Bordellbetreiberin. Sein Leben besteht darin, gefühllos durch diese Welt zu gehen, mit Frauen zu schlafen, Gaunereien zu begehen, sich zu betrinken und schließlich auch, Menschen umzubringen.

Zunächst scheint dabei alles glatt zu gehen, er bekommt sogar eine Bestätigung, dass die Besatzungsmacht ihm freie Hand und freies Geleit gewährt. Obwohl Frank Friedmaier keine Ziele hat und eigentlich auch keinen Antrieb hat, lebt er so ein recht sorgloses Leben, verachtet gleichzeitig aber diese Sicherheit und alles um ihn herum. Neudeutsch ein echter Stinkstiefel!

Simenon - Der Schnee war schmutzig page 5

Doch plötzlich wendet sich das Blatt, die nicht näher definierte Besetzungsmacht verschleppt ihn und beginnt eine sowohl körperliche wie psychologische Foltertortur. Wird es ihm gelingen, nun doch einen Halt im Leben zu finden und zu überleben? Oder wird das eine Böse das andere Böse vernichten? Zudem stellt sich die Frage, wie einige der Personen, deren Psyche und Emotionen Frank ignoriert hatte, sich nun verhalten werden.

Atemberaubend

Die von Fromental für das grafische Medium umgesetzte Geschichte wird von Yslaire kongenial gezeichnet. Schon in den Serien um Sambre war sein melancholischer Stil prägend, Serien wie der XX. Himmel festigten diesen Ruf. Auch hier legt er keinen Wert auf Hochglanzschönheit. Seine Figuren sind rau, haben Macken und sehen dadurch „normal“ aus. Allein ihre Erlebnisse machen sie unverwechselbar.

Die Stadt zeigt sich in einem grauen Winterkleid: düster, kalt und feindselig. Die Wohnungen und Kneipen sind von einem niedrigen Standard und haben alle schon bessere Zeiten gesehen. Allein das Gefängnis und seine Umgebung machen einen sanierten Eindruck und stellen dadurch einen grotesken Widerspruch zur in ihm ausgeübten Brutalität dar.

Simenon - Der Schnee war schmutzig page 6

Noir vom Feinsten

Simenon steht bei den Meisten wohl noch in der „Krimi-Ecke“. Sein Maigret ist es auch immer noch wert, gelesen oder gesehen zu werden! Der Schnee war schmutzig ist aber eine andere Nummer: dunkel, deprimierend, faszinierend und spannend zugleich! Man beobachtet Frank dabei, immer und immer wieder noch einen drauf zu packen. Gleichzeitig ist aber auch die Reaktion der Obrigkeit vollkommen daneben. Das Verhalten der Mutter ist desaströs und dasjenige der missbrauchten Nachbarstochter verstörend.

Das Nachwort von Jean-Luc Fromental, der auch schon Blake & Mortimer nach New York geschickt hat, ordnet diesen Roman Dur etwas ein und beschreibt eine vermutete Intention. Schlussendlich nehmen wir heute aufgrund der vielen anderen Werke Simenon nicht als Existentialisten war. Dieser Band muss den Vergleich mit Camus oder Satre aber nicht scheuen!

Simenon - Der Schnee war schmutzig Umschlag innen

Dazu passen Brigitte Calls me Baby mit „Slumber Party“ und ein Cointreau.

© 1948 Georges Simenon Limited © der Abbildungen 2024 Fromental – Yslaire – Dargaud Benelux (Dargaud-Lombard s.a.) | 2026 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg

Trif – Tausendundeine Nacht

Vier Geschichten

Story: Trif
Zeichnungen: 
Trif

Originaltitel: Les mille et une nuits, Vol. 1 & 2

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |96 Seiten | Farbe | 25,00 € | 
ISBN: 978-3-96219-226-6

Cover Trif - Tausendundeine Nacht

Die Sammlung der Geschichten aus Tausendundeine Nacht wurde schon fast ebenso oft in Ausschnitten publiziert. Sie verbindet Grausamkeit, Märchen aus einer für uns fremden Kultur, die Lust am Erzählen und europäische Fantasien über „exotische Abenteuer“ miteinander und ist somit eine fast perfekte Projektionsfläche für alle möglichen Vorstellungen.

Ein freizügiger Ansatz …

Trif, dessen Serie Thrax auch gerade bei Splitter erscheint, hat die Geschichtenauswahl sehr freizügig angelegt. Grundsätzlich ist die Rahmenhandlung bekannt: Sultan Schariyar wurde von seiner Lieblingsfrau Zaida betrogen. Aus enttäuschter Liebe lässt er sie nicht nur hinrichten, sondern heiratet auch jede weitere Nacht eine Jungfrau nur um sie am nächsten Morgen ebenfalls töten zu lassen. Seine gekränkte Eitelkeit gibt ihm in seinen Augen das Recht, zu einem misogynen Massenmörder zu werden.

Scheherazade, die Tochter des Wesirs, hat sich in den Kopf gesetzt, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Sehr zum Unwillen ihres Vaters lässt sie sich mit dem Sultan vermählen, befriedigt ihn und erzählt ihm eine erste Geschichte über das Wesen der Frauen. Kurz vor dem Ende unterbricht sie an einer spannenden Stelle und fordert den Sultan auf, den Rest in der nächsten Nacht zu erfahren. So schafft sie es, am nächsten Abend erneut in das Gemach geladen zu werden und das Spiel beginnt von Neuem.

Trif - Tausendundeine Nacht page 4

Sowohl die eigentliche Rahmenhandlung als auch die von der Protagonistin ausgesuchten Geschichten werden sehr freizügig dargestellt. Der Sultan ist es gewohnt, sein Vergnügen in den Vordergrund zu stellen und wird nur langsam davon überzeugt, dass dieses Verhalten eher suboptimal ist. Auch in den erzählten Geschichten kommt aber immer wieder das (männliche) Motiv der betrügenden, „falschen“ Frau zum Vorschein.

… in entsprechenden Bildern

Auf diesen Seiten versammeln sich Bilder von dem aktuellen Schönheitsideal beeinflussten Körpern: lange Körper in Klamottengrößen, die sich eher Kindergrößen nähern: Skinny halt. Bei den Herren kommen noch Sixpack und Muskeln hinzu. Jede*r möge selbst entscheiden, ob das notwendig oder gar begehrenswert ist …

Trif - Tausendundeine Nacht page 6

Ansonsten versteckt Trif nicht viel. Die Bilder sind teilweise explizit, deuten aber vieles eben doch nur an. Trotzdem würde ich einen Band wie diesen nicht unverschweißt in einem Buchladen stehen lassen. Von diesen Merkmalen einmal abgesehen ist das Layout abwechslungsreich, die Panelrahmen sind in einem an orientalische Ornamente erinnernden Stil gehalten und Hintergründe und Details entsprechen gehobenem frankobelgischem Standard.

Sicher erfolgreich

Auch dieser Band aus der „Splitternackt“-Subreihe wird sicherlich wieder seine Käufer finden. Er basiert auf einer klassischen literarischen Vorlage und ist handwerklich um Klassen besser als das, was teilweise unter dem Ladentisch angeboten wird. Splitter hat wieder einen Druck beigelegt, das Covermotiv des im Original eigenständigen zweiten Bandes.

Detail Trif - Tausendundeine Nacht page 10

Muss man das haben? Nein, sicherlich nicht. Es gibt aber auch kein wirkliches Argument dagegen. Die Kunst ist in Ordnung, den männlichen Vorstellungen und vor allem ihrem Machtanspruch werden Schläue und Organisation entgegengesetzt und moralinsaure Zeiten sind vorbei. Trotzdem fragt man(n) sich, ob der aktuelle Hype nicht doch vor allem sexistische Lesarten fördert und alles „Zusätzliche“ einfach ausblendet.

Dazu passen Girlschool etwa mit ihrem letztjährigen Auftritt in Wacken und ein Früchtetee!

© der Abbildungen 2020, 2021 Tabou Editions, France | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Bottier/Callixte – Tod auf dem Nil

Ein Poirot-Krimi nach Agatha Christie

Story: Isabell Bottier

Zeichnungen: Callixte

Originaltitel: Mort sur le Nil (adapted from Death on the Nile)

Carlsen Comics
Hardcover | 72 Seiten | Farbe | 20,00 €
ISBN: 
978-3-551-80582-9

Cover Christie - Tod auf dem Nil

Und weiter geht es mit den Comic-Adaptionen der Romane von Agatha Christie. Theoretisch stünden 66 Romane und Kurzgeschichten aus 14 Sammlungen zur Verfügung. In der deutschen Ausgabe ist dieser vierte Band der dritte mit Poirot neben einem Miss Marple-Krimi. Diese wird wohl (zumindest für die Generation ZACK) auf immer mit der grandiosen Margret Rutherford verbunden bleiben. Diese enge Bindung von Film und Roman ist bei den anderen Verfilmungen der Romane nicht entstanden.

Tödliche Flitterwochen

Die Tathandlung ist schnell beschrieben: Eine junge, hübsche und reiche Frau spannt ihrer in bedrohten Verhältnissen lebenden Freundin den Geliebten aus, heiratet ihn und verbringt mit ihm genau die Flitterwochen, die das vorherige Paar geplant hatte: Eine Kreuzfahrt auf dem Nil. Allerdings wird das frisch getraute Paar dort von eben jener Freundin gestalkt und belästigt. Linnet Ridgeway, die frisch gekürte Ehefrau, entgeht nur knapp einem Steinschlag und wird kurz darauf erschossen in ihrem Bett aufgefunden. Ein tragischer Tod auf dem Nil.

Christie - Tod auf dem Nil page 4

Zufällig befindet sich Hercule Poirot, der berühmte Detektiv, ebenfalls auf dem Schiff und lässt sofort anordnen, dass es nicht mehr verlassen werden darf. Seine Ermittlungen konzentrieren sich zunächst auf die verlassene Stalkerin. Diese hatte kurz zuvor zwar ihren ehemaligen Verlobten aus Wut angeschossen, hat aber für die Tatzeit ein Alibi.

Mehrere andere Verdächtige werden ermittelt, doch scheinbar gibt es immer einen Aspekt, der nicht zu passen scheint. Agatha Christie war die Meisterin des Whodunnit und Isabell Bottier nimmt die Geschichte sehr gut in ihrem Szenario auf. Dabei kommt es immer wieder vor, dass unerwartete Details zu überraschenden Wendungen führen. Dabei spielt unter anderem auch ein Collier eine Rolle.

Wiederholungstäter

Callixte, mit bürgerlichem Namen Damien Schmitz, zeichnet nach Hercule Poirots Weihnachten bereits seinen zweiten Poirot-Krimi und wieder im Team mit Isabell Bottier. Der Stil ist klassisch ausgelegt: ein streifiges Layout, nicht zu viel Chaos auf der Seite, klare Umrisse und eine Konzentration auf das Wesentliche. Die Gesichtszüge gleiten manchmal vom realistischen über in die leichte Karikatur, insbesondere die „verlassene Geliebte“ sieht für ihre Rolle zu fröhlich-schelmisch aus.

Christie - Tod auf dem Nil page 3

Die Integration der landschaftlichen und kulturgeschichtlichen Schönheit der Nilgegend in die Geschichte gelingt dagegen sehr gut, wie auch überhaupt das nostalgische Flair der vergangenen Zeit und des daran angepassten Erzähltempos. Alles passt zu der gründlich-sorgfältigen Art des Ermittlers Hercule Poirot und stützt somit die großartige Erzählung.

Gegenentwurf zum aktuellen TV-Trend

Während die Serien der Streaming-Anbieter immer schneller und knalliger werden und auf Schockeffekte und Körperlichkeit setzen, sind die Geschichten von Agatha Christie dazu praktisch der Gegenentwurf: langsame Steigerung des Spannungsbogens, wenig Action und mehr Gespräch und vor allem das Wissen, dass „das Gute“ gewinnen wird. Die Aufklärung ist garantiert, nur der Weg dahin ist steinig und verschlungen.

Detail Christie - Tod auf dem Nil page 5

Wer solche Dinge mag, ist hier richtig. Crime in Reinkultur. Der Comic lädt dazu ein, entweder an einem kalten Frühlingsabend vor dem Kamin oder aber an einem lauen Sommerabend in der Abendsonne genossen zu werden!

Dazu passen The Alarm (RIP!) mit „Sixty Eight Guns“ und ein Primitivo.

© der Abbildungen 1937, Agatha Christie Limited. | BELG Prod. (2019)|2025 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg

Stark, Headline/Kieran – Parker

Eine Falle für Parker

Story: Doug Headline nach dem Roman von Richard Stark

Zeichnungen: Kieran
Originaltitel:
 The Sour Lemon Score

schreiber & leser

Hardcover | 112 Seiten | dreifarbig | 22,80 €
ISBN: 
978-3-96582-197-2

Cover Eine Falle für Parker

Kriminalgeschichten gehen immer und können auch nicht wirklich zu alt werden. Aktuell werden zum Beispiel gerade fast 100 Jahre alte Romane von Georges Simenon als Comic adaptiert. Die Romane von Richard Stark (Pseudonym von Donald E. Westlake) über Parker wurden dagegen „erst“ zwischen 1962 und 2008 verfasst. Im Gegensatz zu vielen anderen Reihen, die Ermittler*innen zum Helden haben, ist Parker ein Krimineller: knallhart, hartgesotten, aber doch menschlich.

Ein Mann spielt falsch

Drei Männer verabreden sich zu einem Banküberfall. Da ein Fahrer als vierter Mann gesucht wird, schleppt Benny Weiss, ein alter Weggefährte, Uhl an. Obwohl die anderen kein gutes Gefühl haben, lassen sie sich darauf ein und führen den Überfall aus. Anders als geplant ist die Beute allerdings relativ gering. Noch am selben Abend erschießt der Neue zwei der Komplizen und verfehlt Parker nur knapp. Dieser kann zwar flüchten, muss sich aber nun mittel- und waffenlos durchschlagen.

Natürlich steht ihm der Sinn nach Rache und so macht er sich sofort auf die Suche nach dem Neuling. Zwar kommt er ihm langsam auf die Spur, setzt aber auch einen anderen von Uhl Betrogenen auf dieselbe. Während Parkers Methoden noch einigermaßen okay-isch sind, kennen die anderen Gangster keine Gnade. Daraus entwickelt sich unter anderem die titelgebende Falle für Parker.

Eine Falle für Parker page 17

Wie es so kommen muss, geraten dadurch auch Unschuldige ins Visier, am Rande Beteiligte müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen und wie hoch sie ihre Risikobereitschaft einschätzen. Die per se schon sehr spannende Story wirkt auch als Comicszenario; Doug Headline gibt – wie auch z.B. in Nada – Tätern wie Opfern Persönlichkeiten und lässt die extensive Gewalt nicht die Hauptrolle übernehmen.

Hommage an Darwyn Cooke

Die Zeichnungen von Kieran lassen sich durchaus als Hommage an die beiden vor rund 10 Jahren auf Deutsch erschienenen Graphic Novels von Darwyn Cooke (aktuell neben anderen in der Martini-Edition ebenfalls bei schreiber & leser erhältlich) lesen, sind aber komplett eigenständig. Harte Konturen in Schwarz, teilweise ergänzt durch Striche oder kleinere Flächen, blaue Füllungen und dadurch geschaffener Weißraum illustrieren die Geschichte. Diese zunächst nicht besonders einladende Gestaltung erschafft einen Sog, der einen nicht wieder loslässt und in der Story hält.

Obwohl nur mit beschränkten Mittel erzeugt, sind die Bilder ungemein realistisch, atmen aber gleichzeitig ein gewisses nostalgisches Flair aus, das zu der amerikanischen Mittelklasse, die den gesellschaftlichen Hintergrund bildet, passt. Man sieht den Rasenmäher nicht, hört nicht das Klicken der Eiswürfel im Glas, spürt nicht den Glauben an den amerikanischen Traum und nimmt doch genau diese Elemente wahr. Ein echter Tipp!

Eine Falle für Parker page 18

Hard-boiled und erfolglos

Eine Falle für Parker folgt den Genre-Spielregeln: Der „Held“ steckt ordentlich Prügel ein, stellt seine Rache über persönliche Beziehungen, weiß aber doch im Grunde schon am Anfang, dass das Ergebnis nicht das Gewünschte sein wird. Die Gewalt gehört definitiv dazu, ist aber nicht übertrieben dargestellt. Die Zeichnungen sind abseits der Norm und alles andere als durchschnittlich.

Das Hardcover im Albenformat passt zum Inhalt und sowohl Front- als auch Backcover sind stimmig gewählt. Wer also auf klassische Thriller steht, Umgebungen mit einem leicht nostalgischen Flair mag und nicht immer ein Happy End braucht, ist hier genau richtig!

Dazu The Rattles mit Sha-La-La-La-Lee und ein Old Fashioned.

© der Abbildungen 2025 The Estate of Donald E. Westlake | Dupuis, 2025 | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Dufaux/Calderón– Das Haus Usher

Nach dem Werk von Edgar Allan Poe

Story: Jean Dufaux
Zeichnungen: 
Jaime Calderón

Originaltitel: La Maison Usher

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |72 Seiten | Farbe | 19,80 € | 
ISBN: 978-3-98721-441-7

Cover Das Haus Usher

Es ist immer wieder erstaunlich, dass manche Menschen aus einer Story, die mehrfach verfilmt worden ist, als Basis eines Konzeptalbums diente (zu Zeiten, als an CDs noch nicht zu denken war), und auch die eine oder andere Comicadaption beeinflusst hat, etwas Neues zaubern können! Jean Dufaux, wahrlich kein unbekannter Szenarist, traut sich (erfolgreich) dem Klassiker ein neues Gewand zu geben.

Nur ein kleiner Twist …

Irgendwie haben wir alle schon von der Geschichte gehört: ein etwas verwirrter junger Mann kommt mit Gefühlen und Verlusten nicht wirklich klar. Auf ihm lasten Erwartungen eines Familiengeschlechts, der Verlust von gefühlten Sicherheiten und sexuelle Frustrationen. Gemäß dem Alter der Geschichte, die im Anhang übrigens als Original wiedergegeben ist, sind diese Themen allerdings etwas verbrämt, gerade letztere Komponente wird von Poe nur zaghaft angedeutet.

Das Haus Usher page 4

Dufaux, der in Werken wie Murena oder Djinn gezeigt hat, dass ihm diese menschliche Eigenschaft nicht fremd ist, geht das Ganze etwas anders an und gibt der im Original nur etwas ätherisch durch die Geschichte huschenden Schwester des Stammhalters eine deutlich aktivere Rolle. Und auch der Erzähler bekommt eine eigene Story, die ihn deutlich weniger unbeteiligt erscheinen lässt, ja, sogar die Frage nach einer schuldhaften Verwicklung stellt.

Zusätzlich wird der klassische Stoff etwas aufgepeppt und „Netflix“-tauglich gemacht. Es gibt eine Kutsche, die von einem extrem geheimnisvollen Kutscher geführt wird, Erscheinungen, die nicht allen sichtbar sind und sogar gewalttätige Untote. Das Grundprinzip bleibt aber erhalten, der Spannungsbogen stimmt noch immer und der leichte Twist hin zu einem nun expliziten Motiv passt definitiv! So lasse ich mir freie Adaptionen gefallen. Die Übersetzung ist im Übrigen sehr stimmig, nimmt sie doch die altertümliche Tonlage sehr gut auf!

Detail Das Haus Usher page 6

Realistische Bilder

Auch Jaime Calderón ist in Deutschland kein Unbekannter mehr. Seine realistischen Bilder, meistens mit einer sehr erdigen Palette gezeichnet, passen zur melancholischen und düsteren Stimmung des Werkes. Einige Bilder sind extrem gut gelungen, etwa die Umgebung des Landsitzes oder das Verschwimmen der Umgebung während des irren Klavierspiels. Auch die Figuren an sich sind sehr stimmig. Die dargestellten Emotionen sind deutlich und widerspruchsfrei, die Körperhaltungen dazu passend und dynamisch.

Leider wirken manche Panel nicht wie aus einem Guss. Es gibt die guten, detailreichen Hintergründe und die in sich stimmigen Figuren, es fehlt aber ein wenig die Verbindung zwischen beiden Ebenen. Zwar gibt es eine Art Schatten, der aber oft zu wenig detailliert ist. Außerdem sind die Outlines etwas zu dick. Aber, das ist ein Jammern auf hohem Niveau!

Das Haus Usher page 8

Gut gelungene, eigenständige Interpretation!

Das Haus Usher ist viel mehr als eine wiederholte Kopie des (vortrefflichen) Originals! Es wechselt nicht nur die Perspektive, es setzt auch andere Schwerpunkte. Damit gibt es dem eigentlichen Opfer endlich mehr Raum und macht die Tätereigenschaften der anderen deutlicher. Das ist sehr gelungen! Dafür verzeihe ich auch gerne die Untoten, die zwar nicht stören, die aber auch nicht hätten sein müssen. Ich verstehe, dass heutzutage andere Reize gesetzt werden müssen und hier sind sie durchaus verträglich hinzugefügt worden.

Das Splitter-typische Format bringt die Zeichnungen sehr gut zur Geltung, die originale Geschichte im Anhang ist zudem mit nicht kolorierten Details aus dem Comic illustriert. Für Fans des klassischen Horrors (oder Grusels), die für Adaptionen offen sind, ein sicherer Tipp! Für die junge Generation auf jeden Fall eine Anregung, sich auch auf „Standbilder“ einzulassen.

Dazu passen natürlich Alan Parsons Project mit ihren sehr eigenwilligen „Tales Of Mystery And Imagination Edgar Allan Poe“ und ein schwerer Bordeaux!

© der Abbildungen Editions Delcourt – 2023 by Jean Dufaux and Jaime Calderón | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Niles/Wrightson/Jones – Frankenstein Alive, Alive!

Die Gesamtausgabe

Story: Steve Niles
Zeichnungen: 
Bernie Wrightson, Kelly Jones

Originaltitel: Frankenstein Alive, Alive – The Complete Collection

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |104 Seiten | Farbe | 25,00 € | 
ISBN: 978-3-98721-252-9

Cover Frankenstein Alive Alive!

Es gibt einige Klassiker, von denen man nicht genug bekommen kann. Dazu gehören für mich auf jeden Fall einige Werke der Schauerromantik. Mary Shelley hat mit Frankenstein einen Roman geschrieben, der Fragen nach wissenschaftlicher Ethik, Verantwortung, aber auch über Rassismus und die Ausgrenzung des Andersartigen stellt. Steve Niles und Bernie Wrightson haben diese Themen aufgenommen.

Das Monster lebt!

Frankensteins Kreatur wollte ihre letzte Ruhe im ewigen Eis finden. Tatsächlich aber ist der belebte Körper unsterblich, eine Ruhe ist ihm genauso wenig gegönnt wie eine Flucht vor der Scham, Menschen umgebracht zu haben. Die Getöteten verfolgen das Wesen, das mehrere Versuche unternimmt, seine Existenz zu beenden – vergeblich! Und so führt es ein Leben als Frank, eine monströse Zirkusattraktion.

Dabei schien zwischendurch alles gut zu werden. Dr. Ingles, ein etwas verschrobener Wissenschaftler hatte das Wesen aufgenommen und über Jahre in seiner Bibliothek mit Bildung versorgt. Er schien keine Berührungsängste oder Vorbehalte zu haben und Frank begann sich als gleichberechtigtes Wesen, ja, fast als Mensch zu fühlen.

Frankenstein Alive Alive! page 7

Doch dann wurde er nicht nur von anderen Menschen wahrgenommen, er machte auch eine Entdeckung, die ihn zu einer Entscheidung zwingen sollte. Niles und Wrightson führen die Geschichte von Frankensteins Monster weiter und arbeiten an den gleichen Fragestellungen, die schon Shelley aufgeworfen hatte. Leider entwickelt sich die Menschheit oft nur technologisch weiter, Menschlichkeit scheint ein rares Gut zu sein.

Der Großmeister des Horrorcomics

Bernie Wrightson wird nicht zu Unrecht als der Großmeister des Horrorcomics bezeichnet. Seine im Mainstream vielleicht bekannteste Figur ist Swamp Thing, die Kreatur aus dem DC Universum, die immer mal wieder ökologische Themen einbringt. Frankenstein Alive, Alive! besticht durch die Akribie der schwarz-weißen Zeichnungen. Diese Technik hatte er während der Warren-Zeit vervollkommnen können.

Dieses Werk ist seine letzte Arbeit! Während er die ersten drei Teile hatte fertigstellen können, konnte er für den abschließenden Teil nur Entwürfe und Seiteneinteilungen machen. Diese wurden von Kelley Jones, dem Zeichner des dunkelsten Batman aller Zeiten, im gleichen Stil vollendet. Der Anhang enthält die Skizzen und Entwürfe und erlaubt daher festzustellen, welche Anteile von welchem Künstler stammen.

Frankenstein Alive Alive! page 8

Notwendiger Bestandteil jeder Horror-Comic-Sammlung

Natürlich sind Horror-Comics nicht jedermanns Sache. Zumal es eine ganze Reihe an unterschiedlichen Stilen gibt (vgl. die Übersicht bei Blees). Die Schauerromantik und die damit eng verknüpften Vampir-Geschichten reichen aber noch darüber hinaus. Wer sich für dafür begeistern kann, sollte hier auf jeden Fall zuschlagen! Nicht nur sind die Zeichnungen genial, auch die Story enthält genau die richtige Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und bitterer Realität!

Die Ausgabe enthält neben der kompletten Geschichte ein sehr persönliches Vorwort des Autors, der an die gemeinsame Zeit mit dem 2017 verstorbenen Zeichner erinnert, und den bereits angesprochenen Anhang, der deutlich macht, wie die Seiten von Wrightson entstanden sind! Dazu kommt dann noch ein wunderschön geprägtes Cover.

Detail Frankenstein Alive Alive! page 11

Dazu passen The Misfits, etwa mit „Saturday Night“, und ein Bordeaux!

© der Abbildungen Bernie Wrightson, IDW Publishing | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2024

Crepax – Dr. Jekyll und Mr. Hyde

und Der Prozess, Die Drehung der Schraube & Frankenstein

Story: Robert Louis Stevenson, Mary Shelley, Franz Kafka, Henry James, Guido Crepax
Zeichnungen: Guido Crepax

Originaltitel: Dr Jekyll e Mr. Hyde …

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 280 Seiten | Farbe | 55,00 € | 
ISBN: 978-3-98721-315-1

Cover Crepax - Jekyll & Hyde

Nachdem der Splitter-Verlag schon Dracula in der Version von Guido Crepax veröffentlicht hatte, folgen nun weitere Werke der Weltliteratur. Der Italiener hat durchaus das eine oder andere sehr explizite Werk verfasst, Seine Interpretationen der Klassiker erscheinen zwar in dem Sublabel Splitternackt, sind aber definitiv nicht so gewagt, dass sie unter den Ladentisch gehören würden.

Ein Horror-Mix

Alle Romane/Erzählungen dieses Bandes drehen sich um die Frage, wer oder was der Mensch sein möchte oder sein sollte. Dieser psychologische Konflikt hat schon manchen in die Verzweiflung getrieben und ernährt eine ganze Berufssparte. Dr. Jekyll & Mr. Hyde ist die wohl bekannteste dieser Geschichten. Der reiche, gutaussehende Dr. Jekyll hält es nicht mehr aus, brav zu sein und den Erwartungen an ihn zu entsprechen und entwickelt eine Methode, sein „gutes“ von seinem „bösen“ Ich zu spalten.

Franz Kafkas Beitrag zur Weltliteratur ist eine Sammlung auch heute noch verstörender Geschichten. In Der Prozess wird der Protagonist verhaftet, niemand kann oder will ihm aber sagen, warum das geschehen ist. Im Laufe der Zeit verliert die Wahrheit resp. die Realität komplett an Bedeutung. Frankenstein ist dagegen zwar dem Namen nach bekannt, die meisten verwechseln aber das erschaffene Wesen mit seinem Schöpfer. Crepax bleibt sehr dicht an der Vorlage und beschreibt Angst, Hoffnungslosigkeit und Rache.

Crepax - Jekyll & Hyde page 11

Die Drehung der Schraube ist eine Adaption eines Romanes von Henry James der wiederum Anleihen bei Hans-Christian Andersen getätigt hat. Sie ist modern als sie versucht, pädagogische Prinzipien zu diskutieren, und auch, indem sie sexuelle Übergriffigkeiten als solche thematisiert. Sie hilft damit den Objekten zu Subjekten zu werden.

Die Kunst der einzelnen Striche

Es handelt sich hier um Werke aus der letzten Phase des Zeichners. Die Möglichkeit in Magazinen vorveröffentlichen zu können war vorbei, für eine Albenveröffentlichung mussten die Stoffe gesellschaftsfähiger werden. Noch vor dem Hype der Graphic Novels waren Umsetzungen der Klassiker ein Weg, die Buchhandlungen zu erreichen.

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Crepax bleibt allerdings seinem Stil treu: Frauen, die nicht wenigstens einmal im Laufe der Geschichte eine erotische Pose einnehmen, sind bei ihm nicht vorgesehen. Seine Zeichnungen verlassen oft das „Gerüst“ eines typischen Comics und verquicken einzelnen Bilder zu einem Gesamtbild, wechseln Leserichtung und Anordnung und fordern dadurch die Leser*innen heraus. Sein klarer Strich und das Auge für die Komposition machen das zu einem Genuss!

Mehr als Kunst

Man mag die Frage stellen, ob es opportun ist, Werke von alten weißen Männern neu aufzulegen. Diese Frage müsste aber an die gesamte Kunst gestellt werden, tradieren doch fast alle Werke das typischerweise von Rassismus, Sexismus und Gewalt geprägte Verständnis ihrer Zeit. Hier ist es nicht anders, allerdings stellt Crepax schon einige für seine Zeit moderne Fragen. Die Einordnung der einzelnen Werke wird jeweils durch einen mehrseitigen Artikel vorgenommen, der Werk, Hintergrund und Rezeption erläutert.

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Das Werk ist mit fast 300 Seiten ein echter Klopper, liegt allerdings trotzdem noch gut in der Hand. Die Zeichnungen profitieren von dem großen Format und das leicht glänzende Papier lässt trotz des schwarz-weißen Inhalts keine Durchscheinungen erkennen. Angemessen!

Dazu passen The Association mit ihrem „Along Comes Mary“ und ein Manhattan!

© der Abbildungen Guido Crepax, 1986, 1989, 1997, 1999 / Archivio Crepax e Guido Crepax, 2012 | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2024

Crepax – Dracula

Nach einem Roman von Bram Stoker

Story: Guido Crepax
Zeichnungen: 
Guido Crepax

Originaltitel: Conte Dracula

Splitter Verlag

Hardcover Überformat | 144 Seiten | Farbe | 35,00 € | 
ISBN: 978-3-98721-314-4

Cover Crepax Dracula

Comic_Leser*innen in Deutschland dürften – außerhalb von Walt Disney Titeln – im Wesentlichen drei Zeichner aus Italien bekannt sein: Hugo Pratt, Milo Manara und Guido Crepax. Letzterer ist hauptsächlich durch seine erotischen Werke bekannt. Seine Federzeichnungen sind aber auch geeignet, ganz andere Sujets darzustellen.

Grusel vom Feinsten

Die Geschichte über den mächtigsten Fürsten aller Vampire, Graf Dracula (im Original Conte Dracula) wurde schon oft erzählt. Meistens stehen dabei der Vampir selbst oder seine Jäger im Vordergrund. Crepax stellt dagegen die Opfer in das Zentrum seiner Adaption. Da wäre zunächst ein Mann, der immer mehr in eine Geisteskrankheit abrutscht. Er scheint Befriedigung darin zu finden, zu sehen, wie sich immer größere Tiere von kleineren ernähren und entwickelt eine teils sehr aggressive Verhaltensweise.

Des Weiteren wären da die weiblichen Protagonistinnen. Sie sind gezwungen, zuhause zu bleiben, während ihre Männer in spe in der Weltgeschichte unterwegs sind. Eigentümlicherweise werden sie immer stiller, zurückhaltender, blutärmer. Gleichzeitig haben sie aber erotische Träume und wachen des Morgens wie ausgezehrt auf.

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In einer Parallelhandlung wird erzählt, basierend auf dem Tagebuch des jungen Harker, wie Dracula selbst und seine Gespielinnen dem jungen Mann zugesetzt haben. Dem Vampir ist es schließlich gelungen, Transsylvanien zu verlassen und Nester in England zu gründen. Natürlich bleibt die große Frage, ob es gelingen kann, seinem Treiben Einhalt zu gebieten.

Meisterhafte dynamische Strichführung

Die Zeichnungen von Guido Crepax sind außergewöhnlich. Einerseits treibt er die Handlung voran mit Bildern, in denen die Striche wie dahingeworfen erscheinen und eine Hektik ausdrücken. Andererseits kann er aber auch verweilen und scheinbar das tiefste Detail ausloten wollen. Diese Momente sind den orgiastischen Szenen inne, aber auch den Charakterstudien der Hauptfiguren. Die Details kommen dabei aus Schraffuren und dem Spiel zwischen Hell und Dunkel! Das Layout ist dabei an keine Grenzen gebunden.

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Diese Optik passt perfekt zur Schauerromantik, die dem Ganzen zu Grunde liegt. Der Vampir, der das Dunkle braucht, dessen Auswirkungen aber das Helle vernichten, ist eine perfekte Aufgabe für eine schwarz-weiße Umsetzung. Der feine Federstrich von Crepax erlaubt es dabei, sowohl Körper als auch Kleidung sehr genau wiederzugeben und doch der Fantasie noch Raum zu lassen.

Atemberaubend

Viele Comics mit dem Label erotisch oder sinnlich sind weder das eine noch das andere und zeigen nur viel nackte Haut. Crepax versteht es jedoch, die sinnliche Komponente der Geschichte von Bram Stoker aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen und die Gefahr der Besessenheit bzw. der völligen Hingabe zu verbildlichen. Dabei verlässt er den Bereich des Guten Geschmacks nicht!

Wer Schauerromantik gerne liest, wird sich hier wohlfühlen. Auch Leser*innen von Young Adult Themen sollten einen Blick auf diesen Klassiker werfen. Das Werk von Crepax wird in Deutschland gerade wiederentdeckt, etwa beim avant-Verlag. Auch bei Splitter sind weitere Bände angekündigt. Hingewiesen sei auch noch auf die Einführung von Gianni Guadalupi!

Crepax Dracula page 15

Dazu passen Good Feelins mit ihrem „Shattered“ und ein Elephant Gin!

© der Abbildungen Guido Crepax, 1983 / Archivio Crepax and Guido Crepax, 2012 | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2023

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