Jahresrückblick 2025 – Die besten Comics

Und wieder: Die besten Titel des Jahres und ein wenig mehr

Was für ein Jahr: Kriege laufen weiter und Bewohner*innen, die Natur und die weltweite Stimmung leiden darunter. Es scheint fast so, als ob wir uns im vorletzten Teil einer Serie befinden würde, in der alles auf den abschließenden Kampf „Gut“ gegen „Böse“ hinausläuft. Leider auch mit dem üblichen Twist, dass bisher für „Gut“ gehaltene Spieler plötzlich die Seite wechseln. Nun ja, aufgeben gilt nicht.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass ChatGPT auf den Markt kam. Die Ausmaße der disruptiven Wirkung auf das gesamte Publishing sind noch nicht abzusehen, aber viele Kreative und Verlage mussten bereits feststellen, dass Ignoranz in diesem Falle nicht weiterhilft. Auch hier bleibt es spannend.

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Viele Leser*innen dieser Seite gehören der Generation der Boomer an. Während sich damit einerseits die Rente schon als Lebenswahrheit darstellt oder zumindest innerhalb der nächsten fünf Jahre darstellen wird, sterben immer mehr „alte Bekannte“ aus Kunst und Politik, die unsere Jugend geprägt haben. Wie gut, dass es wenigstens immer wieder Neu-Veröffentlichungen von Klassikern gibt…

Ein wenig Eigenlob muss sein: Mehr als 110.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel stellen ein Wachstum von 10% gegenüber dem letzten Jahr dar. VIELEN DANK! Wie immer freue ich mich über Feedback und Kritik. Ich werde allerdings nicht aufhören, zu gendern. Das Ergebnis meiner Tätigkeiten war auch in diesem Jahr wieder in diversen Ausgaben des ZACK, im ZACK-Sonderheft und in der Sprechblase zu lesen. Übersetzungen fanden sich in den (sehr empfehlenswerten) Integralen von Sammy & Jack und der Zentauren (nur redaktioneller Teil) sowie bei der deutschen Ausgabe von Nicky Saxx.

Die besten Comics

Nun aber zu meiner ganz persönlichen Auswahl der Top-Titel des Jahres. Viele andere Titel sind trotzdem empfehlenswert. Es lohnt sich also immer noch, in die einzelnen Besprechungen zu schauen.

Der beste Comic des Jahres ist eine ganz alte Kamelle (wie war das mit den prägenden Einflüssen der Jugend?): Der erste Band von Sgt. Kirk von Héctor Oesterheld und Hugo Pratt. Der Western in schwarz-weiß vereinbart Kritik an den herrschenden Verhältnissen und dem Status Quo, Humor, Absurditäten, Spannung und eine herausragende Behandlung des doch wieder häufig vertretenen Genres. Zudem sind die reduzierten Zeichnungen von Pratt oftmals genial, nie aber schlecht.

Cover Sgt. Kirk 1

Platz 2 geht ebenfalls an einen Klassiker, allerdings einen junggebliebenen! Der 41. Asterix, Asterix in Lusitanien, vereint halbwegs zeitlos verpackte Anspielungen auf Politik und Zeitgeschehen, überspitze, aber sympathievolle Darstellungen der den Portugies*innen zugeschriebenen Eigenschaften und viel Humor. Während Didier Conrad mittlerweile so gefestigt ist, dass er eigene Akzente im Stil von Uderzo setzen kann, beweist Fabcaro in seinem zweiten Streich, dass die Wahl zu Recht auf ihn gefallen ist.

Und noch eine alte Kamelle: Auf Platz 3 kann sich ein alter Koralle-ZACK-Held platzieren: Häuptling Feuerauge kämpft mit allem und meistens verliert er. Die beiden ersten Jahre inklusive der Sonntagsseiten in einem Album. Leider hat sich der Band nicht so gut verkauft, dass eine Fortsetzung zu erwarten ist.

Platz 4 ist wieder eine Neuerscheinung, und zwar eine der wenigen, die mich komplett überzeugt haben: Habeamus Bastard ist eine Mischung aus Thriller, Noir und – trotz allem – Humor, ja, sogar Slapstick. Schwartzmann und Vallée zeigen, dass man auch in Zeiten des Streaming-Serien-Überflusses noch intelligente und neue Inhalte ohne bewegte Bilder erzeugen kann.

Platz 5 geht an einen Comic, der in Deutschland noch gar nicht erschienen ist, möglicherweise auch nie erscheinen wird. Die Amoras-Saga ist mittlerweile bei ihrer dritten Serie angekommen: De Helden van Amoras konzentrieren sich wieder mehr auf Suske und Wiske und ihr Verhältnis zueinander. Das Cover sorgte für Herzanfälle und Verzweiflung, zeigte es die Beiden doch bei einem innigen Kuss. Natürlich ist alles ganz anders, aber das wäre ein Spoiler.

Die besten Graphic Novels

Bitte verzeiht mir die etwas willkürliche Trennung zwischen Comics, Graphic Novels und Gesamtausgaben. Ich habe die für mich passendste Zuordnung getroffen, bin mir aber bewusst, dass man das auch ganz anders machen könnte.

Platz 1 geht in diesem Jahr an einen deutschen Titel: Rude Girl von Birgit Weyhe. Ja, ich weiß, dass er eigentlich in 2024 gehört, er ist aber nun Mal erst in 2025 bei mir aufgeschlagen und ich möchte ihn keineswegs unterschlagen. Es geht um eine Migrantin aus der Karibik, die ihre Jugend in den USA verbringt. Äußere Zwänge, traditionelle Erwartungen und rassistische Alltäglichkeiten bestimmen ihr Leben, bis sie sich zu einem Leben als Rude Girl entscheidet. Die Skinhead- und Punk-Subkultur gibt ihr Halt und lässt ihr Raum für ihre eigene Entwicklung. Auf einer Metaebene geht es darum, ob und wie eine Weiße das Leben einer Migrantin beschreiben kann und darf.

Cover Weyhe - Rude Girl

Platz 2 geht an einen Spätwestern. Wiedersehen mit Comanche von Romain Renard ist einerseits eine Weiterführung der von Greg und Hermann entwickelten innovativen Westernserie Comanche über einen ehemaligen Revolverhelden der geläutert auf einer Farm hilft. Dabei verliebte er sich in die Farmbesitzerin und tötet schließlich einen extrem grausamen Gangster. Da dieser bereits entwaffnet war, musste der Held fliehen. Nun wird er Jahrzehnte später aufgespürt und soll einer Autorin Auskunft über das vergangene Zeitalter geben. Selten habe ich eine gleichzeitig so schonungslose Abrechnung mit den alten Träumen wie sorgsame Annäherung an komplexe Persönlichkeiten gelesen. Die in Grautönen gehaltene Geschichte passt in die literarische Tradition der gesellschaftlichen Dekonstruktion der Mittelklasse, spielt allerdings in etwas früherer Zeit als üblich.

Platz 3 ist eine Mischung aus Horror und Antikriegsballade und spielt während des Ersten Weltkrieges. Die Ballade vom Soldaten Odawaa erzählt von den Schrecken des Krieges und der psychologischen Kriegsführung. Sie zeigt einen in einer kanadischen Einheit kämpfenden Indianer, der sich fast unbemerkt in Stellungen bringen kann, die es ihm erlauben zu töten. Christian Rossi zeigt in düsteren Bildern den Schrecken auf beiden Seiten der Frontlinie, Cédric Apikian hat sich von tatsächlichen Begebenheiten zu dieser Story inspirieren lassen.

Die besten Gesamtausgaben

Auch bei den Gesamtausgaben stehen eher ältere Serien im Vordergrund. Die beste GA des Jahres ist aber eine aktuelle Geschichte, die in den letzten drei Jahren im ZACK vorabgedruckt worden war: Das Mädchen von der Weltausstellung verknüpft historische Fakten mit einer Soap-Geschichte. Ursprünglich auf fünf Bände angelegt, konnten nur drei erscheinen bevor der Zeichner verstarb. Sie nehmen jeweils eine der Weltausstellungen in Paris zum Anlass, das Leben von Sophie Kleinnagel zu schildern. Sie lebt in einem Wohnwagen von der Wahrsagerei und gerät jeweils in eine Kriminalgeschichte. Zudem ändern sich die Beziehungen ihrer Mitmenschen zu ihr, entwickelt sie sie doch vom kleinen Kind zu einer jungen Frau, die Begehrlichkeiten weckt.

Cover Mädchen von der Weltausstellung Gesamtausgabe

Platz 2 und 3 kommen aus dem gleichen Verlag. Der Taschen-Verlag hat sich in den letzten Jahren zu einem Spezialisten für XXL-formatige Wiederveröffentlichungen von Klassikern der Comic-Geschichte entwickelt. Zunächst wäre da Band 1 der EC Comics Library mit dem ersten Band der Weird Science Ausgaben von 1950 -1952. Science-Fiction Stories mit grandiosem Artwork und einem typischen Twist in der Geschichte, der sie zu zeitlosen Perlen macht. Ein Coffee-table-book der Extraklasse. Man sollte dem Besuch allerdings nicht erlauben, sich darin zu vertiefen, denn dann ist es aus mit der Verabredung.

Das gleiche Format und Prinzip der sorgfältigen Reproduktion der klassischen Veröffentlichung wurde auch bei der Disney Comics Library angewendet. Der erste Band von Carl Barks’s Donald Duck präsentiert Schätze aus Four Color Comics zwischen 1942 und 1950. Natürlich kennen wir diese Geschichten, haben sie möglicherweise sogar schon mehrfach zu Hause, aber meistens in der deutschen Übersetzung und nicht im Original. Dieses bietet aber einen deutlich anderen Lesegenuss als die auf deutsche Bildungsbürger ausgerichtete Qualitätsarbeit von Erika Fuchs und ihren Adepten. Beide Bände sind übrigens auf den Quadratzentimeter umgerechnet echte Schnäppchen, haben aber ihren Preis. Trotzdem sind sie ihn wert!

Die besten Sekundärwerke

In jedem Jahr vertreten, dieses Jahr mal wieder auf Platz 1: Die Reddition hat – wohl zum letzten Mal – zwei Ausgaben in einem Jahr geschafft: Während es in der ersten Jahreshälfte um Autos im Comic ging, widmete sich die Winterausgabe dem 2024 verstorbenen André Juillard. Dem Team um Volker Hamann gelingt es immer wieder, extrem detailreich zu informieren, ohne dabei in eine akademische Langatmigkeit zu verfallen. Die Artikel werden durch Illustrationen, Fotos und Listen sinnvoll ergänzt und sind ein Must-Have für alle, die sich tiefer mit ihrer Leidenschaft beschäftigen wollen. Für Abonnent*innen gibt es jeweils eine limitierte Beilage.

Zu Platz 2 gibt es leider keine Rezension, ich habe es nicht geschafft, diese Masse an Informationen, Statements und Wertungen in eine halbwegs überschaubare Besprechung zu packen. Trotzdem ist Black Comics von Alexander Braun erneut ein Meisterwerk! Der Autor bezieht klare Positionen, begründet sie aber sehr nachvollziehbar und füllt fast nebenbei die Seiten mit einer Masse von Informationen, die ihres Gleichen sucht. Egal ob Blackfacing, „Indianer-Debatte“, Superhelden, Gay & Porn oder graphic novel, alle Bereiche finden ihre Erwähnung. Wie immer sollte jede Veröffentlichung von Alexander Braun ihren Weg ins Regal finden. Wenn möglich, sollte man den Lesegenuss mit einem Besuch in den begleitenden Ausstellungen im schauraum in Dortmund kombinieren. Aktuell läuft dort eine Lucky Luke Ausstellung (natürlich ebenfalls mit einem Katalog).

Platz 3 geht an Deutschlands größtes Magazin für klassische Comics, die Sprechblase. Gerhard Förster hat mit der 250. Ausgabe noch einmal alles gegeben. Mittlerweile ist der Staffelstab an ein neues Team überreicht worden. Wie immer ist viel zu viel auf den Seiten untergebracht worden und für manche Abbildung wäre eine Lupe hilfreich. Aber genau diese Liebe zu den Details machte den Reiz der Förster-Ausgaben aus.

Die besten Magazine

Gibt es eine Überraschung in dieser Kategorie? Nein, nicht wirklich.

Platz 1 geht wie im Vorjahr an das ZACK. Das Magazin hat mittlerweile sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert (mit einer kleinen Unterbrechung) und ist in der aktuellen Form bei der Ausgabe 318 angekommen. Die Mischung aus traditionellen, runderneuerten Serien wie Michel Vaillant oder Rick Master und neuem Material wie etwa Rani oder Amoras ist auf dem deutschen Markt einzigartig. Die von euch meistgeklickte Nummer war die 310 aus dem April, Platz 5 der Jahrescharts! Das ZACK-Sonderheft hat sich mittlerweile ebenfalls etabliert und erscheint zweimal jährlich.

Totgesagte leben länger: Das ZEBRA hat zwar sein Erscheinen eingestellt, hat aber ein Ferien-Sonderheft herausgebracht. Diese Idee, an alte Traditionen anzuknüpfen und eine Rahmenhandlung um viele Absurditäten zu knüpfen gefällt! Die Zebras beweisen Jahr um Jahr, dass Independent auch ohne Sex und Superkräfte in Deutschland funktionieren kann. Platz 2 ist damit redlich verdient.

Für Platz 3 hat sich ein deutsches Eigengewächs qualifizieren können das ebenfalls in diesem Jahr Geburtstag gefeiert hat: Das mosaik hat nun 600 Ausgaben auf dem Buckel, die Zeitschrift gibt es seit 70 Jahren und die Helden, die drei Abrafaxe, werden 50. Empfohlen von der Stiftung Lesen bieten die Hefte nicht nur kindgerechte Stories mit viel historischem Hintergrund, sie haben auch immer einen redaktionellen Teil mit erläuternden Artikeln, Spielen, Experimenten und Kochrezepten. Der Inhalt kann aber auch von Erwachsenen mit einem etwas anderen Verständnis gelesen werden. Zu Recht eines der erfolgreichsten Comicprojekte hierzulande!

Und dann ist da noch …

Der Tradition dieser Rückblicke folgend fehlt noch eine besondere Erwähnung. Diese geht in diesem Jahr nicht an den neuen Trend der Erotik-Comics, obwohl es durchaus bemerkenswert ist, was man heutzutage öffentlich verkaufen kann. Noch vor wenigen Jahren wären Indizierungen und Prozesse gefolgt.

Ich möchte vielmehr auf einen Klassiker hinweisen, der nun wieder erhältlich ist: Section R  von Raymond Reding. Damals im Koralle-ZACK waren einige Geschichten abgedruckt worden, allerdings nicht immer in der richtigen Reihenfolge. Die Albenveröffentlichung macht das jetzt besser. Die Stories handeln von einer Agentur mit zwei Partner*innen, die Missstände im Sport wie etwa Doping oder Wettbewerbsbetrügereien aufdecken. Der Geist der 60-er bestimmt die Zeichnungen und das Tempo, die Inhalte sind leider immer noch aktuell.

Cover Section R 1

Eure Lieblinge

Zum Schluss wie üblich die Charts der Zugriffe:

Ganz oben steht Hägar. Der Beitrag aus dem Jahr 2022 hat auch in 2025 die meisten Leser*innen angezogen.

Cover Hägar Gesamtausgabe 1973

Platz 2 geht an den Rückblick auf 2024. Die Jahreszusammenfassung gibt eine gewichtete, persönliche Empfehlung.

2025 war wieder ein Asterix-Jahr. Die begleitende Berichterstattung erhielt über das ganze Jahr die drittmeisten Zugriffe.

Auf Platz 4 folgt der erste Erotiktitel: Thrax von Trif verknüpft eine Geschichte aus dem alten Rom noch expliziter mit sexuellen Handlungen als üblich, hat aber trotzdem noch eine sehr komplexe Handlung. Auf Platz 5 dann das beste ZACK: die Nummer 310. Fast alle Ausgaben sind hoch platziert, werden aber nicht einzeln aufgeführt.

Auf den Plätzen 6 bis 10 folgen Der fünfte Band des Sammy und Jack Integrals, Band 3 der neuen Minimenschen Gesamtausgabe, der zweite Band der Djinn Sammelbände, Sgt. Kirk und Band 12 der zweiten Staffel von Michel Vaillant.

Wie immer also eine bunte Mischung. Für das kommende Jahr wünscht comix-online allen Leserinnen und Lesern einen guten Start, viel Erfolg und Gesundheit. Hoffentlich bleibt uns die Hoffnung auf eine friedliche, gerechte und erhaltenswerte Zukunft erhalten!

© der Abbildungen bei den jeweiligen Zeichner*innen und Verlagen

Irene G./Carol – In Vino Veritas

Ein berauschter Abend

Story: Irene G.

Zeichnungen:  Manolo Carol

Originaltitel: In Vino Veritas

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |72 Seiten | s/w | 19,80 € | ISBN: 978-3-68950-159-4

Für Erwachsene

Cover in vino veritas

In der Splitter-Sub-Reihe Splitternackt erscheinen mehr oder weniger explizite, teils klassische Exemplare der Gattung erotischer Comic. In Zeiten von Inflation, Konsumflaute und sich verändernden Medien-Gewohnheiten muss man als Verlag jede Möglichkeit des Geldverdienens mitnehmen. Dementsprechend sind vergleichbare Produkte aktuell bei vielen Verlagen anzutreffen.

Die magische Wirkung des Alkohols

Es ist Silvesterabend; sechs Menschen feiern zusammen, der Alkohol hat sie bereits gelockert und auch vielleicht ein wenig unvorsichtig gemacht, „In Vino veritas“ eben. Plötzlich wird ein Spiel vorgeschlagen: Jede*r möge ihr/sein geheimstes sexuelles Abenteuer preisgeben. Dieses Spiel benötigt Intimität und Vertrauen, nicht alle möchten ihre Geheimnisse allen anvertrauen und tatsächlich sind die Reaktionen auf die Erzählungen auch sehr unterschiedlich.

Während einige alles einfach hinnehmen, sparen andere nicht mit Kritik, ja, sogar mit Verachtung. Ein Pärchen muss plötzlich erkennen, dass es doch nicht alles voneinander wusste und ein bravourös vor sich her getragenes Selbstvertrauen wird auf einmal zu einer in sich zusammenbrechenden Schutzmaske. Diese Punkte arbeitet Irene G. in ihrem Szenario nachvollziehbar heraus.

in vino veritas page 3

Die Erlebnisse selbst sind dagegen wortlos dargestellt. Die stattfindende Kommunikation wird durch Emojis und Symbole ersetzt und damit auch ein Stück weit entemotionalisiert.

Zwei verschiedene Stilrichtungen

Manolo Carol, im wahren Leben Ehemann der Texterin, separiert das Geschehen am Tisch von den Erzählungen durch zwei unterschiedliche Stilrichtungen. Während die Zeichnungen mit der Gesprächsrunde an Werbeillustrationen aus den 50-ern erinnern, sind die Geschichten hyper-realistisch, allerdings mit knalligen Farben entfremdet.

Detail in vino veritas page 6

Während viele Comics aus dieser Reihe es durchaus verstehen, Erotik darzustellen, geht es hier nur um Sex. Wer so etwas mag, wird hier abgeholt. Alle anderen sollten lieber zu Werken von Trif, Di Caro oder teilweise auch Manara greifen.

Speziell!

Dieser Band der Reihe ist nicht für alle geeignet, wird aber mit Sicherheit auch seine Käufer finden. Und: Obwohl es (natürlich) auch um Macht geht, ist diese hier nicht rein männlich definiert.

in vino veritas page 4

Dazu passen Nina Hagen mit „Unbeschreiblich weiblich“ und ein Barolo!

© der Abbildungen Manolo Carol, Dynamite | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Renard – Wiedersehen mit Comanche

Oder: Der Fluch der bösen Tat

Story: Romain Renard (nach dem Werk von Greg & Hermann)

Zeichnungen: Romain Renard

Originaltitel: Revoir Comanche

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |152 Seiten | s/w | 35,00 € | 
ISBN: 978-3-68950-134-1

Cover Wiedersehen mit Comanche

Im Koralle-Zack waren soweit möglich in jedem Heft verschiedene Themenfelder besetzt, um ein möglichst großes Spektrum verbindlich bedienen zu können. Dazu zählte natürlich auch der Western-Comic. Es gab dabei sowohl humorige Serien wie etwa Lucky Luke oder Umpah-Pah als auch die eher realistische Sorte, etwa mit Caine oder Hondo/Ringo. Wirklich im Gedächtnis geblieben sind aus diesem Segment sowohl die Geschichten mit Blueberry als auch diejenigen mit Red Dust, die unter dem Titel Comanche erschienen sind. Beide waren auf ihrem Gebiet stilprägend für das Genre.

Die Rückkehr

Red Dust begann in der von Greg und Hermann produzierten Serie als Killer mit einem Auftrag. Er entschloss sich jedoch, die Seiten zu wechseln und auf der 666-Ranch von Comanche neu anzufangen. Das Personal war sehr divers: angeführt von einer Frau arbeiteten auf der Ranch ein alter Mann, ein Farbiger, ein Mitglied der First Nations, ein Greenhorn und eben der ehemalige Killer um die kleine Farm gegen alle Widerstände, insbesondere von den großen Farmern, über die Runden zu bringen. Es gab eine Szene, die zuvor noch nie in einem Jugendmagazin gezeigt worden war: Dust erschießt einen brutalen Mörder, obwohl dieser bereits wehrlos ist. Das beendet zwar die Gefahr für die ganze Gegend, macht den Schützen aber zu einem ebenfalls gesuchten Kriminellen.

Wiedersehen mit Comanche page 4

Das Wiedersehen mit Comanche setzt Jahrzehnte später ein. Eine junge, hochschwangere Frau taucht vor einer abgelegenen Hütte auf und behauptet, dass der ihr öffnende ältere Mann eben jener Red Dust sei. Sie möchte ihn überreden, ihr seine Geschichte zu erzählen und sie auf der Fahrt zur 666 begleiten. Tatsächlich lässt sich der Held der Vergangenheit schließlich darauf ein. Da er jedoch in einigen Staaten immer noch gesucht wird, müssen die Reisenden einige Umwege in Kauf nehmen.

Renard hat in Wiedersehen ein Geflecht aus Hinweisen auf die alte Serie, mögliche Weiterentwicklungen und die Jetztzeit der Geschichte, also den Anfang des letzten Jahrhunderts, erschaffen. Die junge Frau und der mürrische alte Cowboy nähern sich langsam aneinander an, geben aber ihre Deckung nur in sehr kleinen Häppchen auf. So entsteht eine sehr glaubwürdige Geschichte, die die Schicksale fast aller ehemaligen Mitstreiter*innen integriert. Und jede*r weiß beim Lesen, dass noch irgendetwas kommen muss. Dieser leichte Horror wird immer stärker, kommt dann aber doch überraschend! Mehr sei nicht verraten.

Wiedersehen mit Comanche page 6

Zeichnungen mit einer hohen Intensität

Wer hier knallbunte Farben erwartet, wird enttäuscht sein. Renard verwendet nur Weiß, Schwarz, und alle dazwischenliegenden Abstufungen. Dadurch gelingen intensive Seiten wie etwa die 81, die den erstmaligen Genuss eines Kinofilms zeigen. Dazu bedarf Renard keiner Worte, die Zeichnungen sind genug! Immer wieder wechselt er von der Zeichnung in einem Panel zu großflächigen, seitenfüllenden Illustrationen, oftmals um die Natur als Akteur zu zeigen.

Renard spart nicht mit Kritik an den Errungenschaften der Moderne, etwa an der übermäßigen Nutzung der Böden, die sie verwüsten lässt. Er zeigt aber in dem Gegensatz des alten Raubeins und der jungen Schwangeren auch die positiven Seiten der Entwicklung auf. Ein Thema dabei ist „Freiheit“, die auf viele unterschiedliche Arten definiert werden kann. Der Einfluss der Tragödie ist hier keinesfalls zu übersehen und auch die Romantik, die durch die Zeichnungen noch verstärkt wird, ordnet sich ihr unter.

Wiedersehen mit Comanche page 8

Eine ganz besondere Fortführung!

Viele klassische frankobelgische Serien wurden im Laufe der letzten Jahre neu gestartet oder fortgesetzt. Einige davon haben einfach ein neues Setting bekommen, die Beteiligten aber nicht wirklich altern lassen. Andere haben zwar Weiterentwicklungen angestoßen, die Zeit jedoch nur unwesentlich weitergedreht. Hier hat Renard einen radikalen Schnitt gewagt, Jahrzehnte im Leben der Figuren übersprungen und ist kurz vor dem Lebensende wieder gelandet.

Detail Wiedersehen mit Comanche page 9

Dieser Mut zahlt sich aus: die Protagonisten weisen alle ein glaubwürdiges Schicksal auf, ihre Linien haben sich teilweise getrennt, teilweise aber auch gekreuzt und vieles, was hätte gesagt werden können, ist (leider) unterblieben. Trotzdem geht es hier nicht um ein Kaffeekränzchen: Es gibt genügend Tote und nur selten erfolgen sie aufgrund von Alter oder Krankheit. Allerdings wollen die Fäuste nicht mehr wie früher. Ein Top-Tipp für alle Leser*innen der Originalserie und für Fans von Kevin Kostners Western!

Dazu passen Bob Dylan mit „A hard Rain’s a gonna fall“ (als Vertreter der mitgelieferten Playlist) und ein Whiskey!

© der Abbildungen Éditions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) 2024, by Romain Renard | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Pratt/Manara – Ein indianischer Sommer

Oder: Wie im Frieden ein blutiges Massaker entstehen kann …

Story: Hugo Pratt

Zeichnungen: Milo Manara

Originaltitel: Tutto ricominciò con un’estate indiana

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |176 Seiten | Farbe | 35,00 € | 
ISBN: 978-3-68950-062-7

Cover Pratt/Manara - Ein indianischer Sommer

Zwei der italienischen Granden haben dieses Werk vereint erschaffen. Und tatsächlich finden sich die Besonderheiten von beiden Künstlern auch im Werk wieder. Während der eine gerne Absurditäten in die Handlung einbaut und über den bitterbösen Humor eine gewisse Distanz schafft, ist der andere bemüht, seine Körperdarstellungen in die Handlung einzubauen.

Die Folgen einer bösen Tat

Die Geschichte spielt in Massachusetts um 1625. Es gibt ein von Weißen bewohntes befestigtes Dorf, abseits davon eine Hütte, in der eine Ausgestoßene mit ihren Kindern lebt, und eine Siedlung von Angehörigen der First Nations. Eigentlich leben sie alle friedlich nebeneinander, sieht man mal davon ab, dass die bigotte Gesellschaft die alleinstehende Mutter zwar als Sexualobjekt nutzt, als Gesellschaftsmitglied aber nicht duldet. Es ist die Jahreszeit des Indianischen Sommers – warm, teilweise drückend schwül und die Natur explodiert geradezu. Zwei junge Krieger können sich nicht beherrschen und vergewaltigen ein Mädchen am Strand.

Sie werden dabei von einem der Söhne der Ausgestoßenen beobachtet, der daraufhin die beiden erschießt. Diese Szene wird fast wortlos über mehrere Seiten ausgebreitet und legt die Stimmung für den Rest der Geschichte fest. Nachdem der erste Punkt gesetzt wurde, folgt alles andere quasi automatisch. Jeder versteht die Beweggründe für den jeweils letzten Schritt, kann aber nicht anders, als weiterzugehen. Und so passiert, was schließlich zu einer Orgie der Gewalt führen wird.:

Pratt/Manara - Ein indianischer Sommer page 3

Der Tod soll gerächt werden. Bei dieser Rache sterben Menschen, die nun ihrerseits gerächt werden müssen, die Zahl der Beteiligten steigt und somit auch die der Toten und binnen eines einzigen Tages ist die friedliche Koexistenz einem Schlachtfeld gewichen. Nie wieder wird sich hier die Vergangenheit zurückholen lassen, es bleibt nur der Weiterzug, der aber auch die Emotionen mit sich trägt. Hugo Pratt zeichnet ein schonungsloses Bild der Abfolge der Stationen, versäumt aber nicht, immer wieder über die Sinnlosigkeit reflektieren zu lassen. Zudem äußert er starke Kritik an der Bigotterie vermeintlich strikt religiöser Gemeinschaften.

Rasant, dynamisch, gewalttätig

Die Zeichnungen von Milo Manara vereinen zwei nur scheinbar gegensätzliche Motive: Einerseits ist auch dieser Western von einer Körperlichkeit der weiblichen Figuren geprägt. Sie wirkt teilweise ein wenig aufgesetzt, ist aber das Markenzeichen von Milo Manara. Trotzdem muss man sich schon wundern, welche Aktivitäten wann und wo stattfinden bzw. stattgefunden haben sollen und trotzdem unbemerkt geblieben sind.

Pratt/Manara - Ein indianischer Sommer page 4

In Parallelität dazu gibt es unheimlich viel Gewalt. Diese wird zwischen Freunden wie Feinden ausgeübt und fast immer sind es Täter, nur selten Täterinnen. Die Motive sind so vielfältig wie die gezeigten Emotionen: Wut, Herrschsucht, Spaß an der Qual des anderen, aber auch die fatale Einsicht in die Sinnlosigkeit. Und diese Vielfalt wiederum macht einen großen Reiz des Bandes aus, gibt es doch wenige Künstler, die das mit wenigen Strichen so deutlich unterschiedlich ausdrücken können.

Ein Western der härteren Gangart

Fast glaubt man, in einem Italo-Western gelandet zu sein. Dafür fehlt allerdings der Antiheld. Auch hier gibt es zwar keine klassischen Held*innen, obwohl einigen Figuren im grafischen Nachwort eine Zukunft zugeschrieben wird. Hier rennt eine Geschichte wie am Faden gezogen ab und vernichtet alles, was vorher mühsam aufgebaut worden war. Nebenbei fallen allerdings auch ein paar Übeltäter.

Detail Pratt/Manara - Ein indianischer Sommer page 8

Die Ausgabe vereint die komplette Geschichte, ein Nachwort von Milo Manara und eine Vielzahl von Coverillustrationen aus verschiedenen Ländern und Zeiten sowie zusätzliche Aquarelle. Wie alle aktuellen Manara-Titel bei Splitter gibt es auch hier einen zusätzlichen Druck. Für Western-Fans als auch für ständige Leser*innen der Werke von Hugo Pratt und Manara geeignet.

Dazu passen The Adicts mit „Songs of Praise“ und ein Abteibier!

© der Abbildungen 1983 Cong S.A., Switzerland | 1983 Milo Manara | 2018 Casterman, Belgium | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Manara – Mann aus Papier

Ein humorvoller Western

Story: Milo Manara

Zeichnungen: Milo Manara

Originaltitel: L`Homme de Papier

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |56 Seiten | Farbe | 18,00 € | 
ISBN: 978-3-68950-063-4

Cover Manara Mann aus Papier

Man stelle sich folgende Situation vor: Ein Magazin ruft an und bestellt eine neue Serie. Glücklich beginnt man, drauf los zu fabulieren, versprüht einen ganz besonderen Humor, legt bereits viele Startpunkte für künftige Verwicklungen, … und dann wird die Fortsetzung gecancelt. Genau das ist die Geschichte hinter dem Mann aus Papier. Glücklicherweise konnte die erste Folge aber abgeschlossen werden und erlebet seit dem einen bunten Reigen an Veröffentlichungen. Diese Ausgabe kommt daher auch mit einem Anhang und einem zusätzlichen Druck!

Eine Reise mit Hindernissen

Eigentlich will der Held nur nach Norden, um seine Angebetete Gwendoline zu treffen. Schon auf der zweiten Seite taucht die erste Ablenkung auf, zudem eine schmerzhafte. Er trifft auf einen Engländer. Dieser will in der Uniform seines Vaters für Ruhm und Ehre kämpfen, muss allerdings schnell begreifen, dass er gegen eine Truppe mexikanischer Soldaten nichts ausrichten kann. Er übernimmt aber die Aufgabe, sich selbst und eine indianische Gefangene in Fort Laramie den Soldaten zu übergeben.

Da dieses Richtung Norden liegt, begleitet auch der einsame Reiter die Beiden. Schnell kommen die Drei ins Gespräch. Da er wegen einer Fotographie nach Norden möchte, wird er „Mann aus Papier“ getauft. Er selbst nennt die junge Frau, die eigentlich „Weißes Kaninchen“ heißt, „Hintern-im-Wind“. Schnell zeigt sich, dass ihre Reise unter keinem glücklichen Stern steht.

Manara Mann aus Papier page 3

Und so haben die Gefährt*innen nicht nur mit schlechtem Wetter zu kämpfen, auch ihre Moralvorstellungen unterscheiden sich. Zudem treffen sie auf weitere Menschen, die ihnen das Leben, oftmals ungewollt, schwer machen. Besonders herauszuheben ist dabei der herzensgute Priester, der bei Regen zu einem Berserker wird. Die Geschichte changiert zwischen teils deftigem, teils schwarzem Humor und typischen Western-Elementen.

Hervorragende Dynamik

Natürlich ist Milo Manara dafür bekannt, hübsche weibliche Figuren in nicht immer von ihnen gewollte, recht freizügige Geschichten zu versetzen und darzustellen. Auch in dieser Story stellt er Weißes Kaninchen beim Baden dar und deutet den Körper unter der Kleidung recht deutlich an. In Mann aus Papier steht aber die andere herausragende Eigenschaft von Manara im Vordergrund.

Manara Mann aus Papier page 4

Seine Darstellungen sind extrem dynamisch. Im Anhang werden ein paar unkolorierte Panel abgedruckt, die dieses noch deutlicher zeigen. Zudem sorgen seine Schraffuren, selbst im farbigen Zustand, für extreme Tiefe der Zeichnungen. Und: Kunst ist auch die Kunst des Weglassens! So sind zum Beispiel alle 4 Hufe des galoppierenden Pferdes vom Staub verdeckt. Während dadurch einerseits Bewegung „gezeigt“ wird, spart er sich andererseits die extrem anspruchsvollen Darstellungen.

Eine gute Ergänzung jeder Western-Comic-Sammlung!

Die typischen Käufer der Bände von Manara werden hier sicherlich ohne viel überlegen zu müssen zuschlagen. Die Geschichte ist im typischen Splitter-Hardcover wie immer gut aufgemacht. Dazu kommen aber ein Anhang mit einer kurzen Anmerkung des Künstlers und weiteren Zeichnungen. Zudem enthält der Band wie alle aktuellen Manara-Bände bei Splitter auch einen Kunstdruck!

Manara Mann aus Papier page 11

Aber auch die Fans des klassischen Western kommen bei diesem Band auf ihre Kosten! Die Geschichte des Lonesome Riders, die Darstellung der Mitglieder der First Nations und die typischen Militärs schaffen ein vertrautes Setting. Dieses wird aber durch den Humor komplett in Frage gestellt und dadurch neu zusammengebaut! Lesenswert!

Dazu passen The Frits und ein Herfstbok!

© der Abbildungen Milo Manara, 1999, Editions Glénat 1999 | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Diverse – Creepshow 1

Tales of Suspense and Horror!!

Story: Burnham, Dini, Lapham, …
Zeichnungen: 
Burnham, McCrea, Lapham, …

Originaltitel: Creepshow Vol. 1 (# 1 – 5)

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |128 Seiten | Farbe | 29,80 € | 
ISBN: 978-3-68950-078-8

Cover Creepshow 1

Für mich persönlich wird der Maßstab für ein Horror-Comic-Magazin immer noch von den Heften aus dem EC-Verlag gesetzt. Qualität der Zeichnungen, Twist der Plots und gesellschaftliche Relevanz der Stories im Verhältnis zum Unterhaltungswert waren damals neu, bleiben aber bis heute unübertroffen. Seitdem haben sich Maßstäbe verschoben, mehr kann gezeigt werden, ohne dass ein Skandal entsteht, aber ist das auch immer wünschenswert?

Das richtige für den beginnenden Herbst

Die Nächte werden wieder länger und kälter, die Blätter beginnen bereits zu fallen und erste Morgennebel steigen auf. Genau die richtige Jahreszeit also, um den Schrecken in die Wohnungen zu bringen. Was EC begonnen hatte, wurde von Warren fortgesetzt und schließlich von Stephen King und George A. Romero unter dem Namen Creepshow fortgeführt. Nun ist Creepshow zurück und präsentiert pro Ausgabe zwei Geschichten von Stars der amerikanischen Comic-Landschaft ganz unterschiedlicher Stilrichtungen. Dieser Band enthält die ersten fünf Hefte!

Creepshow 1 page 7

Gleich der Opener nimmt eine Tradition aufs Korn, die gruseliger kaum sein könnte: Halloween! Wer hat sich nicht schon über einige Kids geärgert, die gleich mit vollen Händen in die Schale greifen? Einer pro Nase zeigt die Folgen …. Ein weiteres Event, dass auf den Grusel setzt, sind Wrestling-Kämpfe. Viele Kämpfer*innen setzen auf möglichst furchteinflößende Kostüme und Masken; was aber, wenn diese eine Geschichte haben: La Mascara de la Muerte!

Weitere Themenbereiche sind die alles beherrschende Natur, Kindergeburtstage oder eine Referenz an das Bildnis des Dorian Gray. Anlesetipps sind meiner Meinung nach noch zwei weitere Highlights: Haar greift das Thema auf, ob Menschen beschließen dürfen, Leben zu beenden und Die Brücke zeigt die unglaubliche Ignoranz einiger heutiger Kids gegenüber Regeln des Anstands.

Erfrischend vielseitig

Da keine*r der ausgewählten Künstler*innen mehrfach dran darf, haben wir es mit zehn unterschiedlichen Herangehensweisen zu tun. Gleich vorweg sei angemerkt, dass das deutlich größere Format der Splitter-Ausgabe keine negativen Folgen hat, die Seiten von Chris Burnham, Jorge Corona und Dani profitieren sogar davon! Auch das gewählte etwas matte Papier passt zu dem Inhalt. Die Coverzeichnung von Burnham und Lucas ist nahezu perfekt und führt das Konzept des Erzählers sehr prägnant ein.

Creepshow 1 page 8

Das vielleicht einzige Manko dieser Ausgabe ist, dass wir nur in den Genuss eines Covers kommen. Wenigstens sind die Originale (in sehr kleiner Form) im Anhang wiedergegeben. Die Stilrichtungen der Zeichnungen geben einen Überblick über den aktuellen amerikanischen Mainstream von realistisch über leicht vereinfacht bis hin zu einem sehr nervösen Strich. Auch europäisch geschulte Augen sollten sich hier schnell eingewöhnen können.

Ein vielversprechender Auftakt

Da die Serie im Original unter dem image-Dach erscheint, bleibt zu hoffen, dass sie ein wenig Bestand haben wird und wir ebenfalls mehr davon zu sehen bekommen werden. Um zum Einleitungsstatement zurückzukommen: Wenn EC eine 10 wäre, so ist Creepshow eine gute 8,5 bis 9. Sie vereint Talente und Spitzenkräfte, die Stories haben Biss und überraschen teilweise durchaus und die Zeichnungen sind ebenfalls überdurchschnittlich.

Detail Creepshow 1 page 13

Das Konzept des Erzählers ist ebenfalls gut umgesetzt. Was vielleicht ein wenig fehlt, ist die Übernahme des generellen Tons in ein Heftkonzept mit Seiten für die Leser*innen und redaktionellen Einleitungen. Das gewählte Format ist aber ein akzeptabler Kompromiss und der Sammelband wird sich auf dem deutschen Markt mit Sicherheit besser durchsetzen als Heftchen. Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet also „Ja!“: Fans des Schauerlichen, des Erschreckenden, hier ist etwas, dass euren Durst nach gefrierenden Adern befriedigen wird!

Dazu passen der ebenfalls ein furioses Comeback feiernde Alice Cooper und eine Bloody Mary!

TM und © 2025 Evoke Entertainment Company, LLC | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Schwartzmann/Vallée – Habeamus Bastard 1

Das notwendige Übel

Story: Jacky Schwartzmann, Sylvain Vallée
Zeichnungen: 
Sylvain Vallée

Originaltitel: Habeamus Bastard – Tome 1 : L´Etre nécessaire

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |88 Seiten | Farbe | 22,00 € | 
ISBN: 978-3-96792-078-9

Cover Habeamus Bastard 1

Manchmal sind Zufälle überwältigend. Natürlich nimmt der Titel Bezug auf die Aussage des weißen Rauches als Ergebnis des Konklaves. Niemand hätte bei der Programmplanung wissen können, wie dicht dieses nicht alltägliche Ereignis und die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe beieinander liegen würden. Vielleicht sei vorausgeschickt, dass sehr gläubige Menschen diesen Titel nicht mögen werden.

Eine falsche Identität

Was tun, wenn man Mist gebaut hat? Insbesondere dann, wenn man als Folge davon ernsthafte Konsequenzen befürchten muss? Nun ja, untertauchen wäre nicht schlecht, in eine fremde Identität schlüpfen, Zeit gewinnen und in Ruhe einen vernünftigen Plan entwickeln. Lucien ist ein Vollstrecker. Er führt Aufträge aus und kümmert sich dabei nicht um irgendwelche Moral. Aber auch ihm können Zufälle dazwischenfunken.

Habeamus Bastard 1 page 3

Seine Tarnung wird die Soutane. Die Gläubigen in Saint-Claude erhalten die Chance, einen neuen Priester begrüßen zu dürfen. Viele Bezirke finden keine Nachfolger, zumindest keine, die von der Gemeinde einfach akzeptiert werden. Das ermöglicht Geschichten wie diese: ein „Seiteneinsteiger“ wird mit der Aufgabe betreut, niemand nimmt es mit der Überprüfung der Referenzen ernst, da man froh ist, überhaupt jemanden zu haben. Allerdings sollte der „Neue“ wenigstens ein rudimentäres Verständnis über die zukünftigen Aufgaben mitbringen.

Lucien hat weder die richtige Tonalität in der Sprache, die von der Straße geprägt ist, noch hat er das geringste Verständnis für Seelsorgerei. Aber er hat ein natürliches Verständnis von Fairness und er hat ein großes Bedürfnis nicht entdeckt zu werden. Und so muss er sich schon sehr schnell mit Korruption, Handwerkern, Drogen beschäftigen und lernen, eine Messe halbwegs unfallfrei über die Zeit zu bringen. Und dann wäre da noch der enttäuschte Gangster auf der Suche nach einer Person.

Habeamus Bastard 1 page 4

Dynamisch und voll von Satire

Sylvain Vallée, in Deutschland bekannt durch viele realistische Serien, etwa Gil St. André und Es war einmal in Frankreich, hat nicht nur zusammen mit Jacky Schwartzmann am Szenario gebastelt, sondern auch die entsprechenden Zeichnungen erstellt. Seine Figuren sehen oftmals aus wie von einem Karikaturisten gezeichnet: Sie tragen Emotionen im Gesicht und drücken Erfolg, Gemüt und Lebensphilosophie aus. Dadurch wird die Geschichte stark unterstützt.

Das Erzähltempo des Bandes ist sehr hoch, schnelle Sequenzen in einem filmischen Stil bringen Geschwindigkeit, und Soundwords entwickeln eine eigene Bewegung. Vor allem trifft das auf das wiederholte Geräusch des Presslufthammers zu der die Funktion des running gags übernimmt. Selten hat man einen so sympathischen Unsympathen gesehen: Verzweifelt und trotzdem zur aktiven Teilnahme gezwungen.

Habeamus Bastard 1 page 8

Erfrischend!

Ich hatte mich schon gefragt, warum Splitter das Wagnis eingeht, eine Luxusausgabe des Titels mit Variantcover und Kunstdruck herauszubringen. Zwar ist Vallée hierzulande bekannt, aber auch kein Superstar, Schwartzman dagegen ist in Deutschland ein unbeschriebenes Blatt. Nachdem ich Habeamus Bastard gelesen habe, weiß ich warum: erfrischend komisch, schnell erzählt, komplex geschrieben mit einer Menge an verflochtenen Handlungssträngen und modern gezeichnet!

Cover Habeamus Bastard 1 VZA

Schon in diesem Herbst wird der zweite, abschließende Band der Satire herauskommen, die Wartezeit ist also überschaubar. Wer etwas Neues anfangen möchte – hier ist der Tipp dazu!

Dazu passen Bob’s not dead! etwa mit „Chanteur de Bars“ und ein roter Tafelwein!

© der Abbildungen Dargaud, 2024, by Silvain Vallée & Jacky Schwartzmann | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Trif – Tausendundeine Nacht

Vier Geschichten

Story: Trif
Zeichnungen: 
Trif

Originaltitel: Les mille et une nuits, Vol. 1 & 2

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |96 Seiten | Farbe | 25,00 € | 
ISBN: 978-3-96219-226-6

Cover Trif - Tausendundeine Nacht

Die Sammlung der Geschichten aus Tausendundeine Nacht wurde schon fast ebenso oft in Ausschnitten publiziert. Sie verbindet Grausamkeit, Märchen aus einer für uns fremden Kultur, die Lust am Erzählen und europäische Fantasien über „exotische Abenteuer“ miteinander und ist somit eine fast perfekte Projektionsfläche für alle möglichen Vorstellungen.

Ein freizügiger Ansatz …

Trif, dessen Serie Thrax auch gerade bei Splitter erscheint, hat die Geschichtenauswahl sehr freizügig angelegt. Grundsätzlich ist die Rahmenhandlung bekannt: Sultan Schariyar wurde von seiner Lieblingsfrau Zaida betrogen. Aus enttäuschter Liebe lässt er sie nicht nur hinrichten, sondern heiratet auch jede weitere Nacht eine Jungfrau nur um sie am nächsten Morgen ebenfalls töten zu lassen. Seine gekränkte Eitelkeit gibt ihm in seinen Augen das Recht, zu einem misogynen Massenmörder zu werden.

Scheherazade, die Tochter des Wesirs, hat sich in den Kopf gesetzt, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Sehr zum Unwillen ihres Vaters lässt sie sich mit dem Sultan vermählen, befriedigt ihn und erzählt ihm eine erste Geschichte über das Wesen der Frauen. Kurz vor dem Ende unterbricht sie an einer spannenden Stelle und fordert den Sultan auf, den Rest in der nächsten Nacht zu erfahren. So schafft sie es, am nächsten Abend erneut in das Gemach geladen zu werden und das Spiel beginnt von Neuem.

Trif - Tausendundeine Nacht page 4

Sowohl die eigentliche Rahmenhandlung als auch die von der Protagonistin ausgesuchten Geschichten werden sehr freizügig dargestellt. Der Sultan ist es gewohnt, sein Vergnügen in den Vordergrund zu stellen und wird nur langsam davon überzeugt, dass dieses Verhalten eher suboptimal ist. Auch in den erzählten Geschichten kommt aber immer wieder das (männliche) Motiv der betrügenden, „falschen“ Frau zum Vorschein.

… in entsprechenden Bildern

Auf diesen Seiten versammeln sich Bilder von dem aktuellen Schönheitsideal beeinflussten Körpern: lange Körper in Klamottengrößen, die sich eher Kindergrößen nähern: Skinny halt. Bei den Herren kommen noch Sixpack und Muskeln hinzu. Jede*r möge selbst entscheiden, ob das notwendig oder gar begehrenswert ist …

Trif - Tausendundeine Nacht page 6

Ansonsten versteckt Trif nicht viel. Die Bilder sind teilweise explizit, deuten aber vieles eben doch nur an. Trotzdem würde ich einen Band wie diesen nicht unverschweißt in einem Buchladen stehen lassen. Von diesen Merkmalen einmal abgesehen ist das Layout abwechslungsreich, die Panelrahmen sind in einem an orientalische Ornamente erinnernden Stil gehalten und Hintergründe und Details entsprechen gehobenem frankobelgischem Standard.

Sicher erfolgreich

Auch dieser Band aus der „Splitternackt“-Subreihe wird sicherlich wieder seine Käufer finden. Er basiert auf einer klassischen literarischen Vorlage und ist handwerklich um Klassen besser als das, was teilweise unter dem Ladentisch angeboten wird. Splitter hat wieder einen Druck beigelegt, das Covermotiv des im Original eigenständigen zweiten Bandes.

Detail Trif - Tausendundeine Nacht page 10

Muss man das haben? Nein, sicherlich nicht. Es gibt aber auch kein wirkliches Argument dagegen. Die Kunst ist in Ordnung, den männlichen Vorstellungen und vor allem ihrem Machtanspruch werden Schläue und Organisation entgegengesetzt und moralinsaure Zeiten sind vorbei. Trotzdem fragt man(n) sich, ob der aktuelle Hype nicht doch vor allem sexistische Lesarten fördert und alles „Zusätzliche“ einfach ausblendet.

Dazu passen Girlschool etwa mit ihrem letztjährigen Auftritt in Wacken und ein Früchtetee!

© der Abbildungen 2020, 2021 Tabou Editions, France | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Istin/Benoit – West Fantasy 1

Der Zwerg, der Kopfgeldjäger & der Totengräber

Story: J. L. Istin
Zeichnungen: 
Bertrand Benoit

Originaltitel: West Fantasy, vol. 1

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |64 Seiten | Farbe | 18,00 € | 
ISBN: 978-3-68950-045-0

Cover West Fantasy 1

Es gibt momentan eine Vielzahl von Konzeptserien, in denen eine Welt vorgegeben wird, die wechselnden Autor*innen und Zeichner*innen aber weitgehend freie Wahl haben. Teilweise werden in diesen Universen mehre Serien parallel fortgeführt. Dieses Konzept ist vor allem in drei Bereichen sehr erfolgreich: die größten Erfolge feiert es sicherlich in der Fantasy, doch auch Science-Fiction und Western-Settings haben ihre Fans. Auch Crossover hat es mit Aliens im Wilden Westen schon gegeben, nun vereinen sich Western und Fantasy!

Ein untypischer Zwerg und eine neue Definition des Totengräberberufes

Grundsätzlich haben Istin und Benoit eine Welt schaffen wollen, die genügend Anknüpfungspunkte für Erwartungen bietet, diese aber immer wieder „twisten“ kann. Sie haben dafür einen etwas ungewöhnlichen Ansatz gewählt, erzählen sie doch in teilweise sehr kurzen Kapiteln Bruchstücke um die Protagonisten dieses Bandes und ihre jeweiligen Begleiter*innen einzuführen. Es braucht ein paar Seiten mehr als üblich, um in die Geschichte hineinzukommen. Aber, soviel sei verraten, es lohnt sich.

Da ist zunächst einmal ein Zwerg. Dieser besitzt eine Mine und schürft dort sehr erfolgreich nach Gold. Obwohl er weit mehr besitzt, als er jemals ausgeben könnte und selbst nach zwergischen Maßstäben sehr erfolgreich ist, ist er doch sehr unglücklich. Die Begründung dafür liegt in der Vergangenheit und wird erst langsam deutlich. Dann ist da ein Goblin der den noblen Beruf eines Totengräbers ausführt. Um einen steten Nachschub zu gewährleisten, folgt er einer Revolverheldin, die ihren Weg mit Leichen pflastert.

West Fantasy 1 page 3

Alles wäre gut, wäre da nicht der Kopfgeldjäger, der diese zweckdienliche Verbindung in einem Duell beendet und den Goblin zu einer existentiellen Entscheidung zwingt… Das Setting spielt mit den Möglichkeiten der Genreüberschneidungen und integriert die hybriden Fähigkeiten der Fabelwesen und Menschen in ein mysteriöses Abenteuer in dem ein Totem eine Rolle spielt. Die Serie ist auf fünf Bände angelegt und es soll jeweils um ein anderes Totem und andere Dreierkonstellationen gehen.

Etwas zu detaillierte Bilder

Die Bände bei Splitter sind schon etwas größer als üblicherweise. Trotzdem habe ich mir nicht nur einmal gewünscht, in die Zeichnungen hineinzoomen zu können. Bertrand Benoit schafft es erneut, seine Zeichnungen mit einem riesigen Detailschatz zu füllen. Noch während das Auge versucht, einen ersten Überblick zu gewinnen, fallen all diese kleinen Sachen auf, die um Aufmerksamkeit heischen. Sicherlich genial.

Ansonsten gibt es das Erwartete: aufregende, teilweise doppelseitige Layouts, rasante Schnitte, magische Wesen, die auch so aussehen und Western-Accessoires an ungewohnten Träger*innen. Definitiv nichts für Purist*innen auf beiden Seiten, für die wohl übergroße Anzahl aber ein echter Spaß, Grenzen ausgetestet zu sehen.

West Fantasy 1 page 4

Hoher Innovationsfaktor

Erfolgreiche Genres bergen immer die Gefahr, dass man nach einer gewissen Zeit alles schon mal irgendwo gesehen hat. Übernatürliches im Western, Schusswaffen in Mittelerde, Gähn … Hier aber gefällt der Überraschungseffekt und macht Lust auf Mehr! Wenn die Folgebände ebenso erfindungsreich sind, wird diese Serie sicherlich ein großer Erfolg und vermag vielleicht sogar, den einen oder die andere Spielerin vom PC in den Comic zu locken.

Comic-Fans werden sich dagegen entscheiden müssen, ob sie die Serie zu den Western oder zu den Fantasy-Bänden stellen wollen. Vorher aber werden sie zumindest diesen Band hier genießen können! Zum krönenden Abschluss gewähren uns Istin und Benoit noch ein paar Einblicke in die Entwürfekammer einiger Figuren!

West Fantasy 1 page 8

Dazu passen Toots and the Maytals mit „Take me home Country Roads“ und ein sehr starker, abgestandener Kaffee!

© der Abbildungen Editions Oxymore, J.-L. Istin & B. Benoit | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

Bec/Puerta – Die neuen Abenteuer von Bruce J. Hawker 1

Das Auge des Sumpfes

Story: Christophe Bec nach den Charakteren von William Vance
Zeichnungen: 
Carlos Puerta

Originaltitel: Les Nouvelles Aventures de Bruce J. Hawker 1 – L´Œil du Marais

Splitter Verlag

Hardcover Überformat |64 Seiten | Farbe | 18,00 € | 
ISBN: 978-3-98721-470-7

Cover Die neuen Abenteuer des Bruce J. Hawker 1

Die christliche Seefahrt kommt mit ihren eigenen Gesetzen und Herausforderungen. Auf der einen Seite sind dort die Naturgewalten denen Schiffe und Menschenleben komplett gleichgültig sind. Auf der anderen Seite gibt es die menschlichen Faktoren: politische Konflikte, Führungsqualitäten und die Fähigkeit, Leiden zu ertragen oder eben nicht. „Schön“ war sie jedenfalls nie.

Ein „Unglücksrabe“ kehrt zurück

Mitte der 70-er Jahre tauchte Bruce J. Hawker, Lieutenant der Royal Navi, zum ersten Mal auf den Seiten des Tintin-Magazins auf und erlebte insgesamt sieben albenlange Abenteuer. Zunächst hatte William Vance Szenario und Zeichnungen verantwortet, später kamen die Texte von André-Paul Ducháteau, der etwa auch Rick Master entwarf. Bec geht in seinen neuen Abenteuern auf alle diese Geschichten ein und stellt sich somit in die Tradition. Damit übernimmt er aber auch die Rolle des nicht mehr so jungen Offiziers, der immer sein Bestes gibt, dabei allerdings selten vom Glück begleitet wird.

Das Auge des Sumpfes beginnt aber noch früher, nämlich 1307 mit einer Episode aus der Geschichte der Templer. Wieder im Jahre 1803 übernimmt Hawker das Kommando über die Lark, ein Kriegsschiff, das bei der Belagerung von Gibraltar gelitten hat, aber noch seetüchtig ist. Schnell wird sie in ein See-Gefecht verwickelt und ein anschließender Sturm zerlegt die Lark in ihre Einzelteile. Die meisten aus der Mannschaft ertrinken.

Die neuen Abenteuer des Bruce J. Hawker 1 page 3

Die wenigen Überlebenden, nicht alle Freunde des neuen Kapitäns, werden auf dem sie aufnehmenden Schiff als Gefangene gehalten. Hawker selbst wird von der Passagierin und Auftraggeberin der Reise in die Pläne eingeweiht: es geht um die Bergung eines Schatzes der Templer. Schließlich sollen die Gefangenen diesen im Auge des Sumpfes freilegen. Bec gelingt es, die Stimmung des Originals aufzunehmen und ihr gleichzeitig seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Enge, unmenschliche Belastungen und militärischer Drill werden sehr deutlich.

Naturalistische Bilder

Carlos Puerta setzt mit dem Projekt klare eigene Duftmarken. Seine naturalistischen Zeichnungen, extrem detailliert, überlappen sich gegenseitig und bilden fast ein Abbild eines „kabbeligen“ Wassers. Überall passiert etwas und die Gleichzeitigkeit drückt sich sehr gut aus. Zudem sind die Uniformen und Schiffsgegebenheiten, aber auch die Naturdarstellungen auf Hoher See und im Sumpf gut recherchiert. Wer etwa „Der Sturm“ gelesen hat, wird die Beschreibungen hier visualisiert finden.

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Aufgrund der sehr dichten Darstellung liest sich der Band allerdings etwas langsamer. Manche*r mag das als anstrengend empfinden, für mich ist das eher ein positiver Effekt. Zudem laden die Bilder dazu ein, sie in einem zweiten Gang wie Gemälde zu betrachten und Feinheiten zu entdecken.

Eine gelungene Neuaufnahme eines Klassikers

Immer mehr Serien aus dem alten ZACK haben mittlerweile einen Reboot oder eine Fortsetzung erfahren. Am Beispiel William Vance kann man dabei sowohl positive (Bob Morane, Bruno Brazil) als auch negative Beispiele (Comanche) finden. Wichtig ist mir dabei, dass zwar der Grundton getroffen, eine eigenständige Entwicklung aber gleichzeitig sichtbar wird. Das erfordert mehr, als nur die Personage zu übernehmen.

Die neuen Abenteuer des Bruce J. Hawker 1 page 9

Für Fans des Seefahrt-Comics sind auch die neuen Abenteuer des Bruce J. Hawker zu empfehlen. Stürmische Erlebnisse auf See, die Enge des Schiffs und die daraus resultierenden emotionalen Folgen sowie die ungebändigte Natur bei den Landgängen haben ihren Reiz, zudem, wenn sie wie in diesem Fall spannend verknüpft und von Puerta grandios graphisch umgesetzt werden.

Dazu passen Garbage mit „Only happy when it rains“ und ein Rum aus der Karibik!

© der Abbildungen Vance/Puerta/Bec/Editions du Lombard (Dargaud-Lombard S.A.) 2024 | Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2025

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