Die Frau, die den Dingen auf den Grund geht, ist eine Privatermittlerin, die vieles von dem, was heute in Serien selbstverständlich ist, bereits vor 20 Jahren gemacht hat. Caroline Baldwin ist eine selbstbewusste Frau mit einem aktiven Sexleben, einem Alkoholproblem und HIV-positiv. Ihre Fälle löst sie mit großem Einsatz, allerdings nicht immer im Einklang mit den Regeln der USA und insofern ist ihr die Wiedereinreise verboten.
Ist eine Beziehung mit einem FBI-Agenten möglich?
Da Caroline nicht zurück in die USA kann, aber dringend Medikamente braucht, kommt es zu einem Wiedersehen in Kathmandu mit ihrem Freund, dem FBI Agenten Gary Scott. Dieser ist wegen eines eigenen Auftrages dort und kommt nicht alleine, sondern mit einer Begleiterin von der CIA. Sie suchen ein bestimmtes Artefakt und plötzlich müssen eine Menge an Entscheidungen getroffen werden. Sehr spannendes Abenteuer in den nepalesischen Bergen mit überraschendem Twist, viel Melancholie und durchzogen von Ängsten.
Zurück in ihrem Heimatland Kanada muss sich die Heldin zunächst mit einem Beinbruch herumschlagen. Aber auch ihre Krankheit gerät erneut in den Mittelpunkt einer Erzählung: es scheint eine neue, aber unheilsame Therapie zu geben. Obwohl scheinbar Heilungserfolge erzielt worden sind, sterben die Patient*innen plötzlich. André Taymans beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, klassische Krimithemen mit persönlichen Schicksalen zu mischen und eine lebensnahe und spannende Geschichte zu erzählen. Dabei entwickelt sich nicht nur die Hauptfigur weiter, sondern auch Begleiter*innen reifen. Dabei gibt es einige, die nur für ein paar Episoden dabei sind, während andere wie etwa Gary um Caroline herumschweben.
Grenzgänger und der König des Nordens sind wieder ein zusammenhängender Zweiteiler. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein erneuter Aufstand von einigen Mitgliedern der First Nations in die auch ein Verwandter der halbindianischen Caroline verwickelt ist. Es geht um Korruption, Rassismus, verzweifelte Wut aber auch um skrupellose weiße Kriminelle. In einem Parallelthread bittet eine Stalkerin Caroline ihren verschwundenen Vater zu finden. Dichte, faktenreiche Erzählung in der die Lage der kanadischen Ureinwohner*innen thematisiert wird. Natürlich ist das aber keine soziologische Lehrstunde, sondern eingebettet in eine vielschichtige, spannend erzählte Story.
Natur und Action mit klarer Linie
Die Geschichten überzeugen aber nicht nur wegen ihrer inhaltlichen Qualitäten: André Taymans ist ein Meister der modernen klaren Linie und vermag die Bergidylle genauso überzeugend darzustellen wie die Straßenschlacht in einer Großstadt. Carolines Gesicht sieht immer etwas hölzern aus: die Frisur sitzt und es gibt nicht allzu viele unterschiedliche Emotionen. Er benutzt diese Teilstatik aber auch ein wenig, um die Heldin ikonografisch darzustellen. Sie ist halt genau, was sie ist und was von ihr erwartet wird.
Das Layout ist typischerweise vier-streifig und weicht nur selten davon ab. Dadurch wirken die Besonderheiten in den Panels aber auch mehr, als wenn sie von ständig wechselndem Layout überdeckt würden. Und so kann der Eiszapfen der „Star“ sein, eine Emotion oder aber auch ein Gastauftritt von Dan Cooper und Albert Weinberg.
Für alle, die von Krimis etwas mehr erwarten
Caroline Baldwin ist natürlich vor allem eine Krimiserie mit einer speziellen Hauptdarstellerin. Durch die Internationalität der Aufträge, die gesellschaftspolitischen Bezüge und die immer mal wieder durchscheinende Kritik an bestimmten Verhältnissen ist es aber auch mehr als nur ein für den schnellen Konsum dahingeworfenes Stück.
Dieser Tatsache trägt schreiber & leser Rechnung, wenn der Band nicht nur mit gutem Papier und satten Farben daherkommt, sondern das Hardcover auch noch Glanzlack und Lesebändchen mitbringt. Und für alle, die noch ein wenig mehr über die Hintergründe wissen wollen, gibt es den wirklich informativen einführenden Artikel von Anne Mattheis und viele Illustrationen und Fotos. Wer die Serie nicht schon von früher hat, sollte unbedingt einen Blick hineinwerfen!
Dazu passen „London 0 Hull 4” von The Housemartins und ein Whiskey Sour.
Omaha ist eine Serie für Erwachsene, keine Frage. Sie enthält explizite Darstellungen und ist doch ganz anders als so viele andere Comics, in denen Sex entweder als Machtausübung dargestellt wird oder aber rein voyeuristisch. Kate Worley hat die Geschichte von „normalen Menschen“ beschrieben, die unabhängig von Gesundheitszustand, Einkommen, Hautfarbe oder sexueller Orientierung persönliche und berufliche Probleme meistern müssen, für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung eintreten, nicht fehlerfrei sind und nebenbei auch noch Beziehungen leben.
Gentrifizierung, Bauskandale und Korruption und immer wieder Beziehungsprobleme
Die Bewohner*innen von Mipple City haben es nicht leicht. Heutzutage gibt es kaum noch Konflikte, die die Bevölkerung nicht in annähernd gleiche feindliche Blöcke spalten. Ende der 80-er Jahre war das noch selten. Während die eine Hälfte der Stadt eine Gegend mit Bars, Clubs und alternativem Leben als Schandfleck empfindet, ist eben jenes für die andere Hälfte der Teil der Stadt, der ein Aufatmen, eine gewisse Freiheit erst ermöglicht und unbedingt zu unterstützen ist.
Bei großen Bauprojekten war man es früher fast schon gewöhnt, von Bestechung, Korruption und Pfusch am Bau zu lesen. So ist auch hier Manipulation mit Fake News, Bestechung und sogar Gewalt im Spiel und – wie im richtigen Leben – scheint es auch hier so zu sein, dass es keine „reine“ Seite gibt. Die Spielregeln waren schon so weit verschoben, dass ein völlig legales Verhalten außer Frage stand. Vielleicht haben auch solche Geschichten wie Omaha dazu beigetragen, dass Korruption nicht mehr ganz so offen praktiziert werden kann.
Aber auch beziehungstechnisch werden die als Tiere dargestellten Personen bis über ihre Grenzen hinaus gefordert. Es geht um nicht reflektierte Machtstrukturen, falsche Erwartungen und immer wieder auch um Ehrlichkeit und Kommunikation. Daneben gibt es Konflikte, die man klären kann und die eine Versöhnung ermöglichen. Einige davon sind so grundlegend, dass eine Trennung unvermeidlich erscheint. Und es gibt mehr oder weniger suchthafte Reaktionen.
Kate Worley hat lange gegen ihren Krebs gekämpft, schließlich aber doch verloren. Zum Beginn von Omaha war sie noch mit Reed Waller, dem Zeichner, liiert. Nach einer Trennung lebte sie schließlich mit dem Autoren Jack Vance zusammen, der es wiederum nach ihrem Tod übernommen hat, die Geschichte um die Schönheitstänzerin Omaha und Mipple City zu beenden.
Furry pictures
Ursprünglich war es wohl die Idee, Zensur zu umgehen. Die Tatsache, dass hier vermenschlichte Tierfiguren dargestellt werden, hat aber im Laufe der Zeit sehr viele Fans gefunden und es gibt eine eigene Kategorie für solche Comics. Dem Lesevergnügen tut es jedenfalls keinen Abbruch, ja, es schafft sogar eine gewisse Distanz. Reed Waller setzt die Vorgaben seiner Szenarist*innen im gleichen Geiste um. Es geht nicht darum, jemanden bloßzustellen, Behinderungen oder Vorlieben ins Lächerliche zu ziehen oder Erwartungen eines männlichen Publikums zu befriedigen.
Zeichnungen können verletzten oder wertfrei darstellen. Hier passiert das Letztere und trotzdem feiern die Zeichnungen das Leben und alles, was dazu gehört! Das ist der große Unterschied zu vielen Altmännerphantasien in der sogenannten Independent-Szene, die doch nur eine andere Art für Misogynie ist.
Wie groß die Zustimmung in der Comicwelt zu dieser Serie gewesen ist, wird vielleicht auch durch den Anhang deutlich. Reed Waller erkrankte 1993 ernsthaft an Krebs, besaß aber keine ausreichende Krankenversicherung. An dem Unterstützungsprojekt „Images of Omaha“ beteiligten sich mehr Künstler*innen als erwartet, unter anderem Will Eisner, Bryan Talbot, Scott McCloud oder Frank Miller. Die gesammelten Bilder sind Bestandteil dieses Abschlussbandes!
Eine Graphic Novel für die Sammlung
Jede*m bleibt es selbst überlassen, welche Comics man mag. Es gibt glücklicherweise keinen Kanon! Wer sich aber für Graphic Novels interessiert, wer wissen möchte, wie Menschen interagieren, wie ziviler Widerstand gegen Großprojekte angefangen hat und wie Darstellung von gewaltfreier Sexualität sein kann, der darf hier gerne einen Blick riskieren!
Handwerklich gut gemachter Independent (und das ist in diesem Fall nicht als Entschuldigung für technisches Unvermögen gemeint!) mit teils sympathischen Figuren, eben wie aus dem Leben gegriffen. Die Aufmachung durch den Hamburger Verlag in vier dicken, aber sehr handlichen Paperbacks mit einführenden Worten passt dazu perfekt! Für mich ein Top-Tipp!
Dazu passen Die Broilers aus Düsseldorf und ein Fiege Bernstein.
Paolo Eleuteri Serpieri wurde im Februar 1944 in Venedig geboren. Schon sein Geburtsdatum ließ erahnen, dass der kleine Junge etwas besonderes werden könnte, kam er doch am Schalttag zur Welt. Nach dem Studium von Malerei und Architektur widmete er sich immer mehr dem Zeichnen von Comics und erlangte in zwei Gebieten Weltruhm: Kurzgeschichten und ein paar längere Bände aus dem Wilden Westen sowie die erotische Horror-Science-Fiction-Serie Druuna. Das erste von zwei Artbooks des Künstlers aus dem Hamburger Verlag, bei dem auch das übrige Werk des Italieners erscheint, ist dem Western gewidmet.
Wie ein Junge aus Italien auf den Western kam
Der Band wird eingeleitet durch ein längeres Interview von Roberto Guarino und Matteo Pollone mit dem Künstler. Darin wird deutlich, dass Paolos Vater beruflich öfter in den USA gewesen war und seine Liebe für den Westen und die amerikanischen Zeichner an den Jungen weitergegeben hat. Zusätzlich hat er die Liebe zum Zeichnen gefördert und sein eigenes Talent zur Schulung genutzt. Wieder einmal bestätigt sich also hier die Regel, dass erfolgreiche Zeichner*innen schon als Kinder ständig gezeichnet haben.
Serpieri führt des Weiteren aus, wie sich sein Stil entwickelt hat und welche Unterschiede zwischen Feder und Pinsel bestehen. Seine Art mit extrem vielen Schraffuren das Bild zu gestalten ist mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden, hat sich aber auch erst entwickeln müssen. Er wurde aber nicht nur von Gemälden beeinflusst, sondern auch vom Western-Film und entwickelte schon früh eine Liebe zur grandiosen Weite. Während seiner Reisen in die USA hat er viele der Kulissen für seine späteren Erzählungen quasi in sich aufgenommen.
Dabei interessieren den Zeichner verschiedene Dinge: Zunächst einmal bewundert und liebt er Pferde und zeichnet diese extrem gerne. Im Interview erläutert er dabei den Einfluss der bewegten Bilder auf die grafische Darstellung. Eine weitere Freude ist das Zeichnen von möglichst authentischen Dekors und Kleidung/Schmuck, auch wenn es nicht immer genau die historische Wirklichkeit abbilden muss. Und dann sind da natürlich auch noch Frauenkörper. Bei diesen erlaubt er sich nach eigener Auskunft die größten künstlerischen Freiheiten.
Ein Prachtband
Schon die Reihe mit seinen Western-Geschichten hatte gezeigt, dass Serpieri nicht nur gerne Western zeichnet, sondern auch ein Meister darin ist. In diesem quadratischen, großformatigen Bildband haben die einzelnen Bilder noch viel mehr Gelegenheit, um zu wirken. Damit sind sowohl die Zeichnungen und Entwürfe im originalen Schwarz-Weiß gemeint als auch die kolorierten Bilder. Teilweise steht sogar beides direkt nebeneinander und erlaubt so den Vergleich.
Serpieri gibt seinen Figuren und Settings Tiefe und Ausdruck durch eine Unzahl von Schraffuren. Dadurch erhalten sie eine Plastizität, die an Fotographien erinnert. Der Künstler selbst bezeichnet sich auch als Realisten, lehnt die Einordnung als Veristen aber ab, da es ihm nicht um die Wahrheit geht. Ein Coffee-Table-Book ist typischerweise noch etwas größer als der vorliegende Bildband. Auch dieses Artbook lädt aber dazu ein, auf den einzelnen Abbildungen zu verweilen und Details zu erkennen und erfüllt daher den gleichen Zweck.
Fazit
Für Fans des Italieners ohne Frage ein Must-Have! Das Interview ordnet mehrere Werke aus diesem Genre für verschiedene Verlage ein, beschreibt Intentionen und Herausforderungen und lässt auch das Marvel-Kapitel nicht aus. Die Zeichnungen sprechen für sich und bekommen genau den benötigten Raum. Serpieri ist auch klar, dass er als Nicht-Kulturangehöriger nie die Geschichte der First Nations erzählen kann und will das auch gar nicht. Der einzige Kritikpunkt, der kommen könnte, ist die Darstellung der Frauen. Zwar sind sie durchaus auch in aktiven Rollen zu sehen, es gibt aber genügend Bilder, die sie in eine Opferrolle zwingen. Es ist aber keineswegs intendiert, damit die Unterjochung zu verherrlichen.
Neben dem guten Papier und der entsprechenden Bindung hat sich der Verlag entschieden, allen Käufer*innen der Erstauflage einen beigelegten Kunstdruck zu spendieren. Mehr kann man nicht verlangen! Da der Western-Comic momentan zu neuer Blüte erwacht, ist das sicherlich genau der richtige Zeitpunkt, um ein solches Artbook auf den Markt zu bringen! Sehr lesenswert sind auch die Ausführungen zu „General“ Custer.
Dazu passen Musik von Siouxsie and the Banshees und ein Rye Whiskey.
Die eigenwillige Privatermittlerin ist zurück auf dem deutschen Markt! Nicht nur erscheinen die lange vergriffenen ersten Bände erneut in Form einer Gesamtausgabe, auch die bisher nicht erhältlichen kommen in ähnlicher Aufmachung als Einzelbände bei Alles Gute. Und es ist sogar noch mehr in Planung!
Und wieder geht es nach Asien
Caroline Baldwin bekommt ihre Aufträge üblicherweise von einer Agentur. Deren Chef hat gerade erfahren, dass er nur noch 6 Monate zu leben hat, wenn er keine Rückenmarksspende erhält. Der einzige mögliche Spender ist sein Sohn, der sich nach einem Streit mit seinem Vater angeblich nach Bangkok verzogen hat. Was läge also näher als seine beste Ermittlerin, die zudem wegen ihrer HIV-Infektion auch noch die einzige ist, die weiß was eine tödliche Krankheit ist, auf den Fall anzusetzen.
So begibt sich also die Heldin dieser Serie nur mit einem Foto des Sohnes ausgerüstet in die pulsierende asiatische Großstadt. Sie wird dort von großer Hitze empfangen, vernichtet eine Unmenge an eisgekühlten Getränken und trifft auf einen Helfer, der mehr zu wissen scheint. Und dann ist da noch die geheimnisvolle Frau Jow.
Wie schon Band 17 war auch die erste Version dieses Szenario ursprünglich für die geplante Verfilmung geschrieben. André Taymans hat sich erst später entschlossen, die grundlegende Idee zu behalten und für eine Comicadaption neu umzusetzen. Der Anhang liefert einige Beispiele wie Standbilder, die bereits gemacht worden waren, zeichnerisch in dem Comic umgesetzt worden sind. Ein Hinweis an dieser Stelle: Die Geschichte findet in Band 19 ihre Fortsetzung.
Wer nicht hören will …
Klare Linie, keine Experimente
Die zeichnerische Umsetzung ist wie erwartet. Für die einen klingt das wie ein großes Lob, für andere mag das eher abwertend aufgefasst werden. Tatsache ist, dass André Taymans seinen Stil einer modernisierten klaren Linie gefunden hat und unverwechselbar umsetzt. Als Leser*in bekommen wir genau das und nichts anderes und das macht sicherlich auch teilweise den Reiz dieser Serie aus. Die Heldin sieht aus wie immer, ihre Frisur sitzt und wir fühlen uns sofort heimisch.
Was aber immer wieder beeindruckt, ist wie treffend Umgebungen in Szene gesetzt werden. Der Eisenbahnwaggon ist genauso glaubhaft wie die Hotelbar oder der Straßenverkehr und auch die Natur wirkt „echt“. Schon öfter hatten Drogen eine Rolle in dieser Serie gespielt. In Half-Blood spielt ein Drogensüchtiger auf Entzug eine große Rolle und auch diese sehr emotionale und intime Situation kommt glaubhaft rüber. Was wollen wir mehr erwarten?
In der ersten Liga der Krimiheldinnen!
Caroline Baldwin vereinigt einige Kriterien, die eine erfolgreiche, spannende und lesenswerte Reihe benötigt: Die Heldin ist speziell, denn langweilige Menschen ohne Ecken und Kanten taugen nicht als Projektionsfläche. Mit ihrer Erkrankung ist sie unkonventionell und sie trinkt auch deutlich mehr als ihre Kolleginnen. Die Themen sind divers, Brutalität und Gewalt werden nicht ausgeblendet, stehen aber nicht im Vordergrund der Geschichte, und sowohl die Heldin als auch die Essenz der Serie haben einen hohen Wiedererkennungswert.
Wer immer also an starken Frauen, spannenden Krimis und gut erzählten Abenteuern aus allen Ecken der Welt Gefallen gefunden hat, sollte hier einen Blick riskieren. Das Hardcover mit blauem Rücken tut sein Übriges so dass die Reihe auch im Regal einen guten Eindruck macht.
Auf diesen Seiten ist so viel Whiskey geflossen, dass dazu am Besten etwas komplett anderes getrunken wird: Passend zu den aktuellen Sommertemperaturen ein eisgekühlter leichter Weißwein und instrumentaler Ska, etwa „Free as a Bird“ vom New York Ska Jazz Ensemble.
Die private Ermittlerin Caroline Baldwin ist eine jene Heldinnen, die man so schnell nicht vergisst. Sie ist nicht an eine bestimmte Polizeistelle gebunden und entscheidet selbst, welche Fälle sie übernehmen wird. Sie ist ungebunden, Beziehungen gegenüber aber nicht abgeneigt. Sie hat Familie, beschränkt ihre Kontakte aber im Wesentlichen auf den – mittlerweile verstorbenen – Großvater. Sie trinkt zuviel. Und oft gelingen Sachen nicht so, wie sie es eigentlich sollten. Die ersten Fälle machten eine Nebenfigur zu einer einzigartigen Heldin.
Eine Krankheit und ihre Folgen
Absurdistan war eigentlich als Begleitung zu einem Musical gedacht und sollte als multimediales Projekt an den Start gehen. Leider kam es dann doch zu einem Stop für das Bühnenspektakel, der Comic musste also alleine für sich sprechen. Es bleiben aber die vielen Hinweise auf die Musik und eine Wendung, die die Heldin für immer beeinflussen wird: Diese Geschichte wird allen Fans für immer im Gedächtnis bleiben, denn es ist diejenige, in der klar wird, dass die Heldin sich mit dem HIV-Virus angesteckt haben könnte.
In Angel Rock wird dann auch klar, dass Caroline Baldwin sich wirklich infiziert hat und so sitzt sie in einer kleinen Kneipe in einem kleinen verschlafenen Örtchen und ertränkt sich selbst in Selbstmitleid und Jack Daniels. Irgendwie schafft sie es aber, sich soweit zu motivieren, dass sie einen Vater in das verschneite Gebirge begleitet, um seinen tödlich verletzten Sohn zu bergen. Es stellt sich aber heraus, dass mehr dahintersteckt.
Der zweite Band der Gesamtausgabe wird von einem Zweiteiler beendet: Staatsraison beginnt mit dem Widersehen mit einem alten Bekannten. Dieser muss noch eine Geheimdienstoperation abschließen, will sich aber weiter mit unserer Heldin treffen. Eine Menge an Kugeln verhindern das. Während es für eine ganze Anzahl von Leichen es keine erkennbaren Täter gibt, verdichten sich zumindest Informationen, dass hier Geheimdienste involviert sind.
Caroline wird darüber informiert, dass ein Geschäftsmann entführt worden ist. Die für solche Fälle zuständige Versicherung möchte, dass unsere Heldin den Lösegeldbetrag im asiatischen Dschungel übergibt und beauftragt sie daher. In Die Lagune kommt Baldwin den Entführern immer näher und weiterhin sterben Killer durch Schüsse aus dem Hinterhalt. André Taymans hat es erneut geschafft, eine spannende Story aus dem Geheimdienstmilieu zu schreiben, die geschickt Überraschungen kombiniert, spannende Fallen aufbaut und dabei exotische Schauplätze zeigt. Eigentlich genau das richtige Setting für eine Miniserie für einen Streaminganbieter.
Die Zeichnungen
André Taymans bleibt seiner klaren Linie treu. Schnörkellose Zeichnungen verweisen auf das Wesentliche und ermöglichen das Hineintauchen in eine künstliche Welt. Obwohl insofern unrealistisch bieten die Bilder einen schönen TV-Ersatz! Naja, schon mehr, denn die Zeichnungen zeigen Taymans auf einem Höhepunkt seines Schaffens. Die Personen sind nicht statisch (obwohl teilweise ein wenig mit dem Stilmittel gesielt wird), einzig die Frisur der Heldin erinnert ein wenig an Drei-Wetter-Taft.
Sowohl die Schneelandschaften im Gebirge als auch die Dschungelszenen sind perfekt umgesetzt und ermöglichen ein Hineinfühlen (wahlweise auch eine Gedankenreise) und netterweise beweist er dann auch noch die Selbstironie darauf hinzuweisen, dass der Dschungel anders aussähe als in den Filmen. Die wären ja auch oft woanders gedreht.
Die Empfehlung
Eine selbständige, toughe Heldin die zudem auch noch persönliche Schicksalsschläge hinnehmen muss ist schon per se eine Empfehlung. Caroline Baldwin ist darüber hinaus spannend, abseits des männlich dominierten Privatermittlergenres und nachvollziehbar. Man mag allerdings darüber zweifeln ob tagelanger Whiskey-Konsum eine gute Vorbereitung für eine Bergtour ist.
Die Aufmachung tut ihr Übriges: Lesebändchen und durchgehendes Rückenmotiv machen sich mit zunehmender Anzahl gut im Regal und die neuen Bände schließen sich farblich ebenfalls an. Wieder gibt es informatives Material über die Serie und zusätzliche Fotos und Illustrationen! Ein Klassiker der modernen Klaren Linie in perfekter Aufmachung.
Dazu passen The Pretty Reckless und – natürlich – ein Jack Daniels.
Der Gattung Western haftete lange ein bisschen Anrüchiges an: Rassistisch, sexistisch, konservativ und altbacken. Es geht aber auch anders und viele sogenannte Neo-Western versuchen einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Zunächst ging es darum, die amerikanischen Ureinwohner*innen nicht entweder als „Edle Wilde“ oder – entgegengesetzt – als „Untermenschen“ darzustellen. Nun wird vermehrt auch der Blick auf aktive weibliche Rollen gelenkt.
Klassische Inhaltselemente, neu gedacht und auf die Füße gestellt
Regenwolf ist dabei ein meiner Meinung nach extrem gut gelungener Versuch, einen anderen Blick zu ermöglichen. Jean Dufaux lässt die ganze Geschichte von einer Frau, Blanche McDell, erzählen und hat damit schon mal eine ganz andere Perspektive. Ein sehr unsympathischer Jüngling kommt in ein kleines Städtchen, um den Sohn eines Eisenbahnbarons wegen einer Frauengeschichte herauszufordern. Im Saloon kommt es zu einer Auseinandersetzung mit einem Indianer – Regenwolf – der anschließend den Fremden in Notwehr erschießt. Natürlich ist der rote Mann Schuld und kann nur durch das Eingreifen des Industriellen vor einem Lynchmord gerettet werden. Die Verwandten des Getöteten schwören aber Rache und starten einen Feldzug.
Im weiteren Verlauf verweben sich zwei bis drei Liebesgeschichten ineinander, rassistischer Hass bricht sich seine Bahn und findet in Dummheit einen perfekten Nährboden und mehrere Frauen stellen die Frage, ob Gewalt immer die richtige Lösung sein muss. Tatsächlich bleibt nur selten keine andere Wahl. Und auch andere Stereotypen wackeln: Der Tycoon ist auf der Seite der Guten und der junge Häuptlingssohn kann sein Temperament beherrschen. Nur die Dumpfbacken mit und ohne Colt bleiben was sie sind.
Es gibt aber noch eine mythologische Ebene, auf der anhand der Jagd auf den Weißen Bison die Frage nach dem Überleben der indianischen Kultur überhaupt gestellt wird. Ein weißer Misanthrop möchte ihn als Trophäe haben während für den der Kultur zugeneigten jüngeren Sohn der McDells und den titelgebenden Regenwolf eher der spirituelle Aspekt im Vordergrund steht. Und nicht zuletzt gibt es immer noch die Kraft der Liebe, die unterschiedliche Männer dazu bringt, Unerwartetes zu vollbringen und sich selbst zu opfern.
Die Entscheidung, die beiden Folgen in einem Integrale zu veröffentlichen, ermöglicht ein sehr dichtes Lesevergnügen. Dufaux hat sich Zeit gelassen, um Personen zu entwickeln, Beziehungen zuzuspitzen und Hintergründe zu beschreiben. Dadurch ist trotz der vielen Handlungsstränge auch nichts unlogisch! Aber der Name steht ja auch ansonsten für qualitativ gute Szenarien von Blake und Mortimer über Djinn bis hin zu Murena.
Das Spiel mit Farben und Schatten
Rubén Pellejero ist den Leser*innen von comix-online zuletzt mit den Fortsetzungen von Corto Maltese begegnet. Des Weiteren ist das von ihm gezeichnete Dieter Lumpen von Carlsen begonnen und von Finix beendet worden. Vielleicht beginnt sein Stern ja jetzt auch in Deutschland heller zu strahlen, denn Regenwolf ist ohne Frage nicht nur vom Szenario her ein Meisterwerk!
Er mag die klare, schwarze Linie als Kontur und zeichnet damit sowohl Gesichter in der Großaufnahme als auch Totalen. Gerade im ersten Teil sind die Gesichter teils noch etwas karikierend, der Realismus setzt aber mit fortlaufender Zuspitzung ein. Die Farben sind prinzipiell eher an Erdtöne angelegt, variieren aber entsprechend der Tageszeit. Sie fokussieren die emotionale Stimmung, wenn etwa das Abendrot vom Berg aufgenommen wird und die drohende Gewalt symbolisiert.
Anwärter auf den Comic des Jahres
Dieser Western ist für mich ein klarer Anwärter auf eine sehr hohe Platzierung in der Wertung Comic des Jahres! Dufaux bringt neue Perspektiven in ein spannendes und sehr vielschichtiges Szenario, Pellejero setzt kongenial die Impulse in digital erstellte Bilder um die einen Kino-Soundtrack überflüssig machen können!
Sicherlich ist der Regenwolf für Western-Fans ein Must-have, aber auch für Graphic Novel-Leser*innen, die neue Perspektiven zu schätzen wissen, gut erzählten Geschichten folgen möchten oder einfach Spaß an guten Bildern haben. Dazu kommt natürlich die gute Ausstattung: Hardcover, Fadenheftung und sattes Papier mit leicht glänzenden Farben! Zwei eher am Westernfilm orientierte Essays über die herausragende Bedeutung des Regenwolfes von Regisseur Bertrand Tavernier und der Szenaristin Corine Jamar sowie einige teils ganzseitige Illustrationen machen das Vergnügen vollkommen!
Dazu passen eine Kanne Kaffee und moderne Klänge wie von den (älteren) Einstürzenden Neubauten.
Das ist jetzt schon der dritte Teil der Erzählungen um die Schönheitstänzerin Omaha und ihre Freund*innen, die lokale Politik in dem echten Minneapolis nachempfundenen Mipple City und Kunst und Kultur im Allgemeinen.
Eine freizügige Soap Opera
Vom Grundsatz her ist Omaha eine Mischung aus Grapic Novel, Soap Opera und Independent Shocker. Vom ersteren nimmt die Geschichte den Anspruch, Personen ernst zu nehmen, ihre Hintergründe zu entwickeln und echte Probleme zu präsentieren. Das Ganze soll aber auch leichtfüßig daherkommen, Spaß machen, über Jahre laufen, Side-Projekt ermöglichen und unterhalten. Und weil es eben nicht Lindenstraße oder Coronation Street ist, sind die Protagonist*innen Tiere und haben expliziten Sex.
Ist das jetzt ein Porno für Intellektuelle? Nein! Es gibt zwar Sex, dieser steht aber nicht mit voyeuristischem Anspruch im Vordergrund, sondern gehört zum Leben halt dazu. Deshalb kann er auch problembeladen sein, gemütlich oder orgiastisch, nie aber aufgeilend oder Machtpositionen verfestigend. Mehr dazu in den Reviews zu Band 1 und 2.
Zum Inhalt: Omaha war Ende des letzten Bandes enttäuscht von ihrem Freund Chuck. Dieser hatte nicht verkraften wollen, dass Omaha „vergessen“ hate, ihm zu erzählen, dass sie eigentlich verheiratet ist, ihren Mann aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Heldin wiederum beschließt nun, Mipple City für das Erste zu verlassen und woanders wieder zu sich zu finden. Ihre neue Arbeit als nicht ernstgenommene Büromitarbeiterin schmeißt sie schnell wieder hin um erneut als Bartänzerin zu arbeiten.
Währenddessen sitzt Joanne wegen des Mordes an dem korrupten Politiker Bonner in Untersuchungshaft. Wie wir wissen hat sie zwar ein Alibi, möchte Rob aber nicht mit hineinziehen. Aufgrund der Untersuchungen wegen des Todes kommen immer mehr Ungereimtheiten zu Tage, es zeigt sich aber schnell, dass es noch mehr Profiteure des Immobilienskandals gibt und das Projekt weitergeführt werden soll. Hiergegen entwickelt sich Widerstand aus der Künstler*innenszene.
Und natürlich gibt es auch Neues von Kurt, der nun für einen älteren, etwas dubiosen Herren arbeitet, und Shelley die mühsam versucht, ihre Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen. Chuck wird erneut mit seiner Familie konfrontiert und Omaha gibt nicht nur ein wenig von ihrer Vergangenheit preis, sondern kreiert auch neue emotionale Schwierigkeiten.
Zeichnungen im perfekten Einklang
Der Sammelband beinhaltet nicht nur die „regulären“ Omaha-Stories sondern auch Beiträge für andere Magazine, die im Bezug zur Serie stehen. Sie wurden an den entsprechenden Stellen integriert und bieten daher einen kompletten Genuss. Das Vorwort stammt übrigens dieses Mal von Neil Gaiman der seine persönlichen Erinnerungen an die beiden Künstler*innen teilt.
Beim Lesen wird weiterhin deutlich, dass Kate Worley und Reed Waller zusammen an den Geschichten gearbeitet haben. Dadurch gibt es männliche und weibliche Sichtweisen, die sich perfekt ergänzen. So wird es sicherlich den einen oder anderen Leser verwundern, wieviel Wert darauf gelegt wird, dass Frauen im Beruf unterdrückt werden, gleichberechtigte Zahlung verdienen und Hausarbeit ungleich verteilt ist.
Die Zeichnungen stammen nur von Kate Worley und bieten sowohl Details als auch gute Hintergründe und Perspektivwechsel. Da die handelnden Akteur*innen Tiere sind, muss sowohl das Tier als solches erkennbar sein, als auch die typischen Merkmale eben einer Person haben. Beides gelingt hervorragend. Auf jeden Fall drängen sich weder Inhalt noch Zeichnungen nach vorne, sondern agieren als perfektes Duo mit wechselnden Schwerpunkten.
Fazit
Wer Inhalte für Erwachsene mag und sie auch lesen darf, wird hier ein spannendes Meisterwerk der Independent-Comic-Literatur finden. Doch Obacht: Gewaltfantasien, Orgien, Splatter sind hier nicht zu finden! Menschen versuchen ihr Leben zu leben, die Umwelt anzupassen und Schweinereien nicht hinzunehmen. Das erfordert auch das eine oder andere Problemgespräch bei einem Kaffee! Graphic Novel Liebhaber*innen werden daher hier genauso ihre Freude haben wie Leser*innen von Generationenromanen oder Comig-of-Age. Der Comic sollte aber nicht auf dem Tisch liegen bleiben, wenn Kinder ihn von dort mitnehmen könnten.
Dazu passen ein gut temperierter Merlot und Musik, die Spaß macht, sich aber auch nicht in den Vordergrund drängt: Es gab da mal einen Sampler Soul Queens mit modernen und klassischen Sängerinnen.
Caroline Baldwin ist eine der wenigen Ermittlerinnen in der Comicbranche, die es auf eine lange Laufzeit gebracht haben. Dabei war das gar nicht geplant denn das erste Abenteuer war als One-Shot gedacht und die Heldin anfangs nur als Nebenfigur. Zum Glück kam es dann aber doch anders. Mehr zur Serie im Allgemeinen bei der Rezension des ersten Bandes der gerade parallel gestarteten Gesamtausgabe der Bände 1 bis 16 im Sub-Label Alles Gute! des Hamburger Verlages Schreiber & Leser.
Alte Tänze und neue Drogen
2007 war zunächst einmal Schluss mit neuen Geschichten um die selbstbewusste junge Frau. Charaktere abseits der üblichen Schemata sind aber gefragt und so hatte sich die Idee einer Verfilmung ergeben. Es wurde fleißig am Drehbuch gewerkelt, das dann aber doch nicht umgesetzt wurde. Glücklicherweise war es aber die Grundlage für einen neuen Zyklus, der die Heldin mit indianischen Wurzeln 2012 zurückbrachte.
Caroline erhält in Narco-Tango von einer Pharma-Firma den Auftrag, einen Wissenschaftler aufzuspüren, der vor kurzem mit wichtigen Unterlagen im Gepäck verschwunden war. Die Firma befürchtet, dass er zur Konkurrenz gewechselt sein könnte. Als die Heldin die Ermittlungen aufnimmt, erfährt sie von einem ehemaligen Schulfreund, dass die Stadt gerade von neuen Drogen überschwemmt wird. Und die ehemalige Assistentin des Forschers erzählt, dass er verrückt nach Tango gewesen wäre.
Natürlich lässt André Taymans seine Heldin also Tangounterricht nehmen, um die Ermittlungen in Fahrt zu bringen. Wie immer gerät sie dabei in Gefahr, muss verzwickte Verbindungen aufdröseln und das eine oder andere Getränk zu sich nehmen. Die Story ist spannend, gut konstruiert und funktioniert im Comic perfekt. Verfilmt kann ich mir das nicht ganz so gut vorstellen.
Die moderne Klare Linie
Taymans hat aber nicht nur das Szenario verfasst, sondern auch zeichnerisch umgesetzt. Er bleibt bei seiner modernen Interpretation der klaren Linie. Die Dynamik ist gut herausgearbeitet und sowohl Tanz- als auch Kampfszenen zeigen realistische Körperhaltungen. Die Panels sind konsequent in Streifen angelegt wobei Anzahl und Höhe wechseln. Die Geschwindigkeit wird daher allein durch Perspektivwechsel und Bildfolgendichte geregelt.
Gerade im Vergleich zu den Anfängen ist die Heldin nicht mehr so freizügig dargestellt. Sie ist erwachsener geworden ohne dabei langweilig oder weniger freigeistig zu werden und das ist gut so. Die Hintergründe sind, wenn benötigt, sehr detailliert, versuchen aber nicht, den Fokus auf sich zu lenken. Also genau so, wie man es erwartet hätte.
Die Empfehlung
Für Krimifans eine echte Empfehlung: Action mit einer zugrundeliegenden, relevanten Story und glaubwürdigen Akteur*innen. Wer auf selbständige, emanzipierte Heldinnen steht wird hier ebenfalls zufrieden sein und Fans der Klaren Linie sowieso. Die Serie strahlt zudem einen gewissen nostalgischen Charme aus, denn insbesondere Caroline Baldwin ist liberal im eigentlichen Sinn und offen für Neues. Schade, dass das heutzutage so selten geworden ist.
Ex Libris der limitierten VZA
Natürlich ist der Band mit seinen Glanzlackapplikationen auf weißen Hintergrund auch ein Schmuckstück für jede Sammlung. Wer es ganz edel möchte kann zur limitierten Vorzugsausgabe greifen der ein ExLibris beiliegt. Den Abschluss des Bandes bildet eine Seite mit Hinweisen von André Taymans zu dieser Geschichte und dem geplanten Film sowie eine unkolorierte Seite als Ausblick auf Band 18!
Dazu passen ein Manhattan und Joy Crookes, eigentlich mit allem.
Es gibt Krimis und Krimis. Die einen erzählen zum gefühlt millionsten Mal eine bekannte Geschichte: Ein Mann hat irgendjemand umgebracht, wird von einem Polizisten gejagt und am Ende ist nach einigen Verwirrungen der Fall erfolgreich gelöst. Je nach Zeit und Medium gibt es dazu noch ein paar familiäre Probleme, Ärger mit Kolleg*innen und mehr oder weniger Gewalt.
Und es gibt solche, die anders sind, bei denen die Spannung erhalten bleibt, weil nachvollziehbare Charaktere versuchen, ihre Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen und die möglicherweise auch gar nicht gut ausgehen. Letztere liebe ich und in diese Kategorie gehören die Abenteuer von Caroline Baldwin!
Eine Heldin, die es gar nicht geben sollte
André Taymans war Mitte der 90-er Jahre bereits ein bekannter Autor und Zeichner von Comics für Kinder, begann aber die Lust daran zu verlieren und wollte etwas anderes machen. Der genaue Verlauf der Odyssee von einer ersten Idee hin zu Moon River ist im Vorwort der gerade erschienenen Gesamtausgabe nachzulesen. Hier soll davon nur verraten werden, dass der Comic weder als Reihe geplant war, noch Caroline Baldwin die Titelheldin oder Hauptperson sein sollte. Egal, 1996 erschien Moon River als erster Teil einer neuen Serie, wurde für gut befunden und mittlerweile haben 16 weitere Teile das Licht der Verkaufsregale erblickt.
Band 1 erzählt die Geschichte eines depressiven ehemaligen Astronauten. Er verschwindet plötzlich obwohl er doch als Aushängeschild einer Firma zu einem wichtigen Vertragsabschluss hätte beitragen sollen. Da möglicherweise die Konkurrenz ihre Finger im Spiel haben könnte, beauftragt die Firma die Privatdetektivin Baldwin mit dem Auffinden und Zurückbringen des alten Helden. Die Heldin trinkt, hat wechselnde Partner und ist auch sonst manchmal eher depressiv unterwegs. Sie ist aber keineswegs bereit, klein beizugeben!
Gleich im Anschluss wird es noch politischer: in Kontrakt 48-A geht es um die Auswirkungen radioaktiver Strahlung und die nicht immer vorhandene medizinische Ethik. Taymans hat mittlerweile einen besseren Bezug zu seiner Heldin entwickelt und sie mehr in den Mittelpunkt gerückt. Sie bekommt einen sehr sympathischen Großvater, einen Erbfall und unsympathische Verwandte für den Hintergrund. Zudem hat sie über diese Linie indianisches Blut und daher auch nicht immer die Vorteile einer Weißen.
Tödliche Texte
Und dann schlugen wieder die Zufälle des Lebens zu. Während die ersten beiden Bände mit einem Umfang von 64 Seiten veröffentlicht worden waren, standen für die weiteren Folgen nur noch 48 Seiten zur Verfügung und Taymans musste das bereits begonnene neue Werk entweder stark kürzen oder ausweiten. Zum Glück für uns entschied er sich für das letztere und so entstanden die zusammengehörigen Nummern Der Tote im Pool und Showdown in Havanna.
Ein rechter Mob verbrennt erotische Romane an einer Tankstelle, kurze Zeit später schwimmt der Autor dieser Romane tot in dem Pool von Carolines Freundin. Als wäre das nicht genug, überrascht Caroline auch noch einen Einbrecher, kann ihn aber nicht überwältigen. Eine Spur führt in die Welt der Literatur mit Massenauflagen und Schreibblockaden. Die Lösung dieses Falls kann aus verschiedenen Gründen nur in Havanna liegen und so macht sich die Heldin auf in eine Stadt, die sich – zumindest hier im Comic – sehr farbig, aufgedreht und musikalisch, aber eben auch als sehr gefährlich präsentiert!
Die Zeichnungen
Caroline Baldwin ist hübsch, aber kein Model. Sie ist eigenwillig, aber nicht egozentrisch. Die Heldin ist depressiv, aber nicht unterzukriegen. Sie ermittelt selbständig, ist aber kein Mann. Und: sie ist sexuell aktiv, aber nicht gebunden. Für die damalige Zeit eine ganze Menge an Tabubrüchen und auch heute noch lange nicht selbstverständlich! Taymans hat für diese Frau und ihre Erlebnisse mit einer nur leicht modernisierten Ligne Claire das nahezu perfekte Stilmittel gefunden.
Sie ermöglicht Emotionen in der Darstellung, verlangt aber keinen Realismus. Hintergründe sind wichtig, wenn sie eine Aufgabe haben, können aber auch durchaus auf eine Farbe reduziert werden, wenn sie nicht ablenken sollen. Bewegungslinien erzeugen Dynamik und alles zusammen strömt eine nostalgische Note aus! Einige Figuren, wie etwa der Großvater, haben ihre Vorbilder in der Realität und den Zeichnungen ist anzusehen, wie der 1967 in Belgien Geborene sich langsam in die Handelnden hineinversetzen kann, sie liebgewinnt und ihnen Persönlichkeit gibt.
Natürlich gehört Caroline Baldwin mittlerweile mit einem eigenen Wandgemälde zum Stadtbild von Brüssel und wurde damit zurecht in die erste Reihe aufgenommen!
Der Tipp
Krimifreund*innen aufgepasst: Wer die Serie noch nicht kennen sollte, darf, muss vielleicht sogar einen Blick riskieren. Die Heldin wird sich noch weiter entwickeln und langweilig wird es definitiv auch weiterhin nicht. Die gleiche Empfehlung geht an alle Fans der klaren Linie, die Generation ZACK und an alle, die auch nicht Graphic Novels zusprechen, Personen entwickeln zu können.
Schreiber & Leser spendiert der Serie unter seinem Label Alles Gute eine Hardcoverausstattung mit allen Extras: durchlaufendes Rückenbild, Lesebändchen, Glanzlackapplikationen auf dem Einband und eine ausführliche redaktionelle Einleitung mit einer Unmenge an Illustrationen! Heutzutage geht der Blick oft genug zurück auf falsche Vorbilder oder Referenzen; diese Serie atmet zwar nostalgischen Charme aus, ist aber immer noch aktuell und die Freiheit fördernd!
Der Lockdown geht noch lange genug, also kontaktiert eure*n Lieblingsdealer*in und bestellt!
Dazu passt Brody Dalle, energisch und unangepasst, und Whiskey on the rocks.
Eindrücke aus dem Verlagsalltag, Corona und Ausblick auf 2021
Der Verlag Schreiber & Leser aus Hamburg ist mit mehreren Titeln unter den meistgelesenen Beiträgen vertreten und hat sich auch in der Jahresbestenliste 2020 prominent platzieren können. Es wurde daher dringend Zeit, den Verlag ein wenig genauer vorzustellen und wie könnte das besser geschehen als jemand aus dem Verlag selbst zu befragen. Pippo ist derjenige, der dafür sorgt, dass alles läuft und hat comix-online gut gelaunt Rede und Antwort gestanden. Aber lest selbst:
c-o: Hallo Pippo, könntest du dich / ihr euch und den Verlag Schreiber & Leser für die Leser*innen von comix-online kurz vorstellen?
Gerne. Ich sage ja immer, dass Schreiber und Leser nicht unangefochten der älteste deutschsprachige Verlag sein mag, der speziell Grafische Literatur für Erwachsene Leser*innen herausbringt, denn etwa der einstige Feest Verlag und das ebenfalls nicht mehr existierende Carlsen-Verlagslabel Edition ComicArt entstanden ungefähr gleichzeitig direkt Anfang der 1980er, aber S&L ist in diesem Programmbereich definitiv der langlebigste Verlag. Der erste Splitter Verlag, Salleck Publications oder der Reprodukt Verlag starteten schließlich erst um 1990 herum, der Dino Verlag, der die ersten dezidiert erwachsenen US-Comics im großen Stil rüberbrachte, sogar noch etwas später, und mit den Manga ging es ja erst kurz vor der Jahrtausendwende richtig los in Deutschland. Man möge mich hier aber gerne auch in allen Punkten oder teilweise korrigieren …
Das jedenfalls steht aber fest: Seit den Anfängen konzentrierte man sich bei S&L, namentlich die heutige Senior-Verlegerin und Max-und-Moritz-Preisträgerin Rossi Schreiber, auf europäische Comic-Lizenzen. Bis heute auch ist man dem italienischen (u.a. Manara, Serpieri, Hugo Pratt) und besonders dem frankobelgischen Comic treu geblieben, auch wenn das Programm mit der Zeit um US-Indie-Comics von Künstlern wie etwa Terry Moore sowie um die frühen Manga von Jiro Taniguchi erweitert wurde. Superhelden- und High-Fantasy-Geschichten liegen (aktuell) nicht im Fokus, aber darüber hinaus kennt das S&L-Programm keinerlei Einschränkungen: Uns ist nur wichtig, dass die Geschichten spannend und zeitgemäß bzw. bestens gealtert sind. S&L geht also, natürlich im krassen Gegensatz zu allen anderen Comic-Verlagen auf der Welt, ganz nach dem Motto vor: Qualität statt Masse. Das zeigt sich auch schon darin, dass wir im Monat nur sehr selten mehr als 2-3 Titel veröffentlichen.
Comics für Erwachsene
c-o: Ihr macht Comics für Erwachsene, definiert das aber anders als andere Verlage. Gibt es ein Bindeglied zwischen Serien wie Druuna oder Venus H. auf der einen und den Geheimnisvollen Städten oder Lincoln auf der anderen Seite?
Definieren die anderen Verlage das anders? Nach meinem Verständnis gibt es im Bereich der Grafischen Literatur (und wahrscheinlich der Unterhaltungsliteratur insgesamt) nur Geschichten, die sich im Spektrum zwischen All-Age-tauglich und nicht All-Age-tauglich bewegen, und wir sind mit unseren Titeln eher nicht so All-Age aufgestellt: mal aufgrund der expliziten Darstellungen von Erotik oder Verbrechen, mal aufgrund der verhandelten Inhalte, die eine gewisse Lebenserfahrung voraussetzen, um alle Nuancen zu verstehen, mal aufgrund ironischer oder anderer literarischer Verweise, die ein jüngeres Lesepublikum sehr wahrscheinlich noch gar nicht herausfiltern und erkennen kann. Da es aber zum Glück noch nie an Verlagen mangelte, die ganz bewusst All-Age-taugliche grafische Literatur herausbringen (der uralte Spruch, Comics seien nur für Kinder, kommt ja nicht von ungefähr), sehen wir da auch keine Dringlichkeit, unsere Expertise und unser nun schon viele Jahre gepflegtes Profil im Bereich der Erwachsenenliteratur komplett infrage zu stellen.
Corona
c-o: Das Jahr 2020 war geprägt von der Pandemie und Verschwörungstheorien und somit ganz anders als erwartet. Was ist bei euch anders gelaufen als geplant?
Als klar wurde, dass jetzt Stichworte wie „Lockdowns“ und „Veranstaltungsabsage“ zum Alltag gehören, haben wir erst einmal alles pausiert, was nicht zwingend zum Kerngeschäft gehört – eine Reaktion, die sicher auch bei vielen anderen Kolleg*innen zutreffen wird, denke ich. In den letzten Monaten war dann auch viel Kommunikation wichtig. Glücklicherweise durften wir aber rasch feststellen, dass wir unserer Philosophie treu bleiben können, keinen Trends zu folgen, sondern einfach auf gute, zeitlose Geschichten zu setzen. Es zeigte sich der große Wert unserer über Jahrzehnte gepflegten und gewachsenen Stammleserschaft, denn die Verkäufe blieben über das ganze Jahr 2020 stabil. Soweit ich das überblicke, teilen wir diese Erfahrung aber mit den meisten Comic-Verlagen, die ein klares Profil verfolgen und ebenso engagiert sind.
Publikumsverlage, die ein ganz breite Leserschaft ansprechen, hatten es da definitiv schwerer, da diese die Leser*innen teilweise gar nicht kennen und erst suchen und abholen müssen – wenn Geschäfte zu sind, niemand die Werbemittel mitnimmt, niemand das Marketing in den Schaufenstern sieht, haben diese Verlage natürlich ein massives Problem. Es hat sich in dieser Krise daher für uns noch mal in aller Deutlichkeit gezeigt, dass es durchaus seine Vorteile hat, als kleine Nussschale durch den großen Buchhandelsozean zu segeln statt als großer Verlagstanker, der ständig irgendwelche Bestseller- und Schnelldreherlizenzen durchboxen muss, um den ganzen Apparat am Laufen zu halten.
Aber das soll jetzt nicht respektlos klingen, denn Hut ab vor den Kolleg*innen, die in den Großverlagen arbeiten und mit Abstand größere geschäftliche Risiken eingehen als wir – aber solche Spekulationsakrobatik ist aber einfach nicht das Ding von S&L, auch wenn das heißt, das wir so definitiv nie Millionäre werden, wie die Kontoauszüge auch leider immer wieder beweisen …
Ausblick auf 2021 – das Verlagsprogramm
c-o: Könnt ihr schon einen Ausblick auf das kommende Jahr werfen? Gesamtausgaben wie die Western von Serpieri und Corto Maltese sind (erstmal) abgeschlossen, was kommt jetzt? Worauf freut ihr euch am meisten?
Richtig, die zwei Serien der italienischen Comic-Legenden Hugo Pratt und Serpieri liegen jetzt abgeschlossen vor – mit den beiden sind wir aber noch lange nicht fertig! Von Serpieri etwa folgt im Sommer bereits der Auftaktband einer bibliophil aufgemachten Artbook-Reihe, u.a. mit Halbleinenumschlag und einem Sonderdruck in der kompletten Erstauflage. Der erste Band dieser Reihe mit dem Titel „West“ nimmt die Western Serpieris in den Blick, und was danach folgt, dürfte klar sein: mindestens ein Artbook von Druuna! Auch von Hugo Pratt gibt es noch ein paar Schätze zu heben, zuerst aber werden seine „Wüstensskorpione“ fortgesetzt, ebenfalls in der mittlerweile etablierten doppelten Ausführung, also einmal als Farbausgabe und dann als Klassiker-Ausgabe in Schwarz-Weiß: Der 2. Band ist für Mai 2021 geplant. Und wir hoffen natürlich, dass die beiden spanischen Erben von Pratt, der Zeichner Rubén Pellejero und der Szenarist Juan Díaz Canales, mindestens noch eine Fortsetzung von Corto Maltese abliefern.
Es ist eigentlich immer unmöglich, das eigene Programm objektiv zu hierarchisieren. Wenn man etwas herausbringt, dann, weil man davon überzeugt ist, sonst würde man es nicht tun, vor allem nicht als Kleinstverlag. Aber so ganz persönlich gesprochen und wenn man mich zwingen würde, zumindest einen Titel hervorzuheben, dann würde meine Wahl aktuell fallen auf: Winczlav – 1. Vanko 1848! Das mag mit Blick auf die ganzen anderen Highlights im Programm 2021 vielleicht etwas überraschen, aber ich finde es einfach genial, dass die legendäre Largo-Winch-Serie jetzt ein Spin-off bekommt, das zumal die Vorgeschichte erzählt, dazu noch vom legendären Berthet gezeichnet, dessen Zeichen- und Erzählstil mich schon immer beeindruckt hat, und dann ist da noch das Comeback von Jean van Hamme. Wäre das nicht echt, man könnte es sich nicht ausdenken! Doch wer weiß, vielleicht wird dieser Ausflug den einen oder anderen Largo-Winch-Puristen auch total enttäuschen, ich aber freue mich schon enorm auf die deutsche Ausgabe und die Reaktionen der Leser*innen und bin da ganz optimistisch, dass das Dreamteam Berthet/van Hamme eine meisterliche Leistung abliefert.
Tops’n‘Flops
c-o: Für die Statistiker*innen unter uns: Welche Titel waren in 2020 Top? Und welcher Titel hat euch am meisten positiv oder negativ überrascht?
Wie erwähnt, verlief 2020 sehr stabil für uns, auch, weil wir von Experimenten oder irgendwelchen Panikreaktionen abgesehen haben, obwohl Letzteres sehr unserem Naturell entspricht hier in Hamburg. Weil aber alles so lief, wie noch vor Corona-Zeiten ausgemalt, muss man angesichts der schwierigen Umstände bei den klassischen Verkaufsstellen sagen, dass die Titel anscheinend sogar so stark waren, dass die Leser*innen mindestens einen Schritt mehr gegangen sind, um ranzukommen. Das beeindruckt uns aktuell nach wie vor und dafür sind wir allen Leser*innen da draußen sehr dankbar!
Um aber einmal zu den Zahlen zu kommen: Wie in den Vorjahren liegt die Durchschnittsauflage einer Publikation bei S&L mindestens im niedrigen 4-stelligen Bereich – einzige Ausnahme nach unten in den letzten Jahren nur die Klassik-Edition von Corto Maltese. Neben Neuauflagen von Corto Maltese, Largo Winch, Taniguchi-Manga und Bänden der Serpieri-Collection hat uns besonders die rasche 2. Auflage von „The End“ von Zep gefreut. Aktuell erscheint auch die 2. Auflage von „Shooting Ramirez“. Und wenn es so weiter geht, steuern auch „Mechanica Caelestium“, „Im selben Boot“ und der 1. Band von „Omaha the Cat Dancer“ auf eine 2. Auflage zu.
c-o: Vielen Dank! Möchtet ihr zum Schluss noch etwas mitgeben?
Im Internet steht meistens eigentlich nur Quatsch, glaubt also nicht alles, was ihr da findet!