Segura/Miralles – Eva Medusa

Gesamtausgabe

Story: Antonio Segura

Zeichnungen: Ana Miralles
Originaltitel:
 Eva Medusa – Intégrale

schreiber & leser

Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 29,80 €
ISBN: 
978-3-96582-219-1

Cover Eva Medusa Gesamtausgabe

Eine Geschichte über das gefährliche Thema: Frau beherrscht Mann. Wenn ein Mann einer Frau hörig ist, muss eine übersinnliche Macht dahinterstehen, ansonsten ist es doch unmöglich. Im Falle dieser Geschichte, die in Südamerika spielt, ist es Voodoo. Nun ja, die Frage, ob das sogenannte „starke Geschlecht“ nicht einfach auch viele unfähige, arrogante und sich selbst für das Zentrum ihrer Welt haltende Mitglieder hat, wird hier nicht explizit gestellt.

„Das Gift“

Die Geschichte spielt in Brasilien. Die Tochter eines reichen, verwitweten Gutsherrn kommt nach einer Zeit in einem klösterlichen Internat zurück auf die Hacienda ihres Vaters. Dort beobachtet sie den Verwalter ihres Vaters, wie er sich mit Angestellten vergnügt. In ihrer Wut und in ihrer kindlichen Enttäuschung über die gefühlte Zurückweisung des von ihr angeschwärmten Mannes zertrümmert sie eine von ihm bekommene Puppe. Diese Wut scheint eine Tür zu öffnen. Einerseits spürt der Mann plötzlich Schmerzen, die denen der Puppe entsprechen, andererseits wird Anhängerinnen des lokalen Voodookultes klar, dass die Tochter wie schon ihre Mutter ein empfängliches Medium ist.

In einer Zeremonie wird die Tochter geweiht, vereinigt sich mit einer großen Schlange und wird zu Eva Medusa. Diese erinnert an die antike Gorgone, deren Haar aus Schlangen bestand, und hat die Gabe, sich Männer komplett hörig zu machen. Männer, die sie einmal verführt hat, können danach keine andere Frau mehr lieben.

Eva Medusa Gesamtausgabe page 21

Der Verfall des Verwalters, das Geheimnis des Vaters, dessen Frau ebenfalls zu Eva Medusa geworden war, die Unehrlichkeit von zwei katholischen Priestern, die deswegen ebenfalls der Sünde ein leichtes Opfer bieten, und die allgemeine Stimmung der damaligen Zeit in diesem von Klassengegensätzen getriebenen Land vermengt Antonio Segura zu einer spannend zu lesenden Geschichte in drei Bänden, die hier komplett abgedruckt werden.

Farbenfroh und dynamisch

Ana Miralles hat schon mehrfach, etwa in Ava oder Djinn, bewiesen, dass sie eine spannende Erzählung umsetzen kann. Sie ist dabei in der Lage, Frauen respektvoll in erotischen Szenen darzustellen, die sie entweder klar als dominierende Figur darstellen, oder aber zumindestens ihre Würde respektiert. Hier sind die Frauen die treibenden Kräfte, die Männer und Gesellschaft beherrschen, auch wenn das Geschäftliche in Männerhänden liegt.

Und so wechseln sich Alltagsbegebenheiten, Liebesszenen, kultische Handlungen, und Actionszenen munter ab. Stehen Männer im Vordergrund ist fast immer Verzweiflung das Thema: Die Unfähigkeit, den eigenen Anforderungen oder denen von außen zu genügen, die Impotenz (in einer machistischen Gesellschaft), oder die Hingabe an eine vernichtende Sucht. Alle diese Punkte werden durch Körperhaltung und Kolorierung verstärkt und bilden einen scharfen Gegensatz zu der keinesfalls „heilen“ aber mächtigen Position der Frauen. Wer also eine Vorlage für männliche Fantasien erwartet, wird hier umdenken müssen!

Eva Medusa Gesamtausgabe page 22

Ein aus der Masse hervorstechender Titel!

Erotik-Comics, Comics für Erwachsene, Adult-Segment, … Schlagworte, die man als Leser*in aktuell bei einer Vielzahl von Comic-Verlagen findet. Das Angebot, das teilweise Grenzen in einem Masse überschreitet, die vor einigen Jahren noch zum Einsatz von hunderten von uniformierten Beamten geführt hätte, ist fast schon nicht mehr überschaubar. Und natürlich werden in solchen Situationen auch verlegerische Entscheidungen getroffen, die nur den fiskalischen Deckungsbeitrag im Auge haben, oder sich tatsächlich auch als Fehlgriff entpuppen können.

Eva Medusa gehört zu den Titeln, die sicherlich weder dem schnellen Konsum dienen noch zu denen, bei denen die Qualitätskontrolle versagt hätte. Die Story versucht nicht zu erklären, versteckt aber trotzdem eine Menge an Kritik zwischen ihren Zeilen und die respektvollen und doch deutlichen Zeichnungen von Ana Miralles verstärken diesen Eindruck.  Das einzige Manko für mich bei diesem Band ist der im Vergleich zu Djinn fehlende Anhang mit Texten über Hintergründe und Prozess. Es gibt im Übrigen auch eine auf 111 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit dem folgenden Motiv als Druck!

Druck der Eva Medusa Gesamtausgabe VZA

Dazu passen die Broilers, etwa „Zurück zum Beton“, und ein Espresso Martini.

© der Abbildungen Editions Glenat 2013 by Antonio Segura & Ana Miralles | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Guez/Francq – Largo Winch 25

Wenn die Götter dich verlassen …

Story: Jérémie Guez

Zeichnungen: Philippe Francq
Originaltitel:
 Si les dieux t´abandonnent …

schreiber & leser

Hardcover | 48 Seiten | Farbe | 16,95 € ISBN: 978-3-96582-216-0

Cover Largo Winch 25

Largo Winch ist der Erbe eines profitablen multinationalen Firmen-Konglomerats. Immer wieder gerät er in Schwierigkeiten, weil ihm sein Reichtum geneidet wird, Angestellte seiner Firmen die ethischen Grundlinien nicht einhalten wollen, oder seine Abenteuerlust ihn irgendwo hineinzieht. Erfunden wurde die Figur 1973 als Romanheld von Jean Van Hamme bevor sie dann 1989 als Comicfigur weiterentwickelt wurde. Die Serie besteht jeweils aus zwei Bänden, die zusammengehören. Die ersten 20 sind als Doppelband erhältlich.

Humanitäre Drohnen

Bedingt durch den Ukraine-Krieg gibt es eine sehr starke Korrelation zwischen Drohnen und Angriffswaffen in unseren Gedanken. Daneben schwebt vielleicht noch die Idee der Lieferdrohne. Sowohl Dienstleister wie Amazon als auch Lieferando-artige Anbieter zum Beispiel in China setzen diese bereits täglich ein. Bis wir sie hier in Deutschland zu sehen bekommen werden, vergehen aber wohl noch Jahrzehnte… Im ersten Teil des neuen Doppelabenteuers, das erstmals aus der Feder von Jérémie Guez stammt, geht es um Drohnen, die humanitären Zwecken dienen sollen.

Dazu zählen etwa Einsätze nach Naturkatastrophen, aber auch die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten in kriegerischen Situationen. Aurora Dynamics, eine Winch-Firma, ist einer der Produzenten. Gleich auf den ersten Seiten des Bandes findet Largo allerdings den Firmengründer von Aurora tot auf einem Schiff. Seine überlebende Tochter wird den Helden im Folgenden begleiten.

Largo Winch 25 page 7

Der Verdacht auf eine größere kriminelle Aktivität wird dadurch verstärkt, dass auch die Mutter, ebenfalls leitend in der Firma beschäftigt, vor wenigen Tagen bei einem Unfall verstorben ist. Guez nimmt das Setting der Serie gut auf und verknüpft Wirtschaftsthemen und Technik mit Kriminalität. Die Abläufe werden gut entwickelt, die Schauplätze sind ideal gewählt und die Nebenfiguren passen ebenfalls. Langjährige Leser*innen werden begeistert sein, Neulinge können jederzeit einsteigen!

Frankobelgischer Realismus

Philippe Franck ist die Konstante der Serie, er liefert jetzt bereits seinen 25. Band ab! Von daher gibt es natürlich auch keinen Bruch. Actionlastige Szenen wechseln sich mit Darstellungen grandioser Natur oder großstädtischer Architekturen ab. Dabei ist anzumerken, dass Francq motorisierte Szenen zwar bevorzugt, aber auch die Königsklasse der Reiterei beherrscht. Seine Bilder vom Polo sind außergewöhnlich gut!

Largo Winch 25 page 8

Fans schätzen des Weiteren die ständig wechselnden Kulissen. In diesem Band kommt eine kleine Felseninsel zu ihrem Auftritt und sowohl das moderne als auch das traditionellere Indien wird gezeigt. Auch die drei Cheffinnen des indischen Singh-Clans könnten gegensätzlicher nicht sein.

Eine gelungene Staffelübergabe!

Das Konzept der Serie und auch ihr Spirit werden durch den Wechsel im Szenario nicht verändert. Natürlich geht die Serie mit der Zeit, der Westen ist schon lange nicht mehr führend. Das wird auch hier deutlich, die Winch-Gruppe ist zwar schon immer international gewesen, steht aber für die alte Welt. Die Kooperationspartner kommen aber mittlerweile aus dem Süden oder dem Osten.

Wer auf Wirtschaftsthriller steht, sollte die Serie kennen (und lieben) und darf ob des Wechsels beruhigt sein. Wer sie jedoch nicht kennt, sollte unbedingt reinschauen!

Dazu The Jam  (R.I.P.) mit “That’s Entertainment“und ein Old Fashioned.

© der Abbildungen DUPUIS 2025 | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Jahresrückblick 2025 – Die besten Comics

Und wieder: Die besten Titel des Jahres und ein wenig mehr

Was für ein Jahr: Kriege laufen weiter und Bewohner*innen, die Natur und die weltweite Stimmung leiden darunter. Es scheint fast so, als ob wir uns im vorletzten Teil einer Serie befinden würde, in der alles auf den abschließenden Kampf „Gut“ gegen „Böse“ hinausläuft. Leider auch mit dem üblichen Twist, dass bisher für „Gut“ gehaltene Spieler plötzlich die Seite wechseln. Nun ja, aufgeben gilt nicht.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass ChatGPT auf den Markt kam. Die Ausmaße der disruptiven Wirkung auf das gesamte Publishing sind noch nicht abzusehen, aber viele Kreative und Verlage mussten bereits feststellen, dass Ignoranz in diesem Falle nicht weiterhilft. Auch hier bleibt es spannend.

comix-online Reporter
Immer für euch unterwegs

Viele Leser*innen dieser Seite gehören der Generation der Boomer an. Während sich damit einerseits die Rente schon als Lebenswahrheit darstellt oder zumindest innerhalb der nächsten fünf Jahre darstellen wird, sterben immer mehr „alte Bekannte“ aus Kunst und Politik, die unsere Jugend geprägt haben. Wie gut, dass es wenigstens immer wieder Neu-Veröffentlichungen von Klassikern gibt…

Ein wenig Eigenlob muss sein: Mehr als 110.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel stellen ein Wachstum von 10% gegenüber dem letzten Jahr dar. VIELEN DANK! Wie immer freue ich mich über Feedback und Kritik. Ich werde allerdings nicht aufhören, zu gendern. Das Ergebnis meiner Tätigkeiten war auch in diesem Jahr wieder in diversen Ausgaben des ZACK, im ZACK-Sonderheft und in der Sprechblase zu lesen. Übersetzungen fanden sich in den (sehr empfehlenswerten) Integralen von Sammy & Jack und der Zentauren (nur redaktioneller Teil) sowie bei der deutschen Ausgabe von Nicky Saxx.

Die besten Comics

Nun aber zu meiner ganz persönlichen Auswahl der Top-Titel des Jahres. Viele andere Titel sind trotzdem empfehlenswert. Es lohnt sich also immer noch, in die einzelnen Besprechungen zu schauen.

Der beste Comic des Jahres ist eine ganz alte Kamelle (wie war das mit den prägenden Einflüssen der Jugend?): Der erste Band von Sgt. Kirk von Héctor Oesterheld und Hugo Pratt. Der Western in schwarz-weiß vereinbart Kritik an den herrschenden Verhältnissen und dem Status Quo, Humor, Absurditäten, Spannung und eine herausragende Behandlung des doch wieder häufig vertretenen Genres. Zudem sind die reduzierten Zeichnungen von Pratt oftmals genial, nie aber schlecht.

Cover Sgt. Kirk 1

Platz 2 geht ebenfalls an einen Klassiker, allerdings einen junggebliebenen! Der 41. Asterix, Asterix in Lusitanien, vereint halbwegs zeitlos verpackte Anspielungen auf Politik und Zeitgeschehen, überspitze, aber sympathievolle Darstellungen der den Portugies*innen zugeschriebenen Eigenschaften und viel Humor. Während Didier Conrad mittlerweile so gefestigt ist, dass er eigene Akzente im Stil von Uderzo setzen kann, beweist Fabcaro in seinem zweiten Streich, dass die Wahl zu Recht auf ihn gefallen ist.

Und noch eine alte Kamelle: Auf Platz 3 kann sich ein alter Koralle-ZACK-Held platzieren: Häuptling Feuerauge kämpft mit allem und meistens verliert er. Die beiden ersten Jahre inklusive der Sonntagsseiten in einem Album. Leider hat sich der Band nicht so gut verkauft, dass eine Fortsetzung zu erwarten ist.

Platz 4 ist wieder eine Neuerscheinung, und zwar eine der wenigen, die mich komplett überzeugt haben: Habeamus Bastard ist eine Mischung aus Thriller, Noir und – trotz allem – Humor, ja, sogar Slapstick. Schwartzmann und Vallée zeigen, dass man auch in Zeiten des Streaming-Serien-Überflusses noch intelligente und neue Inhalte ohne bewegte Bilder erzeugen kann.

Platz 5 geht an einen Comic, der in Deutschland noch gar nicht erschienen ist, möglicherweise auch nie erscheinen wird. Die Amoras-Saga ist mittlerweile bei ihrer dritten Serie angekommen: De Helden van Amoras konzentrieren sich wieder mehr auf Suske und Wiske und ihr Verhältnis zueinander. Das Cover sorgte für Herzanfälle und Verzweiflung, zeigte es die Beiden doch bei einem innigen Kuss. Natürlich ist alles ganz anders, aber das wäre ein Spoiler.

Die besten Graphic Novels

Bitte verzeiht mir die etwas willkürliche Trennung zwischen Comics, Graphic Novels und Gesamtausgaben. Ich habe die für mich passendste Zuordnung getroffen, bin mir aber bewusst, dass man das auch ganz anders machen könnte.

Platz 1 geht in diesem Jahr an einen deutschen Titel: Rude Girl von Birgit Weyhe. Ja, ich weiß, dass er eigentlich in 2024 gehört, er ist aber nun Mal erst in 2025 bei mir aufgeschlagen und ich möchte ihn keineswegs unterschlagen. Es geht um eine Migrantin aus der Karibik, die ihre Jugend in den USA verbringt. Äußere Zwänge, traditionelle Erwartungen und rassistische Alltäglichkeiten bestimmen ihr Leben, bis sie sich zu einem Leben als Rude Girl entscheidet. Die Skinhead- und Punk-Subkultur gibt ihr Halt und lässt ihr Raum für ihre eigene Entwicklung. Auf einer Metaebene geht es darum, ob und wie eine Weiße das Leben einer Migrantin beschreiben kann und darf.

Cover Weyhe - Rude Girl

Platz 2 geht an einen Spätwestern. Wiedersehen mit Comanche von Romain Renard ist einerseits eine Weiterführung der von Greg und Hermann entwickelten innovativen Westernserie Comanche über einen ehemaligen Revolverhelden der geläutert auf einer Farm hilft. Dabei verliebte er sich in die Farmbesitzerin und tötet schließlich einen extrem grausamen Gangster. Da dieser bereits entwaffnet war, musste der Held fliehen. Nun wird er Jahrzehnte später aufgespürt und soll einer Autorin Auskunft über das vergangene Zeitalter geben. Selten habe ich eine gleichzeitig so schonungslose Abrechnung mit den alten Träumen wie sorgsame Annäherung an komplexe Persönlichkeiten gelesen. Die in Grautönen gehaltene Geschichte passt in die literarische Tradition der gesellschaftlichen Dekonstruktion der Mittelklasse, spielt allerdings in etwas früherer Zeit als üblich.

Platz 3 ist eine Mischung aus Horror und Antikriegsballade und spielt während des Ersten Weltkrieges. Die Ballade vom Soldaten Odawaa erzählt von den Schrecken des Krieges und der psychologischen Kriegsführung. Sie zeigt einen in einer kanadischen Einheit kämpfenden Indianer, der sich fast unbemerkt in Stellungen bringen kann, die es ihm erlauben zu töten. Christian Rossi zeigt in düsteren Bildern den Schrecken auf beiden Seiten der Frontlinie, Cédric Apikian hat sich von tatsächlichen Begebenheiten zu dieser Story inspirieren lassen.

Die besten Gesamtausgaben

Auch bei den Gesamtausgaben stehen eher ältere Serien im Vordergrund. Die beste GA des Jahres ist aber eine aktuelle Geschichte, die in den letzten drei Jahren im ZACK vorabgedruckt worden war: Das Mädchen von der Weltausstellung verknüpft historische Fakten mit einer Soap-Geschichte. Ursprünglich auf fünf Bände angelegt, konnten nur drei erscheinen bevor der Zeichner verstarb. Sie nehmen jeweils eine der Weltausstellungen in Paris zum Anlass, das Leben von Sophie Kleinnagel zu schildern. Sie lebt in einem Wohnwagen von der Wahrsagerei und gerät jeweils in eine Kriminalgeschichte. Zudem ändern sich die Beziehungen ihrer Mitmenschen zu ihr, entwickelt sie sie doch vom kleinen Kind zu einer jungen Frau, die Begehrlichkeiten weckt.

Cover Mädchen von der Weltausstellung Gesamtausgabe

Platz 2 und 3 kommen aus dem gleichen Verlag. Der Taschen-Verlag hat sich in den letzten Jahren zu einem Spezialisten für XXL-formatige Wiederveröffentlichungen von Klassikern der Comic-Geschichte entwickelt. Zunächst wäre da Band 1 der EC Comics Library mit dem ersten Band der Weird Science Ausgaben von 1950 -1952. Science-Fiction Stories mit grandiosem Artwork und einem typischen Twist in der Geschichte, der sie zu zeitlosen Perlen macht. Ein Coffee-table-book der Extraklasse. Man sollte dem Besuch allerdings nicht erlauben, sich darin zu vertiefen, denn dann ist es aus mit der Verabredung.

Das gleiche Format und Prinzip der sorgfältigen Reproduktion der klassischen Veröffentlichung wurde auch bei der Disney Comics Library angewendet. Der erste Band von Carl Barks’s Donald Duck präsentiert Schätze aus Four Color Comics zwischen 1942 und 1950. Natürlich kennen wir diese Geschichten, haben sie möglicherweise sogar schon mehrfach zu Hause, aber meistens in der deutschen Übersetzung und nicht im Original. Dieses bietet aber einen deutlich anderen Lesegenuss als die auf deutsche Bildungsbürger ausgerichtete Qualitätsarbeit von Erika Fuchs und ihren Adepten. Beide Bände sind übrigens auf den Quadratzentimeter umgerechnet echte Schnäppchen, haben aber ihren Preis. Trotzdem sind sie ihn wert!

Die besten Sekundärwerke

In jedem Jahr vertreten, dieses Jahr mal wieder auf Platz 1: Die Reddition hat – wohl zum letzten Mal – zwei Ausgaben in einem Jahr geschafft: Während es in der ersten Jahreshälfte um Autos im Comic ging, widmete sich die Winterausgabe dem 2024 verstorbenen André Juillard. Dem Team um Volker Hamann gelingt es immer wieder, extrem detailreich zu informieren, ohne dabei in eine akademische Langatmigkeit zu verfallen. Die Artikel werden durch Illustrationen, Fotos und Listen sinnvoll ergänzt und sind ein Must-Have für alle, die sich tiefer mit ihrer Leidenschaft beschäftigen wollen. Für Abonnent*innen gibt es jeweils eine limitierte Beilage.

Zu Platz 2 gibt es leider keine Rezension, ich habe es nicht geschafft, diese Masse an Informationen, Statements und Wertungen in eine halbwegs überschaubare Besprechung zu packen. Trotzdem ist Black Comics von Alexander Braun erneut ein Meisterwerk! Der Autor bezieht klare Positionen, begründet sie aber sehr nachvollziehbar und füllt fast nebenbei die Seiten mit einer Masse von Informationen, die ihres Gleichen sucht. Egal ob Blackfacing, „Indianer-Debatte“, Superhelden, Gay & Porn oder graphic novel, alle Bereiche finden ihre Erwähnung. Wie immer sollte jede Veröffentlichung von Alexander Braun ihren Weg ins Regal finden. Wenn möglich, sollte man den Lesegenuss mit einem Besuch in den begleitenden Ausstellungen im schauraum in Dortmund kombinieren. Aktuell läuft dort eine Lucky Luke Ausstellung (natürlich ebenfalls mit einem Katalog).

Platz 3 geht an Deutschlands größtes Magazin für klassische Comics, die Sprechblase. Gerhard Förster hat mit der 250. Ausgabe noch einmal alles gegeben. Mittlerweile ist der Staffelstab an ein neues Team überreicht worden. Wie immer ist viel zu viel auf den Seiten untergebracht worden und für manche Abbildung wäre eine Lupe hilfreich. Aber genau diese Liebe zu den Details machte den Reiz der Förster-Ausgaben aus.

Die besten Magazine

Gibt es eine Überraschung in dieser Kategorie? Nein, nicht wirklich.

Platz 1 geht wie im Vorjahr an das ZACK. Das Magazin hat mittlerweile sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert (mit einer kleinen Unterbrechung) und ist in der aktuellen Form bei der Ausgabe 318 angekommen. Die Mischung aus traditionellen, runderneuerten Serien wie Michel Vaillant oder Rick Master und neuem Material wie etwa Rani oder Amoras ist auf dem deutschen Markt einzigartig. Die von euch meistgeklickte Nummer war die 310 aus dem April, Platz 5 der Jahrescharts! Das ZACK-Sonderheft hat sich mittlerweile ebenfalls etabliert und erscheint zweimal jährlich.

Totgesagte leben länger: Das ZEBRA hat zwar sein Erscheinen eingestellt, hat aber ein Ferien-Sonderheft herausgebracht. Diese Idee, an alte Traditionen anzuknüpfen und eine Rahmenhandlung um viele Absurditäten zu knüpfen gefällt! Die Zebras beweisen Jahr um Jahr, dass Independent auch ohne Sex und Superkräfte in Deutschland funktionieren kann. Platz 2 ist damit redlich verdient.

Für Platz 3 hat sich ein deutsches Eigengewächs qualifizieren können das ebenfalls in diesem Jahr Geburtstag gefeiert hat: Das mosaik hat nun 600 Ausgaben auf dem Buckel, die Zeitschrift gibt es seit 70 Jahren und die Helden, die drei Abrafaxe, werden 50. Empfohlen von der Stiftung Lesen bieten die Hefte nicht nur kindgerechte Stories mit viel historischem Hintergrund, sie haben auch immer einen redaktionellen Teil mit erläuternden Artikeln, Spielen, Experimenten und Kochrezepten. Der Inhalt kann aber auch von Erwachsenen mit einem etwas anderen Verständnis gelesen werden. Zu Recht eines der erfolgreichsten Comicprojekte hierzulande!

Und dann ist da noch …

Der Tradition dieser Rückblicke folgend fehlt noch eine besondere Erwähnung. Diese geht in diesem Jahr nicht an den neuen Trend der Erotik-Comics, obwohl es durchaus bemerkenswert ist, was man heutzutage öffentlich verkaufen kann. Noch vor wenigen Jahren wären Indizierungen und Prozesse gefolgt.

Ich möchte vielmehr auf einen Klassiker hinweisen, der nun wieder erhältlich ist: Section R  von Raymond Reding. Damals im Koralle-ZACK waren einige Geschichten abgedruckt worden, allerdings nicht immer in der richtigen Reihenfolge. Die Albenveröffentlichung macht das jetzt besser. Die Stories handeln von einer Agentur mit zwei Partner*innen, die Missstände im Sport wie etwa Doping oder Wettbewerbsbetrügereien aufdecken. Der Geist der 60-er bestimmt die Zeichnungen und das Tempo, die Inhalte sind leider immer noch aktuell.

Cover Section R 1

Eure Lieblinge

Zum Schluss wie üblich die Charts der Zugriffe:

Ganz oben steht Hägar. Der Beitrag aus dem Jahr 2022 hat auch in 2025 die meisten Leser*innen angezogen.

Cover Hägar Gesamtausgabe 1973

Platz 2 geht an den Rückblick auf 2024. Die Jahreszusammenfassung gibt eine gewichtete, persönliche Empfehlung.

2025 war wieder ein Asterix-Jahr. Die begleitende Berichterstattung erhielt über das ganze Jahr die drittmeisten Zugriffe.

Auf Platz 4 folgt der erste Erotiktitel: Thrax von Trif verknüpft eine Geschichte aus dem alten Rom noch expliziter mit sexuellen Handlungen als üblich, hat aber trotzdem noch eine sehr komplexe Handlung. Auf Platz 5 dann das beste ZACK: die Nummer 310. Fast alle Ausgaben sind hoch platziert, werden aber nicht einzeln aufgeführt.

Auf den Plätzen 6 bis 10 folgen Der fünfte Band des Sammy und Jack Integrals, Band 3 der neuen Minimenschen Gesamtausgabe, der zweite Band der Djinn Sammelbände, Sgt. Kirk und Band 12 der zweiten Staffel von Michel Vaillant.

Wie immer also eine bunte Mischung. Für das kommende Jahr wünscht comix-online allen Leserinnen und Lesern einen guten Start, viel Erfolg und Gesundheit. Hoffentlich bleibt uns die Hoffnung auf eine friedliche, gerechte und erhaltenswerte Zukunft erhalten!

© der Abbildungen bei den jeweiligen Zeichner*innen und Verlagen

Dufaux/ Miralles – Djinn Sammelband 3

Dritter Zyklus: Indien

Story: Jean Dufaux

Zeichnungen: Ana Miralles

Originaltitel: Djinn L´Integrale – Cycle India

Schreiber & Leser – Alles Gute!

Hardcover | 232 Seiten | Farbe | 39,80 € | 
ISBN: 978-3-96582-200-9

Cover Djinn Sammelband 3

Der finale Zyklus spielt zeitlich sowohl nach dem zweiten als auch zwischen ersten und zweitem Sammelband, Dufaux beherrscht das Spiel mit den Zeitebenen perfekt. Die Djinn ist sowohl aktive Treiberin des Geschehens als auch selbst Opfer, kann sie doch keine Liebe empfinden. Parallel dazu ist der Band aber auch eine Darstellung von Ereignissen, die schließlich zur Unabhängigkeit Indiens von den englischen Besatzern führten.

Politik, Macht und ihre Abhängigkeiten

Die Erzählung beginnt im Jahre 1919 in Eschnapur, einer fiktiven Stadt in Indien. In ihr herrscht eine Rani, mit der Heirat ihres Sohnes soll jedoch die Regierungsgewalt an ihn als neuen Maharadscha übergehen. In Indien gibt es zu jener Zeit überall Unabhängigkeitsbestrebungen, die teilweise auf gewaltlosen Widerstand setzen (Gandhi), teilweise vor Anschlägen und Auseinandersetzungen nicht zurückschrecken. Die Rani möchte, dass ihr Sohn sich nicht wie von ihm geplant als Verbündeter der Engländer verstehen wird. Sie beauftragt daher die Djinn Jade, seine zukünftige Frau, die Tochter eines abgetauchten Rebellenführers, in der Kunst der Verführung zu unterweisen, um sicherzustellen, dass ihr Mann ihr nicht widerstehen könne.

Die zukünftige Frau wird in den Palast der Lüste verbracht und dort von Jade unterrichtet. Gleichzeitig gilt es aber auch, sich der Attacken der vormaligen Favoritin des künftigen Herrschers zu erwahren. Diese ist keineswegs damit einverstanden, ihre führende Position zu verlieren. Und auch Lord und Lady Nelson, die Jade begleitet haben, werden von der Djinn gedemütigt und gleichzeitig bei Laune gehalten. Nicht zuletzt nehmen sie aber auch eine Rolle in den Kämpfen zwischen Indern und Engländern ein.

Djinn Sammelband 3 page 17

Gleichzeitig hat Jean Dufaux noch eine Nebenhandlung integriert: Die Tochter der Rani ist aufgrund einer Verfehlung ihrer Mutter verflucht, im Körper einer 12-jährigen fest zu stecken. Während ihr Bruder im Laufe der Geschichte erfahren wird, ob und wie er seiner Schwester helfen könnte, wird doch deutlich, dass nur Jade entscheidend dazu beitragen kann. Dazu muss sie nach Afrika aufbrechen (Afrika-Zyklus). Der abschließende Band wiederum ist nur noch Kim Nelson gewidmet. Sie, die auf der Suche nach ihrer mutmaßlichen Vorfahrin Jade war, begegnet nun in Eschnapur ihrer eigenen Vergangenheit aus dem Orient-Zyklus.

Opulente Bilder mit versteckten Inhalten

Ana Miralles erklärt im Anhang ihre Schwierigkeiten mit der Geschichte. Frauen werden im Prinzip nicht so dargestellt, wie es richtig wäre. Andererseits versteht sie aber auch den Plan, den Dufaux verfolgen wollte. Und so hat sie im Hintergrund symbolhafte Darstellungen von Frauen untergebracht, die das im Vordergrund gezeigte konterkarieren und es so in eine andere Richtung bewegen können, wenn die Leser*innen denn bereit sind, dieses aufzunehmen.

Djinn Sammelband 3 page 18

Ihre Bilder zeichnen wieder eine Traumwelt, zusammengesetzt aus Erwartungen und Vorurteilen über eine fremde Kultur und ihre Sitten. Vieles davon hat natürlich historische, echte Wurzeln, die Fiktion hat aber sicherlich zum Erfolg dieser nun in drei Sammelbänden komplett vorliegenden Serie beigetragen. Die Erotik ist angedeutet, neben brutalen Szenen gibt es immer wieder solche, in denen die Lust im Vordergrund steht. Fast immer geht es aber darum, dass körperliche Liebe auch ein Ausdruck von Verflechtungen, Verpflichtungen und Versprechen ist.

Alles andere als platt!

Bei erotischen Comics ist die Grenze zwischen platt und anspruchsvoll, voyeuristisch und anregend, banal und interessant oft nur schmal. In Djinn zeigt Ana Miralles viel nackte Haut, beschreibt Jean Dufaux durchaus Szenen, in denen Frauen als Objekte behandelt werden. Trotz allem geht es hier aber auch um die Macht, die Frauen ausüben können (in politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Stellung) wenn sie die Schwächen der männlichen Eitelkeit ausnutzen. Die Handlung ist komplex und überspannt mehrere Kulturkreise und Zeitebenen und dient keinesfalls nur als Rahmen für expliziten Szenen.

Mit zu dem Verständnis der Geschichte tragen auch die jeweiligen Einführungen von Dufaux und der zusammenfassende Anhang von Miralles bei. Beide beschreiben Intention und Schwierigkeiten während der Umsetzung und erläutern Kompromisse. Daher ist sowohl die Geschichte als auch vor allem die Aufmachung der Sammelbände zu empfehlen, richtet sich aber an Erwachsene. Wer nur eine Vorlage sucht, wird hier nicht glücklich werden!

Ex Libris Djinn Sammelband 3 VZA

Wer möchte, kann die limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck erwerben.

Dazu passen Tim Timebomb and Friends mit “30 Pieces of Silver” und ein Old Fashioned.

© der Abbildungen Dargaud Benelux (Dargaud-Lombard S.A.) 2018, by Dufaux, Miralles / 2025 Verlag Schreiber & Leser

Oesterheld/Pratt – Sgt. Kirk 1

Erste Epoche

Story: Héctor Oesterheld

Zeichnungen: Hugo Pratt
Originaltitel:
 Sargento Kirk; Misterix 225 – 227, 228 – 239, 241 – 242, 244 – 254, 257 – 260, 261 – 265

schreiber & leser

Hardcover | 208 Seiten | s/w | 32,80 €
ISBN: 
978-3-96582-204-7

Cover Sgt. Kirk 1

Das vielfältige Werk von Hugo Pratt wird erst langsam auch auf dem deutschen Markt verfügbar gemacht. Während es lang Zeit nur um seine wohl bekannteste Serie Corto Maltese ging, verlegt sein deutscher Stammverlag mittlerweile auch andere Werke. Teilweise – wie etwa Cato Zulu – waren diese schon mal erschienen, teilweise handelt es sich um Erstveröffentlichungen. Sgt. Kirk umfasst rund 10.000 Panel und erscheint komplett in 5 Sammelbänden.

Ein Offizier als Renegat

Sgt. Kirk ist ein klassischer Western; der Titelheld ist Offizier bei der 7. US-Kavallerie, also der Truppe, die am häufigsten in Kämpfe mit den First Nations, den amerikanischen Ureinwohner*innen, verstrickt war. Zunächst ist er auch ein normaler Vertreter dieser Klasse und befehligt einen Einsatz, der zu der Vernichtung einer ganzen indianischen Siedlung führt. Dabei wurden sowohl Männer als auch Frauen und Kinder bestialisch ermordet. Im Folgenden führt diese Aktion dazu, dass Kirk beginnt, sich Fragen zu stellen.

Bei einem Einsatz nimmt Kirk einen Häuptling gefangen und liefert ihn im Fort ab. Als er jedoch in der Folge von seinen Vorgesetzten von weiteren Strafexpeditionen und Vernichtungsfantasien hört, beschließt er zu desertieren. Im weiteren Verlauf schließt er sich dem Stamm der Tchatooga an und muss mehrfach seine Tapferkeit und Loyalität unter Beweis stellen. Während es zunächst um Konflikte zwischen unterschiedlichen Stämmen geht, kommt alsbald das verdammte Gold hinzu. Aufgrund ihrer Gier beschließen Weiße, die gültigen Verträge zu ignorieren und wollen die Stämme von ihrem Gebiet vertreiben oder besser gleich alle töten. Nun muss Kirk auch gegen sein altes Volk kämpfen.

Sgt. Kirk 1 page 25

Die von Héctor Oesterheld geschriebenen Szenarien sind zwar beeinflusst von den bekannten Westernfilmen und Settings, nehmen aber schon zu Beginn der 50-er Jahre eine sich im Allgemeinen erst viel später durchsetzende Sichtweise ein: Das Leben der First Nations wird nicht überhöht (Stichwort: der „edle Wilde“) sondern vorurteilsfrei beschrieben und die Gier der weißen Verbrecher mit und ohne Uniform ist ebenfalls eine persönliche Eigenschaft, die nicht rassistisch begründet wird. Vielmehr sind hier philosophische Kategorien entscheidend.

Von Cannif beeinflusste Zeichnungen

Hugo Pratt musste für diese Serie teilweise mehr als 100 Panel pro Tag zeichnen! Sie waren ursprünglich für ein Querformat angelegt und wurden erst später für die Veröffentlichung in dem italienischen Magazin Sgt. Kirk auf das hier verwendete Hochformat ummontiert. Trotz des immensen Outputs an Bildern sind die einzelnen Zeichnungen alle durchdacht und von überdurchschnittlicher Qualität.

Sgt. Kirk 1 page 26

Man merkt, dass sich Pratt ursprünglich an Milton Cannif orientiert hat. Seine Zeichnungen können aber über eine längere Strecke erzählen, da sie nicht als Zeitungsstrips in extrem kleinen Häppchen funktionieren müssen. Und so sind nicht nur einzelne Handlungselemente Filmen sehr ähnlich, auch ihre Darstellung ist davon beeinflusst.

Endlich!

Es gibt eine ganze Reihe an hochkarätigen europäischen Western, die versuchen ein differenzierteres Bild der Armee (Blueberry) oder der First Nations (Ahnen der Mescaleros, Buddy Longway, Jerry Spring) zu zeichnen. Sgt. Kirk sieht das Ganze noch mal mit einem ganz anderen, argentinischen Blick. Der Autor, Héctor Oesterheld, ist einer der von der rechtsgerichteten Diktatur aufgrund seines Einflusses Ermordeten. Umso wichtiger ist es zu verstehen, welche freiheitlichen Ideen hier verarbeitet worden sind.

Logo Sgt. Kirk

Die Serie startet mit einem Einzelkämpfer doch am Ende dieses ersten Bandes hat sich ein Quartett für die weiteren Abenteuer gefunden. Band zwei ist bereits für Februar 2026 angekündigt. Meiner Meinung nach sollte die Serie in keiner ernstzunehmenden Western-Sammlung fehlen! Zudem wird im Anhang auf einige historische Details näher eingegangen.

Dazu Johnny Cash & Joe Strummer mit “Redemption Song“und ein Frontier Whiskey.

© der Abbildungen 1953, Cong S.A., Schweiz | 1953 Hoirie Oesterheld | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Stark, Headline/Kieran – Parker

Eine Falle für Parker

Story: Doug Headline nach dem Roman von Richard Stark

Zeichnungen: Kieran
Originaltitel:
 The Sour Lemon Score

schreiber & leser

Hardcover | 112 Seiten | dreifarbig | 22,80 €
ISBN: 
978-3-96582-197-2

Cover Eine Falle für Parker

Kriminalgeschichten gehen immer und können auch nicht wirklich zu alt werden. Aktuell werden zum Beispiel gerade fast 100 Jahre alte Romane von Georges Simenon als Comic adaptiert. Die Romane von Richard Stark (Pseudonym von Donald E. Westlake) über Parker wurden dagegen „erst“ zwischen 1962 und 2008 verfasst. Im Gegensatz zu vielen anderen Reihen, die Ermittler*innen zum Helden haben, ist Parker ein Krimineller: knallhart, hartgesotten, aber doch menschlich.

Ein Mann spielt falsch

Drei Männer verabreden sich zu einem Banküberfall. Da ein Fahrer als vierter Mann gesucht wird, schleppt Benny Weiss, ein alter Weggefährte, Uhl an. Obwohl die anderen kein gutes Gefühl haben, lassen sie sich darauf ein und führen den Überfall aus. Anders als geplant ist die Beute allerdings relativ gering. Noch am selben Abend erschießt der Neue zwei der Komplizen und verfehlt Parker nur knapp. Dieser kann zwar flüchten, muss sich aber nun mittel- und waffenlos durchschlagen.

Natürlich steht ihm der Sinn nach Rache und so macht er sich sofort auf die Suche nach dem Neuling. Zwar kommt er ihm langsam auf die Spur, setzt aber auch einen anderen von Uhl Betrogenen auf dieselbe. Während Parkers Methoden noch einigermaßen okay-isch sind, kennen die anderen Gangster keine Gnade. Daraus entwickelt sich unter anderem die titelgebende Falle für Parker.

Eine Falle für Parker page 17

Wie es so kommen muss, geraten dadurch auch Unschuldige ins Visier, am Rande Beteiligte müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen und wie hoch sie ihre Risikobereitschaft einschätzen. Die per se schon sehr spannende Story wirkt auch als Comicszenario; Doug Headline gibt – wie auch z.B. in Nada – Tätern wie Opfern Persönlichkeiten und lässt die extensive Gewalt nicht die Hauptrolle übernehmen.

Hommage an Darwyn Cooke

Die Zeichnungen von Kieran lassen sich durchaus als Hommage an die beiden vor rund 10 Jahren auf Deutsch erschienenen Graphic Novels von Darwyn Cooke (aktuell neben anderen in der Martini-Edition ebenfalls bei schreiber & leser erhältlich) lesen, sind aber komplett eigenständig. Harte Konturen in Schwarz, teilweise ergänzt durch Striche oder kleinere Flächen, blaue Füllungen und dadurch geschaffener Weißraum illustrieren die Geschichte. Diese zunächst nicht besonders einladende Gestaltung erschafft einen Sog, der einen nicht wieder loslässt und in der Story hält.

Obwohl nur mit beschränkten Mittel erzeugt, sind die Bilder ungemein realistisch, atmen aber gleichzeitig ein gewisses nostalgisches Flair aus, das zu der amerikanischen Mittelklasse, die den gesellschaftlichen Hintergrund bildet, passt. Man sieht den Rasenmäher nicht, hört nicht das Klicken der Eiswürfel im Glas, spürt nicht den Glauben an den amerikanischen Traum und nimmt doch genau diese Elemente wahr. Ein echter Tipp!

Eine Falle für Parker page 18

Hard-boiled und erfolglos

Eine Falle für Parker folgt den Genre-Spielregeln: Der „Held“ steckt ordentlich Prügel ein, stellt seine Rache über persönliche Beziehungen, weiß aber doch im Grunde schon am Anfang, dass das Ergebnis nicht das Gewünschte sein wird. Die Gewalt gehört definitiv dazu, ist aber nicht übertrieben dargestellt. Die Zeichnungen sind abseits der Norm und alles andere als durchschnittlich.

Das Hardcover im Albenformat passt zum Inhalt und sowohl Front- als auch Backcover sind stimmig gewählt. Wer also auf klassische Thriller steht, Umgebungen mit einem leicht nostalgischen Flair mag und nicht immer ein Happy End braucht, ist hier genau richtig!

Dazu The Rattles mit Sha-La-La-La-Lee und ein Old Fashioned.

© der Abbildungen 2025 The Estate of Donald E. Westlake | Dupuis, 2025 | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Dufaux/ Miralles – Djinn Sammelband 2

Zweiter Zyklus: Afrika

Story: Jean Dufaux

Zeichnungen: Ana Miralles

Originaltitel: Djinn – Integrale second cycle

Schreiber & Leser – Alles Gute!

Hardcover | 264 Seiten | Farbe | 39,80 € | 
ISBN: 978-3-96582-179-8

Cover Djinn Sammelband 2

Eine Djinn ist eine Frau, die Männer und Frauen in ihren Bann zieht. Sie kann bestimmen, wer ihr verfallen wird und dadurch Macht über die andere Person erlangen. Der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist, nicht lieben zu können. Die junge Kim Nelson ist auf der Suche nach ihrer Großmutter, Jade, die zunächst im türkischen Orient die Fähigkeiten lernen musste, die eine Djinn braucht. Diese finden sich im ersten Sammelband.

Fieber, Urwald, Aufstände

Vor geraumer Zeit sind die fünf Alben des Afrika-Zyklus der Serie in den Einzelbänden 5 bis 9 erschienen, vor einigen Jahren dann als kleinformatige Gesamtausgabe. Die gerade auf den Markt gekommene Edition bringt die Alben in einem Hardcover in Originalgröße und erlaubt so den Bildern von Ana Miralles zu wirken. Jade hatte sich zusammen mit Lord und Lady Nelson nach Afrika aufgemacht. Von der Sinnlichkeit, die die ganze Atmosphäre während der ersten vier Teile auszuströmen schien, ist aber wenig übriggeblieben.

Afrika wird wesentlich rauer dargestellt. Dort sind Körper zwar weniger verhüllt, dieses erfolgt aber nicht mir irgendeinem Ziel. Die Lebensumstände sind gefährlich, der mit Rassismus durchsetzte Kolonialismus führt zu Aufständen und auch die einzelnen Gruppen der Einheimischen sind sich nicht immer wohlgesonnen. Wieder verschränkt Dufaux die Zeitebenen von Jade und Kim und schickt letztere auf die Suche nach den schwarzen Perlen die erstere mühsam erlangt hatte.

Djinn Sammelband 2 page 89

Fibervisionen und Träume gehen ineinander über und erlauben Kim, den Weg ihrer Verwandten zu erkennen und ihm folgen zu können. Dabei geht es – natürlich – um Machtausübung und die Skrupellosigkeit, die notwendig war, sie ergreifen zu können. Im Endeffekt verschwimmen sogar die Grenzen zwischen der Frau Jade, ihrer Eigenschaft als Djinn und ihrer Inkarnation als Göttin.

Träume, Zeremonien, Massaker

Hatte Ana Miralles im osmanischen Zyklus noch viele erotische Szenen zu zeichnen, reduzieren sich diese in den hier versammelten Bänden auf wenige Stellen. Die Stimmung erlaubt keine Gemeinsamkeit allein des Vergnügens wegen. Vereinigung hat hier ein Ziel, ist entweder Teil eines Ritus oder Machtausübung, und dementsprechend auch anders darzustellen. Die Heldin allerdings ist fast immer nur von ihren Tätowierungen und einem kurzen Kampfdress geschmückt und personifiziert mehr die Göttin als die Frau. Insofern liegt dieser Band irgendwo zwischen dem ersten Zyklus und Ava.

Djinn Sammelband 2 page 90

Davon abgesehen ist aber auch die Umgebung eine vollkommen andere: Miralles zeigt viele unterschiedliche Beispiele afrikanischer Natur, ist doch das erklärte Ziel, den Kontinent als Ganzes zu erfassen und zu symbolisieren. Dieses Ziel wird nur teilweise erreicht und beschränkt sich auf die Darstellung von Stereotypen, schafft durch diese Symbolisierung aber auch die richtige Umgebung für die Inkarnation der Göttlichkeit. In dieser Erzählung schaffen die beiden Künstler*innen es auch, die Ichbezogenheit und Brutalität der weißen Eroberer zu zeigen. Diese verachten die Afrikaner*innen, wollen sie nicht verstehen und gehen über Leichen.

Mehrschichtig!

Man könnte es sich leicht machen und die Serie wegen der häufig zu sehenden nackten Haut in eine Schublade packen. Man würde ihr damit aber nicht gerecht werden. Dufaux packt eine ganze Reihe an geschichtlichen Hintergründen und philosophischen Fragestellungen in die Erzählung. Teilweise reduziert er Männer auf stupide Idioten, er lässt aber auch Exemplare zu, die denken können. Miralles wiederum setzt seine Einfälle kongenial um. Für sie ist kein Mensch ein Objekt. Sie erlaubt ihnen noch in ihrem Untergang, Würde zu bewahren.

Jeder einzelne Band ist mit einer Einführung des Szenaristen versehen. Dazu kommt ein Anhang mit zusätzlichen Zeichnungen und weiterführenden Bemerkungen über den Zyklus. Wer die einzelnen Alben besitzt, wird außer dem Anhang nichts Neues entdecken können. Alle anderen, die Comics für Erwachsene schätzen, denen eine verzweigte Story zu Grunde liegt und die in mehreren Zeitebenen über drei Kontinente führt, sollten hier einen Blick riskieren. Wer will kann sich auch die limitierte Vorzugsausgabe mit einem signierten Druck zulegen!

Djinn Sammelband 2 - VZA - Druck

Dazu passen Descartes A Kant mit ihrer Mischung aus Crossover und Performance und ein Schirmchengetränk auf Mango-Basis.

© der Abbildungen Dargaud Benelux (Dargaud-Lombard S.A.) 2020 by Miralles, Dufaux / 2025 Verlag Schreiber & Leser

Pratt – Cato Zulu

Der Tod des Prinzen & Der Burentreck

Story: Hugo Pratt

Zeichnungen: Hugo Pratt
Originaltitel: 
Cato Zulu

schreiber & leser

Hardcover | 96 Seiten | Farbe | 24,80 €
ISBN: 
978-3-96582-184-2

Cover Cato Zulu

Meistens verbindet man den Namen Hugo Pratt mit den Geschichten um den Kapitän ohne Schiff, Corto Maltese. Der Texter und Zeichner hat aber ein sehr vielseitiges Oeuvre hinterlassen. Dankenswerterweise verlegen die Hamburger von schreiber & leser nicht nur die aktuellen und klassischen Abenteuer mit Corto, sondern nach und nach auch die anderen Werke wie etwa Fort Wheeling, die Wüstenskorpione, die Kurzgeschichtensammlung Sein letzter Flug und eben auch diese Graphic Novel!

1879 – Kriege im Süden Afrikas

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts tobten im Süden Afrikas mehrere Kriege. Verschiedene Europäische Staaten versuchten, ihren Einfluss auf die Gebiete mit brutaler Gewalt durchzusetzen, die verschiedenen Stämme der Zulus und andere Einheimische wollten die Besatzer dagegen hinausdrängen und wieder selbst über ihr Leben bestimmen können. Dazu gab es wie immer in solchen Situationen Diebe, Mörder, Halsabschneider und Deserteure. Und, um die Situation vollkommen unübersichtlich zu machen, gab es Gruppen, hauptsächlich von Buren, die das Land besiedeln wollten und meistens ihr altes Leben komplett aufgegeben hatten, um in der Neuen Welt ihr Glück zu suchen.

Natürlich spielt beim Militär immer auch Politik eine große Rolle. Insofern musste eine englische Truppe ermöglichen, dass der französische Kronprinz Eugène Louis Napoleon sich ein paar Sporen verdienen wollte. Zunächst in der Etappe und damit in relativer Sicherheit eingesetzt, bestand er darauf, an die Front zu kommen und wurde prompt von einem aufständischen Zulu getötet.

Cato Zulu page 26

Da ein solches Ereignis erfordert, dass jemand dafür bestraft wird, werden der Soldat Catone Milton und ein Offizier zu drakonischen Strafen verurteilt. Cato, genannt Entenschnabel, kann jedoch fliehen und ist nun mitten im Geschehen. Der Draufgänger ist lakonisch, arrogant, risikoaffin, aber auch bereit, sein Leben zu opfern, wenn er einen Sinn darin sieht.

Angelehnt an eine wahre Geschichte

Hugo Pratt war, das beweisen all seine Werke, in Philosophie und Geschichte höchst bewandert. Immer wieder verknüpft er seine Geschichten mit Fakten und Personen der Zeitgeschichte und dichtet ihnen etwas an, dass hätte wahr gewesen sein können. So auch hier: Catone Milton war eine sehr schillernde Person und tatsächlich vom Militärdienst desertiert. Mit seinem sehr eigenwilligen Stil, der Realismus, Schattenspiel und Karikatur vermengt, zeigt Pratt auch hier viel weniger Details als der/die Leser*in wahrnimmt.

Die Stilisierung ist eines der Markenzeichen; kaum jemand anders besitzt die Fähigkeit, durch das markante Überzeichnen einzelner Aspekte ein so stimmiges Gesamtbild zu zeichnen. Sowohl die Zulus als auch vor allem die Soldaten agieren in einer Masse und sind doch Individuen! Wer Corto mag, wird auch Cato lieben. Zudem kommt auch hier die Verachtung von Gehorsam und Regeln zum Ausdruck, die seine Helden zu kleinen liebenswerten Nervensägen machen.

Cato Zulu page 27

Der „Wilde Westen“ in tiefen Süden

Cato Zulu ist nicht nur ein weiterer, wichtiger Baustein im Werk von Hugo Pratt, er spielt auch mit ein paar Bausteinen, die wir sonst eher aus den Western-Genres kennen, und verlegt diese in den Süden Afrikas. Daher ist dieser Band auch für die Leser*innen dieser Gattung geeignet.

Der Band kommt – wie bei Pratt im Verlag schreiber & leser üblich – mit einer Einleitung, die zudem reich bebildert ist. Sie gibt Einblicke in die historischen Hintergründe und zeigt Skizzen und Entwürfe von Pratt. Format- und Gestaltungstechnisch passt sie zu den Corto-Bänden und sieht dementsprechend im Regal gut aus.

Dazu The Smiths und ein Steambock von TX.

© der Abbildungen Casterman, Belgium, 1990, Cong S.A., Switzerland, 1984 | 2025 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Canales/Pellejero – Corto Maltese 17

Die Lebenslinie

Story: Juan Díaz Canales

Zeichnungen: Rubén Pellejero
Originaltitel: 
La linea de la vida

schreiber & leser

Hardcover | 96 Seiten | Farbe oder schwarz-weiß | 24,80 €
ISBN: 
978-3-96582-174-3 (Farbe) 978-3-96582-175-0 (Klassik)

Cover Corto Maltese 17

Künstler*innen sterben, Held*innen nicht immer. Und so ist auch die wohl bekannteste Figur des Italieners Hugo Pratt, der Kapitän ohne Schiff, Corto Maltese, noch immer auf allen Weltmeeren unterwegs. Dieses ist mehrfach wundersam: Eigentlich gilt der Held als sicher verstorben, zumindest laut der Aussage in den Wüstenskorpionen. Auch Pratt weilt seit langem nicht mehr unter uns. Und schließlich hat der Held eine Art Zeitsprung gemacht und ist in neuen Abenteuern ebenfalls unterwegs.

Der mexikanische Bürgerkrieg als Hintergrund

Die Figur Corto Maltese ist überall dort präsent, wo Weltgeschichte geschrieben wird. Oftmals, aber nicht immer, handelt es sich dabei um kriegerische Auseinandersetzungen. Der Held gerät irgendwie in diese Geschichten und findet auch wieder hinaus, trifft aber meistens auf Frauen, die sein Leben beeinflussen und oft genug auch auf sein Alter Ego, Rasputin. Diese Episode beginnt damit, dass eine alte Bekannte, Golden Rosemouth, dem Fahrenden verkündet, dass der Tod auf ihn warte und Spanisch spreche. Dieses Aussagen entnimmt sie der Analyse der Lebenslinie seiner Hand.

Er soll – nicht ganz freiwillig – Jade-Kunstwerke an sich bringen und aus Mexiko hinausschmuggeln. Das Land steckt in den Jahren 1926 – 1929 in einem brutalen und blutigen Bürgerkrieg zwischen den Gewinnern der Revolution und militanten Katholiken auf Seiten der Restauration. Wie schon Pratt selbst bezieht auch Juan Díaz Canales tatsächliche Akteure in seine Erzählung ein und vermischt historisch verbürgte Fakten und dazu passende Fiktion.

Corto Maltese 17 page 22

Wie ebenfalls üblich gibt es auch wieder Bestandteile der Handlung, die man als esoterisch oder übersinnlich bezeichnen könnte. Nicht nur die Hitze der Wüste verwirrt den Geist, manche können sich auch bewusst in einen Zustand versetzen, der es erlaubt, Visionen zu empfangen. Auch hier werden Erkenntnisse aus Visionen und grundsätzliche Lebenseinstellungen Corto leiten und ihn seinen Weg zwischen den Parteien, ihrer Gewalt und gegensätzlichen Erwartungen und möglichen Verpflichtungen finden lassen!

In der Tradition von Pratt

Rubén Pellejero zeichnet in der Tradition des Vaters von Corto Maltese, setzt aber eigene Akzente. Die Bilder sind detailreicher, insbesondere die Hintergründe. Trotzdem übernimmt er das Spiel mit Licht und Schatten und vor allem die ikonographischen Abbildungen der Schattenschnitte der Figuren vor einfarbigen Hintergründen. Und auch die teilweise karikaturesken Gesichtsausdrücke sind von Pratts Stil beeinflusst.

Sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede werden ebenfalls auf den einführenden Seiten mit Skizzen deutlich. Diese Seiten enthalten nicht nur Hintergründe zur geschichtlichen Einordnung des Krieges und seiner Akteure, sie zeigen auch die Annäherung des Zeichners an seine Figuren.

Corto Maltese 17 page 23

Eine stimmige Erweiterung der Serie

Die Lebenslinie reiht sich perfekt in das „Gesamtkunstwerk“ Corto Maltese ein. Das nicht mehr neue Autorenpaar Canales/Pellejero lässt „ihren“ Corto seine Abenteuer in den zeitlichen Lücken erleben, die Pratt offengelassen hat. Sie fügen sich daher nicht nur in Stil und Ambiente der Serie ein, sie verweben auch Hinweise aus dem bereits existierenden Werk und legen neue Pfade. Ihr Corto ist daher keine „Next Generation“, sondern eine stimmige Fortführung.

Die Ausgabe ist wie immer bei dieser Serie in zwei Varianten erhältlich. Neben der regulären, kolorierten Version gibt es auch eine schwarz-weiße Klassik-Edition, die an die Veröffentlichungen der ersten Teile der Serie in Magazinen anknüpft. Hut ab vor diesem Angebot!

Cover Corto Maltese 17 Klassik Edition

Dazu Carrols Mood mit „What You’re Doing to me“ und ein Modelo Especial.

© der Abbildungen 2024 Cong S.A., Switzerland; www.cong-pratt.comwww.cortomaltese.com | 2024 Verlag Schreiber & Leser, Hamburg

Jahresrückblick 2024 – Die besten Comics

Meine Jahresbestenliste und ein paar Worte zum Geleit

Das Jahr 2024 ist zu Ende, viele der „Errungenschaften“ leider nicht. In der Ukraine ist schon wieder ein Kriegswinter, Wahlen haben in mehreren Ländern rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien gestärkt, deren Ziel es ist, die Demokratie zu beseitigen und trotz allen Hypes um KI gibt es natürlich immer noch kein Mittel gegen Krebs. Immerhin wurde die Welt von dem syrischen Diktator befreit, ob das neue Regime besser ist, wird sich erst noch zeigen müssen.

In der Welt der bunten Bilder wurden einige 90. und 100. Geburtstage gefeiert, viele der „großen“ Alten haben uns verlassen. Es gab aber auch einige Neuentdeckungen.

comix-online Reporter
Immer für euch unterwegs

Die Zugriffszahlen für comix-online konnten gehalten werden: Erneut mehr als 100.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel, also ohne die Startseite! Vielen Dank für dieses Vertrauen! Auch wenn die Seite längst „erwachsen“ geworden ist, besteht doch immer die Möglichkeit etwas zu verbessern. Ich freue mich daher auf Euer Feedback. Persönlich habe ich wieder als Übersetzer für die redaktionellen Seiten im zweiten Band der Zentauren sowie der Sammy & Jack-Integral-Reihe gewirkt, für Nicky Saxx auch den Comicteil übersetzt und diverse Artikel im ZACK sowie erstmals in der Sprechblase veröffentlicht.

Die besten Comics

Der beste Comic kommt für mich in diesem Jahr aus Deutschland: Gevatter von Schwarwel beschreibt schonungslos den Kampf mit der Depression und der Umwelt. Ursprünglich in einzelnen Haften erschienen sind die fünf Phasen jetzt als Comic erschienen. Unbedingt empfehlenswert!

Cover Schwarwel Gevatter Gesamtausgabe

Platz 2 ist nicht unbedingt eine Überraschung für langjährige Leser*innen dieser Seite: Die deutsche Ausgabe der Chroniken von Amoras bringt die Fortsetzung der sechsteiligen Amoras 2047-Sage, die hierzulande im ZACK erscheint, endlich auch auf Deutsch unter die Leute. Legendre und Cambré haben dem etwas angestaubten Suske und Wiske-Stoff neues Leben eingehaucht und eine spannende Endzeit-sage geschrieben. Die Chroniken greifen dabei einzelne Episoden aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auf.

Und auch Platz 3 geht an in der ZACK-Edition erschienes Werk: Dr. Radar von Simsolo und Bézian ist eine Noir-Krimi-Erzählung in einem sehr eigenwilligen Strich. Für Fans des klassischen Krimis ein Muss, für Leser*innen anspruchsvolle Comics ebenfalls!

Platz 4 ist ebenfalls ein älteres Werk, das neu aufgelegt wurde: Das Abenteuer ohne Helden im Verbund mit 20 Jahre danach erzählt die Geschichte, die mit einem Flugzeugabsturz beginnt, mit menschlicher Schwäche und Stärke weitergeht und schließlich Korruption thematisiert. Van Hamme und Dany zelebrieren Geschichte und Zeichnungen.

Platz 5 schließlich geht an eine Weiterentwicklung eines Klassikers: Die Veröffentlichung von Gaston 22 ist das Ergebnis eines jahrelangen Rechtstreites. Delaf führt den Chaoten genau dort weiter, wo Franquin aufgehört hatte. Vielleicht etwas altmodisch, aber liebenswert, chaotisch und genauso anarchistisch wie zuvor!

Die besten Graphic Novels

Wie immer ist die Abgrenzung zwischen Comic und Graphic Novel schwierig. Trotzdem: Meine persönliche Auswahl:

Platz 1 geht auch hier an ein Werk von einem deutschen Künstler, der allerdings mittlerweile in den Niederlanden lebt: Columbusstraße erzählt die Geschichte von Tobi Dahmens Vorfahren während der Jahre 1935 – 45. Sehr persönlich, angreifbar aber auch nichts beschönigend macht sich Dahmen dieses Mal nicht an seine eigene Geschichte wie im Fahrradmod, sondern begibt sich auf die Suche nach Schuld, Verschulden und Zeitgeist.

Cover Dahmen - Columbusstraße

Und auch Platz 2 wird von einem deutschen Künstler eingenommen: Digger von Ralf Marczinczik ist eine Geschichte über einen Straftäter, die Einsamkeit und – vor allem – die Hoffnung! Dieser Band hat 2024 bereits einige Preise abgeräumt, sein Auftauchen ist daher wenig überraschend.

Auf den dritten Platz hat sich ein Werk geschoben, dass erst vor Kurzem erschienen ist: Ava von Emilio Ruiz und Ana Miralles erzählt eine kurze Episode aus dem Leben von Ava Gardner. Die Hollywood-Diva hatte wahrlich kein leichtes Leben und auch ihr Umfeld musste unter ihrer Berühmtheit leiden. Obwohl ihre Zeit in Brasilien nur sehr kurz war, gelingt es den Künstler*innen doch, viele Probleme in diesen Zeitpunkt zu packen und das Ganze mit brillanten Bildern darzustellen.

Die besten Gesamtausgaben

Gesamtausgaben haben immer ein wenig den Beigeschmack der Geschäftemacherei. Sie können aber auch eine endlich angemessene Veröffentlichungsform darstellen, mit Informationen angereichert sein und Werk und Künstler*innen würdigen. Drei Beispiele, die mich in 2024 überzeugt haben:

Zunächst einmal die wunderschöne Ausgabe der kompletten Modesty Blaise Strips aus dem Bocola-Verlag! Nicht nur sind Papier und Format den Zeitungsstrips absolut angemessen, die Herausgeber haben sich ebenfalls bemüht, auch die Strips, die nur in einer kleinen schottischen Zeitung erschienen sind, einzufügen. Dazu kommen perfekte Einleitungen von O’Donnel selbst. Wer auf 60-er Jahre-Flair und Agent*innen steht, ist hier genau richtig!

Cover Modesty Blaise 1

Platz 2 geht an die Neuedition der Boule und Bill-Streifen von Jean Roba. Die Einseiter mit den Familiengeschichten sind natürlich schon oft veröffentlicht worden. Trotzdem: Eine Gesamtausgabe bietet die Möglichkeit, Entwicklungen zu betrachten, zu genießen und immer wieder mal ein paar Seiten zu genießen.

Platz 3 geht an Mikaël und die Gesamtausgabe des ersten Teils der New-York-Trilogie: Giant! Im Mittelpunkt dieser Serie steht die Stadt selbst. Natürlich gibt es handelnde Personen, in diesem Fall irische Arbeiter, in der Gesamtschau wird aber klar, dass ihre Geschichten nur pars pro toto stehen. Geniale Bilder und eine ergreifende Story. Die ersten beiden Teile, Giant und Bootblack, sind als Vorabdruck im ZACK erschienen, Teil 3, Harlem, ist bei Splitter erschienen.

Die besten Sekundärwerke

Das allerbeste Sekundärwerk des Jahres ist ein XXL-Wälzer – Donald Duck – The ultimate History bzw. die ultimative Chronik ist ein Kompendium zum 90. Geburtstags des Superstars. Sie beleuchtet den Weg vom ersten Auftritt, den Nebendarsteller-Rollen bis hin zum Alleinunterhalter. Der Band erwähnt dabei alle (!!) Filme, konzentriert sich bei den Comics auf die Werke von Carl Barks, bezieht aber auch Werbung, Themenparks und alles Weitere mit ein. Das Buch ist sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch und Französisch bei Taschen erschienen und sollte in keiner Disney-Sammlung fehlen!

Cover Donald Duck. The Ultimate History

Platz 2 ist (zumindest hier bei uns in Deutschland) ebenfalls im Zusammenhang mit einem Jubiläum erschienen: Die Spirou-Deluxe-Reihe stellt Werke von Franquin in einen neuen Zusammenhang, veröffentlicht die schwarz-weißen Zeichnungen neben der bekannten kolorierten Fassung und vermittelt eine große Menge an Informationen über Künstler und Hintergründe. Bisher erschienen sind der Liliput-Trick und die Bravo Brothers.

Platz 3 schließlich geht an das Kompendium über in Deutschland erschienene Horror-Comics: Der absolute Horror von Christian Blees listet auf, vermittelt Inhalte, erklärt Trends und versammelt eine wahnsinnige Menge an Informationen auf kleinem Raum! Für Fans des bebilderten Grusels ein Muss!

Die besten Magazine

Und auch in diesem Jahr geht der Preis für das beste Magazin wieder an das ZACK! Auf mittlerweile 100 Seiten pro Monat wird ein Überblick über aktuelle europäische Comics geboten, der seines Gleichen sucht. Dazu kommt inzwischen ein Ableger: Das ZACK-Sonderheft. Die am häufigsten angeklickte Ausgabe war die Jubiläumsnummer 300.

Cover ZACK 300

War im letzten Jahr Platz 3 ein Nachruf, ist es in diesem Jahr einer auf das Magazin, das es auf Platz 2 geschafft hat: Das ZEBRA hat mit der Nummer 19/20 sein Erscheinen eingestellt. Schade, war es doch immer ein Einblick in die Welten des deutschen Independent-Bereiches.

Wieder in die Top 3 haben es die Magazine des Zauberstern Verlages geschafft. Was mit dem Phantom begonnen hatte, wird durch Mikros, Flash Gordon, Van Helsing und Savage Dragon verstärkt! In 2025 kommt noch ein Phantom Spezial dazu. Eine kleine Bemerkung sei erlaubt: Der Wandelnde Geist wandelt auch woanders, etwa bei Kult und in der ZACK-Edition! Dort ist er nicht schlechter!

Und dann ist da noch …

… eine unheimliche Fleißarbeit. Nach mehreren Jahren des Wartens hat Bernd Weckwerth es tatsächlich geschafft, die Chronik der Koralle-ZACK-Ära in den Handel zu bringen! Auf 400 Seiten werden nicht nur alle Hefte, Alben und Taschenbücher vorgestellt, sondern auch die Poster, Sammelalben etc. Dazu gibt es viele anekdotenhafte Bemerkungen zu Serien und Künstler*innen und ein paar erhellende Artikel!

Cover ZACK-Chronik

Eure Lieblinge in 2024

Eure Charts, basierend auf den Abrufzahlen:

Platz 1 geht wie im letzten Jahr an Hägar und die Gesammelten Chroniken von 1973, gefolgt vom Jahresrückblick auf 2023 und Spirou und Fantasio Spezial 42. Bei dem letzteren Titel haben die Zugriffe erst nach dem Auslisten des Titels sehr stark zugenommen. Auf Platz 4 folgt mit der Jubiläumsnummer 300 der erste ZACK-Titel, auf Platz 5 erneut Messalina von Mitton.

Die weiteren Plätze: Donald Duck – The Ultimate History, Di CaroDie Geheimnisse des Maison Fleury 1, Giant von Mikaël, Der 1. Band der Chroniken von Amoras und Gaston 22 von Delaf.

Für 2025 wünsche ich Euch alles Gute! Kommt gut rein! Mögen uns im kommenden Jahr Katastrophen erspart bleiben, möge die Demokratie sich als standhaft erweisen und mögen sich möglichst viele Rassismus, Sexismus, Homophobie und ähnlichen Auswüchsen entgegenstellen.

© der Abbildungen bei den jeweiligen Verlagen und Künstler*innen

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