Mit der Präzision eines Uhrwerks erscheint Jahr für Jahr das ICOM COMIC! Jahrbuch; die 26. Ausgabe im Jahr 2026. Wie meistens gibt es neben Berichten aus den Independent Werkstätten, Länderberichten, Interviews und natürlich den Preisträger*innen der diesjährigen ICOM Independent Comic Preise sowie der XPPen Preise auch wieder ein Schwerpunktthema. Angesichts des überall zu beobachtenden Rechtsrucks und dem Versuch, Geschichte neu zu schreiben, ist es kein Wunder, dass es in diesem Jahr um Comics über Rechtsextremismus geht.
Der Schoß ist fruchtbar noch
Auf fast 140 Seiten werden Comics zum Thema Faschismus/ Rechtsradikalismus/ Drittes Reich/ Neonazis vorgestellt. Dabei steht keineswegs nur der Bereich Independent im Vordergrund; hier geht es wirklich um einen zwar subjektiven, aber doch ziemlich umfassenden Überblick, der unabhängig ist vom Status der beteiligten Künstler*innen und Verlage. Thematisch sinnvoll gruppiert stellen verschiedene Autor*innen Comics mit bibliographischen Angaben, Inhaltsangabe, Einordnung und Abbildungen dar. Während ich solche Zusammenstellungen aus den Niederlanden durchaus kenne, ist mir ein derartig umfassendes Dossier aus Deutschland nicht bekannt.
Bevor sich jetzt die falsche Seite beschwert: Es geht dabei nicht um geschichtsklitternde Werke oder solche, die die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht leugnen. Der Alltag im Dritten Reich, der Widerstand und Erlebnisse aus den besetzten Gebieten sind dagegen sehr wohl dabei. Es ist gut zu sehen, wie viele Comics es zu diesem Thema gibt, welche Vielfalt an Themen, Standpunkten und Stilrichtungen zu finden ist und wieviel Ernsthaftigkeit dabei zu Tage tritt. Die Demokratie ist noch nicht am Ende. Mit dabei ist zum Beispiel auch „Andi“, ein Comic vom Verfassungsschutz.
Die Preisträger*innen
Ein weiterer Schwerpunkt sind wie in jedem Jahr die von einer Jury Auserwählten. Alle nominierten Titel werden vorgestellt und bekommen dadurch ihre verdiente Bühne. Wie immer kommen dazu die Interviews mit den Gewinner*innen des letzten Jahres. Da das Jahrbuch immer passend zur Preisverleihung erscheint, kann es die aktuellen Besten zwar verkünden, Reaktionen aber nicht einschließen. Dies erfolgen dann jeweils im nächsten Jahr. Gleichzeitig ist dadurch ein erneuter Push für die Sichtbarkeit gewährleistet.
Bester Independent Comic in der Kategorie Selbstveröffentlichung wurde Herrmann von Ray Henderson. Der Autor veröffentlicht nicht nur im Selfpublishing, sondern auch beim ungarischen Verlag 5 Panels. Die Internationalität ist auch hier nicht mehr aufzuhalten! Der beste Independent Comic als Verlagsveröffentlichung ist in diesem Jahr Der Zahn von Ayse Klinge aus dem Kibitz Verlag. Comics für Kinder sind also nicht nur in Erlangen preiswürdig! Der Sonderpreis geht an Titus Ackermann und würdigt sowohl seine Arbeit für mogamobo, ein Umsonst (!) Comicmagazin mit einer Auflage von mittlerweile mehr als 2.000.000 verteilten Exemplaren als auch seine Miniserie Was vom Leben übrig bleibt!
Der XPPen-Preis für herausragende Digitale Comics geht an zwei Teams: Tinkerville Blues von Michael Mikolajczak und Andreas Möller, mehrere Noir-Kurzcomics, die im gleichen Universum spielen wie Die Spinne. Ebenfalls ausgezeichnet wurde der Fantasy-Titel Onaya – Rise of a Druidess von Luphialia und Mario Affenzeller. Auch hier gibt es Inhaltsangaben und Bildmaterial und somit genügend „Werbung“ um den Einen oder die Andere zum Kaufen zu überreden.
Ein Blick auf die Szene
Dazu kommen mehrere Interviews, die sowohl die Bereiche Comic als auch Cartoon/Karikatur beleuchten. Der Band enthält auch viele Cartoons, die in den üblichen Zusammenstellungen eher nicht enthalten sind und stellt somit eine wichtige Bereicherung dar. Die lesenswerten Länderberichte aus USA und den Niederlanden erlauben einen Einblick in die Szene. Hier geht es weniger um einzelne Titel, sondern mehr um Befindlichkeiten und Strategien. Den Schluss bildet wie üblich der Bericht über Kurz- und Trickfilme. Diese sind zwar offizieller Bestandteil und auch Teil des Covers, stellen aber nur einen kleinen, nichtsdestotrotz interessanten Anteil.
Muss das sein? – JA!
Es gibt viele Publikationen, Magazine und Wiederveröffentlichungen bei denen sich die Frage stellt, ob die Welt wirklich darauf gewartet hat. Und auch Erstveröffentlichungen hätten manchmal lieber nie das Licht der Welt gesehen. Das ICOM COMIC! Jahrbuch ist dagegen ein Highlight des deutschen Comicjahres. Nirgendwo sonst gibt es in dieser geballten Form Einblicke in und aus der Szene und Empfehlungen. Der Preis ist zudem unschlagbar günstig, die 268 Seiten kosten weniger als der aktuelle Lucky Luke Hardcover! Zudem ist es erfrischend zu lesen, dass eine Szene Stellung bezieht!
Dazu passen ein Erdinger Dunkel und im Hintergrund läuft das Mod-Radio UK!
Und wieder: Die besten Titel des Jahres und ein wenig mehr
Was für ein Jahr: Kriege laufen weiter und Bewohner*innen, die Natur und die weltweite Stimmung leiden darunter. Es scheint fast so, als ob wir uns im vorletzten Teil einer Serie befinden würde, in der alles auf den abschließenden Kampf „Gut“ gegen „Böse“ hinausläuft. Leider auch mit dem üblichen Twist, dass bisher für „Gut“ gehaltene Spieler plötzlich die Seite wechseln. Nun ja, aufgeben gilt nicht.
Drei Jahre ist es jetzt her, dass ChatGPT auf den Markt kam. Die Ausmaße der disruptiven Wirkung auf das gesamte Publishing sind noch nicht abzusehen, aber viele Kreative und Verlage mussten bereits feststellen, dass Ignoranz in diesem Falle nicht weiterhilft. Auch hier bleibt es spannend.
Immer für euch unterwegs
Viele Leser*innen dieser Seite gehören der Generation der Boomer an. Während sich damit einerseits die Rente schon als Lebenswahrheit darstellt oder zumindest innerhalb der nächsten fünf Jahre darstellen wird, sterben immer mehr „alte Bekannte“ aus Kunst und Politik, die unsere Jugend geprägt haben. Wie gut, dass es wenigstens immer wieder Neu-Veröffentlichungen von Klassikern gibt…
Ein wenig Eigenlob muss sein: Mehr als 110.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel stellen ein Wachstum von 10% gegenüber dem letzten Jahr dar. VIELEN DANK! Wie immer freue ich mich über Feedback und Kritik. Ich werde allerdings nicht aufhören, zu gendern. Das Ergebnis meiner Tätigkeiten war auch in diesem Jahr wieder in diversen Ausgaben des ZACK, im ZACK-Sonderheft und in der Sprechblase zu lesen. Übersetzungen fanden sich in den (sehr empfehlenswerten) Integralen von Sammy & Jack und der Zentauren (nur redaktioneller Teil) sowie bei der deutschen Ausgabe von Nicky Saxx.
Die besten Comics
Nun aber zu meiner ganz persönlichen Auswahl der Top-Titel des Jahres. Viele andere Titel sind trotzdem empfehlenswert. Es lohnt sich also immer noch, in die einzelnen Besprechungen zu schauen.
Der beste Comic des Jahres ist eine ganz alte Kamelle (wie war das mit den prägenden Einflüssen der Jugend?): Der erste Band von Sgt. Kirk von Héctor Oesterheld und Hugo Pratt. Der Western in schwarz-weiß vereinbart Kritik an den herrschenden Verhältnissen und dem Status Quo, Humor, Absurditäten, Spannung und eine herausragende Behandlung des doch wieder häufig vertretenen Genres. Zudem sind die reduzierten Zeichnungen von Pratt oftmals genial, nie aber schlecht.
Platz 2 geht ebenfalls an einen Klassiker, allerdings einen junggebliebenen! Der 41. Asterix, Asterix in Lusitanien, vereint halbwegs zeitlos verpackte Anspielungen auf Politik und Zeitgeschehen, überspitze, aber sympathievolle Darstellungen der den Portugies*innen zugeschriebenen Eigenschaften und viel Humor. Während Didier Conrad mittlerweile so gefestigt ist, dass er eigene Akzente im Stil von Uderzo setzen kann, beweist Fabcaro in seinem zweiten Streich, dass die Wahl zu Recht auf ihn gefallen ist.
Und noch eine alte Kamelle: Auf Platz 3 kann sich ein alter Koralle-ZACK-Held platzieren: Häuptling Feuerauge kämpft mit allem und meistens verliert er. Die beiden ersten Jahre inklusive der Sonntagsseiten in einem Album. Leider hat sich der Band nicht so gut verkauft, dass eine Fortsetzung zu erwarten ist.
Platz 4 ist wieder eine Neuerscheinung, und zwar eine der wenigen, die mich komplett überzeugt haben: Habeamus Bastard ist eine Mischung aus Thriller, Noir und – trotz allem – Humor, ja, sogar Slapstick. Schwartzmann und Vallée zeigen, dass man auch in Zeiten des Streaming-Serien-Überflusses noch intelligente und neue Inhalte ohne bewegte Bilder erzeugen kann.
Platz 5 geht an einen Comic, der in Deutschland noch gar nicht erschienen ist, möglicherweise auch nie erscheinen wird. Die Amoras-Saga ist mittlerweile bei ihrer dritten Serie angekommen: De Helden van Amoras konzentrieren sich wieder mehr auf Suske und Wiske und ihr Verhältnis zueinander. Das Cover sorgte für Herzanfälle und Verzweiflung, zeigte es die Beiden doch bei einem innigen Kuss. Natürlich ist alles ganz anders, aber das wäre ein Spoiler.
Die besten Graphic Novels
Bitte verzeiht mir die etwas willkürliche Trennung zwischen Comics, Graphic Novels und Gesamtausgaben. Ich habe die für mich passendste Zuordnung getroffen, bin mir aber bewusst, dass man das auch ganz anders machen könnte.
Platz 1 geht in diesem Jahr an einen deutschen Titel: Rude Girl von Birgit Weyhe. Ja, ich weiß, dass er eigentlich in 2024 gehört, er ist aber nun Mal erst in 2025 bei mir aufgeschlagen und ich möchte ihn keineswegs unterschlagen. Es geht um eine Migrantin aus der Karibik, die ihre Jugend in den USA verbringt. Äußere Zwänge, traditionelle Erwartungen und rassistische Alltäglichkeiten bestimmen ihr Leben, bis sie sich zu einem Leben als Rude Girl entscheidet. Die Skinhead- und Punk-Subkultur gibt ihr Halt und lässt ihr Raum für ihre eigene Entwicklung. Auf einer Metaebene geht es darum, ob und wie eine Weiße das Leben einer Migrantin beschreiben kann und darf.
Platz 2 geht an einen Spätwestern. Wiedersehen mit Comanche von Romain Renard ist einerseits eine Weiterführung der von Greg und Hermann entwickelten innovativen Westernserie Comanche über einen ehemaligen Revolverhelden der geläutert auf einer Farm hilft. Dabei verliebte er sich in die Farmbesitzerin und tötet schließlich einen extrem grausamen Gangster. Da dieser bereits entwaffnet war, musste der Held fliehen. Nun wird er Jahrzehnte später aufgespürt und soll einer Autorin Auskunft über das vergangene Zeitalter geben. Selten habe ich eine gleichzeitig so schonungslose Abrechnung mit den alten Träumen wie sorgsame Annäherung an komplexe Persönlichkeiten gelesen. Die in Grautönen gehaltene Geschichte passt in die literarische Tradition der gesellschaftlichen Dekonstruktion der Mittelklasse, spielt allerdings in etwas früherer Zeit als üblich.
Platz 3 ist eine Mischung aus Horror und Antikriegsballade und spielt während des Ersten Weltkrieges. Die Ballade vom Soldaten Odawaa erzählt von den Schrecken des Krieges und der psychologischen Kriegsführung. Sie zeigt einen in einer kanadischen Einheit kämpfenden Indianer, der sich fast unbemerkt in Stellungen bringen kann, die es ihm erlauben zu töten. Christian Rossi zeigt in düsteren Bildern den Schrecken auf beiden Seiten der Frontlinie, Cédric Apikian hat sich von tatsächlichen Begebenheiten zu dieser Story inspirieren lassen.
Die besten Gesamtausgaben
Auch bei den Gesamtausgaben stehen eher ältere Serien im Vordergrund. Die beste GA des Jahres ist aber eine aktuelle Geschichte, die in den letzten drei Jahren im ZACK vorabgedruckt worden war: Das Mädchen von der Weltausstellung verknüpft historische Fakten mit einer Soap-Geschichte. Ursprünglich auf fünf Bände angelegt, konnten nur drei erscheinen bevor der Zeichner verstarb. Sie nehmen jeweils eine der Weltausstellungen in Paris zum Anlass, das Leben von Sophie Kleinnagel zu schildern. Sie lebt in einem Wohnwagen von der Wahrsagerei und gerät jeweils in eine Kriminalgeschichte. Zudem ändern sich die Beziehungen ihrer Mitmenschen zu ihr, entwickelt sie sie doch vom kleinen Kind zu einer jungen Frau, die Begehrlichkeiten weckt.
Platz 2 und 3 kommen aus dem gleichen Verlag. Der Taschen-Verlag hat sich in den letzten Jahren zu einem Spezialisten für XXL-formatige Wiederveröffentlichungen von Klassikern der Comic-Geschichte entwickelt. Zunächst wäre da Band 1 der EC Comics Library mit dem ersten Band der Weird Science Ausgaben von 1950 -1952. Science-Fiction Stories mit grandiosem Artwork und einem typischen Twist in der Geschichte, der sie zu zeitlosen Perlen macht. Ein Coffee-table-book der Extraklasse. Man sollte dem Besuch allerdings nicht erlauben, sich darin zu vertiefen, denn dann ist es aus mit der Verabredung.
Das gleiche Format und Prinzip der sorgfältigen Reproduktion der klassischen Veröffentlichung wurde auch bei der Disney Comics Library angewendet. Der erste Band von Carl Barks’s Donald Duck präsentiert Schätze aus Four Color Comics zwischen 1942 und 1950. Natürlich kennen wir diese Geschichten, haben sie möglicherweise sogar schon mehrfach zu Hause, aber meistens in der deutschen Übersetzung und nicht im Original. Dieses bietet aber einen deutlich anderen Lesegenuss als die auf deutsche Bildungsbürger ausgerichtete Qualitätsarbeit von Erika Fuchs und ihren Adepten. Beide Bände sind übrigens auf den Quadratzentimeter umgerechnet echte Schnäppchen, haben aber ihren Preis. Trotzdem sind sie ihn wert!
Die besten Sekundärwerke
In jedem Jahr vertreten, dieses Jahr mal wieder auf Platz 1: Die Reddition hat – wohl zum letzten Mal – zwei Ausgaben in einem Jahr geschafft: Während es in der ersten Jahreshälfte um Autos im Comic ging, widmete sich die Winterausgabe dem 2024 verstorbenen André Juillard. Dem Team um Volker Hamann gelingt es immer wieder, extrem detailreich zu informieren, ohne dabei in eine akademische Langatmigkeit zu verfallen. Die Artikel werden durch Illustrationen, Fotos und Listen sinnvoll ergänzt und sind ein Must-Have für alle, die sich tiefer mit ihrer Leidenschaft beschäftigen wollen. Für Abonnent*innen gibt es jeweils eine limitierte Beilage.
Zu Platz 2 gibt es leider keine Rezension, ich habe es nicht geschafft, diese Masse an Informationen, Statements und Wertungen in eine halbwegs überschaubare Besprechung zu packen. Trotzdem ist Black Comics von Alexander Braun erneut ein Meisterwerk! Der Autor bezieht klare Positionen, begründet sie aber sehr nachvollziehbar und füllt fast nebenbei die Seiten mit einer Masse von Informationen, die ihres Gleichen sucht. Egal ob Blackfacing, „Indianer-Debatte“, Superhelden, Gay & Porn oder graphic novel, alle Bereiche finden ihre Erwähnung. Wie immer sollte jede Veröffentlichung von Alexander Braun ihren Weg ins Regal finden. Wenn möglich, sollte man den Lesegenuss mit einem Besuch in den begleitenden Ausstellungen im schauraum in Dortmund kombinieren. Aktuell läuft dort eine Lucky Luke Ausstellung (natürlich ebenfalls mit einem Katalog).
Platz 3 geht an Deutschlands größtes Magazin für klassische Comics, die Sprechblase. Gerhard Förster hat mit der 250. Ausgabe noch einmal alles gegeben. Mittlerweile ist der Staffelstab an ein neues Team überreicht worden. Wie immer ist viel zu viel auf den Seiten untergebracht worden und für manche Abbildung wäre eine Lupe hilfreich. Aber genau diese Liebe zu den Details machte den Reiz der Förster-Ausgaben aus.
Die besten Magazine
Gibt es eine Überraschung in dieser Kategorie? Nein, nicht wirklich.
Platz 1 geht wie im Vorjahr an das ZACK. Das Magazin hat mittlerweile sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert (mit einer kleinen Unterbrechung) und ist in der aktuellen Form bei der Ausgabe 318 angekommen. Die Mischung aus traditionellen, runderneuerten Serien wie Michel Vaillant oder Rick Master und neuem Material wie etwa Rani oder Amoras ist auf dem deutschen Markt einzigartig. Die von euch meistgeklickte Nummer war die 310 aus dem April, Platz 5 der Jahrescharts! Das ZACK-Sonderheft hat sich mittlerweile ebenfalls etabliert und erscheint zweimal jährlich.
Totgesagte leben länger: Das ZEBRA hat zwar sein Erscheinen eingestellt, hat aber ein Ferien-Sonderheft herausgebracht. Diese Idee, an alte Traditionen anzuknüpfen und eine Rahmenhandlung um viele Absurditäten zu knüpfen gefällt! Die Zebras beweisen Jahr um Jahr, dass Independent auch ohne Sex und Superkräfte in Deutschland funktionieren kann. Platz 2 ist damit redlich verdient.
Für Platz 3 hat sich ein deutsches Eigengewächs qualifizieren können das ebenfalls in diesem Jahr Geburtstag gefeiert hat: Das mosaik hat nun 600 Ausgaben auf dem Buckel, die Zeitschrift gibt es seit 70 Jahren und die Helden, die drei Abrafaxe, werden 50. Empfohlen von der Stiftung Lesen bieten die Hefte nicht nur kindgerechte Stories mit viel historischem Hintergrund, sie haben auch immer einen redaktionellen Teil mit erläuternden Artikeln, Spielen, Experimenten und Kochrezepten. Der Inhalt kann aber auch von Erwachsenen mit einem etwas anderen Verständnis gelesen werden. Zu Recht eines der erfolgreichsten Comicprojekte hierzulande!
Und dann ist da noch …
Der Tradition dieser Rückblicke folgend fehlt noch eine besondere Erwähnung. Diese geht in diesem Jahr nicht an den neuen Trend der Erotik-Comics, obwohl es durchaus bemerkenswert ist, was man heutzutage öffentlich verkaufen kann. Noch vor wenigen Jahren wären Indizierungen und Prozesse gefolgt.
Ich möchte vielmehr auf einen Klassiker hinweisen, der nun wieder erhältlich ist: Section R von Raymond Reding. Damals im Koralle-ZACK waren einige Geschichten abgedruckt worden, allerdings nicht immer in der richtigen Reihenfolge. Die Albenveröffentlichung macht das jetzt besser. Die Stories handeln von einer Agentur mit zwei Partner*innen, die Missstände im Sport wie etwa Doping oder Wettbewerbsbetrügereien aufdecken. Der Geist der 60-er bestimmt die Zeichnungen und das Tempo, die Inhalte sind leider immer noch aktuell.
Eure Lieblinge
Zum Schluss wie üblich die Charts der Zugriffe:
Ganz oben steht Hägar. Der Beitrag aus dem Jahr 2022 hat auch in 2025 die meisten Leser*innen angezogen.
Platz 2 geht an den Rückblick auf 2024. Die Jahreszusammenfassung gibt eine gewichtete, persönliche Empfehlung.
2025 war wieder ein Asterix-Jahr. Die begleitende Berichterstattung erhielt über das ganze Jahr die drittmeisten Zugriffe.
Auf Platz 4 folgt der erste Erotiktitel: Thrax von Trif verknüpft eine Geschichte aus dem alten Rom noch expliziter mit sexuellen Handlungen als üblich, hat aber trotzdem noch eine sehr komplexe Handlung. Auf Platz 5 dann das beste ZACK: die Nummer 310. Fast alle Ausgaben sind hoch platziert, werden aber nicht einzeln aufgeführt.
Auf den Plätzen 6 bis 10 folgen Der fünfte Band des Sammy und Jack Integrals, Band 3 der neuen Minimenschen Gesamtausgabe, der zweite Band der Djinn Sammelbände, Sgt. Kirk und Band 12 der zweiten Staffel von Michel Vaillant.
Wie immer also eine bunte Mischung. Für das kommende Jahr wünscht comix-online allen Leserinnen und Lesern einen guten Start, viel Erfolg und Gesundheit. Hoffentlich bleibt uns die Hoffnung auf eine friedliche, gerechte und erhaltenswerte Zukunft erhalten!
Hip Hip Hurrah! Comix-online gratuliert zum 25-jährigen Bestehen der Institution ICOM COMIC! Jahrbuch
Während andere Jahrbücher oft schon nach wenigen Jahren wieder entschwinden, schafft es dieser Leuchtturm der deutschen Independent-Szene immer wieder, zumindest ein Lebenszeichen von sich zu geben. Meistens aber ist es ein echtes Schwergewicht, das für einen schmalen Preis angeboten wird!
Die Preisträger*innen
Jährlich wiederkehrendes Thema sind die Vorstellungen der diesjährigen Preisträger*innen sowie aller nominierten Kandidat*innen für den ICOM Independent Comic-Preis in vier Kategorien. Alle Werke werden mit Illustrationen und Coverabbildungen ausführlich vorgestellt.
Als bester Independent Comic in Selbstveröffentlichung konnte Max Julian Otte überzeugen: Sein Es geht auch ohne Ehrgeiz stellt natürlich die Frage, ob die steile These denn haltbar ist. Als bester Independent Comic als Verlagsveröffentlichung wurde Zeter + Mordio von Jens Cornils aus dem avant-Verlag gekürt, ein historischer Krimi aus dem Hamburg des Jahres 1684.
Der Sonderpreis für eine Besondere Leistung oder Publikation geht an Marcus Behrendt (der unter EMBE publiziert). Seine Arbeiten finden sich im Wesentlichen bei toonsUp. Schließlich geht der XPPen-Preis für herausragende Digitale Comics an Sarah-Lynn Weitnauer und Lea Hümbs für Hirncomics sowie an Frederico Frizzantini und Jan Suski Für Max & Luzie in der Antike (erschienen bei Kult-Comics).
Auch alle nicht ausgezeichneten Nominierungen werden vorgestellt. Zusammen ergibt sich daher ein guter Überblick über den aktuellen Zustand. Zudem dürfen die Interviews mit den Preisträger*innen des letzten Jahres nicht fehlen: Ralf Marczinczik (für Digger), Wiebke Bolduan (für Viktoria Aal), Heike Ditrich und Burkhard Laudenbach (für Salon Journal), Luise Mirdita (für Schattenspiel) und Steff Murschetz (für Der unsichtbare Freund) stehen Rede und Antwort.
Ein Blick auf die Szene
In diesem Jahr gibt es kein „großes“ Thema, man leistet sich vielmehr tiefergehende Blicke auf die Geschichte des Jahrbuchs und der eigenen Organisation, und wirft gleich mehrere auf das Thema Cartoon und die Probleme (sagte da jemand etwas von Zeitungssterben und digitalen Angeboten?). Dazu kommen ein Interview mit Peter Puck, den Schöpfer des unvergleichlichen Rudi, und mit Kai Stellmann dessen Bücher über die Quellen von Wäscher-Serien nicht jedermann gefallen.
Auch Überblicke über andere Szenen werden wie immer geboten: Der US-Markt ist in einem disruptiven Umbruch und die niederländische Szene wird hier allzu oft unberechtigterweise ignoriert. Ebenfalls erwartbar ist der Bericht über das Trickfilmfestival in Stuttgart, der mit vielen Details Lust auf mehr macht.
Mehr deutscher Independent geht nicht!
Burkhard Ihme sei gefeiert! Ohne ihn gäbe es das ICOM COMIC! Jahrbuch nicht und wir hätten weniger Information verfügbar. Zudem kreiert das Jahrbuch auch Aufmerksamkeit für die deutsche Independent-Comic-Szene. Der Preis hätte weniger Sichtbarkeit, wäre es nur eine Veranstaltung. So aber werden nicht nur die Gewinner*innen präsentiert, sondern alle Nominierten in dem Jahr des Preises. Zusätzlich bekommen die Sieger*innen ein zweites Mal ein Spotlight aufgrund der Interviews im Folgejahr. Möge es also noch mindestens weitere 25 Jahre durchstehen!
Dazu passen ein lange anhaltender Ingwer-Zitronen-Aufguss und The Interrupters (nicht mehr Independent, aber noch mit dem alten Elan)!
Meine Jahresbestenliste und ein paar Worte zum Geleit
Das Jahr 2024 ist zu Ende, viele der „Errungenschaften“ leider nicht. In der Ukraine ist schon wieder ein Kriegswinter, Wahlen haben in mehreren Ländern rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien gestärkt, deren Ziel es ist, die Demokratie zu beseitigen und trotz allen Hypes um KI gibt es natürlich immer noch kein Mittel gegen Krebs. Immerhin wurde die Welt von dem syrischen Diktator befreit, ob das neue Regime besser ist, wird sich erst noch zeigen müssen.
In der Welt der bunten Bilder wurden einige 90. und 100. Geburtstage gefeiert, viele der „großen“ Alten haben uns verlassen. Es gab aber auch einige Neuentdeckungen.
Immer für euch unterwegs
Die Zugriffszahlen für comix-online konnten gehalten werden: Erneut mehr als 100.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel, also ohne die Startseite! Vielen Dank für dieses Vertrauen! Auch wenn die Seite längst „erwachsen“ geworden ist, besteht doch immer die Möglichkeit etwas zu verbessern. Ich freue mich daher auf Euer Feedback. Persönlich habe ich wieder als Übersetzer für die redaktionellen Seiten im zweiten Band der Zentauren sowie der Sammy & Jack-Integral-Reihe gewirkt, für Nicky Saxx auch den Comicteil übersetzt und diverse Artikel im ZACK sowie erstmals in der Sprechblase veröffentlicht.
Die besten Comics
Der beste Comic kommt für mich in diesem Jahr aus Deutschland: Gevatter von Schwarwel beschreibt schonungslos den Kampf mit der Depression und der Umwelt. Ursprünglich in einzelnen Haften erschienen sind die fünf Phasen jetzt als Comic erschienen. Unbedingt empfehlenswert!
Platz 2 ist nicht unbedingt eine Überraschung für langjährige Leser*innen dieser Seite: Die deutsche Ausgabe der Chroniken von Amoras bringt die Fortsetzung der sechsteiligen Amoras 2047-Sage, die hierzulande im ZACK erscheint, endlich auch auf Deutsch unter die Leute. Legendre und Cambré haben dem etwas angestaubten Suske und Wiske-Stoff neues Leben eingehaucht und eine spannende Endzeit-sage geschrieben. Die Chroniken greifen dabei einzelne Episoden aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auf.
Cover der VZA
Und auch Platz 3 geht an in der ZACK-Edition erschienes Werk: Dr. Radar von Simsolo und Bézian ist eine Noir-Krimi-Erzählung in einem sehr eigenwilligen Strich. Für Fans des klassischen Krimis ein Muss, für Leser*innen anspruchsvolle Comics ebenfalls!
Platz 4 ist ebenfalls ein älteres Werk, das neu aufgelegt wurde: Das Abenteuer ohne Helden im Verbund mit 20 Jahre danach erzählt die Geschichte, die mit einem Flugzeugabsturz beginnt, mit menschlicher Schwäche und Stärke weitergeht und schließlich Korruption thematisiert. Van Hamme und Dany zelebrieren Geschichte und Zeichnungen.
Platz 5 schließlich geht an eine Weiterentwicklung eines Klassikers: Die Veröffentlichung von Gaston 22 ist das Ergebnis eines jahrelangen Rechtstreites. Delaf führt den Chaoten genau dort weiter, wo Franquin aufgehört hatte. Vielleicht etwas altmodisch, aber liebenswert, chaotisch und genauso anarchistisch wie zuvor!
Die besten Graphic Novels
Wie immer ist die Abgrenzung zwischen Comic und Graphic Novel schwierig. Trotzdem: Meine persönliche Auswahl:
Platz 1 geht auch hier an ein Werk von einem deutschen Künstler, der allerdings mittlerweile in den Niederlanden lebt: Columbusstraße erzählt die Geschichte von Tobi Dahmens Vorfahren während der Jahre 1935 – 45. Sehr persönlich, angreifbar aber auch nichts beschönigend macht sich Dahmen dieses Mal nicht an seine eigene Geschichte wie im Fahrradmod, sondern begibt sich auf die Suche nach Schuld, Verschulden und Zeitgeist.
Und auch Platz 2 wird von einem deutschen Künstler eingenommen: Digger von Ralf Marczinczik ist eine Geschichte über einen Straftäter, die Einsamkeit und – vor allem – die Hoffnung! Dieser Band hat 2024 bereits einige Preise abgeräumt, sein Auftauchen ist daher wenig überraschend.
Auf den dritten Platz hat sich ein Werk geschoben, dass erst vor Kurzem erschienen ist: Ava von Emilio Ruiz und Ana Miralles erzählt eine kurze Episode aus dem Leben von Ava Gardner. Die Hollywood-Diva hatte wahrlich kein leichtes Leben und auch ihr Umfeld musste unter ihrer Berühmtheit leiden. Obwohl ihre Zeit in Brasilien nur sehr kurz war, gelingt es den Künstler*innen doch, viele Probleme in diesen Zeitpunkt zu packen und das Ganze mit brillanten Bildern darzustellen.
Die besten Gesamtausgaben
Gesamtausgaben haben immer ein wenig den Beigeschmack der Geschäftemacherei. Sie können aber auch eine endlich angemessene Veröffentlichungsform darstellen, mit Informationen angereichert sein und Werk und Künstler*innen würdigen. Drei Beispiele, die mich in 2024 überzeugt haben:
Zunächst einmal die wunderschöne Ausgabe der kompletten Modesty Blaise Strips aus dem Bocola-Verlag! Nicht nur sind Papier und Format den Zeitungsstrips absolut angemessen, die Herausgeber haben sich ebenfalls bemüht, auch die Strips, die nur in einer kleinen schottischen Zeitung erschienen sind, einzufügen. Dazu kommen perfekte Einleitungen von O’Donnel selbst. Wer auf 60-er Jahre-Flair und Agent*innen steht, ist hier genau richtig!
Platz 2 geht an die Neuedition der Boule und Bill-Streifen von Jean Roba. Die Einseiter mit den Familiengeschichten sind natürlich schon oft veröffentlicht worden. Trotzdem: Eine Gesamtausgabe bietet die Möglichkeit, Entwicklungen zu betrachten, zu genießen und immer wieder mal ein paar Seiten zu genießen.
Platz 3 geht an Mikaël und die Gesamtausgabe des ersten Teils der New-York-Trilogie: Giant! Im Mittelpunkt dieser Serie steht die Stadt selbst. Natürlich gibt es handelnde Personen, in diesem Fall irische Arbeiter, in der Gesamtschau wird aber klar, dass ihre Geschichten nur pars pro toto stehen. Geniale Bilder und eine ergreifende Story. Die ersten beiden Teile, Giant und Bootblack, sind als Vorabdruck im ZACK erschienen, Teil 3, Harlem, ist bei Splitter erschienen.
Die besten Sekundärwerke
Das allerbeste Sekundärwerk des Jahres ist ein XXL-Wälzer – Donald Duck – The ultimate History bzw. die ultimative Chronik ist ein Kompendium zum 90. Geburtstags des Superstars. Sie beleuchtet den Weg vom ersten Auftritt, den Nebendarsteller-Rollen bis hin zum Alleinunterhalter. Der Band erwähnt dabei alle (!!) Filme, konzentriert sich bei den Comics auf die Werke von Carl Barks, bezieht aber auch Werbung, Themenparks und alles Weitere mit ein. Das Buch ist sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch und Französisch bei Taschen erschienen und sollte in keiner Disney-Sammlung fehlen!
Platz 2 ist (zumindest hier bei uns in Deutschland) ebenfalls im Zusammenhang mit einem Jubiläum erschienen: Die Spirou-Deluxe-Reihe stellt Werke von Franquin in einen neuen Zusammenhang, veröffentlicht die schwarz-weißen Zeichnungen neben der bekannten kolorierten Fassung und vermittelt eine große Menge an Informationen über Künstler und Hintergründe. Bisher erschienen sind der Liliput-Trick und die Bravo Brothers.
Platz 3 schließlich geht an das Kompendium über in Deutschland erschienene Horror-Comics: Der absolute Horror von Christian Blees listet auf, vermittelt Inhalte, erklärt Trends und versammelt eine wahnsinnige Menge an Informationen auf kleinem Raum! Für Fans des bebilderten Grusels ein Muss!
Die besten Magazine
Und auch in diesem Jahr geht der Preis für das beste Magazin wieder an das ZACK! Auf mittlerweile 100 Seiten pro Monat wird ein Überblick über aktuelle europäische Comics geboten, der seines Gleichen sucht. Dazu kommt inzwischen ein Ableger: Das ZACK-Sonderheft. Die am häufigsten angeklickte Ausgabe war die Jubiläumsnummer 300.
War im letzten Jahr Platz 3 ein Nachruf, ist es in diesem Jahr einer auf das Magazin, das es auf Platz 2 geschafft hat: Das ZEBRA hat mit der Nummer 19/20 sein Erscheinen eingestellt. Schade, war es doch immer ein Einblick in die Welten des deutschen Independent-Bereiches.
Wieder in die Top 3 haben es die Magazine des Zauberstern Verlages geschafft. Was mit dem Phantom begonnen hatte, wird durch Mikros, Flash Gordon, Van Helsing und Savage Dragon verstärkt! In 2025 kommt noch ein Phantom Spezial dazu. Eine kleine Bemerkung sei erlaubt: Der Wandelnde Geist wandelt auch woanders, etwa bei Kult und in der ZACK-Edition! Dort ist er nicht schlechter!
Und dann ist da noch …
… eine unheimliche Fleißarbeit. Nach mehreren Jahren des Wartens hat Bernd Weckwerth es tatsächlich geschafft, die Chronik der Koralle-ZACK-Ära in den Handel zu bringen! Auf 400 Seiten werden nicht nur alle Hefte, Alben und Taschenbücher vorgestellt, sondern auch die Poster, Sammelalben etc. Dazu gibt es viele anekdotenhafte Bemerkungen zu Serien und Künstler*innen und ein paar erhellende Artikel!
Eure Lieblinge in 2024
Eure Charts, basierend auf den Abrufzahlen:
Platz 1 geht wie im letzten Jahr an Hägar und die Gesammelten Chroniken von 1973, gefolgt vom Jahresrückblick auf 2023 und Spirou und Fantasio Spezial 42. Bei dem letzteren Titel haben die Zugriffe erst nach dem Auslisten des Titels sehr stark zugenommen. Auf Platz 4 folgt mit der Jubiläumsnummer 300 der erste ZACK-Titel, auf Platz 5 erneut Messalina von Mitton.
Die weiteren Plätze: Donald Duck – The Ultimate History, Di Caro – Die Geheimnisse des Maison Fleury 1, Giant von Mikaël, Der 1. Band der Chroniken von Amoras und Gaston 22 von Delaf.
Für 2025 wünsche ich Euch alles Gute! Kommt gut rein! Mögen uns im kommenden Jahr Katastrophen erspart bleiben, möge die Demokratie sich als standhaft erweisen und mögen sich möglichst viele Rassismus, Sexismus, Homophobie und ähnlichen Auswüchsen entgegenstellen.
Woche für Woche, Tag für Tag passieren Tausend Dinge, die in einem Cartoon festgehalten werden. Einige davon sind nach kurzer Zeit schon nicht mehr aktuell, einige waren nie witzig oder haben Grenzen überschritten. Vieles davon ist subjektiv! Diese Reihe geht einen anderen Weg. Die Künstler*innen wurden gebeten, ihre nach eigener Auswahl besten Cartoons einzureichen. Bedingung: sie mussten aus der Zeit ab November 2023 stammen.
Ja, ist das denn witzig? Und nun?
Die Aufgabe des Cartoons ist es, den Finger in die Wunde zu legen. Davon gibt es wahrlich genug: Die Umwelt und das Klima spielen je nach Lesart verrückt oder reagieren wie vorhergesagt. Die Ampel ist mittlerweile beendet, hat aber über das Jahr hinweg genügend Possen gerissen. Kriege, Terrorismus, KI, Cannabis, …
Die Aufgabe von Cartoonist*innen ist nicht, Antworten zu geben! Ja, noch nicht einmal witzig zu sein! Es langt, wenn sie einen Denkanstoß geben. Und nebenbei gesagt, die Frage des Humors ist viel zu persönlich, um sie zu einem objektiven Kriterium machen zu können.
Wir finden in diesem Band daher eine extrem breite Auswahl, immerhin haben 83 Menschen ihre besten Werke eingereicht, die gefallen UND abstoßen wird. Fast alle werden ihre Lieblinge wiederfinden, denn auch die aus den Massenmedien bekannten Namen sind vertreten. Viele werden hoffentlich neue Lieblinge entdecken oder wiederfinden. Und ganz bestimmt wird es Bilder geben, die nicht gefallen. Das gehört dazu und schult in Toleranz!
Mehr als 300 Bilder
Mehr als 300 der besten Cartoons des Jahres für weniger als 15 € bedeuten ein extrem gutes Preis-Leistungs-Verhältnis! Der Band ist daher also nicht nur zum Selber-Lesen geeignet, man kann ihn ebenfalls (zur Not als Zweitausstattung) überall dorthin legen, wo Menschen etwas Zeit verbringen und sich gerne mal ein wenig ablenken lassen wollen. Insofern ist der Band auch das ideale Mitbringsel.
Die Cartoons machen Mut! Solange es noch Menschen gibt, die sich über etwas aufregen, solange ist noch nicht alles verloren. Insofern wünsche ich allen Leser*innen, dass sie etwas so sehr ärgert, dass sie anfangen, etwas zu tun. Das mag im Persönlichen sein, denn viele kleine (auch sprachliche) Nicklichkeiten haben große Bedeutung für die Opfer. Es mag aber auch im Größeren sein, wenn wir unsere Gewohnheiten und Wünsche unter dem Aspekt der Umweltverträglichkeit abklopfen.
Die Gewinner*innen aus den über 4100 eingereichten Bildern werden Mitte Januar bekanntgegeben!
Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch das Jahrbuch der Interessenverbandes Comic e.V. (ICOM) mit umfassenden Berichten über unabhängiges Comic-, Cartoon- und Trickfilmtreiben in Deutschland. Der Verein ist ein Berufsverband für alle in diesen Bereichen tätigen Menschen, zugleich aber auch ein Sprach- und Marketingorgan im Independent-Sektor.
Die Preisträger*innen
Jährlich wiederkehrendes Thema sind die Vorstellungen der diesjährigen Preisträger*innen sowie aller nominierten Kandidat*innen für den ICOM Independent Comic-Preis in vier, in diesem Jahr sogar fünf Kategorien. Alle Werke werden mit Illustrationen und Coverabbildungen vorgestellt.
Als bester Independent-Comic (Selbstveröffentlichung wurde Digger von Ralf Marczinczik gekürt. Der Webcomic ist mittlerweile auch bei Kult als Buch erschienen. Bester Independent-Comic als Verlagsveröffentlichung wurde Viktoria Aal von Wiebke Bolduan. Der Sonderpreis für eine besondere Leistung ging an Salon Journal, Band 1, einer Anthologie zum Gönnheimer Weinfest. Als bester Kinder- oder Jugendcomic wurde Schattenspiel von Luise Mirdita ausgezeichnet und der XPPEN-Preis für herausragende digitale Comics ging an Der Unsichtbare Freund von Steff Murschetz und Somnium von Berrin Jost.
Disney-Comics im Fokus und andere (streitbare) Themen
Ein Post von Don Rosa auf Facebook war der Auslöser für eine große Diskussion und schließlich auch für den ersten Teil eines überlangen Artikels von Stefan Pannor. Ungefähr 3000 Beiträge aus dem großen Fundus der Disney-Comics dürfen scheinbar nicht mehr nachgedruckt und publiziert werden. Dieses Verbot gilt weltweit, wurde aber von offizieller Stelle bisher nicht kommentiert. Die Maßnahme scheint als (proaktive)Maßnahme gegen Rassismus-Vorwürfe gedacht zu sein, betrifft sie doch scheinbar Werke, in denen Beteiligte unter Verwendung von rassistischen Stereotypen oder aber Indigene als „edle Wilde“ dargestellt worden sind. Und auch kulturelle Aneignung ist ein Thema. Pannor leitet auf über 50 Seiten her, was bisher bekannt ist oder vermutet werden kann und ordnet das Ganze historisch ein. Ein lesenswerter Beitrag der die Debatte mit vielen Details anreichert.
Ebenfalls Fragen aufwerfend sind das Interview mit Eckart Sackmann über 20 Jahre „Deutsche Comicforschung“ und ein Beitrag von vielen über die Verwendung von KI bei Comic-Übersetzungen. Was kann, was soll, was darf nicht? Auch hier ist mit Sicherheit in den kommenden Jahren noch einiges an Beiträgen und Emotionen zu erwarten.
Dazu kommen Artikel, die Wissen vermitteln, etwa über Science-Fiction Comics aus Deutschland oder die niederländische Comic-Szene. Atelier-Berichte geben Einblicke etwa in den COMIC.CIRCLE, nehmen aber auch das Zensur-Thema wieder auf. Und auch die Frage, ob Comic-Held*innen mit ihren Schöpfer*innen sterben sollten oder ein unabhängiges (Weiter-)Leben genießen dürfen ist eine Frage, die viele Emotionen auslöst, etwa beim neuesten Gaston-Band. Das Jahrbuch beweist wieder einmal, wie aktuell die Beiträge die Diskussionen wiedergeben.
Und dann ist da noch der Trickfilm
Das Jahrbuch wäre nicht komplett ohne die Bereiche Cartoon und Trickfilm. Während erster in zwei eingestreuten Artikeln beleuchtet wird, bildet letzterer einen eigenen Schwerpunkt mit vier sehr unterschiedlichen Aspekten. Natürlich wird wieder über das internationale Trickfilm-Festival aus Stuttgart erzählt, es gibt aber auch Einblicke in aktuelle Arbeiten und Pläne sowie auch hier die Frage, ob und was KI in diesem Zusammenhang ändern kann/wird.
Mehr deutscher Independent geht nicht!
Burkhard Ihme hat sich erneut extrem viel Mühe gegeben und wieder ein extrem umfängliches Jahrbuch erstellt. Breitgefächert und doch in die Tiefe gehend bietet dieser Überblick einen perfekten Startpunkt, um weiter zu gehen. Vielen Dank dafür!
Dazu passen ein anregender Kaffee und Ska aus Asien: The Autocratics!
Comics über Gefangene sind gar nicht so häufig. Natürlich gibt es die Umsetzungen des Klassikers über den Grafen von Monte Christo, die aber nicht originär als Comics gedacht waren. Dazu fallen wahrscheinlich den Meisten die Daltons ein, die immer wieder (erfolglos) ausbrechen und ansonsten Steine klopfen. Und außerdem vielleicht noch Bobo von Paul Deliège, der seine ersten deutschen Auftritte in den Kauka-Publikationen, insbesondere Fix & Foxi, hatte. Im Independent-Bereich gibt es schon mehr, teilweise autobiographisch, aber eben auch unbekannter. Den diesjährigen ICOM-Preis für die beste Selbstveröffentlichung hat Digger gewonnen! Ein Werk, das größtenteils in einem sehr abgelegenen Gefängnis spielt.
Reduktion auf sich selbst
Die Anregung, sich mit diesem Thema zu befassen, war während des Lockdowns entstanden. Wie würde es sein, wenn man noch mehr eingeschränkt wäre? Das Gefängnis ist ein Ort, der seine Insassen auf sich selbst reduziert (zu mindestens dann, wenn es sich nicht um Fernseh-Massen-Knäste handelt in denen sich Dutzende eine Räumlichkeit teilen). Das wird im Comic auch mehrfach angesprochen, insbesondere die verschärfte Form der Isolation.
Trotzdem gibt es immer wieder Hoffnung auf etwas Größeres. Das kann ein Ausblick sein, ein wachsendes Samenkorn, ein Tier … Es kann aber auch ein rein gedankliches Element sein, etwa wenn Zahlen plötzlich eine Rolle spielen. Zudem besitzt Digger auch noch ein Geheimnis. Alle diese Dinge lassen sich aber auf ein Motiv zurückführen: die Hoffnung!
Digger ist nicht wie die anderen Gefangenen: Er ist groß und massig, damit auch kräftig. Er glaubt nicht an seine Unschuld und vor allem ist er nicht aufmüpfig oder sonst auffällig. Über die Jahre freundet er sich mit einem Mithäftling an, teilt Sorgen und Hoffnungen, und entkommt dadurch ein Stück weit dem dumpfen Loch, in das fast alle irgendwann fallen.
Die Hoffnung ist Blau
Ramar hat den Comic nicht nur geschrieben, sondern auch gezeichnet.Die ganze Geschichte beginnt grau. Diese Farbe steht wie etwa im grauen November für Trauer, Trübsal und das Ende des blühenden Sommers. Ganz langsam schleicht sich aber Farbe in die Zeichnungen. Zunächst ist es nur eine Reflektion des blauen Himmels, dann eine blaue Mütze, es werden aber noch mehr farbige Elemente erscheinen. Die Farbigkeit ist natürlich die Hoffnung!
Die Geschichte ist zunächst als Webcomic entstanden und passt daher perfekt zu dem kleineren Buchformat. Meistens bilden drei Panel untereinander den Content, eine Seite kann aber auch mehr oder weniger komplex sein. Diese kleinen Häppchen passen optimal zum seeeeehr langsamen Zeitablauf; rasante Action verheißt in diesem Setting nichts Gutes!
Top-Tipp!
Allzu oft werden Bücher, die Mut machen, entweder als Geschenkbüchlein belächelt, oder aber in die Esoterik-Ecke verbannt. Digger macht Mut, ohne platt zu sein und ist auch nicht gefällig. Der „Held“ ist ein Krimineller, aber er ist kein „böser Mann“. Und natürlich liegt es auf der Hand, dass Isolation nicht nur hinter Gefängnismauern stattfindet. Es gibt genügend Möglichkeiten, diese entweder selbst zu wählen, oder aber von außen in seine solche gezwungen zu werden.
Der Aufruf ist, nicht aufzugeben! Auch Rückschläge können (und werden) passieren, dürfen aber nicht als Entschuldigung für das Aufgeben genommen werden. Der sympathische Held Digger ist dafür ein gutes Vorbild! Wer möchte kann sich im Übrigen auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck gönnen!
Dazu passen Sham 69 mit „Borstal Breakout“, und jedes Getränk Eurer Wahl, das ihr so richtig vermissen würdet.
Meine Jahresbestenliste und ein paar Worte zum Geleit
Dann wollen wir mal … Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Vieles ist gleichgeblieben, München ist zum Beispiel zum elften Mal hintereinander Deutscher Meister geworden. Vieles hat sich aber auch geändert: das politische Klima ist rauer geworden, Emanzipation und Bekämpfung der Klimakrise sind nur noch Worthülsen, während zum Beispiel ein Tempolimit in weite Ferne gerückt ist.
Im Comic-Bereich durften wir dagegen einiges erleben: angefangen mit Magazin-Neustarts etwa bei Zauberstern oder mit dem neuen Independent-Blättchen Graphica über das 50jährige Jubiläum des ZACK bis hin zur erstmaligen Veröffentlichung frankobelgischer Klassiker in Deutschland!
Immer für euch unterwegs
Auch für comix-online gab es einen neuen Rekord: Erstmals waren es mehr als 100.000 direkte Zugriffe auf einzelne Artikel, also ohne die Startseite! Vielen Dank für dieses Vertrauen! Die Charts mit den am häufigsten aufgerufenen Seiten der letzten 30 Tage bzw. der „All-Time-Favourites“ zeigen durchaus Bewegung und lassen eure Präferenzen deutlich werden. Trotzdem freue ich mich über Kommentare oder Feedback, gerade auch bezüglich Informationen, die euch fehlen.
Die besten Comics
Grundsätzlich sind sich die meisten Seiten in diesem Jahr einig: Der neue Asterix, Die weiße Iris, ist seit Jahrzehnten der beste „neue Asterix“. Dem kann ich mich durchaus anschließen. Der neue Szenarist Fabcaro hat es geschafft, ein altbekanntes Thema (Die Römer versuchen das gallische Dorf von innen heraus zu zerstören) völlig neu zu inszenieren und dabei eines der modernen Streitthemen, Wokeness, satirisch zu erfassen. Die Zeichnungen von Conrad stehen für sich!
Offizielles Cover Asterix #40 Die Weiße Iris – (c) Egmont Ehapa Media GmbH Fotograf: LES ÉDITIONS ALBERT RENE
Platz 2 geht für mich an den ersten Band der neuen Reihe Wikinger im Nebel. Lupano und Ohazar haben mit ihrem sehr witzigen und teils schwarzen Humor das Sujet umgekrempelt und neben den Schlachtengemälden und Hägars Familienstrip eine eigenständige Welt aufgemacht, die filosofische Fragen stellt (Plündern ja, Kirchen abfackeln nein?) und Rollenbilder neu definiert!
Platz 3 geht an einen Altmeister: Francois Bourgeon hat mit Die Zeit der Blutkirschen 2 vermutlich sein letztes Werk vorgelegt. Es schließt den letzten Zyklus der Saga Reisende im Wind ab und endet während der Revolution. Diese Serie gilt nicht zu Unrecht als Startpunkt für die historizierenden Comics.
Knapp danach ein weiterer Titel aus dem Splitter-Verlag: Carbon und Silizium von Mathieu Bablet ist die Geschichte zweier KI, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch beide verloren sind. Gerade im Zuge der Diskussionen um ChatGPT, Bard und Co ein wichtiger Ansatz, der auch grafisch überzeugt.
Auf Platz 5 folgt ein weiterer melancholischer Beitrag über künstliche Wesen: Rostige Herzen von dem Duo, dem fast alles gelingt, BeKa und Munuera, ist der Einstieg in eine neue Reihe, die böse Menschen und gute Roboter als Symbole für vieles, was bei uns nicht mehr stimmt, benutzt.
Die besten Graphic Novels
Was kein Comic ist und auch kein Strip, das muss wohl eine Graphic Novel sein … In diesem Sinne die Top 3!
Platz 1 geht mit einem Tusch an Ein unerwarteter Todesfall von Dominique Monféry. Toxische Männlichkeit im Hohen Norden zeigt brutale männliche Gewalt, die nicht immer nur unter Druck entsteht und eine trotz allem erfolgreiche Überlebensstrategie einer jungen Frau.
Ein deutscher Titel konnte sich an zweiter Stelle platzieren: Der Zeitraum von Lisa Frühbeis schildert die Ängste und Nöte einer zwangsläufig alleinerziehenden Frau. Zwar ist das Thema keinesfalls neu, die grafische Umsetzung ist jedoch vollkommen anders als gewohnt und vereinbart persönliche Betroffenheit und „Nicht-Kunst“ mit genialen Farbakzenten.
Knapp dahinter eine Biografie auf Platz 3: In Fritz Lang schildern Arnaud Delande und Èric Liberge die Lebensgeschichte des deutschen Regisseurs, seiner Auseinandersetzung mit dem aufkeimenden Faschismus und seine teils skandalösen Beziehungen.
Die besten Gesamtausgaben
Einer meiner Lieblinge unter den frankobelgischen Zeichner*innen war schon immer Pierre Seron. Umso mehr freut es mich, dass nun endlich auch seine poetischste Serie, Die Zentauren, erstmals komplett auf Deutsch erscheint! Es darf allerdings nicht verheimlicht werden, dass der Verfasser als Übersetzer des redaktionellen Teils beteiligt war.
Auch in diesem Jahr sind drei neue Bände der Marvel Comics Library bei Taschen erschienen. Die XXL-Bände haben rund 700 Seiten, sind mehrere Kilo schwer, und präsentieren im Coffee-Table-Format die bahnbrechenden ersten Ausgaben der Marvel-Klassiker, die etwas ganz Neues erschaffen hatten. Sorgfältige Reproduktionen erlauben einen 100%igen Genuss, der von sachkundigen Einführungen abgerundet wird! Ein stolzer, aber berechtigter Kaufpreis ist der einzige, kleine Wermutstropfen!
Der dritte Platz steht ein wenig stellvertretend für ein ganzes Albenprogramm: Georg F. W. Tempel, der Herausgeber von ZACK und ZACK-Edition, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Perlen neu oder erstmals komplett auf Deutsch herauszugeben. Dazu zählen etwa Reihen wie Jari oder Alain Cardain. Preiswürdig ist aber die Reihe Bob Morane Classic, in der erstmals alle 19 Abenteuer von Dino Attanasio und Gerald Forton erscheinen werden!
Die besten Sekundärwerke
Es gibt kaum jemanden, der so gut lesbar so viele Informationen und Debattenbeiträge zwischen zwei Buchdeckel packen kann wie Dr. Alexander Braun. Dementsprechend führt er auch dieses Jahr wieder die Liste der besten Werke über Comics an: Staying West! ergänzt, was in seinem ersten Werk über Comics und den Wilden Westen außen vor bleiben musste, nimmt Stellung in der Debatte über Politische Korrektheit und grenzt Notwendiges von Übertriebenem ab und erzählt ganz nebenbei noch vieles über Italienische Westerncomics, Karl-May-Adaptionen und den Streit im Studio Vandersteen. Ein Muss!
Platz 2 gehört der Reddition, die Jahr für Jahr erscheint! Im Frühjahr hieß der Schwerpunkt Schweiz, das Winterheft war der neuen Generation der Spirou-Künstler gewidmet (Besprechung folgt!). Anregende Artikel, ausführliche Listen und meistens gute Einordnungen machen das Magazin ebenfalls zu einem Must-Have!
Platz drei geht an Burkhard Ihme und das ICOM Comic!-Jahrbuch. Ebenfalls Jahr um Jahr schafft es der Verein, nicht nur seine Preisträger*innen ausführlich darzustellen und zu Wort kommen zu lassen, sondern präsentiert Informationen, stößt Debatten an und macht Spaß!
Die besten Magazine
Vor mittlerweile über 50 Jahren ist die erste Ausgabe des ZACK erschienen. Die Namensgebende Zeit (Generation ZACK) endete dann aber doch und jahrelang war es düster; frankobelgische Magazine kamen und gingen. Seit 295 Ausgaben läuft aber das „neue ZACK“, das es mittlerweile auf mehr Ausgaben geschafft hat als das alte Koralle-ZACK. Jeden Monat ein bunter Querschnitt durch das frankobelgische Spektrum (und Angrenzendes) und erneuerte Klassiker wie Rick Master oder Michel Vaillant sind den ersten Platz in dieser Sparte wert!
Gleich dahinter kommen die Magazine des Zauberstern Verlages. Was mit dem Phantom begonnen hatte, hat mittlerweile durch Mikros, Flash Gordon, Van Helsing und Savage Dragon Verstärkung bekommen! Hut ab und weiterhin viel Erfolg!
Platz 3 ist dagegen ein Nachruf! Leider musste die Comixene mit der Nummer 146 ihr Erscheinen einstellen. Lesenswerte Informationen, streitbare Meinungen und tolle Illustrationen werden allerdings nicht ganz verschwinden, sondern sollen Alfonz ein wenig aufpeppen!
Und dann ist da noch …
… ein geglückter Relaunch! Das Universum um Spirou drohte unterzugehen. Jetzt allerdings ist die erste Folge eines Mehrteilers aus der Hauptserie erschienen (Der Tod von Spirou), die Spezial-Bände enthalten Variationen von unterschiedlichen Teams, dem Meister Franquin wird vielfältig gehuldigt, unter anderem mit einer Neuausgabe der Gesamtausgabe, und die Freunde von Spirou (Rezension folgt) bringen erneut die politische Dimension während des Zweiten Weltkrieges zurück! So kann man es machen!
Eure Lieblinge in 2023
Eure Charts, basierend auf den Abrufzahlen:
Platz 1 geht an Hägar und die Gesammelten Chroniken von 1973, gefolgt von dem ZACK-Spezial 7 und dem zweiten Bob Morane-Sonderband von Forton. Sehr knapp dahinter Mitton und Messalina 1/2.
Die weiteren Plätze: ZACK-Spezial 6 – Jari 1, Asterix – Die weiße Iris, Sammy & Jack Integral 3, Michel Vaillant Collector’s Edition 1, Michel Vaillant Legendes 1 (die NL-Ausggabe! Wenn man die deutsche Ausgabe dazu addiert, wäre das mit weitem Abstand die Höchstmarke!), Asterix – Im Reich der Mitte und Lakota von Serpieri.
Das erste ZACK (284) folgt auf Platz 12, der erste Sekundärtitel (Staying West!) auf Platz 32.
Herausgeber: Burkhard Ihme Interessenverband Comic E.V. Heft Din A 4 | 108 Seiten | Farbe | 7,50 € ISBN: 978-3-88834-953-9
Der ICOM ist die Interessenvertretung der deutschen Comicschaffenden und als solcher Berufsverband mit einer Vielzahl an Hilfe und Unterstützung für seine Mitglieder. Er ist aber auch die Homebase für die deutsche Independentkultur und vergibt als solcher jährlich Preise. Zu dem Informationskonzept gehört auch ein ebenfalls jährliches Buch, das COMIC!-Jahrbuch.
Künstliche Intelligenz und ihre Risken und Chancen
Neben Rückblicken und Preisen samt ausführlicher Berichterstattung steht fast immer ein inhaltliches Thema im Mittelpunkt. In diesem Jahr ist es die in keinem Segment mehr zu übersehende Künstliche Intelligenz. Einerseits stellen die verschiedenen Tools zur Generierung von Texten, aber auch Grafiken eine Bedrohung des Urheber*innenrechts dar. Niemand weiß so genau, welche Werke zu Trainingszwecken gefüttert worden sind. Dementsprechend groß ist die Gefahr, dass die KI (oder international AI – Artificial Intelligence) sich bei existierenden Werken bedient. Dementsprechend gibt es mehr offene Fragen als Antworten. Ein Beitrag von Dr. Martin Bahr klärt aus rechtlicher Sicht auf. Das Fazit mag unbefriedigend sein, aber ehrlich: Aktuell sind keine klaren Aussagen möglich.
Neben diesen allgemeinen Fragestellungen gibt es aber auch einen Beitrag von Steff Murschetz, der die Vorteile einer „richtigen“ Nutzung beschreibt. Es bleibt notwendig, zu wissen, was man erschaffen will. Wenn man seine Prompts (= die entsprechenden Befehle an die KI) richtig anwendet, kann man aber zumindest gute Vorschläge generieren und schnell ausprobieren. Die Entwicklung dieser Technik wird den Beruf des Comiczeichners verändern, ihn aber nicht durch Technik ersetzen können.
Werbecomics
Siegmund Riedel beschäftigt sich mit der Historie und aktuellen Entwicklung von Werbecomics. Waren diese zunächst eher als Werbemittel auf Kinder ausgerichtet, etwa junior oder KNAX, stehen mittlerweile eher Erwachsene als Zielgruppe im Fokus. Immer mehr Firmen haben Chefs, die mit dem Medium aufgewachsen sind, und die Geschichte ihrer Firma etwa als Graphic Novel aufbereitet haben möchten. Und es gibt auch viele Sachcomics, die das Medium für niedrigschwellige Information nutzen.
Das Back Cover
Die Frau mit dem Silberstern
Und natürlich findet auch die Auseinanderetzung um das Einstampfen der Buchausgabe der Frau mit dem Silberstern Erwähnung. Martin Frei hatte in insgesamt 8 Folgen im ZACK die Geschichte der Lehrerin und des Städtchens Silver Creek weitergesponnen. Nachdem Blueberry als Sheriff eingesetzt worden war und für Ruhe gesorgt hatte, musste das Leben in dem kleinen Ort weitergehen. Und natürlich sorgt eine einmalige Aktion für keinen Frieden. Was als Magazinbeitrag erlaubt war, wurde nach Druck leider von den Erben von Charlier verboten. Martin Frei nimmt dazu in einem Interview ausführlich Stellung. Auch der Verfasser dieser Zeilen ist betroffen, hatte er doch einen Beitrag zum Werk Freis beigesteuert.
Die Preisträger*innen
Die Gewinner*innen dieses Jahres, also 2023, werden ausführlich vorgestellt und interviewt. Zu jedem nominierten Werk gibt es einen Beitrag und Bildmaterial. Für alle Freund*innen des Independent-Comics ein Muss!
Zusätzlich gibt es Interviews mit den Preisträger*innen des letzten Jahres: Jürgen Geier Speh (The Most Dangerous Game), Josephine Mark (Murr) und Oliver Ottitsch (Die Liebe ist stärker als der Tod).
Trickfilm
Zu guter Letzt gibt es den traditionellen Rückblick auf das (mittlerweile 30.) Internationale Trickfilmfestival Stuttgart. Neben launigen Bemerkungen über das Festivaltreiben und einige der dort gezeigten Werke folgt eine Auflistung der preisgekrönten Werke nebst Inhaltsangabe und allen relevanten Metadaten.
Eine klare Empfehlung!
In den letzten Jahren war der Jahresband meistens ein echtes Brett. Dieses Jahr ist er mit rund 100 Seiten etwas schmaler ausgefallen, nichtsdestotrotz aber jede Minute Lesezeit wert! Burkhard Ihme als Hauptverantwortlicher hat mit seinem Team wieder eine tolle Sammlung und einen nirgendwo sonst erhältlichen Überblick vorgelegt. Und der Preis tut auch in Zeiten der Inflation niemandem weh! Der einzige Malus ist die Anzeige eines Verlages dessen Verleger sich nicht zu schade ist, ein rechtsradikales Erzeugnis als Schullektüre zu empfehlen. Hier wäre es besser gewesen, klare Haltung zu zeigen.
Dazu passen ein selbstgesprudeltes Wasser und das New York Ska Jazz Orchestra!
Im Bereich der Carlsen Graphic Novels erscheinen immer mehr Werke, die sich mit der Unterdrückung und patriarchalen Strukturen beschäftigen. Das kann durchaus im Superheldinnenmilieu spielen wie bei MOM, kann aber auch wie zum Beispiel Chartwell Manor die Aufarbeitung eines sexuellen Missbrauchs thematisieren. Die Bestenlisten der Journalist*innen aber auch die Verkaufszahlen beweisen, dass solche Themen nicht mehr verdrängt werden können!
Mutter oder erfolgreich?
Die Heldin des Zeitraums ist alleinerziehende Mutter von zwei anspruchsvollen, also gewöhnlichen Kindern. Der leibliche Vater hat sich schon lange aus dem Staub gemacht und versucht, seine Verantwortung mit Geldzahlungen abzugeben. Trotzdem ist das Geld in der Familie ein knappes Gut. Die Wohnung ist nicht mehr bezahlbar, die Einrichtung überdauert in einer Lagerhalle und Mutter und Kinder ziehen in ein Tiny House eines Verwandten auf einer einsamen Insel.
Das bedeutet, dass die Mutter gar keinen Rückzugsraum mehr hat. Trotzdem versucht sie, ein für ihre Karriere extrem wichtiges Musikstück zu komponieren und innerhalb von sieben Tagen fertigzustellen.
Natürlich gibt es alle möglichen Situationen, Gefühle und Konflikte, die der kleinen Gruppe im Wege stehen. Könnte eine Parallelwelt einen Ausweg darstellen? Eine Welt, die den Bedürfnissen des ICH entspricht? Welcher Preis wäre dafür zu zahlen?
Ausdrucksstarke Zeichnungen!
Lisa Frühbeis hat nicht nur die Story geschrieben, sie hat sie auch zeichnerisch umgesetzt. Sie verwendet für den Alltag schwarz-weiße Bilder, oft reduziert auf das Wesentliche. Sobald die Heldin jedoch anfängt, Musik zu machen, explodieren Farben und Formen über die ganze Seite und sprengen alle Begrenzungen.
Auch die Erlebnisse im Zeitraum sind farbig wiedergegeben. Sie haben allerdings teilweise eine sehr dunkle, bedrohliche Komponente, die impliziert, dass nichts umsonst ist. Obwohl nicht belehrend, wirkt das Zusammenspiel aus Geschichte und Grafik doch sehr eindringlich!
Konsequenzen des Handelns!
Wo endet die Freiheit? Welche Konsequenzen hat unser Handeln? Und welche davon wollen wir akzeptieren? Natürlich ist die Graphic Novel aber auch eine sehr treffende, anklagende Schrift über die Ausbeutung von alleinerziehenden Frauen. Während ER sich ein neues Leben aufbaut, verzichtet SIE auf ihre Weiterentwicklung und kümmert sich um die Kinder.
Feminismus muss in gewisser Weise weh tun, ist doch das Ziel eine Veränderung der herrschenden Verhältnisse. Feminismus muss aber auch Mitstreiter (sic!) finden. Hier ist die Mischung aus meiner Sicht gelungen! Kauftipp! Der Beitrag wurde übrigens zuerst als WebComic veröffentlicht und hat als solcher den GINCO Award 2022 gewonnen.
Dazu passen die Toxic Frogs und ein Gösser Radler mit oder ohne Alkohol.